„Ja, ich habe soeben meine beiden Hohenstaufendramen ‚Heinrich der

Löwe‘ und ‚Die Pfalz im Rhein‘ vollendet und bin nun an den Vorstudien

zu meinem ‚Konradin‘. Kommen Sie nur einmal vormittags auf die

Bibliothek! Da können Sie mich hinter Büchern und alten Manuskripten

schwitzen sehen. Erst muß man die Historie intus haben, ehe man ans

eigentliche Dichten herangehen kann. Wissen Sie, einen ‚Konradin‘ muß

man schreiben, wenn man überhaupt die Hohenstaufen sich vornimmt. Das

ist der Gipfel, die blutige Krone des Ganzen. Und gibt es wohl in der

ganzen Welt etwas Tragischeres als diese edle, reine Jünglingsgestalt,

die seiner Ideale voll gen Italien ziehet, seine Väter zu rächen und

zu erfüllen, und die welsche Hinterlist in Neapel unter dem Beil des

Henkers verenden ließ?“

„Ich weiß es nicht,“ warf Ibsen mit seiner hohen spitzen Stimme ein,

„mir ist er freilich so gleichgültig wie Ihnen vermutlich Olaf der

Heilige, der sein Reich an Knut den Großen verlor und im Meer ertrunken

sein soll, was auch keine schöne Todesart ist.“

„Ja, Sie sind eben kein Deutscher, Herr Doktor, verzeihen Sie, aber

wenn unsereins schon als Kind von Barbarossa und den anderen großen

Hohenstaufen erzählen hört, vibriert es in ihm vor Begeisterung, und

wenn er Konradins bejammernswertes tückisches Schicksal nur liest, dann

muß er gar mit den Tränen kämpfen.“

„Das mag sein, Herr Greif, aber aus Kindern werden schließlich doch

einmal Männer. Und die pflegen bei uns in -- Norwegen wenigstens ganz

andere Interessen zu haben als die Kreuzzüge, die Hohenstaufen und Olaf

den Heiligen. Und am Ende sind die Theater wohl auch bei Ihnen nicht

+nur+ für die Kinder aufgebaut!“

„Ich weiß, Sie sind auch einer von den ganz Modernen mit Ihrer ‚Nora‘

und Ihren ‚Gespenstern‘ und wie die Sachen alle heißen mögen, mit

denen Sie die Menschheit verbessern wollen. Nicht um ein I-Tüpfelchen

werden Sie die Welt anders bekommen durch Ihre Dramen. Alles bleibt

schließlich beim alten.“

„Wie zu Zeiten Konradins,“ entwaffnete ihn Ibsen lächelnd.

„Und sie bewegt sich doch, hat schon Galilei, glaube ich, im Kerker

gesagt. Sie können doch nicht im Ernst ein Weiterschreiten der

Menschheit leugnen.“

„Fällt mir auch gar nicht ein! Ich konstatiere nur, daß es nicht Sache

des Theaters ist, Politik zu treiben und Tagesfragen zu erledigen.

Dafür sind die Zeitungen da, die da in zwei hohen Bergen um Sie liegen.

Dafür ist die Bühne zu schade, sind die Schauspieler zu schade, und ist

das Publikum zu schade.“

„So, das ist ja kurz und bündig, wie Sie mich zu den Toten werfen. Und

dabei habe ich mir, Sie wissen, ich mag meine Stücke +selber+ nicht

sehen, das +einzige+ darauf eingebildet, daß sie kein totes Theater

sind, sondern so lebendig wie Sie und ich Gott sei Dank noch sind. Und

daß sie darum ihr Publikum, ihr großes Publikum finden werden. Denn

sie sind Geist von unserer Zeit, und ich bin, wenn ich mich einmal

in meiner früheren Berufssprache so ausdrücken darf, nur der große

Destillator gewesen, der die Zeit um mich, wie ich sie sehe, filtriert

und den Extrakt daraus in seinen Stücken wiedergegeben hat. So etwas

Ähnliches sagt wohl auch, wie ich mich aus meiner Studentenzeit

entsinne, ein gewisser Shakespeare im ‚Hamlet‘, glaube ich, wo er

die Kunst des Schauspiels als ‚Spiegel und abgekürzte Chronik des

Zeitalters‘ bezeichnet. Ich befinde mich also auch für Sie in nicht

allzu schlechter Nachbarschaft.“

„Hm!“ knurrte Greif, „vom Standpunkt des Publikums aus können Sie alles

entschuldigen: Seiltänzer, Bauchredner, Operetten, Schwänke, Possen,

Ballettänzer, Taschenspielereien -- -- --“

„Und auch meine Stücke, nicht wahr?“ unterbrach ihn Ibsen freundlich.

„Ja, aber um des Kuckucks willen, warum schreiben wir denn eigentlich

unsere Stücke, wenn nicht des leidigen Publikums wegen? Damit wir sie

im Spind liegen haben oder bei Cotta oder Brockhaus oder Reclam oder

Hegel in Kopenhagen mit oder ohne Goldschnitt auf dem Lager verstauben

lassen? Sie sollen doch gelesen werden von möglichst vielen und

aufgeführt werden, wo nur ein Vorhang und Soffitten hängen. Die meisten

von uns -- Ihre Finanzverhältnisse mögen glücklicher liegen -- wollen

doch davon leben, wie jeder andere Arbeiter von seiner Arbeit. Von dem

Gezeter über die Dummheit oder Faulheit des Publikums wird keiner auf

die Dauer satt, geschweige denn fett.“

„So, also Anpassung an den Massengeschmack, Konzession dem Schaupöbel

aus Liebe zum täglichen Brot oder Kuchen! Pfui, Herr Doktor, in das

Horn der Tantiemenmacher stoßen Sie mit hinein! Die künstlerische

Gewissenlosigkeit der französischen Boulevardstückfabrikanten wollen

Sie zur Maxime für uns dramatische Dichter erheben! Nein, da mache ich

nicht mit, ganz und gar nicht! Lieber wollte ich verhungern, ehe daß

ich aus Rücksicht auf Tagesruhm oder Theaterdirektoren oder das Goldene

Kalb irgendwie Zugeständnisse machen würde.“

„Sie sollten nicht so verwegen vom Hunger sprechen, Herr Greif! Ich

weiß, so gut wie Zola in Paris, was das Wort auf und hinter sich hat,

weiß es auch, was es heißt, +keine+ Konzessionen machen, und habe es

am eigenen Leibe wohl und wehe durchgemacht und in den meisten meiner

Stücke gefeiert wie nichts auf der Welt. Aber klein beigeben müssen

wir doch, wenn wir unter und mit Menschen leben wollen. Wir müssen

unsere Uhr nach der Zeit einstellen, in der wir stehen. Darum meine

ich zunächst, wir sollen auch unsere Stücke so zusammensetzen, daß uns

das Publikum von heute dabei aushält und nicht eher wegläuft, bis das

letzte Wort gefallen ist und der Vorhang das Stück wie eine Schere oder

ein Fallbeil abschneidet. Und darum meine ich zweitens, sollen wir auch

unsere Stoffe aus dem Menschenleben um uns herum und nicht aus den

Geschichtsbüchern herholen. Schelten Sie mir die Zeitungen nicht, sie

stehen stets wie offene Photographenkästen bereit, alles aufzunehmen,

und bringen unsere Zeit blitzschnell und haarscharf auf die Platte.

Man kann manches davon gebrauchen, wenn man ans Malen oder Dichten

selber geht. Was nützen uns die schönsten historischen und poetischen

Stücke, wenn das Parkett dabei kalt bleibt und die Galerie lau, und der

erste Rang nur immer bei den Aktschlüssen, wenn mechanisch geklatscht

wird, aus dem Schlaf erwacht. Die modernen Franzosen sind gar nicht

so dumm, wenn sie nur Menschen auf die Bühne bringen, die im Theater

selbst überall herumsitzen, also daß die Szene nur ein verlängertes

Stück Parkett ist. Glauben Sie mir, ich habe dreißig Jahre lang um

Lea gedient und Stücke für sogenannte Gebildete geschrieben und die

Geschichte wie ein Eidervogelnest ausgenommen bis in die Wikingerzeit

und Kaiser Julian, bis ich endlich merkte, daß es nur Rahel war, die

ich liebte und gewinnen wollte, das +Volk+, die breite Masse, das große

Theaterpublikum, die ganze Gesellschaft unserer Zeit. Um +die+ will

ich die dreißig letzten Jahre meines Lebens werben mit aller Kraft

und Kunst, die mir verliehen ist, werde mich ihren Launen und Nerven

mit meinen Stücken äußerlich in der Technik, wie auch innerlich in

der Weltanschauung fügen. Ich werde mein Thema -- und schließlich ist

jedem Künstler nur +ein+ Thema gegeben -- nach allen möglichen Seiten

variieren und den Leuten immer wieder anders zu kommen versuchen.

‚Anders und doch derselbe!‘ wie ein Sprichwort im Norden heißt.

Namentlich die Invaliden des Lebens um mich herum will ich mir aufs

Korn nehmen und einen nach dem andern abschießen, und wenn mir selber

das Herz dabei weh tut.“

„Sehen Sie nur zu,“ warf Martin Greif dazwischen, „daß Ihnen einer

nicht dabei verlorengeht, wenn Sie dem Publikum nachlaufen oder

meinetwegen, wie Sie meinen, voranmarschieren: der bessere Teil von

Ihnen, der +Dichter+ Ibsen!“

„Den hoffe ich gerade auf meinem neuen Wege immer mehr zu finden.

Wissen Sie, früher in meiner ‚ersten Periode‘, wie Ihr Schiller gesagt

hätte, kam ich mir stets wie auf einem Maskenball vor, einmal als

Wiking oder als Römer, oder als Sören Kierkegard verkleidet. Und das

war mir sehr ungemütlich. Und wenn ich mich aus Verlegenheit ganz

phantastisch gebärden wollte, dann mußte ich immer an einem Untier

vorbei, das vor dem Parnaß lag, wie einstmals die Sphinx vor den Toren

von Theben. Dies scheußliche Ungeheuer hieß -- +Shakespeare+ und

stürzte jeden Dichter, der das Rätsel vom Menschen nicht raten konnte,

in den Abgrund hinunter. Und wenn ich die vielen Dichterknochen sah,

die da unten bleichten oder wie alte vergessene vermoderte Bücher

verfaulten, da wurde mir noch ungemütlicher zumute. Und darum beschloß

ich, meinen Ehrgeiz darin zu suchen, möglichst ohne Maske auf dem

Theater zu erscheinen und nicht ängstlich darauf zu passen, ob ich

auch Dichter genug bliebe und die Schönheit und Poesie nicht dabei in

Lumpen und Fetzen und Motten ginge, wie alte aus der Mode gekommene

Kostüme. Wenn unsere Zeit, wenn unsere Bühne keinen +Dichter+ verlangt

und erzeugt, gut, so gebe ich ihn, wie eine Schlafmütze oder einen

Haarbeutel oder einen Vatermörder oder sonst etwas Altes, was wir nicht

mehr tragen, hinter den Kulissen ab und komme als Richter, als Arzt,

als Pastor, als Lehrer auf die Bühne heraus. Und die Gesinnung, die

mich dazu treibt, helfen, raten, klären zu wollen, und meiner Zeit

den Spiegel vorzuhalten: ‚Wohl euch oder weh euch! So seid ihr!‘, die

wird jedes meiner Worte dann draußen auf der Szene +adeln+, so gut,

als hätt’ ich es mir von Apollo und der tragischen oder komischen Muse

selbst soufflieren lassen.“

So sprach der Mann, den wir in die Zukunft mitnehmen wollen, wie eine

alte Standarte, mit der und unter der viele Siege gegen die Masse als

„kompakte Majorität“ erkämpft worden sind. Und wenn man uns Anno 1950

fragt: „Was tragt ihr da für eine alte zerschossene und verstaubte

Scharteke auf dem Rücken?“ so wollen wir antworten: „Es war der, den

seine Zeit verlangte und der sie erfüllte, und darum trotz alledem:

~Ecce poeta!~“

Bismarck

Preußen und damit das neue Deutschland verdankt das, was es in der

Welt bedeutet hat, Friedrich dem Großen und Bismarck. Diese beiden

Genies, die wie durch ein Wunder ganz kurz hintereinander aus dem

dürren märkischen Boden hervorwuchsen, haben das Deutschland unserer

Tage geschaffen. Sie haben sehr viel Verschiedenes in sich gehabt,

diese beiden Preußen, und es ist ein Glück gewesen, daß sie nicht zu

gleicher Zeit in und um Berlin lebten, denn sie hätten sich sicherlich

nicht er- und vertragen können. Der Alte Fritz war ein Freidenker und

hat im ganzen Siebenjährigen Kriege kein einziges Mal gebetet. Bismarck

nahm, hundert Jahre später, die Bibel mit nach Sedan und Paris und

wechselte mit seiner puritanischen Braut Briefe über das Wesen der

Erbsünde und darüber, ob sein Vater, der ein leichtlebiger Rittmeister

gewesen, in den Himmel gekommen sei. Bismarck verstand im Gegensatz

zu dem Sieger von Leuthen blutwenig von der Kriegskunst, und es ist

eine ganz verkehrte Gewohnheit unserer Maler und Bildhauer, ihn, der

seiner Profession nach Jurist war und bei jeder Parade oder Feier

die Uniformstücke verwechselte, stets im Soldatenrock darzustellen.

Schließlich hatte Bismarck, ganz anders wie jener große Monarch, der

die Kunst und Kultur seiner Zeit kannte und genoß und alle Musen zu

sich nach Sanssouci lud, kein Verständnis für die Kunst. (Gegen diese

Behauptung spricht natürlich nicht, daß er die Klassiker zu zitieren

wußte oder gelegentlich Beethoven pries.) Wenn der Alte Fritz noch

im späteren Alter Rousseau zu verstehen suchte und ihn allnächtlich

nach dem Tagewerk noch studierte, blätterte Bismarck, wenn er abends

erschöpft heimkam und nach dem Essen mit Frau und Kindern und Hunden um

den Kamin saß, zu müde zu sprechen, in Stindes harmlosen Geschichten

von der Berlinerin Buchholz oder bestenfalls im Fritz Reuter herum,

oder ließ sich, wenn er sich zu sehr geärgert hatte, ein paar Lieder

aus dem „Trompeter von Säckingen“ vorsingen. Richard Wagners Bedeutung

sah er nicht, Zola war ihm ein Greuel, und daß zu seiner Zeit eine

Persönlichkeit wie Nietzsche gelebt hatte, erfuhr er ohne Erregung und

ohne Interesse erst in Friedrichsruh. Das Theater war ihm gleichgültig,

wenn nicht verhaßt, und die Malerei seiner Zeit war ihm, wenn nicht

„Lenbach“ darunter stand, ebenfalls „Wurscht“, um seinen Ausdruck zu

gebrauchen.

So nebensächlich vor dem Riesenlebenswerk des großen Mannes dies auch

erscheint, so traurig ist es doch, daß er in keiner einzigen Kunst

mitreden konnte, außer in der Staatskunst, wo er alles verstand;

daß kein Haus, kein Stein aus seiner Zeit einen heute gewaltig oder

lieblich an ihn in Berlin erinnert, wo er doch mehr als dreißig Jahre

lang wie ein ungekrönter König gewirkt hat. Er hätte niemals dort

hausen und herrschen brauchen, so weniges erinnert noch in Berlin an

Bismarck. Nicht einmal den +Leichnam+ des Mannes, der für Preußen das

Leben von Millionen Menschen +mehr+ wert war als Napoleon der Erste

für Frankreich, hat man dorthin gebracht, und nachts fühlt man heute am

Brandenburger Tor eher noch den Geist Friedrichs des Großen, als den

Bismarcks herumspuken.

Es ist darum eigentlich sehr seltsam, daß Bismarck so wenig Verständnis

und Liebe für die Kunst seiner Zeit, für die Kunst überhaupt gehabt

hat, weil er im Grunde selbst aus dem Stoff, aus dem man Künstler

bildet, zusammengemischt war und, nach einem Wort Hardens, aus

„Goethes Geschlecht“ stammte. Vielleicht war nur die fehlende

halbe Flasche Champagner, die -- er selbst hat es gesagt! -- jedem

Märker und Berliner im Blute mangelt, schuld daran, daß er sich,

blind und taub gegen die Musen, ganz von seiner gewaltigen Aufgabe

verschlingen ließ. Wer ihn draußen in Freiluft sah, dem fiel immer

gleich das Künstlerische, Sensible an ihm auf, der merkte, daß dieser

Realpolitiker eigentlich die Augen eines Träumers im Kopfe hatte. Die

Natur um sich herum sah er mit den Gefühlen eines Malers oder Poeten

an, der weiß, daß er diese Schönheit um sich nur auf kurze Zeit in

Pacht hat und sie darum dreifach mehr als die anderen Sterblichen

genießt. Die graue Herbst- und Winterschönheit seines Nebelheims an der

Elbe wußte er prachtvoll wie ein Balladendichter zu schildern.

Das war ja die Tragödie seines Körpers und seines Lebens, daß er,

statt unter Blättern und Bäumen zu atmen, zwischen gelbem Papier und

Menschen sein Dasein versitzen mußte, unter Ministern die einzig

fühlende Brust, daß er, statt den Staren und Hirschen lauschen zu

können, mit Windthorst und Richter und Bebel sich herumzanken mußte.

Er hätte ja längst abgedankt und dies Amt, das er sich für sich selbst

geschaffen hatte, verlassen, wenn er nur einen gesehen hätte, der

es besser verstanden als er. Er hätte niemals den schmachvollen Tag

seiner Entlassung abgewartet, wenn er nicht bestimmt voraus gewußt

hätte, daß ein Caprivi nach ihm Dummheiten machen werde. So hielt ihn

die Pflichttreue, diese heilige preußische Tugend, die er mit Kant,

mit Friedrich dem Großen gemeinsam hatte, in den Sielen und an der

Spitze bis zu jenem Tage, da er, ganz allein, eine gelbe Rose in der

Hand vom Schloß in Berlin Unter den Linden ging, um den Möbelwagen vor

das Kanzlerpalais zu bestellen. Er gehorchte wie eine Schildwache,

nicht ein Tropfen vom Blut eines Wallenstein war in ihm, und wenn

er auch daheim in der ersten Wut Spiegel zertrümmerte, wenn er auch

gelegentlich in Zeitungsartikeln seinem Ärger, seiner Verbitterung Luft

machte, eine Auflehnung gegen den Willen des Monarchen wäre ihm als

Preußen ganz unmöglich gewesen. Denn jener unbedingte Gehorsam gegen

den Vorgesetzten, das stumme Sichfügen in die Bestimmungen über einen,

ist eben das Ideal, das aus Brandenburg Deutschland gemacht hat.

Neben dieser Pflichttreue, die Bismarck veranlaßte, sich für Wilhelm

I. täglich müde zu arbeiten, wie sie ihn ebenso dazu zwang, sich von

Wilhelm II. wortlos abdanken zu lassen, ist es vor allem der Mut, in

dem er dem Alten Fritzen um nichts nachstand. Er sprang selbst auf den

Attentäter Kullmann zu, der ihn angeschossen hatte, und hielt ihn am

Gelenk über dem Ärmel fest -- denn die +Haut+ eines solchen Menschen

berührt man nicht --, bis die Polizei kam, den Mörder zu verhaften. Er

ritt ganz allein Anno 71 in seinem allbekannten Kürassierrock durch den

Triumphbogen nach Paris hinein, wo täglich Tausende Tod und Pest für

ihn herunterbeteten, und rauchte ruhig seine Zigarre dabei, während

die wütenden Weiber und Damen der Halle seinen Schimmel anspuckten. Er

hatte schließlich den höchsten moralischen Mut, daß er stolz darauf

war, am meisten gehaßt zu werden in Europa, allen Deutschen damit ein

Beispiel gebend, Unbeliebtheit und Hohn zu überwinden.

Durch diese Eigenschaften, die er im Krieg und Frieden, in der

Diplomatie wie im Parlament tagtäglich angesichts Deutschlands

vormachte und vorlebte, ist er der größte Erzieher unseres Volkes

gewesen, den die Geschichte kennt. Ja, man kann sagen, daß er wie ein

Prometheus ganz +neue+ Deutsche geschaffen, und daß seit ihm unser

Volk überhaupt ein ander Gesicht bekommen hat. Jeder, der Bismarck

als Gesandten in den sechziger Jahren im Ausland kennenlernte, war

erstaunt darüber, in ihm einen praktischen, klaren, entschlossenen

Deutschen kennenzulernen. „Er ist gar nicht sentimental“, schrieb

Mérimée ganz enttäuscht in Biarritz über ihn in sein Tagebuch.

Namentlich die Franzosen, die seit Hoffmann und Heine die Deutschen

immer als Träumer und Sterngucker angesehen hatten, die auch tagsüber

noch die Schlafmütze über die Ohren trugen, waren ganz entsetzt, daß

auf einmal einer kam, der rechnen konnte wie sie, und nach der fünften

Flasche Sekt noch keine Träne vergossen hatte, ja noch genau wußte,

was er bei der ersten gewollt hatte. Das unterschied Bismarck völlig

von dem Freiherrn vom Stein, seinem geistigen Vorfahren in Preußen,

daß er seinen Willen durchsetzen konnte. Früher war es Deutschland

lange ergangen wie dem schüchternen Gast, der vor Bescheidenheit immer

wartet, bis er auf einmal verdutzt sieht, daß alle Plätze besetzt

sind. Bismarck setzte sich auf den ersten besten leeren Stuhl und

erklärte dann laut: „Wo ich sitze, ist immer obenan.“ So hob er den

deutschen Michel in den Sattel und führte jene gewaltige Metamorphose

der Deutschen herbei, der das Ausland seit Jahren mit Staunen und mit

Grollen zuschaut.

Daß dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „dem teutonischen Teufel

verschrieben war“, ein Genie gewesen, das sahen selbst die Windthorst

und Richter ein, als sein gewaltiges Bild plötzlich wie ein Spuk

verschwand und ihnen angesichts des +neuen+ Reichstages war, als hätten

sie diesen Riesen nur geträumt. Sein Staatswerk hat ihn dank der

völligen Unfähigkeit seiner Nachfolger nicht lange überlebt. Aber seine

Persönlichkeit ist geblieben und wird wachsen ins Sagenhafte.

Etwas über Friedrich den Großen

Wie Achilles seinen Homer, der Halbgott den heroischen Sänger gefunden

hat, so fand Friedrich der Große seinen Verkündiger, seinen Chronisten

und Bildner in Adolf Menzel, einem zugleich nüchternen, trocknen,

zugleich dämonischen Künstler. Und so war der große König auch, den

er in seinen Bildern geschildert und wiedergeboren hat: Einerseits

nüchtern, prosaisch, genau, ein Pflichtmensch und der erste Diener

seines Staates -- „wir Märker haben alle unsere Normaluhr im Kopfe“,

sagte Fontane -- und kalt und verdrossen und mit den Jahren immer

schwerer und immer seltener zu schönen Aufwallungen geneigt --,

„uns Märkern fehlt allen eine halbe Flasche Champagner im Blut und

Temperament“, sagte Bismarck. Aber zugleich steckte eine unheimliche

Dämonie, ein höllisches Feuer, eine überirdische Glut in dem alten wie

in dem jungen Fritzen.

Es ist wohl allgemein anerkannt -- und nur auf den Schulbänken wurde es

aus altmodischer Anständigkeit noch anders gelehrt --, daß Friedrich

II. im Grunde keinen rechtmäßigen Anspruch auf die schlesischen

Provinzen hatte. Gab es den überhaupt jemals, so hatte Brandenburg,

wie selbst die Freunde des Königs zugeben mußten, doch längst

durch feierliche Verträge darauf verzichtet. Nicht also Pakten und

Pergamente, noch der Besitz des schlesischen Landes, sondern einzig

+die Ruhmsucht+ war es, die Friedrich II. in drei blutige Kriege

hinaustrieb. Immer wieder sucht er anderen und sich zu beweisen,

welch eine edle Eigenschaft dieses sei, und wie alles Große in der

Welt nur der Ruhmsucht seine Geburt verdanke. Aber der preußische

Selbstregulator in ihm bewahrte ihn zugleich vor dem Schicksal

Napoleons und lehrte ihn sich beschränken und sich Grenzen zu setzen.

So machte er an der Oder halt: „Bis hierher und nicht weiter!“,

während alle seine Bewunderer ihn am liebsten ganz Österreich hätten

verschlingen und bis zum Ende der Welt vordringen sehen.

Er wagte Preußen dabei, das ist wahr, aber nicht wie ein tollkühner

Spieler, sondern wie ein Mann bei der besten Chance, groß zu werden

oder gering zu bleiben. Er trug während des ganzen Siebenjährigen

Krieges, da es sich um Sein oder Nichtsein seines Landes handelte,

immerwährend Gift bei sich, weil er wußte, daß in diesen Jahren Preußen

und er ganz eins waren und er, wenn Preußen fiel, mitsterben mußte.

Darum hätte er -- und dies ist seine wahre Größe -- nicht eine Sekunde

lang ein St. Helena, nicht eine halbe Sekunde lang ein Amerongen

erduldet. Und dies Bild ist das ergreifendste aus seinem Leben, wie

er nach der Schlacht bei Kunersdorf, eine Weile von den Seinigen

abgeschnitten, versteckt unter einer Brücke saß, sein Windspiel neben

sich, dem er, um nicht verraten zu werden, die Schnauze zudrückte,

während er in der anderen Hand ein Fläschchen mit Gift hielt, jeden

Augenblick bereit, es zu leeren, falls er vom Feind entdeckt würde.

Die Pflichttreue, mit der er im Kriege allem, der kleinsten Parade

wie der größten Schlacht, beiwohnte, ist allbekannt und seit jener

Zeit zum preußischen Ideal geworden. Ebenso die Bestimmtheit und

Entschlossenheit in Wort und Tat, die spartanisch-brandenburgischen

Eigenschaften, die „Feldwebeltugenden“, wie Heine sagte, die der König

schon als Kind zeigen konnte, dessen erster, uns erhaltener Brief -- er

galt seinem freigeistigen Erzieher, und Fritz war damals fünfzehn Jahre

alt -- so lautete: „Ich verspreche Ihnen, mein lieber Duhan, Ihnen

jährlich, wenn ich über mein eigenes Geld verfügen kann, 2400 Taler zu

geben und Sie immer noch ein wenig mehr zu lieben, als jetzt, wenn es

mir möglich ist. Friedrich, Kronprinz.“

Kriegsmüde und verbittert war der Alte Fritz aus einem Krieg mit der

ganzen Welt, die sieben Jahre lang mit allen Waffen des Hasses und

der Hinterlist wider ihn gekämpft hatte, nach Berlin heimgekehrt. Man

kannte ihn kaum wieder, so verwüstet sah er aus. Mit dem Humor, der

noch in ihm hauste wie ein Käuzchen in einer Ruine, hat er sich selbst

in einem Brief an eine Freundin beschrieben: „Auf der rechten Seite

des Kopfes sind meine Haare grau; meine Zähne zerbrechen und fallen

aus; mein Gesicht ist runzlig wie die Falbeln eines Weiberrockes,

mein Rücken krumm wie ein Fiedelbogen und mein Geist traurig und

niedergeschlagen wie ein Mönch des Trappistenordens.“

Er fuhr nach Potsdam hinaus, ließ sich ganz allein in der Kirche ein

Tedeum vorspielen, daß keiner die Tränen sah, die er weinte, und ging

dann stumm an seine Geschäfte. Er war ein Freigeist in allen religiösen

Dingen; jahrelang hatte er Voltaire, den größten Atheisten jener Zeit,

um sich, was ungefähr so wäre, als wenn Wilhelm der Zweite tagtäglich

statt mit Hofpredigern und Dauerbetern mit Häckel verkehrt hätte. Alle

Religionen sind gleich „gut“, erklärte er, „und wenn selbst Türken und

Heiden mein Land peuplieren, will ich sie Moscheen bauen“, und erließ

dann den berühmt gewordenen Bescheid an seinen Kultusminister, das

schönste Fürstenwort, das es gibt: „In meinen Landen kann jeder nach

seiner Fasson selig werden.“

Schattenbilder · 第 18 / 21 段