Und dann waren die Jahre in der kalten Fremde gekommen, wo kein Lorbeer

wuchs und keine Pinien sich breiteten, wo die Menschen im Winter Felle

wie die Tiere tragen mußten, und wo man selbst die Marmorsteinbilder

umhüllen mußte, daß sie nicht vor Frost zersprangen. Wieviel Kälte

hatte er, der Neapolitaner, in den finstern Nebelländern ausstehen

müssen! Er sah sich wieder in Paris am Hofe des Königs und an der

Universität dort Vorlesungen über die +Unendlichkeit+ der Welt halten,

wie ein Storch auf einem Beine stehend, während die ihm feindlichen

Professoren die Zuhörer zum Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen und

Winseln aufreizten, bis Bruno ironisch sagte: „Fühlt ihr nun, welch

ein tragischer Gedanke das ist, zu wissen, daß auf andern Sternen

ähnliche Bestien leben?“

Und nach London träumte er sich wieder hin, wo er die glücklichste Zeit

seines Daseins im Hause des französischen Gesandten verbrachte, der

ihm in einem Dachstübchen Quarantäne gewährt hatte. Dort den geliebten

Gestirnen zehn Meter näher, hatte Bruno seine höchsten Gedanken zu

Papier gebracht, und die Stadt, in der damals Shakespeare lebte, war

ihm trotz ihrer schwarzen Straßen, ihrem Kaufmannsgesicht und ihrem

Biergeruch fest ans Herz gewachsen, weil er hier wie ein Vogel im

Norden erst das Singen gelernt und seine schönsten Sonette gedichtet

hatte.

Aber die Entrüstung der gelehrten Ochsen zu Oxford verscheuchte

ihn auch von dort. Die Steine, die ihm die englischen Philosophen

nachwarfen, fielen alle ins Meer, das sie wütend ob der Dummheit der

Menschen verschlang. Der Schatten Luthers lockte Bruno nach Wittenberg,

wo er zwei Jahre lang an der Universität den schweren deutschen

Köpfen vergeblich das Fliegen beizubringen suchte. Nur Hamlet, den

Dänenprinzen, soll er auf dem Gewissen gehabt haben.

Überall war er nur ein Fremdling, ein Vorübergehender, mehr in der

Luft als auf der Erde zu Hause. Einige reckten wohl die Köpfe nach ihm

in die Höhe, aber die meisten kümmerten sich so blutwenig um ihn, wie

die Bauern, die den Acker pflügen, um die Kraniche zu ihren Häupten.

Er hatte sein Vaterland und sein Volk verloren, und keiner um ihn

war da, der seine Sprache verstand. Ahasver, der ewige Jude, findet

überall doch die Seinigen, die er erkennt und die ihm von +Abraham+

her verwandt sind, aber Bruno fand in der Fremde und in seiner Zeit

keinen einzigen, der ihm ähnlich war. Wollte er sich unterhalten, so

mußte er nur große Tote, wie Luther und Kopernikus, aus ihren Gräbern

emporziehen und mit ihnen Dialoge führen.

Man will ihn oft in warmen Sommernächten auf den Stufen der

Schloßkirche zu Wittenberg, an die Luther seine Thesen anschlug,

weinend sitzen gesehen haben wie einstmals Alexander den Großen auf

dem Grabhügel des Achilles. Und wie jener diesen Heros um seinen

Sänger beneidet hatte, so beklagte sich Bruno bei der Nacht, daß ihm

ein Volk fehle, das seinen Ruhm wie den Luthers der Welt verkünde.

Zur evangelischen Landeskirche, zu der Luthers Religion geworden war,

überzutreten, daran hat er nicht eine Sekunde gedacht. Er hat das bis

heute vergessene Wort von der „Deformation“ gebildet und, wie nach ihm

Schiller, geglaubt, daß man, um religiös zu sein, nicht eine Religion

bekennen müsse.

Das Gefühl der Verlassenheit und dieses heimatlose Leben ins Leere

hinaus, das sein Kopf und sein Herz, die in ihm gleich stark waren,

führen mußten, hatten ihn schließlich nach Italien zurückgetrieben. Die

Sehnsucht nach dem Volk, das die Sprache redete, die er schrieb, lockte

ihn mit zauberhafter Macht über die Alpen. Wie das irrende Schiff,

das am Magnetberg zerschellt, zog es ihn, der im unendlichen Kosmos

herumtrieb, in die gefährliche Heimat zurück. „Wie dumm!“ pflegen die

klugen Leute hierbei zu sagen, aber die noch klügeren fügen hinzu: „Wie

traurig und wie notwendig!“

In der Heimat geriet er in das Netz der Inquisition. Er ward

festgenommen und lag nun sieben Jahre lang in Rom im Kerker, um seine

Lehren zu widerrufen. Aber wie konnte er widerrufen, was er doch wußte,

daß die Erde nicht die Welt sei und daß unendlich viele Sterne über uns

brennen, und der Boden, aus dem wir wachsen, nur ein winziges Teilchen

des Alls ist, und daß unsere Erde schon Milliarden Jahre vor Christi

Geburt gelebt hat! Seine einzige Sünde war die, daß seine beiden Augen

schon so weit sahen wie die Fernrohre Anno 1910 und so hielt er denn

in jener letzten Nacht vor seinem Tode, ohne ein Quentlein Reue zu

verspüren, noch einmal Zwiesprache mit den Sternen, die durch sein

Kerkerfenster schauten, und die er alle bei ihren Namen kannte wie die

Menschen ihre Kinder.

Als der letzte erloschen war, kam der Kerkermeister, löste ihn wie ein

Tier von seiner Kette, und Bruno wurde zum Scheiterhaufen geschleppt

und fand den Tod des Phönix, nach dem er sich in seinen schönen Liedern

gesehnt hatte. Seine Asche aber zerstäubte als eine Saat, die in

kommenden Jahrhunderten emporwuchs.

Denn genau dreihundert Jahre nach jenem Tage, da Bruno ohne ein

Wort des Widerrufs, ohne einen Laut des Schmerzes seinen Leib der

Flamme preisgab, stand auf dem nämlichen Platze in Rom eine gewaltige

Menschenmenge, das +junge+ Italien, und jubelte dem eben auf der

Stätte seines Scheiterhaufens enthüllten Denkmal Brunos zu. Der

Unterrichtsminister, ein dicker Herr im Frack, hielt eine glänzende

Lobesrede auf diesen +einzigen+ Philosophen Italiens. Die Sonne aber

wurde bei all dem Lärm neugierig, blickte durch die Februarwolken

hindurch und las die Inschrift auf dem Monument: „Dem Giordano Bruno

das von ihm vorausgeschaute Jahrhundert hier, wo der Scheiterhaufen

gebrannt hat“, sah sich die Menschen an, und verbarg sich weinend

wieder hinter dem Gewölk.

Zur Würdigung Molières

„Es gibt nur +ein+ Genie unter uns, Majestät; es ist Molière.“

Boileau zu Ludwig dem XIV.

Goethe hat sich zwei gleichgroße kritische Verdienste erworben: Er hat

die Augen seiner Mitwelt auf den damals wenig beachteten Rembrandt

gelenkt, und er hat die überragende Bedeutung Molières, dieses größten

Galliers, erkannt. „Ich kenne und liebe Molière seit meiner Jugend“,

hat er einmal zu Eckermann gesagt, „und habe während meines ganzen

Lebens von ihm gelernt. Es ist nicht bloß das vollendete künstlerische

Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das

liebenswürdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters. Ich

lese von Molière alle Jahre einige Stücke, so wie ich auch von Zeit

zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachte.

Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge

in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin

zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen“.

Man achte wohl auf dieses „wir kleinen Menschen“, mit welchem Gefühl

ein +Goethe+ vor dem Werke Molières stand, um die ganze Größe jenes

Künstlers zu erfassen. Diese ungeheure Anerkenntnis Goethes sollte

für immer alle Gegner und Kritiker Molières zum Schweigen bringen.

Freilich läßt sich gegen ihn wie gegen alles Menschliche mancherlei

sagen und einwenden, und von diesem billigen Vorteil hat man gerade

gegen Molière gerne Gebrauch gemacht, ja tut es, weil man ihn zumeist

schlecht dargestellt sieht, noch heute vielfach. So könnte man, wenn

man +einseitig+ genug wäre, dies zu wollen, gegen ihn sagen, daß

er seine Fabel nicht zu erfinden und nicht auszuführen weiß, das,

was Aristoteles doch als das erste Erfordernis für den dramatischen

Dichter bezeichnet. Oder man könnte, wenn man +einfältig+ genug wäre,

dies zu können, von ihm behaupten, daß seine Stoffe zu alltäglich,

zu platt und hausbacken wären, daß er sich nicht wie Shakespeare in

seinen Komödien über die tatsächliche Wirklichkeit erheben konnte, und

daß er nie aus seiner bürgerlichen Welt von Wucherern, Quacksalbern,

Kupplerinnen, Tölpeln und anderem Gelichter herausgekommen sei. Es

ist wahr, Shakespeare hat die Menschen viel überlegener angeschaut

und erreicht dadurch, daß er fast einem jeden seiner komischen

Charaktere seinen +tragischen Schatten+ mitgegeben hat, bei denen, die

Verständnis dafür haben, viel tiefere Wirkungen. Der Hintergrund, auf

den Molière seine Figuren stellt, ist lediglich der der menschlichen

Torheit oder der menschlichen Schwäche. Er macht sich über seine

Geschöpfe nur lustig und hat wohl, als er sie schuf, oft Tränen über

sie gelacht, aber nur selten Tränen um sie geweint. Man erinnere

sich nur, wie verschieden die beiden Dichter den +Dünkel+ behandelt

haben, der eine an der Figur des Malvolio, der andere an der des

Herrn Jourdain, des adeligen Bürgermannes, um sich die Malweise der

beiden klarzumachen. Nicht aber, als ob Molière seine Menschen nur

einseitig, +nur typisch+ behandelt hätte, wie superkluge Leute oft

heutzutage behaupten, als ob er seine Menschen auf einen Leisten

gezwängt hätte, dergestalt, daß der eine bei ihm nur geizig, der

andere nur eingebildet und ein dritter nur hypochondrisch gewesen

sei. Nichts ist verkehrter als dieses. Weil er seine Charaktere auf

einen Hauptgrundzug brachte, wußte er doch ebensogut schon wie wir,

wie vielgestaltig eines jeden Seele und Sinnesart ist. Wenn er einen

Geizhals, wie dies sich eben verhält, fortwährend nur von seinem

Gelde, d. h. +eigentlich+ von seiner +Armut+ reden läßt, so vergißt er

doch nicht, ihm eine Reihe ganz anderer Eigenschaften mit auf seinen

traurigen Weg zu geben, als da sind: Eitelkeit, Sinnlichkeit u. a. m.

Daß ein Hypochonder drei Viertel des Tages damit verbringt, sich den

Puls zu fühlen, zu den Ärzten zu laufen und über seine Verdauung zu

reden, ist eben eine Einseitigkeit dieses Menschen, nicht eine des

Künstlers, der aus ihm eine Komödie macht. Von diesem landläufigen

Vorwurf gegen Molière, daß er nur Typen, keine Menschen geschaffen

habe, sollte man diesen Dichter endlich einmal freisprechen und den

Mikrokosmus seiner Gestalten nicht immer durch sinnlose Vergleiche

mit Shakespeares Welt trüben. Man achte nur einmal auf die Kunst, mit

der Molière die Handlung von innen heraus bloß durch seine Menschen

treiben läßt, um zu begreifen, wie lebendig diese sind. Er braucht

seine Fabel oft kaum, er pfropft sie manchmal, weil sie nun einmal

nach Aristoteles’ und Freund Boileaus Ansicht nicht fehlen darf, dem

Schluß seiner Stücke auf, wie z. B. im „Tartüff“ oder im „Geizhals.“

Im übrigen läßt er seine Szenen ohne Zutat ganz einfach von seinen

Menschen aufwickeln und spielen, wie jene von Goethe meistgerühmte

im „~Malade imaginaire~“ zwischen dem Kranken und seiner kleinen

Tochter Louison, „in der mehr praktische Lehren für den Dramatiker

enthalten sind als in sämtlichen Theorien“, oder im „Geizhals“ die

Szene zwischen Harpagon und der Kupplerin. In der Weise, wie sich hier

seine Figuren enthüllen oder sich verstecken, um sich von neuem zu

offenbaren, und wie so das Drama lediglich von den Charakteren, die

sich aufdecken und bloßstellen, weitergetrieben wird, in diesem ist

Molière ein vollendeter Meister. Er vermag einen menschlichen Charakter

im Nu in vielerlei Facetten glänzen zu lassen, hin und her zu wenden

und von hundert Seiten zu zeigen. Namentlich für die kleinen Listen

und Verschlagenheiten des Menschen, für diese ganze +linke+ Seite

unserer Seele, hat er feine Ohren und tiefes Verständnis gehabt. Das

alte Schulwort: „Racine schildert die Menschen, wie sie sein sollten,

Molière schildert sie, wie sie sind“, hat dies treffend ausgedrückt.

Alle läßt er wie in der Natur von ihrem +Egoismus+ in Bewegung setzen,

mag der auf Orden und Titel und Ansehen oder auf Wohlbehagen und ein

Weibchen oder mag er schließlich auf Einsamkeitsverlangen, wie im

„~Misanthrope~“ gehen. Selbst seine Götter, Jupiter wie Merkurius im

„~Amphitryo~“, treibt nichts Heroisches, nein nur Allzumenschliches

auf die Erde. Und dabei -- das trägt ihn über alle Zeiten fort --

moralisiert Molière niemals, es sei denn, daß er durch einen dritten,

den „~raisoneur~“ des französischen Theaters, seinen „Helden“ einmal

die Wahrheit sagen läßt. Sonst hat er die Menschen viel zu lieb, um

sie selber ausschelten zu können: selbst den scheinheiligen Tartüff,

den er von allen Kreaturen Gottes wohl am meisten gehaßt hat, mag er

zum Schluß nicht beschimpfen. „Es muß auch solche Käuze geben“, mit

dieser Weisheit, mit der der harmlose Spießbürger seine ungewöhnlichen

Mitmenschen erträgt, entläßt er die Geschöpfe, die er geschaffen. Ihn,

den Gallier, quälte die Menagerie von Menschen, die er wachgerufen,

mit ihren „Tiergesichtern“ noch nicht wie den Germanen Henrik Ibsen.

Er lachte nur über die komischen Gesellen, Männlein und Weiblein, die

er einfach nach dem Leben abgezeichnet hatte, ohne eine Karikatur aus

ihnen zu machen. Darum war und ist es so ungeheuer schwer, Molière

darzustellen, weil die meisten Schauspieler sich selten damit genug tun

können, „die Bescheidenheit der Natur“, wie Molière sie wiedergibt,

vorzuführen, sondern gerne der lieben Wirkung halber etwas hinzufügen.

Dann kommen Kotzebuesche Kerle und Benedixsche Frauenzimmer, kurzum

Theater, aber keine Menschen von Fleisch und Blut, mit Tugenden und

Lastern zum Vorschein. Vor solchen Fratzen muß dann der Gebildete

zum Buch flüchten, um Molière wieder verstehen und lieben zu können.

Und je mehr man sich mit ihm beschäftigt, um so größer wird er uns.

Kein Künstler hat, ohne sich wie unsere Naturalisten in Kleinigkeiten

und Nebensächlichkeiten zu verlieren, die Menschheit so trefflich

nachgeahmt wie er, mag immer auch der Humor, mit dem er dies tut,

nur von +dieser+ Welt sein. Es gibt ganz wenig Szenen bei ihm, wo

sein Humor etwas von +jener+ Welt hat, von dem Dämonischen, das, uns

unbewußt, uns regiert und unsere Taten tun läßt. Ich denke dabei vor

allem an die einzige Szene im „Geizhalse“, eine Szene, die sich neben

den stärksten Shakespeares sehen lassen kann: Es ist die, wo der

Geizhals nach dem Diebstahl seiner Kassette auf die Bühne stürzt, wie

ein Wahnsinniger nach dem Diebe schreiend, bis er schließlich -- eines

der tiefsten Symbole auf der Bühne! -- sich selbst am Ärmel und am

Kragen packt, als habe er sich selbst bestohlen. Der Dichter verwischt

hier mit Absicht die Grenze zwischen Spiel und Leben, er überspringt

die Rampe und läßt den Geizhals auf der sinnlosen Jagd nach seinem

Gelde ins Publikum hineinreden. Oder man denke an den Schlußakt des oft

zu gering geschätzten „bürgerlichen Edelmanns“ mit seinem grotesken

Größenwahnsinn in der türkischen Maskerade!

Moralisiert auch Molière niemals, so spricht doch eine

+Lieblingstendenz+ von ihm aus vielen seiner Werke, es ist die Neigung

zur Natürlichkeit, die Hochschätzung der Natur wider alles Gekünstelte,

Unnatürliche und Verlogene. So führt er in den „Gezierten“ und in den

„Gelehrten Frauen“ Kampf gegen das affektierte Wesen der Frauen und

läßt die Natürlichkeit, die Naivität triumphieren. So bekriegt er im

„Arzt wider Willen“, und erbitterter im „Eingebildeten Kranken“ -- man

sieht übrigens, wie gerne er ein Thema variiert! -- die Kurpfuscherei

und preist die Naturheilmethode. So gibt er im „~Misanthrope~“, einem

kleinen Volksliedchen, den Preis über fast alle Sonette und Madrigale,

die seine Zeit hervorgebracht hat.

Dieser Abscheu vor aller Unnatur und diese Lobpreisung alles Echten

und Ungemachten kam aus dem großen Herzen dieses Menschen, dem

„hochgebildeten Innern“, wie Goethe sagte, dieses Künstlers, der gleich

unserm Lessing ein reines Herz und eine seltene Vornehmheit besaß.

Der angesichts des Todes seiner Frau, die ihn betrogen hatte, weinend

verzieh mit den wehmütigen Worten: „Du hast nichts dafür gekonnt“,

der als Theaterdirektor todkrank sich nicht schonen wollte, um seine

Arbeiter nicht brotlos zu machen, und der auf der Bühne gestorben ist,

nachdem er seine Rolle unter dem Jubel des nichtsahnenden Publikums bis

zu Ende gespielt hatte.

Emile Zola

Es war im Dezember des Jahres 1861, als ein junger Mensch von

einundzwanzig Jahren, bei dessen späterem plötzlichen Tode die +ganze

gebildete+ Welt Trauer anlegte, Emile Zola, spät abends im Dunkel

die achtzehn Stiegen seiner Behausung im Quartier Latin zu Paris

herunterkroch. Er trug über seinem Hemd als einziges Bekleidungsstück

einen ehemals schwarzen, jetzt rostig-grünen Überzieher und an

den bloßen Füßen ein Paar zwölfmal geflickter, mit Bindfaden

zusammengehaltener Filzpantoffeln. Er blinzelte scheu und erschrocken

mit den Augen, als die Gaslaternen ihn und seine traurige Gestalt in

der schäbigen Schale betrachteten, schlug, zitternd am ganzen Leibe,

den Kragen in die Höhe und bog dann schnell in eine der finsteren

Seitengassen hinein, die ihn und sein Elend verbarg.

Er rannte mehr, als er ging, um nicht zu sehr zu frieren, die hohen

Häuser entlang bis zur Seine herunter, die in Nebel und Nacht gehüllt

schläfrig mitten durch Paris floß. Dort am Fluß lag eine Bäckerei in

einem feuchten Souterrain, wo es noch drei altbackene Brötchen für

einen Sou gab.

Der junge Zola konnte vor Zähneklappern nicht sprechen, er schob nur

ängstlich das Geldstück, das ihm in der Hand heiß geworden war, durchs

Gitter, nahm sein Brot und rannte spornstreichs an den hohen, düsteren

Häusern vorüber zurück. Er hatte seit drei Tagen nichts mehr zu kauen

gehabt. +Doch+, vorgestern war es ihm gelungen, unter einem alten,

dicken Schmöker, den er listig in der Dachtraufe als Falle aufgestellt

hatte, einen Spatzen zu fangen. Den hatte er an einer Gardinenstange

über einem bißchen Holz, das er aus dem Fußboden gebrochen hatte,

geröstet. Aber das arme Tier war so klein gewesen, daß er nach drei

Stunden wieder hungriger wurde als zuvor. So verschlang er denn das

eine Brötchen schon bei dem Aufstieg zu seiner himmelhohen Wohnung.

Oben in der Dachkammer, wo er hauste, lag seine Freundin, die nach

Pariser Frauenart Leid und Lust mit ihm teilte, im Bett und lachte ihn

an, als er mit seinen Brötchen hereintrat. Hier unter dem Dach war es

fast noch kälter als draußen am Fluß. Der Wind heulte ganze Symphonien

über Paris.

Außer dem Bett und einem Ofen, der aber kälter war als Grönland,

stand einem nichts in der kahlen Kammer im Wege. Nur in einer Ecke

lag noch ein alter Seehundskoffer, der auch Tisch sein konnte und

mußte, wenn man ihn in die Höhe stellte. Dieser Koffer aber war das

Allerheiligste in dem ganzen nackten Raume. Denn in ihm verwahrte der

junge Zola seine größten Schätze, mächtige Manuskriptbogen, auf denen

lange Verse geschrieben standen, die sich am Schlusse reimen mußten.

Mit diesen Reimen, die das Los und das Leben der Menschen besangen,

+Menschheitsphantasien+ waren, hatte der Jüngling dermaleinst gehofft,

Paris und die Welt zu erobern, als er noch als Gymnasiast in der

Provence mit gleichgestimmten Freunden die blauen Tage verschwärmt

hatte.

Nach und nach war die Enttäuschung über ihn gekommen. Der Tod seines

Vaters und die völlige Verarmung seiner Mutter trieben ihn aus dem

sonnigen Südfrankreich mitten im Winter in das düstere Paris, wo es

magere Stipendien und noch magerere Freitische gab. Jäh rüttelte ihn

dann das Leben aus dem Traum der Jugend auf: Er fiel zweimal kurz

hintereinander durch das Examen. Die paar Bekannten seiner Mutter,

die ihm bis dahin geholfen hatten, gaben ihn damit auf. Und nun trieb

der junge Zola wie ein Schiffbrüchiger mit seinem Seehundskoffer

und den langen, schon etwas vergilbten Versen seiner Jugend in das

Zigeunerleben der Großstadt hinein.

Ganz langsam gingen ihm die Kinderaugen auf und fielen die Träume um

ihn herunter ab, wie die faul gewordenen Tapeten in seiner Dachkammer.

Und wie er an jenem Abend sich in der kahlen, feuchten Stube wie im

Sarge seiner Jugend umblickte, wurde ihm mit einem Male klar, daß die

Millionen von Menschen in der Stadt unter ihm, von deren Edelsinn und

Nächstenliebe er geträumt hatte, lauter Egoisten waren, und daß die

Gesellschaft sich um den einzelnen nicht kümmert, sondern ihn einfach

verbraucht, und daß unsere Zeit keine Besonderheiten duldet, und daß

die Liebe, dieses überschwengliche Wort, diese höchste Erwartung aller

jungen Seelen, schließlich nichts weiter bedeutet als zwei Menschen,

die Appetit aufeinander haben und voneinander lassen, wenn sie einander

satt bekommen haben.

So wurde aus dem jungen Zola, der im Mondschein Reime schmiedete,

unter seinem Kopfkissen Hugos Gedichte hatte, mit seiner Liebsten

Veilchen pflückte und mit offenen Augen träumte und durchs Leben

nachtwandelte, der +Mann+ Zola, der Verfasser von „Germinal“, der

Freund Flauberts, der Hausbesitzer und reiche Schriftsteller, der das

Aussehen eines Bankbeamten hatte, der erklärte, daß ein Dichter ein

+Arbeiter+ sei wie alle anderen, der nicht mehr betete, weil er zu oft

vergeblich gebetet hatte, der statt an Gott nur mehr an Hunger und an

Liebe glaubte, der Reklame für sich machte und machen ließ, und Romane

in Lieferungen schrieb, der im Winter mitten unter reichgewordenen

Spießbürgern wohnte, der alle Phrasen haßte und alle Dinge bei ihrem

Namen nannte, der den Maschinen ihre Seele ablauschte, der den

Naturalismus für die einzig mögliche Kunstform erklärte, und der an

Kohlengas gestorben ist.

So wurde der Künstler Emile Zola, der das große Epos der Bürgerfamilien

Rougon-Macquart schrieb und mit Riesenlettern sein „~J’accuse~“ an den

Himmel des alten Frankreich unter Napoleon III. hinschrieb, das Anno

1870 an den Folgen der Ausschweifung und des Leichtsinns zusammenbrach

und einen jämmerlichen Tod wie Nana starb. Mit dem sinnlichen

Temperament eines Rubens und dem sittlichen Ernst des Tacitus malte

er die traurige Geschichte und Zeit jenes schwächlichen Monarchen in

überlebensgroßen Bildern ab. Keine verfallende Zeit hat einen größeren

Schilderer und Richter gefunden. Wer diesen Dichter aber, wie dies

einst geschah und heute noch oft geschieht, einen Mann ohne Scham und

Anstand nennt, der begeht damit ein Majestätsverbrechen an der Würde

der Menschheit, die in Zolas Hand nicht weniger sicher als in der

Schillers gelegen hat. Unerbittlich wie Minos in der Unterwelt hat er

alle jene kranken und faulen Seelen, die aus dem Sumpf des zweiten

Kaiserreichs heraufgewachsen waren, in den Tartarus zurückgeschleudert.

Es gibt selten etwas Größeres und Gräßlicheres in der Kunst, als die

Bilder, die Zola von dem Untergange jenes Frankreichs entworfen hat.

Seit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ war kaum Ähnliches da, und

keiner außer Zola hat uns Lebende so über den Totenstrom gefahren, der

zwischen uns und unsern Ahnen flutet.

Aber damit nicht müde, so wenig wie Herkules, da er den Stall des

Augias gereinigt hatte, begann Zola in seinen letzten Jahren an Stelle

des weggefegten Schutts die Fundamente zu einer neuen Zeit zu legen.

Schon die große Romanreihe der Geschichte der „Rougon-Macquart“ klingt

aus mit einem weichen Akkord, schließt mit jenem wundervollen Bilde von

dem kleinen Kinde, dem einzigen, ersten, gesunden Sprossen aus jener

Generation von Säufern und Wüstlingen, das mit seinen Händchen nach

der Sonne und den Sternen greift. Und der Sechzigjährige begann seine

+vier+ Evangelien zu schreiben, die er, der sich in seinen Romanen

„Lourdes“ und „Rome“ als der erbittertste Gegner der herrschenden

Kirche erklärt hatte, als moderne lebensfrohe Ideale aufstellte.

Sie heißen: Fruchtbarkeit, Arbeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. In

ihnen bricht sein starker Optimismus triumphierend durch. Über alle

Hemmnisse preist er den Sieg des Lebens, hofft er auf den friedlichen

Fortschritt der Wissenschaft und der Menschheit, die sich schon ihren

Planeten unterworfen hat und Raum und Zeit täglich mehr überwindet.

Er war der erste, der uns lehrte, daß man beim Dahinsausen eines

Zuges durch die Nacht ebenso vor Bewunderung erzittern kann, wie beim

Eintritt in einen Tempel, und er fand für das Gefühl: „Nichts ist

gewaltiger als der Mensch“, neue herrliche Worte.

Da riß ihn mitten aus der Arbeit an seinem Roman „Arbeit“ der jähe

schreckliche Tod hinweg. Man darf wohl sagen, daß der Verlust dieses

Mannes für Frankreich kein geringerer war, als der der Schlacht von

Sedan. Denn das große Reformationswerk, das Zola begonnen hatte, war

noch unvollendet, und es steht dahin, ob ein gleich starker und mutiger

Genius es jenseits des Rheines wieder aufnehmen wird. Darum kann

Frankreich das Andenken dieses gewaltigen Künstlers und Reformators

nicht genug ehren, und wenn es selbst seine Leiche statt in das

Pantheon neben die Gebeine +Napoleons des Ersten+ bringen würde.

Graf Gobineau

Schattenbilder · 第 15 / 21 段