Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das
Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte
schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut,
fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.
Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend,
dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen,
zähnefletschend in tückischer Wut ...
»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«
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Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die
Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst,
die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem
technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere
führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche
im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der
Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage
des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie
wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen.
Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer
Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal
schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder
scheitern.
Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle
Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte,
das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu
vertreiben wissen.
Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und
Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner
verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei
Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte
die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue
Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es
heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen
durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle
Vorschläge über den Haufen.
Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war
doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale
Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich
gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen
Untergang hinein ...
Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen
deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese
Menschen, dieses Volk ...
Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf
gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden
... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den
Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen
lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und
Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung
entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last
ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die
Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu
halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte
zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.
Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie
ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse
verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte
Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem
Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie
einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen
Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und
ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte
dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des
Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische
Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben,
seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen
und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses
krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts
Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch
nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und
erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit.
Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl.
Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die
Zeit übten ihre Rechte.
Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.
In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste
Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er
wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ...
Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig,
was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn
und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter,
seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle
durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger,
entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn
sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den
Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber
verhängt hat ...
So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so
mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr
feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des
Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr
entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...
Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den
zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen
diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos
jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter
Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.
6
Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere
Einverständnis.
»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer
Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen
nicht, ich fühle es ...«
»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle
Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«
»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt
... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das
ist mehr als lieben ...«
»Zwei, Bessiechen?«
»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht
kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie
den Ring längst abgelegt ...«
»Nun, und der andere?«
Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.
»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in
Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«
Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich
will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist
ein Esel.«
»Schämen Sie sich, Ilse!«
»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel
zwischen den zwei Heubündeln?«
* * * * *
Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es
besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur
»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf
Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie
belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte,
daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war
-- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ...
Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers
am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann
-- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias
Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine
allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long
Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige
Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des
Herrn Freimann empfand.
Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem
kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje
die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr
neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff
herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem
Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas --
nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.
Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art
zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich
nicht so übermütig ...«
Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch.
»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich
verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden
Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«
»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann
alles ...«
Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster
stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener
Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen
Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?«
Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme
... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche
Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die
Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.
»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder,
wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden --
beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über
unserm Wünschen und Hoffen steht ...«
»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«
»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir
sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir
alle ...«
Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie
böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte
daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe
wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...
»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein
hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem
großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der
Hand?«
Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten
deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der
geflügelte Engel an seiner Spitze ...
Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine
Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland
...
Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen
weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den
schlimmen Vierteln.
Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit
Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber
dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die
sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest
hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das
mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre,
würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern
weiden ...
Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje
gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen
Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde
stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen
würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der
Neid der Armen auf die Reichen ...
Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind
selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß
vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr
verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen
kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der
Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen
ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen.
Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und
ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart --
einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen
unterm Arm ...
Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von
ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur
ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine
Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches
kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen
dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern
und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll
anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte
einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.
Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt
hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln
anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.
Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.
Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im
Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den
Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie
alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte
Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen
wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem
Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem
braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!
Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch
viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er
aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an
jenem Sommernachmittage gefahren war ...
Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe
am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten
sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen
Patschen.
»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und
hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«
Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende
ausblieb.
Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden,
gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte
-- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich
heran:
»Wat wull dei Dam', Kinnings?«
Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach
aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.
»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch
die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes
Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«
Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes
Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des
glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen
Seligkeit verholfen hatte ...
»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick
gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi
ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«
Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom
schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in
die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all
männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien'
-- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick
em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e
Gang'n is ...«
In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst
verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.
Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte
ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut
werd' ich dich brauchen ...
»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an
...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum
Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein --
für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche
Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient
werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht
zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und
scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.
Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach
scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich
eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ...
und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes
Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie
Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon
zu spät? Schutzengel, hilf!!
Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das
in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine
dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei
Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden
Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern
Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen --
grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen
geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen
Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte
zufrieden, knickste und humpelte weiter.
Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die
Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze
Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand
drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein
neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter,
knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...
Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war
sie verloren ...
»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen
nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich
gehen ...«
Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue
im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine
Bedeutung.
»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an
den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will
heraus ...«
»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de
Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du
schast tofreden sien ...«
Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte
plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...