Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit -- -- nur Lachen konnte retten ...
Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich
grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen -- damals!
-- der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen
Schnurrbärtchen -- -- den hatte sie gesucht -- und da war -- der andere
...
Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...
Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der
Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.
Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel
fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.
»Dat's aber scheun, Fräulein -- dat wi uns hier wiederfinnen ...«
»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei
unser erstes Begegnung.«
»Sei mich auch, Fräulein --« Tedje konnte galant werden, o ja, das
konnte er -- »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«
»Wie heißen Sie?«
»Ick heit Tedje Tietgens ...«
»Tiet --?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen --
was auch heißt Tiet--«
»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje --?!«
»Antje -- +yes+ -- +that's it+!« Schutzengel, hab' Dank!!
Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt
eine jähe Ernüchterung. Antje -- sie kennt Antje ... Er machte eine
Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen.
Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die
Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie
häufig zusammenkomme?
»Sagen Sei, Fräulein -- sind Sei am End' von Amerika?«
»+Yes, yes+, ich bin ein Bürger von die +United States+ ...«
Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem
Köpfchen das Sternenbanner.
»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen
Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert -- beunruhigt, respektvoll
... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem
Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über,
von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.
»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein -- wie kamen Sei in dit Lakal
-- un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war
ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...
»Oh -- ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann -- mit ein braunes
Schnurrbart ...«
»Na -- dat heff' ick ja ook --« versuchte Tedje zu scherzen.
»Nein -- ich meine ein andres junges Mann -- was Sie kennen also ...
damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen
zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie
nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr
zwei, für meine Sache ...«
»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«
»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm
...«
Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun
schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete --
die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos
glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern
gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies
Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde
später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem
Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei
Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit
... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile -- aus einem
Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen
Schnurrbärtchen ...
In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte
auch diesmal nicht geschlafen.
7
Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste
Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!
Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front
waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des
Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert
deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die
Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag
auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...
Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande,
vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle,
glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die
Nietschlegel ...
Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und
Welterneuerungsfieber losgerungen.
Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen -- und aus dem
Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem
Gerüst flatterte ein neues -- ein uraltes Panier.
Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und
Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende,
welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt,
geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.
Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit
brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst
die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich
zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes
aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...
Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die
Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit --
und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder
zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der
brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser,
hingebender Arbeit ...
Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende
Tiefe das uralte Fest der Rast -- der Sammlung -- des Einklangs ...
Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.
* * * * *
Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille,
müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in
dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau
Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes
und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev
Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht -- aber
selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe
bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man
spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder -- man schenkte
Genußmittel, die man sich sonst versagte -- man gab Gegenstände des
täglichen Bedarfs ...
Ach -- und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen
aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken,
Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde
er sie finden ... und er würde heimkommen -- aus der geheimnisvollen
Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen -- wie
er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer
aller Glaube ihn begleitet hatte.
Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller,
zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines
Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen --
doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...
Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den
treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner
Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit
seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter
gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen
Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne
alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten
Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann
für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte
Johanna die geplante Einladung aufgegeben.
Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie
Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war
heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der
Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United
Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte,
wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt,
daß sie bleiben durfte. -- »Ich kann meine Studien über dies kuriose
Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß
Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die
den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei
Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem
allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...
Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt.
Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da
draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen -- sie
werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob -- die
Heiligabend-Stimmung war gerettet ...
Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach
der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im
letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht
eingeladen. Der Wagen war bestellt.
Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren -- da
bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung
war da -- aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter
saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und
trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die
tröstlichen Lichter.
Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch
schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung,
Stütze hätte sein sollen -- der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig,
ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben -- dem
Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und
anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten
...
Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde
zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes
zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.
Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte
keine Tränen.
* * * * *
In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier
Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen
ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und
friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen
zu beschenken! Vollends Tedje -- Kunststück, er war seit Monaten
der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle
solches plötzlichen Wohlstandes -- der Junge war großjährig, hatte
sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder
sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen
Schnaps, seine Ölsardinen -- ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht
hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren
vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut
Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie
auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei
Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter
Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem
Gabentisch gestapelt --. »Die reinsten Friedensweihnachten --!« meinte
Vadder Tietgens -- paff, paff -- »Dunnerslag -- wat'n Tobak!«
Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen
Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm
Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen
und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz
Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche
Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife
mit Hornausguß für Vadder -- für Mudder eine wollene -- ja wahrhaftig,
eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran -- er bekam als
Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen
wunderschönen grünen Lodenhut -- und eine in Seidenpapier gewickelte
Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit
einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der
Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend
an den Armen -- und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene
Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach
Bruderart harmlos gezüchtigt.
Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. -- Die
Aufschrift der Flasche lautete:
»Apollinaris« ...
Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten -- Klavierstücke von
Grieg ...
Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie
Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten
Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick:
Wird's nun kommen -- das Erwartete -- trotz mancher Bedenken im
geheimen doch Ersehnte?
Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch -- er
las die Aufschrift:
»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«
Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf
die kam es an ...
Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak -- sah aus der
aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die
Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen -- fühlte die
Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm
Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter
Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen
erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...
Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich
... Wohin gehörst du?
Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir -- und steige wieder empor
in die Höhen, auf denen du geboren bist -- auf denen du entbehrt und
ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann
aber tu's bald -- ich trag's nicht mehr ...
Oder gehörst du zu uns? Dann sag's -- dann laß mich's wissen ... Ich
bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann
sprich ... Ich trag's nicht mehr ...
Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm
die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand
die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete -- oft hatte er sie
ihr vorgelesen:
»Was willst du -- noch einmal dein Köpfchen lehnen
an meine Brust -- ich soll mich nach dir sehnen?!«
Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein
Mädchentraum.
Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte.
Enttäuscht die Alten -- aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor
verbissener Wut der Bruder ...
Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje
herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins
Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen -- bei den Lästermäulern in
allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg -- bis hinunter zu den
Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen
Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot
bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine
Gesinnungsgenossen von der S. P. D. -- Aber der Kerl war ja wohl nicht
recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn?
oder -- wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar -- verdammi!! eine
andere gefunden? -- eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!
Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl
auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja
wohl mit ihnen unter der Decke -- wie seit acht Tagen schon -- seit er
selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen
und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es
kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den
Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich
zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren,
die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen
heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar -- das war doch mal
wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf,
Clas, Antje, Anders -- und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten
noch 'nen Gang -- in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg
waren sie -- und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon
seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und
verschwunden waren alle drei ...
Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder
kamen ...«
Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen
sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...
»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich -- denn möten wi uns allein trösten
...«
»Hest jo mi, Vadder --« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes,
dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.
Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.
8
Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der
Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am
fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der
Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem
Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder
hatte sie Gaben besorgt -- für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht
kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch
die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten
unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen
Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte
Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor
im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet -- und eine
Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im
Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.
»Nicht gar zu sehr verwöhnen! -- Sie werden's nie wieder so gut
bekommen -- und später immer enttäuscht und traurig sein ...«
»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken
... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben -- es
gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert,
sagt ihr? Es ist warm bei euch -- viel wärmer als drüben ...«
Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die
Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch
eine Fünf-Dollarnote. So -- nun war sie aber auch völlig blank ... Gut,
daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...
Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie
ihren Gabenkorb bekommen haben -- der arme Bobbie in seinem einsamen
Junggesellenstübchen -- zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen
und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die
erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei
an sie denken würde?! Ach nein -- er dachte gewiß an die schlanke Ilse
-- die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ...
Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer
...
Ach was -- an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein
recht dicker, langohriger Esel ...
An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war
unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse
eingeladen hatte -- die würde staunen -- und sich vielleicht doch ein
wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes
Töchterchen gekümmert hatte.
So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und
ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den
Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders -- dessen Seele einmal
Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen -- und der wunderliche
Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem
scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig
er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im
Kämmerchen ausgebreitet lag -- samt allem Zubehör: dem langen weißen
Umhängebart -- dem Sack mit Äpfeln und Nüssen -- und der Rute für die
unartigen Kinder ...
Horch -- welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das
Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den
finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der
schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die
Kerzenbäume -- und droben, wo die Hauswände mit schwarzem Strich zu
Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden
Sternen beflittert ...
Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön -- noch nie meinte
die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und
autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben.
Glocken -- Kirchenglocken -- aber wie viele -- wie unmenschlich viele!
Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß
es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt
um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet
hatten -- daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend
Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier
Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden
Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen
Erdballs ...
Die übriggeblieben waren -- ihr vereinter Schall war immer noch
machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten
Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige
Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin
war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen,
rätselschweren Landes -- dieses Landes, das sie drüben das
Hunnenland nannten -- und in dem sie nichts als gütige, schnurrige,
traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...
Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den
Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier -- und nicht im
Lande der Bethlehem Steel Company ...
O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang -- o Seele,
Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit --
des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...
Doch -- da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten
Jungen -- die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ...
Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen
Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen
staunten sie, die zwei guten Jungen ...
»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr
guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister
Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere
kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben
zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind
richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's
+confusion+!«
Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und
Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen
Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen
Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken
angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um --
klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie
aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen,
blind, verstaubt:
»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt
hebbt!«
Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches
Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick,
bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht
vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als
sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was
in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine
fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein
Schulkind -- sie litt ...
Er wandte sich ab -- es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm
seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte
zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal
heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche
die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in
die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen
Dezembersturm immer ungelenker wurden -- und schlug die Tasten an:
»O du fröhliche,
o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit ...«
Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger
glitten von den Tasten -- über den weißen Bart kollerten aus des
Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...
»Wat hebbt Sei, Clos?«
»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick
warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien
Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien
Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt -- un
Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann -- öwerst nu warden
mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz
all sien mit dat Klavierspeelen ...«
Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja
selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...
Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind
und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das
Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust -- seine
glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden
Mädchenherzens.
»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu
fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit
nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw -- ick gleuw ...
Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«
Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.
»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«
»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd
tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«
»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich
...«
* * * * *
»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter
Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...
»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«
Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.
Und -- da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz,
frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee -- sie trat zur Rechten
-- und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu
meistern.
Und nun trappsten und trippelten sie herein -- auf ihren
zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen -- ach, es waren gar ein paar
Barfüßer dabei -- die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen,
verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten
Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die
der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre
verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens
über den Irrsinn des Leidenmüssens -- in vielen aber auch schon die
Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und
jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten
Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung
gewordenen Verbrechertums ...
Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender
Zug von Glückseligkeit -- die alle hatten dieser Weihnachtszeit
entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen
freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene
Gabe -- bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet,
keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden
ihres Hauses geladen -- sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der
Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt
wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der
Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.
Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das
große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes,
verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...
Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah
... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den
blanken Stiefelchen von ihnen wollte -- wie sie dazu kam, einen Haufen
fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen
... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von
ihrer Sorte ausgesucht hatte -- einen Arbeitsmann und ehemaligen
Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine
-- Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das
war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H.
T. L. tippen ging!
Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch
eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal
-- so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern
standen, aber ausgestopft -- und das war ein lebendiger -- zwar die
scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher
alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange,
ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er
hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das
Schöne, daß es man Spaß war ...
Ach -- und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu
spielen ...
Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig
mit, als nun die alte Weise klang -- die wunderliebe deutsche Weise von
der stillen, der heiligen Nacht.
* * * * *
Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge,
flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die
gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen
tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein
feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im
schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.
Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche
der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten
Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd,
heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...
Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan
... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:
»Christ, der Retter ist da --
Christ, der Retter ist da ...«
Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause
gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen
nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften -- ihres einsamen
Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos,
unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der
Gnadenbotschaft aus der Höhe.
Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten
Klaviernachklänge verschwebten -- und stand geblendet im
verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer
Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller
Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden
Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend,
unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige
Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die
Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold
der Güte so lieblich mischte -- und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann
vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und
bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes
Paar -- sieh da -- Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin
-- mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer
unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...
Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen
-- aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem
jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken
kehrend, mit der Sekretärin plauderte.
Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens --
sah wahrhaftig wie eine Dame aus -- und war doch, wenn man sich recht
erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit
dem sie im Wechsel mit ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der
immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte
-- das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar,
die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person -- und der Matrose
mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...
Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem
Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar
arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner
Schätze behilflich zu sein -- jetzt hob der Kopf sich ein wenig -- --
Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten,
in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand --
Und wieder wandte er -- er! -- wandte sich wieder an dieses Fräulein
Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her -- es lächelte der
weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die
zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des
Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich
regten, die reine Flamme der Menschengüte.
Sie -- sie ist gut zu ihm -- sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm
Gutes tun an den Ärmsten -- und ich -- --
Also hier -- hier ist er -- hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt
der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und
Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht --?!
In Ilses Wesen löste sich etwas -- etwas Starres und Stählernes --
etwas Stolzes und Steifes -- löste sich, fiel ab wie Schale, wie
Schlacke -- und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward
entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik
ward Harfen- und Schalmeienjubel -- ein Mensch ward sich seiner
Menschlichkeit bewußt.
Und jetzt -- jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel sich
vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur
Tür -- -- und da sanken seine Arme am Leib herab -- und auch in seine
Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den
dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.
Und Blick senkte sich in Blick.
Du bist's -- du -- -- hier find' ich dich -- hier bist du --! staunte
Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen -- im Kleide der Schlichten ...
hingegeben dem Werk der schenkenden Güte -- --
Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.
Nein -- ich versteh' dich nicht -- aber ich glaube -- -- ich -- ahne
dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ...
begriff' erst heute, wer du bist ...
Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest --
schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über
den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...
Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen -- dieser kurze
Blicketausch war letztes Erkennen -- ein Liebesgeständnis ... ein neues
Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen -- inmitten
des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte -- heiligstes
Geheimnis dieser heiligen Nacht -- --
Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden -- mit einem Ruck
zurückverwandelt ...
Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten
aufgetaucht -- ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes
ein Dämon des Hasses ...
Nur einen Moment -- und schon war er verschwunden -- geblendet,
hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.