Nicht des Künstlers Michelangelo soll hier gedacht werden, des Malers,

der die Decke der Sixtinischen Kapelle mit seinen Gedanken erfüllte,

die so groß sind, daß wir Menschen von heute uns darunter fürchten

und frieren, des Bildhauers, der aus einem riesigen Marmorblock,

den seine Zeitgenossen zerteilen wollten, in wenigen Wochen die

Kolossalstatue des David herausschlug, der den zürnenden Moses schuf

und die trauernde Mutter Gottes, die stumm vor Schmerz den toten Sohn

in ihrem Schoße hält, und der die Bilder der Nacht und der Morgenröte

aus ihrem steinernen Schlummer erweckte, auch nicht des Baumeisters,

der die letzten welken Jahre seines neunzigjährigen Lebens der Baukunst

und der Gelehrsamkeit weihte und die Kuppel zur Peterskirche in Rom

wölbte, die der Wanderer stundenweit über die ganze Campagna leuchten

sieht. Nein, wir wollen uns hier den unglücklichen einsamen Menschen

vergegenwärtigen, der hinter diesen Werken gestanden, gelebt und

gelitten hat, den Sterblichen, der den Strom des Göttlichen durch sich

rauschen hörte und mit seinen Händen den rohen Stoff, Marmor oder

Farbe, zu etwas Geistigem machte, der über sich selber hinausschuf

und so zugrunde ging. Und diesen, den Menschen Michelangelo, muß man

in seinen Gedichten suchen. Denn in ihnen hat er sich gegeben und

verraten, wie er war, er, der seine eigene Seele sonst nur im Stein

sich ausweinen oder im Bilde aufschreien lassen konnte. Einsam wie

Beethoven, ungesellig wie Timon von Athen, flüchtete er sich, wenn ihn

die Wüste des Alleinseins verschlingen wollte, in Verse hinein, sprach

und reimte er sich wie Friedrich der Große etwas vor, um nicht an der

Überfülle des eigenen Herzens ersticken zu müssen. Während Lionardo da

Vinci wie ein Grandseigneur von Hof zu Hof zog, Raffael alle Welt durch

seine Liebenswürdigkeit entzückte und Tizian mit Kaisern zu Tische

saß und von Venedigs Frauen bis an sein Ende umschwärmt wurde, hauste

Michelangelo wie ein Zyklop, wie Polyphem in seiner Höhle, tagelang nur

von einem alten Weib oder einem Tölpel von Bedienten, der ihm das Bett

machte, aufwusch und kochte, umgeben. Wie Beethoven seine Taubheit, so

machte ihn seine Häßlichkeit menschenscheu: Als Jüngling hatte ihm, als

er im Atelier von Ghirlandajo in Florenz studierte, ein Mitschüler,

den er durch irgendein hartes Urteil verletzt hatte, mit einem Stück

Marmor die Nase zerschmettert. Das brachte einen Zug sklavenhafter,

„malaiischer“ Häßlichkeit in sein Gesicht und trieb ihn immer wie

einen Geächteten aus dem Kreise der Menschen, die einen geselligen

Tauschhandel trieben, fort.

Ob es ihn frauenfeindlich gemacht hat, wie man oft behaupten hört, man

glaubt es nicht, wenn man in seinen Sonetten liest. Ein Mensch, der die

Nacht in ihrer herrlichen Nacktheit geformt hat, kann nicht blind für

Frauen gewesen sein. Eins seiner Sonette, das die Gewandung einer Frau

beschreibt, beginnt:

„Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken

Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt;

Es darf die Blume, die am tiefsten hängt,

Den ersten Kuß auf deine Stirne drücken.“

und schließt mit den +männlichen+ Versen:

„Doch größre Lust noch dieses Band genießt

Mit goldner Spitze, das am Mieder preßt

Die holde Brust, dir darf am Busen ruhen.

Der Gürtel schön verknüpft, der dich umschließt,

Mich dünkt, er spricht: Hier halt’ ich ewig fest!

Was würden da erst +meine Arme tuen+?“

+Eine+ Frau hat jedenfalls seinem Leben, als es schon zur Neige ging,

noch einen eigentümlichen Glanz verliehen, das war die Gräfin Vittoria

Colonna, eine Frau aus einem der adeligsten Geschlechter Roms. Das

Freundschaftsverhältnis, das ihn mit dieser klugen Frau verband, die

selbst Dichterin war, und deren Naturell aufs engste mit Kunst verwandt

gewesen sein muß, war für die damalige Zeit etwas äußerst Seltenes.

Wie in allem war auch hier Michelangelo wieder ganz anders als seine

leichtlebigen Zeitgenossen. Seine meisten und seine schönsten Sonette

hat er ihr gewidmet, wie jenes wundervolle Liebeslied, das er ihr mit

einem weißen Blatt übersandte:

„Bald rechts, bald links such’ ich zum Heil die Wege,

Stets mit den Füßen wankend,

Und hin und wieder schwankend,

Ob Tugend ich erwähle oder Sünde;

So irrt auf jedem Stege,

Wer nicht den Himmel sieht, und stürzt in Schlünde.

Daß ich den Ausweg finde,

Daß nicht des Irrtums Beute

Mein freier Geist bei meinem letzten Schritte;

Daß ich nicht ganz erblinde:

Drum, teure Herrin, breite

Dies weiße Blatt ich vor dich hin und bitte:

Den Weg zeig’ meinem Tritte

Mit heil’ger Feder, du! Sag’, sind die Reinen

Gott lieber als die Sünder, die da weinen?“

Mit welch schöner überirdischen Liebe muß er an dieser seltenen Frau

gehangen haben, daß er die Beantwortung dieser Frage von ihr erbat.

Sie war die einzige, mit der er sprechen und, was noch viel mehr

bedeutet, mit der er schweigen konnte. Er, der sonst nie begriff, wie

ein Künstler, der mitten in seinen Arbeiten stecke, Zeit und Gedanken

hernehmen könne, um den Leuten die Langeweile zu vertreiben, wurde Auge

in Auge mit ihr zum Plauderer, der über seine Kunst und seine Natur

sprechen konnte. Ordentlich galant, maßlos galant wie ein Bär oder ein

Riese wurde er vor ihr. Er hatte ihr einmal einige Bilder geschenkt,

für die sie ihm mit ein paar Gedichten dankte, worauf er ihr gleich ein

Sonett zurücksandte, das mit den Worten schließt:

„Ach! Welch ein Wucher, schenk’ ich, schlau wie Diebe

Dir schlechte Bilder, daß ich dann empfange

Gestalten von dir, wahr und schön, als Spende.“

„~Turpissime pitture~“, „ganz jämmerliche Malereien“, heißt es im

Original. Denn auch dies war eine Charaktereigenschaft bei ihm, daß

er niemals mit dem, was er geschaffen hatte, zufrieden war, daß er

sich nie genug tat und immer hinter dem, was er wollte, mit seinem

Vollenden zurückblieb. Und doch muß -- er hätte sonst das Leben nicht

ertragen können! -- muß er, wie Shakespeare, der Schöpfer des „Lear“,

goldene Momente in seinem Leben gehabt haben, wo er fühlte, daß etwas

Übermenschliches ihn durchrieselte, wo er das Rauschen von Flügeln, wie

Heine es beschreibt, über seinem Haupt gehört hat und wußte, daß sein

Name noch nach Jahrhunderten über Italien erklingen würde.

In seinen Gedichten freilich findet sich keine Zeile, die von diesem

Glücks- und Größegefühl spricht. Außer Gelegenheitsgedichten, Sonetten

oder Madrigalen, die er zum Dank für geschenkte Früchte, für Käse

oder Wein seinen Freunden verehrte, ist es immer nur das dunkle Echo

seiner Leiden und seiner Sünden, das er in seinen Liedern wachruft.

Stets quälte er sich selbst oder litt als echter frommer Katholik an

schlechtem und schwachem Gewissen.

„Von Kindheit an ward mir das Los gegeben,

In trüber Dämmrung traurig hinzuleben.“

sang er von sich oder:

„Blind ist die Welt und nur Verrätern treu,

Ich aber, Haß und Ehre gleich verachtend,

Geh’ still und einsam weiter meine Wege.“

„Seinen eigenen Feind“ hat er sich einmal in einer Strophe genannt.

Auch an der Zeit, in die sein Leben gestellt war, hat er schwer

getragen. Im Mannesalter war es vor allem der Verlust der

republikanischen Freiheit für seine Vaterstadt Florenz, an der er

zärtlich wie an seiner Familie hing, der ihm ins Herz schnitt und ihn

vom Arno fort nach Rom ins Exil trieb, bis er als Leiche im verhüllten

Sarg in einer Frühlingsnacht wieder heimkehrte. Er hatte selbst die

Befestigungsarbeiten geleitet, als Florenz belagert wurde, war aber

dann im Augenblick der Entscheidung, von einer plötzlichen Furcht und

Ahnung befallen, +geflohen+ -- wieder ein Zeichen für den Widerstreit

des Willens, der diesen gequälten Geist hin und her trieb. Später erst,

als er die „Nacht“ in Florenz in der Gruftkirche der Mediceer schuf,

senkte er seinen ganzen Schmerz über die verlorene Freiheit in diesen

Marmor hinein, den er selbst dies Klaglied singen läßt:

„Lieb ist der Schlaf mir und mein steinern Leben,

Solange Schmach und Schande bei uns weilen:

Nichts sehn, nichts hören ist mein ganz Begehren.

Drum wecke mich nicht auf! Geh! Sprich nur leise.“

Es ist keinem, auch Hermann Grimm nicht, seinem besten Biographen unter

uns, gelungen, die Wucht und Trauer dieser Verse in deutsche Reime

zu fassen. Später, als er alt geworden, litt er vor allem unter der

kunstfeindlichen Strömung am päpstlichen Hofe in Rom. Eingeschüchtert

durch die Fortschritte der Reformation in Deutschland, begann man die

Kirche immer mehr zu entweltlichen, und Michelangelo mußte es erleben,

daß Papst Paul IV. die nackten Figuren, die er im Jüngsten Gericht an

die Wand der Sixtina hingemalt hatte, von Stümperhänden mit Kleidern

bemalen ließ.

Neunzig Jahre war Michelangelo alt, als er starb. Ein Freund aus

Florenz fand den alten Mann, den „Greisen, der fast am andern Ufer

angekommen“, kurz vor seinem Tode im strömenden Regen allein auf der

Straße. Wie ein Gespenst lief er, der nicht mehr arbeiten konnte, unter

den Menschen umher. „Nun muß ich sterben,“ sagte er herzergreifend, „da

ich eben anfange, die ersten Laute in meiner Kunst stammeln zu können!“

Drei Tage darauf fand er die Ruhe, nach der er sich so lange gesehnt

hatte. In der Kirche Santa Croce in Florenz wurde er bestattet, unweit

des Friedhofes, +dessen Tote+ er einstmals in dem herrlichen „Lied von

der Vergänglichkeit“, das in Hugo Wolfs Seele zu Musik geworden ist, so

besungen hat:

„Alles endet, was entstehet.

Alles, alles rings vergehet.

Denn die Zeit flieht;

Und die Sonne sieht,

Daß alles rings vergehet:

Denken, Reden, Schmerz und Wonne.

Und die wir zu Enkeln hatten

Schwanden wie bei Tag die Schatten

Wie ein Dunst im Windeshauch.

Menschen waren wir ja auch,

Froh und traurig, so wie ihr,

Und nun sind wir leblos hier,

Sind nur Erde, wie ihr sehet.

Alles endet, was entstehet,

Alles, alles rings vergehet.“

Boccaccio

Dieses ist der Bericht, den der Augustinermönch und Professor der

Theologie Martino da Signa zu Florenz über das Leben und Schreiben

des hochberühmten Giovanni Boccaccio seinem Bruder in Christo dem

Kartäusermönch Ciani zu Siena übersandt hat:

„Du verlangst von mir, mein viellieber Bruder im Herrn, daß ich dir und

der Nachwelt eine Beschreibung von dem weltlichen Dasein unsers für und

für verehrten Meisters Boccaccio geben soll, ähnlich derjenigen, die

er selber von dem größten Sohne unserer Stadt Fiorenza, dem göttlichen

Dante, aufgezeichnet hat, an der sich die kommenden ~saecula~ nicht

minder als wir erfreuen werden. Denn, so schreibst du mit Recht, die

Züge eines großen Mannes im Bilde zu erhalten, ist selber etwas Großes,

und solche Beschäftigung ist ein adliges Tun. Aber wie vermöchte ich

die Feder so leicht und gewandt zu führen, das Wesen dieses Dichters

zu schildern, der zart wie eine Mücke über unsere Zeit hinflog und

ihr das Blut aussaugte, um es kommenden Geschlechtern zuzubringen.

Niemals würde es mir gelingen, ein würdiges Abbild seines Lebens, wie

es heute vor uns liegt, aufzuzeichnen, wie solches jenen Heiden vor

Christo, einem Plutarch oder Polybius wohl geglückt ist, die weniger

fromm, aber auch weniger einfältig als wir gewesen sind, und die unser

Meister Boccaccio darum so über alles geschätzt hat. Versuche darum

nicht, mich zu einem Werk, das ich nicht leisten könnte, anzustacheln,

auf daß ich nicht vor den späteren Zeiten dastehe wie Petrus, da

er über den See von Genezareth gehen wollte, darinnen er beinahe

versoffen wäre. Sondern vernimm aus diesem Schreiben nur das Wenige und

Einfältigliche, das ich für deine Ohren allein von dem irdischen Dasein

des Messer Boccaccio zu sagen weiß, vielleicht, daß du selber aus

diesem Hanf, den ich dir reiche, Seide spinnen und eine wirkliche wahre

Lebensbeschreibung des großen Mannes entwerfen könntest.

Geboren ward unser Meister im Jahre des Heils 1313, zu einer Zeit

also, da der König der Deutschen, Heinrich der VII., zum letztenmal

versuchte, unser von den schwäbischen Kaisern, den Hohenstaufen,

verwüstetes schönes Land unter Germanien zu bringen, und da der Herr

der Christenheit, der selige Papst Clemens V., die Residenz St. Peters

nach Avignon verlegte und damit die babylonische Gefangenschaft der

Kirche begann. Wie sich um die Ehre, einen Homer der Welt geschenkt zu

haben, sieben Städte in Griechenland wie Kinder um eine Brezel gezankt

haben sollen, wissen bei Boccaccio die drei Städte Paris, Florenz und

Certaldo im Gebiet von Siena nicht genau, in welcher von ihnen der

Meister zuerst seine Augen aufgeschlagen hat. Ich weiß es auch nicht

und hinterlasse die Entscheidung darüber als ein rechtes Fressen den

gelehrten Männern, die nach mir kommen und die die Kirchenbücher und

Archive danach durchstöbern mögen, bis sie geschliffene Gläser vor

den Augen tragen müssen. Tatsache ist, daß er einmal irgendwo geboren

worden ist, und daß er darum eine Mutter gehabt haben muß, wenngleich

keiner sie kennt und er selbst sie nicht mehr kannte. Ob sie, mag sie

nun eine hübsche Pariserin oder eine kluge Florentinerin gewesen sein,

von Lorbeeren geträumt hat, da sie mit ihm schwanger ging, gleich der

Mutter Dantes, das vermöchte nur ihr Beichtvater zu sagen. Und der ist

lange tot wie sie. Einige Feinde unseres Meisters, sonderlich die, die

sich ihr Gewissen an den anzüglichen Stellen in seinen Schriften wund

und blau stoßen, meinen zwar, seine Mutter habe geträumt, sie läge

unter einem Eichenbaum auf einer grünen Wiese neben einer klaren Quelle

und habe dort einen Sohn geboren. Der habe sich eine Weile von den

Eicheln genährt, die vom Baume herniederfielen, und sich plötzlich, so

schien es ihr, in ein Schwein verwandelt. Das Tier sei dann grunzend

in den Quell gestiegen und habe mit seinem Rüssel die Erde aufgewühlt,

also daß ein Morast aus der Quelle geworden sei, der die ganze Wiese

überschwemmt hätte. Alles dies deuten sie sinngemäß auf Boccaccio,

einzig aus Wut darüber, daß er einen sittenlosen Mönch einen Schelmen

heißt und eine nichtsnutzige Frauensperson ein Nickel. Wie es aber in

Wahrheit um seine Frömmigkeit bestellt war, das weißt du, Bruder, der

du ihm oft die Beichte abgenommen hast, besser als alle die, die Dreck

am Stecken haben und damit nach ihm schlagen, nun er sich nicht mehr

wehren und ihnen eine Nase drehen kann, über die noch in sechshundert

Jahren die Menschen lachen würden.

Mit seinem Vater muß unser junger Boccaccio nicht gut gestanden haben,

denn wo er seiner erwähnt, da geschieht es mit den Worten wie ‚ein

fühlloser trübsinniger Greis‘ oder ‚ein roher, stets nur auf Gewinn

bedachter Geizhals‘. Ausdrücke, über die man als unehrwürdige und

unkindliche wahrlich mit ihm gram sein müsse, wenn anders man nicht

bedächte, wie ein junger lebensfrischer Mensch, der Horaz und Ovid

seine Kameraden nennen durfte, einen alten mürrischen Filz lieben

sollte, der ihn über sechs Jahre lang zwang, kaufmännische Rechenkunst

zu treiben, einzig aus dem Grunde, weil er sein Vater war. Und

obgleich ein jeder Mensch dem jungen Boccaccio an den Augen ansah,

daß er hinter dem Zahltisch Verse machte und abends im Bett Dante

las, statt Zinseszinsen auszurechnen, so ruhte doch dieser sein nur

auf das Geld erpichter Vater nicht damit, aus dem Sohn ein goldenes

Kalb machen zu wollen. ‚Wenn du mehr zum Gelehrten taugst als zum

Kommercemachen,‘ sagte er zum Sohn, als der von seinem Lehrmeister ihm

als zu dumm zum Kaufmann wieder zugeschickt worden war, ‚so sollst du

mir das Rechtsstudium ergreifen und die päpstlichen Gesetzsammlungen,

das heilige kanonische Recht, statt deines gottvermaledeiten Dante

auswendig lernen. Denn der Mensch ist auf der Welt da, um Gold zu

machen, wie die Henne, um Eier auszubrüten. Und wer nicht das Vermögen

seines Vaters zum mindesten verdoppelt, der ist ein Lumpenhund, ein

Tagedieb, ein Schmarotzer, ein Taugegarnichts gewesen.‘

Mit diesen Zärtlichkeiten jagte der Alte unsern göttlichen Dichter in

sechs weitere Sklavenjahre hinein, in denen Boccaccio sich vergeblich

bemühte, die ~dicta Gratiani~ und die Dekretalen Gregors IX. in sein

Gehirn unterzustopfen, das die Poesien aller Zeiten und Völker bereits

in sich hereingeschmuggelt hatte. So daß er seit jenen Jahren einen

wahren Haß gegen alles Juristische in sich verspürte, und wenn er eines

Advokaten oder Notars ansichtig wurde, zu zittern begann, gleichwie ein

Pferd, das von ferne ein Kamel herankommen sieht.

Kein Wunder war es demnach fast, daß unser Dichter, der von seinem

Vater, wenn es eben anging, so weit weg lebte, wie Neapel von Florenz

liegt, nicht mehr als fünf Tränen herausdrücken konnte, als ihm ein

Bote die Nachricht brachte, daß dieser Vater an der Pest dahingegangen

sei. Denn nun konnte er die Rechtsgelahrtheit mit gutem Gewissen

denen überlassen, die besser damit fertig wurden als er. Er fuhr --

es verdreußt mich, dieses von ihm zu vermelden -- mit einer gewissen

stillen Heiterkeit nach Florenz zurück und summte bisweilen Liedchen

vor sich hin, die zu seiner schwarzen Trauerkleidung paßten wie eine

Gitarre in eine Kirche. Und doch, wer von uns sündhaften Menschen hätte

ihm darob lange böse sein können! Denn siehe, das Leben lag nun vor ihm

so lustig und frei wie der dritte Tag des Dekameron: Er konnte jetzt

dichten und singen von früh bis spät und selbst in der Nacht aufstehen

und aus einem falschen Reim einen guten machen, denn am nächsten Tage

hatte er ja nichts anderes, +schlechteres+ zu tun. Er konnte ein Haus

führen und einen Schmerbauch tragen -- er nannte sich selber damals

vor dem Spiegel ‚ein kleines Faß‘. Er konnte im Sommer in Certaldo

Blumen zum Kranze und Worte zu Gedichten winden. Er konnte seinen

Freund und Meister Petrarka zu sich laden, so oft er wollte und jener

es ihm gewährte, und konnte mit ihm wochenlang über die großen Sänger

und Männer des Altertums disputieren, eine Beschäftigung, die sie

etwas vermessentlich ‚+Humanismus+‘ tauften, nicht anders als ob die

Christenmenschen seither bis auf sie im Zustand der wilden Säue gelebt

hätten!

Sein Glück vollkommen zu machen, war unser Boccaccio +nicht+

verheiratet, denn die Liebe seiner Fiammetta war nur ein Flämmchen

und kein Kochofen geworden. Und wie sein Freund und Meister Petrarka

die herrliche Laura nur wenige Male gesehen hatte, um sie dann

unaufhörlich besingen zu können, so erging es auch unserm Dichter

mit seiner Fiammetta, welche bekanntlich als Tochter König Roberts

von Neapel ein Kind der Liebe war, was einige ja auch von unserm

Boccaccio selber behaupten. Feststeht, daß Fiammetta schon verheiratet

und Mutter war, als der Dichter am Ostersonnabend des Jahres 1338 in

der San Lorenzokirche bei der Frühmesse zum ersten Male die schöne

Neapolitanerin in grünem Kleide erblickte.

So sehr aber trug unser Poet ihr Bild in seinem Herzen, daß er erst,

als viele Jahre hinter diesem Blick lagen, noch einmal sein Herz an

ein Weibsbild, eine schöne und reiche Witwe zu Florenz, verlor. Diese

aber, die drei andere Männer im Sinne hatte, sah nicht das Feuer des

Prometheus in seinen Augen, sondern nur den Gran-Sasso seines Bauches,

und wies seine Werbung mit spitzen und garstigen Reden ab. Ein Ofen,

der keinen Abzug hat, der qualmt und raucht, bis allen die Augen

laufen, und so unser Meister auch nach dieser Niederlage: Er schrieb

jene Schmähschrift gegen die Weiber, genannt „Corbaccio“, in der er

selber wie ein wütender, alles zerhackender Rabe auf das Geschlecht der

Frauen, dem doch auch seine gepriesene Fiammetta angehörte, losfuhr und

sie allesamt beschimpft hat, daß man es, wenn man dies Buch gelesen,

leicht mit tausend Xantippen aufnehmen könnte, so viele häßliche Worte

und Gründe hat er einem damit gegen sie in den Mund gegeben. Recht

wie ein Herodes unter die Kinder fällt unser Boccaccio hier zwischen

die Frauen, und er hat sich für diese eine, die ihn +nicht+ nahm, an

ihnen allen gerächt als ein persischer Wüterich, der das Meer mit Ruten

schlagen ließ. Und die Frauen müssen doch wohl da sein, wenngleich --

darin hat er recht! -- ohne sie viel weniger Sünden auf der Welt wären.

Von dem Alter des Meister Boccaccio kann ich dir, Bruder Ciani, weniger

berichten. Und weißt du selbst ja auch mehr davon als ich. Denn du

warst doch der wackere Soldat unserer Kirche, der du auf Geheiß deines

Ordensmeisters Pietro de Petroni von Siena dich aufmachtest, um nach

der Weisung dieses deines verstorbenen Oberen den fast fünfzigjährigen

Boccaccio zur Buße und zur Umkehr von seinem sittenlosen Lebenswandel

zu ermahnen. Du selbst hast es mir oft erzählt, wie er da unter der

Wucht deiner Predigten zusammenschmolz wie eine Kerze, wenn der Wind

über sie fährt, wie er weinte wie ein Kind, wenn er seiner lockeren

Schriften und dann der Hölle gedachte, wie er in sich ging und es

als Gottes Strafgericht hinnahm, daß seine drei Kinder, die er außer

christlicher Ehe in die Welt gesetzt hatte, alle längst vor ihm

dahingegangen waren. ‚Mein Töchterchen Violante ist gestorben,‘ schrieb

er mir damals, ‚sie war fünfeinhalb Jahr alt. Von Kindern, die in

diesem Alter sterben, glauben wir, daß sie Engel werden.‘ Du weißt es,

mein Bruder, besser noch als ich, daß er seinen Frieden mit der Erde

und dem Himmel gemacht hatte, als er selbst zweiundsechzigjährig zu

Certaldo von Gott abberufen wurde. Du weißt, daß er mit jenen losen

Geschichtchen von uns Mönchen oder Äbten oder Priestern nur diejenigen

unserer Klerisei am Hemd gezupft hat, die es nicht besser verdient

haben. Denn in unserer Zeit liegt die Geistlichkeit oft im argen,

und manch einer von uns scheint mehr die Zotologie als die Theologie

studiert zu haben, so daß es hohe Zeit ist, daß einer einmal kommt,

diesen Augiasstall auszufegen und unsere Kirche an Haupt und Gliedern

zu reformieren. Derowegen wollen wir unserm Boccaccio nicht über das

Grab hinaus zürnen, der in seinen zehn Tagen des ‚Dekameron‘ eine Welt

aufgebaut hat, die nicht anders ist als die, die unser Herrgott in

sechs Tagen geschaffen hat, das ist voller Farben und Schatten, voller

Freuden und Schmerzen und voller Tugenden und Schlechtigkeiten, alles

durcheinander vermenget bis zum jüngsten Tage.

So: Mehr weiß ich dir nicht weder zum Ruhme noch zum Tadel des Meister

Boccaccio zu berichten. Wer es besser kann, der mache es besser!“

Giordano Bruno

Dem einstigen Dominikanermönch, jetzigem Gefangenen des ehrwürdigen

päpstlichen Inquisitionsgerichtes Giordano Bruno war soeben das

Todesurteil verkündet worden. Am andern Morgen in der Frühe sollte

er auf dem Blumenmarkt zu Rom als Ketzer lebendig verbrannt werden.

„Gelobt sei Gott!“, das war das einzige, was der Bote des Gerichts

aus dem Munde des Gefangenen auf seine düstere Botschaft hin gehört

hatte. Nun lag Bruno wieder allein in seinem Kerker auf einem Bündel

stinkenden Strohes, die Hand, an der die Kette war, unter seinen

Rücken gebogen, die andere vor Frost in den langen Bart gekrampft, und

hielt seine weiße Stirne in das Mondlicht, das durch das Gitterfenster

kam, hinein, als hätte es ihn wärmen können. Nichts hörte man als das

Klirren oder Schleifen der Kette, wenn er sich bewegte; einmal kam

eine Ratte aus einem Loch in der Wand spaziert, lief ruhig an den

Gefesselten heran, schaute ihm traurig zu, nahm einen Strohhalm mit und

lief wieder zu ihren Kindern zurück, um ihnen ein grausiges Märchen

von den Menschen zu erzählen. Stundenlang lag Bruno so da, schaute

offenen Auges in den Mond und sprach mit sich selber. Und sein Leben

wurde ihm in dieser letzten Nacht zu Bildern, die ihm die Abenteuer

eines +fremden+ Menschen zu sein deuchten: Er sah sich als Kind auf dem

einsamen Gehöft seines armen Vaters bei Nola mit Steinen spielen, da

kein Geld da war, ihm Spielzeug kaufen zu können.

Er entsann sich noch der Nächte, wenn fern aus dem Dunkel ein roter

Schein bis in seine Kammer geleuchtet und der Vater ihm erklärt hatte,

daß zwischen Nola und Neapel, wo der Oheim wohnte, ein Berg wachse, der

Feuer speie und bei Tag qualme wie ein Kamin, und daß der Teufel darin

wohne.

Und dann sah er sich zu Neapel selbst als sechzehnjährigen Novizen, wie

ihn das Kloster des heiligen Dominikus aufnahm, und er zuerst „Bruder

Giordano“ genannt wurde. Dreizehn Jahre hatte er dort gelebt, erst

immer in der Sakristei, drei Viertel des Tages verkniend und verbetend,

und dann die letzte Zeit immer in der Bibliothek über Folianten und

Büchern aus allen Ländern gebeugt. Die graue Zelle kam ihm wieder vor

die Augen, drin er gefastet und gebetet und allen Kasteiungen zum Trotz

böse Träume gehabt hatte; ein gelbes geschnitztes Kruzifix hatte als

einziger Schmuck an der Wand gehangen, da er alle Heiligenbilder und

selbst das der Madonna verschenkt hatte, um ganz allein mit seinem

Gotte zu sein.

Er fühlte noch auf seinem Haupte die Kälte der Schere, mit der man ihm

die nun längst überwachsene Tonsur in die braunen Haare geschnitten

hatte, und fror noch beim Erinnern daran. Er hörte sich wieder als

Priester die Messe lesen und die Beichte abnehmen bis zu dem Tage, da

er wie ein Tier aus einer Falle im Dunkeln aus Neapel geflohen war und

ziellos in der Welt umherziehen mußte.

Was hatte er denn Böses getan? Er hatte im Erasmus von Rotterdam und

andern deutschen Büchern gelesen, sich von einem Bruder, der am Hof

Karls V. gelebt, von Luther erzählen lassen und hatte ein paar Gedanken

als Gedichte aufgeschrieben. „Wenn Ihr das verwünschte Schreiben

sein lassen wolltet!“ hatte ihm der gute Prior immer in der Beichte

vorgehalten. „In der Tinte steckt der Teufel wie Gott im Weine. Ihr

braucht nur an beiden zu lecken, so merkt Ihr es. Ein Mönch muß ein

Huhn sein, das seine eigenen Eier +selbst+ aufißt.“

„So wenig Ihr dem Strom gebieten könnt: ‚Fließe nicht mehr!‘ und wie

Ihr die Vögel nicht am Singen, noch die Blumen am Blühen hindern könnt,

es sei denn, Ihr macht ihrer Daseinsform ein Ende, so wenig könnt Ihr

und kann ich dem Weltgeist, der aus mir klinget, den Mund verstopfen,

ehrwürdiger Vater!“ war Brunos Antwort gewesen.

Schattenbilder · 第 14 / 21 段