der preußischen Gesellschaft geworden und versah zum größten Erstaunen
seiner nicht dichtenden und phantasielosen Kollegen sein Amt auf das
gewissenhafteste. Der Zufall wollte es -- und dies ist der beste
Witz in seinem Leben --, daß er, der Dichter der Nachtstücke und
Karikaturist, zum Mitkommissarius bei der Untersuchung der sogenannten
demagogischen Umtriebe eingesetzt wurde und eine alte ehrliche Haut
wie den Turnvater Jahn aburteilen mußte, der sicherlich nachts nur von
der Kniewelle, vom Stangenklettern oder dem Riesenaufschwung träumte,
während sein Judex, der Kammergerichtsrat, nachts in den Schatten
Teufel, Zwerge und Grimassen machende Marionetten sah, von denen er
eine ganze Menge mit scheußlichen Höllenfratzen in seinen Schränken
gesammelt hatte.
Solche Allotria, wozu auch ein ewiges Gesichterschneiden, seine
Lieblingsbeschäftigung, gehörte, trieb der Kammergerichtsrat Hoffmann
aber nur, um vor sich und dem Erzschelm, der ihm im Nacken saß,
seine Würde ertragen zu können. Daß er eine sogenannte Säule des
Staates geworden war, erschien ihm so tragikomisch, daß er jede Nacht
in der Weinstube bei Lutter und Wegener darauf trinken mußte, bis
er in jene Region kam, wo man vergißt, daß man Justizrat genannt
wird und eine Respektsperson ist. So waren ihm die liebsten Abende
die „Serapionsbrüderabende“, herrliche Kneipstunden, da sich die
Dichter Berlins bei ihm versammelten, und er mit einer weißen Schürze
dazwischen stand und unaufhörlich Kardinal, das war ein von ihm
erfundenes Gemisch von Rheinwein und Champagner, bereitete. Hatte er
sich so in die Hinterwelt der Träume hineingetrunken, so plauderte er
stundenlang mit seinem Kater Murr, wie er früher in Bamberg am meisten
mit einem Wirtshaushunde, den er „Berganza“ nannte, verkehrt hatte.
Oder er schrieb ein Nachtstück oder Phantasiestück nach Mitternacht auf
preußisches Aktenpapier und sah seine Gestalten schließlich so lebendig
werden, daß seine Frau sich mit dem Strickstrumpf zu ihm setzen
mußte, damit ihm nicht der Verstand vor Schrecken scheu wurde und
fortflog. Kein Wunder war es, daß er bei einer solchen ungewöhnlichen
Lebensweise kein Jubelgreis wurde, sondern, sechsundvierzig Jahre alt,
an der Rückenmarksdarre starb und den gleichen scheußlichen Weg wie
später Heine zum Tode ging.
Viele Literarhistoriker, die mit moralischen Messern sein Leben
sezierten, haben immer wieder geklagt: Was hätte Hoffmann nicht alles
erreichen können, wenn er einen besseren Wandel geführt hätte! Wir
aber, die wir mit Goethe glauben, daß jedes Menschen Bahn von Anbeginn
beschlossen ist, wollen nicht maulen, daß dieser Meteor kein Fixstern
war, und daß seine Werke keine lodernden Feuer sind, sondern mehr den
elektrischen, phosphorfarbenen Funken ähneln, die er aus dem Fell
seines Katers strich, und ihm stets voll Dank wieder Stunden aus unserm
Leben schenken.
Schweizer Dichter
(Gottfried Keller und C. F. Meyer)
Wir Deutschen haben mit dem kleinen Verbindungswörtchen „und“
schon oftmals in der Kunstgeschichte einen groben Unfug verübt:
Goethe und Schiller, zwei sternweit verschiedene Persönlichkeiten
und Dichter, sind durch dieses „und“ für Zeit und Ewigkeit wie auf
ihrem Denkmal in Weimar an ein und denselben Lorbeerkranz gebannt.
Neuerdings hat man denn auch wohl Nietzsche +und+ Schopenhauer
zusammengespannt, was ungefähr so klingt, als wenn man Himmel und
Hölle sagt, oder man nennt Ibsen +und+ Björnson, ein Genie und einen
talentierten Tagesschriftsteller, kaum ohne eine Unterscheidung zu
machen, zusammen. Nicht anders ist es mit Gottfried Keller und Conrad
Ferdinand Meyer gegangen, die man seit den neunziger Jahren immer
wie eine Schweizerfirma zusammen im Munde führt. Wiewohl Keller, der
Bedeutendere, manchesmal in seiner geraden, groben Art gegen diese
Zusammenstellung, die ihn, wie er sagte, zum „ewigen siamesischen
Zwillinge machte“, kräftig gewettert hat. Denn außer, daß sie beide
Züricher und Schweizer sind, gibt es nicht viel, was sie miteinander
gemeinsam haben.
Der eine, +Keller+, gibt die Menschen seiner Umgebung oder früherer
Zeiten, wie er sie sah und empfand, gleichsam auf Goldgrund wieder. Wie
ein alter Meister der Holzschneidekunst setzt er sich hin und zeichnet
umständlich und säuberlich seine Menschlein auf. Er schwindelt nicht,
ebensowenig wie Flaubert oder Fontane oder Tolstoi, um die größten
Romanciers seiner Zeit zu nennen. Aber er stellt seine Figuren nicht so
hart in die Luft wie jene, er malt sie nicht ~en plein air~, roh hin,
garstig oder hübsch, bescheiden oder frech. Er geht mit ihrem Bilde,
wie er es der Natur haarscharf abgesehen hat, in sein Kämmerlein und
zeichnet sie langsam ab wie Dürer oder ein Meister des Mittelalters
seine Gestalten, am liebsten noch mit ein paar Schwänzen oder
Schnörkeln und möglichst vielen Zutaten. Und da stehen sie, „die drei
gerechten Kammacher“ oder „Pankraz der Schmoller“. Stets nimmt er sich
Zeit, das macht ihn in unserer nervösen Zeit für viele ungenießbar; oft
werden ihm aus einer Geschichte zwei, wie beim „Tanzlegendchen“, oder
ein Dutzend und noch mehr, wie im „Grünen Heinrich“, und sein sauberer
Chronistenstil trabt, nie gehetzt, aber auch nie gehemmt, an schönen
und schaurigen Geschehnissen in gleicher Ruhe vorbei. Und doch ist er
nie oberflächlich, sondern sucht allem Lachen und allem Weinen auf den
dunklen Grund zu gehen, und wo er am einfachsten ist, wie bei seinen
+Frauenfiguren+, wo er nichts hinzuphantasieren und verzieren konnte
und mochte, da ist er am schönsten.
Die Welt von +Conrad Ferdinand Meyer+ ist eine ganz andere wie dieses
kleine, schlichte, winklige Beisammen der alltäglichen Menschen
Kellers: Feldherren und Kardinäle, Courtisanen und Regenten, Verbrecher
und Helden leben und welken und sterben in seinen Gedichten und
Geschichten, in denen die Zeit der Hohenstaufen und der Reformation
oder die Tage Dantes sich widerspiegeln. Die Welt Kellers, in der es
+über+ dem Durchschnitt nur noch Originale, keine Heroen gab, wäre
seinem von allen Literaturen überfütterten Geist bald zu klein und zu
eng geworden. Er, der seinen nicht gerade bedeutenden Namen Meyer mit
den kühnen Vornamen „Conrad Ferdinand“ herausschmücken mußte, sehnte
sich nach Größe und Heldentum, das er nicht in der Gegenwart, sondern
nur in der Vergangenheit entdecken konnte.
Und so verschieden wie ihr Dichten ist auch das Leben und Trachten
der beiden Schweizer gewesen: Der Jüngere, C. F. Meyer, war der Sproß
einer alten Zürcher Patrizierfamilie, Sohn eines frommen und gelahrten
Mannes und einer klugen, hochgebildeten, schwermütigen Frau, die ihrer
späteren Gemütskrankheit durch einen freiwilligen Tod im Gebirgswasser
ein tapferes Ende machte. Sie hatte den Ruhm ihres einzigen Sohnes,
den sie drei Viertel deutsch und ein Viertel französisch erziehen
ließ, nicht mehr erlebt. Denn der war ein spät fertiger Mann und wurde
neununddreißig Jahre alt, bevor er die ersten Früchte trug: Zwanzig
Balladen aus der Historie aller Zeiten und Völker. Als Jüngling und
heranwachsender Mann hatte der Sohn, der mit Unliebe wie Goethe und mit
noch größerer Unfähigkeit als Heine die Rechte zu studieren versuchte,
so jämmerlich wenig versprochen, daß die in ihrem Mutterstolz betrübte
Frau, die den Vaterlosen auf ihre Weise erzog, an ihren besten Freund
über ihn dieses schrieb: „Er hat kein Ziel und keine Karriere und kann
keinen Entschluß fassen. Und ich muß sagen, daß ich von ihm nichts mehr
in dieser Welt erwarte.“
Bis zur Gemütskrankheit und zur Irrenanstalt brachte diese jahrelange
Entschlußunfähigkeit und Willenlosigkeit den reichen und weichen
Jüngling, der mutlos und kraftlos, ein Kolumbus ohne Amerika, ein
Bonaparte ohne Kriege, seine Tage nicht anders wie seine Nächte in
unfruchtbarem, untätigem Dämmerzustand verbrachte. Da hat ihn die
einzige Schwester Betsy, die sich viel besser als die Mutter auf seine
Entwickelung verstand, nach deren Tod von neuem zum Leben erweckt.
Sie war eigentlich versehentlich durch einen Irrtum vor ihrer Geburt
von den beiden Geschwistern die Schwester geworden. Sie hatte das
männliche, entschlossene, zupackende Wesen mitbekommen, das dem Bruder
fehlte, während er mit seiner zarten, in sich gekehrten Art und seiner
nach innen geschlagenen heißen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit
auf manchen wie ein halbes Weib wirkte. Drum gebührt der Schwester
Betsy, die den Dichter in ihm aus seiner traurigen Verpuppung durch
ihre Liebe entfaltete, der Kranz, den Minerva den Frauen verliehen hat,
die einen Künstler und das delphische Feuer in ihm entzünden und hüten
können. Er gebührt ihr mehr noch als der eigenen späten Frau ihres
über alles geliebten Conrad, von der Betsy ihm abriet, solang es gehen
wollte, und die er, wie er alles eben spät anfing, erst als ein voller
Fünfziger heimführte.
Nun sieht die Schwester ihn zum erstenmal mit einem Weib, das auch
nachts, nicht bloß tags wie sie, die Stube mit ihm teilen darf, in
den besungenen und unbesungenen Süden reisen. In die Provence, die
ihm die Dekorationen zu mancher in ihm jetzt keimenden Geschichte
gibt, und nach Korsika, des alten Seneca wildem Patmos, das er beim
Abschiednehmen zum Dank mit deutschen Weisen feiert. Heimgekehrt in
das Land des Firnelichts, des großen stillen Leuchtens, siedelt er
sich in Kilchberg, einem Landgut bei Zürich über dem See an. Und dort
lebt er das letzte Drittel seines Daseins in behaglicher, sorgenloser
Abgeschiedenheit wie ein reicher, schöngeistiger Gelehrter. Freilich
lag sein Winkel nicht allzu fern von der Schweizer Hauptstadt,
von der er sich allwinterlich wider Willen in ihr kantonales und
internationales gesellschaftliches Leben ziehen ließ. Mehr als vierzig
Antrittsbesuche hat er an nur einem einzigen Tage gemacht. Und wie
viele schönen Stunden wurden damit zugebracht, Karten dieses Inhalts
auszufüllen oder zu beantworten: „C. F. Meyer und Frau erlauben sich
Herrn Carl Stauffer zum einfachen Abendessen einzuladen.“ Oder: „C.
F. Meyer und Frau danken Herrn Eduard Stößli für die liebenswürdige
Einladung, der sie gerne Folge leisten werden.“ So mit Menschen lebend
und ohne sie schaffend wirkte er wie ein Ausgraber und ein Neubeleber
toter Zeiten, ein Schliemann des Mittelalters und der Renaissance,
deren Evangelium soeben Jakob Burkhardt zu Basel in klarer, guter
deutscher Sprache gepredigt hatte. Kurz vor seinem Tode trübte sich
noch einmal das Licht in seinem Kopf, bei dessen Schein er wie bei
einer gemütlich brennenden Studierlampe seine Helden und Heiligen
aufgemalt hatte, und er ward mit seiner Einwilligung noch einmal
auf ein Jahr in eine Nervenheilanstalt geborgen. Aber als dann die
schwarze Majestät Mors wirklich fünf Jahre später vor ihn hintrat, da
stand er wieder fest und aufrecht auf seinem Kilchberg als anerkannter
und gekaufter Autor, als Gutsherr und Familienvater, als Ehrendoktor
der Philosophie der Universität Zürich, als Inhaber des königlich
bayrischen Maximilianordens und als Ehrenmitglied zahlloser Vereine.
Ganz anders Keller, dessen Leben außer dem, daß auch er wie ein guter
Wein erst spät klar und schmackhaft wurde, dem seines Landsmann und
Nachbarn so unähnlich ist wie ihre beiden Gesichter. Seine Jugend
möchte ich nicht und sollte keiner erzählen aus Respekt vor dem „Grünen
Heinrich“, in dem er in Wahrheit und Dichtung sich und das Ringen
seiner jungen Jahre abkonterfeit hat. Dieses sein größtes Werk war die
Frucht seiner Jünglingstränen und hat ihn belohnt für all sein Hungern
und Hoffen und Verzweifeln um „die heilige Kunst“, die ihn schließlich
doch aus dem Labyrinthe des Lebens zum Licht geführt hat. Als er nach
langen Irrfahrten endlich, siebenunddreißig Jahre alt, nach Zürich
zurückkehrte, wo seine treue Mutter den verlorenen Sohn, vor Freude
weinend, empfing, war er gerade so weit gekommen, daß er wußte, daß
er +nicht+ zum Maler taugte. Fünf Jahre lebte dann der Taugenichts
in Zürich herum, ohne etwas Rechtes zu tun, bis auf die andauernde
unermüdliche Tätigkeit, die er alle Abende in den Kneipen der Stadt
bis zum frühen Morgen entfaltete. Er wäre vielleicht verkommen, wie
die „kompakte Majorität“ so hübsch zu sagen pflegt, und an sich
selbst zugrunde gegangen, wenn da nicht der Züricher Regierungsrat,
als hätte es so kommen müssen, ihn zum ersten Staatsschreiber, einem
recht angesehenen Posten des Kantons, ernannt hätte. Man kann sich
denken, wie damals in der ganzen Stadt über diesen „Geniestreich“ der
Regierung gelacht und geschimpft wurde. „Ein ausgemachter Lüdrian, ein
unpraktischer Poet an der Spitze der Verwaltung!“ Keller bewies in
fünfzehn Jahren strenger, zuverlässigster Pflichterfüllung, daß man
nicht geradezu ein Idiot und ein untaugliches, träumerisches Subjekt im
öffentlichen Leben sein muß, wenn man außerdem noch Verse und Novellen
schreibt. „Er sei der beste Staatsschreiber der Schweiz gewesen“, haben
sogar -- seine Vorgesetzten von ihm gesagt. So wirkte er pünktlich
und treu bis zu dem Tage, wo er seinen Abschied nahm, sich einen
staatsmäßigen Schlafrock kaufte und dann in stiller Ruhe seine letzten
Werke schuf. Der Berüchtigte war mit den Jahren berühmt geworden: Sein
sechzigster Geburtstag war ein Festtag für die ganze Schweiz. Viele
Reden wurden auf ihn gehalten. Fünfzig Männergesangvereine sangen ihm
hintereinander sein Lied „O mein Heimatland“, das zur schweizerischen
Nationalhymne geworden war, vor, bis er schließlich unter ein paar
kräftigen Flüchen den Saal verließ. -- Zu allem hatte er sich Zeit
genommen, und auch zum Sterben nahm er sich gute Weile. Ein Jahr lang
siechte er dahin, ganz allein, „eine korrupte Bestie“, wie er sich
grimmig schalt. Er war, nachdem er ein paar Körbe bekommen hatte,
grimmig lachend und resignierend Junggeselle geblieben, und die
brummige Schwester Regula war zu ihm ins Haus gezogen. Nun ließ sie,
kurz vor ihm ins Grab gehend, unzuverlässig wie alle Frauenzimmer, ihn
für seine letzten Tage noch im Stich und allein. Arnold Böcklin, der
späte Freund, den er gefunden hatte, hielt seine Hand, als er starb.
Es sind keine Riesen, diese beiden Schweizer Poeten, keine Schöpfer,
bei deren Werken einem der Atem vor Bewunderung stockt oder die Seele
überquillt. In der Schweiz wächst, die Tüchtigkeit dieses braven,
tatfröhlichen Volkes in allen Ehren, außer den Bergen nicht viel
Großes. Man hat mir diese letztere Glosse im Lande Tells bös verargt,
wie mir zahlreiche Zuschriften schmerzlich bekundeten. Es tut mir wegen
des allzu groben Tons mancher dieser Beschwerdeführer fast leid, daß
ich nicht verantwortlich für diese Bemerkung zeichnen kann. Sie stammt
von +Böcklin+, und ist von ihm in Basel, in der Stadt, wo es nach
seiner Ansicht „über vierhundert Vereine und keine vier Menschen gab“,
oftmals im Wein und im Ärger herausgesprudelt worden. Und wer es nicht
glauben will, der mag die alten Maler fragen, die noch mit ihm dort und
in Florenz zechen durften, oder die steinernen Fratzen in Basel. Sie
werden es grinsend bestätigen. Aber die beiden Dichter der schönen,
der freien Schweiz haben in schlichter Weise als treue Landsknechte der
Kunst ehrlich gedient und sind echte deutsche Meister gewesen, denen
wir im Reich in jenen Jahren außer dem alten Fontane nichts an die
Seite zu stellen haben.
Theodor Fontane
Eine einzige Eigenschaft hat den alten Fontane groß gemacht, eine
Eigenschaft, die man, ich weiß nicht, ob auf das Konto seiner Klugheit
oder seines Herzens setzen muß, nämlich die, daß er nicht alt wurde mit
den Alten, sondern jung mit der Jugend geblieben ist. Und während die,
welche mit ihm grau geworden waren, auf ihr Alter und ihre Erfahrung
pochend, die Jungen ausschalten und höhnten, die sie von ihrem Platz
verdrängen wollten, da hat er fröhlich der Jugend seine alten Hände
gereicht und sie gebeten, bei ihnen stehen und mit ihnen leben zu
dürfen. Das war sein Eigentümliches, daß er nicht alt und nicht
feierlich werden konnte. Er fühlte das schon als Dreißigjähriger, wo er
einmal sein kleines zweijähriges Söhnchen, das, wie er voraussah, bald
viel älter und würdiger sein würde als sein Herr Papa, andichtete:
„Ach, wenn du dann in Prima sitzt
Und unter den Sextaknaben
Gewahrest, wie dein Vater schwitzt --
So wolle Mitleid haben.“
Und als er plötzlich später Großvater geworden war, fing er
gleich wieder an, mit seiner Enkelwelt jung zu sein und mit ihnen
Sorgen und Freuden zu teilen, wie mit dem Enkelkind von ihm, das
„vorschulpflichtig“ geworden ist:
„Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben
Ja, das möcht’ ich noch erleben.“
Sie ist sehr selten gewesen, die sokratische Tugend des alten Fontane,
jung zu bleiben mit der Jugend, in der Generation in Deutschland, in
der er gelebt hat, der wir 1870 und alles, was wir heute bedeuten,
zu verdanken haben. Gerade dies Gefühl des eigenen Verdienstes, das
diese Generation haben durfte, mußte sie den Jungen gegenüber, die
nach ihr kamen, so überlegen und zäh im Bewahren ihrer Macht und ihrer
Stellung machen. Denken wir nur an den Gewaltigsten aus der Zeit, an
Bismarck zurück, wie er Wutanfälle und Weinkrämpfe bekam und die Stühle
und die Materie um sich zertrümmerte, als er den Abschied nehmen und
der Jugend das Feld räumen mußte. Und wie er bis zu seinem Tode noch
darunter stöhnte und seine Seele zerquälte, daß er andere an seinem
Werke schaffen sah: Die ergreifendste Tragödie, die das Theater der
Welt unsern Augen zu schauen gegeben hat. -- Oder, wer entsinnt sich
nicht, um die komische Seite dieser alterstolzen Zeit zu nehmen, wie
die Dichter von damals und auch die besten unter ihnen, wie Heyse,
Geibel und Freytag, immerfort über „den Kot“ zeterten, der durch die
modernen Schriftsteller in die Kunst gebracht würde, und dabei stets
ihre ästhetischen Forderungen, vor allem die Definition des „Schönen“,
herumpräsentierten, ohne daß sich die Menge und Mode drum kümmern
wollte. Dagegen war es wieder Fontane unter den Alten, der einsah, daß
sich die neue Zeit und die neue Kunst nicht wegräsonieren ließen, der
Zola las, den er „scheußlich“ fand, „aber mit verflucht viel Talent“,
und der noch in Gerhart Hauptmann den Naturalismus auf unserer
deutschen Bühne begrüßte. So ist es gekommen, daß er als Sechzig- oder
besser noch als Siebenzigjähriger, denn so alt war er, als er seine
bedeutendsten Romane schrieb, während alle seine Jugendgenossen in
Apoll längst vertrocknet waren, auf einmal wie ein alter Birnbaum in
schöner, rührender Blüte stand.
Wie Ibsen, der gleich ihm sein Eigentliches und Größtes erst in hohem
Alter zu sagen hatte, war er in seiner Jugend zunächst auf den Wunsch
seiner Eltern Apotheker geworden. Aber er bekam die „Giftbude“ bald
satt und faßte nun die „unglaubliche Idee“, wie er sagte, die damals
noch sehr selten war, ein Schriftsteller zu werden. Und da die paar
Gedichte und Balladen, die er schrieb, ihn und seine Familie nicht
nähren konnten, war er gezwungen, Zeitungskorrespondent und Kritiker
zu werden, und hat als solcher sein Leben lang vom dreißigsten bis
zum siebzigsten Jahre sich abgeplagt und gemüht und auf das Glück
gewartet. Er fühlte, er hatte kein Recht, sein Leben ganz an die Sache
zu setzen: „Ich bin keine große und keine reiche Dichternatur,“ gestand
er, bescheiden wie Lessing, sich selbst, „es drippelt nur so.“ Und
darum hielt er den schweren Beruf des Journalisten aus, solange er
konnte, und resignierte schließlich an seinem Lebensabend, nachdem er
dreihundertmal vergeblich gehofft und gewartet hatte, wie er es mit
hübschem Humor in Verse gefaßt hat:
„Dreihundertmal hab’ ich gedacht:
Heute hast du’s gut gemacht,
Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen:
Heute hast du ins Schwarze getroffen,
Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei
Des Scheibenwärters: „Es ging vorbei.“
Schmerzlich war’s mir dreihundertmal; --
Heute ist es mir egal.“
Das war schließlich das, was bei seinem langen Leben herausgekommen
war, eine stille lächelnde Ergebung in sein Schicksal: Nur nicht sich
den Hals abjagen nach dem Glück: „Es muß sich dir von selber geben --
Man hat es oder hat es nicht.“ Nur nicht denken, man hätte das Leben
+besser+ führen können, wenn man sieht, daß man die Partie verloren
hat. Die, die darüber klagten oder stöhnten, pflegte er wie sein alter
Briest zu trösten: „Laßt, laßt ... das ist ein zu weites Feld!“ Darum
konnte er wie kein anderer mit denen, die ihr Leben für verpfuscht
hielten, -- und wie die Welt steht und geht, müssen dies drei Viertel
aller Menschen glauben -- leise mitweinen. Und man sieht, namentlich
bei seinen schönsten Romanen „Effie Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“,
den alten Mann vor sich, wie er von seinem Berliner Pult still ans
Fenster tritt und hinausblinzelt und tapfer die Tränen verschluckt, die
ihm in die blauen Augen getreten sind, die nach Hardens Ausspruch über
seinem soliden Gesicht „wie ein Band Goethe in einer Feldwebelstube“
standen.
Seine Natur weist manche Ähnlichkeiten mit Bismarck auf. Er war doch
mehr Märker als Gascogner, wenn er sich auch das Gegenteil weismachen
wollte. Namentlich in seinen prächtigen Briefen an seine Frau, mit
der er fast fünfzig Jahre lang Krieg und Frieden hatte, kann man ihn
oft mit Bismarck verwechseln: Familiensinn, Heimatliebe, Nüchternheit
im Beobachten und Handeln, unbedingte Zuverlässigkeit gegen Freund und
Feind, das sind ein paar märkische Eigenschaften, die beiden gemeinsam
waren. Es ist ein Typ, der langsam ausstirbt. Der alte Märker ist tot,
und wir haben den modernen Berliner dafür bekommen, was ein recht
schlechter Tausch gewesen ist. Der alte Fontane hat diese Wandlung noch
miterlebt und hat sie wiederum gefaßt ertragen und gelitten, wie alles,
was ihm sein langes Leben gebracht hatte. Zu seinem siebenzigsten
Geburtstag war’s, als er auf ein Bankett ging, das man ihm zu Ehren
gab. Wen hoffte er da nicht alles zu finden, die von Zitzewitz und
von Platen und von Stechlin und von Rammin und wie die märkischen
Adelsfamilien sonst noch heißen, die er in seinen Romanen gekonterfeit
und gefeiert hatte. Aber nichts von alledem war dort zu sehen; lauter
fremde, nichtarische Gesichter umdrängen ihn schreiend und jubelnd, als
er eintritt. Da nimmt der Alte resigniert den Arm eines von ihnen, den
er kennt und der ihm zunächst steht, und mit den Worten: „Kommen Sie,
Cohn!“ läßt er sich von ihm an seinen Ehrenplatz geleiten.
Seine Balladen und noch mehr als diese, seine Romane werden den alten
Fontane der Nachwelt bewahren. Wie sein Freund und Nachbar Menzel
alles, die ganze Arche Noä, malen konnte, so konnte er, Fontane,
alles bedichten: den sterbenden Cromwell, den jungen Bismarck, die
schöne Rosamunde, aber auch die Flamingos im Zoologischen Garten, die
Müggelberge und die Gegend um Potsdam, so gut wie Chinesen, schottische
Könige, Spreewälder Ammen und den Backfisch mit dem Mozartzopf. Die
beiden, der Maler und der Dichter, werden bleiben von dem, was Berlin
uns zwischen 1870 und 1900 an Kunst beschert hat. Und die Werke des
alten Fontane werden über seinem Grabe stehen wie der Birnbaum über dem
Sarge des alten Herrn von Ribbeck im Havelland, den er besungen hat,
und noch viele Jahre jeden, der davon pflückt, erfreuen und erfrischen.
Rückert
„Nein! Der richtige Ausdruck ist noch nicht da. Verflixt!“ seufzte
der Kunstmaler, den der Magistrat der Bezirksstadt Schweinfurt in
Unterfranken zur Verfertigung eines Bildes von dem größten Sohn
der Stadt, ihrem Ehrenbürger Friedrich Rückert, nach seinem Gut
Neuseß bei Koburg entsandt hatte. Zum Gedächtnis des demnächstigen
fünfundsiebenzigsten Dichter-Geburtstages sollte dies Bild im
Rathaussaal zu Schweinfurt aufgehängt werden. Fast wütend sah der Maler
auf die Staffelei, auf der die Leinwand stand. Schon sechs Sitzungen
waren ihm von dem greisen Dichter bewilligt worden. Aber der richtige
Ausdruck und das Geheimnis der Ähnlichkeit fehlte noch dem aus bunten
Ölfarben gemischten begonnenen Entwurf.