Unsere beiden Böhmen schienen wohl ein Gleiches zu denken, sie

betrachteten ihre stillen Bäuche, dachten an ihre kleine, aber hübsche

Pfründe daheim an der Moldau und schüttelten verwundert die frommen

Köpfe. Das also war der +Spielmann Gottes+, von dem man schon in

deutschen Landen sprach, der die Armut über alle Dinge heilig pries,

der einem Bischof, der Stellen in seinem Sprengel verkaufte, den

Stab zerbrochen hatte, und der nicht mehr und nicht weniger als der

niederste von allen Brüdern sein wollte, die er um sich versammelt

hatte, und die gleich ihm ihr Hab und Gut zuvor den Armen geben mußten!

Wollte er mit Jubilieren den Himmel auf Erden verdienen, statt mit

Fasten und Beten?

Ganz in Verwirrung gebracht, folgten die beiden biedern Böhmen

ihrem Gastwirt, der sie am Ärmel zupfte, in die Herberge, wo ein

neuangekommener Kanonikus aus Padua emsig vertieft über einer fetten

Ente nebst Bratäpfeln und Kastanien saß. „Störet euch an jenen

Bettelbruder nicht, meine böhmischen Brüder!“ hub er an, sie zu

beruhigen, indem er vier geröstete Maronen mit einem Zug Chianti

hinunterspülte. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und

unser Herr Christus am Kreuze sprach noch: ‚Mich dürstet!‘ Fasten ist

gut, aber essen ist besser. Kommt! Trinket mit mir auf alle Länder,

darinnen Wein wächset!“

Den beiden frommen Priestern aus Prag wurde jedoch nicht behaglich bei

diesem Schlemmermahl. Wie ganz anders hatten die Augen des Heiligen vom

Weine Gottes geleuchtet, als die roten Äuglein dieses vom irdischen

Moste zwinkerten! So machten sie sich denn beide, nachdem sie zum

Schein ein paar Gläser mitgetrunken hatten, vom Schenktisch fort und

traten auf die Straße zurück. Der Mond war inzwischen aufgegangen

und warf Licht und Schatten um den Dom. Als sie nun in ihre kleine

Nische gehen wollten, um vor dem Schlafen noch drei kurze Vaterunser

zu beten, sahen sie auf einmal des heiligen Franziskus’ Eselein unter

dem Kruzifix stehen und ein Bündlein Heu, das vor ihm auf der Straße

lag, verspeisen. Erschrocken blieben sie stehen, denn gleich daneben

gewahrten sie den Heiligen selbst im Schatten, wie er ein paar Blumen

in der Hand hielt, an denen er roch.

Es war aber eine schöne Jungfrau in Terni, die später die

Lieblingstochter der heiligen Klara, der Freundin des Franziskus,

wurde. Die dauerte es, daß der Heilige auf bloßen Steinen schlafen

sollte. Drum hatte sie in den Winkel am Dom, wo jener zu ruhen pflegte,

schöne rote Rosen hingestreut, damit er auf ihnen sich bette. Als aber

Sankt Franziskus dieses bemerkte, sprach er: „Mit nichten! Das wäre

nicht recht getan, ihr Schwestern Rosen, wenn ich auf euch schlummerte

und euch zerdrückte. Ruhet drum hier neben mir und welkt, bis der Tau

des neuen Morgens euch erweckt!“ Also sprach der Heilige und bettete

sich auf die Erde neben das Eselein und neben die Rosen, deren Duft

ihn im Traum auf Seraphschwingen in den christlichen Olymp hinauftrug.

Und ein paar verflogene Tauben nisteten über Nacht bei ihm in seiner

Kutte und wärmten ihn. Die beiden Böhmen aber, die diesem zuhörten und

zusahen, schlichen sich leise fort in ihre Herberge, und wie sie sich

endlich anschauten, merkten sie, daß sie beide geweint hatten.

So lebte Franziskus, da er auf Erden wandelte, der sich allem und

jedem hier verbrüdert und verschwistert fühlte, der alle Menschen

lieben konnte, nur die Verleumder und Angeber nicht, der, seinen

Sonnengesang anstimmend, den Tod in seiner Zelle erwartete und den

die Kirche für heilig erklärt hat, ohne das Ideal, dem er lebte,

verwirklichen zu können. Er steht vor allen Heiligen uns Deutschen

am nächsten, und darum haben Franz Liszt und spätere Wagnerianer als

bewußte Germanen laut auf ihn hingewiesen: „Kniet nieder! Denn hier

ist Geist von unserm Geiste!“, weil seine Lehre der Religion unserer

Vorfahren vielfach verwandt ist, vor allem in seiner Verehrung für die

Frauen und in der unbegrenzten Liebe zur Natur. Sein Leben hat sich

um +zwei+ Augenblicke bewegt, den einen, da er seine Habe fortgab, um

arm wie Christus zu werden, und den anderen, da er einsah, daß nicht

alle Menschen waren wie er, und daß Egoismus die Welt regiert, und er

darum in größter Verzweiflung seinen Vorsitz im Orden aufgab, um ein

Einsamer zu werden. Vor dieser konsequenten Treue gegen sein Ideal, das

Urchristentum, wirkt der Franziskus unserer Zeit, Leo Tolstoi, recht

wie ein Quacksalber gegen einen Arzt. Die Heilmittel, die Franz von

Assisi den Menschen, die ihn aufnahmen, brachte, waren aber: Armut und

Freude, indem er lehrte und +nicht anders+ lebte, in dem Glauben und

der Glückseligkeit, für die Lessing die Worte fand: „Der wahre Bettler

ist doch einzig und allein der wahre König.“

Dante

„Vor einigen Wochen“, so lautet der Bericht eines ghibellinischen

Ritters aus Ravenna zu Dantes Zeit an seinen Bruder in Verona, „ist

hier ein höchst seltsamer Mensch angekommen. Sein Name ist Dante

Alighieri, und er stammt aus einer vornehmen bürgerlichen Familie zu

Florenz. Er soll alldort am Arno hohe Staatsämter innegehabt haben,

bis er, der ein Demokrat war, von der Gegenpartei der Guelfen und

Schwarzen, ohne irgendeinen anderen Grund als den, daß er nicht zu

ihnen gehörte, aus Florenz verbannt wurde. Seit dem Tage irrt er

heimatlos und schutzlos in Oberitalien von Stadt zu Stadt wie ein

Vogel, dem man sein Nest zerstört hat. Eine Zeitlang hoffte er, daß

der Römerzug des weiland deutschen Kaisers Heinrich VII. ~Anno Domini~

1310 ihn in die Heimat zurückführen würde. Aber der plötzliche jähe

Tod dieses Fürsten, dem man -- ach, in welchen Zeiten leben wir! --

in der Hostie Gift gegeben haben soll, hat Dante jede Hoffnung auf

die Heimkehr geraubt. Und seitdem siecht er dahin an der bittersten

menschlichen Krankheit, an dem Heimweh, dergestalt, daß man ihn oft im

Grase liegen findet, seine Augen immer nach der Richtung hingewendet,

wo Florenz, die herrliche Stadt, am Horizonte liegt. Und ich glaube,

daß er an dieser Wunde verbluten muß. Ich habe mich, wie du siehst, an

ihn gemacht; denn er ist ein großer Gelehrter und kennt alle Sterne

bei ihrem Namen. Er unterrichtet hier zu Ravenna die Jünglinge, und

davon lebt er. Er muß früher ein großes Leben geführt haben, denn

man sagt ihm nach, daß er 33000 Mark Schulden in Florenz hinterlassen

habe. Er war dort verheiratet und hat mehrere Kinder gehabt. Aber seine

Seele hat er schon in seinem neunten Lebensjahre an ein achtjähriges

Kind in blutrotem Kleid zu Florenz verschenkt, die er Beatrice, die

Beseligende, nannte, und die, kaum erblüht, schon dahinstarb, als sei

sie zu schade für diese Zeit. Ihr galten seine ersten Reime und jenes

sonderbare Sonett von Amor, der ihm im Traum erschien:

‚Froh schien er mir; ich sah mein Herz ihn tragen

In seiner Hand; und seine Arm’ umschließen

Die Liebste, schlummernd, eingehüllt in Linnen.

Dann weckt’ er sie, und ließ sie, die voll Zagen,

Demütiglich mein brennend Herz genießen.

Drauf sah ich, wie er weinend ging von hinnen.‘

Es ist wirklich so, als ob diese Maid, bei deren Anblick sein neues,

inneres Leben begann, sein Herz verzehrt habe. Denn er spricht noch

heutigentags immer, sobald er allein ist -- und ich beschleiche ihn

gern in solchen Augenblicken -- mit dieser seiner Beatrice, als sei sie

noch am Lichte, und neulich hörte ich, daß er eine ganze Nacht lang

am Meere ihren Namen ins Leere gerufen habe. Und wenn man angesichts

solcher Begebenheiten daran denkt, wie mehrere florentinische Jünglinge

sein erstes Sonett von dem verzehrten Herzen nach dortiger Sitte

mit Versen beantworteten und ihm den guten Rat gaben, er solle sich

reichlich Hals und Gesicht waschen, so würde er schon wieder gesunden,

dann wird es einem klar, daß es auf Erden zweierlei Sorten von

Menschen gibt: die einen, die von Brot und Wein, und die anderen, die

von Liebe leben. Und unter dieser letzteren Schar steht Dante vor allen

andern.

Wie dieser Mann aussieht, fragst du mich? Er ist ganz braun im Gesicht,

hat eine Adlernase, glänzende Augen und ein starkes Kinn, wie aus Erz

gegossen. Aber er ist sehr klein und geht gebückt, so daß manche von

seiner Erscheinung enttäuscht sind, was ihn bitter kränken muß. Sein

Blick ist immer traurig, und nur einmal sah ich ihn wehmütig lächeln,

als ein paar Frauen ihm nachriefen: ‚Sehet, das ist der Mann, der

hinuntergefahren ist in die Hölle.‘ Seine große Traurigkeit rührt aber

davon, daß er fast fünfzehn Jahre schon im Exile lebt und als freier

Republikaner, der er war, an die Tür der Tyrannen wie ein Bettler

pochen muß, und er, der vielleicht der größte Mann Italiens ist, unter

einer Schar Banditen und heimatloser Geächteter leben muß. Ich habe mir

ein paar Verse von ihm aufgeschrieben, die ich nie lesen kann, ohne daß

mir die Lust zu weinen kommt. Er läßt darinnen seinen Ahnherrn ihm die

Verbannung folgendermaßen prophezeien:

‚Verlassen wirst du all die lieben Dinge,

Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird

Der erste sein von der Verbannung Bogen.

Du wirst dann merken, wie nach Salze schmecket

Das fremde Brot, und welch ein harter Gang ist

Das Auf- und Niedersteigen fremder Treppen.

Und was am meisten dir am Herzen frißt,

Wird die Gesellschaft sein, der bösen, blinden,

Mit der du in dies Tal gefallen bist.‘

Und noch eines von diesem eigenartigen Manne bleibt mir zu erwähnen

übrig: das ist jenes, daß er überaus empfindlich ist gegen Schmerz

und Freude, und die Farbe auf seinem Antlitz, das Rot und Bleich, so

schnell wechselt wie der Himmel im April. Als er seine Beatrice das

erstemal sah, wurde er ohnmächtig und ward wie tot von dannen getragen.

Vor Begeisterung kann er glühen wie ein Schmelzofen, daß man nicht

anders denkt, seine Augen brennten ab, und von Wut und Schmerz kann er

zittern wie im Fieber. Und dabei ist er doch stärker, als mancher, der

alle Tage im Sattel sitzt. Denn der Harnisch, in dem Dante steckt, ist

nicht von dieser Welt. Er hat ein großes Gedicht geschrieben in unserer

+eigenen+ italienischen Sprache, in dem er, von dem frommen heidnischen

Dichter Vergil und dann von Beatrice geleitet, von der Hölle durchs

Fegefeuer zum Himmel schreitet, und der Saum seines Kleides umglänzt

ihn dabei wie ein Heiligenschein. Von der Schönheit der himmlischen

Engelsmusik, die er vernommen hat, kann man nicht mit Menschenzungen

reden. Wie von silbernen Zinken und goldenen Pauken und elfenbeinernen

Harfen klingt sie aus seinen Versen an unser Ohr. Eher noch kann ich

dir von seiner Höllenfahrt erzählen, bei der einem Hören und Sehen

vergeht, und man sich angstvoll an sein Stückchen Leben klammert.

Lieber will ich nachts auf einer kahlen Planke über einen wilden

Wassersturz treiben, als sein ‚Inferno‘ ein +zweites+ Mal wiederlesen!

Er hat in diesem Buche seines Liedes gleichsam eine Fackel genommen

und unsere ganze morsche Zeit in Brand gesteckt, daß nichts von ihr

übrigbleibt als Feuer und schwarzer Dampf und Rauch und Wehgeschrei.

Wahrlich, was für ein Mann muß das sein, der ein solches Jüngstes

Gericht über seine Mitwelt zu halten wagt!“

Dies ist ein Abbild Dantes, des größten Dichters des Mittelalters, der

ein Gipfel des Katholizismus war, wie er niemals wieder erreicht worden

ist, und dem sein Nachkomme in der Kunst, der zweite große Florentiner,

Michelangelo, folgende Verse aufs Grab geschrieben hat:

„Wie groß er war, ist nimmer auszusagen,

Zu hell den Blinden ward sein Licht entzündet ...

Er stieg hinunter zu des Irrtums Reichen,

Uns zu belehren, dann empor zu Gotte.

Der Himmel wehrt’ ihm nicht die hohen Tore,

Dem seine Vaterstadt die ihren zuschloß.

Danklose Vaterstadt, die sich zum Schaden

Ward seines Unglücks Amme. Recht bezeugt das,

Wie Gott den Besten gibt die meisten Leiden.

Steh hier für tausend Zeugnisse dies eine:

Daß nie ein Gleicher so unwürd’gen Bann trug

Wie nie ein größrer Mann als er erschienen!“

Raffael

Der alte schöne Streit, wer größer gewesen sei, Raffael oder

Michelangelo, ist unter uns heute von der intellektuellen Mehrheit

zugunsten Michelangelos entschieden worden. Wir als ~pluralis

maioritatis~ genommen, schätzen heute die Eigenart, das Absonderliche

und Gewaltige, das Persönliche in der bildenden Kunst höher als die

Harmonie, das Maßvolle und Gefügte, das Unpersönliche. Darum liegt uns

Raffael der ~imitateur~ weniger als Michelangelo der ~créateur~. Einer

kultivierteren, geläuterten und geschmackvolleren Zeit wird Raffael,

die Summe seines Jahrhunderts, wieder das Ideal sein, was er den ruhe-

und bildungsbedürftigen Geistern aller Zeiten immer gewesen ist. Seine

Kunst, die sich aus den Werken aller seiner Zeitgenossen und dem Wissen

der ganzen Geschichte vor ihm vollgetrunken hat, wird dann wieder als

ein Gipfel des guten Geschmacks gewürdigt werden.

Lange galt er der Welt lediglich als Madonnenmaler und sein Leben als

das eines Heiligen. Noch die Nazarener in Deutschland verehrten ihn wie

einen Seliggesprochenen und bemühten sich, die ~chronique scandaleuse~

seines Landsmannes und Biographen, des Vasari, zu widerlegen, daß

Raffael infolge wilder Ausschweifungen schon mit siebenunddreißig

Jahren gestorben sei. Man braucht sich nicht gleich für eins dieser

Extreme, für den Heiligen oder den Wüstling, bei Raffael zu entscheiden

und muß doch dem Märchen von dem holden frommen Jüngling, das bei

seinem Namen in den meisten Menschen aufsteigt, widersprechen.

Zunächst war Raffael, der größte Madonnenmaler, so wenig fromm im

strengen christlichen Sinne, wie es Mozart, der größte katholische

Kirchenkomponist, gewesen ist. Der Geist der Renaissance, der Jupiter

und Gottvater eines war, die Plato mit der gleichen Verehrung wie das

Evangelium las, war in Raffael, der sich in einem heidnischen Tempel

bestatten ließ, mächtiger als in den meisten seiner Zeitgenossen.

Michelangelo betete und quälte sich und rang mit seinen Engeln und

seinen Teufeln, und seine Sonette sind voll von Selbstanklagen,

Vorwürfen und Gewissensbissen. Raffael tat seine Sünden wie seine

Freuden lächelnd und mit Schönheit und trug ihre Folgen ebenso. Den

edlen Gedanken, der in der +Absolution+, der Gnade auf Erden, liegt,

faßte seine kindliche Seele ganz. Wenn ihm Leo X. die Hand mit dem

Fischerring des Petrus auf den Scheitel gelegt hatte, fühlte er sich

gerechtfertigt und frei. Die beruhigende Macht, die in dem „~absolvo

te~“ liegt, eine harmonische Natur wie Raffael wußte sie zu nehmen

wie zu geben. Darum hinterließ er keinen einzigen Feind, vermochte er

keinem böse zu sein oder zu grollen, selbst seinem einzigen Nebenbuhler

Michelangelo nicht, der ihn, wo er nur konnte, angegriffen hat. Darum

lautete seine Antwort auf dessen Äußerung, alles, was Raffael in der

Kunst leiste, das habe er von ihm gelernt, vornehm und abweisend: er

schätze sich glücklich, zu einer Zeit, in der ein Michelangelo lebe,

geboren zu sein. Dies ist wie wenn einer mit der bloßen Hand einem

andern ins gezückte Schwert greift und ihn so entwaffnet. Aber dies

tat er nicht aus dem Geist des Christentums heraus: „Liebe deine

Feinde!“. Eine solche Gemütskraft besitzt der Romane durchweg überhaupt

nicht, sondern aus der Vornehmheit des Aristokraten, des Adelsmenschen

in der Renaissance, des vollendeten Edelmannes, des „Cortegiano“,

der Pöbeleien aus dem Wege geht und sie mit Geringschätzung bestraft

oder mit einer Höflichkeit forträumt. +Vornehmheit+ ist überhaupt der

Grundzug im Wesen wie im Leben Raffaels gewesen.

Während Michelangelo, auch darin plebejisch, von einem schiefen

schielenden Diener sich aufwarten ließ und wie ein Einsiedler nichts

nach Küche und Keller fragte, umgab den Raffael ein wahrer Hofstaat,

hinterließ er einen Palast gleich einem Fürsten. Beider Beispiel zeigt,

wie wenig man einem Künstler sein Leben vorschreiben kann und darf.

Eine Schar von Schülern weinte an Raffaels Sarg; als Michelangelo

starb, war man fast froh, daß der alte Riese endlich von der Erde mußte.

Auch darin war Raffael ganz der vollkommen vornehme Mann der

Renaissance, daß er soviel als möglich zu wissen suchte und, so oft

er konnte, mit Gelehrten umging. Nach Lionardo war er sicherlich der

universalste Geist unter den Künstlern seiner Zeit. Darin widerlegt er

völlig die heute wieder oft gepredigte Lehre, daß ein Maler ungebildet

sein müsse, daß das Wissen die Naivität vernichte. Dieser Blödsinn, der

aus Haß gegen die Akademien und das Akademische entstanden ist, wird

durch einen Blick auf Raffael lächerlich gemacht. Naivität ist als

ein Stück göttlicher Jugendkraft eine Veranlagung, die einem Künstler

mitgegeben ist oder nicht, und die durch nichts, auch nicht durch alle

Gelehrsamkeit der Welt in ihm verändert werden kann, eine Macht, die

in einem Künstler, der sie hat, von seiner Knabenzeit bis zu seinem

höchsten Greisenalter wirksam ist. Darum hätte der Raffael mit achtzig

Jahren im Grunde nichts anderes gemalt wie zur Zeit seines ersten

großen Bildes, des „Sposalizio“, und der Vorwurf der Kritiker, den sie

gegen einen Künstler erheben: „er bleibt sich selbst immer gleich“, ist

stets einer der größten Beweise für ihre Dummheit und das Können des

Künstlers gewesen. Die Wissenschaft hat somit das naive Genie eines

Raffael nicht verderben können, der in der griechischen Philosophie wie

einst als Kind in der „dem Himmel nahen“ Bergstadt Urbino zu Hause war

und die Wissenschaft der göttlichen Dinge mit gleichem Ernst und Fleiß

wie die Erkenntnis der Ursachen sich zu erringen suchte. Daß er neben

dieser Gelehrsamkeit, die ihn zum Architekten an der Peterskirche und

zum Archäologen bei der Ausgrabung des antiken Roms befähigte, einen

Takt und eine Herzensbildung besaß, die gleichen Schritt mit seinem

besten Geschmack hielt, beweist das Zeugnis aller seiner Zeitgenossen.

Freilich muß man sich daran gewöhnen, so wie man ihn nicht „fromm“

im kirchlichen Sinne nennen darf, ihm die Eigenschaft der „holden

Kindlichkeit“, mit der man früh verstorbene Künstler gerne schmückt,

+nicht+ zu verleihen. Er war, wenn auch kein Wüstling, doch einer der

sinnlichsten Männer der heißblütigen Renaissance. Als er die Villa

Farnesina mit jenen herrlichen göttlichen nackten Gestalten ausmalte,

die in einem Deckenfries die Geschichte von Amor und Psyche in

heidnischer Heiterkeit vor uns vorüberführen, mußten seine Freunde eine

Frau, von der er nicht getrennt sein wollte, zu ihm auf die Gerüste

bringen, so daß er durch sie selbst nun bei der Arbeit festgehalten

wurde. Es ist einer der für uns Menschen erhabensten Gedanken, daß

das Antlitz der Madonna und Himmelsmutter, wie sie Raffael gemalt hat

und wie sie von Millionen Menschen im Bilde verehrt wird, die Züge --

seiner Geliebten wiedergibt. Nicht so, wie sie „wirklich“ war, beim

Herde oder beim Schmause, zufällig, einen Augenblick lang, sondern wie

er sie sah, auch wenn sie nicht da war oder wenn er mit geschlossenen

Augen von ihr träumte. Dies Bild eines Bildes malte er dann, oder

wie er sich selbst in einem Brief an einen Freund ausdrückt: „Ich

bediene mich beim Arbeiten einer gewissen Idee, die mir vorschwebt.“

Damit ist er der Hort aller idealistischen, gegen die Kunst als

täuschende Nachahmung äußerer Erscheinung gestimmten Meister geworden

und muß folgemäßig einer dem Naturalismus zugeneigteren Kunstperiode

fremder erscheinen. Aber in den Zeiten idealistisch gesinnter

Künstler ist Raffael das herrlichste Exempel für ihre Kunsttheorien.

So war er es in den Tagen Winckelmanns und Goethes wie zur Zeit der

religiös-romanischen Maler, der Nazarener und neuerdings wieder unter

dem Einfluß von Burckhardt und Hermann Grimm. Namentlich die Nazarener,

diese leidenschaftliche Sekte der deutschen christlichen Kunst,

waren glühende Raffaelverehrer. „Wie könnte jemals“, sprach Friedrich

Overbeck, ihr Anführer in Rom, „eine Zeit kommen, wo dieser Meister der

Farben und der Komposition nicht mit +göttlichen+ Ehren bedacht würde?

Wo nicht das Herz eines jeden Malers erzittert vor der himmlischen

Harmonie und Würde und Ruhe dieses Meisters, dessen Bilder, wenn man

sie lange betrachtet, in Wahrheit zu singen scheinen, als seien den

Farben bei ihm Stimmen gegeben. Stets, solange Menschen malen, wird

man ihn als den größten aller Künstler und den Lehrmeister eines jeden

feiern, der nach ihm noch den Pinsel in die Hand zu nehmen wagt.“

Als Overbeck diese Worte, seiner Ideale voll, in Rom hervorstieß, wußte

er nicht, daß bereits in Paris die moderne Malerei begonnen hatte,

daß dort schon neue Menschen lebten, die, wie Manet, vor einem Bilde

von Raffael buchstäblich seekrank wurden. Er machte sich nicht klar,

daß die Wertschätzung auch dieses seines Abgottes wie die eines jeden

großen Künstlers von Zeitströmungen abhängig ist, die man so wenig

wie das Wetter machen kann. Er konnte nicht glauben, daß alles, auch

das größte Geistige einmal vergehen muß, und hatte doch ein Ereignis

miterlebt, das ihn wie nichts andres dazu hätte bewegen müssen. Es

war die Öffnung des Sarges von Raffael im Jahre 1833, die er in einem

Briefe an seinen Freund Veit wie die Aufdeckung eines heiligen Grabes

beschreibt. Es war am Kreuzerhöhungstage genau um Mittag, als man den

Sarg öffnete. „Welch ein Schauer uns anwandelte,“ schreibt Overbeck,

„als zuerst die Überreste des teuern Meisters aufgedeckt dalagen, das

wirst du aus dem, was unfehlbar in dir selber vorgeht, wenn du dies

hörst, besser abnehmen können, als ich es dir zu sagen vermöchte!“

Das Skelett und vor allem der Schädel waren noch gut erhalten. Die

rechte Hand Raffaels, die jene edlen Werke geschaffen hatte, wurde zur

Erinnerung in Gips abgeformt. Aber siehe da, nach dem Abguß zerfiel sie

vor den Augen der entsetzten Zuschauer wie Staub, ein erschütternder

Beweis für die Vergänglichkeit alles Irdischen, das nie wieder kommt.

Michelangelo in seinen Gedichten

Schattenbilder · 第 13 / 21 段