Bayreuther Menschenkreis um den elbischen Zwergriesen Richard Wagner
hervor: Dieser normännische Edelmann, der, wenn man will, ein Dilettant
war in allen Künsten, die er trieb, aber als solcher anregender gewirkt
hat als manche, die aus ihrem kleinen Glase trinken und ewig die eine
gleiche Scholle bearbeiten. Er war einer von den Mittlern, wie sie
Goethe liebte, ein Universalgenie aus der Familie der Herodote, der
Plinius, der Barthélemy, der Pückler-Muskau. Er war ein Sammler und ein
Reisender, wie es wenige gegeben hat, dieser letzte alte französische
Aristokrat, der seinen Stammbaum auf einen sagenhaften Yarl Ottar und
bis ins neunte Jahrhundert zurückführen konnte, und den das blaue
Wikingerblut, das in ihm kreiste, nie lange an einem Fleck rasten und
rosten ließ. Die Erinnerungen und Reisefrüchte, die er aus Kephalonia,
aus Naxos, aus Neufundland oder anders woher mit nach Hause brachte,
brauchten nicht an der Grenze verzollt zu werden, und kein Milliardär
konnte sie ihm durch Überbieten streitig machen. Es waren exotische
Novellen oder Volkslieder oder alte Keilinschriften oder fremde
Heldengedichte oder Sprichwörter, die er eingehandelt hatte, lauter
geistige Kostbarkeiten und Seltenheiten, deren ungeheueren Wert nur die
Kenner und Liebhaber zu schätzen wußten. Für sich selbst bedürfnislos
wie ein Derwisch opferte er alles, was er besaß oder verdiente, für
die fremden spirituellen Güter, die er in seinem Kopf mit von dannen
trug und die er dann in seinem geliebten Französisch nacherzählt vor
den Augen der zivilisierten Welt auspackte. So verband er als einer der
ersten in der modernen Zeit wieder den Orient mit dem Okzident durch
sein menschliches Gehirn, diesen glühendsten Fokus, der auf dieser Erde
brennt.
Er war kein solch großer Dichter und Könner, daß er seine Sache ganz
auf die Kunst stellen konnte und wollte. Er mochte als Dilettant, der
er in des Wortes bester Bedeutung war, sich gar nicht wie die Poeten
rings um ihn auf ein bestimmtes Gebiet verweisen und spezialisieren
lassen. Sein liebster Titel, den er gern unter alle seine offiziellen
Benennungen auf seine Visitenkarte zu schreiben pflegte, hieß: „Ein
Weltweiser“, und das Attribut, das er am meisten scheute, war das,
einseitig zu sein. Darum war er mit Lust Diplomat, weil es hier
gerade auf Vielseitigkeit ankam, und weil diese Art „Kunst“ keine
festbestimmte und von Regeln abhängige war. Es ließ ihn bei einer
einzigen Kunst gar nicht ruhen. Gleich dem von ihm höchst verehrten
Leonardo malte er, bildhauerte und dichtete er und scharmierte am
liebsten mit allen neun Musen zugleich. Bezeichnend für ihn ist, daß er
selten an einem einzigen Werke arbeitete, sondern meistens drei oder
vier in Angriff hatte. War er orientalisch gestimmt, so übersetzte
er ein persisches Heldengedicht, stand er in Renaissancegedanken
auf, so fuhr er in der Arbeit an diesem Werke fort, hatte er die
Nacht von Marmor geträumt, so machte er sich frühmorgens an seine
Statuen und meißelte an einer „Walküre“ oder einem „Buddha“ herum.
Oder war er schließlich ganz nüchtern aus dem Bett gestanden und
kam ihm beim Waschen und Kämmen keine einzige Impression, so setzte
er sich an seine fachwissenschaftlichen Studien und sprang auf sein
Steckenpferd, die „Rassentheorie“, in der er behauptete, daß die Kultur
Europas von Germanen geschaffen, und daß die ganze Aristokratie aller
europäischen Völker aus dieser blonden Rasse entsprossen sei. Dieser,
sein Lieblingsgedanke, den er hegte und pflegte und für den er sein
Leben lang Beweise sammelte, hat ihn dann auch mit Richard Wagner
zusammengebracht, der in ihm freudig einen seiner Bestätiger entdeckte.
Gobineau lebte, als Wagner ihn fand, seiner Kunst, besser gesagt,
seinen Künsten in Rom. Er war früher Gesandter der französischen
Republik gewesen, bis er auf einmal, vielleicht, weil er sein Vaterland
zu aristokratisch vertrat, brüsk von seiner Regierung entlassen wurde.
Bis dahin hatte er, ein altadliger französischer Edelmann, der durch
die Republik eigentlich heimatlos geworden war, unstet wie Peter
Schlemihl von Land zu Land gelebt: Gestern als Attaché in Persien, das
Jahr drauf als Bevollmächtigter in Neufundland, dann als Gesandter in
Athen, in Rio de Janeiro und wieder ein paar Jahre später in Stockholm.
Ein bitteres Gefühl der Entfremdung hielt ihn soviel als möglich von
Frankreich fern. Was sollte er dort, wo ein nach Zwiebeln riechender
Parvenü wie Gambetta, der Fisch und Kartoffeln mit dem Messer aß,
das große Wort und die Regierung führte. „Das Wort Vaterland
bedeutet heute nichts mehr als das ausschließliche Bestreben, Geld
zu verdienen“, aus diesen seinen Worten spricht ein großer Schmerz
und eine noch größere Verachtung. Sein Stammschloß, das seine Ahnen
erbaut und jahrhundertelang bewohnt hatten, verkaufte er an irgendeinen
reichgewordenen französischen Herrn Meunier oder Jourdain und löste so
die letzte, äußerlich gewordene Beziehung, die ihn mit dem Lande seiner
Väter verband. Ein treuer, brauner Diener, ein Syrier, Honoré genannt,
der Fleisch am Spieß braten und der Kaffee türkisch kochen konnte,
sowie ein paar Perserteppiche begleiteten den heimatlosen französischen
Grafen auf allen seinen Fahrten von Norden nach Süden. Und so gleichsam
zwischen zwei Schnellzügen auf der Reise in Turin, in der nämlichen
Stadt, in der Nietzsche ein paar Jahre später seinen großen Geist
aufgab, ist Gobineau in einem kalten Hotelbett einsam in der Fremde
gestorben.
Von sämtlichen Werken, die er den Gebildeten aller Völker als
Vermächtnis hinterlassen hat, ist seine Dichtung über die „Renaissance“
wohl das wertvollste, sicherlich das schönste. Die meisten, die uns
durch die gewaltigste neuere Zeit unsers Geschlechtes, die wir kennen,
hindurchführen, ziehen uns durch jene Welt wie durch ein Museum an
Bildern und toten Steinen vorüber. Gobineau hat, ohne viel Eigenes
hinzuzutun, jene Riesen im Guten wie im Bösen +selber+ zu uns sprechen
lassen. Gerade das ist das Treffliche an seinen Szenen, daß er nur
schildert, nicht richtet, etwa gar noch aus Rücksichten eines im 19.
Jahrhundert, nicht im Cinquecento Geborenen. Ohne gelehrten Kommentar
läßt er die Menschen und Übermenschen jener Zeit vor uns leben und
sterben: Savonarola oder Karl den V. oder Cesare Borgia oder Julius
den II., dem jenes tragische Geschick fiel, erst als Greis zum Herrn
über Rom und über die Seelen zu werden. Des Tacitus bekanntes Erstgebot
für den Geschichtschreiber ist hier erfüllt. Nicht eine Zeile im Text
noch im Vorwort verrät uns den eigenen Standpunkt des Schilderers,
der die Berichte der Chroniken sowie Briefe und Aufzeichnungen und
Anekdoten aus dem ~cinquecento~ wie einst die Daten und Urkunden zu
seiner Persergeschichte in Iran gesammelt hat, und sie nun in Dialogen
lebendig zusammenreiht. Nichts von Abscheu oder moralischer Entrüstung
über seinen Vorwurf ist aus diesen Szenen herauszulesen, und es ist
kaum einem Historiographen gelungen, die Gestalten der Vergangenheit
so getreu und klar in seinen Zauberspiegel einzufangen. Bei keinem
seiner anderen Werke hat der Künstler Gobineau so schön dem Gelehrten
beistehen und sein Wissen um die Dinge durch die seltene Gabe der
Einfühlung in frühere Zeiten erwärmen können.
So schenken die Szenen Gobineaus uns ein Bild im Hochrelief von der
„Renaissance“, das so wahr ist, wie es überhaupt ein Bildnis und
Gleichnis sein kann, und wer an der Hand dieses Dichters jene Zeit,
wie einst Dante an der Hand Vergils die Hölle, durchschritten hat, dem
wird jedes andere Bild nur flüchtige Wassermalerei bedeuten gegen diese
Erlebnisse.
Maupassant
So war der Mensch Maupassant: Ein gut gewachsener, breitbrüstiger,
muskulöser Kerl mit schönem, starkem braunen Haar, einem gewöhnlichen
Schnurrbart und ein Paar großen ernsten Augen. Nichts fiel auf in
seinem Gesicht, das dutzendweise vorkam und vorkommt, und hätte
sein Name nicht einen so großen literarischen Schatten hinter ihm
hergeworfen, kein Mensch hätte sich auf der Straße nach ihm umgeblickt.
Seine braunrote Hautfarbe sagte einem, daß dies ein Sportsmann sei,
und den kräftigen Armen sah man an, daß er tage- und nächtelang mit
seinem Ruderboot auf der Seine verbracht hatte. Das war die schönste
Zeit seines Lebens, als er noch im Marineministerium herumfaulenzte,
als er noch nicht „schreiben“ konnte und an den Fingern nur Schwielen
von der Ruderstange, nicht von der Feder hatte, und mit lustigen
Freunden und Freundinnen zwischen sechzehn und dreißig die Umgegend
von Paris auf dem Fluß von Charenton bis Argenteuil fröhlich machte.
„Wir waren meist zu fünf Strauchdieben“, erzählt er später selbst mit
der Wehmut und dem Stolz, die einem im Alter überkommt, wenn man von
+seiner+ verflogenen Jugend spricht. „Ich erinnere mich an so seltsame
Abenteuer, so unwahrscheinliche Späße, daß sie heute niemand glauben
würde. Man lebt heute so nicht mehr, selbst nicht auf der Seine, denn
die tolle Phantasie, die uns beständig in Atem hielt, ist in den
gegenwärtigen Seelen erloschen. Wir fünf besaßen einen einzigen Kahn,
den wir mit großer Mühe erstanden hatten, und in dem wir gelacht
haben, gelacht haben, wie wir nie wieder lachen werden.“ Das verlernte
er immer mehr, das Lachen, mit jedem Tag, da er älter und reicher
wurde. Aus dem jungen Burschen, bei dessen Liebesabenteuern ernste
Männer wie Flaubert und Zola vom bloßen Zuhören Seitenstiche vor Lachen
bekamen, kroch ein wohlbeleibter, ernster, blasierter Mann heraus, dem
die Havannazigarre traurig wie ein Wurm im Munde hing, der „für keinen
Groschen Poesie“ hatte, und aus dem das Lachen kurz und vertrocknet
klang, wie aus einem, der den Witz schon kennt, dem er zuhören muß.
Sein Geld machte ihm nicht die Freude, die er von ihm erhofft hatte.
Er war als Schriftsteller ein größerer Geschäftsmann als Beaumarchais.
„Ich schreibe keine Zeile unter einem Franc“, war seine Losung, und
wenn er von Verlegern sprach, geschah es nie, ohne ein „diese Hunde!“
hinzuzufügen, und sein größter Ehrgeiz war, möglichst viele von ihnen
zugrunde zu richten. Als Normanne schätzte er das Geld und konnte
besser rechnen als drei Juden. So hatte er es in wenigen Jahren zu
einem bedeutenden Vermögen gebracht; konnte sich eine Segeljacht, zwei
Häuser, eines in der Normandie und ein anderes in Cannes und vierzehn
Frauen in Paris halten. Konnte seiner Mutter Brillanten zu Weihnachten
schenken und seinem Vater, der stets mindestens dreißig Meilen von
ihr entfernt war, Zigarren schicken, wie sie die Königin von England
nicht teurer rauchte, und hätte mit alldem glücklich sein können gleich
Fortunatus mit seinem Glückssäckel.
Aber sein Reichtum machte ihn ebensowenig fröhlich wie Schopenhauer
und weiland König Midas: die Ärzte und seine Fettsucht verdarben ihm
den Appetit, indem sie ihm, dem Feinschmecker und Vielesser, eine
strenge Diät auferlegten. Das Rosenwasser, in dem er, ein Liebhaber
von Wohlgerüchen, täglich badete, roch er schließlich gar nicht
mehr. Von den Frauen war er übersättigt, sein Ruhm machte ihm auf
die Dauer keinen Spaß mehr, und die Arbeit, die Zola jung erhielt,
machte Maupassant, der stets sehr schnell und mit zwölf Atmosphären
Druck schrieb und schaffte, nur nervös. Dazu kam ein vermutlich schon
ererbter Hang zur Melancholie, der von Jahr zu Jahr wuchs und ihn
immer mehr überschattete. Aus ihm entstand seine große Verehrung für
Schopenhauer, in dessen Pessimismus er die ihm passende Weltanschauung
fand, aus ihm seine Liebe zur Einsamkeit und zur Schweigsamkeit,
sein Menschenhaß und seine Lieblingsbeschäftigung, den Spießbürger,
ohne „Pardon!“ zu sagen, auf die Zehen zu treten. So erschien er in
den letzten Jahren seines kranken Lebens als der dekadente Sproß
eines französischen Adelsgeschlechtes nach der Revolution, dessen
brutale Herreninstinkte sich statt in Hofintrigen oder gefährlichen
Liebesabenteuern oder Feldzügen damit befriedigen mußten, Verleger
um Geld zu pressen oder dem Herrn Meier und Schulze das schmutzige
Hemd aus der Hose zu ziehen oder sich über die schiefgetretenen
Absätze des Fräulein Soundso zu mokieren: als der blasierte, sich ewig
langweilende, verlebte, reiche junge Herr, für den alles, was über
der Materie war, Phrase hieß und abgedroschen war, wie er an Maria
Bashkirtseff schrieb, und gegen den Lord Byron wie ein Naturbursche
wirkt. So traf ihn sein Geschick, das noch viel grausiger war als das
von Oskar Wilde. Am Tisch seiner Mutter in Nizza brach der Irrsinn in
ihm aus, und Ibsens „Gespenster“ wurden lebendig. Er hatte noch die
geistige Kraft zu einem Selbstmordversuch, aber die Dummheit seiner
Diener verhinderte dies. Nach anderthalbjähriger Passionszeit starb er
in der Zwangsjacke im Irrenhaus bei Paris. Seine letzten Worte kurz
vor dem Tode -- und man muß hierbei unwillkürlich an Goethes letzte
vernehmlichen Worte: „Mehr Licht!“ denken -- waren: „Finster, ach wie
finster!“ Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Zola, der Mutige, hielt
an seinem Grabe die Leichenrede.
So aber war der +Dichter+ Maupassant, der in diesem Menschen hauste:
ein Schüler Flauberts, ohne jede Tendenz das Leben erfassend und
beschreibend, wie es ist, nackt und nüchtern, nicht beschönigend,
nicht verhäßlichend. Das Entsetzen über den Naturalismus hatte sich
schon in Frankreich gelegt, als Maupassant zu schreiben anfing, so
daß er es nicht mehr nötig hatte, ein Programm aufzustellen und zu
verteidigen, was seiner Kunst nur zugute kam. Er war der größte Meister
im Erzählen, den die Neuzeit kennt, und seine Lust zu fabulieren ist
unerschöpflich gewesen. Vor allem im Beschreiben der Natur, die er
mit dem scharfen Auge des Jägers aufs Korn nahm, ist er groß. Wenn
er eine Landschaft betrachtete, die er schildern wollte, kniff er
gern, ganz wie ein Jäger, ein Auge zu und brachte sie dann in ein
paar Strichen, ein schreibender Impressionist, aufs Papier. Ein Stück
Natur, an dem Flaubert und Zola noch drei Seiten vollmalten, zeichnete
er in drei Zeilen, daß man es sah, roch, hörte und schmeckte. Vor
allem die Normandie, seine Heimat, mit ihren Apfelbäumen und ihrer
kräftigen salzigen Seeluft, und die Riviera, seine Nervenweide,
mit ihren Palmen und ihrem lauen, sinnlichen Duft, traf er wie ein
Photograph, und manche seiner Bilder daher wirken, wenn man sie liest,
mit der Anschaulichkeit von Ansichtskarten. Unter den Menschen, die
aus der Kamera seines Gehirns herauskommen, gelingen ihm die harmlosen
Bürger und stumpfsinnigen Bauern am besten, und von den Frauen die
mondänen, leichtfüßigen, parfümierten. „Du mußt den Kerl, den du
beschreiben willst, an seiner Nase packen und hin und her biegen, bis
du ihn in dir hast“, hatte ihn einst Flaubert gelehrt. Maupassant
befolgte diese Regel so gut, daß man seine Menschen oft atmen zu
hören glaubt. Gern allerdings versetzt er seinen Bürgern, wenn er
fertig mit ihnen ist, zum Schluß mit seiner vornehmen Künstlerhand
noch ein paar Maulschellen, wie Policinell alle Puppen herunterhaut,
ehe sie in den Kasten kommen. Am sichersten ist Maupassant in der
Wahl seiner Farben und Beiwörter. Während die Parnassiens zu seiner
Zeit oft tage- und nächtelang nach einem passenden Adjektivum wie
nach einem verlorenen Kragenknöpfchen herumsuchten, fand er ohne
Federlesen schnell das richtige Epitheton. Wie er denn überhaupt
ungeheuer rasch im Produzieren war und in zehn Jahren neunundzwanzig
Bände zusammengeschrieben hat. Er hatte +ebensolange+ dazu gebraucht,
sich unter Flauberts täglichem Einfluß auf seinen Beruf vorzubereiten,
und wenn er darum später die andern ganz langsam an ihren Büchern
herumbauen und die Worte vorsichtig wie ein Apotheker prüfen und
abwiegen sah, dann klimperte er wohl stolz mit seinen Goldstücken,
blies den Rauch aus seiner kurzen Pfeife und sagte: „Seht ihr wohl, das
kommt davon, daß ich mein Handwerk erst gelernt habe.“
Wenn er bei den Frauen, die er schildert, mehr das Sinnliche an diesen
merkwürdigen Wesen betont, wie dies übrigens die Franzosen von jeher
getan haben, so geschah dies keineswegs aus Frauenhaß, und Nietzsche
hatte unrecht, wenn er ihn darum so klug wie die Kirchenväter nannte,
die bekanntlich die Frauen noch als Bestien und nicht als Menschen
ansahen. Gerade aus den letzten Werken seines Lebens, aus den Romanen
„~Fort comme la mort~“ und „~Notre cœur~“ klingt eine so tiefe
Verehrung für die Frau als die natürliche Gefährtin des Mannes seit
dem Paradiese heraus, eine so edle und zarte Art der Hingabe an das
andere Geschlecht, daß man sich verwundern muß, wie man diesen Künstler
jemals neben Strindberg als Frauenfeind hat nennen können. Freilich
-- und hier rundet sich Maupassants nüchterner und darum grausamer
Pessimismus -- wird auch +die Liebe+ nach seinem Bekenntnis keinen von
der Einsamkeit befreien, in der ein jeder von uns lebt, leidet und
stirbt. Diese trostlose Einsicht von dem Alleinsein des einzelnen, von
dem Gefühl, daß wir alle einsame Feuer sind, kehrt stets als Refrain
bei diesem Dichter wieder. Vor diesen großen, grauen Hintergrund sind
fast alle seine Kreaturen gestellt, und vor ihm opfert ihr Schöpfer sie
dem Leben oder dem Tode mit dem furchtlosen, verzweifelten, traurigen
Mitleid des Pessimisten, indem er ihnen als einzigen Trost vor dem
Ergrauen das große Wort des Buddhismus zuraunt: „Geh an der Welt
vorüber, sie ist nichts!“
Lord Byron
In der Morgenstunde des ersten Dezembers 1900 erschien unter den ersten
verdammten Seelen Oskar Wilde vor der Hölle. Er legitimierte sich
als Verfasser der „Salome“, worauf man ihn ohne weiteres einließ und
ihm eine bestimmte Zelle anwies. Er erkundigte sich sogleich bei dem
Teufel, dem er zur besonderen Bedienung und Folterung überwiesen war,
wann man in der Hölle Besuche mache oder empfange, und erfuhr zu seiner
Freude, daß dies wie oben auf der Erde zwischen zwölf und ein Uhr oder
abends um fünf Uhr geschehe und gestattet sei. Der Dichter lächelte
dankbar gerührt, gab dem Teufelchen das letzte Frankstück, das er bei
sich hatte, und erklärte, daß er zunächst seinen bewunderten Lord Byron
besuchen möchte, und fragte, ob es weit zu ihm zu gehen sei. Worauf ihm
der Bescheid zuteil wurde: „O nein, Sire, hier eben um die linke Ecke
herum. Seine Lordschaft haben sich aus musikalischen Neigungen in der
Nähe des deutschen Viertels angesiedelt!“
„~Well!~“ bemerkte Wilde und machte sich, nachdem er eine Stunde lang
die nun einmal notwendigen Folterungen ausgehalten hatte, an die
Toilette. Er schnitt sich die etwas zu lang gewachsenen Fingernägel
und polierte sie, so gut es mit Stiefelwichse ging, die man ihm als
Pomade hingestellt hatte. Zu einem Bade im Styx schien es ihm etwas
kalt zu sein, und so verwendete er denn eine Stunde lang dazu, seine
Krawatte zu binden, das +einzige+ Bekleidungsstück, das man ihm
vergönnt hatte. Denn jeder darf dort unten nur das Stück von seinem
ganzen Habit tragen, das ihm am +liebsten+ ist. Als die Höllenuhr zwölf
schlug, machte er sich auf den Weg, nahm, um sich anmelden zu können,
die schwarze Visitenkarte vorn von der Türe seiner Zelle, auf der mit
seinem Blut geschrieben rot sein Name stand, und trat auf die endlos
lange, schmale, finstere Gasse hinaus.
Als er so von Tür zu Tür herumtappte, begegnete ihm zu seinem
Glücke Charon, der um diese Stunde den von dem ewigen Bellen und
Anderketteliegen halb tollen Zerberus spazieren führen mußte. Der
geleitete ihn brummend um die Ecke linkerhand, wobei der Zerberus,
wie dies bei Hunden üblich, stehenblieb, vor die Behausung seiner
Lordschaft, die um ein bedeutendes geräumiger war als die Zellen der
Nachbarschaft. Auch hatte sie ein kleines, schwarzes Fenster nach der
Straße zu, durch das Wilde vorsichtig hineinguckte, um sich zunächst
über die Situation klarzuwerden.
Zu seinem Erstaunen entdeckte er, daß schon ein Besuch bei Byron war,
und als er näher hineinguckte, sah er, daß es kein anderer als Shelley
war, der dort, +bloß+ mit einem +Strohhut+ angetan, bei dem Lord,
der seinerseits, vermutlich um seinen Klumpfuß zu verdecken, +nur
hohe+, braune +Stulpstiefel+ trug, zu Gaste war. Die beiden saßen mit
übereinandergeschlagenen, knöchernen Beinen sich an einem Tisch aus
Ebenholz gegenüber. Shelley rauchte aus einer Pfeife roten Qualm, und
Byron selbst trank aus einer riesigen Flasche Feuerwasser. Sie waren
mitten in einem Gespräch, und Wilde, der dies seltsame Bild nicht
aufstören wollte, hörte draußen, unter dem Fenster geduckt, wie Lord
Byron mit etwas heiser gewordener Stimme seinem Freunde erklärte:
„Du magst sagen, was du willst, Percy, die Engländer sind die
knotigsten Kerle, die Gott oben herumlaufen läßt. Sie haben uns beide,
weiß der Teufel, so gepiesackt, daß mir der Aufenthalt hier, ohne die
blödsinnige Hitze, fast wie ein Sanatorium vorkäme. Und was machen sie
mit allem ihrem Gelde, das sie der ganzen Welt abnehmen, sag’ mir doch!
Seife, Maschinen und gute Kleider. Das ist ihre ganze Kultur.
Es kommt noch so weit, daß ich mich vor Horaz und Tibull, diesen
römischen Griechen und Halbdichtern, schämen muß. Neulich sagte mir
schon Ovid im Klub ganz anzüglich: ‚Ihr seid jetzt schon reicher, als
wir jemals gewesen sind.‘ Ich dachte an Manchester und konnte nichts
erwidern. Wir verkommen, mein Freund, auf unseren Millionen, und
schließlich bleibt nur noch Shakespeare von uns übrig, wie Hannibal von
Karthago.
Unterbrich mich nicht! Die Kunst gilt ihnen keinen Sixpence mehr.
Maler werden zu Anstreichern und Dichter zu Journalisten in London
gemacht. Ich hatte mich vor den Aristokraten um meine ganze Lordschaft
gebracht, als ich mein erstes Gedicht fertig hatte. ‚Aber dafür sind
doch Schullehrer da‘, sagte mir meine Mutter ganz entrüstet, und ich
war wie von selbst zu den Whigs geworfen. Jeder Tory sah mich seitdem
wie einen Seiltänzer an.
Als ich mein erstes Drama, es war der ‚Manfred‘, herausgab, warnte
mich der Herzog von Devonshire: ‚O, armer Mann, denken Sie an Ihre
unsterbliche Seele, ehe Sie +Souffleur+ werden!‘ Es war am nämlichen
Tage, als mir Goethe aus Deutschland schrieb: ‚Ich rechne es mir zur
Ehre an, mit Ihnen in brieflichem Verkehr zu stehen. Ihre dramatischen
Versuche werden im Lande Shakespeares sicherlich die große Anerkennung
finden, die sie verdienen.‘
Jawohl, Herr Geheimrat, keine Schmiere hat sich drum bekümmert! Sieh
dir doch ihr Theater an, Percy, zum Donnerwetter, wiewohl das Fluchen
hier unten verboten ist, ehe du mich unterbrichst! Weißt du, was das
Neueste auf englischen Bühnen ist? Dreifach verschiedenes Sonnenlicht,
bunte Fräcke und echte Schneeflocken, die oben auf dem Schnürboden in
einer Gefriermaschine hergestellt werden. Als jüngst Hamlet dort in
halbem Mondlicht, umschneit, auf der Terrasse zu Helsingör erschien,
rief man zum Schluß den Schnee statt des Hamlets heraus. Und als der
Prinz gestorben war, lag er da, den Körper im Schatten, das Antlitz
blau und die Hände rot beleuchtet, die Augen zur Decke gerichtet.
Das andere war Schweigen. Im Hintergrunde hörte man sich Shakespeare
dreimal knarrend im Grabe umdrehen.
Alle ihre neuen Stücke sind um der Kostüme oder der Requisiten willen
geschrieben, die darin getragen oder schnell wie faule Wechsel
herumgereicht werden. Die Wegweiser nach Griechenland sind abgehauen
worden, und wer heute in London fürs Theater schreibt, der muß zuvor
zwei Jahre lang zu einem Taschenspieler in die Lehre gehen. Die
Poeten in England werden samt und sonders zu Spitzbuben, die sich vom
Verblüffen nähren. Auch den irischen, leider etwas byronisierenden
Duckmäuser haben sie dazu gemacht, der da draußen hinter dem Fenster
steht, und der sich einsperren ließ, statt ihnen davonzulaufen.“
Damit stieß Lord Byron mit seinem Klumpfuß die Türe auf und zog den
erschrockenen Wilde an seiner Krawatte in die schwarze Kammer herein.