Ein auch den Friedensfreund berauschender Gedanke! Seine Ausführung

hätte uns mit den Hekatomben von Menschen, die von Napoleon

hingeschlachtet worden sind, einigermaßen versöhnen können. Aber der

Kaiser der Franzosen vergaß bei dieser großen Rechnung die Hauptsache,

nämlich, daß er gar nicht der Mann war, der sich wie Washington

das allgemeine Vertrauen verdient hatte. Und er begriff nicht, daß

diese Riesenaufgabe sich nicht mit einem Kriege von noch so großer

Ausdehnung lösen ließ. Das plumpe Mittel des Kriegshelden Alexander,

den gordischen Knoten einfach mit dem Schwert zu durchhauen, hätte

bei dem europäischen Problem nichts geholfen. Es wird hier nie zur

Einheit führen. Nur auf friedliche Weise, nicht auf dem Weg durch

Blut und Eisen sind die Vereinigten Staaten Europas zu schaffen.

Amerika hat seit dem Bestehen seiner Republik weniger Kriege geführt

als jeder kleinste Staat in Europa und hat trotzdem auf friedliche,

geistige Weise die widerstrebendsten, verschiedensten Menschen seines

Riesenreiches zusammengeschweißt.

Napoleon wäre durchaus ungeeignet gewesen, dies Werk Washingtons, um

dessen Tod er seine Armee in einer seiner wirklich schönen Gesten

Trauer anlegen ließ, für Europa nachzumachen. Er, der ein Kulturvolk

wie das englische überhaupt vom Kontinent ausschließen wollte,

was heutige Narren ihm wieder nachzuäffen suchten. Er, der jede

selbständige Regung eines von ihm unterworfenen Volkes in Hamburg wie

in Tirol niederknallen oder knütteln ließ. Und er, der die Religion nur

darum pflegte, um mit ihr die Menschen zu knechten, weil er wie ein

Großkapitalist meinte: „Die Gesellschaft kann ohne Ungleichheit des

Vermögens nicht bestehen, und die Ungleichheit des Vermögens kann nicht

ohne Religion existieren.“

Nein! Zum Begründer des modernen, des freien Europas war dieser

Unfreie, dieser Lobredner der Artillerie, nicht geboren. Man muß

nur bei den Zeitgenossen nachlesen, wie alle Nationen, auch die

eigene französische, bei seiner schließlichen sichern Verbannung

aufatmeten. Selbst ein Goethe konnte sich in seinem Napoleonkult diesem

Freiheitshauch nicht entziehen, als er mit Hunderten von Landsleuten

damals 1615 an den endlich nicht mehr umkämpften Rhein reiste. Napoleon

hatte stets den Krieg, den er gerade führte, als letzten dargestellt.

1812 galt es nur noch einmal um die Einheit Europas Menschen

hinzuopfern. Und 1813 waren es die alten Grenzen Frankreichs, und nach

seiner Rückkehr von Elba war es nur noch der sichere Bestand des teuren

Vaterlandes, um den andere ihr Blut lassen mußten. Solche Kampfhähne

und Helden wie er finden ja immer wieder eine berechtigte Ausrede für

ihre Unsinnigkeiten und eine Heiligsprechung ihrer Mordtaten.

Der Geist der Bildung wendet entsetzt und angewidert sein Haupt

von diesem entarteten Sprossen und Überwinder der französischen

Revolution. Nur als Testamentsvollstrecker dieser geistigen Bewegung

hat er Bedeutung für das zwanzigste Jahrhundert. Er selber hat keine

Ideen hinterlassen, höchstens einige Phantasien. Die Kriegsgeschichte

mag seine 50 bis 60 großen Schlachten behalten. Die Geschichte der

Menschheit als eine Würdigung ihrer Höherentwicklung aus dem Tierischen

will nichts mehr von solchen „Ruhmestaten“ noch von jenem riesigen

Menschenverächter wissen. Sie fühlt nur noch ein Schaudern vor dem

Massenmörder, wie es in der gespenstischen Ballade von Zedlitz

ausgedrückt ist, wenn nachts um die zwölfte Stunde der Mann im kleinen

Hütchen Heerschau über die unzähligen Toten hält, mit denen er wie das

deutsche Kaisertum in dem letzten Kriege die Erde Europas um eines

Phantoms willen besät hat. „Ein falscher Wille zerstört die Bildnis“,

die Wahrheit dieser Worte des gottseligen Schusters Jakob Böhme hat

Napoleon der Welt erwiesen. Oder um es in die Sprache des Philosophen

zu fassen: „Napoleon als ein gewaltiger Spiegel des Willens zum Leben

hat die ganze Bosheit des menschlichen Willens offenbart. Die Leiden

seines Zeitalters, als die notwendige andere Seite davon, waren

mit solchem bösen Willen unzertrennlich verknüpft. Er hat niemals

begriffen, daß die Welt ein Trauerspiel sei, in welchem der Wille zum

Leben sich erkennen und -- sich wenden soll.“

Gedanken über Albrecht Dürer

Es gibt einen Begriff bei uns in Deutschland, mit dem wir tagtäglich

umgehen wie mit dem Metermaß, dem Literkrug und dem Pfundgewicht,

ein konstruierter Begriff, für den es im wirklichen Leben kein

einziges Beispiel gibt, das ist der +Normalmensch+. Für ihn sind

unsere Gesetze verfertigt, für ihn gelten unsere Sitten, geben wir

unsere Gesellschaften, feiern wir unsere Feste, für ihn sind unsere

Verfügungen erlassen, und sind Apotheken, Kirchen und Schulen erbaut.

Für ihn macht der Schneider seine fertigen Anzüge, schreibt der Arzt

seine Rezepte, gibt der Lehrer seine Schulaufgaben und der Richter

seine Urteile, und für ihn schaufelt der Totengräber seine Gräber. In

Wahrheit hat ihn niemand gesehen noch gehört; wie ein unsichtbarer

Geist wandelt der Normalmensch unter uns Deutschen umher, aber für

dieses knöcherne Gespenst tun wir alle unsere Pflichten, zahlen wir

unsere Steuern, leiden wir unseren Ärger. Was einem etwa im Leben

als solcher begegnet oder vorgestellt wird, das sind so widerwärtige

Kreaturen, daß man im Interesse des idealen Normalmenschen sich dagegen

verwahren muß, daß diese bloß anscheinend korrekten Geschöpfe seinen

Namen führen. Wenn man bloß einmal im kleinen Umkreis seiner Familie

und seiner Verwandtschaft Umschau hält, ist man baß erstaunt, daß man

so einen ganz richtigen Normalmenschen nirgends entdecken kann. Da ist

eine sonst unbescholtene Tante, die nachts ohne Licht nicht schlafen

mag, da ist ein Onkel, der trinkt, ein Neffe, der das Schießen nicht

vertragen kann, eine Cousine, die einen Zirkusreiter geheiratet hat,

ein Vetter, der gerne Tiere quält und ein Schwager, der die Platzangst

hat oder einer, der ins Hasardspiel versessen ist. Alles ganz harmlose,

unbestrafte Individuen, aber samt und sonders keineswegs völlig

normal zu nennen. Ja, man findet einen solchen Mustermenschen in ganz

Deutschland, von Memel bis Lindau nicht, und selbst Staatsanwälte, die

sich im Spiegel besehen, werden finden, daß sie irgend etwas Anormales

an sich haben, etwa, daß sie mit der linken Schulter zucken, wenn

einer freigesprochen wird, oder nachts das Strafgesetzbuch unter dem

Kopfkissen haben müssen.

Das Seltsame dabei ist, daß der Mensch meist diesen kleinen Grillen mit

einer gewissen Wehmut obliegt, daß er geärgert oder bekümmert diesen

seinen fixen Ideen nachgeht, durch die er lebt und verbrennt. „Denn

Leiden ist allen Kreaturen beigemischt“, wie Meister Eckehart sagt,

und darum sind seit alters her Rausch und Tränen Nachbarn gewesen.

An dieses Anormale und Schmerzliche, das in jedem Menschen wohnt und

ihn ausmacht, muß man immer denken, wenn man in die Bildergalerie

von Meister Albrecht Dürer eintritt. Bei ihm, der doch nach seinem

eigenen Bekenntnis „alles mit Fleiß nach der Natur gemacht hat und

nicht das Kleinste von ihr abgewichen ist“, überkommt uns als nächstes

Gefühl vor seinen Werken das der Absonderlichkeit und der Anormalität.

Alle seine Menschen und Figuren haben etwas Merkwürdiges, Apartes,

ihnen schmerzlich Eigentümliches. Dieser nach seinem besten Wissen

rein naturalistische Künstler hat, mit seiner Staffelei vor seinen

Mitmenschen sitzend, keinen Normalmenschen, ja nicht einmal einen Typus

entdecken können. Jeder hat sein eigen Gesicht wie seine Seele, und

seine besonderen Eckchen und Fältchen, Hans Tucher so gut wie Kaiser

Maximilian und der Apostel Petrus. Und wenn man selbst das harte

normale Stadtverordnetengesicht des Jakob Muffel lange betrachtet,

wird es einem plötzlich, als sähe man diesen scheinbar ruhigen Mann

nachts vom Bett aufspringen und wie Harpagon mit heißen, zitternden

Händen an seinen Truhen und Schränken herumstreichen, um sich zu

überzeugen, daß alles verschlossen sei. Oder seht euch das Bild des

Hieronymus Holzschuher an, das heute in Berlin lebt! Sieht er nicht aus

wie ein würdiger Ratsherr und Bürgermeister, von dessen Lippen Worte

der Weisheit träufeln, und der mit Martin Behaim, dem Seefahrer, von

dem neu entdeckten Westindien und der Insel Java parlieren konnte, wo

„die leut Man und Fraven hinden schwanz gleich die hündt haben?“ Aber

blickt diesem Herrn Holzschuher nur ein wenig länger in die Augen und

auf den Mund, und ihr seht plötzlich das feierliche Bild verwischt

und habt einen jähzornigen Mann vor euch, der mit seinem Weib wegen

einer angebrannten Suppe wie ein Feldwebel mit seinen Rekruten brüllt,

oder der leberkrank wird, wenn sein Söhnchen nicht Primus ist, oder

der einen Hund in den Leib tritt, der zu ungelegener Zeit an ihm

hochspringt.

Und so ist es mit jeglichem Bilde, das der Meister gemalt hat. Es führt

sein eigenes, seltsames, begrenztes Leben, und ist nicht ein Mensch

dem andern gleich auf Erden. Für diese Verschiedenheit der Menschen hat

kein Maler auf der ganzen Welt wohl schärfere Augen gehabt als Albrecht

Dürer, der um 1500 zwischen Himmel und Hölle in deutschen Landen zu

Nürnberg auf Erden lebte. Führte ihn seine Kunst zu Gott empor, so

zog ihn ein zänkisches Weib, das ihm sein Leben lang beigesellt war,

zum Teufel hinab. Der Schmerz der Erkenntnis, die Folge von Adams

Apfelbiß, spricht wie aus seinen schönen traurigen Augen und Lippen

aus fast allen seinen Werken: Aus dem Blick des Christuskindes, das

mit der Nelke oder den Haaren seiner Mutter spielt, ebenso wie aus

den Händen des heiligen Hieronymus, oder der Haltung des Frauenkopfes

bei dem Bild von der Melancholie, oder vielleicht am gewaltigsten aus

jenem Kupferstich vom verlorenen Sohn. Mitten in einem deutschen Gehöft

kniet er auf dem Boden, rings um sich die Schweine, die behaglich

schmatzende, mit dem Rüssel im Boden wühlende, vergnügliche Kreatur. Da

muß er die Hände zusammenfalten und zum Himmel emporblicken und wieder

kommen erste Tränen aus seinen Augen und ein erstes Gebet aus seinem

Munde. Wer den Menschenschmerz, der aus diesen zusammengepreßten Händen

und diesem geöffneten Munde kommt, einmal tief betrachtet hat, der

weiß, was Malen heißt, und was für eine zauberhafte Kunst das ist.

Ein solcher Künstler war Dürer, der größte Maler, den Deutschland

hervorgebracht hat, der das Leben verdoppeln konnte, weil er alles sah

wie es war, und jedem Menschen auf den Grund schauen konnte, wo wir

nur Oberfläche und Umrisse erblicken, als ob er dabei gewesen wäre und

zugesehen hätte, wie Gott die Welt erschuf. Er löste das Siegel eines

jeden Menschen, wenn er ihn malte, und als ein Freund und Schüler ihn

einmal leise getadelt hatte, daß das Bild, das er von seiner eigenen

alten Mutter gezeichnet hatte, nicht +häßlich+ genug wäre, da holte er

diesen, als die Alte später gestorben war, an die Leiche, auf daß er

sie betrachte und erkenne, „daß sie in ihrem Tod viel lieblicher sach

dann da sie noch das Leben hätt’“. „Und mir war dabei,“ erzählt jener,

„als ob Meister Albrecht sie schon im Leben oft so wie heute auf der

Totenbahre geschauet hätte.“ Das ist das Wunderbarste und Genialste

an Dürer, daß er außer seinen beiden Augen, die jedes Härchen auf den

Lidern des anderen sahen und den Mundwinkeln einer Frau anmerkten, ob

sie eine wilde oder eine fromme Jugend durchgemacht hatte, noch jenes

+dritte+ Auge hatte, vor dem alle Formen in eins zusammenfließen und

alles Vergängliche verewigt wird.

Der Normalmensch, der nirgends existiert, würde schließlich noch

von Dürer berichten, daß er bei Michael Wohlgemut zu Nürnberg

Zauberlehrling war und das Malen erlernte, und daß er in Venedig und

in Antwerpen gewesen wäre, und daß er an der Auszehrung gestorben

sei, und daß der Schwerpunkt der Dürerschen Kunst in seiner

ungewöhnlichen Persönlichkeit liege, der überwältigenden Kraft seines

leidenschaftlichen seelischen Empfindens, der rein menschlichen und

streng sittlichen Bildung seines Geistes, der Kindlichkeit seines

Gemüts und dem Adel seiner Gesinnung, der sich nicht nur überall in

seinen Leistungen ausspräche, sondern auch von seinen bedeutendsten

Zeitgenossen wie Pirkheimer, Kamerarius und Melanchthon wiederholt

bezeugt werde, wie dies alles in Brockhaus’ Konversationslexikon --

auch einer Einrichtung für Normalmenschen! -- zu lesen ist. Aber er

würde vergessen, zu erzählen, daß auf seinem Grabstein auf dem Friedhof

der St. Johanneskirche zu Nürnberg die Worte stehen: „Streue ihm

Blumen, o Wanderer, Blumen“, -- keine Phrasen!

Rembrandt

Rembrandt kam von dem Begräbnis seiner Frau in sein Haus zurück. In

der Breestraat lag es, mitten im Amsterdamer Judenviertel. Die reichen

Verwandten seiner Frau, die mit draußen auf dem Friedhof gewesen

waren, hatten ihn alle verlassen. Sie liebten diese mit jüdischen

Trödlern und Bettlern gefüllten Gassen nicht, und einer hatte sogar

auf dem Wege zum Grabe ziemlich laut gesagt, seine Base Saskia sei

an der schlechten jüdischen Luft so früh zugrunde gegangen. Und dann

hatten sich noch einmal alle Augen der reichen Sippschaft auf den

Maler Rembrandt gerichtet, der als ein armer Müllerssohn die Frechheit

gehabt hatte, ihre reiche Verwandte zu heiraten und nun noch lebendig

dastand mit seinem breiten plumpen, gemeinen plebejischen Gesicht,

während man den Sarg seiner Frau am Strick in die Erde hinunterließ.

An den stumm beredten Ausdruck dieser Augen, mit dem nur reiche

Holländer einen armen Schlucker ansehen können, dachte der Maler,

als er den Schlüssel in das Schloß seiner Haustüre steckte. Er zog

seine schwarzen Handschuhe aus, und er wußte plötzlich nicht, hatte

er jene Szene gemalt oder erlebt. Dann hing er den breiten braunen

Hut an einen Nagel, der aus dem Dunkel des Flurs aufleuchtete, und

ging in seine Werkstatt über den Gang nach hinten. Er setzte sich vor

seine Staffelei und sah sich das Machwerk, das daran hing, scharf

und lange an. Es war sein Selbstbildnis, das er in den Tagen ihrer

Krankheit, da er zu nichts anderm Geduld fand, begonnen hatte. Da

stand noch der Spiegel neben der Staffelei und fing seinen Kopf auf,

als er sich vornüber beugte. Er sah hinüber und herüber und verglich

die beiden Gesichter bis in die Schnurrbartspitzen. Also solch ein

Kerl war er! Eine dicke, nicht ganz gerade Nase, nicht schöner als

die des Sokrates, das Kinn sinnlich und nicht energisch vorgebaut,

die breite Stirne über den scharfen Augen von dem vielen angespannten

Sehen mit Falten grade und quer überzogen. Und just diesen scheusäligen

Kerl, dessen Bild sich im Spiegel ewig bewegte, während das auf der

Staffelei ewig stille stand, hatte diese schöne Frau, die man eben zu

Grabe getragen hatte, sich unter vielen ausgewählt und liebgehabt. Wo

mochte da das Rätsel stecken? Und Rembrandt hatte, ohne daß er wußte,

was er tat, wieder zu malen angefangen und ließ seinen Pinsel kalt und

ruhig zwischen den beiden Abbildern wie einen unbestechlichen Richter

zwischen zwei Parteien hin und her gehen, um einen möglichst gerechten

Vergleich herauszubekommen. Aber es wollte ihm heute nicht recht

gelingen, unparteiisch zu sein, das höchste Ziel, das einem Künstler,

der zwischen Gott und Natur steht, vorschwebt. Er mußte immer an den

Rembrandt denken, den die reichen Verwandten seiner toten Frau auf

dem Kirchhof wie einen Räuber und Mörder angesehen hatten. Er stand

auf und trat aus dem Zwielicht seiner Werkstatt an das Fenster, durch

das aus dem Hof das Licht ganz abgedämpft wie in eine Krankenstube

hereinsah. Das Blatt Papier fiel ihm ins Gedächtnis, das ihm irgendein

Vetter oder Schwager auf dem Heimwege mit einem vorwurfsvollen und

zugleich etwas hämischen Augenaufschlag zugesteckt hatte. Er zog es aus

der Tasche verknittert heraus. Vermutlich ein Traktätchen, wie es die

Kalvinisten, Remonstranten, Mennoniten oder wie die Sekten in Holland

alle hießen, drucken und unters Volk verteilen ließen, in dem mit

vielen gelehrten und ungelehrten Sätzen aus einem schönen Bibelspruch

etwas Unschönes gemacht worden war. Der Maler holte sein Augenglas

hervor, um besser lesen zu können -- denn er meinte kindlicherweise,

die Wissenschaft stecke in der Brille -- und begann ganz langsam, wie

er es auf der Küsterschule in Leyden gelernt hatte, zu buchstabieren.

„Es ist nicht zu leugnen (~Non est negandum~), daß der vermeintliche

Maler Rembrandt van Rijn keinesweges die Erwartung erfüllet hat,

welche daß künstlerische Holland auf Grund seiner in Leyden gemachten

Schildereien, insbesondere jenes fürtrefflichen Bildes von der Reue

des Judas, auf ihn gesetzt hatte. Die braune Brühe, in die er die

Bildwerke seiner zweiten Manier getunkt hat, um ein paar goldene

Flecken heller und greller daherauszufischen, ist sowohl unnatürlich

als auch unschön. Es ist nicht zu verwundern (~non est mirandum~), daß

der Maler in Amsterdam auf diesen Knüppel- und Irrweg geraten ist.

Hört man doch die Kenner von ihm berichten und erzählen, daß er in

einer finsteren Baute im finstersten Viertel von Amsterdam hauset, die

er mit türkischen Teppichen, Kaftans, indischen Schals und arabischem

Rüstzeug vollgepfropft und noch verdunkelt hat, daß man drinnen nicht

mehr weiß, ob draußen der Mond oder die Sonne am Himmel hängt. In

solch einer Grube mag dann freilich ein Gesicht oder eine ausgestreckte

Hand wie Silber oder der Stern von Bethlehem leuchten. Ist das die

ganze Herrlichkeit, die bei einem üppigen Wohlleben und Saufen mit den

deftigen Herren der Kaisergracht herauskommt?

Aber Afterkunst blendet nur die Pöbelplebs oder rohe Barbarenseelen.

Wir aber, seine Leydener Landsleute, die wir es wohlmeinen mit einem

jeden Sohne unserer Stadt, fragen diesen an, wie lange will er wohl

noch die Maulwurfsmalerei betreiben? Wartet er darauf, bis unsere

Geduld oder sein Talent zu Ende ist? Er soll es uns nicht zu weit

treiben, denn erstere ist vielleicht noch schwächer als letzteres.

Warum malet er nichts Niederländisches, Echtes, als da sind ein

Stilleben oder eine Mühle wie früher statt des morgenländischen

Plunders, den er uns neuerlich auftischt?“

„Und so weiter!“ dachte Rembrandt und besah sich nur noch die

Unterschrift des würdigen Traktamentes, das nach Galle wie ein

eingelegter Hering nach Essig schmeckte. „Arent van Büchel aus Leyden“

stand darunter, und der Künstler wußte nun gleich, warum der Esel ihm

über den Weg lief. Es war ein höherer Beamter und Ratsmitglied seiner

Vaterstadt, der sich darüber gefuchst hatte, daß der Maler aus Leyden

fort in die Hauptstadt verzogen war und die Mitgift seiner Frau in

Amsterdam versteuerte. „Wenn ich am Meer hauste oder in der Sonne säße,

würden sie so klug sein und daraus schließen, daß ich +zu helle Farben+

hätte, und wenn ich arm wäre, hieß es, daß ich reicher sein müßte!“

dachte der Maler und sah sich in seiner exotischen Werkstatt um. „Wo

Licht ist, da ist Finsternis, und wo Finsternis, da ist Licht“, mehr

kann man in der Malerei, wie in der ganzen Welt nicht lernen, sprach

er und zog sich selber an seinen Haaren wieder zu seinem Bild zurück.

„Ich weiß nicht, was ich bin und kann nur, was ich war, wie dort meine

Nase im Spiegel sehen.“ Das war aber ein Mensch, der heute seine tote

Frau begraben hatte und vorgestern die Amme seines Sohnes auf dem Schoß

gehabt und ihr die Ehe versprochen hatte, und der in diesen Tagen

die „Nachtwache“, eines der ersten Bilder der Welt, vollendet hatte.

Ein Mensch, der wußte, daß, wenn er den Holzhammer neben sich an die

Stubentüre auf der Seitenwand warf, dann ein junges Dienstmädchen

erschien, Hendrikje gerufen, sein Söhnchen Titus auf dem Arm und

einen Teller Suppe in der andern Hand, und daß sie selbdritt dann

essen würden, als sei dieses Kind ihr eigenes, dasselbe, das Saskia,

die er geliebt, als letztes vor dem Sterben mit den Lippen berührt

hatte. Aber er wußte nicht, ob er, der Mensch, dem die Tote dieses

Knäblein anvertraut hatte, das er so liebte, nicht doch einmal an die

Mündelgelder dieses Kindes greifen würde, wenn die Gläubiger, die unter

dem Kommando des Konkursverwalters mit dem furchtbaren Namen Torquinius

schon in sein Haus eingedrungen waren, ihn auf der Treibjagd in die

Enge gepreßt hätten. Und bei dem war er so wenig ein Wüstling, daß er

vier Fünftel der Zeit, die er wach war, der Arbeit weihte, und war ein

so guter Vater, daß sein Sohn Titus, als er ein Mann geworden war,

+ihn mehr noch+ als sein eigenes Weib und seine Kinder lieb hatte.

So seltsam sah der Mensch aus, den er um sein Herz zu tragen hatte,

bis er in einer Oktobernacht im Jahre 1669 erlosch. Wo waren die

Engel, die er so oft gemalt hatte, als er in den letzten Wochen seines

irdischen Daseins, die Binde unter der Mütze über die Stirn geknüpft,

um die ewigen Kopfschmerzen zu lindern, die Augen trüb und halb

blind vom Fusel abends wie eine Nachteule in den Schnapskneipen des

Armenviertels von Amsterdam herumkroch? Warum tat der Himmel, der ihm

soviel verdankte, nicht einmal seinen Mund auf, um diesem zitternden,

fast erblindeten Greise, den die Gassenkinder verhöhnten, ins Ohr zu

flüstern: „Du bist der größte Maler, den die Welt geboren hat.“ Der

Totengräber, der am Sterbemorgen in Rembrandts Stube kam, um zu sehen,

ob man den +Geistlichen+ bei dem Begräbnis bezahlen könnte, stellte

grinsend fest, daß außer dem Malergerät und dem wollenen Kleiderflaus

nichts vorhanden war, und daß man von einer Predigt und dem Segen an

seinem Grabe absehen müßte. Wo ihr größter Landsmann, der „einzige

fliegende Holländer“, begraben liegt, wußte nach drei Jahren keines

Menschen Seele mehr in den Niederlanden.

Erst als man das Wort und den Begriff „Helldunkel“ erfunden hatte,

wachte auch Rembrandt aus seiner Vergessenheit wieder auf. Goethe war

einer der kühnsten Entdecker des unbekannten Wundermannes. Die schönen

Worte, die bei Rembrandts Leben und Sterben gefehlt hatten, fanden

sich nun in würdigen Massen wie beim Begräbnis eines Akademiedirektors

ein. Man nannte ihn den Vertreter des protestantischen Christentums in

der Kunst und den tief Religiösen, ohne daran zu denken, daß dieser

schlichte große Mann seine Stoffe lediglich aus der Bibel nahm,

weil sie das einzige Buch war, das er las und lesen konnte, bis der

Konkursverwalter es ihm mit versteigerte. Grade seine Wiedergabe von

Christus selbst war lange Zeit und ist auch heute vielen noch nicht

nach dem Sinne. Denn er hat weniger den Gott als den Menschen in ihm

gesehen, den, der am meisten gelitten hat, den Freund der Bettler,

Kinder und Narren, dessen Schicksal dem seinigen verwandt war. Nie

hat er ihn „idealisiert“, wie man in der Töchterschule und in der

Gipsklasse sagt, oft ihn qualvoll, verzerrt und traurig dargestellt,

aber immer mit jener Hoheit, die aus den Augen Goethes oder von der

Stirne Napoleons leuchtete. Das stille, nie die Bescheidenheit der

Natur überschreitende dramatische Leben seiner Bilder hat erst unsere

Zeit ganz gewürdigt. Denkt man dabei an die schreienden, verzuckerten,

affektierten übertriebenen Figuren vieler Christusmaler, so ist einem,

als wenn man von Shakespeare zu Wildenbruch kommt oder von einem Helden

zu einem schlechten Schauspieler.

Über Rembrandts Malweise ist zu sagen, daß er sehr früh, schon in

Leyden merkte, daß die Geburtsstunde eines jeden bedeutenden Malers der

Augenblick ist, wo er sich innerlich frei macht von der Akademie und

ein neues Leben beginnt, indem er seine eigene Technik gefunden hat.

Und wenn auch diese den heutigen Malern nichts mehr zu geben hätte,

die das Licht und „seine Leiden und Taten“, die Farben, wie Goethe, der

Sohn des Lichtes, sie genannt hat, +draußen+ im Freien aufsuchen, die

+große Persönlichkeit+, die hinter den Werken Rembrandts steht, die

kann allen Deutschen, wie jener eine Deutsche in einem ganzen Buche

bewiesen hat, den Künstlern wie dem Publikum noch heute ein Erzieher

sein. Sie lehrt uns vor allem in der Kunst keine Kompromisse zu machen

und zu verlangen. Was klein an so großen Künstlern wie Schiller und

Richard Wagner ist, das haben sie ihrer Schwäche in diesem Punkte zu

verdanken. Rembrandts erhabenes tragisches Beispiel weist dem Künstler

den Weg zur Unsterblichkeit. Vor ihn sollte man die jungen Akademiker

führen, nicht um ihn zu kopieren, sondern um Persönlichkeiten und

eigene Menschen wie er zu werden. Und man sollte sie noch heute anreden

wie der alte Cornelius seine Schüler: „Nicht darauf kommt es an, meine

Herren, möglichst viele tausend Taler im Jahre zu verdienen und ein

Haus in der vornehmsten Straße zu erwerben, sondern einzig darauf,

Kunst zu machen.

Schattenbilder · 第 20 / 21 段