Drittes Kapitel

Es mag sein, daß die Jahre gleichmäßig und ohne Unterschied

dahingleiten, wenn man allein lebt oder nur mit Erwachsenen, mit

Fertigen und Abgeschlossenen. Nur wer mit Kindern lebt, weiß, welch

drängende Fülle in einem Jahre beschlossen ist. Stille steht die Zeit

nur für sie, die nicht mehr wachsen.

Die Erwachsenen, die manchmal, über die Gartenmauer blickend, die

Schülerinnen in Zweierreihen spazierengehen sahen, mochten vielleicht

denken: alle sind gleich. Denn die Erwachsenen sehen meist nur die

Unterschiede, die ihre Sucht sich zu überheben geschaffen hat: Rang,

Geburt, Stellung, Geld. Aber der Blick für die Verschiedenheit innerer

Schicksale, ererbter Anlagen, Schicksalsprädestinationen ist ihnen

verlorengegangen.

Aber die Lehrerin wußte. Da war Lizzie Ebbinghaus, die Eitle, die sich

schon mit Bändern putzte, eingelerntes Lächeln wies und eine

erstaunliche Fertigkeit, alles spitzbübisch von den Erwachsenen zu

erbetteln. Erika Meyer, die Stolze, schon beleidigt, ehe sie ihren

Wunsch ausgesprochen hatte, stets bereit, jede Sehnsucht schamhaft zu

verleugnen, sie, die nicht bitten konnte. Alles sollte ihr in den Schoß

fallen, weil sie zu gehemmt war, um ihre Wünsche zu zeigen. Auch Herta

Kobinger, die Ehrgeizige, die immer nur glänzen, andere übertrumpfen

wollte, erriet die Lehrerin, Käte Bilwein, die Empfindsame, auch, die

sehr leicht in Tränen ausbrach, und doch nicht fähig war, sich in einen

anderen zu denken, ihm ein Opfer zu bringen, sondern immer nur auf ihr

eigenes, leicht verletzbares Gemüt bedacht war. Grete Erb aber nannte

sie heimlich die Machtlüsterne, weil sie nur Freundinnen hatte, um sie

zu beherrschen, eifersüchtig keine andere Bindung duldend, weil sie

Geheimverbände gründete, als deren Anführerin sie gelten wollte. Da war

manche, die sich wild und verzweifelt gegen sich selbst wehrte, und sich

doch immer tiefer in sich verstrickte, gestoßen und gepeitscht von dem

Ich eines vergangenen Seins, das in ihr nach geheimnisvollen Gesetzen

wieder auferstand. In tausend Facetten brach sich das Licht werdenden

Menschseins.

Und wie verschieden die Mädchen im Unterricht waren! Geographie und

Geschichte lehrte Fräulein Dr. Südekum. Da gab es manche, die gequält

und leiernd die großen Ereignisse der Geschichte heruntersagten und nur

aufblühten zu Verstehen und leidenschaftlicher Teilnahme, wenn von

fernen Ländern gesprochen wurde, Gebirgszügen, Flüssen und Meeren.

Andere wieder, denen Länder und Städte nur Namen waren, Farbflecken und

Ringlein auf schwer entzifferbaren Landkarten, und die sich

leidenschaftlich an die Berichte von großen Menschen und großen

Schicksalen gaben, plötzlich in stockenden Fragen tiefe Deutung und

heimlichste Verwandtschaft zu toten Schicksalen offenbarend. Es gab

Mädchen, die mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Munde dasaßen

und so schwer, so schwer verstanden, immer von der Angst gequält, ein

Wort zu verlieren, und damit den so schwer verständlichen Zusammenhang.

Andere wieder, denen alles gleichgültig war außer Noten, die im

Lernen nur lästige Arbeit sahen, mit der man Lob heimste oder

Unannehmlichkeiten. Andere wieder, denen nichts genug war, die immer

wieder fragten, tiefer forschten.

Freilich: alle diese Unterschiede waren nur wirklich bis zu der einen

Zeit, die alle wandelte. Schon äußerlich: dunkle, schwermütige Schatten

um helle Kinderaugen legte, ihren Gebärden erste schmachtende Weichheit

lieh, tiefe Blässe um junge Stirnen legte. Die Macht, die leise und

lautlos in die Klasse brach, wie böser Zauber in eine Herde, wie

sengender Wind in weiße ziehende Sommerwolken. Sie drängte die Mädchen

in einem gemeinsamen rätselhaften Schicksal aneinander, verwischte

langsam und erschreckend die Unterschiede, die vordem bestanden hatten.

Sie nahm den Kindern, die noch vor Wochen jedes eine Welt für sich

gewesen waren, die Eigenart, pflügte sie hart wie rauhe Erde zu

gleichmäßigen Ackerschollen, alle aufgetan dem _einen_.

Sooft schon hatte die Lehrerin dieses erlebt und erschrak doch immer

wieder vor dem Unabwendbaren, das die erste Musik des großen

Abschiednehmens war. Musik dennoch, denn so dunkel und quälend die

Melodie ersten Leidens in diese Tage sank, die Lehrerin war nicht blind

für die Anmut erster Verwirrung und Scham, die in diesen Tagen bebte,

für die erlösende Musik aufspringenden Lachens, für den Überschwang

froher Reigen und die Verträumtheit erster Sehnsucht.

Wieder geschah es, daß sie ihre Schülerinnen in flüsternder leiser

Unterhaltung im Parke fand, in Gesprächen, die jäh in wortlose

Umarmungen, Lachen und Tränen mündeten. Sie erschrak, wenn die

Schülerinnen während eines Vortrages einander errötend ansahen und bei

einem Worte, dessen Beziehung zu verwirrenden Dingen Fräulein Dr.

Südekum unbekannt war, ein Kichern aufflog, in dem erstes Wissen bebte.

Wenn die Mädchen einer huldigten und dienten, deren Wuchs schon über die

herbe Strenge des schmalen Kinderleibes in erste, zaghaft angedeutete

Formen gefunden hatte, wenn sie Mädchen dabei betraf, wie sie ihren, der

Lehrerin, Namen auf Butterbroten aßen oder sich ihn mit Nadeln in die

dünnen Arme ritzten, wenn sie namenlose stammelnde Briefe in der Lade

ihres Pultes fand. Wenn sie all den absonderlichen, rührenden und

lächerlichen Dingen begegnete, in denen sich das kommende

Weibesschicksal spielerisch anmeldete.

Am tiefsten aber entsetzte sich Fräulein Dr. Südekum über Gertrud, über

dieses Kind, das ihrem Herzen so nahestand wie keines. Selbst die äußere

Wandlung erfüllte sie mit Bangen. War diese Ungeschicklichkeit der

Bewegungen, das unregelmäßig Derbe des Gesichtes, die Unfähigkeit, frei

und ungehemmt sich geben zu können, all das Verneinte und Gehemmte an

diesem Kinde nicht das gewesen, was dieses in Not und Wirrnis an ihr

Herz getrieben hatte? Aber nun erblühten aus dem sich reckenden

biegsamen Körper Gebärden edlen und bewußten Ausdrucks, schien das

Gesicht schmal geglüht von einer Flamme, die diesen Körper zu dehnen, zu

verbrennen schien, von einer Flamme, die oft jäh und rätselhaft aus

Gertruds Augen blickte.

Sie, die immer am leidenschaftlichsten gefragt hatte, deren loderndes

Mitgehen den Vortrag der Lehrerin bis zur seligsten Preisgabe beschwingt

hatte, saß nun teilnahmslos unter den Schülerinnen, und wenn Fräulein

Dr. Südekum sie zu einer Antwort aufrief, traf sie ein dunkler Blick aus

Fernen, von denen die Träumende heimkehrte, mit stockenden Worten

verratend, daß sie dem Vortrag nicht gefolgt war. Dies war in letzter

Zeit sooft geschehen, daß die Lehrerin einmal erzürnt auffuhr und

fragte: „An was dachtest du denn?“

Und das erschreckte Mädchen sagte dunkelrot erglühend: „Ich weiß es

nicht!“

Auch Gertrud war wie die anderen, ganz ausgelöscht von dem heißen

Werden, das nun in dem jungen Körper wühlte, alles verwischte, was

früher Eigenart und Besonderheit an ihr gewesen war? Und schmerzlich

dachte die Lehrerin: selbst ihren Namen hat sie nicht beibehalten. Sie

will nicht mehr Gertrud heißen. Gert rufen sie die Freundinnen jetzt.

Und immer seltener war es, daß Gert zu der Lehrerin kam, daß sie das

Verlangen hatte, über den zuteil gewordenen Vortrag über ein Thema

hinaus noch Besonderes zu erfahren, was Antwort auf ihre eigensten

Fragen geben sollte. Immer seltener, daß Gert den Wunsch hatte, über die

Dinge ihres Daheim, über Sorgen und Ahnungen, die sie quälten, mit der

Lehrerin zu sprechen. Kam sie aber dann doch einmal, dann schien sie oft

zerstreut und befangen, ein andermal wieder rätselhaft unruhig und

gepeitscht.

In diese Tage seltsamer und verwirrender Wandlung, da der Märzwind durch

die Straßen fegte, und an trüben, regnerischen Tagen die

Blumenhändlerinnen erste Veilchen feilboten, trat ein Ereignis, das für

einige Wochen einen dunklen Cellostrich in die klingende Musik des

Vorfrühlings wob.

Es fiel in diesem Jahre nicht mehr so auf wie früher, wenn ein Mädchen

einige Tage der Schule fernblieb. Ja, es gab Mädchen, die aus dem

seltsamen Verlangen, jenen gleich zu sein, die oft über Kopfweh klagend

und blaß in einer Bank saßen und errötend erklärten, an der Turnstunde

nicht teilnehmen zu wollen, Essig tranken und mit Kohle dunkle Schatten

unter die Augen malten, um diesen Mädchen ähnlich zu sein. So war es

auch nicht weiter aufgefallen, daß Frida Glatzer, die Vorzugsschülerin

aus der ersten Bank, acht Tage der Schule fernblieb, und die Wissenden

unter den Mädchen neigten sich flüsternd zueinander und sagten: „Nun

gehört sie auch zu uns.“

Dann geschah es aber an einem Tage, daß die besten Freundinnen der

Glatzer, die ernste Grete Erb und Herta Kobinger, die sonst immer so

lärmend in die Klasse stürzte, verweint in die Schule kamen und

erzählten: „Sie hat Blinddarmentzündung. Man hat sie noch in der Nacht

operiert.“

Operation – das erweckte Vorstellungen, die wie schwarze Vögel in die

Schar der jungen Mädchen fielen, Vorstellungen von blanken Messingbetten

in kühlen und weißgetünchten Zimmern, Erinnerungen an häßliche und

beängstigende Gerüche, Erinnerungen an weißbärtige Männer mit funkelnden

Brillen. Wer in der Klasse schon einmal eine Verwandte in einem

Sanatorium besucht hatte, stand im Mittelpunkt des Interesses.

Jeden Morgen brachten die beiden Freundinnen Berichte über die

Ereignisse im Sanatorium. Es ging immer schlechter, und an manchem Tage

durften sie gar nicht in das helle Zimmer, das auf einen großen Garten

hinausging. Erregend und seltsam waren ihre Erzählungen: „Man ist ein

ganz fremder Mensch, wenn man so lange im Bett liegt. Ja, sie hat sich

so merkwürdig verändert. Sie war doch früher ganz wie wir und sieht nun

so besonders aus.“

„Sie ist in den drei Wochen entsetzlich gewachsen,“ erzählte Grete Erb.

„Ihre Hände sind so lang geworden.“ Und flüsternd setzte Herta Kobinger

hinzu: „Man darf nur wenig mit ihr sprechen, und was sie sagt, ist so

alt und von woanders her!“

Eines Tages trat die Lehrerin in die Klasse und sagte nach einem langen

Blick auf die Mädchen, die plötzlich erschreckt verstummten: „Die Frida

Glatzer ist gestorben.“ Einige Mädchen saßen bleich und mit starren

Augen, andere weinten laut auf. Es war nicht nur Trauer um den Verlust

der Freundin, die nur wenigen aus der Klasse nahegestanden hatte. Es war

eine Angst, ein entsetzlich würgendes Bangen, das plötzlich die Kinder

erfaßte und ihr gehetztes Denken in Vorstellungen von einem Dasein in

einem engen Kasten unter schwarzer feuchter Erde trieb.

In der Gesangsstunde übte der Lehrer mit ihnen: Es ist bestimmt in

Gottes Rat.

Zwei Tage später fand das Begräbnis statt. Die Mädchen versammelten sich

unter der Aufsicht der Lehrerin vor dem Sterbehaus und gingen in

Zweierreihen hinter dem Sarge einher zur Kirche. In ihr wurde sonst der

Schulgottesdienst abgehalten, und sie barg für viele Erinnerungen an

lustige und sogar freche Streiche. Heute aber war die Kirche ganz

verändert. Sie war schwarz ausgeschlagen, und die Kerzen flackerten so

unruhig. Mit großen Augen starrten die Mädchen auf den Sarg, der vor dem

Altare stand. Es war unfaßbar und nicht zu glauben, daß er den Körper

dieser Glatzer bergen sollte, die noch vor wenigen Wochen aufrecht und

lächelnd in der ersten Bank gesessen hatte. Nein, das konnte man nicht

verstehen.

Der Weg zum Friedhof war lang, und in der frischen Luft, in der

Gesellschaft aller Freundinnen und Kameradinnen verflog das Bangen und

die Angst so sehr, daß sogar erste Scherze aufflatterten und einige

Mädchen verzweifelt mit dem Lachen kämpften, weil die Lehrer in ihren

schwarzen Anzügen so steif und komisch aussahen.

Dann aber trat man an das Grab, das nach den Tagen wilden Märzregens so

entsetzlich feucht und schwarz aussah, daß die Mädchen voll Entsetzen

zurückwichen, als die Lehrerin begann, sie in einer bestimmten Ordnung

rings um die Grube aufzustellen. Unnatürlich hoch und zitternd klangen

die Stimmen, als der Gesangsprofessor die Hand hob, um das Zeichen zum

Absingen des Liedes zu geben. Ganz entsetzlich war es aber, daß die

Sitte es vorschrieb, die Mädchen müßten, dem Beispiele der ganz in

Schwarz gekleideten Eltern und Verwandten folgend, eines nach dem

anderen, an das Grab herantreten und mit einer Schaufel ein Häufchen

Erde auf den Sarg werfen. Mehr als eine zitterte dabei in namenloser

Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und in die entsetzliche schwarze

Grube hinabzufallen, in die man den Sarg gesenkt hatte.

Dann fuhren die Schülerinnen mit den Trambahnen heim.

Für eine Zeit waren die Mädchen stiller geworden, und es gab viele unter

ihnen, die sich davor fürchteten, von verwirrenden und sündigen

Geheimnissen in den Pausen zu sprechen, in diesem Klassenzimmer, in dem

noch immer der eine Platz leer war.

„Ich habe schon acht Tage nicht mehr im Konversationslexikon

nachgeschlagen,“ erzählte Herta Kobinger. „Ich habe das Gefühl, daß sie

alles sieht und hört und daß vielleicht überhaupt alles eine Strafe

Gottes war.“ Erschreckt hingen die Augen der anderen an der Sprecherin,

deren untersetzte Gestalt noch kleiner geworden schien. Und noch nach

Wochen geschah es, daß die freche Lizzie Ebbinghaus jäh verstummte, wenn

sie an dem leeren Platze der toten Schülerin vorbeikam.

Dann geschah es aber eines Tages, daß der Rektor, der meist die erste

Stunde morgens gab, weil er Deutsch lehrte, mit seiner dunklen Stimme

sagte: „Erna Petersen, Sie sitzen von nun an auf diesem Platz.“

Und bald erfüllte wieder frohes und unbekümmertes Lachen die Klasse. Die

Lücke hatte sich gefüllt.

Der wilde Garten · 第 7 / 34 题