Es klopfte. »Ich bin's, Bessie -- darf ich?«

»Aber gewiß, +daddy+!«

Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt

etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen,

versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein:

Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem

Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt

stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so

ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du

hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz

etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«

»Ach, +daddy+ --« lachte Bessie -- »was ich dir alles zu erzählen

habe --? Du wirst staunen --!«

* * * * *

Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht

still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus

aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im

Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner

Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede

Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren

noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie

meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden

Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen.

Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.

Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der

Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors

Timmermanns.

»Wer ist am Apparat?«

»Tietgens ...«

»Ach, Sie, liebes Fräulein -- nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen

der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der

›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein

Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«

»-- Ein Werftarbeiter?! -- Wissen Sie zufällig seinen Namen?«

»Doch -- auch das -- ein gewisser Mönkebüll ...«

Clas -- o Gott -- mein armer, armer Clas -- nun hast du sie, deine

»rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den

Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme

Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...

Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der

Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr

werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten,

daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen.

Noch Fragen?

»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen

unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt

geworden?«

»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei

ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt,

daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird -- schon um seines

würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters -- vor allem

aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch

im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie

werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein -- seien

Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften

steht.«

Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie

gut ... Vielleicht war er noch zu retten -- der arme, wilde, verführte,

der geliebte Junge ...

Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine

Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...

»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme,

den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde

keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist

nicht auszudenken --«

»Meine Pflicht -- Herr Präsident --«

»Ach was, Pflicht -- ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft

können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich

-- ich vollends -- Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter

und -- mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind -- ich kann

nicht anders ...«

Er nahm das Mädchen in seine Arme -- er küßte ihre Stirn wie einer

lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen

Schluchzen.

»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und

verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's

wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes,

liebes, herrliches Mädchen ...«

12

Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und

vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher

Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn

empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein

Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ

er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.

Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem

Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank

für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet

und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem

ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief

bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge

Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand

ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem

Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen

des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr

auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese

Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren -- daß nichts davon bis zu

den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten

sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks,

an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu

schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen

von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen

Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das

Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar,

den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge --?!

Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses

und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.

Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er

langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht -- so viel für

mich getan -- daß ich -- daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen

zu sagen -- daß Sie mit dieser Anordnung -- Ihre Kompetenzen denn doch

erheblich überschritten haben ...«

»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß --« stotterte der Riese. »Aber bei

der Kürze der Zeit -- --«

Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein

Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn -- schnitt

jeden Widerspruch ab.

»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun,

wo er es verantworten zu können glaubt -- ich für meine Person muß

Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir

auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer

Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten

muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die

Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht

eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat --

und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem

gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß

meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich,

lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede

Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie --

-- nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«

In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr

Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich

werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als

Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat -- daß nicht das

mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus

Ihrem Munde ...«

»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«

In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen

hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.

»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«

Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter

gereifte, scharfgeprägte Köpfe -- besonnene, erlesene Vertreter ihrer

Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte

getreue Kranführer Timm Tietgens.

Das Land unserer Liebe · 第 17 / 23 题