am blauen Pantheon des Himmels über das Dach des Dichterhauses, wie die
großen Gedanken der Menschheit: Gott, Liebe, Leben und Vergehen über
die Stirn des Poeten darin gezogen waren. Er selbst hielt gerade seinen
gewohnten einstündigen Nachmittagschlaf. Nach ihm erwartete er den
Maler zum Kaffee in der Gartenlaube, um ihm vor dem Abend noch einmal
zu sitzen. Der Künstler hatte sich inzwischen vor das angefangene Bild
gestohlen. Es stand in der Glasveranda des Hauses, weil hier das beste
Licht zum Malen war. Mißvergnügt über sein Werk, das ihn noch nicht mit
dem warmen Blick des Lebens anschaute, pinselte und strichelte er ein
wenig daran herum.
„Könnte man doch dem alten Dichter leibhaftig den Kopf abnehmen
an seinen langen schlichten eisgrauen Haaren, die ihm bis auf die
Schultern reichen, und ihn dort in den Rahmen für Schweinfurt
hineinsetzen!“ grübelte der Maler in seinen unglücklichen Geburtswehen.
„Er trägt ohnedies schwer an seinem gewaltigen Schädel, seitdem ihn
seine angebetete Frau Luise verlassen hat. Und wenn er keine so starken
Knochen hätte, wär’ er wohl schon unter dem Schmerz der Witwerschaft
zusammengebrochen, der seinen greisen Pastorenkopf zerknittert hat, wie
ein Gewitter ein reifes Ährenfeld. Ein komisches knorriges Gesicht!
Zu den ewig gerunzelten Augenbrauen, die ständig auf schlecht Wetter
stehen und keins der genossenen Lebensjahre zurückwünschen, will der
liebenswürdige ausdrucksvolle Mund nicht passen, der von Weisheiten und
Versen überläuft wie ein Brunnen, den das schmelzende Eis des Parnasses
nährt. Könnt’ ich nur den richtigen Ausdruck erwischen“, ächzte der
Maler, an seinem Handwerk verzweifelnd. Er wandte sich, die neue
Sitzung herbeisehnend ins Haus. Das breite sogenannte „Gute Zimmer“
neben der Veranda war von der verstorbenen Frau ganz den Bildern und
Andenken ihres Friedrichs vorbehalten. Und der Dichter achtete scharf
wie ein kleinstaatlicher Zollvisitator darauf, daß nicht das geringste
hier verschoben oder anders eingerichtet würde, wie es seine selige
Luise angeordnet hatte. Da hing an der Wand des von den Linden draußen
verdunkelten Zimmers des Dichters Silhouette als Würzburger Student
der Philologie. Und dort auf dem Nähkästchen seiner Frau über der von
ihr fein gehäkelten Decke lagen seine ersten Verse. Seine „Deutschen
Gedichte“, die er noch unter dem bescheidenen Namen „Freimund Reimer“
veröffentlicht hatte. Darunter waren seine 46 geharnischten Sonette, in
denen er mit papierenem Schwerte Napoleon bekämpft und ihm zweimal die
23 Stiche, mit denen einst die Verschwörer den Cäsar trafen, versetzt
hatte, der sonst so friedfertige Jüngling, der zu zart war, um mit
in die wirklichen Schlachten hinauszuziehen. Das Hauptzierstück des
Zimmers aber war ein großer Kupferstich nach dem Stielerschen Gemälde
von Goethe. Mit seinen sonnenhaften Augen schwebte der olympische
Vater des ganzen neuen deutschen Dichterhimmels über diesem Raum wie
sein Genius über der Poesie Rückerts. Bescheiden wie der Mond, der
sein mattes Licht einer stärkeren Leuchtkraft entlehnt, hing darunter
die bekannte Zeichnung, die Carl Barth, der Kupferstecher, von seinem
geliebten „Rückerto“ gemacht hatte. Sie stammte aus Rückerts römischer
Zeit Anno 1817 nach den großen Kriegen, da dort unter dem Vorsitz des
für Teutschland erglühenden bayrischen Kronprinzen Ludwig ein geistiges
~Coenaculum~ bestand, dem die Nazarener ihr Öl und die Historiker
Niebuhr und Bunsen ihr Salz beimischten. Ein Gedicht in Faksimile hing
eingerahmt darunter. Das begann:
„Als wir an der Ponte Molle saßen
Und das Leid der Welt im Wein vergaßen ...“
Der Dichter selbst aber sah finster aus seiner Zeichnung herab. Mit
dunklen stechenden Augen in schwarzer altdeutscher Burschentracht
und mit offenem Kragen, das kriegerische Schnurrbärtchen der
Befreiungskämpfer und Sänger um die Lippen. Düster wie Simon Magus
war er einst so durch Rom gewandelt, dem er innerlich fremd geblieben
war. Ihn hatte es viel mehr nach dem Orient gezogen. Und in Wien, wo
dieser beginnt, war ihm weit heimischer zumute gewesen, als an der
Tiber, die Goethen beseligte. „Zur Erinnerung an den Winter in Wien“
stand unter der Zeichnung, die an der Wand gegenüber hing. Es war
Joseph von Hammer-Purgstall, der erste und größte Orientalist, der den
einstigen Freund aus seinem Rahmen anschaute, mit dem Einverständnis
aus der gleichen Liebe zum Osten, die sie verbunden hatte, bis sie über
die Aussprache einiger persischer Wörter sich nach Professorenweise
miteinander verkrachten.
Der Maler, der sich die Vergangenheit seines Dichters an den Wänden
seiner guten Stube betrachtet hatte, stöhnte: „Das gibt mir alles nicht
mehr den richtigen Ausdruck für ihn“ und begab sich zu der Laube,
wo er sein lebendes Modell erwarten sollte. Leise schritt er durch
den Garten unter den Bäumen, die der Dichter, der sich nach seinem
eigenen Geständnis weit besser darauf verstand, Bäume zu züchten und
zu veredeln als Studenten der Philologie und zünftige Orientalisten
heranzubilden, meist selbst gepflanzt hatte. Da, wie der Maler in den
Seitenpfad zur Laube biegen wollte, sah er den greisen Poeten schon
dort liegen. In edler Verdrossenheit und Ungeselligkeit, zwischen
den türkischen Bohnenblüten, mit denen die Laube eingefaßt war. Sie
nickten ihm freundlich zu, wie die mit weißem Turban oder rotem Fes
geschmückten Häupter der morgenländischen Dichter, die er übersetzt
hatte, ein Dschami, ein Saadi, ein Dschelaledin Rumi, ein Hariri und
Firdusi im Geist ihn grüßen mochten.
Lang ausgestreckt auf seinem Rücken lag er da, des Dorfamtmanns Sohn
aus Frankenland, seiner liebsten Gewohnheit gemäß ins Anschauen Gottes
versunken, und lauschte auf das Klirren des Bächleins, das an seinem
Haus vorübersprang. Die lange Pfeife lehnte neben ihm und mischte ihren
Duft mit dem Kaffee, den man ihm gebracht hatte, dem würzigen Getränk
Arabiens, wie er sein reines Deutsch mit dem Indischen, Hebräischen,
Persischen und Chinesischen vermählt hatte. Auf seinem Schoß lag
ein Notizbuch. Darein schrieb der Alte ab und zu mit seiner klaren
zierlichen Handschrift, mit der er die gesamte Literatur des Ostens
exzerpiert hatte, einen Vers, den er sich leise vorsprach, indes
die Hummeln seinen glatten Mund umsummten. Wieviel hunderttausend
Reime waren ihm nicht entflogen seit seinem ersten Kindergedicht! Es
gab nichts in der Welt für ihn, das sich nicht bedichten ließ: Der
Tod eines Kindes so gut wie die Ablehnung einer Einladung oder das
Ausfliegen eines Kanarienvogels oder das Heldenmädchen Prohaska oder
der Abschied eines Dienstboten oder die Württemberger Verfassung oder
ein verstauchter Fuß oder das Frankfurter Rumpfparlament. Auf alles
fand er einen Reim. Hatte er doch zum Spaß ihrer sechsundzwanzig allein
auf das Wort: „Märchen“ aufgestöbert.
Am liebsten freilich waren ihm die Reime „Mein“ und „Dein“, so
wie er als Mann auch stets den Gleichklang auf sein Ich und die
Hälfte, die ihm zum Ganzen fehlte, gesucht hatte. Von Agnes Müller,
der frühverstorbenen, angefangen über Marielies, die Thüringer
Wirtstochter, die er unter dem Blumennamen „Amaryllis“ besang, trotzdem
sie ihn verschmähte und seine Gedichte -- o Tod jeder Dichterliebe!
-- zerriß, bis zu Luise, der Braut und Gattin, der er seinen vollen
Liebesfrühling in den Schoß geschüttet hatte.
„Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.“
Selbst die weißgestrichenen Pfosten der Laube waren mit Reimen gefüllt,
mit ~versus memoriales~, die der Dichter, der außer seinen Briefen
keine Prosa schrieb, und der seinem eigenen Geständnis nach nur in
Versen denken und fassen konnte, dort hingekritzelt hatte. Neben der
Kaffeekanne auf dem Tischchen lagen drei Bände seiner Dramen, die kein
Mensch las, außer ihm selber. Im Banne Calderons, der ihm wie der Dämon
dem heiligen Cyprian mit magischer Gewalt im Nacken saß, hatte er in
ihnen den König Arsak von Armenien, Saul und David, Herodes den Großen,
Kaiser Heinrich den IV. und Cristoforo Colombo bedichtet und sich fast
krank geärgert, als keine Bühne gierig danach griff. Doch, um den alten
Poeten über diese nie vernarbte Wunde zu trösten, stand dicht neben
diesen totgeborenen Werken eine Vase voll hundertblättriger Rosen die
seine sorgliche Tochter dorthin gerückt hatte und duftete ihm wie die
sechs Liedersträuße zu, die er einst im Liebeslenz gewunden hatte.
So lag er dort auf seiner Gartenbank zwischen seinen Blumen, seinen
Versen und seinen dramatischen Schmerzenskindern, der ungesellige
greise Dichter. Wie ein morgenländischer Zauberer sah er im Schmuck
seiner langen Haare aus, indes seine knochigen Wangen noch von dem
Wein, den er beim Mittagsmahl genossen hatte, wie die des Hafis gerötet
waren. „Könnt’ ich ihn so aus der Natur wegstehlen“, dachte der Maler,
der ihn lange von ferne betrachtete, den weisen Brahmanen, der Verse
fangend in den Himmel schaute. Um das ländliche Bild des Stillebens
eines deutschen Dichters zu vollenden, spielte sein Enkeltöchterchen,
ein kleiner Blondkopf, um ihn herum. Sie wartete darauf, daß er ihr
ein Märlein von dem Bäumchen, das andere Blätter gewollt, oder vom
Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen, erzählte. Jetzt
reizte das goldene Medaillon an der Uhrkette des Großvaters besonders
ihre Neugier. Listig und leise machte sie sich an ihn heran, der mit
den poetischen Geistern der Luft zu sprechen schien. Vorsichtig öffnete
sie das Schlößchen, das die beiden Goldkapseln zusammenhielt. „Wer
ist das, Großväterchen?“ rief sie, erstaunt auf die beiden Bildchen
blickend, die darin waren. Sanft erschrocken, schaute der greise
Dichter zur Seite. Er sah seine über alles geliebte Luise als Braut und
als Silberbraut in den Händchen der Kleinen und einen Schimmer der
Ähnlichkeit mit seiner Frau auf dem Gesichtchen der Enkelin leuchten.
Die Tränen traten ihm in die Augen. Und jetzt -- das war der richtige
Ausdruck für den greisen Dichterkopf, wie der Maler ihn suchte -- jetzt
legte der Gottesfürchtige seine morsche Hand zum Segen auf den blonden
Scheitel der Kleinen und flüsterte mit seiner immer leisen Stimme:
„O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war!“
Geibel
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Jungen, die sich
heute auf der deutschen Schaubühne herumlümmeln und der anständigen
Kunst die Luft wegnehmen, die wenige, die ihr die seichte, zuchtlose,
französische Schwankliteratur übrig läßt, Gott sei’s geklagt!“ Der
Mann, der das sagte, war ein bleicher Sechziger. „Unser Geibel“ nannten
ihn seine Lübecker. Er trug eine violette Samtjacke und ein schwarzes
Samtkäppchen, unter dem sich zu beiden Seiten und nach hinten schöne
Reste kühn geschwungener weißer Locken hervortaten. Er saß auf einem
roten Plüschstuhl. In der einen Hand hielt er ein Manuskript, dessen
Goldschnitteinband in dem Licht der roten Ampel glänzte, die auf dem
Sekretär neben ihm brannte. Mit der andern Hand schlug er zuweilen
zur rhythmischen Begleitung der Verse, die er vortrug, oder auch zur
Bekräftigung seiner Ansichten auf die mit zwei Löwenköpfen aus Messing
geschmückte Armlehne seines Plüschstuhles. Jetzt fuhr er fort, aus dem
sauber und deutlich wie ein hanseatisches Konossement geschriebenen
Manuskript in seiner Linken vorzulesen, in das er freilich kaum
hineinzublicken brauchte, so geläufig waren ihm die Verse.
+Brunhild+: Nieder in den Staub, du Schlange, die mit gift’ger Zunge
sticht!
Lügnerin!
+Kriemhild+: Die Wahrheit sprach ich und dein Grimm verlöscht sie
nicht!
+Brunhild+: Schweig! Wie Flaumen in die Lüfte blas’ ich deiner
Märchen Bau.
+Kriemhild+: Glauben willst du nicht dem Worte, rasend Weib, wohlan,
so schau! Kennst du diese Doppelspange: Dir vom Gürtel kam sie nie!
Bis der Held dich unterjochte -- -- --
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Kennst du sie?
+Brunhild+: Gaukelspiel der finstern Mächte!
+Kriemhild+: Antwort gib!
+Brunhild+: Wie Rabenflug
Schwirrt es düster mir vor Augen. Aber nein! Es ist ein Trug
Du entwandest sie!
+Kriemhild+: Du wagst es?
+Brunhild+: Räuberin!
+Sigrun+: Laßt ab vom Streit!
Dort vom Schlosse naht der König.
+Kriemhild+: Wohl! Er kommt zur rechten Zeit.
„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Dichterlingen und
modernen Schmierfinken, die unser Theater schänden!“ unterbrach
der Dichter seine Vorlesung. „Das ist echt dramatisch. Nicht zum
Einschlafen langweilig wie das Stabgereime eines Richard Wagners, bei
dem einem übel werden kann wie Gunthers Weibe in seiner verblasenen
Götterdämmerung! Vermutlich weil sie das endlose Vorspiel der drei
Nornen auf dem Walkürenfelsen mitanhören mußte. Die ganze hehre Edda
ist uns durch diesen unsittlichen Sudelmusikanten verzerrt und in den
Kot gezogen worden.
Auch meine Szene ist gewagt, ich geb’ es zu. Aber der gewaltige Dichter
des Nibelungenliedes hat sie nun einmal überliefert. Und ich glaube,
daß ich nicht gestrauchelt noch ausgeglitten bin, wie es leider einem
Hebbel an solchen schlüpfrigen Stellen zuweilen widerfahren ist.
Selbst den Gürtel, den er, dem Liede folgend, die rasende Kriemhild
der Nebenbuhlerin vor dem Münster zeigen läßt, hab’ ich als anstößig
vermieden und geb’ ihr nur seine Doppelspange. Was auch nur im
kleinsten über die Grenzen des Sittlichen hinausschweift, ist nicht
mehr ‚+schön+‘ nach den ewigen Grundbegriffen der Ästhetik. Irret euch
nicht, ihr herumvagierenden Ritter der Moderne! Gott läßt seiner nicht
spotten. Hab’ ich nicht recht, meine Lieben?“
Sein kleines Auditorium, das wie gewöhnlich aus seiner einzigen
Tochter Marie, ihrem Manne, dem soliden Rechtsanwalt Doktor Fehling,
und seiner rührend um ihn besorgten Nichte Bertha bestand, beteuerten
mit Kopfnicken, Brummen und Zärtlichkeiten die Richtigkeit seiner
Behauptungen und Befürchtungen. „Item, ich fahre fort“, kündigte
der Alte jetzt als sein eigener Heroldsruf mit erhobener Stimme an:
„+Gunther+ tritt auf im königlichen Schmucke.
+Gunther+: Welch ein Zwist! Wer ist’s, der frevelnd unsrer Hofburg
Frieden brach?
+Brunhild+: Schütze, räche mich mein Gatte, räche deines Weibes
Schmach!
+Gunther+: Was geschah?
+Brunhild+ (weist auf Kriemhild): Es spricht die Stolze -- meine
Lippe bebt vor Scham,
Daß nicht deine Kraft, daß Siegfried mir zur Nacht den Gürtel nahm.
+Gunther+: Wort des Unheils! Wehe!
+Sigrun+: Wehe, daß du diesen Zwist begannst!
+Brunhild+: Brich die Lästrung! Richte! Räche!
+Kriemhild+: Straf’ mich Lügen, so du kannst!
+Brunhild+: Ha! Du schweigst? Du zögerst? Rede! Bei der Hölle
Pforten, sprich!
War es Siegfried?
(Gunther schweigt)
+Die Jungfrauen+: Wehe! Wehe!
+Kriemhild+: Sein Verstummen richtet dich.“
Der Dichter hatte seine Stimme, so sehr er konnte, entfaltet. Wie
Theater-Donnerrollen dröhnte es durch die niedrige Lübecker Wohnstube.
Aber plötzlich brach er ab und heftete seine funkelnden blauen Augen
angstvoll ins Leere. Die Krankheit, die ihn allnächtlich um die elfte
Stunde wie ein stygischer Schatten heimzusuchen pflegte, trat heischend
hinter ihn und nahm ihm die Kraft, weiter zu deklamieren. Nur ein
paar Bekräftigungen seiner selbst ließ er, den das Glück überall, nur
nicht auf dem Theater angelächelt hatte, noch gegen die Dämonen der
Zweifelsucht los: „Was! das ist dialektisch gebaut! Ein Äschylus würde
sein Ergötzen daran haben. Traun! In der Form steh’ ich hinter keinem
zurück. Wie knapp Rede und Gegenrede aufeinander folgen! Meist nur in
einem Vers! ‚Stichomythie‘ nannten das die Griechen. Schade, daß ich
nicht mein eigener Kommentator sein kann! Ich könnte mehr aus meinen
Werken herauslesen als Bulthaupt von Bremen und dieser naseweise
Freytag. Ja, ja! man muß scharf zusehen bei mir, meine Herren Kritiker!
Die Stelle, die ich euch vorlas, bedeutet die Peripetie des Dramas, den
vorgeschriebenen Wendepunkt im Schicksal der Heldin, das von nun an der
Katastrophe zueilt. Ihr könnt euch den Aufbau meiner Stücke an einer
Pyramide klarmachen.“ Er zeichnete mit zitternder Hand eine solche
Figur in die Luft. „Seht ihr! Das war die Spitze, zu der ich meine
Brunhild führte. Jetzt geht’s bergab mit ihr. ‚Αὖτις ἔπειτα πέδονδε
κνλίνδετο λᾶας ἀναιδής‘, wie Allvater Homer singt, was unser plumper
alter Voß, vergröbernd wie immer mit: ‚Hurtig wie Donnergepolter
entrollte der tückische Marmor‘ übersetzt hat. Ich hätte ihm gerne die
Hand führen mögen bei manchen Versen des Joniers, meinem Nachbarn, dem
etwas grobschichtigen Alten von Eutin.
Hab ich’s euch recht gemacht mit meinem Vorlesen? Ich sag’ euch,
die Ziegler selbst ist zu matt an dieser Stelle, die freilich die
Kraft einer Göttin verlangt. Wahrlich! stellt das nicht alles in den
Schatten, womit sich dieser wabernde, wollustwühlende, wahnwitzige
Wagner an den Nibelungen versündigt hat?“
Die Nichte gab heimlich über seinem Kopf den beiden andern das Zeichen
zum Aufbruch. Allzu große Aufregung verschlimmerte die nächtlichen
Leiden des Onkels. Das wußte sie aus peinlicher Erfahrung. Tochter
und Schwiegersohn verabschiedeten sich denn auch unter den üblichen
Beifallsbestätigungen. „Nun? Bin ich wieder einmal zu heftig gewesen,
mein Nichtchen?“ meinte der greise Dichter, als sie beide allein waren,
schelmisch lächelnd. „Hab’ ich diesen Wagner wieder ~ad posteriora~
vorgenommen? Schon recht, ~Mimosa pudica~! Reich’ mir nur die Büchse
her. Ich verurteile mich selbst zu dem üblichen Strafschilling.“
Er ließ, noch immer neckisch, eine Mark in die von der Nichte ihm
vorgehaltene Sparbüchse fallen. Es war dies das Strafgeld, das er
für jede in Gegenwart von Damen gemachte gewagte Äußerung in seinem
Hause eingeführt hatte. „Da ist mein Obolus“, fügte er hinzu, und sein
Gesicht bekam plötzlich einen sinnenden Ausdruck, als wäre ihm bei dem
harten Fall des Geldstückes zu Bewußtsein gekommen, wie bald er so dem
Charon das letzte Fährgeld über den Totenstrom zahlen müßte.
„Umsonst entziehn dem blutigen Mars wir uns,
Dem Wogensturz der heulenden Adria,
Umsonst zur Herbstzeit ängstlich meiden
Wir den verderblichen Hauch des Südwinds.
Wir sehn trotzdem durchs Dunkel den stockenden
Kocyt einst schweifen -- -- -- --“
wie sein geliebter Horaz, dessen fünfzig schönste Oden er übersetzt
hatte, seinem Postumus klagt.
Die Nichte hatte behutsam die gestrickte Decke von den Knien des Onkels
fortgezogen, der sich nun, von ihr gestützt, ächzend aus dem weichen
Plüschstuhl erhob. „~Eheu fugaces, Postume, Postume labuntur anni!~“
sprach er, nachdenklich die langsam verblühenden Wangen der Nichte
tätschelnd. Sie wandte sich etwas frierend von seiner kalten Hand zum
Mahagoni-Büfett, einen silbernen Teelöffel aus dem Dutzendkästchen für
den Grog des Onkels zu holen, der ihm vor der Nachtruhe an sein Bett
gebracht werden mußte.
Langsam ging der greise Poet seinem Schlafzimmer zu. Vor dem
lebensgroßen Ölbild seiner verstorbenen Frau Ada Geibel, geborenen
Trummer, blieb er wie jeden Abend zu einer kurzen Andacht stehen.
Im Reifrock der Mode von 1850 aus blauem Taft mit breiten Volants
hing sie dort, wie ein Engel schon über ihm schwebend im Reichtum
ihrer Locken, die, wenn sie losgeschürzt waren, wie ein schwarzer
Wasserfall ihr bis an die Knie gereicht hatten. Sie schaute mit ihren
braunen Rätselaugen an ihm vorüber in das Himmelreich, in das sie ihm
vorangegangen war. Nur drei Jahre war sie sein gewesen. Aber er war
ihr treu geblieben, er, der Pastorensohn. Über die Jahrzehnte hinaus,
die sie jetzt von ihm trennten. „Anders wie jener französierte Heine,
der aus seinem Herzen einen Rangierbahnhof gemacht hat!“ knurrte er in
seinen geschweiften Knebelbart. Sein Fuß stieß an die Laute, die an die
Palmen und Blattpflanzen vor ihrem Bilde gelehnt war. Sie klang wie das
gebrochene Herz der Sappho auf Mytilene auf Lesbos. Seine müden Augen,
die einst in seiner Jugend, da er noch Hauslehrer in Athen gewesen war,
Marathons Ebene und das Felsengestade von Salamis und das goldrostige
Marmorgebälk der Akropolis geschaut hatten, blieben an dem Ölgemälde
Oswald Achenbachs: „Ein Abend in Sorrent“ haften, das neben der Tür
zu seinem Schlafgemach hing. „Sonderbar! Daß ich niemals in Rom war!“
sagte er, halb zur Nichte gewandt. Und eine Feuerbachsche Sehnsucht
nach dem Land voll Sonnenschein glomm in ihm auf. Aber er korrigierte
sich alsbald: „Freilich fürwahr, wer die Antike aus erster Hand
genossen hat, mag sie nicht mehr als Kopie aufgetischt bekommen.“ Die
gemütvollen Straßenlampen der Marzipanstadt blinzelten ihrem Hofpoeten
bestätigend durch das Fenster zu. Er schickte sich an, sich zur Ruhe
zu begeben, soweit das schmerzvolle Darmleiden, das er seit seinem
Aufenthalt in Griechenland hatte und das ihn regelmäßig außer den
Mittags- und Abendstunden wie der Geier den Prometheus heimsuchte, sie
ihm vergönnte. „Gute Nacht, Nichtchen!“
Aber sie hatte noch ein Anliegen: „Fräulein Froböse möchte wissen, wie
dir der erste Aufzug ihres Trauerspiels gefallen hätte, und ob sie es
weiterdichten sollte.“
„Richtig“, sagte er, schon in der Türe zu seinem Schlafzimmer stehend,
und begann lächelnd, wie er es oft in jüngeren Jahren im Lübecker
Ratskeller getan hatte, aus dem Stegreif in Versen zu sprechen:
„Beinah hätt’ ich’s schier vergessen,
Deine Freundin zu erfreuen,
Morgen werd’ ich es bereuen --“
Doch er war zu müde noch einen Reim zu suchen. Er dachte zitternd,
daß bald der Tod ihn mit dem Wort „Zypressen“ finden und Dichter
wie Gedicht damit zudecken würde. „Gott wird’s füglich fertig
machen!“ sprach er unter einem halben Gähnen. „Gott wird alles fertig
machen, sag’ ihr das, was von uns hier nicht vollendet und nicht gut
gemacht worden ist. Alles, bis auf Bismarcks Werk!“ Er lüftete leise
sein Samtkäppchen ihm zu Ehren, er, der Herold des neuen deutschen
Kaiserreiches. „Denn das ist vortrefflich geraten und bedarf keiner
Verbesserung! Ehre sei Gott in der Höhe! Gute Nacht!
Du magst mir noch etwas auf der Laute vorspielen, wie der Knabe dem
Scipio vor seinem Zelt in meiner herrlichen ‚Sophonisbe‘. Ich werde
dabei, soweit mein Darm es zuläßt, von Griechenland träumen.“
Wilhelm Busch
Eine Silhouette von ihm, zu seinen +Lebzeiten+ geschnitten.
Wiedensahl, das Dörfchen, in dem Wilhelm Busch geboren und gestorben
ist, ist ein Flecken in der Provinz Hannover mit einer Handvoll
Häusern, die friedlich dastehen, rote Ziegeldächer als Hüte über den
Kopf gestülpt oder dicke, moosbedeckte Strohkappen schief aufgesetzt.
Ein Bächlein fließt um das Dorf herum, auf dem im Sommer und im Winter,
wenn es nicht, um sich nicht zu erkälten, eine Eisdecke übergezogen
hat, die Enten und Gänse fröhlich ohne Unterschied des Geschlechtes
zusammen baden. Fette Wiesen und herrliche dunkle Tannenwälder umrahmen
das Bild. Den Dampf und die Elektrizität kennt diese jenseits der
Eisenbahn gelegene Idylle noch nicht. Und als es geschah, daß zum
erstenmal ein Automobil wild die Gegend durchfauchte, schrien die
Bauern: „Der Düvel ist gekommen und will den Wilhelm Busch holen.“ Man
wäscht sich dort an der Pumpe, man liest die Zeitungen von vorgestern,
und Musik nennt man dort, wenn der Viehknecht abends ins Horn trötet,
daß die Kühe von der Weide heimkehren sollen. Gleichwohl läßt es sich
im Sommer, wenn die Wiesen dick voller Blumen stehen und in der Sonne
strahlen wie ein Pfauenschwanz, und wenn die Vögel alle zusammen
musizieren, ohne je aus dem Takt zu kommen, dort ebensogut leben wie in
Berlin. Und selbst im Winter, wenn an den Fenstern die weißen Eisblumen
blühen und es draußen friert, daß die Steine heulen, und man drinnen
bei Rheinwein oder wenn’s zu kalt wird, bei altem Nordhäuser sich
tröstet, kann man das Dasein dort ebensogut ertragen wie in Rom oder
in Florenz. So dachte auch Wilhelm Busch, als er am 15. April 1832 in
Wiedensahl zur Welt kam:
„Kaum, eh’ man sich’s recht bedacht,
Schlupp! Ist man zur Welt gebracht.“