Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog
der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer
Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der
Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten
der majestätischen Handelspaläste -- zur Linken die im Nebel
verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens.
Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein
flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte
der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte
voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau -- seine kalmückische
Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen
... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen,
wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im
Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke -- in
verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt,
rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den
schiefgestülpten Feldmützen ...
»-- jetzt bringen wir der Welt
die rote Seligkeit --«
Stockung -- Schreie -- geballte Fäuste -- -- aber schon war's vorüber
-- ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.
Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf
tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine
neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der
vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First
der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des
Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben
Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung
der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier
aufgeschlagen hatte. »-- die rote Seligkeit -- --«
Hatte es Sinn zu arbeiten, -- -- mit zusammengebissenen Zähnen zu
kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!
Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.
Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie
schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin -- angefüllt mit
dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr -- man wurde
beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.
Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem
Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus
grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben
Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses
klaren, in sich gefestigten Gesichts.
»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission
hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische
Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des
›Altreichskanzlers‹ vorgenommen -- das Schiff solle heut nachmittag um
drei Uhr in See gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe
von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang
leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.
Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne
stützen. Längst fällige Botschaft -- dennoch -- unfaßbar --
unerträglich!
Das letzte Schiff der H. T. L. -- das schönste -- und das letzte!
Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel
gelaufen -- die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft -- am
ersten August zum Glück im Heimathafen -- dann, in ein Kriegsschiff
verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee,
Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö -- nun gemäß den
Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer
der Welt zurückverwandelt -- um als letzter Besitz der einstmals
erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu
werden.
Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht
aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der
Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor
Mitleid -- und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele
sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den
Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...