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Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.
Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag«
unterzeichnet.
Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.
Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale
von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster
Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere,
entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die
Junirevolte.
Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still.
In den Adern der Stadt stockte das Blut.
Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in
ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern,
ohnmächtig geballten Fäusten.
Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen,
Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu
wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu
werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend -- der Söhne und
Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung
und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich
genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer
erhöhten Lebensstellung genossen hatte.
Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel
des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche
Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo
herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein
Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und
Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter
das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten -- kämpften in
hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer
der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war --
und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und
unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.
Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme -- Tage, die ihre
Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...
Und endlich kam dennoch die Erlösung.
Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und
plötzlich war das Gesindel zerstoben.
* * * * *
Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein
anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um
nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich
nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden:
Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner
verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen
die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen
beobachtet, gelauscht, gelernt ...
Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.
Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse -- und es
gab den Pöbel.
Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er
für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt
hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und --
ach ja, auch Antje.
Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine
in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie
sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte
den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas
völlig Neues in der Geschichte der Menschheit -- mit dem Proletarier
vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. -- Ein neuer
Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit
den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt.
Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der
neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft
der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild
Gottes« gekommen waren ...
Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen -- und die andern,
die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band
wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg
Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen,
die an gemeinsamem Werke wirkten ...
Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke
Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen
Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu,
sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit,
sein Gesicht gewandelt hatte -- der Pöbel ...
Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in
das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte
sich Pöbel gebildet -- der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der
Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten
... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser
Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte -- daß die Hefeschicht nicht mehr
ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte,
emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte,
in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen
Zersetzung ...
War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit
an dieser Zeit sich auswirkte -- an dieser nie erhörten Zeit der
Umformung und der Erschütterung, welche die -- -- Maschine über die
Menschheit verhängt hatte?!
Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen
hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun
auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem
Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das
alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin
seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...
Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung
nachsann -- in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in
denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.
Unsäglich das Grauen solcher Nächte -- durchängstet von der
hoffnungslosen Frage:
Wie soll das enden?!
Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns
aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter
Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten
Geschlecht seiner Tage ...
Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen
Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins,
das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit
der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation,
mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit
trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff:
daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein
Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am
gemeinsamen Werk?
Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen
ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den
lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was
half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande
waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an
den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!
Arm blieben sie dennoch -- sie konnten nicht glücklich werden, niemals
und auf keine Weise glücklich ...
Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward,
sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig,
wesentlich, notwendig, sinnvoll -- heilig zu begreifen ...
Wer hatte sie das gelehrt -- wer sah auch nur die Aufgabe, sie das
zu lehren -- wer war selbstlos, unantastbar -- und dabei wort- und
wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein
genug, sie das zu lehren?!
Ach -- und selbst der Abschaum, der Pöbel -- verdiente er Verdammung,
Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und
Maulkorb -- oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des
Erbarmens, der Erlösung?
Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt
erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und
in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß
einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen
... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die
Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und
wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...
Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten,
zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich
zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war
gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine
Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein
Bolschewist -- ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des
Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...
Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der
Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch
zähe Arbeit des Kopfes -- nein, es erraffen, an sich reißen mit der
Masse der starken Fäuste -- nicht es genießen mit den tausend Organen
verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser,
verständnisloser Orgie ...
Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die
sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft,
zertrampelt hatte -- wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien
wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals,
ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens --
hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall
das gleiche gefunden:
Unabweisbare Folgerichtigkeit -- lückenlose Kausalität -- unentrinnbare
Logik -- --
Notwendigkeit -- --?!
Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber --
sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie
er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung
entraffte -- nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in
seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden
Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß
der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand --
wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören,
Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...
Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz -- das hörende,
schauende, verstehende Herz ...
* * * * *
In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für
Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das
Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.
Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen
verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit
Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht
und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen
und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen,
sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am
Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte,
durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst
und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und
abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen
und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der
Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften
und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit
trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle
Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz
des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und
gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg
gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster,
verhetzter, irregeführter Menschenherzen -- in jene Tiefe, in der,
ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte -- die Sehnsucht nach
Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...
Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum
erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie
begreifen lehren.
2
Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten
Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen
Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige
Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von
Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.
Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die
überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder
zur Arbeit ein.
Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und
Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden
Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern
und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner
in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer
angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen
worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom
Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu
Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch
der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um
nach seinem Kran zu sehen.
Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen
Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.
Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit
anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen
der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen
auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:
»-- und kussen ihr die Schönheit äbb --
und kussen ihr die Schönheit äbb ...«
Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe
mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes
durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines
entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und
von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.
Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die
eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er
hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft
anscheinend noch nicht verloren.
Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung
in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm
geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit
nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und
riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen
nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der
Reedereien heranzutreten.
So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der
Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen
ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu
Hause gelassen -- nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden
wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige
Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter
letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P.
D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn
seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde
er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die
Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des
Gesamtbetriebes beauftragt.
Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als
Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen
hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie
nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben
würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme
Überraschung -- oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von
Enttäuschung? -- Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle
seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von
einer seltsamen Befangenheit ...
Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue
Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen
Neuyorkerin für sein Seelenleid -- und dann die Szene im Atlantic --
Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen
berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker
Beifall brüllend -- und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen -- da
bestand ein Zusammenhang ...
Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers
Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr
herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ...
Bessie -- das Täubchen auf dem Dach -- o weh -- es war sogar schon
ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand!
Na, warte, Bobbie -- so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht
werden!
Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem
Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.
Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft
vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden
Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender
Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und
Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen -- dann weinte sie nachts
in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad
wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in
einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande
gemacht hatte.
3
Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt --
aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote
See«.
Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf
dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die
Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs
in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren -- leider mit ihnen
die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken
geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler
waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam,
doch unabwendbar angeschwollen war -- nun ward sie Lawine und begrub
die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie
immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte
es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte
sich ja nicht »verbürgerlichen«.
»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens,
»denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt
kriegen, Jungs ...«
Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale -- und wieder kamen
russische Hilfstruppen -- kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große
Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab -- aber längst
war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an
dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten
Deutschland den günstigsten Nährboden.
Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf
der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang
er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die
neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.
Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die
Regierungstruppen abrücken sollten ...
An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch
seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit.
Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.
Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten
der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend
an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die
Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen
Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden
der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein
Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In
einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch
erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das
Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin
Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was
Haß ist.
»Also leb' wohl, teures Bruderherz -- und mein aufrichtiges Beileid,
daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben
mußt ... Was macht der Karabiner?«
»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht
behalten -- er hat sich bewährt.«
»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach
seinem vollen Werte bezahlt hast?!«
»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht
man dich in Hamburg wieder?«
»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen
Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und
Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben -- wo man
mich bespuckt und getreten hat ...«
Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat,
wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde,
disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe
und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine
Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der
Rampe herniederschallend -- grelle Zwischenrufe, die Klingel eines
selbstbestellten Verhandlungsleiters -- ein Güterwagen als »Olymp«, das
Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel
besetzt -- ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers
klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors
allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen
Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben,
Grotsnuut?!«
Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren
Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung«
trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen.
Ein Trost -- aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug
auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...
Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:
»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen -- ich hatte schon Angst,
man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank,
Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich
zart:
»Keine Angst, Fräulein Ilse --« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse
zu sagen! -- »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels
sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die
andern lassen sich mitreißen ...«
»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse.
»Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die
›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe -- andernfalls
werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit
aufgeben ...«
»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.
Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus.
Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«
Timmermanns trat ans Fenster und las -- o weh -- es war Englisch -- und
dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...
Ein kurzer Kampf -- dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die
Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen
hatte.
»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«
Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters
Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut
den Namen der Absenderin.
Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na -- wenn schon --
--
»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort
auf!«
Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische
Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.
»Heißt wie auf Deutsch?«
»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«
»Fräulein Ilse --!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie -- wie können
Sie nur --«
»Versuchen Sie nicht zu schwindeln -- -- Herr -- Generaldirektor!«
lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«
Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür
auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll
herein -- mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst,
Schnapsdunst --.
Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte
der Destille. Da sah er Ilse -- und eine zweite heißere Flamme zuckte
in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb
an die »Feine«.
»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch.
»Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die
Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen -- und wir sünd beauftragt,
die Werftdirekschon ein Ul -- ein Ul --«
»-- ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns
herablassend ein.
»Ja -- dat is dat Wort --« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich
Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns -- ick heiß' Herr
Tietgens!«
Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.
»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«,
erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit
die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«
Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen
der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die
Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes.
Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel -- so was in
die Arme kriegen -- -- das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn
-- die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich
begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren
... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...
Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke
trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das
überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.
»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die
Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen,
dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt
ist -- das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit
der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu
verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure
Forderungen reden. Vorher -- ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu
diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«
»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«,
sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en
Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«
Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.
Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute
... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe -- den Arbeitnehmern
wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die
Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu
machen? Es ging nicht ...
»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist
die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine
schwere Zeit -- wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«
»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die
Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise
bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken
vörklöhnen --«
In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen
können, den Ring abzulegen ...
»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte
Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot
-- kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne,
Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der
hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.
»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns.
»Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de
Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«
Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser
Frau -- der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff
einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den
Arm. Ilse riß Timmermanns zurück -- ihre Kinnbacken bebten.
»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen.
»Ick will di woll kriegen -- un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt
und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland -- --«
Da schnarrte der Fernsprecher.
Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme
erkannt. Es war wie ein Zauber -- als stünde er neben ihr, so laut und
klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie
durchschwirrte ...
»Ach, Ilse -- du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt
der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«
»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen
der Arbeiterschaft.«
»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.
4
Selbfünft schritten sie über das Werftgelände, vom Direktionsgebäude
zur Helling hinüber -- umstiebt vom ersten Schnee.
»+Goddam!+« knurrte Elias Patterson, »arbeiten könnt ihr immer
noch, ihr Deutschen ...«
In seinem knisternden Nerzpelz sah er neben der verschlissenen
Vorkriegseleganz Detlev Carstensens wie der reiche Verwandte aus,
der den verarmten Vetter zu besuchen kommt. Aber der verarmte
Vetter brauchte sein Haupt heute nicht niederzusenken, da stand
seine Leistung: die »Deutschland« reckte sich schon bis fast unters
Krangerüst ... Und überall klang im scharfen Dezemberhauch das
tausendfältige Ticktack der Niethämmer, das schnarrende Schwirren des
elektrischen Nietens -- das Knarren der Krane, die viele hundert Tonnen
hoben wie Streichholzschachteln und durch die Lüfte entführten wie
Flaumfedern ... Der alte Carstensen nahm die geflüsterte Anerkennung
des Mannes von drüben mit stummem Behagen hin. Ja -- es ging aufwärts
...
Timmermanns fand sich selber sehr komisch -- zwischen den zwei jungen
Damen, von Bessies frierendem Köterchen mit verärgertem Kläffen
umkreist ... In eine von euch bin ich verliebt, dachte er -- wüßt' ich
nur genau in welche ...
Ilse beobachtete den Getreuen, Treulosen, mit geheimem Schmunzeln ...
Bobbies Psychologie war heute mal wieder sehr durchsichtig ...
Es war, als empfinde auch Bessie, daß ihr langer Lehrmeister nicht mit
ganzem Herzen bei ihr sei. Sie schob plötzlich ihre kleine feste Hand
unter seinen Arm, lachte den Überraschten von unten her vielsagend an.
Es war wie eine Beschlagnahme.
Hoch droben auf dem obersten Laufsteg hämmerten die Zwillinge Tedje und
Clas. Pink, pank! -- Die Gesichter vom Schneesturm gerötet, die Hände
klamm vor Frost, der ganze Oberleib dampfend vom Schaffen, aller halben
Minuten ein Niet -- tick tack -- pink pank.
Plötzlich sah Tedje, daß sein Helfmann Anders entgeistert in die Tiefe
starrte. Tedje folgte dem Blick -- und sah da unten seinen Feind stehen
-- und -- -- die Feine ...
Düwel -- und noch jemanden, den er kannte ...
Dies kleine Gör in dem plustrigen silbergrauen Pelzmantel, war das
nicht -- --
»Verdammi, Jung -- weißt noch, Anders? Wegen dei hebbt wi twei us an de
Köpp kregen vör Tieden!«
Wahrhaftig -- sie war's ... Anders Niemann aber starrte wie verzaubert
auf -- die andere ... So nahe hatte er sie -- seit seinem Versinken --
nicht mehr gesehen ...
Da hob sie den Blick -- alle drei schauten sie an der Steile des
Schiffsrumpfes empor, Bob Timmermanns' erklärendem Finger folgend ...
Mit einem Ruck zog Anders den Kopf in die Luke zurück. Und die kleine
Amerikanerin hob den Kodak, die zwei schwindelfreien Klopfgeister hoch
droben aus der Froschperspektive festzuhalten ...
In Tedjes frostrotes Antlitz schlug die Lohe des Abgrundes. Seine Brust
keuchte, die Augen traten aus ihren Höhlen ...
»Mak keen Beesteri, Tedje!« rief Clas heiser.
Zu spät ... wie aus Versehen glitt der wuchtige Niethammer aus Tedjes
Fingern, sauste in die Tiefe ...