Sein Vater war der Krämer des Dorfes, der schwarze Seife, Talglichter,

Salz, Karamellen, Streichhölzchen und Bindfaden verkaufte. Und sein

Weib half ihm tapfer dabei. Die Großmutter nahm sich des Kleinen

an, da die Eltern, wie gesagt, Besseres und mehr zu tun hatten, als

Kinder zu weiden und groß zu ziehen. Die Alte, die, wie die Leute über

siebenzig Jahre gewöhnlich, nicht mehr viel schlafen konnte, stand mit

Herrn Busch jun. in der Frühe auf, schob ihm ein Stück Pumpernickel in

den Mund, damit seine Zähne sich amüsieren konnten, und steckte das

Herdfeuer an. „Besonders im Winter“, erzählt Busch einmal, „kam es mir

wonnig geheimnisvoll vor, so früh am Tage schon selbstbewußt in dieser

Welt zu sein, wenn ringsumher noch alles still und tot und dunkel war.

Dann saßen wir zwei, bis das Wasser kochte, im engen Lichtbezirk der

pompejanisch geformten zinnernen Lampe, sie spinnend, ich spielend oder

später aus dem Gesangbuch schöne Morgenlieder lesend.“ Als der Junge

größer geworden war und etwas werden mußte, schickte man ihn, während

die Großalte sich indessen zu ihren Müttern versammelte, auf die

Hochschule nach Hannover. Aber es erging Busch wie allen wählerischen

Leuten, er konnte und konnte den Beruf nicht finden, der auf dieser

Welt für ihn paßte. Und schon war er nahe daran, sich mangels

Beschäftigung aufzuhängen, als ihn ein Freund mit den Worten: „Maler

kannst du immer noch werden!“ an die Akademie nach Düsseldorf wies.

Hier saß er ein Jahr im Antikensaal ab und wollte gerade vor Langeweile

sterben, als ihm einfiel, daß man, wenn man den Rhein hinunterfuhr,

nach den Niederlanden kommen müßte. Er machte sich daher auf. Und hier

von den Bildern von Brouwer, Teniers, Frans Hals und anderen bekam er

wohl die erste Anregung zu seinem späteren Schaffen. „Ihre göttliche

Leichtigkeit der Darstellung malerischer Einfälle, ihre Unbefangenheit

eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, haben für

immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen“, gesteht er selbst.

Als letzten Studienort hat er sich dann München erwählt, wo er

allerdings mehr im Künstlerverein als in der Akademie saß, und wo

die „Fliegenden Blätter“ das erste Bild und die ersten Verse von ihm

brachten. Dann ging’s wieder für immer der Heimat zu. Über Düsseldorf.

Dort führte man ihn, der damals ob seines trockenen Humors in

Malerkreisen schon allgemein gefeiert wurde, jubelnd in den Malerverein

„Malkasten“, in der Hoffnung, daß dieser Märchenprinz aus Genieland

dieses verschlafene Dornröschen wachküssen würde. Aber man war bitter

enttäuscht von ihm; kein Spaß entschlüpfte inmitten der porzellanenen

Honoratioren seinem Munde. Endlich stand er auf und klopfte ans Glas:

Alles fuhr auf. „Wilhelm Busch wird reden“, und hundert neugierige

Augen sahen ihm auf den Mund, in Erwartung, was da herauskommen würde:

„Kellner! Noch einen Schoppen Mosel!“ sagte er und schwieg damit

definitiv.

Am andern Morgen fuhr er in die Einsamkeit nach Wiedensahl und schrieb

und malte dort ganz allein, „ohne wem was zu sagen“, wie er sich

ausdrückte, alle seine schönen Bildergeschichten auf. Und als es ihm

genug schien, schwieg er so beharrlich, wie damals im Düsseldorfer

„Malkasten“, und lebte friedlich in Wiedensahl bis auf den heutigen

Tag, auf keine andere Unterhaltung angewiesen als auf Bücher, Bauern

und das Jägerlatein des Försters am Abend in der Waldschenke. Er hat

sich niemals feiern lassen, und während andere berühmte Jubelgreise

sich zu ihrem siebenzigsten Geburtstag unter Tränen anreden lassen oder

im Kreise der lieben Ihren sitzen, tiefgerührt den Enkel auf dem Schoß,

bis dieser, ohne Respekt vor jenem Tag, sich unmanierlich benimmt, floh

Wilhelm Busch damals allein in die einsamen Tannenwälder, die Gott

sei Dank noch nicht das Reden gelernt haben. Früher las er viel im

Darwin und Schopenhauer, und abends, wenn die Leute in den Großstädten

Offenbach oder Blumenthal anhören, oder sich darüber freuen, daß einer

seiltanzen kann, ohne sich die Beine zu zerbrechen, dann holte er sich

Shakespeare und las sich bei der Lampe darin so glücklich, als wenn er

im Frack in der ersten Loge der Oper gesessen hätte.

Heutzutage, wo die Augen schon matter geworden sind, spielt er lieber

mit den Kindern herum oder sieht im Sommer den Bienen zu, die ihm noch

interessanter sind als eine Reichstagswahl, und raucht dabei Tabak,

soviel er paffen kann, und hüllt sich wie Zeus in blaue Wolken ein. Und

über kurz oder lang wird er eines nicht schönen Tages sterben, wenn es

einmal acht Tage hintereinander in grauen Streifen geregnet hat, oder

das Bier im Faß erfriert, und man rechte Lust auf das Grab bekommt,

wo man nicht mehr naß und kalt wird, und länger als acht Stunden

hintereinander schlafen kann, ohne von irgendeiner verfluchten Pflicht

geweckt zu werden. Und seiner Schwester Sohn, der Pfarrer in Wiedensahl

ist, wird ihn zur Ruhe bringen und über seiner Gruft folgende Predigt

halten: „Hier ruht in Gott und in Erde Wilhelm Busch, ein lachender

Philosoph, der letzte große Humorist, den wir Deutsche hatten. Denn die

bis dato nach ihm kamen, verdienen leider nicht den Namen. Amen!“

Homer

Der preußische Oberlehrer Traugott Semmelbart war gerade im Begriffe,

den Schülern seiner Oberprima die Schönheiten und Schwierigkeiten der

ionischen Sprachformen am siebzehnten Gesang der Ilias, der vom Streit

um die Leiche des Patroklus handelt, zu beweisen und zu erläutern. Sie

waren eben an der Stelle, wo es den griechischen Helden gelingt, den

nackten Leichnam, dem Hektor die herrliche goldene Rüstung Achills von

den Schultern gerissen hatte, fortzuschleifen, und wo ihr Dichter sie

den Trauermarsch zum Zelte des Achills antreten läßt. „Der Vers 722 war

falsch skandiert! -- Außerdem haben Sie später den Konjunktivus Aoristi

mit dem Imperativ verwechselt und in Vers 730 den Genitiv Singularis

mit dem Dativ Pluralis. Noch einmal die ganze Stelle von vorne!“

Also war des Oberlehrers Zensur ausgefallen, und der Oberprimaner

begann von neuem an den ionischen Versen Homers herumzubohren, zu sägen

und zu hobeln. Die Sonne Homers aber, die draußen schien, schaute

diesem fast noch mühevolleren Streite um die versifizierte Leiche des

Patroklus lächelnd durch die Fenstergitter zu und leuchtete gerade

auf die Stirne des an der Spitze der Klasse kämpfenden Oberlehrers.

Und siehe, unter ihrem Strahl geschah etwas Wunderbares, etwas, was

sich die alten Griechen nur unter der Einwirkung oder durch das

Dazwischenkommen irgendeines Gottes hätten erklären können. Traugott

Semmelbart unterbrach plötzlich seinen Schüler, klappte das Buch zu,

stieg auf sein Katheder und hielt hinter seiner Brille unvermutet eine

Ansprache:

„Liebe Schüler! Wir plagen uns nun seit zwei Uhr über dem Optativ, den

Synkopen, den Akzenten, den Endungen und dem ganzen Formenreichtum der

griechischen Sprache nicht anders, wie Menelaus und die beiden Ajas

gegen die Trojaner in Schweiß geraten sind. Es ist meine Pflicht, Ihnen

an der Hand des Homer die griechische Sprache zu verlebendigen. Aber,

nehmt’s mir nicht übel, ich habe manchmal das schlechte Gewissen, als

ginge der alte Homer dabei zu Tode. Vor lauter Nachdenken über alle

die schwierigen Worte sehen Sie schließlich die Bilder nicht mehr,

die dahinter stehen, und um derentwillen kennen wir Heutigen doch nur

unsern Homer, dessen Sprache tot ist gleich der Akropolis. So lassen

Sie mich Ihnen denn in dieser Stunde einen einzigen Rat für Ihr ganzes

Leben erteilen. Der lautet: Vergessen Sie den Homer +nach der Schule

nicht+! Dies griechische Buch, was Sie da in Händen halten, das mögen

Sie meinetwegen als Studenten schon verkaufen, um Bier oder Tabak

daraus zu machen. Das bißchen Jonische, das ich Ihnen eindrillen kann,

verlieren Sie ohnedies nach dem dritten Semester. Denn ich möchte den

sehen, der, wenn er nicht wie ich Altphilologe geworden ist, mir nach

zehn Jahren noch einen einzigen Vers aus der Ilias oder der Odyssee

ohne Wörterlexikon übersetzen könnte!

Nein, nicht um des Griechischen willen sollen Sie unsern Homer mir

nicht vergessen. Dieser Honig ist nur für die letzten Feinschmecker

bereitet. Sondern um seiner Kunst willen sollten Sie später, wenn Sie

nicht mehr an der Schulbank kleben, den Homer in dem körnigen Deutsch

des klugen Vater Voß immer von neuem genießen. Denn sein ist die Kraft

und der Reichtum und die Herrlichkeit in Ewigkeit, und solange es

Menschen gibt, die dichten müssen, wird Homer der erste ~praeceptor

poetarum~ bleiben. Goethe nahm seine ‚Odyssee‘ noch als Fremdenführer

mit nach Italien und las, als er um Siziliens felsige Küste herumfuhr,

die Abenteuer des klugen Dulders mit dem Zyklopen Polyphem. Er wußte,

daß der alte Homer, der Schöpfer der ganzen griechischen Kultur, die

Fibel ist, vor die man die Dichter setzen soll, ehe sie eine Nähnadel

zu beschreiben anfangen.

Denn -- und dieses können Menschen unter dreißig Jahren noch nicht

würdigen -- seine Kunst, Menschen und Gegenstände zu schildern, ist

bis zum Ende der Welt meisterhaft. Unter blauem Himmel hat er alles

gemalt, was es gibt, Segelschiffe, Pferdegespanne, Schilde, Waffen,

Meierhöfe, Mauern, Kleider, Webstühle, Flüsse, Meere und Berge. Man muß

nur daran denken, wie er die Dinge, die er beschreibt, zusammensetzt:

Einen Helden im Kriegskleid läßt er sich vor uns gürten und Stück für

Stück ankleiden, da steht er. Ein Schiff im Wind auf dem Meer läßt er

vor uns im Hafen langsam aufbauen, da fährt es. Einen Hund, der uns

interessieren soll, läßt er vor uns aufleben von seinem ersten Tage an

bis zu seinem letzten, daß wir wie auf ‚du und du‘ mit ihm stehen und

traurig werden wie beim Tode des alten Attinghausen, wenn er verlassen

und vergessen auf dem Miste liegt und beim Anblick seines nach zwanzig

Jahren heimkehrenden Herrn, des Odysseus, den kein Mensch erkennt,

schwach mit dem Schwanz wedelt und dann vor Erschütterung stirbt.

Niemals aber kommt es vor, daß sich Homer an seinen Gegenstand

verliert, weil er der naivste und darum der größte Dichter ist, den

die fünf Erdteile besitzen. Nicht kalt steht er bei seinen Geschöpfen.

Mit allumfassender Liebe sieht er alles an, den strahlenden göttlichen

Helden Achill, wie die kriechende, sterbliche Schildkröte auf dem

Sande davor. Und so wird alles warm für uns unter seiner Hand, das

Größte wie das Kleinste. Darum vielleicht dachten sich ihn die Griechen

blind, weil er nichts und niemanden bevorzugt und keinem andere Farben

mitgibt, als er im Spiegel hat.

Wie aber sind die Menschen, die er geschaffen hat? Es wäre leicht, +nur

das Schlechte+ an ihnen aufzuzählen: So wäre sein Agamemnon geizig

und feig, der Achill jähzornig und neidisch, Ajas dumm und furchtsam

und die Helena schwach und sinnlich zu nennen. Ja selbst sein Himmel

wimmelt von menschlichen Leidenschaften völlig unterworfenen Göttern,

und sein Zeus ist ein schlimmerer Sünder, als sich das Mittelalter den

Teufel vorstellte. Und wenn man seinen Olymp mit Luzians und Offenbachs

Augen anschaut, wird im Nu eine Parodie daraus. Und doch sieht man

seine Geschöpfe darum, weil er sie nicht verschönt und weiß oder

schwarz angestrichen hat, heute noch atmen und mit den Augen rollen,

seine Heroen und Götter und Frauen, wie man von den Bildwerken der

Antike sagt, daß sie nachts in den Museen aufwachen und miteinander

griechisch reden. Homers Himmel kennt keine Heiligen und seine Erde

keine Idealgestalten als Menschen, die leben, wie sie sind, ohne Scham

und ohne Reue, einzig nur das +griechische+ Gewissen kennend: ‚Erkenne

dich selbst und halte dein Maß!‘

Alles dieses aber zu fassen, zu verstehen und zu würdigen, reicht das

Gehirn von Achtzehnjährigen noch nicht völlig aus. Und darum, liebe

Schüler, ich beschwöre euch“ -- und hierbei klang des Oberlehrers

Stimme so einschmeichelnd und verführerisch, wie die Harfe im Palast

des Odysseus zum Schlemmermahl der Freier oder die Laute der Sirenen,

die den heimsegelnden Helden süßer als Vogellieder verlocken wollen

--: „Vergeßt den Homer nicht im Leben und lest bisweilen in ihm, ihr

mögt als Supernumerare, Schriftsteller, Pastöre, Ingenieure oder

Offiziere endigen! Laßt euch von ihm begleiten bis ins vierte und ins

achte Jahrzehnt eures Lebens! Und wenn ihr an eurem Todestage sagen

könnt: ‚Er ist mein bester Freund gewesen‘, werdet ihr reich ins Grab

hinuntergehen.“

Der Oberlehrer Traugott Semmelbart hielt auf einmal erschrocken im

Reden still. Seine Bäckchen waren vor Begeisterung ganz rot geworden,

wie die Schatten der Unterwelt, als sie wieder Blut getrunken. Er sah

auf einmal die Augen seines Primus höhnisch überlegen auf sich ruhen

und fühlte dunkel, daß die Bande der Ordnung in seiner Oberprima in

Verwirrung geraten würden, wenn er nicht schnell wieder die gewohnten

Zügel in die Hand nähme. Mit einem lauten Seufzer, ähnlich dem eines

Halbgottes, der zurück zur Erde kehren muß, wandte er sich von seinem

erhabenen Olymp zur griechischen Grammatik, stieg vom Katheder hinab

und sagte traurig: „Also, noch einmal, Brösicke! Von Vers 722:

ὣς ἔφαθ᾽, οἳ δ᾽ ἄρα νεκρὸν ἀπὸ χθονὸς ἀγκάζοντο.“

Cervantes

Wem heute ein Zahn weh tut oder der Magen schmerzt, der läßt sich

Metall in den Mund oder Pillen in den Magen legen. Oder wer in der

Nacht aufwacht und Herzklopfen verspürt, der rennt am andern Tag in der

Frühe zum Doktor, zieht sich aus, läßt sich beklopfen und behorchen,

und später massieren, elektrisieren oder gar hypnotisieren. So von zehn

Spezialärzten begleitet, lebt der moderne Mensch sein Leben dahin. Wird

er kränker, so legt er seinen Leib in warme Bäder hinein, und wird

er sehr krank, so stiftet er sich einem Sanatorium und läßt ein paar

Wochen lang geduldig allen heilsamen Hokuspokus mit sich geschehen. So

war es vor dreihundert Jahren, da Shakespeare und Cervantes lebten,

noch nicht. Man fragte nach dem Leben des einzelnen nicht viel und noch

weniger nach seiner Gesundheit. Wer sterben sollte und der Roßkur des

Daseins nicht mehr gewachsen war, den ließ man ohne viel Arzneien und

ohne lateinische Worte sterben.

Hier ist ein Brief von dem Dichter des Don Quixote aus dem Jahre

1578, der beweist, wie wenig man sich um das Wohlergehen, ja das

Vorhandensein eines einzelnen Menschen bekümmerte, der noch dazu der

größte Genius werden sollte, den Spanien der Welt zu vergeben hat.

Der Brief des Cervantes ist aus Algier datiert, wo der Dichter damals

als Gefangener des Deys Hassan Aga lebte, sofern man das Dasein eines

Wurmes „Leben“ nennt, und ist an seinen Bruder Rodrigo gerichtet.

Dieser Rodrigo war mitsamt seinen Bruder auf der Fahrt von Sizilien

nach Spanien von algerischen Piraten gefangengenommen worden, war aber

durch ein Lösegeld, das die gute Mutter Cervantes’ zusammengebettelt

hatte, aus der Sklaverei losgekauft und befand sich nun, Zigaretten

rauchend und nichtstuend, wieder am Manzanares. Der Brief des Cervantes

an diesen glücklichen Bruder lautet nun folgendermaßen:

„Ach, mein teurer Rodrigo, mir ist es eselsschlecht ergangen, seitdem

Du dieses Gestade verlassen hast. Mit einem ‚Ach!‘ beginne ich wie

diesen Brief so alle meine Tage. Denke Dir, ich habe einen noch

greulicheren Herrn gefunden, als der erste war. ‚Der lügt wieder

einmal!‘ wirst Du Dir denken, ‚denn das ist schlechterdings nicht

möglich.‘ Aber ich schwöre Dir bei meiner linken Hand, die ich, wie Du

und die Welt weiß, in der glorreichen Schlacht bei Lepanto wider die

Türken verlor, und die nun im Himmel droben auf mich wartet, daß dem

wahrlich so ist. War schon mein erster Tyrann grausamer als Pontius

Pilatus, so war er ein kupierter Hammel gegen den jetzigen. Dieser,

der kein anderer als der Dey von Algier selber ist, ist so tückisch,

daß der Teufel selbst nicht mit ihm zu Mittag speisen würde. Sein

Haus ist mit Ohren und Nasen tapeziert, die er den Gefangenen bei den

geringfügigsten Anlässen abschneiden läßt, und man sagt, er könne

abends nicht einschlafen, ehe er nicht mindestens zwei Christen sich zu

Tode heulen gehört hätte.

Jüngst hatte er mich zu zweitausend Stockschlägen verurteilt. Aber

beim zweiten Schlag mußten sie aufhören, denn beim dritten wäre ich

gestorben vor Wut, daß sie einen Hidalgo zu schlagen wagen. Sie schonen

mich aber, weil sie hoffen, noch mehr Lösegeld als Ohrenschmaus aus mir

herauszuschlagen.

Du kannst Dir ausmalen, was ich unter einer solchen Bestie

durchzumachen habe. Tagsüber mag es noch hingehen, denn man muß

arbeiten, bis man nichts mehr denkt und fühlt, es sei selbst, daß einem

eine Kanone über die Hühneraugen führe. Auch denke ich, wenn ich neben

den anderen Sklaven auf der Galeere mit Ketten angeschmiedet dasitze,

wohl an Kolumbus, der auch Ketten tragen mußte, und es vielleicht noch

schlimmer hatte als ich, und der nun doch in der Seligkeit sitzt und

lacht. Aber des Nachts weiß ich mir oft nicht zu raten und zu helfen

vor Qualen und Schmerzen. In ein graues Wollentuch gewickelt, werde

ich nicht anders denn wie in mein Grab nebst zween anderen in eine

leere Zisterne hineingelassen. Die Heiden decken ein Brett und ein paar

Steine darüber, daß wir nicht entwischen, und nun hocken wir drei uns

schlafen, nachdem wir vorher zur Madonna gebetet haben. Die Finsternis

und der üble Geruch möchten noch angehen, wiewohl die Hölle, wo sie

am tiefsten ist, nicht schlimmer duften kann, als der Rauchfang, in

dem man uns verfaulen läßt. Das Greulichste aber von allem ist das

Ungeziefer, das wir armen Schächer mit unserm letzten bißchen Blut

ernähren müssen. Du erinnerst Dich dieser Menschenfresser sicherlich

noch aus Deinen türkischen Tagen, Bruderherz. Aber sie treiben es itzo

toller als jemals. Morgens, wenn ich mich aus meinem grauen Leichentuch

herausschäle, glaube ich stets wieder die Schlacht von Lepanto, in der

ich wie Du und die Welt weiß, die linke Hand verlor, mitgemacht zu

haben, so voll Blut ist alles.

Kurzum, ich glaube, daß ich, dies alles zusammengerechnet, nicht mehr

lange zu leben haben werde. Halb sterbe ich vor Elend und halb vor

Mitleid, denn der Jammer um mich herum sticht mich oft mehr als alle

Flöhe zusammen. Vollends seit dem letzten Fluchtversuch, der uns durch

den Verrat eines Judas mißlang -- der Teufel möge ihm darum dermaleinst

jeden Tag den Leib aufsägen und heißes Blei hineintröpfeln! -- sind

alle Christen hier verzweifelt, und jeden Abend muß ich wie ein

Proviantmeister meinen Mut unter uns austeilen, bis ich schließlich

selbst keinen mehr habe.

Darum bei den Schutzheiligen unserer Familie beschwöre ich Euch,

Rodrigo, ruhet nicht eher, Ihr hättet mich denn aus dieser Mausefalle

befreit, darin man nur die Schalen vor allem zu essen bekommt, dieweil

der Satan seine Heiden uns vor Augen die Früchte selbst schnabulieren

läßt. Ich habe kaum fünf Zähne mehr im Munde, und diese fünf stehen

alle so verzwickt voneinander, daß ich meine ganze Mathematik

zusammennehmen muß, um eine Rinde altes Brot kleinzukriegen.

Male also der Mutter mein Los in rabenschwarzen Farben und sage ihr,

wenn sie keine Rabenmutter sein wolle, so möge sie das Lösegeld für

mich zusammenbringen, ganz einerlei wie. Sie soll irgendeinem Adligen

bei Hofe weismachen, daß seine Mutter eine Nichte des Onkels vom

Schwager meines Vaters war, oder daß, wie dies wahr ist, das Blut

des Geschlechts der Habsburger, aus dem der König -- Gott segne ihn!

-- selbst entstammt, in uns fließt, und daß es unrecht sei, daß ein

Nachfahre solchen erlauchten Hauses mit diesem Blute die algerischen

Flöhe füttern müsse.

Wahrlich, ich sage Dir, mir ist oft zumute, als sei ich zu Besserem

geboren, als hier mich verschimmeln zu sehen, und ich verspüre

bisweilen einen unendlichen Hunger danach, meinen Namen durch die

Gassen von Madrid schreien zu hören. Wenn ich wieder frei bin -- ich

weine, da ich dieses schreibe --, und erst die Vögel spanisch singen

höre, will ich lachen, wie noch niemals einer gelacht hat, denn ich

weiß, daß es kein Mensch und kein Tier auf der ganzen Welt schlechter

haben kann, als ich es gehabt habe.“

Als der Mann, der diesen verzweifelten Brief geschrieben haben würde,

wenn er Schreibpapier gehabt hätte, heimgekehrt und fünfundfünfzig

Jahre alt geworden war, schrieb er mit seiner +einen+ Hand und seinem

ganzen Herzen das Leben und die Taten des edlen Don Quixote auf und

wurde damit berühmter als alle Spanier, die vor ihm und nach ihm gelebt

haben. Dieser Don Quixote, der nirgends als in dem Kopf des Cervantes

gehaust hat, ist der große Witz, den eine neue Zeit auf das Mittelalter

gemacht hat.

In diesem Roman wird die ganze alte Empfindungswelt mit ihren

Troubadourliedern, Schäferromanen und ihrem Rüstungsgeklapper von der

Natürlichkeit zu Tode gekitzelt. Darum sollte man im Geiste stets

Cervantes’ Bild neben das des Kolumbus hängen, weil er, wie jener,

die alte Welt verlassend, eine neue Welt entdeckte. Denn er war der

erste Dichter, der sich über das Heldentum und die Liebe, dieses

Grundeigentum aller Poeten, lustig machte und sitzt als Primus auf

der Bank der Spötter, auf der wir heute Shaw und Wedekind gefeiert

sehen. Er hatte in seiner göttlichen Naivität keine Ahnung von seiner

übermenschlichen Bedeutung, und sah, als er sein Werk vollendet hatte,

zu seinem Erstaunen, wieviel sich hineindenken ließ, und wie über

seinen Helden nicht nur gelacht, sondern mehr noch geweint werden

konnte. Wir aber wollen seine Bilder nicht durch Begriffe verwischen,

sondern sie ansehen und anhören, wie große Visionen eines, der mit

einem heiteren und einem nassen Auge eine tote Zeit zu Grabe trägt.

Bei dem Don Quixote des Cervantes kam noch hinzu, was der Dichter

freilich nicht ahnen konnte, daß er damit ein Selbstbildnis der

spanischen Nation aufzeichnete, wie es kein Volk der Erde sonst

besitzt. Denn der Anfang eines neuen Spaniens, den man mit der

Entdeckung Amerikas gemacht wähnte, war nur der Beginn eines traurigen

Abc, das heute schon bis W hinunterbuchstabiert ist. So teilte sich die

Abendröte eines sterbenden Landes auch diesem Romane seines komischen

Helden mit, und als wir weiland Spanien mit großen Worten und lecken

Schiffen in den unglücklichen Kampf um Kuba aussegeln sahen, glaubten

wir nicht anders, als daß wir noch einmal den Auszug des unseligen Don

Quixote erlebt hätten.

William Shakespeare

Es kann an einem schönen Sommertag des Jahres 1612 gewesen sein, als

der Komet Shakespeare, ein Mann von siebenundvierzig Jahren, in seine

Heimatstadt, nach Stratford zurückkehrte. Er war fast fünfundzwanzig

Jahre lang in der Fremde gewesen, in London, wo er als Schauspieler

und späterer Theaterleiter ein Vermögen erworben und seinen guten

Ruf verloren hatte. Wie der Abdruck seines Gewerbes an der Hand des

Färbers, so klebte die Schmach seines verachteten Gewerbes an ihm.

Während die fünfundzwanzig Jahre mit Sonnenschein und Regen, mit Donner

und Blitz und Ungewitter über seine Seele gezogen waren und in diesem

Spiegel Gestalten wie Cäsar, Hamlet und König Lear hineingeschaut

hatten, war es in Stratford ganz wie früher geblieben.

Dort floß noch das Flüßchen, in dem er als Knabe gebadet hatte, wie ein

silberner Fisch im Morgenlicht dem Meere zu. Da grünten die Wiesen, und

Kühe rupften das Gras. Und am Abend, wenn die Nebel steigen, würden

wieder die Elfen kommen und tanzen und Oberon und Titania Hochzeit

feiern, wie er es einstmals aus jungen träumenden Augen belauscht

hatte. Dort war der Abhang, auf dem er immer gelegen hatte, die Chronik

in der Hand, aus der ihm Richard III. und Falstaff und Heinrich IV.

erschienen waren. Dort blühte die Hecke wieder, hinter der er zuerst

geweint hatte, und hinten rauschte der dunkelgrüne Busch, in dem er

gewildert und das Gruseln gelernt hatte.

Ging man ein wenig höher, so kam man auf eine öde Halde, wo ihm

einstmals am Abend die Hexen begegnet waren -- er sah sie noch ganz

deutlich vor sich --, wie sie kichernd und heulend giftige Kräuter

sammelten. Dort stand noch das Rathaus, düster und verwittert und stolz

auf sein Alter, in dem er zum erstenmal Menschen in bunten Trachten

Verse sprechen hörte und bei sich dachte, wieviel herrlicher dies sei,

als toten Kälbern das Fell über die Ohren zu ziehen und Handschuhe

daraus zu machen, ein Gewerbe, das er damals betreiben mußte.

Schattenbilder · 第 11 / 21 段