So blickt kein Mensch ... so blickt ein -- --

»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«

Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.

Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen

gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend

von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der

Schwester vollen Arm:

»Hest 'n arg leiw -- dien'n Kierl -- nich wohr, mien Deern?«

»Ick verstoh di nich, Tedje ...«

Nein -- sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein

Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas

selten, fast nie Geschautes auf -- eine wehe Güte -- eine schmerzvolle

Liebe ...

»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' -- dat deed di weih, nich wohr,

mien Deern?«

Wunderlicher Gesell -- seine Stimme zitterte -- es stand etwas in

seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine

Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas

Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.

»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick -- wi gohn hüt nacht

en sworen Gang tausomen ...«

Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen -- ganz ahnungsvolles Grausen ...

»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein

wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen,

mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so

kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote

Slachtfeld von dei Frieheit -- as truge Söhns von't Proletariat ...«

»Um Gottes willen, Tedje -- wat hebbt ji vör?!«

Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren

Menschen angezüchtet:

»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren --?!«

Tedje schwieg -- ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die

Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.

»Jo -- dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«

»Dat's nich wohr, Tedje -- dat's nich wohr!«

»So wohr as ik hüt noch hier sitt -- un morgen vellicht nich miehr ...

Wi hebbt sworen, Clos un ick --!«

»Tedje --« schrie das Mädchen, »un Anders? -- Wat is mit Anders?!«

Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse

urweltentstiegenen Hasses.

»Dien Kierl -- hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is

hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«

Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von

Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei -- und daß er um

halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr

den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.

»Öwerst doar hett hei keen Glück mit -- Clos Mönkebüll bliwt em op de

Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft

gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em

Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«

Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie

noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.

»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt

-- dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur -- un dat hei nich wert is,

dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«

»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich -- ji dörft em nix dauhn! Ji

kennt em nich -- öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens

wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick

em seih'n heff an Mudders Disch ...«

»Dat -- hest du -- wußt?!«

»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie

dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann

heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...

Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der

Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen -- im Anfang

mit hämischem Grinsen -- dann immer gebannter ... immer verstörter.

Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf -- eine Ahnung, ein mattes,

ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...

Nein -- nein -- das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten

Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes,

verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung

hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um

nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:

»So -- nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern -- ick

fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs,

Swester -- ick heff di seggt, wat ick weit -- nu mok, wat du wullt ...

grüß dei Öllern -- un wenn wi nich wedderkomen -- denn vergeet mi nich

ganz, heurst?«

Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan --

preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit -- riß sich

los -- stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine

schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße

verklang sein Schritt.

An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen

stürzten die Tränen.

Was tun? Was tun?!

Die »Deutschland« sabotiert -- Antje wußte, was das bedeutete. Die H.

T. L. -- die United Transatlantic Lines -- die Hammonia-Werft -- alles

brach zusammen. Ach -- und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen,

gemarterten Herzens? Der Bruder -- Clas -- verloren beide ... diese

enge, geliebte Stube -- morgen wird sie widerhallen vom Jammer der

Verzweiflung ...

Und Heinz --! Wo war er? Sie wußte es nicht -- kein Schatten einer

Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei

Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt -- die

er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt -- nun waren

sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine

Todfeinde geworden ...

Auch er -- verloren -- verloren ... und damit das letzte, was ihres

eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.

Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:

Zu ihr -- zu der andern -- zu seiner Braut. Wenn einer noch retten

konnte -- dann war sie es -- sie -- und die Menschen, die sie umgaben

-- die Klugen, die Starken, die Mächtigen.

Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe

hinunter.

Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...

6

Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die

Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht -- in die kahlen Parks und

Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.

Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer -- sie waren freimütige

Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch

die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung

flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo

sie sich behaglich fühlten.

Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische

verteilt. Frau Johanna inmitten -- strahlend in Hoffnung und Güte.

Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich

manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.

Hinüber und herüber flog's -- Anklagen, Bitterkeiten -- grundlose und

tief berechtigte hüben und drüben ...

Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man

fühlte sich wieder -- man sprach sich aus ... man fing an, einander zu

begreifen ...

Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr

Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und

Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep,

im Boston, im Tango ...

Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine:

Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde

entschuldigen lassen. Die war längst herum -- aber vergebens schauten

die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich

die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber

konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren,

auf deren Fräcken -- nu jrade! -- die Eisernen Kreuze von verbrausten

Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.

Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein

blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl.

Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs

Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man

in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem

breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden

Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen

Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:

Bär du -- Hunnensohn -- du gefällst mir ...

Musik verklingt -- Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...

Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und

Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:

»Herr Generaldirektor -- eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«

»Schön -- verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte

Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«

Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft

... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...

Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten

Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.

»Fräulein Tietgens -- was gibt's?«

»Herr Generaldirektor -- heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹

in die Luft gesprengt werden.«

»So -- --« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So -- -- Erzählen Sie,

Fräulein.«

»Herr Generaldirektor -- ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«

»Nein -- sie hat sich vor -- es muß schon länger als eine halbe Stunde

sein -- sie hat sich entschuldigt -- Kopfschmerzen -- ist nach Hause

gegangen -- wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit -- mit

der ›Deutschland‹ zu tun?«

»Sie -- ist nicht -- wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon

einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen -- man sagte mir,

sie sei nach Hause gegangen -- ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist

sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«

Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz

verständigen Eindruck, Fräulein -- aber alles, was Sie mir da erzählen

-- bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen -- und sagen Sie mir kurz

und bündig, was Sie zu sagen haben.«

Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres

Chefs.

Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne

sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.

»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise

das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf

dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken -- Sie verstehen

mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als -- als meinen Bruder, der

glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein -- Ihren Herrn Chef

werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«

Er winkte dem alten Charlie -- der stand wie eine Mumie an der Saaltür,

hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.

»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn

sprechen. Holen Sie ihn heraus -- und auch den Herrn Präsidenten. Aber

so, daß es nicht auffällt -- verstanden?«

Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang

blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die

Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher.

Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte

Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.

Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte,

schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben

schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks -- Bessie ...

Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?

»Verdammt -- die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.

Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte

heran, streckte beide Hände aus.

»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. -- Ich habe mich den

ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie

gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes

mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! --

Aber -- was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister

Bobbie.«

Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor --

stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«

»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch

natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet,

»gehen Sie ruhig wieder hinein -- ich komme gleich zurück, Sie haben

mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas

Geschäftliches mit mir zu bereden -- zu Unruhe ist nicht die leiseste

Veranlassung ...«

Umsonst -- da kamen schon die Herren -- der Leutnant, der Präsident.

Und Bessie war nicht abzuschütteln ...

»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ...

Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«

Es blieb nichts übrig -- man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht

entgegennehmen.

Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann

seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit

anzunehmen. Aber -- -- welche Kunde!!

Die »Deutschland« in Gefahr -- Ilse verschwunden -- Heinz

wiedergefunden, aber in höchster Not ...

Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich

zusammen -- und übernahm sofort die Führung.

»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte

von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren

Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«

Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie

schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«

»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie -- Sie werden die Ihrigen nicht

unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut -- so bleiben Sie ... Herr

Generaldirektor -- Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein

Wagen wird Sie zum Hafen bringen. -- Sie alarmieren die Hafenpolizei,

außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren

herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«

»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.

»Gut -- so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen

-- und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein

Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«

»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ...

Aber ich fürchte, ich fürchte ...«

»Was fürchten Sie?!«

»Ich weiß -- daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte

sie.

»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt --«

sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß --

halten Sie es für möglich -- -- mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«

»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden -- nur

auf diese Weise erklären --« stammelte das gepeinigte Mädchen.

»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch

die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel -- -- Hamburg ist

groß ...«

Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.

Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt

trat sie hastig einen Schritt vor:

»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen

tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister

Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten

holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen

Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und

befreien.«

Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre

Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes --

»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an --

Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns --

würde der Ihren Ansprüchen genügen?«

Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.

»Er tanzt sehr gut, dieser Herr -- er hat auch sehr viele Orden, also

ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen -- er genügt mir. Kommen Sie,

Mister Timmermanns.«

»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann.

»Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«

»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.

»Gut -- so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen -- Sohn

tun können ...«

Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.

»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann

ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte

Möglichkeit ...«

Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle

mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher

aber suchen wir Miß Ilse -- und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in

die schlimmen Viertel gehen -- und Sie, Sie kennen sich aus in den

schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde --

dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«

»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere

Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer --«

»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. -- Sie werden doch meinen

guten +Daddy+ nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine

Überraschungen von mir gewohnt ...«

»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß

Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«

»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs

beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück -- die dürfen

unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven.

Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«

Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann

zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den

Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ...

das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«

Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der

kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein -- ich habe in

Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht -- aber noch nie

mit einer Dame am Arm ...«

Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter

Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm

ihres Kavaliers -- mit der Linken zog sie Antje an sich heran.

»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß,

wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der

Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will

bleiben mit ihr in diese Nacht ...«

»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die

Lage war verteufelt ernst.

Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte

ihnen entgegen.

»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo

zu finden das nächste +Police office+ ...«

»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«

Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten

das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später

sausten beide davon -- das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.

Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte

den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und

Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es

war nichts vorgefallen -- gar nichts.

»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und

klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz

entzückendes Fest -- ein glückliches Omen für morgen -- und ein

vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre

Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr

Deutschen ...«

7

Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen -- -- und

sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank,

nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem

behüteten Bettchen daheim -- und die abscheuliche Vision abschütteln

mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von

einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park -- um irgendwen --

wen nur? -- zu treffen -- von einem Auto, in das man vertrauensvoll

einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung --

einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch -- von mühsamer

Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge

und Willen stürzte ...

Himmel, wie schwer der Schlaf -- wie mühsam dieser Kampf um das

erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. -- Mein Gott

-- wenn das alles am Ende gar kein -- Traum -- gewesen wäre -- sondern

--

Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des

Erwachens -- nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die

Augen auf -- -- und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt

bis ins Mark. Nein -- der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ...

oder -- --?!

Und abermals hob sie mühsam die Lider -- -- und sah -- -- und sah -- --

sah sich -- -- nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen

-- nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern,

denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war -- -- wo? Auf einem

verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter

Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm

rochen ... verknitterte Samtportieren -- ein Taburett, darauf ein

Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen -- zwei Schalen, in denen

die Perlen leise knisternd aufstiegen ...

Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten

Schein einer roten Ampel ...

Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem

Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...

Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens -- dann hatte Ilse begriffen.

Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer

unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände

tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die

hämmernden Adern zu öffnen.

»Na, mien Deern -- glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick

di seggt --?! Mien Kamroden in Rußland -- --«

Seltsam -- Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein

Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann -- ein betrunkener Gorilla ...

Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste

zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich -- das würde

nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher

Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:

»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen.

Er kannte es -- aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn

eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner

liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben

... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten

versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.

Da ächzte der wilde Tedje -- und in seinem fiebergeschüttelten Körper

schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück,

Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte.

Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und

Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und

stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll

Seele, voll Sinn ...

Und wie sie da vor ihm sich auftat -- das Sinnbild seiner Träume, in

seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos -- da fühlte, da

wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie

besitzen, nie -- haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein

kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht

lesen kann -- ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber

verschmutzen, zerreißen, zerstampfen -- begreifen, erfassen, erleben

kann er es nicht.

Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje

... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein

grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel

vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber

nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige

Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben,

seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt

seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte --

in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu -- kaum

Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner

Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz

tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre

weltenweite Ferne ...

Gut denn -- und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll --

die Welt seiner Träume -- so soll sie wenigstens zertrümmert sein.

Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob

sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die

Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die

goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht

höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die

arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die

blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da

nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen

und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend

zersprang.

Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt -- und fühlte zugleich

eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen -- ein

Herr im Frack -- Schutzmannshelme -- --

Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung -- ein

Griff in das aufgeschlagene Bett -- die Daunendecke flog dem

Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte -- den

nachdrängenden Beamten in die Arme sank -- -- und jetzt -- Höllenspuk!

jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter

schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte -- der Spalt schloß sich --

Tedje Tietgens war verschwunden -- wie weggeweht.

Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein

Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...

Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin

Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:

»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«

Stumm nickte das Mädchen -- bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der

zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt -- jetzt schwirrte ein

helles Triumphlachen -- und da streckte Bessie der geretteten Freundin

ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um

den Hals ... und jetzt -- hoch lauschte Ilse auf -- durch das wirre

Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen --

Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder

aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der

Attentäter verschwunden war.

Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die

Mitte des Raumes ...

»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen

in'n Liew kaput ...«

Und jetzt -- durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger

Mann in einer Matrosenbluse ...

»Ilse --!!«

Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust.

Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte -- weinte -- weinte.

8

Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste

ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn

spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen,

stand Robert Timmermanns -- den Zylinder fest in den Nacken geschoben,

den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein

Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute,

Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.

»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant,

»rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh

sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht

Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«

»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß

wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft

sprengen.«

Kommen wir zu spät, dachte er bei sich -- dann schieß' ich mir eine

Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.

Schade wär's doch --! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein

bißchen nett zu werden -- das Leben. United Transatlantic Lines --

Generaldirektor -- Stapellauf der »Deutschland« -- und ich laß mich

hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein

bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals

hätte haben können ... Na -- wollen sehen ... Wenn mir von den

Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...

Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes

zur Linken -- gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten,

breit hingelagerten Helgengerüstes -- und darunter wie ein Gebirge

massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« -- alles

lag in gelassen rastendem Schweigen.

Da stieß -- des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ...

Dies Gefühl kannte er -- aus hundert Nachtgefechten ...

Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann -- an seinem Hals ein

gräßlich klaffender Schnitt -- Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ...

Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...

»Ihr Hunde --!« knirschte er, »ihr Hunde!«

Weiter -- weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir

dürfen nicht zu spät kommen! Da -- ein paar Gestalten, die sich

niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon

fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den

Fliehenden drein -- weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf

-- da sind wir am Schiffsrumpf -- steil klaftert die Eisenwand sich

empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die

Flut zu gleiten ...

Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine

Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die

Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da

steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die

Luft zu sprengen ... Und da -- noch ein Toter -- nein, ein Sterbender

... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein

Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen -- hinter dieser Stirn

hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut

getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende

Strahl. Er öffnet den Mund -- will etwas sagen -- aber es kommt kaum

noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...

Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.

Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste

aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren

durchschneiden! Unnütze Vorsicht -- die haben sie nicht einmal mehr in

Brand gekriegt -- außer der einen.

Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze

Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt

hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt.

Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert

aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb

angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht

-- außerdem würde es einem schlecht bekommen. -- Einer ist gefallen

-- kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja -- das ist der

Mönkebüll.

Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß

seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse

haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.

* * * * *

Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen

Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage

gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den

Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten.

Und dann -- das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin --

ihre Schreckensbotschaft -- Kleine Bessie -- wie mag's dir ergangen

sein.

Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem

Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk -- und

fiel in Träumerei. Kleine -- süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl,

diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie

sogar dem Präsidenten imponiert.

Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine:

Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das

fertig bringst -- und uns unsere Ilse wiederschaffst -- dann verlange

von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst

in die Elbe springt -- er tut's.

Kleine ... süßeste ... Bessie ...

»Guten Morgen, Bob.«

Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel -- eingeschlafen ... Vor ihm stand

sein Bruder Armin -- auch er noch immer im Frack.

»Erzähl'!«

»Gerettet!«

»Erzähl'!«

»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«

Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.

»Entwischt -- Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht

uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du

meinst, er hat ihr nichts getan?«

»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das

Sektglas in die Fresse gehauen!«

»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«

»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem

seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob -- bei

der hast du verspielt ...«

Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte

stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette

gefällig?«

»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.

»Und -- die kleine Amerikanerin?« fragte Bob -- leichthin, wie er

meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört.

Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...

»Weißt du, was -- ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe -- einen

Kuß! -- Da leckst du dir die Lippen, nicht -- Bobchen?! Habe sie dann

persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit

Recht. Süßer kleiner Käfer -- schwärmt für dich, Bob!«

Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den

Wölkchen ihrer Zigaretten nach.

»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun

bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche

bedeuten?«

Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses

Nächtchen.«

»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher

glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«

Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es

schafft -- ich war schon ein halber Republikaner -- aber dann mausere

ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«

»Aha -- dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So

reden sie alle -- so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein --

mittun -- selber handeln -- vorangehen!«

»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft -- werde

morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«

»So is recht -- Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen --

rettet ›die‹ Deutschland -- seine kleine ›Deutschland‹, und derweil

geht das große Deutschland in die Luft -- äh -- schlappe, versumpfende

Nation ...«

»Was soll ich machen?!«

»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in

Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor

Dämmerung unsere Waffen heran ...«

»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser

Senator Carstensen!«

»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse

das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der

Werft zum Krawall -- so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu

Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle

Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden

abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die

Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen

abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«

Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den

Gebeinen. Nein -- wenn sie ihm an seine Schiffe wollten -- dann hörte

die Gemütlichkeit auf.

Und dann -- die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das

Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens

eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.

»Mein lieber Armin -- das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal

genauer auseinandersetzen.«

Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.

Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.

Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen

Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.

9

Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder

Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er

hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen

müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich

fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt

öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht

hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein

-- alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine

Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der

menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen

Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete

Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt

bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.

Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät

kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll

wird da sein ... Und »Anders Niemann« -- hahaha! Feine, den wenigstens

kriegst du nicht wieder zu sehen -- deinen »Heinz«! Der geht mit deinem

Schiff in die Luft!!

Nur nicht zu spät kommen! ...

Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte

den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart

gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn

erwarten wollen.

Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ...

Aber -- warum ging's denn da drüben noch nicht los?!

Horch -- ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom -- legt zu

Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe

hinauf -- im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle

Gesicht des Genossen Dragomiroff.

Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird

erwidert ...

»Nun?«

Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du,

Scheißkerl -- jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«

Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet

-- kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...

»Allein?!« fragte Tedje heiser.

»Allein --«

»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll

-- un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«

»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen

... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser --«

»Na -- un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«

»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits

angezündet -- auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir

zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ...

Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«

»Verdammi ... wat nu, Genosse?«

Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.

»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht,

die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir

wenigstens alles -- ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge

...«

Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch

belauscht hatte -- und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund

und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein

Spitzel und Verräter war ...

Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du -- das rettet uns

vielleicht. Ein Spitzel -- ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- das

ließe sich ausschlachten ... Laß sehen -- laß sehen ... Ich hab's, du

Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß

der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen

wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in

Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt.

Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat

mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin

ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner

kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar

nicht kompromittiert -- kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst

morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder

Heinz Freimann erzählen -- und daß der die ganze Sabotagegeschichte

angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird

auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast

du begriffen?«

Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte

ihm das Verständnis. Ein Spitzel -- der ein Jahr lang auf der Werft

gearbeitet hat -- den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein

Sohn des Präsidenten der H. T. L. -- und jetzt, wo der Anschlag auf

den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas

machen.

»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das

ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen

sei -- eines +agent provocateur+, du weißt wohl, was das ist,

nicht wahr?«

»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei

Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' --«

»-- nur ein Bluff der Weißen ist -- ein Mittel, das Bürgertum gegen

die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für

eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf

morgen vereitelt wird -- daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in

Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden

sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken -- werden

abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das

erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem

Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen

hatte, reißt wieder ab -- ein Haupthindernis für das Übergreifen der

Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich,

Tedje?«

Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also

doch noch ...

Aber -- wenn man ihn morgen da drüben -- wegen seines Attentats auf die

Tochter seines Chefs -- verhaften ließe?!

»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die

Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner

ungestraft in den Topf.«

»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken -- öberkoken sall dei

Supp -- dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«

Und ich -- hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt -- der andere

kriegt sie wenigstens auch nicht ...

Hahaha -- du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der

liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen -- mit Clas Mönkebülls

Messer zwischen den Rippen --!!

Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist -- die

H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die

Hammonia-Werft mit ...

Und dann -- Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...

Sie kommt ja doch -- kommt doch -- die Diktatur des Proletariats -- die

Weltrevolution -- --!

Die rote Seligkeit -- --!!

10

An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem

Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.

Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in

seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank

und Wehmut schwoll ihm das Herz.

»Antje --« sagte er leise -- »Antje ... alles hast du gerettet -- die

›Deutschland‹, die Werft -- die -- Linie -- meines Vaters Lebenswerk --

meine Ilse -- mich selber -- alles ... Mädchen, Mädchen -- wie soll ich

dir danken?!«

Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche

der Binnenalster kräuselte sich kaum -- der Märzsturm, vom starren

Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste

nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein

flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen

Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten

die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.

In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr -- -- euch hab'

ich alles gerettet -- und ich?!

Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht

sitzt er hinter Schloß und Riegel -- weil er es gewagt hat, Blick und

Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als

Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus

dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt --

gottlob -- das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert.

Nein -- diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten

Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche

Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus

ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht -- -- und

morgen früh werden die Eltern alles erfahren -- die Kammer der »drei

Söhne« wird verödet sein -- -- für lange Zeit -- vielleicht für immer

... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...

Ach, Antje -- und dein eigenes Herz?!

Er hielt, er küßte ihre Hand -- der Mann, der seit einem Jahr ihres

Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank --

nur aus Dank -- weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn

gar nicht -- auch nicht im leisesten -- was er ihr bedeutete? O doch,

er ahnte, nein, er wußte es -- mußte es wissen ...

Pah -- was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft -- aus einem

Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag -- ein

weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung

er ein Jahr seines Lebens gesetzt -- ein -- Studienobjekt ... Was wußte

er von ihrer Seele -- von ihrer Liebe? Was -- verlangte er von ihr zu

wissen?!

Heinz wußte von ihr. Alles wußte er -- und daß er ihr ewiger Schuldner

bliebe -- bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende -- alles,

was zwischen ihnen beiden gewesen war -- dies lange, erlebnistiefe,

schöne -- ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott -- zu Ende? War

das möglich? Durfte das möglich sein?

Denn jetzt erst -- jetzt, da es zu Ende ging -- jetzt erst, da dieses

Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte -- jetzt

erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht

wie eine Freundin -- nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche -- ein

Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.

War das möglich?! Liebte er denn Ilse -- nicht?!

O ja, ja -- er liebte Ilse -- heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender

denn je ... war das -- möglich?!

Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold

für diese Erde ...

Er mußte wählen -- er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog,

das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt -- dem er so

viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte -- das mußte

er niederzwingen -- das durfte sie nicht einmal ahnen.

Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb

scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich

nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles

-- für sein Vergehen gegen Ilse -- für seinen Anteil an dem -- gottlob

-- vereitelten Plane dieser Nacht -- für seine Wühlarbeit auf der

Werft. Man wird für ihn sorgen -- so daß er sich emporarbeiten kann --

er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er -- man wird ihn

auf den rechten Weg bringen.

Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den

herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen.

Das machte sie froh -- nur helfen konnte er ihr nicht.

In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des

einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der

stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste.

Seine Welt -- die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie

-- sie wird vergessen sein -- wenn nicht morgen, dann übermorgen.

Ihre Seele weinte, rang, schrie -- er hörte es nicht, sollte es ja auch

nicht hören -- nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine

Verwendung.

Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe -- in dem langen,

ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei --

und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem

Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen

-- in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben

dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun

gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch

so jung -- man wird ihn auf das Konservatorium schicken -- einen

tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann -- dann will er selber,

Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne

machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre

in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für

die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für

die ganze Arbeiterschaft -- mit Lichtbildern -- die sie in den Sinn

des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es

sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen

Erträgnis der Werft zu beteiligen ...

Er redete -- redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort

dazwischen: »Ja -- das wär' schön --« oder: »Gewiß, das könnte viel

Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er

gehört der andern -- gehört ihr allein.

Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje --

-- wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!

Die Polizei war hinter ihm drein -- pah, sie würde ihn nicht kriegen,

des war sie sicher. Aber -- was tat er, was plante er sonst?! Er

war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's

gewollt -- sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen,

entsetzlichen Plänen aufpeitschen -- der Genosse Dragomiroff ...

Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes.

Was würden sie aushecken in dieser Stunde -- ihr Bruder -- und der

Russe?!

Es half nichts -- sie mußte den Freund warnen ...

Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien -- fragte ihn, was er

selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er

sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar

nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu

ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück -- zum

Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen?

Nein -- das ist vorbei. Nun -- sein Elternhaus steht ihm ja offen --

aber -- dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann -- --

Und -- die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs

ungeheuerlichste mißverstehen --?

Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.

»Heinz -- bedenk doch -- Dragomiroff -- und -- mein Bruder ...«

»Natürlich -- sitzt die Polizei dem auf den Hacken -- er ahnt ja nicht,

welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne

nichts retten, als wenn -- als wenn morgen --«

»-- alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer.

»Alles drunter und drüber -- auf der Werft -- in ganz Hamburg ...«

Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension

sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen

entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der

Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.

»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund

durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so

kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«

»Nun gut -- so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts

vorgefallen -- und stelle mich dem Sturm.«

»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht -- die Arbeiter! Der

leiseste Verdacht -- und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein

-- das darfst du nicht!«

Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach

den Wall der Entsagung.

Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der

Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie

nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer

anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden,

Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...

O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir

zu spielen ...

Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...

»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«

»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen

halten, bis alles vorbei ist ...«

»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie

den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache

fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im

Einverständnis gewesen sei -- werden das Ganze als ein Komplott der

Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?!

Nein -- das ist unmöglich -- -- ich habe die ganze Verantwortung ...

Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen,

darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung

gehabt haben --«

»-- was die Arbeiter aber niemals glauben werden --« warf Antje ein.

»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten,

muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor

der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt

hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht

eine Tat der Provokation -- kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen --

komme was wolle!«

»Heinz, Heinz -- du bist verloren!«

»Mag sein -- Früchte meines Tuns --! Ich hab' eine Maske getragen

ein ganzes Jahr lang -- ein Dasein geführt, das ein einziger großer

Betrug war -- und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit

und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich

bin ein alter Seemann und Soldat -- kein Drückeberger ... Ich werde

mich dem Schicksal nicht aufdrängen -- aber bereit werd' ich mich

halten. Ich werde -- -- jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen

früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor

Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern.

So ist's gut -- so mach' ich's.«

Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund

beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der

Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...

Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten -- da lag die

gigantische Rotunde des Elbtunnels -- und vor ihnen brauste der

sturmgepeitschte Fluß -- und nun -- nun hob sich über die niederen

Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit

hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da -- da lag der Koloß der

»Deutschland« -- unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine

Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft -- die goß neuen Glauben in die

ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.

Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom

Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens,

deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei

deutsche Menschen -- zwei Liebende.

Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine

Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.

Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...

Sie lösten sich -- sie hielten einander an den Händen. Sie suchten

einer des andern Blick -- auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste

ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich

den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.

Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die

Kraft zur Entsagung finden würden.

11

Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.

Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des

Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde,

erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ...

Die Regierung entflohen -- oder, wie andere wissen wollten, hinter

Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute

nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft

hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...

Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren

Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer,

der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte

wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner

Klassengenossen.

»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die

Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji

söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne

söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein

scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben

Genossen an de Wand stellt!«

Wutschreie -- Pfiffe -- geschwungene Knüppel ...

Ein anderer wußte noch mehr:

»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei

Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft

sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«

»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden,

dei Swienhund!«

Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die

Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege,

schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während

der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und

hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns

den'n Spitzel rutgeben!«

»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.

»Ne -- Generalstreik! Generalstreik!« --

Das war das Wort der Stunde.

Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.

»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an,

mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig.

Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten -- süß

köhnt wie Hungerpooten sugen.«

Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen,

der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.

»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol

negger bekieken!«

»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat

vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden,

dei't heurn mag!«

»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«

»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen

op de Direkschon -- un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll

Timmermanns dat Mul stoppen!«

Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht

die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten

Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen

-- und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem

Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich

losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher,

eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die

»Deutschland« vom Stapel müsse, müsse -- damit der Hafen wieder

aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die

Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um

Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten

müsse, brüderlich zusammenhalten ...

Umsonst -- die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die

Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...

»Generolstreik -- Generolstreik!«

»Nieder mit die Reakschon!«

»Es lebe das internationale Proletariat!«

»Es lebe die Weltrevolution!«

Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester

Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte

es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht

zu.

»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek

liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«

»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«

Einer kam vom Eingang herangestürzt:

»Jungs -- Kollegen -- weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt

nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel

west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters -- Anders Niemann hett

hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei

west -- Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de

Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei

entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann -- un is en Söhn von

den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«

Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung

angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf

die Schulter:

»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders

Niemann is mien Fründ -- hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en

Johr! Dat sast du mi bewiesen! -- Wer hett di dat seggt?!«

Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat

hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«

»Lagen is dat -- utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders

Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«

Umsonst -- von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche

Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel -- ein +agent provocateur+ der

Gegenrevolution ... ein Saboteur -- ein scheußlicher, schmutziger Spion

und Verräter ...

Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt,

so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen

Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.

Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von

Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen,

Fragen, Kombinationen.

Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden

können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um

das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen -- Stimmung für den

Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!

Aber nein -- es war ja geschossen worden auf der Werft -- und da

standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand,

Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel -- die Würgengel des

Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In

voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der

die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit

stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die

gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.

Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des

Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten

die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein

Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik,

ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere,

ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die

Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz

der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an

Arbeit -- die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.

Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft,

herrlich die »Deutschland« -- ein Werk von Menschenhand, doch nicht

leblos, seelenlos -- ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des

Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen,

immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in

goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der

massigen Schwellung des Hecks trug.

* * * * *

Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende

Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches,

quälendes Gefühl -- eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur

ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag

... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim -- in ihrem behüteten Bette

... und alles, alles war gut ... sie war gerettet -- Heinz war gerettet

... alles -- war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die

Augen zu öffnen ...

Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung --

das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« -- großer

Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird

wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...

Mit einem Ruck richtete sie sich auf -- und schau -- an ihrem Bette saß

in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf

die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen

zurück.

»Aber ich muß doch zur Werft, Mama --«

»Still, Kind, still -- dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und

ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen

vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr

alle zusammen zum Stapellauf -- mein Mann, ich, du, die Herren von der

Linie, die Amerikaner ...«

Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder

betreut zu werden von Mutterhänden ...

Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie

nieder.

»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe -- fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug

...«

Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden -- und dann zog Johanna

sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.

Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für

alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an -- meines und

seines -- unser Leben ...

Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der

Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan -- als

Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters -- mit Stolz und

Freude -- aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines

gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein -- wie vor

ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres

Elternhauses schmückten -- wie die Carstensens sie sich im Laufe der

Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten,

ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...

Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben -- sie wird eine Freimann

... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier

Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein

zwiefach Bewährter -- ein Kriegsheld -- und hat nun auch im Leben des

Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der

vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland

wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz -- vertrau' deiner Ilse ...

Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird

sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die

drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt

regieren droben im Kontor -- und in prächtigen Villen wohnen ...

Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des

Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje

ist ein Tier -- aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen

Händen? -- Diese Antje -- die seine Schwester ist ... und die Heinz

Freimann seine Freundin nennt ...

Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für

dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen

liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche

bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen.

Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war -- was wäre aus

ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre

verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich,

konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen

Menschen -- ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau'

euch.

Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem

Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ...

vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig

Leitung kommt -- vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß

Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen,

gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom

-- eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...

Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende

Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...

* * * * *

Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der

Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum

um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres

Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ...

Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte

Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen

Großreeders Tochter -- Bündnis der amerikanischen und deutschen

Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer

weiß -- vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen

gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre

Freunde müßten darin vorkommen -- vor allem er, der ihr so stark, so

tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur -- der

dicke Bobbie ... Ach Himmel -- wie mochte es dem wohl ergangen sein

heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen -- wäre die

»Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der

ganzen Stadt gehört ...

Ach nein -- was Bobbie anfaßt, das glückt ...

Bobbie ... du armer, dummer Hunne -- du dicker, grauer Esel zwischen

den zwei Heubündeln ...

Das Land unserer Liebe · 第 16 / 23 题