erkannte Sie schon lange an dem roten Schatten, den Sie drüben auf
die Behausung meines Freundes Garrick warfen. Es freut mich, daß Sie
endlich zu uns heruntergekommen sind. Hier, Percy, hast du den jungen
Athener aus Dublin, dessen ‚Salome‘ ich dir zum vorigen ersten April
geschenkt habe. Ein nicht übles Buch, wenngleich es mir ein wenig zu
stark parfümiert ist und nach Paris riecht wie eine Sumpfente.
Nehmen Sie Platz! Rauchen Sie oder trinken Sie? Es wird Ihnen
sicherlich bei uns gefallen, wiewohl Sie -- eine schlechte Wirkung vom
Zuchthaus her! -- eine gewisse Neigung zum Pietismus in der Nase haben.
Ich werde Sie heute abend zum Klub der Gemütlosen abholen. Sie finden
ein paar reizende Menschen dort: Béranger, Heine, Aristophanes, Poë,
Goldoni u. a. Die Gesellschaft ist völlig international. Wir erzählen
uns Fragmente aus unserm Leben. Mein Freund Schumann macht Musik dazu.
Leider ist das Lachen dort, wie überall hier unten in der Hölle,
verboten.
Wenn Sie Shakespeare sehen wollen -- gewöhnlich die erste Kuriosität
für alle neu angekommenen Engländer --, so machen wir den kleinen Umweg
über die Asphodeloswiesen, an dem Kessel der schlechten Mütter vorüber,
in dem meine Mutter zu sieden den Jammer hat, während mein Vater auf
dem Eis für die Jähzornigen ablagert. Shakespeare macht zwischen dem
blühenden Schierling allabendlich mit Homer und Li-Tai-Pe seinen
Spaziergang, da ihm die Gesellschaft des Sophokles wegen des ewigen
Fachsimpelns, in das sie beide wider Willen stets hineingerieten,
unerträglich geworden war.
Ich kann Sie leider nicht zum Diner begleiten, bei dem jeder
Feinschmecker dazu verurteilt ist, die ihm +nicht+ zusagenden Speisen
zu verzehren, da ich Ludwig dem II., dem Bayernkönig -- ~you know him!~
-- versprochen habe, ihm den siebzehnten Gesang meines ‚Don Juan‘
vorzulesen, den ich hier im Inferno geschrieben habe, und in dem ich
die neuesten Engländer, ~made in Germany~, Spießruten laufen lasse.
Seine höllische Herrlichkeit, der Satan +selbst+, haben mir zu Ehren in
der Maske des ‚Kain‘ gleichfalls sein Erscheinen in Aussicht gestellt.
Wenn Sie erst, wie ich heute, 75 Jahre in der Hölle gehaust und ihre
Konventionen vergessen haben, werde ich Sie mit zu diesen intimen
Zirkeln nehmen.“
Damit reichte der Lord seinem verlorenen bürgerlichen Bruder die
Hand, boxte Shelley freundschaftlich zur Türe hinaus und begann --
darin bestand seine harte tägliche Pönitenz --, aus seinen Werken die
mißlungenen Verse, die er nun nicht mehr ändern konnte, herauszusuchen
und wehmütig zu betrachten.
Oskar Wilde
Wer im Februar des Jahres 1892 um die Mittagszeit auf dem Embanquement
an der Themse in London auf und ab spazierte, der konnte fast täglich
beobachten, wie ein höchst elegant gekleideter Herr in einem herrlichen
Sealpelzmantel, eine Sonnenblume oder eine Pfauenfeder in der Hand
tragend, gegen zwei Uhr vom Lunch aus einem der vornehmen Hotels am
Strande dort heraustrat.
Er machte ein paar Schritte auf der Promenade, schaute aus seinen
großen, glaskugelartigen Augen zerstreut oder phlegmatisch ein wenig
dem Leben auf der Themse zu oder blickte dem Rauch seiner Zigarette
nach, drehte seine von grünen und blauen Steinen funkelnden Ringe
zurecht, pfiff schließlich einem Cab, drückte dem Bummler, der ihm den
Schlag öffnete, einen Schilling in die Hand und rollte von dannen in
den Hydepark oder irgendwohin, wo die große Welt sich amüsierte.
Dieser Mann im Sealpelzmantel mit der Sonnenblume und den bunten Ringen
und der Zigarette und den großen, glaskugelartigen Augen war Oskar
Wilde, der damals im Zenit seines Ruhmes stand und sich den „König des
Lebens“ nannte, der 300000 Schilling im Jahre einnahm, die er bis auf
den letzten Heller für sich und seine Lebensführung verbrauchte.
Von Hydepark fuhr er dann zum Tee zu irgendeiner Gräfin oder Fürstin,
die ihn -- er war damals das Orakel des guten Geschmacks für die
ganze Aristokratie Londons --über holländisches Porzellan oder
altfranzösische Gobelins oder japanische Holzschnitte oder sonstige
geldverschlingende Passionen um Rat fragte. Bisweilen traf er dort
auch zufällig seine Gattin mit dem einen oder anderen seiner beiden
Söhne. Man redete ein paar Worte zusammen: „Sie auch hier, Madame?“
-- „Du wirst ja ein hübscher Bengel, ~my boy~!“ und Oskar fuhr, sich
mit einer geschickten Wendung einen „guten Abgang“ machend, von
dannen. Zu einem Diner bei Lord Douglas oder Comte d’Orsay oder Fürst
Metternich oder zu einem der vornehmen Klubs im Pall Mall, wo der Prinz
von Wales verkehrte, und wo Wilde seinen Geist und sein Geld, beide
unerschöpflich, an die vornehme Welt verspielte.
Oder es gab eine Premiere für ihn an jenem Abend, ach, ja richtig,
„Lady Windermeres Fächer!“ wurde heute im St. James-Theater aufgeführt.
Und er fuhr hin in +dem+ Gehrock Londons, mokierte sich hinter den
Kulissen über die guten, beschränkten Leute, die da vorne vor Lachen
tobten und Beifall brüllten, und trat schließlich vor den Vorhang, eine
grüne Nelke im Knopfloch, die brennende Zigarette in der Hand und sagte
so blasiert als nur möglich: „Ich konstatiere mit Vergnügen, daß das
Stück dem Publikum zu gefallen scheint.“
Oder er fuhr mit ein paar Freunden oder noch lieber ganz allein
in einem eigens zu diesem Zweck gekauften schlechten Anzug nach
Whitechapel oder zu den Docks am Horizont der Riesenstadt hinaus
und trieb sich bis zur Erschlaffung in den Opiumhöhlen herum und
genoß das Laster mit geschlossenen Augen, wie ein Kind Süßigkeiten
herunterlutscht.
Oder er gab ein Fest in seinem Hause, das mit Kunstschätzen
vollgepfropft war wie ein Museum, bei dem es neu entdeckte Speisen gab,
Premieren von Bowlenmischungen, und bei denen ein Diener ein Vermögen
verwüstete, wenn er ein Sauciere fallen ließ.
Oder Wilde reiste, wenn er London und die Lords leid war, auf acht Tage
nach Paris, wo er ständig eine große, nur selten benutzte Wohnung auf
dem Boulevard des Capucines unterhielt, und wo alte Freunde und neue
Freuden seiner warteten.
So lebte damals dieser Mensch, der nach seinem eigenen Ausspruch sein
+Genie+ an sein Leben, an seine Werke nur sein +Talent+ ausgegeben hat,
und alle Welt war entzückt von ihm oder beneidete ihn.
Wer drei Jahre später als diese Zeit, da sein Glück im Zenit stand, nur
gewagt hätte, den Namen „Wilde“ in einem Salon Londons auszusprechen,
wäre gesteinigt worden. Der Mann dieses Namens, dem einst der
König von England kordial verschmitzt die Hand gedrückt hatte, saß
zusammengekauert in einer Art Kaninchenstall, im Zuchthause zu Reading,
und mußte mit der kahlen Hand, an der einst die bunten Ringe funkelten,
alte Säcke flicken und Taue zerpflücken. Er war vom Schwurgericht zu
London als Verderber der Jugend, als sittenloser, unmoralischer Mensch
zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Seine Haltung vor den
Geschworenen war glänzend und ein letztes Leuchten der Ritterlichkeit,
die im Dandytum steckt. Er widerrief kein Wort von dem, was er
geschrieben hatte, und zuckte nur leise nervös mit den Schultern, als
der Urteilsspruch ihm in die Ohren klang, während draußen der sittliche
Pöbel Londons vor dem Gerichtsgebäude bei der Nachricht kannibalische
Freudentänze aufführte. Und er ging aufrecht, ohne daß seine Füße
schauderten, in die Nacht der Gefangenschaft, die ihn vernichtete.
Viele +schlechte+ Psychologen haben sich damals gewundert und wundern
sich noch heute darüber, daß Wilde nicht die Frist bis zu seiner
Verhaftung, die das Gericht -- vielleicht absichtlich -- in die Länge
zog, benutzte, um ins Ausland zu fliehen. Was ihn daran hinderte, war
einmal die grausige Neugier, die Leiden zu schmecken, nachdem er alle
Freuden durchgekostet hatte, die teuflische Lust, in den Schatten zu
gehen und die andere düstere Hälfte des Daseins zu betreten. Und zum
andern war es das brünstige Verlangen des, der sich schuldig fühlt,
nach Gerechtigkeit, ob sie ihn auch auslöschen mag, der Schrei des
einzelnen, der seine Macht und damit sein Recht überschritten hat,
nach Sühne, dieser seltsame +soziale+ Trieb im Verbrecher, der einen
Raskolnikow zur Anzeige seiner Mordtat, einen Wilde zur Anerkennung
und Abbüßung seiner ihm gleichsam von ihm selbst verhängten Strafe
treibt. Weil er nicht wie Krupp bei uns den Mut hatte, +selber+ einen
Strich durchs Leben zu ziehen, hatte er dafür etwas nicht minder Gutes,
nämlich die fixe Idee, nach der Zuchthauszeit ein neues Leben zu
beginnen und mit neuen Kunstwerken die Schmach, die auf der schwarzen
Tafel seiner Vergangenheit stand, fortzutilgen und sich so wiederum die
Welt zu erobern.
Wie unmenschlich er unter dem mittelalterlichen Vollzug seiner Strafe
gelitten, das wird jedem aus seiner Ballade vom Zuchthause zu Reading
fürchterlich in die Ohren gellen. Nur eine kleine Geschichte sei hier
noch erwähnt, die man nicht erzählen und anhören kann, ohne von Wut
ergriffen zu werden: Es war in der ersten Hälfte seiner Leidenszeit.
Wilde wurde nebst mehreren anderen aus dem Zuchthause zu Wandsworth
nach Reading transportiert. Man mußte den Zug wechseln, und der Trupp
der Sträflinge stand eine Weile wartend auf dem Bahnsteig einer kleinen
Station. Ein paar Kaufleute gingen auf und ab und sprachen wohl über
die beste Möglichkeit, der Konkurrenz den Hals zu brechen. Plötzlich
bemerkt einer Wilde unter den Kurzgeschorenen. „Das ist ja Oskar
Wilde!“ ruft er, geht auf ihn zu und spuckt ihm, der ihn, ohne zu
zucken, aus seinen großen, glaskugelartigen Augen ansieht, mitten ins
Gesicht hinein. Dieser Mensch, den die Gesellschaft frei laufen ließ,
hätte siebenmal den Galgen verdient.
Der Dichter ist nach seiner Entlassung aus dem Kerker nicht wieder in
die Höhe gekommen. Er hatte nicht mehr die Kraft, die ~vita nuova~,
von der er geträumt hatte, zu beginnen. Das Sträflingsmal war ihm
zu tief in die Seele gebrannt, als daß er den Mut zu neuen Werken
gefunden hätte. Verkommen, vom Zuchthausbrei aufgetrieben und häßlich
geworden, lebte er noch ein paar Jahre in Paris, oft so arm, daß er
frühere Freunde um einen Absinth anborgen mußte, bis er im Nebelmonat
des Jahres 1900 in einem kleinen Hotel im Quartier Latin verendete.
Ein halb Dutzend Genossen aus alter Zeit geleiteten ihn, den einstigen
Liebling von ganz London, zum Armenkirchhof; ein einziger Kranz hing an
seinem Sarge. Er war von dem Wirte, bei dem er gewohnt hatte. „Meinem
Pensionär!“ stand auf der Schleife gedruckt.
So endete dieser Mensch, dessen Leben viel mehr Bedeutung hat als
seine Werke, dessen erste Tat nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus
-- dies beweist seine Güte -- ein offener Brief war mit einem
eindringlichen Protest gegen die Entlassung eines Gefängniswärters,
der einem hungrigen Kinde ein paar Keks gegeben hatte, dessen witzige
Stücke -- dies beweist seinen überlegenen Verstand -- von ihm alle
spielend, meist wegen Wetten hingeschrieben wurden, und dessen
Lieblingszitat -- dies beweist seine Vorurteilslosigkeit -- die Worte
des greisen Königs Lear im Shakespeare waren: „Kein Mensch ist sündig;
keiner, sag’ ich, keiner. Und ich verbürg’ es.“
Dostojewski
In der grauen Frühe eines Wintermorgens im Jahre 1849, in diesem
Jahre voll von Ängsten, Qualen und Unterdrückungen für ganz Europa,
wurde Fedor Dostojewski, eines reichen Arztes Sohn, gewohnt, fünfmal
in der Woche sein Hemd zu wechseln, samt seinen Kameraden aus dem
bleiernen Schlaf geweckt, den er auf der Pritsche in den feuchten
Gefängniszellen von Schlüsselburg schlief. Aus wilden, garstigen
Träumen, die wie zerfetzte Wolken über ihn herflogen, wurde er von
Gendarmen wachgeschüttelt. Er wollte sich von dem Unrat der Nacht
und der Unsauberkeit des Kerkers reinigen, aber der Mann in Uniform,
eine Talgkerze in der Hand, wehrte ihm ab: „Es hat keinen Sinn mehr,
Väterchen!“
Im selben Augenblick wußte Dostojewski, daß es zum Tode ging. Dem
Gefühl der Erleichterung, das seine wie ein Grab eingefallene Brust für
einen Augenblick emporhob, folgte sogleich eine entsetzliche Angst,
die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. „Mein Gott! Mein Gott!“ sagte
er nur, sich selbst ein Echo. Die Gefangenen wurden wie Schlachtvieh
hinausgetrieben. Sie sahen sich beim Licht der Blendlaternen, die wie
rote, entzündete Augen aus dem Morgennebel glänzten, aus dem Gefängnis
zur Richtstätte wanken, zehn bis fünfzehn schlotternde, halb schon
leblose Menschen, eine Schaufel voll für den Satan. Sie waren samt und
sonders in die sogenannte Petraschewskische Verschwörung verwickelt
gewesen, einen jener zahlreichen Versuche nach 1848, die in Frankreich
errungenen Volksfreiheiten auch in östliche Länder zu verpflanzen,
Experimente, die Zar Nikolaus I., der absoluteste Monarch Rußlands,
nur auf den Tod leiden konnte. Die Gefangenen trotteten stumm, ohne
einen Seufzer von sich zu geben, auf das Peloton Soldaten zu, die in
einer Ecke des Gefängnishofes bereitstanden, ihre Brüder kaltblütig
umzuschießen. Man sah die Gewehre an ihren Beschlägen und Bajonetten
in der Ferne hin und wieder aufblitzen. Trotz der Totenstille hatte
man das Gefühl, als ob die Luft einen dumpfen Ton von sich gäbe.
Die Gefangenen und die Soldaten näherten sich einander. Obgleich
das Militär ganz stillstand, schien es den Verurteilten doch, daß
sie ebenso langsam auf sie zukämen. In einer Entfernung von zwanzig
Schritten vor den Bewaffneten waren drei Pfähle in die Erde gegraben,
gegen die sich die Gefangenen anlehnen konnten. Auch war den Soldaten
damit das Zielen erleichtert.
Man führte die drei ersten zu den Pfählen hin, zog ihnen die
Todeskleider, lange, weiße Hemden, an und schob ihnen als Zeichen des
Mitleids weiße Mützen über die Augen. Der Pope trat an jeden mit einem
Kreuz heran. In einer geringen Entfernung zur Seite zu -- vor erst
sechzig Jahren ist dies alles dem größten russischen Genie vor eigenen
Augen begegnet! -- schaufelten ein paar Arbeiter emsig wie Aaskäfer den
Opfern das Massengrab.
Dostojewski war als achter an der Reihe, er sollte also mit der
dritten Abteilung zu den Pfählen hingehen. Er wußte, daß er nicht
mehr als fünf Minuten zu leben hatte. Er hat später oft erzählt, daß
ihm diese fünf Minuten als eine endlose Zeit und ein unermeßlicher
Reichtum erschienen wären. Er habe sich diese Zeit sogar eingeteilt
und +zwei+ Minuten davon bestimmt, sich von seinen Kameraden zu
verabschieden, +zwei weitere+ Minuten dafür, um ein letztes Mal im
stillen nachzudenken -- wer, wer hat den Mut, wenn er dieses liest,
einem Menschen den Tod zu geben? Die übrige Frist, +eine+ ewige Minute,
wollte er dazu benutzen, um noch einmal zum letztenmal um sich zu
schauen. Die ersten zwei Minuten für den Abschied von den Kameraden
seien schnell verstrichen, aber die beiden folgenden, die er für das
stille Nachdenken angesetzt hatte, haben ihm endlos lang gedeucht. Es
sei ihm +unmöglich+ gewesen, sich auszudenken, daß er jetzt noch lebte,
in drei Minuten aber irgend etwas anderes irgendwo anders sein sollte.
In der Nähe habe ein Turm gestanden, dessen vergoldetes Dach im ersten
Morgensonnenschein geleuchtet habe. Dieses glitzernde Licht schien ihm
schon zu jener neuen Natur zu gehören, und er glaubte, er würde in drei
Minuten irgendwie mit ihm verschmelzen.
In diese fast schon irren und haltlosen fliegenden Gedanken des
Verdammten da unten wurde plötzlich eine weiße Fahne an dem Turm
emporgezogen. Auf einen Befehl ihres Offiziers ließen die Soldaten die
schon erhobenen Gewehre sinken. Der dem Gefängnis vorstehende Major
trat herzu und verkündete den schon zu drei Viertel toten Gefangenen,
daß die Güte des Zaren das Todesurteil aufgehoben und sie zu
zehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt hätte.
Dieses echte Stückchen einer absoluten Zarenlaune, diese grausame
Galgenfrist, diese kurze halbe Stunde zwischen Tod und Leben hat
Dostojewski, der schon von Geburt an Fallsucht litt, +für immer+
in seinen Nerven behalten. Die Spanne Zeit, in der er Abschied vom
Menschendasein genommen hatte und in das stygisch kalte Wasser des
Nichtmehrlebens untergetaucht war, hat sich ihm tiefer eingebrannt, als
alles Elend, das nachher kam, die fünf Jahre lange Gefangenschaft in
Sibirien und der Heeresdienst, den er als Gemeiner in der russischen
Armee antreten mußte, bis ihn Alexander II., Rußlands edelster und
unglücklichster Monarch, bei seinem Regierungsantritt begnadigte.
Sibiriens Glut und Eis, die Öde seines Gefängnisses dort, des
„Totenhauses“, zwischen Palisaden und Sträflingen, +niemals allein+
-- das war das gräßlichste dabei für diesen zarten Menschen! -- die
Roheiten beim Militär, alles war leichter zu ertragen und zu vergessen
als jene bangen Kirchhofsminuten vor dem Tode, da man ihm die Hoffnung,
das letzte Gut des Ärmsten, unter den Füßen fortgeschaufelt hatte und
er wie Dantes Verdammte „~senza ogni speranza~“ im Inferno, in der
Luft, im Nichts schwebte.
Es ist leicht auszudenken, wie ein Mensch, der aus dieser Region her
zum Leben, zu Menschen heimkehrt, als Schriftsteller schaffen und
wirken wird. Eine so gerüttelte Seele muß unrein fließen und strömen,
eine heruntergestürzte, soundso oft zersprungene und zerborstene
Glocke wird anders klingen als eine, die hoch über allem Volke im
Glockenstuhle hängt und nur am Feierabend und an Festtagen ihre
Stimme erhebt. Was Dostojewski in die Zvilisation Rußlands nach
Petersburg mitbrachte, als er gebleicht von Gefängnisluft, ergraut
von Erniedrigungen aller Art, mit vierzig Jahren die Feder nahm,
seinen ersten großen Roman zu schreiben, das war die tiefe Kenntnis
des russischen Volkes, der russischen Seele. Wie kein Künstler, kein
anderer Mensch mit Nerven und Geist in seinem Lande ist er durch ein
gemeinsames Schicksal mit seiner Rasse, seinem Volke vermengt und
verknetet worden. Tolstois Annäherungsversuche an das russische Bauern-
und Volksleben wirken dagegen wie Spielerei, die Laune eines großen
Mannes, der auch hinter dem Pflug und im Kittel ein Graf bleibt, und
Gorkis Jugendschicksale wie die Wander- und Handwerksburschenjahre
eines begabten jungen Menschen, der früh solchen Kreisen entwächst
und schnell sein Ziel erreicht. Dostojewski wurde durch ein Geschick,
das ihn zu den Paria warf, mit der Hefe seines Volkes vertraut und
vermischt. Sechs Jahre seines Manneslebens verbrachte er auf dem
Grunde, in der Tiefe zwischen russischen Leuten, durch nichts vor ihnen
ausgezeichnet und gesondert, ihnen gleich an Armut, Nahrung, Kleidung
und Schicksal.
Nach Petersburg heimgekehrt, fand er die Literatur seines Volkes vor
allem durch Turgenjews Einfluß noch mehr europäisiert, als sie es schon
durch Puschkin geworden war. Turgenjews erste gefällige Novellen, die
nach Pariser Geschmack zugestutzt waren, beherrschten den Büchermarkt.
Da machte sich Dostojewski mit im Zuchthaus erlerntem geduldigem,
zähem Fleiß daran, noch einmal von neuem zu schreiben anzufangen, ganz
ohne Vorbild und ohne Rücksicht auf den Geschmack und die Wünsche
des gebildeten Publikums, das auf den Boulevards von Petersburg
fast das gleiche wie auf denen von Paris verlangt. Es war die Seele
seines Volkes, die russische Seele, die er sich in tausend Bildern
und Gestalten vom Herzen schrieb, das eigentümliche gemeinsame Wesen
dieses Menschenhaufens, der das weite, weite, weite Land von der
Weichsel bis zur Wolga und darüber hinaus bis nach Sibirien bewohnt.
Keiner hat die russische Seele, dieses unergründliche Mysterium eines
Volkes, das uns verwandt und fremd ist, das Werden und Weben seines
Wesens so erschöpfend geschildert wie Dostojewski. In tausend Saiten,
auf tausend Seiten schlägt er das Melos seines Volkes an. In langen,
auch darin seinem Lande ähnlich, weithinschweifenden Romanen -- sein
größter Roman, die „Brüder Karamasow“, umfaßt mehr als sechzehnhundert
Seiten, und dies war erst als +Prolog+ zu einem großen Roman gedacht
-- schildert er die hervorragendsten Typen seines Vaterlandes. Durch
ihre Ausdehnung allein wären diese Romane Dostojewskis Unika der
Weltliteratur, wenn sie es nicht auch durch die Ausdehnung ihres
Stoffes und der Figuren wären. Wir sehen in ihnen das heilige Rußland
vor uns von einem Dichter umgepflügt, Menschen begegnen uns, die
Tausende Rubel verschwenden und um eine Kopeke schreien und geifern
können. Freunde, die ihre Geheimnisse, ihre Liebsten und die geweihten
Kreuze auf ihrer Brust miteinander tauschen und hinterdrein einer dem
anderen auflauern, um einander zu ermorden. Frauen, die sich jedem
für Geld hingeben, in Palästen und Pelzen sitzen, um auf einmal alles
zu verlassen und arm auf die Straße zu rennen. Säufer, die den Wodka
literweise trinken und plötzlich in der dunklen Weise der Offenbarung
des Johannes reden und in ein Kloster gehen, Bauern, die sich gut
vertragen, und von denen unvermutet der eine den anderen um eine
silberne Taschenuhr wie einen Hammel mit einem Messer von rückwärts
abschlachtet, wobei er sich bekreuzigt und im stillen betet: „Herr,
verzeihe mir um Christi willen!“ Männer, die sich jahrelang hassen und
fremd aneinander vorübergehen, bis sie sich eines Abends in die Arme
sinken: „Wir sind alle lächerlich gute Menschen.“
Die +Gegensätze+, die die menschliche Brust umspannen kann, kommen bei
diesen breit angelegten, einen halben Erdteil umfassenden Menschen
herrlich zum Ausdruck.
Wir lassen es uns heute meist bei dem +einen+ Typus, den Dostojewski
in Raskolnikow geschaffen hat, dem russischen Intelligenzler, genügen,
dem Mörderdilettanten, der seine Tat nicht tragen kann, vor einer
Maus erschrickt, mit einem Kanarienvogel fühlt und eine alte Vettel
ermordet, der sich in krankhaftem Ehrgeiz ein Napoleon dünkt und über
diese einzige Untat, die er nicht zur Guttat in seinem Busen stempeln
kann, ins Stolpern kommt. Dostojewskis andere „Helden“ -- er darf sie
so nennen -- Idioten, Sträflinge, Abbilder Christi, die alle lieben
und für alle Menschen leiden möchten, Träumer, Phantasten, von Dämonen
Besessene, sind bei uns kaum bekannt. Das wundersam weiche Wesen
dieser Leute, die zwischen Extremen hin und her fallen, die sich
ihren Gefühlen noch rückhaltlos hingeben, die jeden Augenblick wieder
ohne Vorurteile und ohne Bedenken sein können wie Tartaren, „aus dem
Tartarus“, der Unterwelt Gekommene, kurzum +die russische Seele+ hat
Dostojewski in seinen Werken vor allen anderen wiedererschaffen. Darum
ist er der größte Dichter Rußlands, und für jeden Fremden, der diesem
Volke nahekommen will, geht der Weg auch heute noch durch ihn und seine
Werke hindurch.
Ibsen
„Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.“
(Worte des Skalden in Ibsens „Kronprätendenten“.)
Im Frühsommer 1886 saß wie gewöhnlich nachmittags um diese Zeit ein
älterer, ziemlich beleibter Herr im schwarzen, sorgfältig abgebürsteten
Gehrock, mit langen weißen Haaren und mit ebensolchem Bart an den
Backenseiten seines Professorengesichts vor einem Tisch im Café Opera
in München. Kaffee und Kognak standen neben ihm, und auf den beiden
Stühlen ihm zur Seite lagen hochaufeinander Haufen von Zeitungen und
bunten Wochenblättern. Er hatte soeben mit dem letzten Schluck Kognak
die letzte Zeitung erledigt und guckte nun aus kleinen verschmitzten
Äuglein starr vor sich hin, während hinter seiner hohen wuchtigen
Stirne die Gedanken über das Gelesene wie Mäuschen im Speicher hin
und her liefen. In diesem Augenblick setzte sich ein etwa zehn Jahre
jüngerer Herr, ein gemütlicher, korrekter Fünfziger mit den Worten:
„Sie erlauben doch!“ zu ihm an seinen Tisch.
„Bitte sehr, Herr Leutnant oder Herr Hauptmann -- ich werde das nie
auseinanderhalten können --, ich wollte ohnedies gehen.“
„Ach! Sie sind’s, pardon, Herr Doktor Ibsen!“ sagte der Jüngere, der
kein anderer war (wie es in seinen Erzählungen hieß) als der Dichter
Martin Greif, der, nachdem er sich als Offizier unter seinem wirklichen
Namen „Herman Frey“ hatte pensionieren lassen, nun in München wie
Ibsen als vogelfreier Greif und Dichter lebte.
„Also, wie geht’s Ihnen denn, Herr Doktor, was machen Sie, was
schreiben Sie jetzt?“ fragte Greif weiter.
„Ich weiß es nicht recht,“ meinte Ibsen, „und Sie?“