Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu
treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu
haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.
Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer,
erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß
daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des
Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die
Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so
weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?
Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!
Ja -- es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben
können.
Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit!
Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol -- diese
-- -- Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen
die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins
Elend gestürzt hatten?!
Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des
Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch
einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer
in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte
Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren
und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche
als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers«
mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der
feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare
Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie
geborsten ...
Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst
herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel
des Fernsprechers regierte.
»Ah -- Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja -- -- etwa
gar Nachrichten von Heinz --?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie
Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...
Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:
»Aus Bremerhaven -- Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte
gestatten. Heinz.«
Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen
Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen
im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter
Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser
Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ...
Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine,
kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das
Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen -- für
wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub
eingetroffen -- noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer
Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen
Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den
Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um
so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte
Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und
an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen,
altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals
die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des
Emporsteigenden verbunden -- und dem heißen Wollerblute des Ringers
jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem
Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...
Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im
Nebeneinander des Alltags -- wenn's um Heinz ging, so verstanden sie
einer des andern Gedanken.
Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die
Gefangenschaft so schwer ertrug -- wie wird er die Heimkehr -- -- die
Heimat ertragen?!
»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort
auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.
»Weiß sie's schon?« fragte Georg.
»Einstweilen bist du noch der nächste dazu -- als Vater ...«
Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an -- der zähe
Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im
Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen
zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes
eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte
des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte,
mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben
hatte.
»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte
eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.
Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der
»Altreichskanzler« in See gehe.
Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer
Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende
Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch
die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft
und Anpassung, steifer Nacken und -- gelegentlich! -- krummer Buckel
so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze
Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben -- und um so
zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur
Unerträglichkeit -- fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem
unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem
Jahrzehnt nicht mehr getan -- sie legte ganz leise den Arm um des
Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.
Aber schon entwand er sich -- er verstand es nicht, sich bemitleiden zu
lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.
»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen
Verlobten seines Sohnes.
»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen
tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir -- sie hat
eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«
Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen
Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht
sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...
Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des
Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme -- den Jubel, der durch
die verhaltene Kühle schwang -- und sahen einander nicht ...
»Na, nun gib mal her, Johanna -- ich muß den alten Carstensen noch
sprechen!«
Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun
plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen
Senators Carstensen -- des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie
zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende
der Linie hindurchgegeben.
»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«
Georg Freimann biß die Zähne zusammen.
»Wir sind nachgerade abgehärtet -- wir unglückseligen Deutschen ...«
»Das weiß der Himmel -- aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr
Junge kommt -- da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig
geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters
Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur -- ob er mögen
wird --?!«
Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick
schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick
leise zusammenzuckte -- wie unzählige Male zuvor in einem langen
Gemeinschaftsleben.
»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten
Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren -- von ferne
noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann --
unser Werk -- unser zertretenes Land ...«
»Auch ich muß hin --« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß
das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also
Schluß, lieber Freund -- heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ --«
»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns
möchte Sie noch sprechen ...«
Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund
in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende
Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen.
Bob Timmermanns -- gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer -- die
rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und
Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem
die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann
Gestalt gewonnen hatten.
»Hier Timmermanns ...«
»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns -- der
›Altreichskanzler‹ --?!«
Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache
mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes
Portemonnaie -- die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«
»Tun Sie's nicht, Timmermanns -- Sie springen den Burschen ins Gesicht
... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«
»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher
Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre
den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon
noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und
Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber
einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick -- einen Schwur, den
der Himmel erhören soll ... oder die Hölle -- je nachdem --!«
2
Der Berlin-Hamburger +D+-Zug schnob durch die kahlen Marschen
von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme
schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier
Waggons dritter Klasse angehängt -- für einen Trupp heimkehrender
Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.
Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den
kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen
Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie
einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in
die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in
der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen --
und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses
edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen
überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland
weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur
ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport
nach Deutschland ab. Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur
solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie
und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren
die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem
Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat
entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der
Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der
lang entwöhnten Berufsarbeit -- das alles wirkte und wühlte wohl im
innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes
Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder
der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau
waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten
sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit
roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im
Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und
Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche
Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des
Proletariats.
In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten
Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die
Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten,
verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um
Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft,
dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive
Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem
Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine
Zukunftspläne.
»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as
wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige
Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt
du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi
de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei
danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd
wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt
und denn sozialisert ...«
Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib,
dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher
von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder
schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am
werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.
Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem
klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und
behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach,
die am Gepäcknetz verstiebten.
»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor
sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in
mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend
... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich
ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger
nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn
spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«
»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje.
»Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt -- un brukst jem
nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst
du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! -- denn hest du s' all,
as sei wussen sünd ...«
Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die
schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.
»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«
Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende
Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des
nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:
»Kiekt, Jungs -- de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol --
wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«
Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von
ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise
waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden
-- hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet,
das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen
die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis
zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre
Arbeitsstätte vor ihnen auf -- nun fröstelte jählings in ihren Seelen
die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten
Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des
Daseins abgrub.
Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und
bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle
hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen
Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen
Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte
Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:
»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten
Vaterlande!«
Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig
wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den
früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge
um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der
neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber
man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen -- man sehnte sich
nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den
ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und
der Hafen so leer ... Woher sollte da -- --
Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten
jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über
Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...
Musik zur Stelle -- es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine
Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste,
klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das
bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug
der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der
Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten
nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft
Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete
an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum
Alsterbecken hinüber:
»Wir bluteten vier Jahr
in Schlamm und Glut und Graus
für Krone, Thron, Altar --
nun ist die Knechtschaft aus!
Was hoch und stolz, das fällt
im Sturm der neuen Zeit --
nun bringen wir der Welt
die rote Seligkeit!«
* * * * *
Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der
Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen
Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland
einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark
strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine
breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ...
Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten
Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt.
Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand
als natürliche Kriegsfolge empfunden -- sein Fortbestehen nach dem
Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen
... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den
seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen -- und nur ein tiefes
Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen,
nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch
Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten -- aller tiefsten
Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.
Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der
Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf
den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders
als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der
Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte
etwas -- jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der
Schiffahrt entboten hatte -- das vieldutzendstimmige Heulen der
Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer
noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der
Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte?
Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während
der Kriegsjahre so gewesen. Aber -- war denn jetzt nicht Friede? Nur
wogende Menschenmassen -- alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch,
an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne, nach
der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen -- schmetterte
marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten
Seligkeit« ...
Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor
einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand -- ein Matrose,
die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen
Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa
stramm, als des Offiziers Auge ihn traf -- den erstaunten Blick des
Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden
Grinsen ...
Ach so ...
Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit
frechem, verwüstetem Gesicht:
»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol
fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un
Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«
Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten
Bengel herab -- ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen -- aber
schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's
heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche,
Pfiffe.
»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n
Liew!«
Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der
sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon
war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte,
parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm,
rissen ihm die Waffe von der Seite -- die Krone vom Ärmel, die
Achselstücke von den Schultern -- vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen
Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient -- Püffe
regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt,
wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über
die Augen fiel ...
Da stand er, taumelnd, gebrochen -- ein Blutrinnsel tropfte ihm übers
Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte
Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren
starrten ihn an ...
Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten -- das war der
erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort --
fort -- sich verkriechen ...
Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu.
Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits
der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des
Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ...
Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend --
Und stob plötzlich auseinander -- spritzte nach rechts und links,
gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß
... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur
der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen -- taumelte
verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der
Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst
und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends
überfahren.
Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet,
beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut
und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der
feindlichen Flagge.
Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem
Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt,
sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos
durch die Massen des besiegten Volkes dahinrasend, zur Strecke
gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung
gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden
Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur
einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam
aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden
recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem
flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.
»+Beg your pardon, Sir+ --« sagte der Herr des Wagens zu seinem
Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort:
»Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich
bringen Sie?«
Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er
richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:
»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«
Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um
Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu
dürfen, daß er den +captain+ nach Hause fahre.
»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine +collision+ mit Ihre
+countrymen+ ...«
»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«
Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der
Amerikaner. Er ging ins Englische über:
»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die
Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«
Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich
gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am
Wasser entlang ...«
Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine
Verbindlichkeit. »O -- Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«
»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.
»Oh -- ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch«
-- und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich,
daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes
Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus
den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen
gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt
-- damals -- in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten
Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher
der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der
Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe
den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als
Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen
Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten
Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«
In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die
Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an:
Patterson-Konzern -- natürlich, eine der führenden amerikanischen
Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu
entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter
dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet
sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre -- die hatten von
der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos
ausgelöscht ...
»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in
Haltung.
»Ich weiß nicht genau« -- wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich
werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß meine Sendung nicht ganz
uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es
ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht
böse sein -- Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche
Geschäft vorüber ist -- vielleicht machen wir dann noch ein privates
...«
Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des
Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den
braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil
verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner
Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt
seiner Gattin beraten ließ.
Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.
»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann
... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den
abscheulichen Empfang vergessen!«
Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen
werden so -- nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das
besudelte Ehrenkleid ...
Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:
»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit --«
Aufschreien hätte er mögen -- aufschreien ...
Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan,
eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe
hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus
erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der
Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen,
leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es
doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich
entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander
all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete
Vaterland entgegen.
Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der
Ehrenzeichen bemerkt und -- in diesem instinktiven Wissen um das
Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern
alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.
»Mein Junge du -- mein Junge ... Still -- bist bei mir -- nun wird
alles gut ...«
Und da -- da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr
Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und
begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine
Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der
Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen
tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.
»Charlie -- sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer -- Bad,
frische Wäsche, Zivil ...«
Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles
gleichgültig -- er war da, war frei -- lebte -- es hatte ihn nicht
behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte
droben ein gnädiger Hüter ...
Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge
überragte.
»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen
Vaterland ...«
»Still, still, Georg --« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's,
ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht
erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und
angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine
Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du
jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«
Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut
versenken -- und dämmern -- schweigen -- leben -- --
Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg
-- grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl -- und
doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen --
breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche
-- warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich
verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...
Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit
seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen
sie einander in die Augen -- die feuchteten sich, es zuckten die Lippen
... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...
»Mut, liebste Mama --« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der
zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten -- »Mut! Wir werden
arbeiten -- Heinz an seines Vaters Seite -- wir kommen wieder hoch --
wir kommen hoch!«
Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn -- das Erbteil
eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung
bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt
Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar
Atterdag das Fürchten lehrten.
Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem
Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen
Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten
Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief
des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil,
der den Geschmack des weiland Schirmherrn deutscher Handels- und
Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...
Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein
unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter
ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes
einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen
Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute
abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten
Weltmächte in den Ozean hinaus.
Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des
letzten Trösters ...
3
Wie alltäglich, seit die Revolution dem arbeitenden Volke den
Achtstundentag beschert hatte, verstummte auch heute auf den
Werften das gellende Ticktack der von Menschenfaust geschwungenen
Niethämmer, das unablässige Schwirren um vier Uhr nachmittags. Vater
Tietgens verschloß sorgfältig den Verschlag des riesigen Laufkrans,
den er seit acht Jahren führte, droben auf der schwindelnden Höhe
des weit gedehnten Krangerüstes, das sich über die ganze Breite
der fünf vorderen Helgen der Hammonia-Werft hinzog. Freilich,
von diesen fünf Schiffsbaustellen war jetzt nur eine belegt: ein
Zehntausendtonnen-Passagier- und Frachtdampfer entstand dort. Den hatte
eine neutrale Macht bestellt. Ja, ja, die Spanier -- und die Holländer
-- die kennen uns ... die wissen: sie kommen ja doch wieder hoch ...
die Deutschen ... werden wieder leistungsfähig wie vor dem großen
Unglück ... Aber die anderen vier Helgen standen leer ... Wann würden
sie sich wieder beleben?
Der Vadder Tietgens da oben in seinem Laufkran -- der hatte Augen
im Kopf. Wenn's nicht bald wieder Bestellungen gab -- wenn keine
Schiffe mehr auf Helgen gelegt werden konnten -- dann ging's allen
an den Kragen -- den Kapitalisten natürlich -- den Eigentümern, den
Aktionären der Werften ... aber den Handarbeitern erst recht ...
den Hunderttausenden, die ihr Brot fanden da unten, wo am Südufer
der Norderelbe Werft an Werft sich reckte. Und drüben die endlosen
Arbeiterviertel in Hamburg, Altona, Ottensen! Da hausten sie in
unzähligen Straßen und Häuserblocks, vom Erdgeschoß bis unters Dach der
Mietkasernen -- die Kollegen, die -- Genossen! -- mit Weib und Kind und
Schlafburschen ... Und all das lebte -- vom Hafen ... Hatte während
des Krieges alle Hände voll Arbeit gehabt, die Taschen voll Geld. ...
Aber nun --?! Was würde nun?! Die Kanonen waren verstummt ... der Hafen
verödet ... die Werften so gut wie beschäftigungslos ... Himmel -- wenn
das so bliebe -- was dann?!
Oh -- Vadder Tietgens sah klar. Hier oben bekam man helle Augen --
hellere als drunten im Brodem der Schiffsbauhallen und Eisengießereien
-- oder im Bauch der langsam sich aufwölbenden Schiffsrümpfe -- wo
man ja wohl vorm Getöse der Arbeit sein eigen Wort nicht hören konnte
-- geschweige denn nachdenken. Natürlich -- man war seit Jahrzehnten
ein anerkannter Führer der Hamburger Sozialdemokratie. Marx! Oho! --
jedes Wort ein Evangelium -- aber -- man hatte auch auf der Werft eine
Vertrauensstellung. Man wußte, wie so ein Ding entstand -- so ein
Riesenungeheuer, so ein modernes Seeschiff. Dazu gehörte vor allem ein
Kopf -- viele Köpfe -- und nicht bloß ein paar hundert oder tausend
stramme Fäuste. Kopf und Hand -- nur zusammen konnten sie es schaffen.
Brauchte denn nicht auch er selber, der Kranführer, fast mehr seinen
ruhigen klaren Hirnkasten -- und die sicheren Augen darin als die
nicht minder verläßliche Hand?
Freilich -- man war ein Vorkämpfer seiner Klasse, der Klassenkampf
-- der mußte sein. Der Geldsack und der Kopf -- die hielten zusammen
wie Pech und Schwefel -- da mußten auch die Fäuste zusammenhalten,
sonst rückten Kopf und Geldsack nichts heraus, -- als was das »eherne
Lohngesetz« ihnen abpreßte. Und schließlich -- leben will doch auch der
Mann der harten Faust, nicht wahr? Und ein bißchen besser als das Vieh
... man ist ja schließlich ein Mensch und kein Triebrad, kein Zapfen
bloß im Riesengetriebe ... man will sein bißchen Behagen, sein Stück
Fleisch und einen sauberen Rock für den Feiertag ... und abends ein
paar Ruhestunden, in denen man aufatmen kann, sich selber gehören und
seinen Lieben. Das ist doch nicht zuviel verlangt, he? Und nicht einmal
das wollen sie sich abzwacken lassen, die zwei harten Verbündeten,
Kopf und Geldsack ... also zielbewußter Klassenkampf, zielstrebige
Organisation --! Aber: der Irrsinnsschrei aus dem Osten -- Ausrottung
der Bourgeoisie, Diktatur des Proletariats, »die rote Seligkeit«?!
Nein, davon mochte er nichts hören, der alte Kranführer droben auf
seiner blickweiten Höhe.
Er warf noch einen Blick voll unbewußter Zärtlichkeit auf das vertraute
Bild zu seinen Füßen. Das weite Werftgelände lag tief unter ihm wie ein
sauber aufgestelltes Riesenspielzeug -- bis an den breit hinfließenden
Elbstrom. Seine gelblich opalisierenden Gewässer stießen in unzähligen
schmalen und breiten Streifen tief hinein in das Gewirr der Schuppen,
Bauhallen, Wohnhausgruppen hüben, der turmüberzackten Häusermassen der
gigantischen Doppelstadt da drüben. Das war seine Welt ... Und kaum
geahntes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schlich durch die Seele
des alten Arbeiters ... etwas wie ein traumhafter Stolz. Das alles war
sein ... sein Hamburg ... die Welthandelsstadt ... über deren Brausen
und Brodeln er täglich schwebte und schaltete seit Jahrzehnten ... Er
verwahrte den Schlüssel zu seinem luftigen Reiche sorgfältig in der
Tasche und stapfte über den schmalen Eisensteg zum Fahrstuhl. Der trug
ihn zur Erde hinab -- und die zahlreichen Maler, die auf dem Labyrinth
des Krangerüstes dauernd mit Instandhaltung des Farbanstrichs der
Eisenkolosse beschäftigt waren. Die Gespräche der Genossen, die ihn
umschwirrten, drehten sich wie immer um den einen Punkt: Lohnerhöhung
... Das war so gewesen, solange Timm Tietgens denken konnte. Aber der
Krieg hatte den Beginn der großen Teuerung gebracht, der Umsturz ihr
Anschwellen lawinenhaft beschleunigt. Die Lohnbewegung kam nicht einen
Augenblick zur Ruhe, gärte alle paar Wochen zu neuen Krisen auf. Schon
war es zu schrecklichen Ausbrüchen der Empörung gekommen: Sturm auf
das Verwaltungsgebäude, schimpfliche Bedrohung und rohe Mißhandlung
der Direktoren waren ihre wildesten Gipfelungen gewesen. Und seit
die Heimkehrer aus den östlichen Teilen Rußlands die Gemüter mit
entflammenden Schilderungen der russischen Proletarierherrschaft immer
aufs neue aufpeitschten, schienen neue wilde Dinge sich vorzubereiten.
Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen
diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte
sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer
Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem
der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte
in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war
mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen -- tjä,
da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder
Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber
dann mußte man einen Kopf haben etwa wie jener Bob Timmermanns
... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze
der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft
... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte
es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als
man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein
wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung
zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte
nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister
werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als
Arbeitsaufseher vorgesetzt -- und eine Dienstwohnung in einem der
schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten
Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes
errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß
zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für
Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun -- in der
vollgepramsten Dampffähre -- und dann die halbe Stunde tippeln bis zum
Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige,
barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm
Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von
immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen,
diese Behausung -- damals, als in ihr drei stramme Buben und ein
hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich
verscharrt -- einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das
Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch
strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt
treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine
»Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen,
hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen Bureaus der
Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten
Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte
es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt
bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen
Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es
sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste.
Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am
Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre
Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu
vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte
sie bei Vadder und Mudder -- und hatte immer ein paar Mark übrig, um
den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.
Ja, Antje --! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen
Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und
gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des
arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer
der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der
stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus
gefunden haben müßte --? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen
Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt
hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger
gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben
in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis
Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der
Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener,
hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben -- und es nicht einmal zum
Kranführer bringen -- oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen,
wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte
...
So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben
Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem
Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen
der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige,
altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern
geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen,
glückseligen Lächeln:
Ja, meine Antje --!
Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm
er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde
lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang
still: Das war -- Tedje --!
Er sprang die letzten Stufen hinan -- riß die Tür auf und -- hal mi de
Düwel -- dei Jung --!
Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf
den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...
Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie
knackten.
»Junge, wo sühst du ut -- as 'n Russ' -- mit 'n groten Bort ...«
»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder -- ick bring dei grote
Heilslehre ut'n Osten mit -- Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok
Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme
sang er den Trutzgesang des Radikalismus:
»Jetzt bringen wir der Welt
die rote Seligkeit!«
Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr
nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur
Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da
klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...
»Na nu? Wat's dit --?!«
Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein
altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik
machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte,
war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als
unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten
kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich
... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn
sich neigen mußte ...
»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus -- Clos Mönkebüll
heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft -- öber
freuher hebbt wi uns nich kennt ...«
Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme
aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter
auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und
in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk
gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft
nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der
Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener
zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen --
und in der Regel auch im Leben zusammenhält.
Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen,
fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer
... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und
Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen
die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im
Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit
unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.
Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür
geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort
zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser
Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen -- ihr schlug
das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er
war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister
beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für
Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun -- war es möglich,
dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch
die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber
einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte -- war's nicht noch ein
viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber
ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte
kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die
schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es
entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig,
übungsentwöhnt und hart das Spiel -- es strömte dennoch von da drinnen
eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich
nicht entziehen konnte.
In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang
waren die Lauscher im Bann -- dann schloß Antje dem Bruder von hinten
mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.
Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der
damenmäßigen Erscheinung der Schwester -- dann glühte in seinem Blick
etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:
»Gottverdammi -- Antje -- Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte
seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie -- aufatmend
machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und
scheu.
»Willkamen, Tedje -- endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder
hebben!«
Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an -- doch
ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter
starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein
Kamerad -- aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge -- eine
kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen -- und die Rechte, die er
schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte,
diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens
Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein
Heiligtum.
4
Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein
Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der
offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der
Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche
standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des
älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten
Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt,
ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen
der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei
Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten
die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote
Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...
Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter.
Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich
unbewegt -- nur seine fest zusammengekniffenen Lippen, von tausend
Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.
Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn
hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals
von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen
die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein
feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen
Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen
Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe«
angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.
Und nun geschah's:
Die schwarz-weiß-rote Fahne sank -- und an ihrer Statt stiegen die
Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues
Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht
von Siegestrunkenheit -- Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger
Selbstgefälligkeit sich spreizend -- und im Schutze der drei Gewaltigen
das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des
nackensteifen Belgien -- sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten
von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies
eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über
den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen
inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch -- die
Farben des Reiches waren erloschen.
Der »Altreichskanzler« war verloren -- das letzte Schiff der deutschen
Handelsflotte -- das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und
Wagemutes.
Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie -- der weiland
ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?
Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein
Lebenswerk war zerbrochen -- und mit ihm sein Leben.
Ein einziges Mal schluchzte er auf -- kurz und trocken. Da löste sich
das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem
Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des
Schwiegervaters zuckenden Nacken.
»Mut, Papa -- Mut -- wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe -- Heinz
ist da ...«
Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich
an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um
sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er
weiterschlummern -- der Genesung, der Zukunft entgegen.
Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich
bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank
nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep
hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die
Übernahme war vollzogen.
Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße
Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den
umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin
dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft
durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war
-- kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder
zuzustreben -- und schwebte von dannen -- immer ferner, ferner -- ins
Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche
Traum von Größe und Weltgeltung.
Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und
bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand
die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete
auf ihrem weißen Gesicht, in ihren blauen Nordlandsaugen. Immer
höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr
Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß
des entschwebenden Schiffes -- er maß die breite Fläche des
schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken
purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.
Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings
glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden
schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung -- die Gewißheit der
Wiedergeburt.
Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem
abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse,
welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der
»Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit
raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche
zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang -- am Fuße der Treppe stehend
schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor -- das
ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines
Chefs.
Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt
wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur
selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht.
Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit
einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der
Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da
hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor
und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit
war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft
hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um
eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen,
seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem
Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den
blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und
arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr
täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu
pflegen.
Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen
Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem
ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der
jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten
war ...
Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung.
Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.
Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes,
voll gemessener Zurückhaltung -- und doch auch er gebannt von diesem
herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an
dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum
Deiche hinan -- und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des
Augenblicks.
»+Good evening+, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit
weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von
Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten
und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«
Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf
Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden
internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm
begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen
der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer
Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen
geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson
auf mancher bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork,
Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese
verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft
zertrümmert.
Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames
Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit
seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark
aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe
seiner Verzweiflung entgegen.
»Herr Patterson -- Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«
»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe,
»ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen.
Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen
in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet -- ich
möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie
erlauben -- auf Wiedersehen morgen früh!«
Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner
ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen
Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem
»Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg
mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb,
um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.
»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem
Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte -- der söffe jetzt
Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine
Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H.
T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen
Mitarbeiter vertraulich die Rechte entgegen -- er drückte sie, daß das
Mädchen lachend ächzte.
»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«
»Danke, Timmermanns --« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«
»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte
gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen
die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer
vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in
Auftrag geben wird.«
Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande.
»Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme.
»Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will -- ich passe.«
»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung
des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte +a conto+
Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert -- das
Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott -- wie das Reich.«
»Aber das ist ja bankrott?«
»Solange es noch eine Notenpresse gibt« -- grinste Timmermanns --
»solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes
gelten -- solange ist das Reich nicht bankrott.«
»Das Reich -- wer ist das Reich?«
»Die provisorische Regierung.«
»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder
aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«
»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der
Futterkrippe herausholen müssen.«
»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen
dazwischen.
»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es
laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden.
Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und
meinen Dampfer?«
Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein
Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen -- heute abend ... Aber
nicht im Bureau -- speisen Sie mit uns -- Sie, Freund Carstensen,
und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um
unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns
-- im Wagen ist Platz.«
Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse
heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich
in Villa Freimann melden.
Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb
zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.
Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns --
so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen
dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn
gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die
Hansa-Transatlantik-Linie?
Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der
Konkurrent von drüben ...
Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das
Sternenbanner Platz.
Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.
Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht
an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder
niederzuholen.«
Es war niedergeholt -- aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es
eingerafft.
5
Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz
Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch
das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe
zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein
tiefes Dunkelgrün -- nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf --
jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün -- und sieh -- da
entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche -- versank noch
einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels --
und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum
überstiebt -- bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«
Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die
Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die
Vergangenheit -- das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart
-- die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft -- über allem
die Gnadensonne: Ilse ...
Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer
wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt
aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel,
der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe -- seiner
Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt
seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer
entgegengebrodelt hatte -- würde sie nicht höher, immer höher steigen,
unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem
unglückseligsten aller Länder?!