Zweites Buch

1

Im +D+-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen -- Georg

Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung

und Groll.

»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit

einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen.

»Dieser -- na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend --

gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um

nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren -- und sich in der Sonne

der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«

»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,«

entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich

aus -- damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen

habe.«

»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte

der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert.

Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber

diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen

einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre

politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten,

etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher

auszudrücken.«

»Nein -- das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine

Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur

mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen -- das ist der Vorteil

der Linie. Heute wie je.«

»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben -- dadurch, daß

Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das

hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das

Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H.

T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude

zumachen.«

»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg

Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen

bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn

dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte -- und den

rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die

Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für

die nationalen Aufgaben zu haben ...«

»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit

grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie

werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«

»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des

Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«

Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte

Herr hatte recht ...

Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der

deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und

Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der

Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen,

der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen

abhingen -- des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen

seinen Söhnen gebieterisch forderte -- und von den Führern am meisten.

Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste.

Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung

niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an

dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er

ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.

»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt

nicht entzweien -- wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und

auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also

Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«

»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer

von dreitausend Tonnen bauen -- und ab und zu mal einen neutralen

Auftrag größeren Umfangs ergattern -- dabei kann die Werft nicht

bestehen. Und auch abgesehen davon -- ich müßte danken. Liquidieren,

Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf -- Großes schaffen, wie

ich's gewohnt bin -- dann lieber Schluß!«

»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.

»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte

Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen,

aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist

seine Sache.«

»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der

Herr Präsident recht: was tun?«

Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte

der Linie -- und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen,

wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L.

sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva

an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line

in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T.

L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner

weiterzuarbeiten -- für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe

der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab -- und ich für meine Person

würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende

weiter vegetieren dürfen ...«

»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der

Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als

europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche

Industrie wird den gleichen Weg gehen -- schließlich ist ganz

Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen

Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«

»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht -- noch nicht

... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil!

Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die

sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden

unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ...

Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie

begreifen, daß Schiffahrt not ist -- Leben aber nicht!«

In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's

mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden -- es hatte dem zähen

Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach

auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner

arbeitenden Stirn geahnt:

»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht

behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren

ganz gut so, so wie sie waren ...«

2

In der zugigen Schiffsbauhalle der Hammonia-Werft stand ein junger Mann

von etwa dreißig Jahren neben einem Vorarbeiter, der ihn anleitete.

Der Lehrer bemühte sich, dem Schüler das »Versenken« beizubringen.

Seltsamer Name für eine Arbeit, die nichts erforderte als eine sichere

Hand, ein aufmerksames Auge und etliche Gewissenhaftigkeit! Eine

Eisenplatte lag flach auf einem kniehohen Gerüst -- um ihre vier Ränder

zog sich eine Doppelreihe sauber eingestanzter Löcher. Sie waren für

die Niete bestimmt, welche die Platte an das stählerne Schiffsgerüst

anheften und damit zu einem Bestandteil der eisernen »Oberhaut« des

werdenden Fahrzeugs machen sollten. Diese Löcher bedurften noch einer

letzten Zurichtung durch Ausfräsen mit einem kegelförmig abgestumpften

Bohrer. Diesen zu führen, sollte der »Neue« lernen -- der heute morgen

vom Betriebsrat der Werft als »Ungelernter« eingestellt worden war.

Er hatte sich als Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft

angemeldet. Papiere besaß er nicht, die waren in die Hände der

Bolschewisten gefallen. Sein beschmutzter Matrosenanzug und seine

korrekten Antworten auf einige seemännische Fragen machten seine

Aussage glaubhaft, daß er mit +U+ 387, das während eines Vorstoßes

der Hochseeflotte in die Bucht von Ösel durch eine Wasserbombe

außer Gefecht gesetzt worden und in die Hände der russischen

Küstenverteidigung geraten war, in Gefangenschaft gekommen sei. Er hieß

Anders Niemann.

»Junge, du hest 'n Kopp!« lobte der Vorarbeiter, als der Lehrling seine

ersten Versuche gemacht hatte. »Du kümmst bald bi dei Utgeliehrten!«

Anders Niemann lächelte geschmeichelt.

»Büst all organisiert?« examinierte der Lehrmeister.

»Ick weur vor'n Krieg op'n Lann«, erklärte der Neue. »Doar hebbt

wi noch kein Organisatschon hatt ... Öwerst ick lat mi noch hüt

inschrieben ...«

»Dat's gaud,« lobte der Kollege, »süß weur ock dien's Bliewens hier

nich lang west.«

Noch eine halbe Stunde blieb der Vorarbeiter neben seinem Zögling

stehen, um dessen Arbeit zu überwachen -- dann klopfte er ihm derb auf

die Schulter.

»Du brukst kein'n Oppasser mehr -- mok man so wieder ...«

Und Anders Niemann »versenkte« stumm und angespannt arbeitend Nietloch

um Nietloch. War eine Platte fertig, so kam auch schon die nächste

angerollt. Das vollzog sich wie die Arbeit eines ungeheuren Triebwerks,

in dem auch die Menschen nur einzelne Stifte oder Radzähne waren.

In der Mittagspause folgte Anders Niemann dem Strom seiner neuen

Kameraden, der sich aus dem ganzen weithingestreckten Werftgelände,

in vieltausenden Rinnsalen zusammenfließend, zur Kantine ergoß.

Alles bewegte sich in hastigem Tempo, die Hungrigen und Flinksten

gar im Laufschritt. Man gab eine Marke ab, empfing einen Topf mit

Zusammengekochtem, suchte sich in der niederen Halle an den langen,

dichtumdrängten Tischen einen Platz und löffelte seinen Topf aus ...

Anders Niemann hatte einen Schauder zu überwinden. Alles andere war zu

ertragen ... die dumpfe Schlafstelle in der elenden Hafenkneipe drüben

am St. Pauli Fischmarkt -- man würde ja über kurz oder lang ein etwas

menschlicheres Quartier finden. Die Gesellschaft der neuen Kollegen --

der Dunst von frischem Schweiß und verschwitzter, verfilzter Wäsche,

von ungepflegter Körperlichkeit, kurzum so etwas wie der Geruch einer

fremden Rasse -- das kannte er schließlich von der engen Gemeinschaft

der Kaserne, von den Schlafkojen der Hochseeschiffe und des Tauchbootes

... Auf die Gespräche freute er sich ... um ihretwillen war er hier.

Aber wie diese Menschen aßen -- dies Schmatzen, Schlürfen, Schlingen --

daran mußte man sich erst gewöhnen ...

Immerhin -- Anders Niemann fühlte sich sehr wohl inmitten all

der knorrigen, derbknochigen, muskelstarken, in verschlissene,

schmutzstarrende, über und über geflickte Kleider gehüllten Gestalten,

in deren Mitte er, mit aufgestemmten Ellenbogen, wie sie, sein erstes

durch Handarbeit verdientes Mittagsmahl verzehrte. Und als der

Heißhunger gestillt war, kam eine Unterhaltung in Gang. Aber von ihrem

Inhalt war Anders ein wenig enttäuscht. Nichts Grundsätzliches -- keine

Ideen ... Lohnfragen -- nichts als Lohnfragen ... Er war zwischen

lauter ältere Genossen geraten ... Es sei ein Skandal, meinten die, daß

heutzutage der Ungelernte wie der Gelernte bezahlt werde ... Das sei

früher nicht gewesen, und das könne auch nicht bleiben. Und auch, daß

es jetzt keine Akkordarbeit mehr geben solle, das sei ein Unverstand

... Wenn man mit fleißiger Hand nicht mehr verdienen könne als mit

fauler, dann mache das ganze Arbeiten keinen Spaß. ... Anders Niemann

lauschte mit stummer Genugtuung. Die revolutionäre Überspannung des

Gleichheitsbegriffs schien bei den besonneneren Angehörigen der Klasse

schon ihre erste Werbekraft verloren zu haben.

Bald brannten die Zigaretten. Nun kamen die persönlichen Fragen. Anders

Niemann freute sich seiner Beherrschung des Plattdeutschen, das er

seiner Vertrautheit mit der Mannschaft verdankte. Niemand kam auf den

Einfall, der junge hübsche Kerl mit dem kahlgeschorenen »Stiftekopp«

und dem ersten Stoppelflaum eines sprossenden Bärtchens auf der

Oberlippe könne etwas anderes sein als ein waschechter Genosse ...

In bedeutend langsamerem Tempo als der Hinmarsch zur Futterstelle

wurde der Rückmarsch zur Arbeitsstätte angetreten. Und Anders Niemann

»versenkte« weiter seine Nietlöcher. Immer die gleiche Bewegung, das

gleiche Tasten mit dem schnurrenden Bohrer, bis er richtig über der

Mitte des Loches saß ... Dann eine Senkung, die rasenden Feilzähne

packten zu -- rrrr -- das Loch war fertig ... weiter, weiter ... Das

Hirn verblödete, die Augen schmerzten, alle Glieder brannten, bis

endlich die Sirene Feierabend gebot ... Dann trottete Anders Niemann

im Schwarm seiner Arbeitskollegen zur Werft hinaus, überquerte in der

vollgepfropften Dampffähre den gärenden Elbstrom und schlenderte nun

der Reeperbahn zu, um eine Abendunterhaltung im Stil seiner neuen

Lebensführung aufzusuchen. Und alsbald war er untergetaucht in einem

Schwall von Menschen, die in ihren Kleidern den Dunst der Arbeit mit

sich trugen, in ihren Gesichtern die Abspannung eines Tagewerks, das

ihnen nichts als freudlos ertragene Fron bedeutete ... eines Daseins,

aus dem sie nichts zu machen, dem sie keinen Sinn, kein Ziel zu geben

gewußt hatten ... Wie das dahinflutete, ruhelos, hoffnungslos, lechzend

nach einem Augenblick der Entspannung, nach Genüssen, roh und leer wie

ihre Mienen ... Ein grenzenloses Mitleid schwoll in Anders Niemanns

Herzen. Wie arm waren diese Menschen ... Oh, sie waren nicht hungrig

-- sie waren satt, sie konnten sich noch satt essen, während unzählige

Geistige schon darben gelernt hatten ... Sie waren Masse und hatten

es verstanden, als Masse aufzutrumpfen und manches zu erzwingen, was

die Angehörigen höhergestellter Berufe längst entbehren mußten ... Und

dennoch waren sie arm. Sie hatten nicht verstanden, nicht gelernt,

ihr Leben mit Stolz und Auftrieb zu füllen ... Würde man ihnen helfen

können --?!

»Heute gr. Ball!« Anders war in einen Schwall von Pärchen geraten,

der dem grell durch eine Bogenlampe erleuchteten Eingang eines

Tanzlokals zustrebte und sich einsaugen ließ wie ein Schwarm

Nachtschmetterlinge in einen Exhaustor. Drinnen eine Luft zum Schneiden

-- rote Papiergirlanden, rote Fähnchen an den Wänden -- am Klavier

ein abgeschabter Klimpergreis, neben ihm ein hagerer, langhaariger

Jüngling mit der Geige -- zu ihrem blöden Walzergedudel im enggekeilten

Tanzgewirr sich drehend Paar um Paar -- die Söhne und Töchter der

»andern Welt«.

Anders Niemann bestellte sich ein Glas Bier in einen Winkel und

beobachtete. Ihm ging's zunächst wie einst bei seinen Rekruten. Es

schien, als seien das alles dieselben Menschen, derselbe eine Mensch in

ein paar hundert fabrikmäßig hergestellten Exemplaren, nur jedes ein

bißchen anders angemalt und ausstaffiert ... Die Burschen gutmütig,

sinnenhungrig, zu handgreiflicher Gewalt so rasch bereit wie zu

schneller Brüderschaft ... Die Mädchen putzfroh, verliebt, lechzend

nach derber Zärtlichkeit, leichtgläubig und gleich schnell zum Lachen

und Weinen zu bringen ... Allmählich schälte sich dann doch eine ganze

Welt von Typen heraus -- und aus dem Gewühl hob sich gar die eine oder

andere Einzelpersönlichkeit von eigener Prägung.

Ein Strammer namentlich fesselte den versteckten Beobachter. Er

schwitzte und schäumte förmlich Lebenskraft und Lebensgier. Die Mädchen

rissen sich um seine Gunst, klebten an seiner breiten Brust wie Fliegen

am Leimpapier. Aber er schien zu keiner zu gehören -- nachlässig langte

er sich Dirn um Dirn zum Tanz, sprach zu der schmachtenden Partnerin

von oben herab, schob, wenn das Gewoge verebbte, die sehnsüchtig auf

Gespräch und Einladung harrende wie ein lästiges Bündel von sich. Dabei

brannte in seinen Augen ein Feuer, das ihn selber auszudörren schien.

Er löschte es, indem er nach jeder Runde einen Schnaps hinunterkippte

... Eine schöne, wilde, gefährliche Bestie ...

Der Mordskerl, dem die Weiblein sehnsüchtig zuschmachteten, schien

unter den Männern viel Bekannte zu haben. Von allen Seiten trank man

ihm zu, hielt ihm das Henkelglas hin:

»Suup, Tedje, suup! Büst lang naug bi Woter un Brot in't Bargwark

fohrt!«

Aber nur mit einem der Kollegen hielt der Stramme Kameradschaft --

einem Stillen, Seltsamen, der für Anders Niemanns Gefühl ganz aus dem

Rahmen fiel. Blondes Schlichthaar war senkrecht zurückgestrichen von

einer vierkantigen Träumerstirn, unter der ein Paar blaue Kinderaugen

standen. Die Nase bäurisch grob, der Mund schmal und schwärmerisch, das

Kinn breit ausladend und kantig wie der Schädel -- ein merkwürdiger,

unvergeßlicher Kopf.

In einer Pause bemerkte er, wie der Starke auf den wunderlichen Freund

einsprach -- der wehrte ab, aber wie einer, der sich gern nötigen

lassen möchte. Und rundum wurden Stimmen laut:

»Clos Mönkebüll! Du sast uns 'ne Red' hollen! 'ne Red' van de niege

Tied!«

Und endlich stand der Allbegehrte auf. Sein strammer Gefährte hob ihn

wie eine Puppe auf den Tisch -- alles drängte herzu, der Tanzbums wurde

zur Volksversammlung.

»Kam'raden -- Genossen -- Brüder!« hob der Hagere mit leuchtendem

Antlitz an: »Wer von uns fühlt dat nich, dat wir am Anfang stehn von

eine neue Minschheit, von eine bessere, reinere Zeit?! Wir alle, was

wir ältere Jungs sind, wo vor dem großen Massenmorden schon in der

Arbeit gestanden sind, wir wissen es alle, daß wir damals wie in eine

Stickluft gelebt haben und geschafft mit unsre schwielige, rissige

Fäuste. Unsere Arbeit war der Fluch von unser ganzes Leben, wir waren

angefüllt bis zum Bersten mit Haß -- mit dem roten, glühentigen Haß --

gegen den Staat, der nur für die Großen und Mächtigen inricht' wor, un

vör uns arme Schindluder nix öwerig harr as Schinnerei un Invalidität.

Un dorbi war in unsre Herzen ganz tief, tief innen eine große

Sehnsucht, ein großes Heimweh nach eine bessere, schönere Welt ... und

denn hebbt wi Johr üm Johr doar buten in Slamm un Füer liggen müßt un

unsre Brüder drüben in' annern Graben kaputschießen oder uns von sie

kaputschießen lassen ... do hebbt wi Tied naug hatt tau'n Simmelieren

-- doar sünd wi all erweckt worden un hebbt begrepen, dat wi uns blot

sülben helpen künnen ... Un dorüm hebbt wi Sluß mokt un hebbt uns

hulpen un hebbt dei Throns umstött ... Un nu is dat Volk Herr im eignen

Hus ... Aber noch ragt in unsrer Mitte eine mächtige Burg! Doar sitten

sei noch jümmers drin, dei Gewaltigen von't Kapital ... Diese letzte

Zwingburg möt wi noch stürmen un breken, ut düsse letzte Stellung möt

wi den Feind der Minschheit noch rutsmieten, doarmit dat dei grote

Gottesfräden von Brüderlichkeit öber dei Welt kümmt, dat wi all den'n

glieken Andeil an dei irdischen un an dei ewigen Göder bekamen -- dat

dat nich mehr Utpowerer gift un Utpowerte, kein Herren mehr un kein

Sklaven, nix als freie, schöne, glückliche Menschen un Gotteskinner

... dat is dei niege Heilslehr', dei von Moskau utgahn is in alle Welt

... In ehrem Deinst hebbt wi de ierste dütsche Revolutschon mokt -- un

in ehrem Deinste wüllt wi bald dei tweite moken -- un nach dem Götzen

Monarchismus auch den Götzen Kapitalismus in den Abgrund stürzen ... In

diesem Sinne, Genossen un Genossinnen: Es lebe die Weltrevolutschon!!«

-- --

Andächtiger als eine Prozession von Wallfahrern der Predigt unterm

Gnadenbilde, hingerissener, gläubiger hatten diese jungen Männer und

Mädchen dem Propheten aus ihrer eigenen Mitte gelauscht. Nun brach

ein Jubel aus, der die niedere Halle sprengen wollte. Der Redner ward

von nervigen Armen emporgehoben, hinter ihm formte sich ein Zug, der

immer und immer wieder die Runde um den Tanzboden machte. Auch Anders

Niemann ward in den Strudel gerissen. Irgend etwas in ihm jauchzte,

irgend etwas schluchzte ... Er fühlte die Echtheit und Tiefe der

Sehnsucht, die in all diesen jungen, vom Leben, von ihrem eintönig

herben Arbeitsleben wie von den stumpfen, seelenlosen Genüssen ihrer

Ruhestunden ungesättigten Menschen schwelte -- nach etwas, dem sie

selber keinen Namen zu geben wußten ... nach etwas, das vielleicht

unerreichbar war, weil erst die ganze Weltordnung hätte umgebaut werden

müssen ... diese fürchterliche neue Weltordnung des 19. Jahrhunderts,

die aus der Welt Goethes und -- na, meinetwegen auch Napoleons, die

Welt der Massenarbeit und des Massenmordes gemacht hatte -- die Welt

der Maschine, das scheußliche Zerrbild der Schöpfung Gottes ...

Aus der Menge, die hinter dem redemächtigen Burschen wie hinter einem

Triumphator drein tobte, rang ein Lied sich los:

»Wir bluteten vier Jahr'

in Schlamm und Glut und Graus

für Krone, Thron, Altar --

nun ist die Knechtschaft aus!

Was hoch und stolz, das fällt

im Sturm der neuen Zeit,

nun bringen wir der Welt

die rote Seligkeit!«

Und bei den ersten Klängen des Liedes geschah etwas Seltsames. Der

gefeierte Redner sprang von den Schultern derer, die ihn erhöht hatten,

und kämpfte sich bis zum Klavierpodium durch. Er schob den verhungerten

Musikmacher vom Drehstuhl und schlug mit geübter Hand, in machtvollen

Akkorden, die Tasten. Wie die Harfenarpeggien eines Rhapsoden rauschten

seine Modulationen daher -- von ihnen umrankt, schwang die neue Weise

wie ein Sturmgesang durch den dumpfen, schweiß- und tabakdunstigen

Raum, und taktfest dröhnte in ihren Rhythmus das Stampfen der

nägelbeschlagenen Schuhe, das Händeklatschen der Mädchen ... Es schien,

als wolle das Lied die Welt aus den Angeln heben -- diese Greuelwelt

des Apparates, der Macht, Allmacht gewonnen über den Menschen ...

Und als das Lied zu Ende war, als der Zug sich auflöste, alles den

Plätzen, dem Schenktisch zustrebte, um die jählings entfachte Glut zu

löschen -- da blieb der Redner und Klaviervirtuos im zerschlissenen

Soldatenrock am Klavier sitzen -- und immer noch glitten seine Finger

über die Tasten ... aber nicht stürmisch und zerschmetternd mehr

erklangen die Weisen, die er dem abgeklapperten Instrument abzwang

... sie wurden immer munterer, lichter, freudiger ... Und Anders

Niemann glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen -- sie gingen in

eine Melodie über, die er kannte -- eine Tanzweise ... aber nicht der

übliche Gassenhauer aus der letzten Modeoperette -- es war Webers

»Aufforderung zum Tanz«.

Da zog es den Neuling der Schiffsbauhalle mit geheimer Magie zum

Instrument. Wortlos nahm er dem langmähnigen Geigenjüngling die Violine

aus der Hand, klemmte sie unters Kinn -- und übernahm die Oberstimme

... Der Feldgraue am Klavier sah nur einen Augenblick mit frohem

Staunen zu dem unerwarteten Kumpan am Klavier auf, dann versank er nur

noch tiefer in das perlende Gewoge des unvergänglichen Tanzliedes.

Und durch den Saal, den eben der trunkenmachende Päan von der roten

Seligkeit durchbrandet hatte, schwebte nun wie ein Gruß aus der

fernen Welt der Schönheit und Grazie die holdselige Walzerweise des

Freischützsängers.

Und schau! Die jungen Kerls und Deerns, die sich eben, ein rasender

Haufe Weltenstürmer, hinter dem roten Fanal des berauschenden Liedes

geballt, fanden sich nun Paar zu Paar, umschlangen einander und walzten

durch den Saal, nicht brünstig aneinander geklemmt wie vordem beim

lüsternen Schmalzgedudel der dirnenhaften Foxtrottseufzer, sondern

gelöst, beschwingt, durcheinandergewirbelt von der kecken Heiterkeit

eines naturverbundenen Genius.

3

Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg

Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der

Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines

Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung

von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der

Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten

Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die

Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins

Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.

Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht

ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die

Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.

In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den

Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der

Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen

Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute.

Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese

deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt

eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als

bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu

Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen,

seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.

Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige

Hand -- nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu

nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger

Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand

immerhin ein Menschenantlitz -- nicht eine Larve des Hasses und

Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses

Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis,

eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den

unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der

Werft befeuerte?!

Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits

und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen

Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der

Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig

geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten

nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs

neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren

wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten

der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn -- und bekamen

sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand

mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.

Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe

Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des

ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen

Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen

noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der

einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem

regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt

hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.

Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen.

Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.

Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit,

mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann,

diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite.

Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft,

befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch

Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo

Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.

Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt,

daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle

ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein,

Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die

Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das

seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung,

drängte nach Erwiderung.

Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen

Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das

Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute,

überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der

Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des

Menschentums emporgestiegen.

Wäre Heinz geblieben -- hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an

der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten

zu messen -- vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache,

der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte

Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in

naivem Versagen getan -- es war das klügste, was er hätte tun können.

Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die

Eindeutigkeit ...

Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das

immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr

zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester

hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den

Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in

Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr

der Ingenieur ihr imponierte -- so war das nicht ganz ohne einen Hauch

von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen -- hatte

es gemerkt. Und darum war er still gegangen -- darum ... So mächtig ist

in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben,

daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt -- was ihm

geschieht, was er leidet und handelt -- ihre Liebe wähnt sich selber

die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des

Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...

Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie

allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn

in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen -- hatte in der plötzlichen

Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf,

die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte

sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos

zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen

getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke

das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für

Ilses Gewissen war -- barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei?

Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß,

wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal

bedeutet -- das ganze, das alleinige Schicksal ...

Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war

erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des

Beisammenseins -- ehe das große Mißverstehen kam -- waren die Seelen

einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von

den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne

getrieben -- als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von

ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste

Ursache seiner Flucht gewesen -- höchstens der äußere, fast zufällige

Anstoß ...

Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob

ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine

Gegenwart ...

Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war

dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der

Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über

das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.

4

Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll,

sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens

hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des

Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die

drei Brüder Tietgens gehaust hatten -- -- von denen zwei in Frankreich

verscharrt lagen.

Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse

geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit

ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim

gebracht hatten -- es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens

taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn

hatte er längst aufgegeben -- das war ein hoffnungsloser Radikaler --

Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt -- -- auf

dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten --

das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen,

daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden

war.

Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten

begreiflich machen zu können.

»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß --

dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners!

-- Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken

... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick

mästen -- un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«

»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei

Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken -- Öwerst wenn ick dat utspreken

will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«

Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken

ein wenig einfacher zu fassen ...

Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu

erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater

Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht

schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt

... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen

für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine

Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen

keinem helfen würde -- daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen

Brot und Nahrung gebe.

Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor

allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen -- und

deiht die mehrste Arbet -- da mutt se ok die mehrste politische Rechte

hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n

Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west

...«

Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen

immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im

Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die

fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.

»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp'

... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann

... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei

Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht

kriegen. -- Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten

willen -- öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n

Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't

Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! -- Vadderland,

so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren

trecken!«

Ja -- das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte,

handelte -- er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ...

und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und

Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem

Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt,

würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland

seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.

Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje

der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:

»Vadder -- du büst nich in Rußland west -- du kanns goar nich

mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg

jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau

foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt -- un denn eenmol mit'n

Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten -- da

giwwt Luft vör't Volk!«

»So -- un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der

Alte bedachtsam.

»Na -- de Inschineure --!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten!

Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd

Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache

mehr as dei Handlanger un dei Nieters --!«

»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt

--« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as

Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter

... dei brukt Bäuker -- dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«

»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken,

du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung,

will'n ein'n drinken -- un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn

mit ehr slapen -- kumm, mien Jung!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür -- und eine junge Dame trat

ein -- »Gu'n Abend, Vadder -- gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«

Plötzlich verstummte sie -- und starrte den neuen Schlafburschen an wie

ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...

Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen

Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:

»Entschülligen S' man -- ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten --

Ick bün Antje.«

»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen

Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst

verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte -- »kiek di'n man gaud

an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen -- en Nieter von de Werft! Un he

wahnt bi Muddern -- un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos

Mönkebüll Klovier -- dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine

Künstlerkonzert ...«

Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll

linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:

»Djä, Fräulein -- dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in

de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«

»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien

Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder?

Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«

Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und

sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt,

lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes

Gesichtchen.

Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde

vollzählig -- denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder

täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll

Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen

Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.

Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der

Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs

seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen --

einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so

abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei -- eine Sekunde

lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht,

schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht

Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.

Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue

von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit

mit Tedje war auffallend -- freilich nur im Gesicht. Die schlanke

Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten

Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ...

Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen -- ging der

Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand -- und mit dem rauhen Bruder

stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus

dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten,

kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester

war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch

kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein

darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft,

durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische

Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...

Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig

hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit

aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber --

seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer

Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes

ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn

kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte

Anstarren ihr unbequem ...

Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier -- trat mit ins

Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten,

funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern

zusammengezimmertes Stehpult stellten ...

»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann

der Haustochter zu.

»Ja -- aber die andern dürfen's nicht merken -- ich nehme niemals

Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und

erwarten Sie mich unten ...«

Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten

Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie

spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas

doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er

sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie

ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf

seine Noten -- ein banges Zucken um die schmalen Lippen.

Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube

hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der

wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im

Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis --

das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen

-- sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges

Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und

Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne

empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können -- nicht im weiland

Kasino beim Damenabend -- nicht einmal im Elternhaus -- wie noch

jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so

entsagend liebte -- das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst

entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst

bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen

gespielt -- geschenkt -- sich selber verschenkt wie heut ...

Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren

Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung,

deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte

-- nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer

Persönlichkeit -- nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes

-- nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer

Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der

Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius -- was bedeutete er ihnen

mehr als eine Entspannung -- eine Ausbalancierung ihres seelischen

Gleichgewichtes?!

Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit

wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz

... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über

die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte -- auch sie hätte

wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn

eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die

müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich

so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend -- das den Wunsch

entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich

auszusöhnen, liebend zu verschwenden -- --

Ja -- was war es denn eigentlich?!

5

Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu

folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet

heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit

seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen

bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen

müssen -- sein ganzes Jugendleben hindurch -- die starre, in korrekte

Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte

er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses

selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen

bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.

Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war

verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast

als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?!

Na ja -- schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein -- und

der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des

müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ...

eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht

als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein

Glück versuchen -- ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon

ablaufen lassen ...

Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit

Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.

»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung,

Deern -- dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas,

das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas

von brüderlicher Eifersucht -- im Hintergrunde gar etwas wie ein vager,

noch ganz unbewußter Argwohn ...

Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der

entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt

...

-- »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«,

sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um

beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall

Menschen -- Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und

rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer

endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten

-- hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden

Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene

Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter

Warenhausfassaden ...

»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens,

bitte -- Anders Niemann heiß' ich!«

Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif,

den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er

berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei -- selbstverständlich

ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal

den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion

erteilt habe.

»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«

»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«

»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte

Glut in ihren Wangen.

»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes -- ich bin hingegangen, sie

zu suchen.«

»Und -- was haben Sie gefunden?!«

»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere -- und den glühenden

Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«

»Ausgefüllt -- mit was?«

»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem -- mit einem Ideal.«

»Geben Sie's -- das Ideal!«

»Wenn ich's hätte!«

»So helfen Sie's uns suchen.«

»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich

weiß es schon zu benennen -- ein Vaterland -- ein Mutterland, das allen

den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«

»Ach, wenn Sie es fänden!«

»Ja -- dann wäre uns allen geholfen -- uns armen, zerrissenen

Deutschen.«

6

Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte

Georg Freimann an Patterson gedrahtet:

»Erwarte angekündigte Vorschläge.«

Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter

amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder

ging an Land -- mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn

Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet -- aschblond, nußbraune

Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß

Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte

es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.

»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig

klingendem Deutsch.

»So, +my darling+, du magst nun eine halbe Stunde lang in der

Stadt herumkutschieren --«

»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier,

diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹

versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«

»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson

gehorsam und entließ das Auto.

»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«

Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum

Präsidentenbureau der Linie empor.

»Ich finde, +daddy+, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ...

Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«

»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So -- nun benimm dich manierlich.

Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«

Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der

Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man

keine Dame mit.

»+Good morning+, Freimann -- darf ich wieder Freimann sagen? Der

Mister geniert mich.«

»Sie dürfen, Patterson -- weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen.

Miß Patterson -- willkommen in Deutschland.«

»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn,

sagt +daddy+ ... Er ist verlobt -- schade ... Verlobte junge

Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes

... Ist er vielleicht schon verheiratet?«

»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist

durchgebrannt -- mir und seiner Braut.«

»Durchgebrannt --?! Das finde ich +smart+ von ihm ... Wo ist er?«

»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«

»Oh -- wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«

»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich

habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«

»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber

Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde -- ganz kleine

und ganz große -- Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen.

Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die

Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher

heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl

sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon

hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal

wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche.

»Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen

ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das

sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften

Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man

damit machen, sag' ich Ihnen!«

»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften

Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«

»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch

zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt

zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen,

wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame

gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu

wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es

immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.

Die Männer sahen sich an und lachten.

»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal

wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«

»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker

... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann

ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und

nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen -- ich bin da.«

Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener

rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als

die beste Politik bewährt hatte.

Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu.

So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.

»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von

Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein

Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«

»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich

nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft

zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen -- wenigstens

unter das Sternenbanner allein.«

»Hm -- und wenn nun die Sterne und Streifen -- sich neben Ihre

Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt

mir vor -- wie sind doch die Farben?«

»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im

Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«

»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne

Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach -- nur ein

einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte

Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen

lassen ... Nette Kaufleute das ...«

»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem

Aufstieg führt -- wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft

versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das

Sternenbanner -- sie würden sich miteinander vertragen?«

»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind -- warum nicht?«

sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr

dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr

habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen

... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine

Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«

* * * * *

»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja

Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar -- es

flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz

ausgesucht -- da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen

Augenblick.«

Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak.

»Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich

von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.

»Oh -- Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie

drüben?«

»Nein -- ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele

Amerikaner verkehrten.«

»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie

Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«

»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.

»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier.

Die Leute hier machen alle traurige Gesichter -- Sie auch, sogar wenn

Sie lachen. Ich liebe das nicht.«

»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt -- im größten aller

Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«

»Oh -- ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid.

Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk

kennenlernen.«

»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man

unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«

»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß -- wie

heißen Sie? -- Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn

lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die

das Rennen schon gemacht haben -- und solche, die es noch machen wollen

-- außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind -- weil

sie nicht reiten können --. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind

uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und

ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn

ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte

ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn.

Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«

* * * * *

Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen

Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns

mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line,

die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte

drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft -- darunter den

»Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von

San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen

Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...

Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung

vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen

Konkurrenten -- der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es

würde noch harte Kämpfe geben -- ums Ganze und um tausend Einzelheiten

... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft

dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider

großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich

eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches

Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ...

Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen

hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das

amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ...

Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen,

die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen

eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden -- ohne

doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken

behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich -- blieb

überhaupt eine Wahl?!

Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und

schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich

zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust.

Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen

Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger

Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.

Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit

der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und

lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren

die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem

Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte

das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein

Gefängnis.

»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte

Bessie. »+Daddy+, fahr mich zu Mistreß Freimann. +Good

morning+, Miß Tiet-- Tiet-- nein, das ist zu schwer, das kann man

beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie

heißen Sie mit Vornamen? Antje -- oh, das ist reizend, ich werde Sie

Miß Antje nennen. +Good morning+, Mister Freimann -- +go on,

daddy+.«

7

Es war höchste Zeit gewesen. Vorgestern hatte die Werft zum ersten

Male ihren Beamten und Arbeitern nur fünfzig Prozent ihrer Löhne

zahlen können und sie, nach langer, erregter Aussprache mit dem

Arbeiterrat, der schließlich der Maßregel zugestimmt hatte, wegen des

Restes auf Anfang bis Mitte der nächsten Woche vertrösten müssen.

Aber heute, am Montag früh, war die Stimmung auf der Werft bedrohlich.

Überall schleppte die Arbeit sich nur mühsam hin -- allenthalben

standen erregte Gruppen zusammen. Die Hetzer forderten passive

Resistenz und erreichten zum mindesten, daß das sonst so wohlgeregelte

Ineinandergreifen der Hunderte von Arbeitselementen gründlich

durcheinandergeriet. Folge: allgemeine, stündlich steigende Verärgerung.

Ihre trüben Spritzer gischteten bis in die Chefbureaus hinauf. Die

Leitung kannte diese Sturmzeichen.

Bob Timmermanns kam vom Vortrag aus dem Zimmer des alten Carstensen.

Auf seiner kantigen Stirn hockte die Sorge.

»Gnädiges Fräulein -- es wäre vielleicht besser, Sie hielten sich heut

nachmittag zu Hause«, sagte er zu Ilse und blieb schwer atmend neben

ihrem Schreibmaschinentischchen stehen. »Es geht da unten dermaßen

fragwürdig zu, daß kein Mensch die Bürgschaft für den nächsten

Augenblick übernehmen kann. Wenn die Bestie da unten kein Geld zu sehen

bekommt, wird sie gefährlich. Und Ihr Herr Vater weiß auch keinen Rat

mehr. Die Banken rücken nichts mehr heraus. Es geht zu Ende.«

»Ich hoffe, Timmermanns, Sie haben eine zu gute Meinung von mir, als

daß Sie mich ernstlich für eine Drückebergerin halten.« Auch auf

Ilses Stirn vertiefte sich eine Falte -- aber senkrecht über der

Nasenwurzel. Sie war ererbt: Auf allen Bildern der Carstensen seit vier

Jahrhunderten war sie erkennbar.

»Sie sind eine Frau ...« warnte der Riese. »Ich bin nicht immer zur

Hand ... Erinnern Sie sich an Tedje.«

Ein Frösteln lief dem Mädchen über den Nacken. Seit damals war's ihr

immer wieder aufgefallen: Der wüste Kerl stand täglich unfern der

Schranke am Werfteingang, morgens, wenn sie kam, nachmittags, wenn sie

ging ... In seinen Augen der gleiche Ausdruck wie damals, als er das

scheußliche Wort von den Zarentöchtern gesprochen.

»Ich habe keine Angst, Timmermanns. Man muß seinem Schicksal auch ein

bißchen vertrauen. Es gibt Schutzengel -- ich weiß es aus Erfahrung.«

Und sie lächelte dem Getreuen freundlich und dankbar zu. Er hatte es

verdient -- sie hatte ihn recht schlecht behandelt die letzten Wochen

hindurch. Er hatte begriffen und an sich gehalten. Jetzt durfte er

belohnt werden.

Aber um ihre Lippen erstarrte der zarte, schwebende Zug -- es war schon

wieder zu viel gewesen. In die stählernen Augen des Riesen trat ein

Fieber, sein Mund zuckte unterm blonden Stachelbart.

Ilse neigte sich zur Maschine und schrieb eifrig. Da wandte sich Bob

Timmermanns. Er fühlte ein Wanken in seinen Knien, als er hinaustappte.

Und aus seinem Herzen stieg's ihm in die Kehle. Er biß die Zähne

zusammen.

In seinem Bureau fand er unerwarteten Besuch. Bruder Armin -- um seine

Lippen kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln.

»Na, Bobchen? Ist's bald so weit?«

Der Riese begrüßte ihn mit einem Knuff gegen den Bauch. »Mal wieder auf

der Hetztour, was?! Hol' dich der Teufel ... Rechtsbolschewisten oder

Linksbolschewisten, Hose wie Jacke.«

»Meinst du? Wer weiß -- vielleicht schon heute nachmittag denkst du

anders. Hier habe ich die Telephonnummer der hiesigen Zentrale vom

Bund ›Retter des Vaterlandes‹ aufgeschrieben. Zwei Panzerautos mit

Maschinengewehren stehen bereit. Du brauchst nur auf den Knopf zu

drücken.« Der Leutnant griff in die Zigarettenschachtel, die auf des

Bruders Arbeitstische stand, und ließ sich behaglich in den Ledersessel

fallen. Er beobachtete mit Genugtuung, daß die Vorstellungsreihe, die

er angesponnen, in seines Bruders Hirn weiterwob.

Er sollte noch eine größere Genugtuung erleben. Bob schritt zu seinem

Kleiderschrank, um den Straßenrock, den er zum Vortrage beim Chef

angelegt, mit einem seiner Arbeitskittel zu vertauschen. Ein Gepolter

entstand -- etwas Schweres plumpste aus dem Schrank auf den Fußboden.

Es war der Karabiner.

»Donnerwetter, Bob -- ist das Dings da etwa aus deiner Bude da drüben

in dein Bureau herübergeflogen?!«

Da mußte Bob Timmermanns wider Willen lachen. Die Brüder sahen sich an

-- sie empfanden: trotz Bobs knurriger Ablehnung waren sie einander

näher gekommen.

»Für den äußersten Notfall ...« grunzte Bob. »In der Sache ändert sich

nichts. Ihr seid genau solche Schädlinge wie die Schürer und Stänker da

unten.«

»Sollte nicht doch ein kleiner Unterschied sein?« schmunzelte der

Leutnant. »Es gibt schließlich doch noch etwas anderes als die

Wirtschaft -- es gibt ein Ding, das heißt Politik! das heißt Partei!«

»Quatsch! Politik! Es gibt nur zweierlei Parteien auf Erden: die

Fleißigen -- und die Faulen! Die, welche arbeiten wollen -- und die

Hetzer! Jawohl, ich habe deinen Karabiner im Schrank stehen -- aber

solange es geht, führe ich Zirkel und Reißstift! Du aber, du hast

nichts als deine Panzerautos und deine Maschinengewehre! Damit bringst

du uns nicht wieder hoch! Arbeit' was! Dann kannst du von mir aus eine

schwere Batterie im Schrank haben!!«

Klirr! Eine Fensterscheibe barst, ein wuchtiger Stein sauste vor Bobs

Nase vorüber und krachte wider die jenseitige Wand. »Die Arbeit ihrem

lieben Kapital!« hohnlachte Armin.

Da schnarrte der Fernsprecher. Bob, schon unterwegs zum Fenster,

bremste die Wucht seines Körpers und nahm den Hörer. Im Lauschen schoß

ein jäher Freudenstrahl in sein Gesicht.

»Donnerwetter! Das ist die Rettung, gnädiges Fräulein -- tausend Dank!

Ich lasse mir sofort den Arbeiterrat kommen. Schluß!«

»Was ist los?«

Aber Bob sprach noch nicht. Die helle Freude auf seinem Gesicht war

abgeblaßt -- irgend etwas schien in ihm sich aufzubäumen. Armin

lauschte atemlos.

Das Land unserer Liebe · 第 7 / 23 题