Ein dreifacher Aufschrei drunten --

Haarscharf zwischen Robert Timmermanns und Ilse Carstensen klirrte das

Wurfgeschoß des Hasses auf einen Querbalken der Helling, schnellte

schräg empor, prallte mit hellem Klang wider die eiserne Schiffshaut,

fiel zum zweiten Male dicht vor den Füßen der Erstarrten nieder.

Hoch droben glotzten zwei Jungmännergesichter -- eins aufatmend,

dankbar, daß der Streich mißglückt -- eins grimmzerfressen,

zähnefletschend in tückischer Wut ...

»Entschülligen S' man -- t' weur man 'n lüttjes Verseih'n ...«

5

Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die

Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst,

die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem

technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere

führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche

im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der

Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage

des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie

wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen.

Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer

Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal

schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder

scheitern.

Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle

Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte,

das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu

vertreiben wissen.

Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und

Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner

verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei

Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte

die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue

Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es

heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen

durchzudrücken -- morgen warf die anschwellende Markentwertung alle

Vorschläge über den Haufen.

Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war

doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale

Disziplin war zum Teufel -- sie fraßen einander auf, bewucherten sich

gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen

Untergang hinein ...

Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen

deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese

Menschen, dieses Volk ...

Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf

gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden

... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den

Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen

lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und

Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung

entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last

ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die

Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu

halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte

zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.

Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie

ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse

verbessern -- dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte

Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem

Herzen geregt hatte -- sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie

einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen

Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und

ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte

dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des

Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische

Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben,

seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen

und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet --. Ilses

krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts

Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch

nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und

erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit.

Ein Rauhbein -- ein Streber -- ein Prolet -- aber ein Mann -- ein Kerl.

Und Heinz Freimanns Bild verblaßte -- ward entrückt ... Die Ferne, die

Zeit übten ihre Rechte.

Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.

In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste

Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er

wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ...

Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum -- gleichgültig,

was er treibt, leidet, fühlt -- es ist notwendig -- notwendig für ihn

und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter,

seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle

durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger,

entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn

sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den

Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber

verhängt hat ...

So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht -- so

mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr

feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des

Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr

entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...

Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den

zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen

diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos

jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter

Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.

6

Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere

Einverständnis.

»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer

Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen

nicht, ich fühle es ...«

»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle

Mädchen der Welt -- genügt Ihnen das?«

»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt

... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das

ist mehr als lieben ...«

»Zwei, Bessiechen?«

»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht

kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie

den Ring längst abgelegt ...«

»Nun, und der andere?«

Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.

»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in

Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat -- für uns beide ...«

Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich

will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist

ein Esel.«

»Schämen Sie sich, Ilse!«

»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel

zwischen den zwei Heubündeln?«

* * * * *

Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es

besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur

»Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf

Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine -- und war dann frei. Bessie

belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte,

daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war

-- seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ...

Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers

am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann

-- damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias

Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine

allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long

Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige

Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des

Herrn Freimann empfand.

Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem

kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje

die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr

neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff

herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem

Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas --

nicht zur Stelle gewesen wären? -- und warnte.

Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art

zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es -- sonst wäre ich

nicht so übermütig ...«

Antje war skeptisch -- sie warnte die kleine Phantastin energisch.

»Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich

verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden

Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«

»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann

alles ...«

Plötzlich klatschte sie in die Hände -- blieb vor einem Ladenfenster

stehen: »Schauen Sie -- da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener

Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen

Sie -- was ist das für ein merkwürdiger Baum?«

Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme

... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche

Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken -- selbst die

Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.

»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder,

wenn Weihnachten kommt -- und warten, daß wir beschenkt werden --

beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über

unserm Wünschen und Hoffen steht ...«

»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«

»Ach -- es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir

sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir

alle ...«

Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie

böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden -- Amerika hatte

daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe

wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...

»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein

hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem

großen Bart -- und einem großen Sack -- und er trägt einen Besen in der

Hand?«

Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten

deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der

geflügelte Engel an seiner Spitze ...

Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. -- Wie werden meine

Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland

...

Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen

weiter. So etwas mußte sie machen -- für ihre kleinen Freunde in den

schlimmen Vierteln.

Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit

Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber

dann hätte +daddy+ davon erfahren -- und die anderen alle, die

sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest

hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein -- das

mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre,

würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern

weiden ...

Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje

gesagt ... Nein -- es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen

Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde

stehen und all die Pracht bestaunen -- und schon in ihren jungen Seelen

würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der

Neid der Armen auf die Reichen ...

Nein, man würde zu ihnen gehen -- niedersteigen wie das Christkind

selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß

vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr

verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen

kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der

Proletariergassen -- den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen

ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen.

Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und

ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein -- mit einem langen Bart --

einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel -- und einem Besen

unterm Arm ...

Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von

ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur

ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine

Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches

kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen

dabei, die Bessie wohl leiden mochte -- aber sie waren alle nüchtern

und schwunglos wie ein Lineal -- die würden sie groß und respektvoll

anstaunen -- und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein -- es müßte

einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.

Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt

hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln

anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.

Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.

Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im

Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den

Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie

alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte

Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen

wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte -- oder ihrem

Tempo nicht hätte folgen können ... Pah -- diese Stenotypistin mit dem

braunen Madonnenscheitel -- was wußte die von einem Schutzengel?!

Richtig ... hier war's gewesen -- hier an der Ecke zu dieser -- noch

viel engeren -- puh -- wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er

aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an

jenem Sommernachmittage gefahren war ...

Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe

am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten

sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen

Patschen.

»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und

hat ein Gesicht sehr gut -- und ist sehr mjutig?«

Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende

ausblieb.

Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden,

gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte

-- und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich

heran:

»Wat wull dei Dam', Kinnings?«

Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach

aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.

»+Yes, madam+,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch

die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges +man+, braunes

Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«

Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes

Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des

glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen

Seligkeit verholfen hatte ...

»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick

gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi

ünner -- dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«

Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom

schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in

die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte -- »Fohrräder heff ick all

männigesmol opbewohrt -- öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien'

-- dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick

em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e

Gang'n is ...«

In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst

verdunstet -- sie dachte sogar auf hamburgisch.

Es ging in einen stockfinsteren Gang -- Bessie schauderte und schickte

ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut

werd' ich dich brauchen ...

»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an

...« Schade -- surrte es durch das Hirn der Alten -- dat wier wat taum

Verschärfen -- öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein --

für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche

Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient

werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht

zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung -- und

scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.

Nun eine Stiege hinauf -- durch einen elektrisch beleuchteten, nach

scheußlichen Parfüms duftenden Korridor -- hier und da öffnete sich

eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ...

und noch einer, noch einer -- Kichern, kreischende Worte, kreischendes

Gelächter -- Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie

Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon

zu spät? Schutzengel, hilf!!

Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das

in einer Ecke stand -- holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine

dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei

Sternen sich schlang -- füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden

Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern

Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen --

grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen

geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen

Haufen Dollarnoten in die Krallen -- die prüfte genau, schmunzelte

zufrieden, knickste und humpelte weiter.

Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin -- hier schien die

Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze

Abschlußwand -- eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand

drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein

neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter,

knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...

Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war

sie verloren ...

»Nein -- nein --« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen

nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will -- lassen mich

gehen ...«

Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue

im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich -- das hatte keine

Bedeutung.

»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an

den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin -- »ich will fort, ich will

heraus ...«

»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de

Frigersmann -- nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du

schast tofreden sien ...«

Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang -- tauchte

plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...

Das Land unserer Liebe · 第 10 / 23 题