Drüben lag seines Vaters Haus, das jetzt -- man könnte stolz darüber

werden! -- sein eigenes geworden war. Das Dach war schon oft

ausgebessert und geflickt wie ein alter Schuh, und die hintere Seite

zeigte Sprünge und Runzeln und Risse. Aber die vordere Seite hatte der

alte Shakespeare von dem Gelde seines Sohnes neu herrichten lassen und

in kindischer Freude über den Wohlstand des Sohnes mit dem nämlichen

Holz, das der Stadtschultheiß an seinem Hause hatte, bekleiden lassen.

Das war die letzte Freude des Vaters gewesen, der über die Gelder, die

der Sohn ihm von London schickte, fast sein letztes bißchen Verstand

verloren hatte. --

Dort stand die Kirche noch, in der man ihn getauft und getraut hatte,

oft hatte er beides in den ersten wilden Londoner Jahren vergessen.

Die Glocken klangen noch wie früher, nur etwas häufiger und etwas

frommer. Denn Stratford war puritanisch und orthodox geworden, und

man predigte von den Kanzeln gegen die, die am Sonntag die Leute von

den „Versammlungen zu den Heiligen“ zu den „Teufelsversammlungen“ ins

Theater lockten. Und wenn jetzt die Schauspieler in den Ferien vor

die Tore von Stratford kamen, zogen die puritanischen Ratsherren mit

den steifen Mühlsteinhalskrausen hinaus und boten ihnen Geld, daß sie

wieder abzögen und ihre Lämmer verschonten.

Wie würden Marlowe und Greene und alle die tollen Gesellen seiner

Jugend, die Stürmer und Dränger Altenglands gebrüllt haben, wenn sie

dies noch vernommen hätten! Er hörte fast in seinem Ohr die Witze,

die sie darüber reißen würden: „Kommt! Laßt uns Stratford belagern!

Heutzutage verdient man mehr, wenn man +nicht+ spielt, als früher, wenn

man sich heiser schrie.“

„Wo sind jene? Sagt es mir,

Die vor wenig Jahren

Eben also, gleich wie wir,

Jung und fröhlich waren?

Ihre Leiber deckt der Sand,

Sie sind in ein ander Land,

Aus dieser Welt gefahren.“

Er blickte zum Kirchhof hinüber, wo die Kreuze und weißen Steine stumm

über den Toten Wache standen, und mußte ihrer aller, die er gekannt

hatte, gedenken. Dort lag auch sein einziger Sohn Hamlet begraben,

der als Knabe, elf Jahre alt, gestorben war. Die Zypresse auf seinem

Grabe -- so groß würde er jetzt sein! -- schaute eben über die niedrige

Kirchhofsmauer herüber ihn traurig an.

Auf den Straßen aber spielten die Kinder seiner Schulfreunde mit dem

Ball, und keiner kannte ihn, und keinen kannte er. Und er wußte nur,

wenn er jetzt die Straße entlang weiterginge bis zu seinem kleinen

Hause und den Riegel aufdrückte und gebückt in die niedrige Stube

hineinträte, daß dort eine alte Frau, seine eigene Frau, strickend oder

spinnend am Herde säße. Sie würde ihn sonder viel Freude begrüßen, als

sei er fünf Stunden und nicht fünfundzwanzig Jahre fort gewesen, und

dann würde sie darüber keifen und schelten, daß des Nachbars Katze

an der Milch gewesen und -- alles in einem Atem! -- daß ihrer beider

Tochter Judith nun fast dreißig Jahre alt sei und noch immer keinen

Mann erwischt hätte.

Er mußte lächeln, wenn er daran dachte und auch daran, daß man ihm

heute abend eine Bibel an das Bett legen würde, und daß ihm am andern

Morgen früh nicht wie sonst irgendein Kamerad an die Tür trommeln

könnte mit den Worten: „He, William, fauler Hund! Sollen wir heute

ohne dich probieren?“, sondern daß vermutlich ein alter dicker Bürger

zu ihm kommen würde, um mit ihm zu beraten, ob nicht sein Sohn Thomas

und Shakespeares besagte Tochter Judith ein ehrbares Paar ausmachen

könnten, wenn er dem Mädchen eine schöne Aussteuer geben wollte.

Er hatte nicht mehr viel Zeit zum Leben übrig, das wußte er. Nur so

viel, um sein Vermögen zu ordnen, sich ein Grab zu kaufen und eine

Inschrift dafür zu dichten. Er war sterbensmüde und hatte mit den

Menschen, unter denen er herumging, nur den Klang der Sprache noch

gemeinsam. Wie ein Riese unter dem Zwergenvolk, oder ein alter Adler,

der nicht mehr fliegen will, unter Sperlingen, würde er nun abends in

der Schenke unter Stratfords Bürgern sitzen und zuhören, wie teuer in

diesem Jahr das Korn sein würde, und wieviel Eier die Hühner am Tage

gelegt hätten.

Hinter ihm lag eine Welt voll Bildern, wie sie niemand vor ihm noch

nach ihm gesehen hat. Eine Fülle von gesteigerten Gestalten hatte von

ihm den Prometheusfunken des Lebens empfangen, und wenn er die Augen

schloß, schwirrte und toste die Luft um ihn her von Wesen, die von ihm

Blut getrunken hatten. Es schwindelte ihn, und er mußte sich an das

Geländer der Brücke lehnen, die über den lieblichen, vielgewundenen

Avon führte.

Und es war ihm, als rauschte unter ihm sein ganzes buntes Leben, das

arme Leben eines Schauspielers und das reiche eines Dichters, mit

seinen vielen Schmerzen und seinen wenigen Freuden vorüber. Und dann

war ihm, als zöge er selber nun das goldene Tor der Träume und Märchen

hinter sich zu und schritt langsam durch die Welt der Kleinheit dem

Grabe zu, in jenes unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wanderer

wiederkehrt. Und er sprach noch einmal die Abschiedsworte Prosperos aus

dem „Sturm“, sein eigenes Lebewohl an die Bühne und an die Kunst, vor

sich hin:

„Ihr Elfen von den Hügeln, Bächen, Hainen

Und ihr, die ihr am Strand spurlosen Fußes

Den ebbenden Neptunus jagt, und flieht,

Wann er zurückkehrt; halbe Zwerge, die ihr

Bei Mondschein grüne, saure Ringlein macht,

Wovon das Schaf nicht frißt; die ihr zur Kurzweil

Die nächt’gen Pilze bildet und am Klang

Der Abendglock’ euch freut, mit deren Hilfe

-- Seid ihr gleich schwache Fäntchen -- ich am Mittag

Die Sonn’ umhüllt, aufrührer’sche Wind’ entboten,

Die grüne See mit der azurnen Wölbung

In lauten Kampf gesetzt, den furchtbar’n Donner

Mit Feu’r bewehrt. Grüfte auf mein Geheiß

Erweckten ihre Toten, sprangen auf

Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst

Gewalt’gen Zwang. Doch dieses grause Zaubern

Schwör’ ich hier ab. Und hab’ ich erst, wie jetzt

Ich’s tue, +himmlische+ Musik gefordert,

Zu wandeln ihre Sinne wie die luft’ge

Magie vermag: So brech’ ich meinen Stab

Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,

Und tiefer, als ein Senkblei je erforscht,

Will ich mein Buch ertränken.“

Martin Luther

Seit fast vier Jahrhunderten spaltet der Name Martin Luther wie ein

Axtschlag Deutschland und seine Bewohner in zwei Parteien. Noch heute

wird jener Mann in unseren Schulen +links+ den evangelisch getauften

Kindern als der Befreier und wackere Gottsucher und Finder gepriesen,

und +rechts+ den katholisch getauften als Deutschlands größter Schaden

und als Erzketzer und Sendbote des Satans geschildert. Wahr ist und

bleibt, daß Luthers Werk unser Land in die grimmigste Not und dem

völligen Zusammenbruch nahegebracht und unser Volk vielleicht für

immer, wenn wir nicht die Kraft finden, uns aus diesem Zwiespalt

emporzureißen, seiner Kultureinheit beraubt hat. Das alte Lied, das man

wider Luther seinerzeit auf den Gassen sang, hat sich bis auf unsere

Tage wahr erwiesen:

„Manch’ Burg verwüst in deutschen Landen,

Die vor den Türken wohl wär b’standen.

Das ist das Evangelion,

Daß wir von Luther gelernet hon,

Der euch hat bracht in alle Not,

Daß wir den Feind uns sein zum Spott.

Hätt’ Luther nie kein Buch geschrieben,

Deutschland wär’ wohl in Fried geblieben.“

Seine Tat, sein Protestantismus, hat einmal bewirkt, daß der deutsche

Katholizismus sich seinerseits zur Wehr setzen mußte und darum bis

in unser Jahrhundert hinein einen Fanatismus gezeitigt hat, wie er

in keinem anderen Lande der Welt mehr zu finden ist. Der Deutsche,

der zum erstenmal heute über und durch den Gotthard reist, ist ganz

erstaunt, drüben in Italien kaum eine Zentrumspartei zu finden, und

hört voll Erstaunen die Leute dort viel mehr von ihrem König als vom

Papste reden. Die unselige Vermischung von Religion und Politik, die

unserm Volk im Marke sitzt, kennt der Italiener, der doch unter den

Augen des Papstes lebt, nicht mehr. Bei uns spielt die Frage: „Ist er

katholisch oder evangelisch?“ leider noch in fast allen Beziehungen

eine Hauptrolle, und man hat vergessen, daß der vornehme geistige

Deutsche erst da anfängt, wo diese Fragen aufhören. Ich entsinne mich

aus der Schule, daß uns Evangelischen in der Religionsstunde oft mit

einer überlegenen Ironie gegen die andere Seite gezeigt wurde, daß

Deutschlands große Männer und Künstler, wie Goethe, Schiller, Kant,

selbst Friedrich der Große, lauter Protestanten gewesen waren, so daß

man sich schon ganz stolz im Besitz dieser übrigens in bezug auf ihre

evangelische Religion höchst imaginären Größen vorkam. Bis man erst

jahrelang nach dem Religionsunterricht erstaunt entdeckte, daß Mozart,

Beethoven und Eichendorff es ihrerseits nicht minder zustande gebracht

hatten, große Künstler und Katholiken gewesen zu sein. Der Streit

zwischen Protestanten und Katholiken über den Wert ihres Glaubens, der

in solche Lächerlichkeiten hineingerät, ist bei uns Deutschen zu unserm

eigenen größten Schaden durch Luther entfacht worden. Das ist wahr und

muß, wenn von ihm die Rede ist, gesagt werden.

Aber es darf nicht vergessen werden, daß Martin Luther selber dies

nicht vorhergesehen hat und nicht vorhersehen konnte. Er handelte aus

einem göttlichen Impuls heraus zunächst für sich selber, als er die

fünfundneunzig Thesen anschlug und gegen den auch von den heutigen

Katholiken verurteilten Ablaßhandel in Deutschland Einspruch erhob.

Das souveräne Individuum, der freie Christenmensch in ihm, empörte

sich und stand auf: ~Pereat mundus fiat iustitia!~ „Und wenn die Welt

voll Teufel wär’, es soll uns doch gelingen.“ Ich glaube, daß, wenn

man ihm an jenem Abend vor Allerheiligen, da er an der Schloßkirche zu

Wittenberg seine Thesen annagelte, mit jedem Schlage Roms Herrschaft

durchbohrend, die ganzen Greuel des Dreißigjährigen Krieges vor die

Seele gebracht hätte, er hätte nicht anders handeln können. Der Dämon

eines Genies läßt sich durch keinerlei praktische Erwägungen lahmlegen,

und wer alle Folgen bedenkt, der wird nie zu Taten kommen.

Darum dürfen wir Luther heute nicht mehr angreifen und beschimpfen,

weil sein Werk unermeßlichen Schaden über Deutschland gebracht hat.

Ebensowenig, wie man ihm vorwerfen kann, daß das Ablaßgeld, gegen das

er, der Bauernsohn, tobte, in Rom von den Päpsten hauptsächlich für

+die Kunst+ verausgabt wurde und damit dem Edelsten, was es auf der

Welt gibt, zugute kam. Dieses +für+ Michelangelo und +gegen+ Luther

Partei nehmen, wie es Nietzsche getan hat, ist töricht. Denn man

konnte vom Doktor Martinus trotz aller seiner Gelehrsamkeit nicht

verlangen, daß er die Dinge und das Welttheater schon unter dem

Gesichtswinkel von 1900 ansehen sollte. Für ihn war seine Sache die

wichtigste und heiligste von der Welt, und sie an ihren teilweise

schlimmen Folgen herabsetzen, heißt jedem Genius die Flügel binden.

Übrigens hat Luther später, als er schrittweise angreifend und erobernd

gegen Rom vorging, wohl keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er

binnen kurzem das ganze Deutschland zu seiner evangelischen Freiheit

bekehren würde. Das halbe Deutschland war zwanzig Jahre nach den Thesen

auf seiner Seite, mußte er drum nicht meinen, daß nach vierzig Jahren

auch die andere Hälfte seiner Lehre zugefallen wäre? Darum verdreifacht

er oft sein sattsam bekanntes Schreien im Streit, dessen Molltöne uns

heute schon Ohrensausen machen, weil er bei sich dachte: „Voran, Doktor

Martin! Noch ein weniges, und alle Teutschen, Mannen und Frauen, sind

dein!“

Das war seine stärkste Eigenheit, die ihm die Herzen zutrug, der

freudige Mut, mit dem er in jeden Kampf auszog, jene dem Tod und Teufel

trotzende Tugend des germanischen Blutes, der zuliebe selbst der alte

kleine Windhorst später „Bravo!“ gerufen hat, als Bismarck jene Worte

sprach: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.“

Was Kaiser und Könige zittern gemacht hatte und sie bettelnd nach

Kanossa trieb, die Bannbulle des Papstes, Luther verbrannte sie mit

eigener Hand, wobei er die Worte sprach: „Weil du den Heiligen des

Herrn betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer“, und damit sich als

ein Mensch dem Menschen Papst als ebenbürtig zur Seite stellte.

Diese innere Tapferkeit verließ ihn ebensowenig, als er, hierüber zur

Rechenschaft gerufen, den Weg Hussens nach Worms zog und, von allen

seinen wenigen Freunden gewarnt, im starken Gefühl seines Rechts

erklärte: „Ich will nach Worms gehen, und wenn auch so viele Teufel

dort wären als Ziegel auf den Dächern.“ Und mehr noch als seine

weltberühmten Worte vor Karl V., dem mächtigsten deutschen Kaiser, der

je da war, beweist der schlichte Vorgang nach dem Konzil seinen Mut,

daß er nämlich, wie Augenzeugen erzählen, beim Heraustreten aus der

letzten Sitzung die Hände mit gespreizten Fingern hoch emporstreckte,

wie die Deutschen beim Lanzenbrechen zum Zeichen des Sieges zu tun

pflegten, und dabei fröhlich ausrief: „Ich bin hindurch, ich bin

hindurch.“

Um so mehr ist dieser moralische Mut an ihm zu bewundern, weil Luther,

den man sich immer nach seinen späteren Jahren mit einem Schmerbauch

und gesunden Knochen vorstellt, einen höchst anfälligen Körper hatte

und vielleicht der nervöseste unter allen genialen Männern gewesen

ist. Dank einer verprügelten steinharten Jugendzeit war er, der die

Bannflüche von vier Päpsten aufrecht ertrug, zeitlebens so schreckhaft,

daß ihn ein rauschendes Blatt zum Zittern brachte, und so erregbar,

daß er taumelte, als er zum erstenmal als Mönchspriester am Altar den

Kelch erhob. Hierzu kam bei ihm, eine Folge seiner Nervenschwäche und

eines Steinleidens, eine häufige Schwermut und Bitterkeit, mit der vor

allen seine wackere Frau manchen harten Strauß zu kämpfen hatte. Diese

seine Schwarzseherei, die sich überall den Teufel an die Wand malte,

war letzthin so stark, daß er einen Haufen lieber Menschen um sich oder

doch die Laute in der Hand haben mußte, um nicht trübsinnig zu werden.

Sein Haus, das alte schwarze Kloster in Wittenberg, in dem er einst als

Mönch gebetet und gezweifelt, und das ihm nun sein Kurfürst zum ersten

evangelischen Pfarrhaus geschenkt hatte, war stets voll von alten

Tanten, Hauslehrern, Studenten, Kostgängern, Bittstellern, Bettlern und

geistigen Patienten. Und der Doktor konnte am besten schreiben, wenn

draußen unter seinem Fenster seine ältesten mit Melanchthons Kindern

um den Birnbaum spielten, oder das jüngste seiner sechs im Laufkorb

um seine Beine kroch oder an den Akten, Briefen, Bittschriften und

Beschwerden herumzupfte, mit denen in seiner Stube alle Tische, Bänke,

Stühle, Schemel und Fensternischen bedeckt waren. Und das Schönste, was

er je gesagt hat, ist dies: „Es kann mir nichts Schlimmeres in der Welt

geschehen, als wenn mein Sohn Hensichen böse auf mich ist.“

Späterhin erst bei dem alternden Luther trat an die Stelle jenes

tapferen Drauflosgehens die berüchtigte, von seinen Gegnern ihm

immer wieder vorgeworfene Diplomatie oder auf plump Deutsch

„Bauernschlauheit“. Aber was ist begreiflicher und gerechtfertigter,

als daß ein Mann, den die Hitze der Jugend verlassen hat, und der

immer mehr einsehen mußte, daß das Volk eine Herde ist, die dem

Leithammel folgt, und daß die Deutschen besonders gerne nachmachen, was

die Fürsten ihnen vormachen, sein Werk unter den Schutz der Mächtigen

zu stellen sucht! Sein Sach’ war ihm zu heilig und zu ernst, als daß

er sie auf die Spitze des Schwertes stellen wollte und ein kläglich

Ende, wie Sickingen, oder ein blutiges, wie Johann von Leyden, finden

mochte. Freilich, das Liebedienern um die Fürsten, wie es nach ihm oft

die evangelische Hofgeistlichkeit trieb, war nicht in Martin Luthers

Sinn. Der nannte einen Fehler seines Herrn des Kurfürsten dreist

ihm ins Gesicht eine Dummheit. Und man muß seinen Handel mit dem

freimütigen Landgrafen Philipp von Hessen, dem er, weil seine erste

Frau schwer krank war, eine zweite Ehe gestattete, erst einmal genau

durchlesen, ehe man ihn darum doppelzüngig und fuchsschlau nennt.

Jeder, der friedlich in seinem Bette stirbt, ist in gewissem Sinn

ein Kompromißmacher, aber er liegt drum oft nicht weniger heldenhaft

auf seinem Rücken als der, der den Märtyrertod gestorben oder in der

Schlacht gefallen ist. So ist Luther, der uns, wenn auch nicht unter

+eine+ Religion, so doch unter +eine+ Sprache gebracht hat, so ist

Goethe, so Bismarck für Deutschlands Befreiung gestorben.

Ein Heiliger war der Doktor Martin nicht und wollte es nicht sein;

einzig auf den Titel „Reformator“ machte er Anspruch und darf er

Anspruch machen. Solange man aber in Deutschland seinen Namen nicht,

ohne ihn zu verkleinern und zu verfluchen, oder ohne ihn andererseits

mit besonderer Feierlichkeit zu betonen, schlicht und einfach wie den

eines jeden großen Mannes nennt, solange wird es keine Kultur bei uns

geben. Solange wird es keine Lust sein, unter Deutschen zu leben.

Franziskus von Assisi

Aus dem Sonnengesang des Heiligen.

„Gelobt sei, mein Gott, mit allen deinen Geschöpfen

Vornehmlich mit unserer Frau Schwester, der Sonne,

Die den Tag wirkt und uns leuchtet durch ihr Licht.

Und sie ist schön und strahlet mit großem Glanz,

Von dir, o Höchster, ist sie ein Sinnbild.

Gelobt sei, mein Gott durch unsere Brüder, den Mond und die Sterne,

Am Himmel hast du sie gebildet so klar und funkelnd und schön.

Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den Wind,

Und durch die Luft und die Wolken und jegliches Wetter.

Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Wasser,

Das sehr nütz ist und demütig und köstlich und keusch.

Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, das Feuer,

Durch das du die Nacht erhellst.

Und es ist schön und freudig und stark und gewaltig.

Gelobt sei, mein Gott, durch unsere Schwester, die Mutter Erde.

Die uns versorgt und ernährt

Und viele Früchte ans Licht bringt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt sei, mein Gott, durch unsern Bruder, den leiblichen Tod,

Dem kein lebender Mensch entrinnen kann.“

Zwei Laienpriester aus der guten Stadt Prag in Boheim hatten sich

Anno 1213 selbander auf die Beine gemacht, um nach Rom zu pilgern und

alldort Seiner Heiligkeit, dem gewaltigen Papst Innocenz dem III., die

Füße zu küssen und seinen Ablaß und apostolischen Segen zu empfahen.

Sie hatten schon viele Wegemeilen hinter sich und dreimal ihre Sohlen

schon völlig abgelaufen, als sie an einem lauen Maienabend in der Stadt

Terni, noch fünf Tagereisen vor der ewigen Stadt, ankamen. Sie wandten

sich an den Podesta des Ortes, wie man in Welschland den „Schulzen“

heißt, und bekamen von ihm eine bescheidene Herberge hinter dem Dome

angewiesen. Sie wuschen sich die staubige Landstraße von Spoleto nach

Terni von ihren Gesichtern ab, verfluchten ganz heimlich, daß nur

der Teufel es hörte, die ewigen Makkaroni, die man ihnen auftischte,

tranken „~aqua~“, bis sie einen Frosch im Magen zu haben glaubten und

wandelten dann gemeinsam einträglich nebeneinander auf den Domplatz

hinaus, um Gott zu dienen. Vor einem großen schwarzen Kruzifix aus

Byzanz in einer finstern Nische am Dom warfen sie sich nieder und

beteten wohl über eine Stunde lang zu dem Gott, der sie von dem

goldentorigen Prag durch fremde Menschen und Städte hindurch glücklich

bis auf dieses Pflaster geleitet hatte, und der ihnen nun bald seinen

leibhaftigen Stellvertreter von Angesicht zu Angesicht zeigen würde.

Als sie nun schon sehr lange auf den Knien gelegen hatten, begann der

ältere von ihnen, der schon mit Friedrich Barbarossa im Heiligen Lande

gewesen war, Kreuzschmerzen zu verspüren. Er stund also auf und fing

an, ein wenig im Schatten des Domes herumzugehen und den Tauben auf dem

Platz zuzusehen, als er auf einmal das größte Wunder erblickte, was er

von Prag bis Jerusalem jemals erschauet hatte.

Es war nämlich ein Mann auf einem Eselein angeritten gekommen, der eine

braune Kutte gleich den Bettlern trug, die unser Böhme wohl auf den

Landstraßen von Perugia gesehen hatte. Sein Gesicht war ganz bleich

und abgezehrt, und ein blonder Bart hing wirr daran, ohne nach einem

Bader zu fragen. Das Sonderbarste an ihm war aber für den frommen

Laienpriester aus Prag, daß er ganz wie er eine Tonsur ins Haupthaar

geschnitten hatte, also geistlich war gleich ihm. Ehe er sich noch

darüber ausgewundert hatte, fing -- o himmlisches Entsetzen! -- der

braune Mann auf dem Eselein laut und herrlich an zu singen, und nicht

etwa das „~Kyrie Eleis~“, sondern ein weltlich Lied, das die Sonne am

Himmel und die Freude auf Erden pries, und dessen Echo der Dom wie ein

aufgewachter Riese vielfach weitergab.

Der Böhme wollte sich voll sittlicher Empörung auf den singenden Reiter

Gottes stürzen: „Bruder! Was treibest du da?“ als plötzlich wie auf

einen Befehl vom Himmel alle Tauben vom Platz und vom Dach des Domes

auf den Mann in der Kutte herniederflatterten, ihn liebkosend umflogen

oder sich ihm, der sich ihrer nicht wehrte, auf Haupt, Schultern und

Arme setzten. Und auf einmal, als hätte man erst diese Huldigung

abwarten wollen, fiel alles Volk, das auf dem Platze beisammen war,

auf die Knie und rief: „Santo Francesco!“ und drängte sich an den

Heiligen heran, um seine Hände oder wenigstens seine Kutte küssen

zu können. Der aber ließ sich weder durch die Tauben noch durch die

Menschen beirren, die ihn umflogen und umknieten, sondern fuhr fort,

laut über den Platz hin mit zitternder Stimme zu singen und zu jubeln,

bis ihm die hellen Tränen über die bleichen Wangen liefen.

Unser Böhme, der dieses ungewöhnliche Bild nicht allein kapieren

konnte, lief zu seinem Gefährten zurück, der sich noch immer in seiner

finsteren Ecke um Gott plagte und zerbetete, und griff ihn an die

Schulter: „Steh auf! Komm mit, itzt sollst du den Antichristen sehen!“

und wies ihm das seltsame Schauspiel. Der heilige Franz auf seinem

Eselein hatte indessen zu singen aufgehört und sich daran gemacht,

die Vögel mit ein paar Krusten Brot zu füttern, die er aus der Kutte

zog, und die ihm selbst viel nötiger gewesen wären als den Tauben.

Aber nichts auf der Welt kam der Wonne gleich, die ihm aufs Gesicht

trat, wenn er schenken durfte oder trösten konnte. Ein paar Krüppel

humpelten nun heran und flehten den Heiligen wimmernd an, mit ihnen

ins Siechenhaus zu gehen, wo die Aussätzigen und Bresthaften seiner

warteten.

„Lebet wohl, meine Brüder und Schwestern“, sprach nun Franziskus zu

dem Volk, das ihn auf dem Markte umdrängte. „Gegen Abend will ich

wiederkehren und euch vom lieben Gott und von unserm Herrn Jesus

predigen.“ Dies sagte er aber nicht anders, wie eine Mutter ihren

Kindern verspricht, vor dem Einschlafen ein paar Märchen zu erzählen.

„Als ich auszog, Gott zu finden,“ fuhr er fort, „da wollte es mir

zuerst nicht gelingen, meine Augen ohne Ekel auf einem Aussätzigen

ruhen zu lassen. Nun kann ich sie mit der Hand streicheln, ohne daß

es mich graut, und vor allen meinen Brüdern sind sie mir die nächsten

geworden, denn sie bedürfen meiner am meisten. Gott hat sie geschaffen

gleich uns, darum müssen sie wohl sein.“ Sprach’s und ritt auf dem

Eselein, dessen Zügel zu führen Männer und Frauen sich stritten, den

Krüppeln nach zum Siechenhaus. Alles Volk aber wälzte sich schweigend

hinterher.

Zu den beiden Böhmen, die staunend und sprachlos dem Zug wie einem

Wundertier nachschauten, hatte sich unversehens ihr Gastwirt gesellt.

„Was! Den kennt ihr nicht,“ hub er an, „den heiligen Franziskum aus

der Bergstadt Assisi? Denkt euch, er heißt eigentlich Bernardone, und

sein Vater lebt noch dort und ist ein reicher Tuchhändler. Und dieser

Franziskus hat einstmals in Saus und Braus gelebt, und wo ein Fest

war in Assisi, war Franzesko dabei und saß, ein Narrenzepter in der

Hand, obenan. Aber eines Tages hat er dieses verlassen, die Feste, die

Frauen und die Freuden, und hat alles, was er nicht schon verschenkt

hatte, feierlich seinem Vater zurückgegeben, selbst das Hemd vom Leibe,

also daß er nackend war vor allem Volke, und der Bischof ihn in seinen

Mantel hüllen mußte. Fünfhunderttausend Lire könnte er jederzeit

wiederhaben, wenn er zum Vater heimkehrte, hat mir der Bruder erzählt,

der jüngst noch mit Tuchballen nach Rom reiste. Aber er hungert und

bettelt lieber und schläft auf den Kirchentreppen. Fünfhunderttausend

Lire im Stiche zu lassen, denkt nur! Darum nenne ich ihn stets

heimlich einen „~pazzo~“, einen Narren, wie die andern ihn laut einen

Heiligen heißen. Aber im Grunde mögen ~pazzo~ und ~santo~ gar nicht so

verschieden voneinander sein!“

Schattenbilder · 第 12 / 21 段