Friedrich der Große ist gestorben an der traurigen Krankheit, an der

alle großen Eroberer sterben, an der Menschenverachtung. Freilich

die Schmeichler, diese Hofpest, wußte er sich gründlich vom Leibe zu

halten. Schon sein ruppiger Vater, würdig ein Genie zum Sohn zu haben,

duldete solche Kerle nicht. Als ihn einst ein Bürgermeister nach der

auch bis ins zwanzigste Jahrhundert noch herrschenden Unsitte mit

einer devoten lobesvollen Rede am Stadttor empfing, unterbrach ihn

der König, indem er ihn dabei auf seinen dicken Bürgermeisterbauch im

Sonntagsrock klopfte, mit den Worten: „Genug, Alter! Erkälten Sie sich

Ihren Chimborasso nicht!“ Der alte Fritz konnte über Schmeichler so

wütend werden, daß er seinen Krückstock nach ihnen warf. Anderseits

gab es auch keine Majestätsbeleidigungen für ihn; er wußte, daß er

zu groß war, als daß ihn die Kanaille hätte beleidigen können. Eine

Schmähschrift, die einst an den Mauern Berlins wider ihn angeschlagen

war, ließ er bekanntlich „niedriger hängen“, damit sie besser zu lesen

sei.

Alle Künstler behandelte er wie seinesgleichen. „Um Gottes willen,“

heißt es in einem Briefe an Voltaire, „schreiben Sie mir nur als

Mensch, und verachten Sie mit mir Titel, Namen und allen äußeren

Prunk.“ Aber im ganzen war ihm das Menschengeschlecht, „diese verruchte

Rasse, der wir angehören“, wie er sich ausdrückte, völlig zuwider

geworden. Seine Preußen hatten schließlich den Drill so sehr in den

Knochen, daß sie ihm wie Sklaven, nicht mehr wie Menschen vorkamen. Die

Handvoll Personen, die er geliebt, starben fast alle vor ihm, und so

lebte denn der einsame Philosoph in Sanssouci ohne eine Menschenseele

zwischen Bedienten, Hunden, Affen und Papageien. Die Zeit, die er einst

der Kunst, vor allem der Musik, geweiht hatte, verschlang nun gänzlich

der Staatsdienst. Er starb ganz einsam, ohne Priester, ohne einen

Verwandten, in den Armen eines Dieners, während draußen im Vorzimmer

zwei Lakaien sich um die Wachskerzen, die sie aus den Leuchtern

gestohlen hatten, zankten. Er wollte neben seinem Schlosse zwischen

seinen Windspielen bei Nacht bestattet werden. Aber die sogenannte

Pietät seiner Nachfolger verhinderte dies.

So starb dieses Genie, der größte Hohenzollernfürst, dessen Lebenswerk

über Jena und Sedan hinaus gehalten hat.

Napoleon

In zwei Aufnahmen

~a~) die positive Aufnahme

Schon Goethe hatte sich über die Weisheit: „Für einen Kammerdiener gibt

es keinen Helden“ tüchtig geärgert und laut erklärt, daß dieses immer

nur die Schuld des Kammerdieners wäre, der über dem Allzumenschlichen

seines Herrn, das er täglich sieht, größenblind geworden sei. Wer

über einem Menschen in Unterhosen den Sieger von Austerlitz vergißt,

der hat eine Lakaienseele und ist zu nichts Größerem geboren, als

mächtigen Herren die Stiefel auszuziehen und abzuputzen. In einer

die Helden hassenden Zeit haben wir Napoleon, den Heine und Byron

immer nur den Großen schlechthin nannten, mehr als uns recht war,

mit Kammerdieneraugen betrachten sehen: So von Shaw, dem nichts zu

groß ist, um es nicht klein zu kriegen, so von Sardou in seinem

Kulissenreißer „Madame Sans-Gêne“ und von manchen anderen. Nicht mehr

mit der Kinderphantasie unserer deutschen Pastoren vor hundert Jahren

haben die Schreiber unserer Zeit Napoleon geschaut, etwa als einen

Werwolf, der von Menschenblut lebt oder ein wildes Tier, das aus der

Felseneinsamkeit Korsikas ausgebrochen war, um Europa zu dezimieren und

die Welt auf den Kopf zu stellen.

Nein, im Gegenteil, man hat in unseren Tagen den gewaltigen Zwergen,

der am Anfang unserer ganzen bürgerlichen Zeit steht, für diese

jetzige Bürgerwelt zurecht photographiert, ihn vermenschlicht und

unter uns andere gebracht, ihm bestens sein Absonderliches, nicht sein

Ausschließliches abgeguckt. So bekamen wir einen Napoleon zu sehen,

wie er noch heute unter uns herumlaufen könnte, ohne sehr in der

Menagerie der Menschen aufzufallen: einen Mann, der gern schnupfte,

viel und alles durcheinander aß, Käse nach der Suppe und Äpfel zum

Schellfisch, der bei dem Schauspieler Talma Stunden im Repräsentieren

nahm, und einen dicken Bauch hatte, der eifersüchtig und abergläubisch

wie ein Italiener war, parvenühaft seine Familie auf alle Throne

Europas zu kleben suchte, der Französisch sprach wie ein Bauer bei uns

Hochdeutsch, der die Schlacht bei Leipzig infolge von Magenschmerzen

verlor, und der sich auf der Insel Sankt Helena mit dem gleichen

Ungestüm mit einem unbedeutenden Gefängniswärter wie einstmals mit

Blücher, mit Metternich oder dem Kaiser von Rußland herumzankte.

Diese verkleinerte Photographie fängt das Rätsel Napoleon noch weniger

ein als das Zerrbild, das die deutschen Freiheitskämpfer Anno 1813 sich

von ihm machten, die ihn als Vernichter ihres Vaterlandes, als Lügner

und falschen Propheten gehaßt haben, wie noch keiner in Deutschland

gehaßt worden ist. Was er zunächst als Testamentsvollstrecker der

Französischen Revolution allein für Gutes über Europa gebracht hat,

das sah man damals im Rausch des Patriotismus noch nicht. „Attila!

Attila!“ sollen ihm die Studenten zu Jena nachgerufen haben, dieselben

vielleicht, die zehn Jahre darauf unter Metternichs Knutenwirtschaft

sich fast nach dem fremden Tyrannen zurücksehnten. Der einzige Mann von

Bedeutung in Deutschland, der den allgemeinen Haß gegen Napoleon nicht

mithassen konnte, ist bekanntlich Goethe gewesen, der so begeistert

von dem persönlichen Reiz des Kaisers war, daß er -- die Geschichte

hat kein größeres Kompliment für Napoleon! -- lange überlegte, ob er

nicht sein Vaterland aufgeben und nach Paris ziehen sollte. Aber es

+war+ nur das Dämonische, die Urkraft in Napoleon, die Goethe zur

Bewunderung hinriß. Das Stück Zukunft in diesem Bürgerkaiser wurde

der Aristokrat und weimarische Staatsminister mit allen anderen noch

nicht gewahr, das Demokratische, man möchte fast sagen, Amerikanische

in Napoleon, das nicht Adel noch Stand, sondern nur das persönliche

Verdienst hochschätzte. Dies kam zum Vorschein, wenn er etwa an

den Habsburger, den Kaiser von Österreich, der ihn, um sich den

bürgerlichen Schwiegersohn zu erleichtern, an den Familienadel der

Bonaparte erinnerte, einfach schrieb, „Mein Adel rührt von Montenotte,

meiner ersten siegreichen Schlacht über die Österreicher, und von

nichts anderem her.“ Oder, wenn er einen beliebigen Prinzen von Preußen

in bitterer Ironie zu einer Hasenjagd auf dem Schlachtfeld von Jena

einlud und ihn dann obendrein noch warten ließ, während er von seinem

Stuhl aufsprang, als Goethe zur Audienz hereinkam.

Aber für dieses Demokratische in seinem Wesen hatte die Zeit, die ihn

erlebte, ebensowenig Augen wie für das Romantische in Napoleon. Man

war zu sehr überrascht von dieser Erscheinung, um sie schon verstehen

zu können. Denn Napoleon war wirklich ein Romantiker auf dem Throne,

wie es vor ihm nur Alexander der Große gewesen ist. Das, was deutsche

Geschichtschreiber stets als Pose und Phrase bei ihm gescholten haben,

das war seine Triebfeder, sein Daseinsgrund: So, wenn er, der keine

Dynastie hinter sich hatte, in Briefen oder Reden sich Hannibal zum

Ahnherrn machte, als er über die Alpen zog, oder Cäsar, wenn er in

Italien und Mohammed, wenn er in Ägypten war, oder den nach Persien

flüchtenden verbannten Themistokles, als er nach Belle-Alliance den

Schutz des englischen Königs anrief.

Es war ebensowenig geschauspielert wie unwahr, wenn in Potsdam sein

erster Besuch dem Sarge Friedrichs des Großen galt, und wenn er den

Degen des alten Fritzen für die +schönste+ Beute aus allen seinen

Kriegen erklärte, oder wenn er den Papst zu seiner Kaiserkrönung

herbeizog, oder wenn er seinen Sohn in der Wiege zum König von Rom

erklärte. Große Augenblicke bedürfen großer Worte, und man sollte

Napoleon so wenig einen Phrasenmacher nennen wie Bismarck, der, um

Rußland einzuschüchtern, schrie „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst

nichts auf der Welt“. Politik ließ sich damals und läßt sich auch

heute oft nicht anders übersetzen als: Die Kunst, schön zu lügen. Und

hatte Napoleon nicht das Recht, ein Romantiker zu sein, wenn er seinem

Leben, das sich noch heute wie ein Roman erzählt, auf den Rücken sah?

Es gibt nichts Reizvolleres in seinem Leben für uns, die wir es heute

aus der Vogelschau betrachten, als die kurze Zeit, da er 22 Jahre alt,

im Sommer 1791 als Sekondeleutnant in Valence, einem Städtchen in

Südfrankreich, bei der Artillerie stand. Er dichtete damals -- welcher

bessere Sekondeleutnant täte dies nicht! -- klagte über den Dienst,

war unglücklich verliebt, las fünfmal „Werthers Leiden“ und schrieb

Sätze wie diesen in sein Tagebuch: „Die Liebe bringt mehr Unglück als

Glück, und es wäre eine Wohltat der schützenden Gottheit, uns damit zu

verschonen und die Menschen davon zu befreien.“ Er ahnte damals noch

nicht im geringsten, was das Schicksal aus ihm machen würde. „Erst nach

meiner dritten siegreichen Schlacht fühlte ich -- auf der Brücke von

Arcole war es! -- daß ich ein großer Mann werden würde, und diese fixe

Idee verließ mich seitdem nicht mehr“, hat er auf Sankt Helena gesagt.

Wenn man das Genie als eine Art Krankheit bezeichnen will, deren Wesen

Ruhmsucht ist, so war Napoleon später +völlig+ von dieser Krankheit

besessen. Ruhelos trieb sie ihn, wie den Orest die Furien, durch ganz

Europa umher, bis er auf der kleinen Felseninsel im Atlantischen Ozean,

wo dreitausend arme, verkommene Menschen, ein paar Schafe und Ziegen

und Milliarden Mücken lebten, eine qualvolle Erlösung fand. So war

er ein Abbild dessen, der vom Geist der Ordnung überritten wird, und

der in der Offenbarung Johannis also beschrieben wird: „Und es ging

heraus ein anderes Pferd, das war rot; und dem, der darauf saß, ward

gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und daß sie untereinander

erwürgeten; und ihm ward ein großes Schwert gegeben.“

Neben dieser übermenschlichen dämonischen Triebkraft seines Daseins

seien schließlich noch ein paar freundliche Züge in dem Wesen dieses

„Tigers in Menschengestalt“, wie Theodor Körner ihn nannte, erwähnt.

Einmal die Art seiner Kriegführung in Ägypten, wo er zivilisierter,

als wir in China es waren, die alten Heiligtümer des Landes den

Gelehrten, nicht den Soldaten überließ, oder in Italien, wo er den mit

dem Tode bedrohte, der ein Kunstwerk zerstören würde und Florenz um

Michelangelos und Arezzo um Petrarkas willen nicht beschießen ließ.

Vergessen sei auch nicht, wie gütig er gegen seine Soldaten gewesen

ist, die wirklich nicht für einen Tyrannen und Menschenfresser so oft

in den Tod gegangen wären, wie er die Pestkranken, um sie von ihren

unheilvollen Qualen zu befreien, vergiften lassen wollte, und wie er

manche Nachmittage vor den Soldatenspitälern zu Paris Musik machen

ließ, um die Genesenden heiter zu stimmen.

Für die Franzosen ist dieser Napoleon eigentlich nur ein schöner Luxus

gewesen, wie sein Neffe, ~Napoléon le petit~ zum Kaufmann geboren, zum

Kaiser bestellt, ein unschöner Luxus für sie geworden ist. Jedenfalls

hat das französische Volk von der ganzen Kaiserei Bonapartes heute

nichts mehr in Händen als große Erinnerungen und verschollenen Ruhm

und eine noch jetzt mit infolge seiner vielen Kriegszüge dezimierte

Menschenschar. Die sozialen Eroberungen der großen Revolution, von

denen die dritte Republik heute zehrt und lebt, hat Napoleon gehemmt

und dem Volke, das ihn als Götzen anbetete, in seiner Entwicklung

nur geschadet. Was er, diese Laune des Seins, als unbewußter

Testamentsvollstrecker Voltaires, Rousseaus, Mirabeaus, Dantons den

übrigen Völkern übermittelt hat, die großen bleibenden demokratischen

Ideen aus dem Jahre 1789, hat alle Nationen weniger gekostet als die

französische. Namentlich um Deutschland hat sich dieser Sendbote der

Revolution verdienter gemacht als Bonifazius: Er hat die geistliche

Weltmacht in Deutschland vernichtet, die Reichsstädte größtenteils

aufgehoben, die Reichsritterschaft lächerlich gemacht und mit

diesem allen wider Wissen und Willen der Einigung des Reiches und

Bismarck vorgearbeitet. Er hat den Gedanken der Volksfreiheit und

der Verfassung über die Elbe fast bis nach Mecklenburg getragen, und

wenn wir in unsern Tagen auch in Preußen von Freiheit, Gleichheit und

Brüderlichkeit zu sprechen beginnen, so verdanken wir dies dem Dämon,

der ausgesandt ward, in alle Welt zu gehen und alle Völker zu lehren

und auf den heiligen Geist der neuen Zeit zu taufen. Und darum können

wir hundert Jahre nach dem Erscheinen dieses Kometen Napoleon mit Fug

und Recht ihn im Elysium zum deutschen +Ehrenbürger+ ernennen.

~b~) die negative Aufnahme

Es ist ein Prüfstein für jeden heutigen Menschen, wie er sich zu

Napoleon stellt. Nicht als ob noch ein Streit über seine persönliche

Bedeutung notwendig wäre. Die Zeit, die unmittelbar auf seine

Schreckensherrschaft folgte, hielt es in ihrer Verachtung gegen ihn

für angebracht, ihm fast jede überlegene außergewöhnliche Begabung

abzusprechen. Chateaubriand, der ihn nach Madame de Staël wohl am

heftigsten in Frankreich gehaßt hat, ging sogar so weit, ihm als

gepriesenem Feldherrn ein Mißtrauensvotum zu erteilen. „Man hat

gemeint,“ so schrieb er, „Napoleon hätte die Kriegskunst entwickelt

und vervollkommnet. In Wirklichkeit hat er sie zu ihrer Kindheit

zurückgeführt.“ Dieser Ausspruch ist freilich nicht so töricht,

wie Flaubert geglaubt hat, der ihn in seine Sammlung denkwürdiger

Dummheiten aufgenommen hat. Denn Napoleons Krieg- und Schlachtenführung

hatte wirklich etwas sehr Primitives an sich. Und das ganze große

Geheimnis dieser „Kunst“, die wie keine andere vom allmächtigen

Zufall abhängig ist, besteht nach seinen eigenen verächtlichen Worten

darin, daß man mit einer größeren Heereszahl eine kleinere angreift.

Aber lassen wir ihm ruhig seine lang genug erprobte Feldherrengabe,

die er am meisterhaftesten noch in seinem Absturz, in dem Feldzug in

Frankreich 1814, bewährt haben soll! Mögen sich Generalstäbler und

Kriegsschüler daran erbauen.

Seine Fähigkeit, Schlachten anzuordnen und Truppen zu leiten, soll

ebensowenig mehr bestritten sein wie seine Kraft, die Mannschaften

anzufeuern und Menschen für sich zu gewinnen. Von dem Zauber seiner

Persönlichkeit, mit dem er Männer, an deren Freundschaft oder

Bewunderung ihm etwas lag, einzufangen wußte, sind uns zahllose

Zeugnisse erhalten. In Deutschland ist die magnetische Macht seines

Einflusses am bekanntesten durch die Verehrung Goethes geworden,

der von ihm seit der Zusammenkunft in Erfurt stets wie von einem

überirdischen Wesen sprach und diese Vergötterung des „Einzigen“ noch

seinem unglücklichen Sohn August vermachte, dem im Freundeskreis

die Tränen in die Augen traten, wenn man die Schlacht bei Leipzig

feierte. Diese maßlose Überschätzung des fremden Kriegsgötzen verstieg

sich bei Goethe zu dem bekannten Ausspruch gegen Theodor Körner und

Lützows Freischaren im Jahre 1813: „Schüttelt immer an Euren Ketten!

Der Mann ist Euch zu groß. Ihr werdet sie nicht zerbrechen.“ Wir

wollen diese Narrheit des Dichters nicht hinterher zu entschuldigen

und verständlich zu machen suchen. Goethe hatte sich einmal in die

dämonische Persönlichkeit Napoleons versehen und war als Staatswesen

überhaupt auf das Unterordnen eingestellt. Für ihn gab es, nach seinen

eigenen Worten, kein schöneres Los, als einem selbsterwählten würdigen

Fürsten zu dienen. Napoleon galt ihm mit Recht als der befähigtste,

der gebieterischste unter allen ihm bekannten Herrschern seiner Zeit.

Und darum brachte er ihm, von dem er sich wie ein Pair behandelt sah,

willig seine Huldigung dar. Bis zu seinem eigenen Tode bewahrte er

Napoleon diese Treue, übersetzte im hohen Alter noch, wo er kaum mehr

etwas übertrug, Manzonis Ode auf den fünften Mai, den Todestag des

Kaisers, und sprach gegen seinen Eckermann stets von ihm wie von einem

vollkommenen Helden.

Die trübe Zeit der geistigen Reaktion, die auf den Sturz Napoleons

folgte, trug viel dazu bei, das Andenken an den Gewaltigen zu

verschönern. Die Unterdrückung, die sich auf alle freiheitlichen

Regungen legte, gab dem verschollen auf einer kleinen Insel des

Weltmeeres in Gefangenschaft lebenden Kaiser in der Vorstellung der

daheim Geknechteten einen Glanz und eine Verklärung, die seinem

Wesen in Wirklichkeit gar nicht entsprach. So durch einen Nebel von

Sagen und verherrlichenden Erinnerungen sahen ihn die unter den

poetischen Jüngern, die seine Exhumation, seine Befreiung vom Staube

der Verleumdung herbeiführten. Wie beispielsweise Lord Byron in

England, wie die polnischen Dichter, die ihn hinterdrein als ihren

Messias feierten, wie Heinrich Heine bei uns und der alte Stendhal

und der junge Viktor Hugo in Frankreich. Bis zu dem Jahre 1841, da

man unter dem Ministerium seines Geschichtschreibers Thiers die

Asche des Kaisers von Sankt Helena in den Invalidendom überführte,

blühte diese Wiedergeburt Napoleons in der Dichtung. Man umkleidete

in der poetischen Vorstellung den gewesenen Tyrannen, den Mörder des

Herzogs von Enghien, des armen Buchhändlers Palm und des biederen

Andreas Hofer, nun nachträglich mit den freiheitlichen Gedanken der

französischen Revolution, die er zeitlebens persönlich verachtet und

verlacht hatte. Man wollte sich nicht mehr erinnern, daß Napoleon

alle, die später noch von den großen gesellschaftlichen Plänen des

Jakobinertums sprachen, dem er selber ehemals seine militärischen

Dienste angeboten hatte, als „Ideologen und Faselhänse“ verfolgt hatte.

Man vergaß, daß Beethoven die Widmung der „Eroika“ an ihn zerrissen

hat. Vergaß, daß Napoleon seinem begabten Bruder Lucian, der sich

seine republikanische Gesinnung bewahrt hatte, geradezu nach dem Leben

trachten ließ und ihn zum vollkommenen Schweigen verurteilte. Gewiß!

Napoleon gab sich gern demokratisch und war es schon als Südländer

mehr als etwa sein nordischer Freund und Feind, Kaiser Alexander I.

von Rußland, der die heilige Allianz zur Erhaltung der Monarchien

begründete. Auch das Wort, dessen frohe Botschaft wir wieder vernahmen:

„Freie Bahn dem Tüchtigen!“ findet sich schon mehrfach in der Fassung:

„Dem Fähigen!“ bei Napoleon. Aber dies Gebahren war bei ihm, dem

Advokatensohn und Profitmacher der großen Revolution, mehr eine

verfluchte Notwendigkeit als eine Sache der Überzeugung. Er konnte

sich als bürgerlicher Parvenu kaum noch auf den zum größten Teil durch

die Guillotine weggefegten französischen Adel stützen. „Der Adel hat

mir gedient,“ schrieb er einmal, „aber zwischen uns gab es niemals

Gemeinschaft. Mit dem Volk Frankreichs dagegen war es eine andere

Sache. Seine Gemütsart stimmte mit der meinigen überein.“

Darum wußte er auch dies Volk so gut zu behandeln, daß es sich bis

zur Grenze seiner Möglichkeit für ihn hinschlachten ließ, daß es bis

Waterloo nicht müde ward, sein „~Vive l’empereur!~“ zu schreien. An

dem Glück dieses Volkes, das er, wie er in seinem Testament beteuert,

so sehr geliebt hat, daß seine Gebeine an den Ufern der Seine inmitten

der französischen Nation ruhen sollten, hat er nur, soweit es für

ihn paßte, Anteil genommen. Die „soziale Frage“, die bereits mit der

ersten französischen Revolution der Welt ihr Rätsel aufgab, hat er

kaum beachtet. Ihm war vor allem anderen an seinem Ruhm gelegen. „Der

Ehrgeiz ist der Hauptbeweggrund des Menschen“, mit diesem Satz begann

und endete seine ganze höchst einfache und wilde Psychologie. „Der

Wille zur Macht“, das war für ihn wie für seinen späten Bewunderer

Nietzsche, der nicht nur den Anfangsbuchstaben mit ihm gemein hatte,

die alleinige Triebkraft aller Menschen. Von sozialen Gefühlen mochte

der Korse ebensowenig wie der grausame Sachse wissen. „Ich habe die

Grenzen des Ruhms erweitert.“ Auf diese traurige Selbstvergötterung

laufen die Bekenntnisse hinaus, die er in Sankt Helena von sich gab.

Diese neronische Leidenschaft für den Ruhm, ~la gloire~, die kein Volk

mehr als das französische empfinden kann, hat ja diese Nation stets

wieder an ihn angezogen. Bis auf die Nationalisten und Annexionisten

nach 1870 in Frankreich, die ihn wie ihre Vorfahren den heiligen Ludwig

als ihren Abgott verehrten. Man verzieh ihm um seiner kriegerischen

Ruhmestaten, der vergessenen Schlachten und der verstaubten Fahnen

willen sogar, daß er die Republik samt ihren erhabensten geistigen

Errungenschaften vernichtet hatte. Denn den freien Kult der Religionen

hat er, der sich selber einen „guten Katholiken“ nannte, anders wie

sein leuchtendes Vorbild, Friedrich der Große, möglichst im Sinne Roms

eingeschränkt.

Er hat sich später nach seinem Sturz viel darauf zugute getan, daß

er die Ordnung in Frankreich wieder hergestellt habe. „Ich habe den

Abgrund der Anarchie zugeschüttet. Ich habe ein Chaos gesichtet,

die Revolution geläutert, habe die Völker veredelt, die Könige auf

ihrem Thron gesichert.“ So und ähnlich rühmt sich Napoleon in der

„Selbstrechtfertigung“, die er auf seiner letzten Insel diktiert

hat. Wie leicht er es sich mit diesem Ordnungschaffen gemacht

und auf wie falscher Grundlage seine Tyrannei gestanden hat, das

verschweigt der Regisseur seines eigenen Ruhmes. Um das von ihm wieder

völlig entmündigte Volk der Franzosen über seine neue Knechtschaft

hinwegzutrösten, hat er es von einem betäubenden Blutbad ins andere

gestürzt und mit dem Leben seiner Untertanen in einer Gefühlsroheit

und Phantasielosigkeit gewüstet, wie sie nur noch in unsern Zeiten

überboten werden sollte. Hinterdrein auf Sankt Helena hat er die

eiserne Stirn gehabt -- und auch in diesem berühmten Muster hat man

ihn heutzutage nachgeahmt -- zu behaupten, daß er immer hätte Frieden

machen wollen, und daß man ihn, den armen unfreiwilligen Feldherrn,

der „die Grenzen des Ruhmes erweitert“ hat, genötigt hätte, stets

neue Schlachten zu schlagen. Seine Frechheit in diesem Punkte ging

so weit, daß er in der erwähnten „Selbstrechtfertigung“ geradezu

behauptete: „Will man mich beschuldigen, den Krieg zu sehr geliebt zu

haben, so braucht mein Historiker nur nachzuweisen, daß ich stets der

Angegriffene war.“ Nirgends sind Feldherren widerwärtiger, als wenn sie

sich hinter ihre Lügen verschanzen. Man „braucht nur“ den unnötigsten

aller Feldzüge, den von 1812 und seine Vorgeschichte zu erwähnen, um

diese verlogenste Ausrede des Italiäners zu entwaffnen.

Napoleon hat sich sicherlich zuweilen selber gesagt, daß solche

Ausflüchte, wie er sie da für seine unersättliche Ruhmsucht machte,

von verständigen Menschen kaum geglaubt werden konnten. Er mußte sich,

wenn er sein Leben und seine Taten, wie er das fast unaufhörlich tat,

mit denen seines kriegerischen Vorbildes, mit Friedrich dem Großen,

verglich, selber bekennen, daß er sich und seinen Ehrgeiz nicht gleich

jenem Philosophen auf dem Thron zu bändigen gewußt hatte. Darum suchte

der schlaue Advokatensohn noch nach einem besonderen Kniff, um die

wahnsinnige russische Unternehmung, den Beginn seines Bankerotts, vor

der Nachwelt zu retten. Er habe, so behauptet er keck, mit diesem

seinem endgültigen „letzten“ Kriegszug Europa unter einen Hut, seinen

eigenen Dreispitz natürlich, bringen wollen. „Ich wollte ein großes

Weltreich mit einer Münze, einem Maß, einem Gewicht usw. aus ganz

Europa mit der Hauptstadt Paris bilden und dieses als Gegenschöpfung

gegen die Vereinigten Staaten Amerikas, diese großartige Gründung

Washingtons, meinem Sohne hinterlassen.“

Schattenbilder · 第 19 / 21 段