Viertes Buch

1

Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in

der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés

der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße -- das war

seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand,

wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen

traf -- niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander

gefunden. Ilse begriff nun alles -- verstand des Freundes Suchen und

Sehnen -- wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine

Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...

Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um

die berußten Ziegelfronten der Neustadt -- aber durch die jagenden

Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden

Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige

Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein

Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der

Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die

hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre

Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und

durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.

»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich

armselige Blaujacke schwerlich -- also beichte, für wen?«

»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige

Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an --

das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines

Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«

»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.

»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator

Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der

›Deutschland‹ -- doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«

»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht

wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt.

Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch -- die

Republik sei in Gefahr.«

»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau

und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas

bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung

... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«

»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum

Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder

sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in

diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die

Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich -- dann kracht's auch hier, und

ganz besonders auf unserer Werft!«

»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang'

ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche

Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei

jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist

mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«

Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der

Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er

müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe

gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit

Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob

auch unsereins einmal so frei sein darf ...«

»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich

habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst

... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun -- und was wurde weiter?

Was sagtest du, tatest du?«

»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der

Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein

hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle

mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ...

es war ein Leutnant Timmermanns -- der Bruder unseres Generaldirektors

...«

»Ah -- deines stillen Verehrers!«

»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig

befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die

›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«

»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger.

»Nun -- und wie ging's aus?«

»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um

meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum

Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in

seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da

ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche

Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ...

ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den

Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen

seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du

das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht,

wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder

... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche

Unternehmung ihren Zweck erreicht?«

»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich

warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde

ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen

sein ...«

»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte

ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«

»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten.

Das ist ein langes Kapitel ...«

»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine

Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen

Sinne als jetzt bei Vater ...«

»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich

gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich

kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«

»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier

Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig

gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen

-- da hast du die Arbeiterseele!«

»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte

Heinz.

»Ach nein -- die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter.

»Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur --

unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«

»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das

nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen,

unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören

bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung

des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes

-- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was

das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge

nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als

Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer

aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige

Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer

hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt

zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang

der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem

Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat

den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«

»Und das -- das willst du --?!«

»Ich will's -- solange kein anderer es tut -- kein anderer als

vielleicht der Feind -- durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese

Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer

Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur,

unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«

»Also was willst du tun?«

»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des

Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich

werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die

irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder

verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß:

Hier ist eine ungeheure Not -- Millionen der Menschen, die unsere

Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser

seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun

werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja

jetzt auf einmal alles -- ich begreife, warum wir den Krieg verloren

haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die

große Prüfung über uns kam.«

»Und euer berühmter Geist von 1914?«

»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal

kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres

Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres

ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam,

unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten

Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den

Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb

der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht

ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So

-- ist's gekommen.«

»Und -- was soll werden?« fragte Ilse.

»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein

Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung,

des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies

und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das

alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt --

das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen

-- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres

zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen,

nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe,

nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit

Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung

des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes

nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen

Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«

»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch

nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!«

»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem

Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.«

»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«

»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf

kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation.

Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird.

Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht

alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen

Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns

überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein

amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder

Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der

Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner.

Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt,

stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans

Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die

Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische

Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«

»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft

haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge

sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der

einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die

andere -- die wird uns aufgezwungen ...«

»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer

unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen:

Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz

eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres

einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen

unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun.

Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter

Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich

dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber

sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt,

scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja

übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen

Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich

die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn

ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen

Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer

und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das

Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst

du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das

Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor

meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden.

Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«

2

An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der

Friedenszeit ...

Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter,

erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's

ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.

Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches

Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ...

Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der

Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib

aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen

»Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens,

dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des

Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen

Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.

Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches

Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male

unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg

anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste

Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes

tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der

allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...

Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne

mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der

wahnzerrissenen Menschheit.

Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand

eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der

Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu

begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten

eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter

seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen

hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon

längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große

Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen -- und dem feierlichen

Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte,

daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die

qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.

Hatte sie das wirklich?!

Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von

Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es

billig bezweifeln.

Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie

es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.

Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im

Streik -- und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die

Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit

aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen

Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...

Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen

als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten

Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an

das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe

Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad

der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen -- -- er war

gefunden.

Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von

drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung

entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte,

er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution?

Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts -- was würde er dem

Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam -- würde sie nicht das

Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges

-- ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland

immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!

Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev

Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann,

gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren

Mitarbeitern tauschten.

Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis

dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau

Johanna -- und Bessie.

Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr

hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten

Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:

Heinz ist gefunden!

Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht

getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn

die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die

er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden

wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz

hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren --

um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht

den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat

-- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig

Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich

-- ein Volk.

So träumte Mutter Johanna ...

»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie

trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut

hätte ...«

Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie --

du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse -- willst es

nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein

kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in

einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...

»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«

Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz

frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.

Ach -- es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage,

da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der

Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen

Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren

fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte,

Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt,

und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene

Jäckchen in Fetzen gerissen ...

Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der

scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.

»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim

... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann,

meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und

will wieder unser sein ...«

Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die

Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu

beherrschen, wenn andere zuschauen.

»Und dann? Und dann, Ilse?«

»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium

berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des

Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will

mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des

Kaisers Offizier ...«

Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man

würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich

finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus

sei ihm nicht Heimat mehr ...

»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr

von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ...

+Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt

mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister

Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn

du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er

hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«

»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«

»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind

gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung

... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in

der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute

an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses

bieten -- sonst verlören sie das Vertrauen -- und die Vereinigung der

beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der

Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts

zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm

alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch

geblieben ist ...«

Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten,

wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den

hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen

schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und

Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der

Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern

der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich

alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das

Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden

Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.

Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf

Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt

vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt

vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem

Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem

Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten

Kaiserreichs ...

»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der

einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung

verstummt ...

Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der

Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's

möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!

Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.

War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief

an die Lebensgefährtin der Browning lag --?

Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes

Antlitz.

Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände

-- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den

Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die

Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte

Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und

auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der

wiedererwachten Menschlichkeit.

3

Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer

näher und näher. Unabwendbar.

Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die

tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur

ein Vorspiel.

Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph

des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm

selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des

Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht

vom Stapel laufen -- --

Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit,

das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft

geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten

bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...

Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine

starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft -- im Bunde mit

seinen Freunden, seinen Stubengenossen!

Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob

Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn

einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen

Hund ...

Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen

-- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch

... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter

würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des

Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.

Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach

Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die

Feinde -- die Kapitalisten.

Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft

hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?

Nicht zu früh triumphieren -- ihr da oben im Licht!!

Die »Deutschland« läuft morgen ~nicht~ vom Stapel! Die

»Deutschland« geht heut nacht in die Luft!

Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje

Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!!

* * * * *

In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens

hatte nicht den Vorsitz mehr -- die Beratungen leitete im Auftrage der

Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in

der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den

Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der

lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige

Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die

Sowjetrubel.

Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst

unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie,

selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen -- sie schielten

alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken

zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut!

Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!

Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution

rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte

sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen

Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben

zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue

aufzurichten in Deutschland.

Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.

Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die

Laterne!

Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch

goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah -- schreien!

Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber

wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein

paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren

punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln -- dazu

reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter!

Der Feind, der handelt --! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein

Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen

-- das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit

dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und

drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr

selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung

für die Macht des Götzen, der euch alle knechtet, euch Proletarier der

alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen

›Deutschland‹ tragen -- eine neue Herausforderung des international

gesinnten deutschen Proletariats -- eine neue Verherrlichung des

Nationalismus -- dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das

mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in

unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern -- das sie vier Jahre

lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig

zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die

Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben

hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer

Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«

»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die

Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut!

An'ne Wand dei Schufte!«

»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland?

Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes

übrig gehabt als verblödende Arbeit -- elenden Hungerlohn -- stinkige

Zinskasernen -- gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln -- und wenn

eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben

der Arbeit für die Großen -- hundert Mark Invalidenrente?!

Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser

geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!

Das Land unserer Liebe · 第 12 / 23 题