Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«

Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in

tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen.

Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein

Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle

einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei

überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche

Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich

Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so

könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der

angeblich Gefallene -- es werde der Name Clas Mönkebüll genannt -- sei

ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein

Kostgänger -- ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber

grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei,

daß er gefallen sei?

»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung

hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen -- Herr

Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert -- es ist ihm

gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln.

Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden.

Dann sind Schüsse gefallen -- man hat den Arbeiter Mönkebüll

sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der

›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze

Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«

Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise

mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der

Übereinstimmung mit dieser Tat ab.

Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit

Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen,

als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für

eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.

Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der

Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk

eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters

genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der

Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser

Arbeiter -- in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei -- daß

sein Name ein angenommener sei -- daß sein Träger in Wirklichkeit

ganz jemand anders sei -- nämlich -- -- der Sohn des Präsidenten

der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene

Kapitänleutnant Heinrich Freimann -- --.

Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden

unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte.

Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da -- -- und

eine zitternde Wut war in ihm -- gegen den jungen Mann, dem er die

Hand seiner Tochter vertraut hatte -- -- und der legte nun durch sein

phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen

sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor --

in der gleichen stummen Empörung -- ihm schoß das Blut in die Augen,

in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu

zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...

»Ich weiß das alles --!« sagte Detlev Carstensen. »Aber -- ich weiß es

erst seit heute nacht.«

»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen

Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der

Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der

Werft?«

»Ja, Herr Generaldirektor.«

Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen

fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.

»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«

»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen

hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der

Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«

Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein

Beamter sollte den Auftrag erhalten -- aber die Arbeiter mischten

sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den

Arbeitern hinauszuschicken -- man könne für seine Person nicht bürgen.

Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen

Tietgens herbeizuschaffen.

Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die

Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern

saß der alte Herr -- folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem

Gesicht -- nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm,

der sein Inneres schüttelte.

Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm

gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses,

ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers

geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung

... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein

scheine ...

Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur

so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes

des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ...

Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der

Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt

sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.

Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war,

der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn

zur Rechenschaft zu ziehen.

»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders

Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt

Ihnen das, meine Herren?«

Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:

»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber -- hat auch der Herr Timm

-- der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«

»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute

nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der

Werft gearbeitet hat.«

»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder,

der is im Krieg Leutnant gewesen -- dann hat er mit die Bahrenfelder

ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er

ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt

haben?«

Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause -- Sie können ihn

fragen.« Das war ihm herausgerutscht -- schon bereute er.

Die Arbeiter horchten hoch auf -- tuschelten erregt zusammen.

»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de

Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«

»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht

doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht

wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.

»Ja -- dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden

fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen

auf die Werft geschafft sünd -- un dat im Keller mehr als hundert

Weißgardisten versteckt sünd?!«

In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner

Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein

Alles gerettet -- jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich

auf.

»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen

zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht

durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer

arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge

verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«

In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon

willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen,

empfand, verstand diesen Klang.

Da öffnete sich die Tür -- und Tedje Tietgens trat ein.

Hochaufgereckten Hauptes -- polternden Schritts. In seinen verwüsteten

Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell -- Zerstörer

-- Dämon.

»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.

Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje

antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.

Ja, es sei wahr -- Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die

ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen

Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion

sei -- und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung

des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen

bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die

Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik

mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der

nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.

»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch

gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die

Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie.

Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter -- wenigstens an die

Verständigen unter Ihnen -- denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf,

Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde

länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von

denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich,

daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser

aller gemeinsames Werk, vernichten wollte -- daß ihr die nicht weit

schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für

die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut

nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen -- und ich hoffe

noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis -- als auf ein

Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird

durch innere Zerrüttung -- daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt

ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung -- ihr seid alle

viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für

Folgen haben wird -- für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle,

für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht

mich allein -- euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke

Ihnen.«

Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt,

verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten

gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber

in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.

»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den

Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd

nich dei Arbeiterschaft -- ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat

wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen -- wi lat't uns nich besabbeln!

Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«

Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal

vor:

»Herr Senator -- meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat

Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles

... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns -- un

mit die Waffenkisten -- dat gefällt uns nich -- un dat eine kann ich

Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! --

Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren --

wer dat verseuken will, dei is unser Feind -- un gegen den'n stohn wi

all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«

* * * * *

Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster

Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das

Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine

Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle

Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen

-- Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ...

In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die

unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr

im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit

den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt

hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem

die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht.

Man würde sie niederhalten müssen -- aber überhören durfte man sie

nicht mehr.

Gut -- aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen,

wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.

Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der

von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er

wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte

das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.

»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«

»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten

können, an dem Stapellauf festzuhalten?«

»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«

»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist

eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher

Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie

können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich

die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts

vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ...

So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn

einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug -- wollen

sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort

verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ...

Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei

ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es

würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen

würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf

der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen

Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie?

Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? -- Ob Heinz hier draußen ist? Nein

-- bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei

uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht

allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner

phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich

soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut

geht, lieber Freimann -- so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie

Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf

-- sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch

persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund -- Ob mir gut

ist? Doch, doch, selbstverständlich -- meine Stimme -- matt? Keine Idee

... Schluß!«

Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit

nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt

den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...

»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie

die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im

schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh,

daß er da ist. Können ihn mir schicken.«

Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte

es. Robert Timmermanns öffnete -- Heinz Freimann trat ein in seiner

abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der

verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.

»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«

Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein

Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht.

»Verantworte dich.«

Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit

Handwink zu bleiben.

In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe

hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt

-- ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der

Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht --

ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden -- deren

Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe.

Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein.

Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein

Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den

Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen,

daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung

gehabt -- daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein +agent

provocateur+ der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher,

voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht,

beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.

Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim

knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.

»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es

ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar

fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im

Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ...

Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du

noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«

Er winkte gnädig Entlassung.

* * * * *

Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen

auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel

stattgefunden -- mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die

Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen,

verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die

Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt -- die Werftleitung habe

sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter

versprochen -- man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den

Stapellauf zu hintertreiben -- er müsse heut nachmittag um drei Uhr

planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit

Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören

der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit

jeder Arbeitsmöglichkeit --

Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert

--!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine

neue Versklavung des arbeitenden Volkes -- der Bolschewismus müsse

triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden -- die Woge der

Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des

Erdballs in Nationen zersplittere -- dann werde die neue Menschheit

erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...

Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im

ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles

in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden -- die Küche war

glücklicherweise treulich am Werke geblieben.

Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die

Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die

Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.

Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es

zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll

rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften

jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen

in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und

Flandernkämpfer Maschinengewehre.

Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst

funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen

und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf,

einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den

alten Carstensen:

»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm

auf das Verwaltungsgebäude.«

Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der

die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine

schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.

»Ihr Bruder schon zurück?«

»Nein, Herr Senator.«

»Gut -- ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden

Übereilungen zu verhüten wissen.«

»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«

Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine

Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen

Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator

der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen --

sie sollten sich blutige Köpfe holen.

Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude

durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet

dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front

nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die

Türen -- erschrockene Köpfe tauchten auf -- Direktoren, Ingenieure,

Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah -- also doch! Man war verteidigt ...

Sie mochten kommen.

13

Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang,

welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt

die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United

Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen

sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion

der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des

Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter

fehlten noch.

Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen

weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an,

welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor

Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe

... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...

Endlich -- da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten

Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes

Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein

... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der

Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend

...

»Was meinen Sie -- können wir's wagen?«

»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«

»Also gut ... und mein Sohn?«

»-- ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie

können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«

»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich

danke Ihnen. -- Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson

persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«

»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen,

möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu

überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen.

Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem

Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los

und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie,

Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die

Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall

am Bismarck vorbei -- kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den

Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«

»Abgemacht --« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste.

Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt,

erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte

einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.

Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor,

den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die

Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen

Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als

Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.

»+Enter, please!+« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen.

Himmel -- wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen

Augenblick ...

Und -- da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...

»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön -- Sie wollen kommen zu holen

uns ... Nun -- was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat

nicht ich machen sehr gut mein Sache -- diese Nacht?«

»Fräulein Bessie -- Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das

mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«

»Oh -- das freut mich -- das freut mich -- +quite enormously+ ...«

»Wahrhaftig -- Fräulein Bessie?«

»Aber Sie, Mister Bobbie -- Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne

...«

»Wie -- meinen Sie das -- Fräulein Bessie?«

»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht -- dann sind Sie noch

viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«

»-- -- Bessie -- --!!«

Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein

Püppchen an seine breite Brust.

Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte -- Elias

Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um

seine ganze Autorität gebracht haben würde.

Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand

und zerrte ihn auf den Deutschen zu.

»Deinen Segen, +daddy+, schnell -- schnell -- die Herren warten

drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«

* * * * *

Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden

Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:

Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert:

»Heinz auf der Werft in Sicherheit -- Timmermanns ist begeistert von

ihm ...«

Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn

man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch

verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er

sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute +daddy+ -- aber wann

hatte ihm das je etwas genützt?!

Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen -- glühend im Glück über so tröstliche

Nachricht -- und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen

auf der Werft?!

Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier

Welten -- verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des

Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von

hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...

Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich

bescheiden gekleidet -- Antje Tietgens ... die Sekretärin -- heute

von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück,

und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der

nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten

Augenblick ihres Lebens ...

Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der

Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der

Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte -- in

seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit.

Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit

seinem flutenden Verkehr, die drei Türme -- zur Rechten der breit

ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom

lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender

Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung --

zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen

Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und

der Musikhalle ...

Und jetzt -- jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes

Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des

Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen«

Bunde zusammengezwungen ...

Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen -- dorthin,

wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt

vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf

des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein

Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines

Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...

Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die

Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie

Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte

der andern Arm in stummem Gelöbnis:

Zusammenhalten -- -- weil wir zusammengehören --!!

14

Sie kamen.

Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der

hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten

sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher

auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze

Schattenriß der »Deutschland« -- überhöht vom breitgespannten Schirm

des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des

Deutschen Reiches flatterte.

Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick

des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten

sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!

Näher -- immer näher ...

»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«

Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes

Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob

er sich mit schwerfälligem Ruck.

»Das -- Feuer eröffnen?! Herr Leutnant -- wir sind nicht auf dem

Schlachtfeld -- wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht

versucht. Wo ist Heinz Freimann?«

»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«

»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«

Der Greis schritt zur Tür.

»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns

verständnislos.

»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten.

Geschossen wird nicht.«

»Zu Befehl, Herr Senator.«

Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte

Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den

gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in

Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.

In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp -- Studenten, junge Kaufleute

--, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage

ihres Führers -- des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf

reißen sollte --. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte

Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine

Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende

Gasse schritt er zum Hauptportal -- sah unbeweglich hinaus -- der

dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen

sein Lebenswerk heranschob.

Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz -- Armin ...

»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten

Sie sich bereit -- aber nur für den äußersten Fall.«

Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den

des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe

hinaus --

Die dunkle Mauer erstarrte -- stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde

-- dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is

hei ja -- dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«

Detlev Carstensen streckte die Rechte aus -- und abermals ward

lastende, lauschende Stille.

»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und

gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein

Spion -- kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt

und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst

noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«

Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich

bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten.

Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt --

ich wehre mich nicht!«

Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen

und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse

entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte.

Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.

Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du

Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ

t'rügg -- Clos Mönkebüll giv mi wedder!«

Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig

zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe,

sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu

stürzen.

Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem

jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere

Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der

Leutnant im Stahlhelm -- und auch er schwang im Anlauf über seinem

Haupte das Gewehr --.

Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber.

Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt,

sausten nieder --.

Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker -- in weitem Bogen flog des

Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen

Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben

Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und

grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.

Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch

aufgerichtet -- stieren Blicks -- das blutige Messer in der langsam

sinkenden Hand.

Da -- aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes -- ein Knall, ein

Feuerstrahl -- Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das

Messer fallen, fuhr nach dem Herzen -- und schon sank der mächtige

Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.

Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der

Hand -- --.

Das alles in fünf Sekunden ...

Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen -- aber ein

Aufschrei nicht der Wut, der Rache -- sondern des Entsetzens -- des

Abscheus vor dem eigenen Tun ...

Kainstat hüben, Kainstat drüben ...

Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei --

Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern

der Opfer des Wahns -- breitete die Arme gegen seine Kameraden aus:

»Über mich dies Blut -- schlagt mich tot!«

Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige

Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor --

des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann,

unhemmbar, unsühnbar ...

Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der

entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten

hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz,

schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz -- trat vor ihn

hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje

Tietgens neben ihr -- auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums

zu decken gegen ihre Klassengenossen ...

Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben

senkten sich -- mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten

-- Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen

einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines

Volkes ...

Da hob Ilse die Rechte -- wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand

sie da.

Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall

der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten

Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...

Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen

Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter,

Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder -- und

dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt,

wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich

hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die

Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein

Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe!

Laßt uns zusammenhalten -- wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit

und Kapital, Bürger und Proletarier --! Das hat er mich gelehrt, er,

mein Freund, unser Freund -- glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da,

mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...«

Ihre Stimme wollte brechen -- aber noch einmal raffte sie sich auf:

»Versöhnung! Brüder -- Kameraden -- Versöhnung!!«

Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der

todbereite Mann stand -- geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen,

die ihn verstanden.

Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des

Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das

der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand

der alte Mann -- in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide -- hoch

in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus

dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die

zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster

des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß

war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn -- sie zwang die

Tausende in ihren Bann.

Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der

Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines

Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.

Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.

Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des

Bruderkrieges zu zertrümmern -- schon zersplitterte Kolben um Kolben,

flog Schaft um Schaft zuhauf -- nun stürmten Dutzende heran, dem

Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen -- zu Hunderten

jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes

Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der

Klassen, der Brüder ...

Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich

türmten inmitten -- da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu,

die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand

und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der

Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der

Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.

Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen

aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind

eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen

und freien Volkes -- inmitten seiner staunenden Landsleute vom

Patterson-Konzern -- und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden --

sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten

Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen,

dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...

Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses

Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu

klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes

Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.

Das Land unserer Liebe · 第 18 / 23 题