Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen

feindlicher Handelsschiffe versenkt -- hatte nicht gezagt, wenn das

dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn

in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an

die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den

Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und

in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war

das möglich?!

Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die

Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen -- aber

es reichte nicht. Was -- wollten diese Menschen? Was wünschten, was

erträumten sie sich?!

Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was -- liebten diese

Menschen?!

Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb

bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden

Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war

unsauber, geistlos, eintönig -- aber sie gab ihnen doch Nahrung, und

sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht -- oder

wenigstens nicht mehr -- sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem

letzten Kampfe -- der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber

Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott,

Heiland, jenseitiges Leben -- liebten weder Engel noch Heilige, nicht

die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine

Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen,

ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!

Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde,

die ihn am Morgen bespien und entehrt -- auch in ihr erkannte er

die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was

sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft

immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg -- war oft

von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls«

getadelt worden -- und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht

aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich.

Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er

Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse -- und die linkischen

Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm

Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm -- ihm mußte solches Willkommen

geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll -- das wollte studiert,

erkannt, begriffen sein ...

Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der

Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage.

Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der

Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war -- in diesen Abgrund würde

er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und

grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...

Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein.

Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie

ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das

verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter

vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine

Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen

Kriegsmaschine. Aber -- Dame war sie geblieben, Tochter aus altem

Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die

vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie

mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht.

Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein

flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten -- über diesem

schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die

blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate

der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und

wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich -- seine Ilse?! Er

konnte nur ahnen -- und hoffen.

Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden,

überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar

wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses

Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und

aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...

Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben

dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider

sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl

-- der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten -- ein

Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der

Braut Gruß an den Erwachenden ...

Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine

Lippen, legte sie auf sein Knie -- und dann hob er voll Andacht das

herrliche Instrument an sein Kinn -- führte mit prüfendem Strich den

Bogen über die Saiten -- sogar gestimmt war sie! -- und dann schwollen

Töne durch die stummentrückte Kammer -- die Geigenstimme des Adagio aus

jenem Beethovenschen Streichtrio ...

Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat

auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes

Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen -- setzte sich

still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz

und Auge.

Ja -- das war noch da -- das lebte -- das hatten sie uns nicht nehmen

können, konnten es nicht ...

Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine

Flotte gegeben hatte -- das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk

zerstoben, der stolze Traum verweht war ...

Das war ewiges Deutschland ...

Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna -- schwebte heran

wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt -- und zog des Sohnes

zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.

»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ -- der Vater, Papa Carstensen, deine

Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen -- und dann werden wir

glücklich sein ...«

»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der

Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene,

zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut

emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein -- das ist vorbei ...«

»Still -- still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben -- ist das

nicht Glückes genug?!«

Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz -- nein, du gütiges

Mutterherz -- für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht

leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk --

der kann nicht leben ohne Vaterland ...

* * * * *

Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den

Wänden grüßten kostbare Bilder -- Meisterwerke der Oswald Achenbach,

Trübner, Kalckreuth -- sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in

kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte

sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der

Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten:

ungleich verteilt seien des Krieges Lasten -- der Reiche habe sich noch

immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das

tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...

»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen

Worte lieh.

Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des

Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink -- die legte die

Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der

Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn

-- schon griff er zu Geige und Bogen -- und bald entschwebten die

Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in

zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu

ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument,

um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom

erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit

wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der

Rheingauberge.

Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander

einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte.

Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses

-- durfte er in dieser Stunde tändeln?!

Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer

Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches

Arbeitsgemach führte -- zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne,

seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter

Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt -- darunter ein

»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte

Wogen hinausstürmt ...

Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.

Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr

einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er

respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte

jetzt das erste Wort.

Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der

Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben

Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen

können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen

Handelsschiffsbaues -- denn etwas anderes komme ja -- vorläufig! --

nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) --

durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der

Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der

Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch

erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern

bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange

gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ...

Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter

schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe,

keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps

fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord

nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse

gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche.

Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die

Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen

Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue

Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik,

deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei.

Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der

Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt

hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen -- und

der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das

verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur

Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das

zwinge von vornherein zur Beschränkung.

Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen

Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der

Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich,

daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung

stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der

jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der

Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei

es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft

durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen

auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der

internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der

Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die

Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein

werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.

Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen

Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit,

doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und

zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt

hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der

zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut

herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn

eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg

Freimanns Züge getreten.

»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle

Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch

meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen.

Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt,

Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines

Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«

»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.

»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat

sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich

seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft

entgegensehen lassen. Aber -- -- wir halten Rat -- er musiziert.«

»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.

Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um

seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:

»Gestatten Herr Präsident, daß ich --«

Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des

Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem

Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger

-- und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse

Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da

nicht aus dem Felde schlagen sollte ...

Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür

auf und platzte mitten ins Spiel hinein:

»Herr Kapitänleutnant -- Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«

Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten

die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit

disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.

»Gut -- entschuldige, Ilse.«

»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt -- auch sie war durch vier

Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen.

Und nur Frau Johanna blieb zurück -- einsam, verstört, von wirren

Ahnungen und Ängsten bedrängt.

Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies

Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an

des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die

Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.

Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise

beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen«

auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte

»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen -- Tanks, deren Inneres mit dem

Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das

Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.

Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die

Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in

Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und

zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit,

Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der

neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »+democratic

ship+« ...

Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der

Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden

Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß

mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte

Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs

neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der

deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des

daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.

Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen

hingen an Georg Freimann.

Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.

»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender

Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich

fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen.

Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie -- die

Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen

Haar ein Jüngling -- an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes,

und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie

die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu

beantworten, ist an dir.«

Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.

»Vater -- ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ -- eigentlich

sogar --« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor

dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war

-- »eigentlich sogar deren vier. Aber -- wo ist Ihre Armee, meine

Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner

Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so

empfängt?!«

»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk -- bei uns -- und

übrigens in aller Welt. In Dock nehmen -- gründlich überholen -- das

Verrostete in den Schrott -- neue Teile einsetzen! Frisch lackieren --

und das Schiff wird wieder flott!«

»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank -- ist morsch

bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft?

Es muß von innen aufgebaut werden -- ganz neu. Es ist ein Haufen

Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache -- keine Nation. Was helfen

uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen

erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken

des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn

Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker

Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu --

aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk

nicht verstehen -- nicht kennen -- und darum nicht führen können -- die

Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«

»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer

Volksversammlung -- oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt

haben?!«

Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf

die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte

er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter

anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer -- ein Tatsachenmensch. Dein Vater

braucht einen Mitarbeiter -- und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine

Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst -- und du stellst dich nicht an

deines Vaters Seite -- und kämpfst, solange du einen Atemzug in der

Brust hast?!«

»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem

andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich

bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen,

wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn

ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals

werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden

sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«

»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine

Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der

sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«

»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ...

Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht

ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn

des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe

gestanden hat -- damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie

nichts schaffen können -- die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem

zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem

Kriege da -- er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt

geworden -- eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer

Höllenglut emporgeschürt -- die kommende Not wird ihn zu noch weit

gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt

haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so

angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen --

eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen

unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins -- daß eine einfache

Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und

Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden

-- nicht neue Schiffstypen -- neue Menschentypen tun uns not.«

»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten

Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch

und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren.

Was beabsichtigt die Linie zu tun?«

Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann

sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das

Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung -- und

später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre

Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns,

entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren

-- und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle

mich ein wenig angegriffen -- Sie werden das verstehen -- nach den

tragischen und -- na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«

Heinz hatte Ilses Auge gesucht und -- nicht gefunden. Es blieb auch

abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber

straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.

»Ilse --!«

»Du bist müd', Heinz -- das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das

Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen -- der gemeinsame Zug

dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen -- den Erben

der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus

Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter

Johanna und flüsterte ihr zu:

»Gib acht auf Papa, Muttchen -- ich hab' Angst um ihn ...«

Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter

verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten

Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt

-- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da

drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie

hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie

ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem

Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!

Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem

sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem

Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus

innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig!

Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte

-- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und

berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...

Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den

Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege

über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der

Gattin Schuld ...

Nein, Georg -- einsam sollst du nicht länger sein ...

Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und

schrieb -- oder hatte wenigstens geschrieben -- eine einzige Zeile nur

... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau

trat behutsam näher -- der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten

Gang zur Unhörbarkeit.

Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.

»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und

ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih,

verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht

... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...«

6

Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern,

Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand

er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten

und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner

Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika

an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige

Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen

gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter

Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven

Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen

Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der

Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war

einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten,

durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der

umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin

angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose

schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.

»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures

Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag,

wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor

vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß

auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen

ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote

Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«

»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...«

brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die

Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als

eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der

Teufel holen kann.«

»Na also -- in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte

Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit

freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für

die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen

mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas

über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und

begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die

roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle

Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«

»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in

Unkosten gestürzt hättest.«

»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«

Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener

Karabiner ...

»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen

vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit

+S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«

»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben,

um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige

+U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du

willst die alten niederknallen!«

Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das -- der einstige

+U+-Bootwüterich?«

Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner

Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen

Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh

aufzusuchen.

»Na -- und dein Dank für das da?«

»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht.

Wieviel brauchst du mal wieder?«

»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da

nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so

hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein

kostbares Leben erhalten!«

»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste

und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel

schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ...

Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ...

Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«

»Immerhin -- du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin.

»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn

Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«

»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate,

dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein

Jungeken -- das ist der beste Wiederaufbau!«

Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem

Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.

Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert

-- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich

mit dir und für dich arbeite und schaffe?!

7

Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und

verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem

vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat

ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber

mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen

Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt

und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein

Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in

Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den

Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten,

bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die

Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas

Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als

Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.

Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg

verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter

begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare

Patrizierin.

»Sie wünschen?«

»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die

Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien

Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht!

Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat

Richtige op de Duer ...«

»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.

»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so

grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd,

dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog,

du smucke Vagel, du!«

Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock

beiseitegezerrt:

»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«

Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:

»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand --!«

Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:

»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«

Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck

erstarrten.

Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den

Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.

»Respekt, du Lümmel!«

Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn,

dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den

Faulen und Unfähigen war -- und der Sohn des Kranführers, dem

der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die

Fortbildungsschule.

»Och -- Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter

Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin:

»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken,

wen du vor di hest ...«

Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen

schwelte der Pariagrimm.

»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«

»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges

Fräulein --«

»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich

mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --«

»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der

Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber

wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor

dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien

Knoken tau Mus, versteihst mi?!«

Ilse lachte.

»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich

-- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und

aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch

mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was

macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie

sie recht schön von mir ...«

Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt --

die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --?

Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er

sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns

mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den

angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken

Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.

Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.

»Mien Kam'roden in Rußland -- -- Verdammi --!« brüllte er plötzlich auf

und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe

zum Bureauhaus hinanschritt.

»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen

zuckende Schultern. »Nix vör uns.«

»Verdammi, Jung -- doch!« knirschte Tedje Tietgens.

Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem

verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken.

Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.

»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r

Arbeit?«

»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi -- un du mit --

versteihst mi?!«

8

Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten

beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten.

Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem

Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »-- zur

Sicherheit gegen Rückfälle!«

Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht -- gestärkt vom

Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in

ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild

ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte.

Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und

ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete

nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den

Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan

für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze

weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie,

erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.

Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame

Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T.

L.-Gebäude.

»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«

Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...

Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.

Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's

minder glänzend aus:

Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...

Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze

zertrümmerte Deutschland ...

Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg,

diese zähen Burschen.

»+Good morning+, Freimann -- ah, auch der +captain+ ... nun,

Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«

Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.

»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie

und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer

-- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat

ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder

die Alten sein miteinander?!«

»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr

Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich

aus.«

»Gut -- also, Herr Freimann -- die H. T. L. hat ihre sämtlichen

Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie

besitzt noch Werte -- für die sie selber keine Verwendung mehr hat.

Vor allem diesen Bureaupalast -- er ist wundervoll ausgefallen, Herr

Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum

letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle -- und

das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais -- ich habe sie

mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich

aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern

Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen

Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und

selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles

müßten Sie nun einzeln -- liquidieren -- wie wär's, wenn Sie das Ganze

in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre

kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus.

Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung

einen Mindestpreis festsetzen.«

Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern

aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands

Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick

auf das Gesicht seines Sohnes.

Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die

Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine

Prüfung.

»Mein Sohn -- du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um

deine Meinung.«

Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf

die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als

über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt

wurde.

Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen

Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes

und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger

seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu

sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller

gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am

besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland

zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den

deutschen Menschen aufzubauen?!

»Vater -- -- ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste

Erwägung zu ziehen.«

Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten.

Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:

»Ich bin anderer Auffassung.«

Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die

Stirn.

»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den

ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir

beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben -- sonst -- würde ich

-- -- Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens

gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte --

der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T.

L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner

den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse

nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren,

Herr Patterson -- tot ist er noch nicht -- der gerupfte, wehrlose

Adler.«

Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte

Hansegeist.

Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um

seine schmalen Lippen.

»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch

nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer

Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich

werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder

Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem

Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der

großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen

kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre

stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten

-- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen

Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der

Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird

-- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu

kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye,

captain+!«

Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz

wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das

ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf

sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen

... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.

Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die

rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen

Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne

eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann

nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.

Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht

allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen

hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von

etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren

sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?!

Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte

selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin?

und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!

Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse

hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin

auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal

galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch

wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben

waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler.

Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die

Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein

blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von

Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die

kannte sie.

Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche

Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt -- ein anscheinend

betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte

unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen.

Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft -- zur

Arbeit zurückgekehrt wähnte.

Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht?

Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.

»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«

Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.

»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl

nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen

Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre

lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen

das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren

Feinden in den Kot zu zerren!«

»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.

»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --«

»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in

Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie

und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.«

Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz

Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...

»Also, was haben wir falsch gemacht?«

»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose

Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten.

Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch,

tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre

nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei

Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck

des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«

»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen

seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit

schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig?

Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er

nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff

und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige

seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden

Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des

Aufstiegs zu finden.«

»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte

das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende

von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe.

Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht

mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine

jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat

er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern

Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem

Leibe gefressen hat?!«

Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge -- war es Haß -- oder

verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im

nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.

»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie

abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.«

Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser

militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und

lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz

gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten.

Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der

Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.

»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so

will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter

Ferne.«

»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der

Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte

vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des

Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt

-- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der

Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde.

»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«

»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die

Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben -- also mit allen.«

»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen.

»Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu

werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --«

»Ich -- verstehe nicht ...«

»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte

eine verabschiedende Verneigung.

Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige

Verachtung im Blick.

Armes Deutschland! dachte Heinz.

9

Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie

hinter einer Eiswand.

Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins

kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte

er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem

Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm

gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch

ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem

Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer

Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr

und nicht weniger.

Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen,

was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht -- wieviel weniger

konnte er sich andern erklären.

Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr

drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde

in diesem Falle sagen -- --

»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt

oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«

»Und wohin soll der führen, Heinz?«

»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues

muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue

Ideale mit einem Wort ...«

»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was

uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --«

»-- sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.

Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren -- hatte sie schon

verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte

aufschauen zum Manne -- Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie

schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.

Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...

Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort,

das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele

schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten

Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und

Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende

Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens

zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen.

Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas

anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu

dienen ...

Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe -- Schiffe -- Schiffe

... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt

all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben

umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...

Eine andere Stimme war ihm erklungen -- auch eine Mädchenstimme.

Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind -- aber sie hatte das Wort Arbeit

ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...

Und ihre Lebenslosung -- wie hatte die gelautet? Schönheit -- Freude --

Seele ...

Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine

aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die

forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und

für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...

Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um

Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies

Hamburg, dies Deutschland -- zwei Welten, zwischen denen es keine

Gemeinschaft mehr gab -- keine mehr geben konnte. Die Welt von

Harvestehude -- und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie

nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen -- zwischen ihnen

gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen,

in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines

Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.

Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der

sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch

völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die

sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!

Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- --

vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ...

Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte,

je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser

seiner Welt zu verschwinden -- und in die andere hineinzutauchen ... in

jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:

»Freude -- Schönheit -- Seele -- alles habt ihr uns versagt ...«

Aber -- war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende

nur die eines einzelnen Herzens -- eines Herzens, das herausgewachsen

war aus der Sphäre seiner Abkunft -- ohne in der andern Wurzel fassen

zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der

Arbeit genannt hatte -- war sie vielleicht derselbe Fall wie er -- nur

umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so

gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern -- weil jene andere,

jene da oben, sich an ihr versündigt hatte -- oder hatte jener andere

recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft

so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!

Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein

Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner

Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des

Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes

bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich

frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ...

verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile

mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten,

scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?!

Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn

zurücksehnen?!

Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus

Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues

Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr

der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern

der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!

Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit

schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft

des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen,

Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit,

der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange

Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon

verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte

bangte ...

Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger

-- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein

tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen

-- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein

Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer

des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter

zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte

ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu

rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's

gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber

zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.

Heinz durchschaute sie alle -- alle, seine nächsten, seine liebsten

Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.

* * * * *

Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.

Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus

ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer,

die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung

mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft

zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an

regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit

bewährte sich -- man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser

erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel

begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus

über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden

fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne

Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur

Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu

veranlassen.

In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der

Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft

persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten

sie Ilse bestellt -- sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau

Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.

Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung,

Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der

heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns

... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren,

bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte

heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft

der neuen Pläne.

»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut

abend gehört er doch eigentlich dazu!«

»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das

läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet

über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns

geht's nicht!«

Schon war sie von dannen.

Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten,

geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus,

lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat

im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters

sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten

Festschmaus teilzunehmen -- des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch

den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut

vorbei, die ihn gar nicht bemerkte -- und stieg zu seinem Zimmer hinan.

Ihm war, er hätte alles verloren -- Elternhaus und Liebe.

Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in

dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem

Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen

in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war

hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte

er längst übersonnen.

Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform

noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg.

Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe

hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte!

Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.

Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag,

auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden,

wenn er fortgegangen war ...

Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- --

ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem

dunklen, verworrenen Leben ...

Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's

gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei --

Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut

drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut --

abgestorben, schmerzlos.

Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der

Stradivarius -- die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere

Welt ... Aber ohne Geige -- nein. Die war seines besten Wesens ein

Stück.

Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht

kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte.

Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen,

seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in

Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:

»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um

mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach,

das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«

Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa,

auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen.

Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der

er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers

Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender

Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden

Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden

Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von

der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...

Elternhaus -- Liebe -- ade ...

Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.

Das Land unserer Liebe · 第 6 / 23 题