feindlicher Handelsschiffe versenkt -- hatte nicht gezagt, wenn das
dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn
in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an
die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den
Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und
in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war
das möglich?!
Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die
Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen -- aber
es reichte nicht. Was -- wollten diese Menschen? Was wünschten, was
erträumten sie sich?!
Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was -- liebten diese
Menschen?!
Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb
bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden
Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war
unsauber, geistlos, eintönig -- aber sie gab ihnen doch Nahrung, und
sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht -- oder
wenigstens nicht mehr -- sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem
letzten Kampfe -- der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber
Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott,
Heiland, jenseitiges Leben -- liebten weder Engel noch Heilige, nicht
die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine
Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen,
ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!
Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde,
die ihn am Morgen bespien und entehrt -- auch in ihr erkannte er
die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was
sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft
immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg -- war oft
von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls«
getadelt worden -- und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht
aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich.
Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er
Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse -- und die linkischen
Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm
Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm -- ihm mußte solches Willkommen
geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll -- das wollte studiert,
erkannt, begriffen sein ...
Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der
Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage.
Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der
Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war -- in diesen Abgrund würde
er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und
grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...
Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein.
Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie
ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das
verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter
vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine
Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen
Kriegsmaschine. Aber -- Dame war sie geblieben, Tochter aus altem
Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die
vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie
mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht.
Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein
flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten -- über diesem
schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die
blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate
der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und
wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich -- seine Ilse?! Er
konnte nur ahnen -- und hoffen.
Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden,
überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar
wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses
Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und
aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...
Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben
dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider
sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl
-- der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten -- ein
Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der
Braut Gruß an den Erwachenden ...
Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine
Lippen, legte sie auf sein Knie -- und dann hob er voll Andacht das
herrliche Instrument an sein Kinn -- führte mit prüfendem Strich den
Bogen über die Saiten -- sogar gestimmt war sie! -- und dann schwollen
Töne durch die stummentrückte Kammer -- die Geigenstimme des Adagio aus
jenem Beethovenschen Streichtrio ...
Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat
auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes
Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen -- setzte sich
still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz
und Auge.
Ja -- das war noch da -- das lebte -- das hatten sie uns nicht nehmen
können, konnten es nicht ...
Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine
Flotte gegeben hatte -- das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk
zerstoben, der stolze Traum verweht war ...
Das war ewiges Deutschland ...
Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna -- schwebte heran
wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt -- und zog des Sohnes
zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.
»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ -- der Vater, Papa Carstensen, deine
Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen -- und dann werden wir
glücklich sein ...«
»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der
Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene,
zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut
emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein -- das ist vorbei ...«
»Still -- still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben -- ist das
nicht Glückes genug?!«
Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz -- nein, du gütiges
Mutterherz -- für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht
leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk --
der kann nicht leben ohne Vaterland ...
* * * * *
Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den
Wänden grüßten kostbare Bilder -- Meisterwerke der Oswald Achenbach,
Trübner, Kalckreuth -- sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in
kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte
sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der
Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten:
ungleich verteilt seien des Krieges Lasten -- der Reiche habe sich noch
immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das
tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...
»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen
Worte lieh.
Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des
Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink -- die legte die
Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der
Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn
-- schon griff er zu Geige und Bogen -- und bald entschwebten die
Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in
zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu
ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument,
um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom
erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit
wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der
Rheingauberge.
Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander
einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte.
Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses
-- durfte er in dieser Stunde tändeln?!
Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer
Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches
Arbeitsgemach führte -- zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne,
seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter
Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt -- darunter ein
»Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte
Wogen hinausstürmt ...
Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.
Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr
einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er
respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte
jetzt das erste Wort.
Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der
Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben
Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen
können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen
Handelsschiffsbaues -- denn etwas anderes komme ja -- vorläufig! --
nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) --
durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der
Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der
Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch
erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern
bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange
gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ...
Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter
schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe,
keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps
fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord
nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse
gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche.
Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die
Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen
Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue
Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik,
deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei.
Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der
Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt
hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen -- und
der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das
verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur
Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das
zwinge von vornherein zur Beschränkung.
Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen
Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der
Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich,
daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung
stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der
jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der
Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei
es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft
durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen
auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der
internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der
Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die
Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein
werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.
Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen
Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit,
doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und
zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt
hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der
zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut
herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn
eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg
Freimanns Züge getreten.
»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle
Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch
meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen.
Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt,
Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines
Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«
»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.
»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat
sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich
seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft
entgegensehen lassen. Aber -- -- wir halten Rat -- er musiziert.«
»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.
Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um
seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:
»Gestatten Herr Präsident, daß ich --«
Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des
Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem
Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger
-- und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse
Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da
nicht aus dem Felde schlagen sollte ...
Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür
auf und platzte mitten ins Spiel hinein:
»Herr Kapitänleutnant -- Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«
Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten
die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit
disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.
»Gut -- entschuldige, Ilse.«
»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt -- auch sie war durch vier
Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen.
Und nur Frau Johanna blieb zurück -- einsam, verstört, von wirren
Ahnungen und Ängsten bedrängt.
Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies
Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an
des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die
Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.
Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise
beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen«
auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte
»Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen -- Tanks, deren Inneres mit dem
Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das
Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.
Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die
Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in
Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und
zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit,
Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der
neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »+democratic
ship+« ...
Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der
Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden
Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß
mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte
Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs
neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der
deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des
daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.
Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen
hingen an Georg Freimann.
Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.
»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender
Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich
fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen.
Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie -- die
Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen
Haar ein Jüngling -- an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes,
und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie
die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu
beantworten, ist an dir.«
Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.
»Vater -- ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ -- eigentlich
sogar --« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor
dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war
-- »eigentlich sogar deren vier. Aber -- wo ist Ihre Armee, meine
Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner
Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so
empfängt?!«
»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk -- bei uns -- und
übrigens in aller Welt. In Dock nehmen -- gründlich überholen -- das
Verrostete in den Schrott -- neue Teile einsetzen! Frisch lackieren --
und das Schiff wird wieder flott!«
»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank -- ist morsch
bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft?
Es muß von innen aufgebaut werden -- ganz neu. Es ist ein Haufen
Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache -- keine Nation. Was helfen
uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen
erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken
des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn
Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker
Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu --
aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk
nicht verstehen -- nicht kennen -- und darum nicht führen können -- die
Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«
»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer
Volksversammlung -- oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt
haben?!«
Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf
die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte
er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter
anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer -- ein Tatsachenmensch. Dein Vater
braucht einen Mitarbeiter -- und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine
Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst -- und du stellst dich nicht an
deines Vaters Seite -- und kämpfst, solange du einen Atemzug in der
Brust hast?!«
»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem
andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich
bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen,
wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn
ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals
werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden
sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«
»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine
Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der
sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«
»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ...
Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht
ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn
des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe
gestanden hat -- damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie
nichts schaffen können -- die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem
zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem
Kriege da -- er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt
geworden -- eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer
Höllenglut emporgeschürt -- die kommende Not wird ihn zu noch weit
gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt
haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so
angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen --
eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen
unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins -- daß eine einfache
Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und
Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden
-- nicht neue Schiffstypen -- neue Menschentypen tun uns not.«
»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten
Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch
und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren.
Was beabsichtigt die Linie zu tun?«
Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann
sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das
Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung -- und
später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre
Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns,
entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren
-- und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle
mich ein wenig angegriffen -- Sie werden das verstehen -- nach den
tragischen und -- na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«
Heinz hatte Ilses Auge gesucht und -- nicht gefunden. Es blieb auch
abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber
straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.
»Ilse --!«
»Du bist müd', Heinz -- das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das
Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen -- der gemeinsame Zug
dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen -- den Erben
der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus
Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter
Johanna und flüsterte ihr zu:
»Gib acht auf Papa, Muttchen -- ich hab' Angst um ihn ...«
Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter
verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten
Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt
-- überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da
drinnen saß ein Einsamer -- und der war ihr Lebensgefährte ... sie
hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie
ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte -- seinem
Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!
Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem
sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem
Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus
innersten Tiefen sprach: Schuldig -- du bist schuldig!
Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte
-- so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und
berufen war -- -- das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...
Daß der da drinnen einsam war -- einsam in dieser Zeit, die den
Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege
über sein aufrechtes Haupt beschworen -- das war ihre, das war der
Gattin Schuld ...
Nein, Georg -- einsam sollst du nicht länger sein ...
Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und
schrieb -- oder hatte wenigstens geschrieben -- eine einzige Zeile nur
... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau
trat behutsam näher -- der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten
Gang zur Unhörbarkeit.
Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.
»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und
ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih,
verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht
... Komm -- wollen alles zusammen tragen -- alles zusammen ...«
6
Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern,
Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand
er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten
und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner
Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika
an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige
Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen
gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter
Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven
Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen
Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der
Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war
einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten,
durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der
umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin
angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose
schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.
»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures
Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag,
wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor
vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß
auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen
ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote
Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«
»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...«
brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die
Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als
eure Komplotte gegen die Republik -- die übrigens auch von mir aus der
Teufel holen kann.«
»Na also -- in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte
Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit
freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für
die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen
mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas
über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und
begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die
roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle
Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«
»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in
Unkosten gestürzt hättest.«
»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«
Aus der Hülle entschälte sich -- ein vom Kriege stark mitgenommener
Karabiner ...
»So -- und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen
vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit
+S+-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«
»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben,
um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige
+U+-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du
willst die alten niederknallen!«
Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das -- der einstige
+U+-Bootwüterich?«
Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner
Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen
Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh
aufzusuchen.
»Na -- und dein Dank für das da?«
»Ach so -- bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht.
Wieviel brauchst du mal wieder?«
»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da
nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so
hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein
kostbares Leben erhalten!«
»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste
und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel
schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ...
Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ...
Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«
»Immerhin -- du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin.
»'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn
Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«
»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate,
dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein
Jungeken -- das ist der beste Wiederaufbau!«
Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer -- der Ingenieur in seinem
Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.
Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert
-- dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt -- oder ich, der ich
mit dir und für dich arbeite und schaffe?!
7
Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und
verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem
vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat
ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber
mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen
Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt
und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein
Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in
Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den
Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten,
bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die
Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas
Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als
Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.
Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg
verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter
begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare
Patrizierin.
»Sie wünschen?«
»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die
Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien
Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht!
Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat
Richtige op de Duer ...«
»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.
»Du --?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so
grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd,
dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog,
du smucke Vagel, du!«
Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock
beiseitegezerrt:
»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«
Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:
»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand --!«
Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:
»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«
Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck
erstarrten.
Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den
Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.
»Respekt, du Lümmel!«
Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn,
dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den
Faulen und Unfähigen war -- und der Sohn des Kranführers, dem
der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die
Fortbildungsschule.
»Och -- Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter
Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin:
»Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken,
wen du vor di hest ...«
Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen
schwelte der Pariagrimm.
»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«
»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges
Fräulein --«
»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich
mehr ... Mien Kam'roden in Rußland --«
»-- haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der
Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung -- öber
wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor
dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien
Knoken tau Mus, versteihst mi?!«
Ilse lachte.
»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens -- hör' ich
-- der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und
aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch
mir willkommen -- ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was
macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie
sie recht schön von mir ...«
Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt --
die Feine, die Aristokratin -- die ... verdammt -- die Schöne --?
Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er
sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns
mit ihr gehen -- ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den
angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken
Tedje -- den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.
Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.
»Mien Kam'roden in Rußland -- -- Verdammi --!« brüllte er plötzlich auf
und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe
zum Bureauhaus hinanschritt.
»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen
zuckende Schultern. »Nix vör uns.«
»Verdammi, Jung -- doch!« knirschte Tedje Tietgens.
Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem
verblüfften Portier vorbei -- und wandte der Werft den Rücken.
Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.
»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r
Arbeit?«
»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi -- un du mit --
versteihst mi?!«
8
Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten
beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten.
Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem
Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »-- zur
Sicherheit gegen Rückfälle!«
Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht -- gestärkt vom
Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in
ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild
ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte.
Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und
ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete
nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den
Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan
für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze
weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie,
erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.
Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame
Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T.
L.-Gebäude.
»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«
Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...
Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.
Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's
minder glänzend aus:
Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...
Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation -- wie dies ganze
zertrümmerte Deutschland ...
Lloyd George hatte recht behalten. Den +knock out+ hatten sie weg,
diese zähen Burschen.
»+Good morning+, Freimann -- ah, auch der +captain+ ... nun,
Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«
Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.
»-- Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie
und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer
-- die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat
ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder
die Alten sein miteinander?!«
»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr
Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich
aus.«
»Gut -- also, Herr Freimann -- die H. T. L. hat ihre sämtlichen
Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie
besitzt noch Werte -- für die sie selber keine Verwendung mehr hat.
Vor allem diesen Bureaupalast -- er ist wundervoll ausgefallen, Herr
Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum
letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle -- und
das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais -- ich habe sie
mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich
aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern
Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen
Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und
selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles
müßten Sie nun einzeln -- liquidieren -- wie wär's, wenn Sie das Ganze
in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre
kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus.
Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung
einen Mindestpreis festsetzen.«
Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern
aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands
Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick
auf das Gesicht seines Sohnes.
Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die
Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine
Prüfung.
»Mein Sohn -- du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um
deine Meinung.«
Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf
die Probe stellen wollte -- daß eine Entscheidung über mehr noch als
über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt
wurde.
Oh -- wer jetzt den Glauben hätte -- diesen kindlichen, phrasenseligen
Glauben jenes Timmermanns -- der als Techniker ein Genie des Verstandes
und Wissens war -- und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger
seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu
sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller
gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am
besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland
zu begraben -- und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den
deutschen Menschen aufzubauen?!
»Vater -- -- ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste
Erwägung zu ziehen.«
Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten.
Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:
»Ich bin anderer Auffassung.«
Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die
Stirn.
»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den
ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir
beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben -- sonst -- würde ich
-- -- Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens
gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte --
der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T.
L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner
den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse
nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren,
Herr Patterson -- tot ist er noch nicht -- der gerupfte, wehrlose
Adler.«
Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte
Hansegeist.
Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um
seine schmalen Lippen.
»+Well+, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch
nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer
Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich
werde zurückfahren über den großen Teich -- und abwarten. Entweder
Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem
Vaterlande -- dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der
großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen
kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre
stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten
-- dann kann ich Ihnen vielleicht in -- na, sagen wir in einigen
Monaten -- einen anderen Vorschlag machen -- einen Vorschlag, der
Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird
-- ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu
kränken. Inzwischen -- +good bye+, Mister Freimann -- +good bye,
captain+!«
Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz
wortlos das Arbeitsgemach -- mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das
ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf
sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen
... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.
Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die
rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen
Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber -- ohne
eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann
nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.
Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht
allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen
hinüber -- halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von
etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren
sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?!
Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte
selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin?
und wozu? Und Ilse --? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!
Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse
hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin
auf und schaute hinaus. Aha -- wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal
galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch
wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben
waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler.
Meinetwegen weg damit -- nur, daß in der Regel dabei auch die
Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein
blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von
Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die
kannte sie.
Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche
Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt -- ein anscheinend
betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte
unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen.
Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft -- zur
Arbeit zurückgekehrt wähnte.
Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht?
Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.
»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«
Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.
»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl
nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen
Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre
lang für Kaiser und Reich geschlagen -- nun reißt er mit eigenen Händen
das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren
Feinden in den Kot zu zerren!«
»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.
»Ihr -- verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie --«
»-- ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in
Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie
und ... Ihre Klasse es angefangen hat -- so freilich nicht.«
Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz
Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...
»Also, was haben wir falsch gemacht?«
»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose
Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten.
Schönheit -- Seele --! Sehen Sie den da -- ein schöner, starker Bursch,
tüchtig zum Leben und Schaffen -- und hat seit seinem vierzehnten Jahre
nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei
Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck
des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«
»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen
seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit
schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig?
Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß -- tun, weil er
nichts anderes gelernt hat -- hat der darum das Recht, sich dem Suff
und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten -- unzählige
seinesgleichen haben's vermocht -- sie waren Proletarier, sie wurden
Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des
Aufstiegs zu finden.«
»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte
das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht -- so wenig wie die Tausende
von uns, die ewig drunten bleiben müssen -- in der trostlosen Tiefe.
Dann hat er in den Krieg gemußt -- für das Vaterland, das ihm nicht
mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine
jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden -- hat
er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern
Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem
Leibe gefressen hat?!«
Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge -- war es Haß -- oder
verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im
nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.
»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie
abschließend. »Ich -- will darüber nachdenken.«
Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser
militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und
lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz
gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten.
Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der
Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.
»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so
will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter
Ferne.«
»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der
Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte
vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen -- die Herrschaft des
Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt
-- sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der
Presse, der Politik -- damit Raum für den Retter werde.
»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«
»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die
Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben -- also mit allen.«
»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen.
»Ich war selber Défaitist -- und heute bin ich im Begriff, etwas zu
werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist --«
»Ich -- verstehe nicht ...«
»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte
eine verabschiedende Verneigung.
Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige
Verachtung im Blick.
Armes Deutschland! dachte Heinz.
9
Von diesem Morgen an lebte Heinz Freimann in seinem Elternhause wie
hinter einer Eiswand.
Zwar Mutter Johanna umgab ihn mit all ihrer rührenden Güte und bis ins
kleinste sich erstreckenden Sorgsamkeit. Aber innerlich das fühlte
er, hatte auch sie sich von ihm abgewandt. Der Wunsch, an ihrem
Manne gutzumachen, was sie in Jahren der Verständnislosigkeit an ihm
gefehlt zu haben überzeugt war, drängte jedes andere Gefühl, auch
ihr mütterliches, in die zweite Linie. Heinz solle sich mit seinem
Vater aussöhnen, den Platz an seiner Seite einnehmen, ein gehorsamer
Mithelfer seiner Pläne werden -- das sei Sohnespflicht -- nicht mehr
und nicht weniger.
Vergebens, wenn Heinz versuchte, der Mutter begreiflich zu machen,
was in ihm vorging. Er begriff sich ja selber nicht -- wieviel weniger
konnte er sich andern erklären.
Ach -- und auch Ilse verstand ihn nicht. Bob Timmermanns -- das war ihr
drittes Wort. Bob Timmermanns hat heute gesagt -- Bob Timmermanns würde
in diesem Falle sagen -- --
»Es ist mir gleichgültig, Ilse, was dieser Herr denkt und tut, sagt
oder sagen würde ... Ich muß meinen Weg gehen.«
»Und wohin soll der führen, Heinz?«
»Wenn ich das selber wüßte! Nur das eine ist mir klar: Etwas ganz Neues
muß werden -- neue Erkenntnisse, neue Gedanken, neue Gefühle -- neue
Ideale mit einem Wort ...«
»Ich glaube,« sagte Ilse, »das ist etwas sehr Altes und Einfaches, was
uns not tut. Wir müssen arbeiten. Jeder an seinem Platze --«
»-- sagt Bob Timmermanns«, schloß Heinz bitter.
Sie entzog sich ihm ... er würde sie verlieren -- hatte sie schon
verloren. Und hatte sie nicht recht? Diese Frau, er fühlte es, wollte
aufschauen zum Manne -- Klarheit verlangte sie, Willen und Ziel. Sie
schauderte vor Wirrnis, Gärung, Halbheit.
Sie hatte verglichen -- und der Vergleich war gegen ihn ausgefallen ...
Aber unwillkürlich verglich auch er. Arbeit -- das war das Zauberwort,
das die Welt, aus der er erwachsen war, ihm täglich in die Seele
schmetterte. Dieser Stahlklang übertönte mehr und mehr die zarten
Weisen, mit denen sein Elternhaus, mit denen wenigstens Mutter und
Braut ihn empfangen hatten. Seit an jenem Heimkehrfeste der knarrende
Baß dieses Herrn Timmermanns die tröstende Kantilene Beethovens
zerrissen hatte, waren weder Mutter noch Ilse ans Klavier zu bringen.
Es war, als schämten die Frauen sich, in dieser finsteren Zeit etwas
anderes zu tun, als mit zusammengebissenen Zähnen dem »Wiederaufbau« zu
dienen ...
Dem Wiederaufbau, wie sie ihn verstanden: Schiffe -- Schiffe -- Schiffe
... Das war fortan der einzige Gedanke, schien der einzige Lebensinhalt
all dieser Menschen geworden zu sein, die Heinz Freimanns Leben
umgaben. Und er inmitten, abseits, müßig, inhaltlos ...
Eine andere Stimme war ihm erklungen -- auch eine Mädchenstimme.
Eine Arbeiterin, ein Arbeiterkind -- aber sie hatte das Wort Arbeit
ausgesprochen mit einem geheimen Haß und Abscheu im Klang ...
Und ihre Lebenslosung -- wie hatte die gelautet? Schönheit -- Freude --
Seele ...
Seltsam: die Menschen hier oben, die fieberten nach Arbeit -- und eine
aus der Tiefe, die erhob Anklage wider die im Lichte Wandelnden -- die
forderte alle jene hohen Güter, die hier droben zu Hause waren -- und
für ihre Eigner plötzlich den Kurs verloren zu haben schienen ...
Immer dichter, immer finsterer lagerten sich Wolken und Wirrnis um
Heinz Freimanns Seele. Zwei Welten, er fühlte es, umschloß dies
Hamburg, dies Deutschland -- zwei Welten, zwischen denen es keine
Gemeinschaft mehr gab -- keine mehr geben konnte. Die Welt von
Harvestehude -- und die Welt von St. Pauli ... Unverbunden standen sie
nebeneinander. Ob sie auch am gleichen Werke schufen -- zwischen ihnen
gab es dennoch keine Beziehung mehr ... in zwei Nationen, zwei Rassen,
in zwei verschiedene Arten von Lebewesen schienen diese Menschen eines
Stammes und Blutes, einer Geschichte und Sprache zu zerfallen.
Und Heinz war heimatlos geworden -- in jener der beiden Welten, aus der
sein Leben stammte. Und die da drüben? Die andere, die nahe und doch
völlig, völlig unbekannte, unerforschte, unerlebte Welt?! Die Welt, die
sich nun anschickte, die Welt seines Ursprungs zu zertrümmern?!
Hier war ein Problem, eine Frage, eine Dunkelheit, ein Rätsel -- --
vielleicht eine Aufgabe -- eine Mission ...
Je tiefer Heinz im Elternhause sich vereinsamt und abgelehnt fühlte,
je stärker tat in ihm eine Sehnsucht sich auf: einmal ganz aus dieser
seiner Welt zu verschwinden -- und in die andere hineinzutauchen ... in
jene Welt, aus der es so erschütternd emporgeklagt hatte:
»Freude -- Schönheit -- Seele -- alles habt ihr uns versagt ...«
Aber -- war das wirklich die Stimme der andern Welt, und nicht am Ende
nur die eines einzelnen Herzens -- eines Herzens, das herausgewachsen
war aus der Sphäre seiner Abkunft -- ohne in der andern Wurzel fassen
zu können?! War diese schlanke Sekretärin, die sich ein Kind der
Arbeit genannt hatte -- war sie vielleicht derselbe Fall wie er -- nur
umgekehrt?! Das mußte man herausbekommen. War jene Welt nur darum so
gestaltlos, schmutzig, haßerfüllt, umsturzlüstern -- weil jene andere,
jene da oben, sich an ihr versündigt hatte -- oder hatte jener andere
recht, der diese ganze Welt da unten Gesindel nannte, dessen Herrschaft
so schnell wie möglich gebrochen werden müsse?!
Ein Plan klärte sich schließlich aus dem Gebrodel empor -- ein
Plan, den vor ihm schon, er wußte es, andere Tieferstrebende seiner
Lebensschicht gefaßt und ausgeführt hatten -- der aber für den Sohn des
Schöpfers der H. T. L. etwas Ungeheuerliches, etwas Grundstürzendes
bedeutete. Wie -- wenn er aus dem Kreise, der ihn ohnehin täglich
frostiger ausschied -- wenn er aus ihm freiwillig und unbemerkt ...
verschwände?! um hineinzutauchen, unterzusinken, für eine Weile
mindestens, in jener andern, unteren, unermeßlich bevölkerten,
scheinbar ungegliederten -- -- Unterwelt?!
Wer wird ihn vermissen -- sich um ihn bangen -- nach ihm forschen, ihn
zurücksehnen?!
Ach -- fast blieb nur noch die Mutter -- und auch die mehr aus
Mutterinstinkt als aus Mutterglauben ... Hatte sie nicht ein ganz neues
Leben begonnen? ein Leben, in dessen Mittelpunkte plötzlich nicht mehr
der Sohn, die Häuslichkeit, die Bücher, die Kunst standen -- sondern
der Gatte, die Linie, die Schiffahrt?!
Und Ilse?! Noch gab es Stunden zwischen den Verlobten, in denen sie mit
schmerzlicher Sehnsucht eins das andere suchten ... Aber eine Kluft
des Empfindens hatte sich zwischen ihnen aufgetan, die mit Küssen,
Tränen, Umarmungen nicht mehr zu überbrücken war ... Der Moloch Arbeit,
der diese Menschen in Fesseln geschlagen hatte, glotzte in jede bange
Suchensstunde hinein und trennte das junge Weib, das diesem Dämon
verfallen war, von dem jungen Manne, der nach dem unbekannten Gotte
bangte ...
Der Vater? Der Schwiegervater? Für beide war er Luft -- ein Abtrünniger
-- ein fast Wahnsinniger. Er brachte es fertig, in dieser Zeit ein
tatenloses Grüblerdasein hinzuschleppen. Er war entartet -- gebrochen
-- »mit den Nerven zusammengebrochen« -- im günstigsten Fall ein
Kranker, dessen Heilung man abwarten mußte. Aber diese harten Männer
des Schaffens, des Bauens hatten nicht die Geduld, den Krankenwärter
zu spielen. Er mochte mit sich selber fertig werden -- oder man mußte
ihn fallen lassen. Es gab viele solcher dekadenten Sprößlinge in allzu
rasch aufgestiegenen Familien -- die ließ man laufen, und wenn sie's
gar zu toll trieben, ließ man sie entmündigen ... Wer sich nicht selber
zu helfen wußte, den mochte der Teufel holen.
Heinz durchschaute sie alle -- alle, seine nächsten, seine liebsten
Menschen. Er wußte, bei ihnen hatte er verspielt.
* * * * *
Ein Abend kam, der gab letzte Klarheit.
Die Generalversammlung der H. T. L. hatte stattgefunden, sie war aus
ganz Deutschland stark besucht worden. All diese gewichtigen Männer,
die Spitzen des Handels und der Industrie, hatten Auftriebsstimmung
mitgebracht. Das süße Gift des Bolschewismus schien seine Kraft
zu verlieren. Die heimgekehrten Krieger fingen an, sich wieder an
regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Die eingeborene deutsche Tüchtigkeit
bewährte sich -- man durfte hoffen. Unter dem Einfluß dieser
erwachenden Zuversicht waren die Pläne der Leitung mit einem Jubel
begrüßt worden. Die Fachleute der Linie berichteten voll Enthusiasmus
über die neuen Entwürfe der Werft. Alle Anträge der Direktion wurden
fast widerspruchslos angenommen. Das Präsidium wurde beauftragt, ohne
Verzug in Verhandlungen mit der Reichsleitung einzutreten, um sie zur
Bewilligung der Ersatzleistungen für den beschlagnahmten Schiffspark zu
veranlassen.
In strahlender Laune kam der Präsident mit Carstensen, welcher der
Generalversammlung beigewohnt und über den neuen Dampfertyp der Werft
persönlich berichtet hatte, zur Villa Freimann. Telephonisch hatten
sie Ilse bestellt -- sie traf wenige Minuten nach den Vätern ein. Frau
Johanna hatte ein Festmahl gezaubert.
Das Tischgespräch war ein einziger Triumph, atmete Hoffnung,
Schaffensdrang, Zukunftsglauben ... »Wir kommen wieder hoch!« Und der
heimliche Triumphator der Stunde war ein Abwesender: Bob Timmermanns
... Sogar Vater Carstensen, dessen Selbstgefühl in den letzten Jahren,
bei absinkender Kraft, ein wenig empfindlich geworden war, erkannte
heute neidlos an: Der Recke war die Seele der Werft, die tragende Kraft
der neuen Pläne.
»Und warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?« fragte Johanna. »Heut
abend gehört er doch eigentlich dazu!«
»Das ist wahr!« brach Ilse aus. »Toll von uns, nicht, Vater? Aber das
läßt sich nachholen! Er ist ja Abend für Abend zu Haus und rechnet
über seinen Laderaumtabellen. Ich ruf' ihn an -- ohne Bob Timmermanns
geht's nicht!«
Schon war sie von dannen.
Heinz hatte stumm, unbeachtet, in sich verkrochen inmitten der lauten,
geschäftigen Lustigkeit gesessen. Nun erhob er sich und schlich hinaus,
lautlos, wie von hinnen geweht. Er vernahm, wie Ilse draußen am Apparat
im Tone fröhlich-stolzer Kameradschaft mit dem Mitarbeiter ihres Vaters
sprach, ihn mit schmeichelhaften Worten einlud, an dem improvisierten
Festschmaus teilzunehmen -- des Riesen Stimme knarrte vernehmlich durch
den Trichter in Ilses Lachen hinein. Da ging Heinz leise an der Braut
vorbei, die ihn gar nicht bemerkte -- und stieg zu seinem Zimmer hinan.
Ihm war, er hätte alles verloren -- Elternhaus und Liebe.
Den Plan der Trennung hatte sein Hirn schon längst gewälzt und in
dunklen Stunden in Form gebracht. Versinken -- verschwinden aus dem
Bezirk des Glanzes und Besitzes, in dem er geboren war -- untertauchen
in der fremden, der zweiten, der unbekannten Welt ... Vielleicht war
hier das Deutschland seiner Träume zu finden ... Und auch den Weg hatte
er längst übersonnen.
Aus seiner fernen Seekadettenzeit wußte er seine Matrosenuniform
noch in einer großen Truhe verstaut, die seine Jugendandenken barg.
Nun kramte er die abgestreifte Hülle einer früheren Schicksalsstufe
hervor und schlüpfte hinein. Seltsam, wie gut sie ihm noch paßte!
Gefangenschaft und Heimkehrgram hatten ihn abmagern lassen.
Er streifte Ilses Ring vom Finger, steckte ihn in einen Briefumschlag,
auf den er den Namen seiner Braut geschrieben. Das mochten sie finden,
wenn er fortgegangen war ...
Eine Sekunde lang wurde ihm bang und bitter zum Umsinken. Ilse -- --
ich habe dich geliebt -- geliebt als das Lichte und Klare in einem
dunklen, verworrenen Leben ...
Du aber suchst selber das Klare, das Einfach-Starke ... und hast's
gefunden. Bei einem anderen gefunden -- -- vorbei --
Ein Abschiedsblick auf die Umwelt seiner Jugend -- es war keine Wehmut
drin. Die Vergangenheit fiel von ihm ab wie eine Schlangenhaut --
abgestorben, schmerzlos.
Doch halt! Da stand ja der elegante, schwarzpolierte Kasten mit der
Stradivarius -- die konnte er freilich nicht mitnehmen in die andere
Welt ... Aber ohne Geige -- nein. Die war seines besten Wesens ein
Stück.
Und er fand in den Tiefen eines Schrankes das immerhin noch recht
kostbare Instrument, auf dem er einst die Anfangsgründe geübt hatte.
Nun noch eine letzte Vorsicht, die jedes Mißverständnis ausschließen,
seine Lieben vor unnützen Ängsten bewahren sollte. Ein paar Zeilen in
Hast auf ein abgerissenes Notizblatt gekritzelt:
»Lebt wohl, ihr Lieben, für eine Zeit des Suchens. Sorgt euch nicht um
mich, ich komme wieder. Um eines nur bitte ich, forscht mir nicht nach,
das würde mich nur in weitere Ferne verscheuchen.«
Sein Zimmer führte auf den großen Altan an der Hinterfront der Villa,
auf den Park und die Alsterseite. Er trat hinaus -- es goß in Strömen.
Schadet nichts. Ein Seemann ist wetterfest. Gewandter Klimmer, der
er war, schwang er sich mühelos, den Geigenkasten unterm Arm, übers
Geländer und abwärts in die regennassen Bosketts. Ein triefender
Nebelschwaden hing über dem nächtlichen Bilde seiner versinkenden
Heimatwelt. Fahl schimmerte die regungslose Fläche der träumenden
Alster -- nur wenige Lichter durchblinzelten wie tränentrübe Augen von
der fernen Uhlenhorst herüber das Gedünst ...
Elternhaus -- Liebe -- ade ...
Ich geh' das Deutschland meiner Träume suchen.