Man nimmt heute, sofern man sich in Deutschland noch für solche

Fragen, statt für Propeller interessiert, vielfach an, daß Heine in

der Kontroverse mit Platen zu weit gegangen sei. Mag sein. Aber wenn

Schriftsteller miteinander zanken, geht es bei uns selten manierlich

zu. Und daß Heine den Homosexualisten aus den Gedichten des Gegners

hervorholte und an die Wand malte, war schließlich nicht schlimmer, als

daß Platen ihn „den Petrarka des Laubhüttenfests“ geschimpft hatte,

„dessen Küsse Knoblauchgeruch absondern“ -- und dies alles nur, weil

Heine ein höchst harmloses Xenion Immermanns gegen den Gaselendichter

+publiziert+ hatte. Die Verbissenheit, die aus Platens aristophanischen

Literaturkomödien gegen das Romantische, als die derzeitige Mode in

der Lesewelt und auf der Bühne, mit der Wut eines Abseitsstehenden

und Nichtanerkannten knirscht, ist in ihnen oft stärker, als der

+Humor+, den der Dichter wider seine Gegner auftreiben kann. Der ist

mehr teutsch plump als attisch fein gesalzen, mehr kleinlich zänkisch

als überlegen spielerisch wie bei dem Unikum Aristophanes, wenngleich

Platen in seiner sich selbst gedichteten prahlerischen Grabschrift

davon meint:

„Lustspiele sind und Märchen mir gelungen

In einem Stil, den keiner übertroffen.“

Es ist kennzeichnend für Platen, daß er soviel Blut und Zeit an die

Literatur vergeudete, weil seine Veranlagung ihn ebenso von dem

aufreibenden Kampf der Geschlechter wie von einem lebendigen Wirken in

seinem Volke und Staate scheu zurückhielt. Der Außenstehende flüchtete

sich in Klagen, Elegien, Gaselen und Festgesängen, stellte sich und

seiner formalen Begabung gern schwere metrische Aufgaben, die er in

metrischen Verszeichen als ein Rechenexempel +vor+ seine Oden setzte,

und ist stolz, wenn er sie gelöst hat:

„Gestirnerleuchtete Nacht, ergeuß

In mein Gemüt tiefsinnigen Gesangs unerschöpflich reichen Quell.“

Viel Kunstvolles ist ihm gelungen, dessen Lieblingsblume die künstlich

gemacht aussehende Zierpflanze, die regelmäßige +Tulpe+ war. Neben

manchem Gequälten. Er, der sich stets soviel auf seine Sprache zugute

tat, hat die fürchterlichsten Verse gedichtet, wie etwa die -- und es

lassen sich noch viel schlimmere leicht herausfinden -- mit denen er

„Hermann und Dorothea“ zu kritisieren wagte:

„Holpricht ist der Hexameter zwar; doch wird das Gedicht stets

Bleiben der Stolz Deutschlands, bleiben die Perle der Kunst!“

Weil ihm der Vers so leicht vom Munde floß, denn er vermochte selbst

nach der Erstaufführung -- man denke an unsere heutigen premièrebangen

Poeten! -- eines seiner Stücke in Erlangen zum Schluß von der Bühne

herab in improvisierten Reimen zu danken, darum vermeinte er,

alles sei herrlich geraten, was er in seinen Gedichten auf Stelzen

laufen ließ. An Goethe, den er, wie ein Templer seinen Großmeister,

abgöttisch verehrte schätzte er vor allem das Nachgedichtete, den

Westöstlichen Divan, das Gebaute, Gebildete, Gemachte oder antiker

Form sich Nähernde, während er das Volksmäßige bei ihm, „den Faust“

etwa, so wenig wie Schillers Stücke und Verse beachtete. So sind auch

Platens Schönstes die Sonette und die „+Gaselen+“ geblieben, die der

Fünfundzwanzigjährige „dem Stern des Dichterpoles“ Goethen widmete. In

diesen unter seiner Sprache leicht gefügten, sonst so oft gekünstelt

wirkenden Lobgedichten gibt sich seine zarte Seele in edler Weise

preis. Sie haben in ihrer ganz beherrschten Form bis auf unsere Zeit,

so noch auf Stephan George und die Seinen, Einfluß gehabt. Gedichte wie:

Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?

Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?

Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,

Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?

Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst

Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun?

Noch ohne Bitternis, noch ohne Eigenlob singt hier der junge Poet seine

Schmerzen, seine Lust und seine Sehnsucht uns zu, ein feiner, halb

geratener Mann, eine „links angehängte Null“, wie er selbst sich einmal

genannt hat, ein Paradiesvogel, der später zur Spottdrossel wurde.

Scheu und schüchtern verbarg er das Rätsel seines Leibes, seiner Seele

vor der Welt. In der Erde der Fremde, bei Syrakus, in dem Staube, den

ein Äschylos, ein Pindar und Bacchylides durch ihre Schritte geweiht

haben, liegt er begraben. Dorthin war er matt und krank von Neapel

geflüchtet, „weil der protestantische Kirchhof in Neapel unweit der

Bordelle liege, und es darum nicht poetisch sei, dort bestattet zu

sein“. Von Männern umringt, gab er an einem kalten Winternachmittag

sein verkehrtes Wesen zur Heilung an die Natur zurück. Immergrüner

Lorbeer wächst um seine Gruft.

Ludwig Tieck

„Süße Liebe denkt in Tönen,

denn Gedanken stehn zu fern.“

Eines Nachts träumte Tieck, wovon er häufig träumte, daß er eine seiner

berühmten Vorlesungen abhalte. Es war noch in Dresden, wo er in einem

Eckhaus am Altmarkt wöchentlich zweimal die Zuhörer um sein Lesepult

versammelte. Jeder Bekannte wie jeder gebildete Fremde hatte freien

Zutritt zu diesen Abenden. Und kein Mensch von Namen und Ruf, der durch

Dresden reiste, versäumte einer solchen Vorlesung beizuwohnen, so daß

Tieck mit diesen Veranstaltungen geradezu seinem Hoftheater, als dessen

Dramaturg er für 700 Taler im Jahr angestellt war, selber Abbruch tat.

Schon schienen ihm in seinem Traum einige Menschen anwesend zu sein. Es

war kurz vor Beginn seiner Vorlesung, die mit dem Glockenschlag sieben

abends anzuheben pflegte. In dem Raum, den rings an den Wänden seine

sechzehntausend Bücher umglänzten, herrschte wie vor dem Anfang eines

Stücks im Theater jene gespannte Stimmung, die ihm beinahe noch lieber

war als das nachfolgende eigentliche Spiel. Eine Stimmung, wie er sie

im Prolog zu seinem „Gestiefelten Kater“ gemalt hat: Man schwatzte

durcheinander. Man rückte auf den Stühlen zurecht. Seine weißhaarige

Dienerin Friederike schob für zwei hinzukommende österreichische

Herren, die mit Orden geschmückt waren, noch zwei Prunksessel ein.

Seine Frauen erschienen: Seine etwas hausbackene Gattin Amalie, die ihm

früh vermählte, in der Jugend heißgeliebte Pastorentochter, die, bevor

sie sich setzte, noch das Deckchen an ihrem Ohrenstuhl zurechtzupfte.

Und seine Freundin, die Gräfin Finkenstein, über ihren entzündeten

schwachen Augen einen grünen Schutzschirm tragend, die im Vorbeigehen

zwei Fräulein, die mit Handarbeiten beschäftigt waren, streng

anherrschte: „Nicht stricken, meine Damen! Das verträgt der Dichter

nicht.“ Und zwischen den beiden seine kluge Tochter Dorothea, die

Übersetzerin, sein „bestes Werk“, wie seine Feinde sie bezeichneten,

mit ihrer hohen, vom Vater ererbten schwermütigen Stirn, ein wenig

näher zur Mutter als zur Gräfin geneigt.

Noch eine kurze Pause, während der die alte Friederike aus dem

Nebenzimmer das Lesetischchen mit den zwei Wachskerzen holte. Und nun

trat er selbst herein: die kleine von der Gicht völlig verkrümmte

Gestalt im feierlich altmodischen Frack und mit einem dicken Knoten im

weißen Halstuch. Die beiden Kinderaugen in seinem glatten Gesicht, das

in Paris jeden an den großen Napoleon erinnert hatte, glänzten heller

als die zwei Kerzen, zwischen die er sich jetzt niedersetzte. Der

Augenblick der höchsten Spannung war da, der, wo er den aufhorchenden

Gästen verkündete, was er heute vorlesen würde. Seine herrliche,

volltönende Stimme klang laut und priesterlich in die lauschende Stube:

„Leben und Tod der heiligen Genoveva, ein Trauerspiel von Ludwig Tieck.“

Ergebungsvoll sanken einige der anwesenden Damen, die das Stück

vielleicht schon kannten, in ihre Stühle zurück. Die Gräfin Finkenstein

funkelte sie mit zornigen Falkenblicken an: „Jawohl, meine Damen!“

hörte der Dichter sie zu seinem Erstaunen mit spöttischer Stimme

sprechen: „Es dauert volle drei Stunden.“

Da begann er schon vorzulesen und seinen heiligen Bonifacius mit

Schwert und Palmenzweigen einzuführen:

„Ich bin der wackre Bonifacius,

Der einst von Englands Ufern in die Wälder

Der Deutschen Christus’ heil’gen Glauben brachte.“

Aber schon wieder war er unterbrochen. Irgendeiner fing an zu gähnen.

Und weil dies ein leicht ansteckender Gesichtsausdruck ist, tat bald

der eine, bald die andere dem Gähnenden nach, daß der vorlesende

Dichter sich bald einem ganzen Auditorium von weit geöffneten Mäulern

gegenübersah.

„Ehe diese Leute mich zum besten haben, will ich ihnen selber einen

Schabernack spielen!“ dachte der Dichter im Traum. Er blätterte

unbemerkt in dem Band seiner „Gesammelten Schriften“ zurück und las:

Fischer: Ich möchte fast nach Hause gehn, denn ich fürchte toll zu

werden.

Bötticher: Es ist beinahe, als wenn es der Dichter drauf angelegt hätte.

Müller: Ein exzellenter Kunstgenuß, toll zu sein, das muß ich gestehn.

Die Worte, die der Dichter gesprochen hatte, stammten aus seinem

Kindermärchen vom „gestiefelten Kater“. Das Publikum spricht sie

dort in das Stück hinein. Sein eigenes Publikum fuhr fort zu gähnen;

allerdings schon etwas gelinder. Da las er ihm, weiter ins Buch

greifend, den Schluß vor:

Souffleur: Versuchen Sie ein paar Verse zu machen, Herr Dichter,

vielleicht bekommen sie dann mehr Respekt vor Ihnen.

Dichter (gegen das Parterre):

„Publikum, soll mich dein Urteil nur einigermaßen belehren,

Zeige, daß du mich nur einigermaßen verstehst.“

Im Traum sah Ludwig Tieck hierbei von seinem Buch auf. Die Zuhörer vor

ihm schienen nichts davon zu merken, daß er sich über sie lustig machte

mit seinem Vorlesen. Der Rat des Souffleurs leuchtete ihm ein. Er

deklamierte leise die Verse:

„Frisch und froh

Ohne Ach! und O!

Vergehen,

Verwehen,

Die Tage mir so!“

Das war wieder aus seiner „Genoveva“. Das Lied eines Schäfers. Kecker

geworden setzte der Dichter mit einem schelmischen Blick in sein

Auditorium hinzu:

„Ruhe, Süßliebchen, im Schatten

Der grünen, dämmernden Nacht!“

Dies rührte aus seiner wundersamen Liebesgeschichte von der schönen

Magelone her.

Nun wurde der träumende Dichter ganz verwegen und reihte noch den

Vogelgesang aus seiner Novelle vom „blonden Eckbert“ unvermittelt an:

„Waldeinsamkeit, die mich erfreut,

In ew’ger Zeit, o wie mich freut,

So morgen wie heut, Waldeinsamkeit.“

Schon als er das erste Wort dieses Gedichtes sprach, ward ihm etwas

unheimlich zumut, als ob er gefühlt hätte, daß er zu weit gegangen

wäre. Und in der Tat! Es erhob sich in diesem Augenblick aus der

schweigenden Schar seiner Zuhörer ein Mann, der im Schein der Kerzen

einen schwarzen Schatten über ihn warf und den Dichter folgendermaßen

andonnerte: „Mein Herr! Was unterstehen Sie sich aus Ihrem Publikum

einen solchen Narren zu machen, wie Sie selber einer sind!“

Ludwig Tieck (im Traum): „Ahnte mir doch ein Unheil! Bei meinem

melancholischen Gemüt! Sie sind ein Kunstrichter, nicht wahr?“

Der Kunstrichter: „So ist es. Ich habe mich erhoben als Sachwalter

der überreichen Begabung, mit der ein Genius Sie bei Ihrer Geburt

ausgestattet hat. Wissen Sie, daß Sie der leichtfertigste Poet sind,

der jemals von den Musen gehätschelt worden ist? Was können Sie nicht:

Gedichte, Novellen, Romane und Stücke purzeln Ihnen nur so aus Ihrem

Kopf wie Spielwaren aus Ihrem geliebten Nürnberg. Aber alles ist

oberflächlich gemacht. Hingehuschelt, wie Frau Aja sagte. Sie arbeiten

zu viel und vor allem zu schnell. Muß denn ein Stück wie ‚Ritter

Blaubart‘ beinahe an einem Abend hingerast werden und ein sechsaktiges

Spiel wie ‚Prinz Zerbino‘ in drei Tagen? Sehen Sie sich Goethe und

Shakespeare, Ihre Muster, an, zwischen denen Sie lichtempfangend wie

dort oben zwischen den zwei Kerzen sitzen, und -- -- --“

Ludwig Tieck unterbrach an dieser Stelle, wie er sich am Morgen nach

dem Erwachen genau erinnerte, die lange Strafpredigt seines Kritikus

dadurch, daß er ironisch lächelnd mit seinen bloßen Fingern die Kerzen

zu seinen beiden Seiten schneuzte. Ganz deutlich hatte er dabei den

brennenden Schmerz in seinen Fingerspitzen gefühlt. Vermutlich ein

Zucken der Handgicht, die ihn zuweilen zwickte.

Dann war er wieder eingeschlafen. Und sein Traum hatte sich

fortgesetzt. Aber diesmal befand er sich unter den Zuhörern. Am

Lesepult saß zu seinem komischen Schrecken ein anderer als er.

Nämlich sein alter Freund und späterer großer Gegner, der Berliner

Aufklärer Friedrich Nicolai. Er hielt in seiner Hand ein Glas, in

dem algengleich ein molluskenartiges Geschöpf herumschwamm, dem

eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Tieck selber nicht abzusprechen

war: „Sie sehen hier“, so begann Nicolai mit seiner kratzbürstigen

preußischen Stimme zu dozieren, „in dieser Retorte eingefangen den

Affen Goethes, genannt Ludwig Tieck. Ursprünglich mit reiner Vernunft

begabt, verkrümmte sich dieser Berliner Junge unter dem Einfluß

der Lektüre der Bänkelsängereien des sechzehnten Säkuli zu einem

qualligen, romantischen Seeuntier. Lachen Sie nicht! Es ist zum Weinen

und zum katholisch werden! Was ihm, wie ich vernehme, seine Frau

und seine Tochter bereits vorgemacht haben sollen. Nur der Rest von

gesundem Menschenverstand, der ihm von seinem biederen Vater, einem

Seilermeister aus der alten Roßstraße vermacht worden ist, hat dies

letzte verhindert. Heiliger Lessing! Und so etwas muß ausgerechnet in

unserm Berlin jeboren werden. Warten Sie, meine Besten! Ich will Ihnen

nunmehr ein Kunststück vormachen. Ich werde mit dem Verstand an diese

poetische Mißgeburt herangehen.“

Der alte Nicolai stülpte das Glas um, blies dreimal kalt darauf:

„Was sehen Sie, meine Teuersten? Es ist leer. Leer wie seine ganze

Dichterei.“

Jetzt erhob sich in den Ohren des träumenden Dichters plötzlich

eine andere Stimme, eine viel weichere weltmännische. Sie ging von

einem jungen Manne aus, der sich unversehens aus den Zuhörerreihen

als Opponent erhoben hatte. Und wie Tieck weiter lauschte, war es

der geistige Genosse seiner Jugend, Friedrich Schlegel, der dem

alten Nicolai in die Parade fuhr: „Wir haben Sie nicht nötig und

Ihre Rezensionen, die neueste Literatur betreffend. Schweigen Sie!

Sie blamieren sich hier nur. Wir machen unsere Kritik selber, wir

Romantiker. Merken Sie denn nicht endlich, daß Sie bei der Beurteilung

seiner Werke von ganz verkehrten Voraussetzungen und Forderungen

ausgehen, Sie Nachtwächter? Blasen Sie Ihre Laterne aus. Was schleifen

Sie mit ihr noch durch den Morgentau herum? Hören Sie nicht diese

Melodie, Sie Stocktauber?“

Und wahrhaftig, man hörte jetzt eine merkwürdige Weise. Wie ein altes

Lied schien sie aus einer versunkenen Grotte im Runenberg zu sumsen.

Und sie tönte ähnlich wie jene Schauerromanze Tiecks, „Die Zeichen

im Walde“ genannt, die aus einhundertvierzehn auf „u“ anklingenden

Strophen bestand. Zwischendurch schien eine Fiedel ganz hell zu singen,

so wie Wackenroders und Novalis’ früh verhallte Stimmen gesprochen

hatten: „Laßt ihn doch! Er ist ein Dichter.“ „Dank Euch, meine beiden

Lieblinge,“ lispelte Tieck im Traum. Und ein Lächeln sprang über sein

Gesicht. Immer lauter überdröhnte nun alles die dumpfe Melodie, die

aus der Welt hervorwuchs: „Bim-baum! Bim-baum!“

Da erwachte der Dichter Tieck in seinem Berliner Zimmer in der

Friedrichstraße von den Morgenglocken, die von der französischen Kirche

tönten. An seinem Bett stand sein Diener mit einem schwarzen Samtrock,

um dem Achtzigjährigen beim Ankleiden zu helfen. Tieck strich sich über

seine Brauen: „Was hab’ ich mir da wieder zusammengeträumt! Welch ein

Tag ist heute?“ frug er den Diener. „Sonntag, Herr Hofrat! Hören Sie es

nicht an dem Läuten.“ „Ach ja!“ lächelte der fromme Tieck. „Für einen

Dichter ist immer Sonntag. Den andern Menschen muß man es ansagen.“

Jetzt erschien auch der junge +Köpke+, sein getreuer Eckermann. Er

brachte dem Meister einen Gipsabguß von der Büste seines Königs

Friedrich Wilhelms des Vierten. Tiecks Bruder, der Bildhauer, hatte

das Original gemacht. „Welch eine schöne Morgengabe!“ dankte der

königstreue Sänger dem Jünger. „Was haben Sie noch in der Hand?“

fragte er. „Den Wochenspielplan der Berliner Theater.“ „Ach! Legen Sie

ihn hinten zu den ungelesenen Zeitungen in die Ecke! In das Zimmer,

in dem einst meine sechzehntausend Bücher standen, die ich in der

letzten Woche alle verkauft habe! Weg mit dem Ballast vor der letzten

Fahrt! Die Gescheitheit ist uns nur im Wege auf der Reise zu Gott.

Wochenspielplan! Was kümmern mich die Herren Gutzkow und Laube! Mich

führt doch keine Bühne auf. Man hat mich vergessen. Aber was tut’s?

Darum bleibt doch für einen Dichter alle Tage Sonntag.“

E. T. A. Hoffmann

Im Winter des Jahres 1821 bekamen eine Reihe geistvoller und

künstlerischer Männer zu Berlin durch die Post eine in zierlichen

Antiquabuchstaben geschriebene Todesanzeige zugeschickt, die

folgendermaßen lautete:

„In der Nacht vom 29. bis zum 30. November dieses Jahres entschlief, um

zu einem besseren Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling,

der Kater Murr, im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den

Verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend

und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen.“ Der

Mann, dem dieser Kater, als er noch springen konnte, gehört hatte,

der ihn immer, wenn er schrieb, auf seinem Pulte liegen gehabt und

ihm zwischendurch beim Dichten die Funken aus dem Fell gestreichelt

hatte, war der Königl. Preußische Kammergerichtsrat Hoffmann, der seit

dem Jahre 1816 für tausend Taler im Jahre zu Berlin judizierte und

Verfügungen verfaßte.

Dieser höchst sonderbare Mann war unter der Regierung Friedrichs

des Großen zu Königsberg in Preußen von zwei merkwürdigen Menschen

in die Welt gesetzt worden. Von einem Vater, der es vorzog, seine

Familie allein leben zu lassen, und der, nachdem er zwei Söhne

hervorgelockt hatte, sich nach Insterburg versetzen ließ, um seine

ganze Ehegeschichte wie einen schlechten Roman, den man gelesen hat,

gänzlich aus dem Gedächtnis zu verlieren. Zwanzig Jahre lebte der Alte

droben an der Inster allein als Kriminalrat mit seinen Akten, seinem

Tabak, polnischem Branntwein und saufenden Gutsbesitzern, bis er Anno

1797 starb, und der Sohn nichts anderes über ihn zu sagen wußte, als:

„Mancher ist in diesem Jahre gestorben, z. B. mein sogenannter Vater.“

Die Frau zu diesem Manne, die Mutter Hoffmanns, besaß zwei ebenso

hartnäckige wie unangenehme Eigenschaften, sie war hysterisch und

ordnungliebend. Diese letztere Tugend hatte ihren Mann von ihr nach

Insterburg getrieben. Die Hysterie, die sich in stets verweinten Augen

und einer roten Nasenspitze bei ihr abmalte, vertrieb ihr den Sohn,

dem die stete stumme Predigt ihrer traurigen Augen über das Thema:

„Warum hat mich dein Vater verlassen?“ allgemach fatal wurde. So

kletterte der kleine possierliche Junge lieber auf den Schoß seiner

Tante Sophie, der jüngeren Schwester seiner duldenden Mutter, die

eine schöne Stimme hatte und zur Laute die herrlichsten Lieder singen

konnte. Oder das Kind machte sich an den Bruder seiner Mutter, in

dessen Hause sie wohnten, seinen Vormund und Onkel Ottfried, einen hoch

musikalischen, aber völlig vertrottelten alten Sonderling, der trotz

seiner Glatze von der wehmütigen Schwester noch stets „Ottchen“ genannt

wurde, und der allabendlich, wenn die Kerzen brannten, allein oder

mit Freunden Konzerte veranstaltete, wobei er in einem pflaumfarbenen

oder zeisiggrünen Rock im Zimmer herumsprang wie die Tasten auf der

Klaviatur. Dies waren die ersten lebendigen Eindrücke des Kindes, das

später, als es Mann geworden, einmal die bittern Worte schrieb: „Ein

schlechter Vater ist noch immer viel besser als ein guter Erzieher.“

So wurde die Musik allein die beste Freundin und Trösterin des einsamen

Kindes. Und es ist fast symbolisch für ihn und für sein Leben, daß

sein Vater, der mysteriöse Mann zu Insterburg, in der Stunde seiner

+Geburt+, um der Mutter die Schmerzen zu erleichtern, und um dem

Kinde bei seinem Eintritt das Menschenleben möglichst pläsierlich

vorzutäuschen, einen Lautenisten herbeigeholt hatte, der der Wehmutter

und dem Säugling einen „Murki“, ein Murmelstück im Baß vorspielen

mußte. Von Oheim und Tante verwöhnt, aber mit Musik erfüllt, bezog der

Jüngling die damals weltberühmte Universität Königsberg, wo er, wie

sein weiland Vater, die Rechte studieren sollte. Es ist ergötzlich,

wenn man sich den jungen Hoffmann zu den Füßen +Kants+ vorstellt,

dessen Vorlesungen er eifrig besuchte, ohne sie jemals verstehen zu

können, und den Humor Gottes sich klarmacht, der diese beiden extremen

Geschöpfe erschafft und in diese komische Situation zusammenbringt.

Wie der von uns Erwachsenen sogenannte „Ernst des Lebens“, d. i. die

Zeit, wo man sich selbst sein Geld verdienen muß, für Hoffmann begann,

zeigte sich, daß in den damaligen unruhigen Zeitläuften, wo gerade

Napoleon mit Deutschland Katze und Maus spielte, die Musik ihren Mann

fast noch eher ernähren konnte, als die Juristerei. Zumal da Hoffmann,

der außerdem, daß er erzählen und mit der Feder wie auf dem Klavier

phantasieren konnte, noch die dritte Gabe, zeichnen zu können, besaß.

Dieses Talent machte sich bei ihm, dem anfänglichen Assessor zu Posen,

in farbigen Karikaturen Luft, die er von seinen Vorgesetzten, um die

Akten etwas zu beleben, zuweilen an deren Rand zeichnete. Nun können

preußische Beamte einen Spaß oder Stoß von Untergebenen sehr schlecht

vertragen, und der Assessor Hoffmann ward, um seine Phantasie etwas

trocken zu legen, in ein kleines Nest an der Weichsel versetzt, auf daß

er in sich gehe und einsehe, wie man sich als Beamter besser steht,

wenn man +keine+ Karikaturen zeichnet.

Um sich in der Polackei nicht tot zu langweilen, heiratete Hoffmann

dort eine Polin, ein gutes, treues Weib, die den Humor hatte, zu allem,

was der kleine hagere koboldartige Mann trieb, „Ja und Amen“ zu sagen,

und die alle Stunden bis zu seiner letzten bei ihm ausgehalten hat. Sie

weinte denn auch keine Träne, als ihr Mann den sichern Staatsdienst

verließ und sein Glück den Musen anvertraute. Sie folgte ihm, als er

als Musikdirektor ans Theater nach Bamberg ging, dorthin, und stopfte

ihm die Strümpfe und die üble Laune, wenn er weinend aus einem Stück

von Kotzebue heimkam.

Als er das Theater leid bekommen hatte, ging er wieder auf die

Wanderschaft und nährte sich zu Dresden -- es war gerade Anno 1813 --

von Karikaturen auf Napoleon, die einen reißenden Absatz fanden. Zum

Glück für ihn war justament sein Oheim Ottfried gestorben, der ihm ein

paar verstimmte Geigen, etzlich bunte Kleider und einige blanke Taler

hinterließ, und Hoffmann konnte, ohne zu verhungern, abwarten, bis

Napoleon nach Elba expediert war.

Um die Zeit besann man sich in Berlin wieder auf den früheren

+Beamten+ Hoffmann aus Königsberg, der sein Assessorexamen dereinst

mit „vorzüglich“ bestanden hatte, und dem, außer daß er zeichnen und

musizieren konnte und eine Zeitlang beim Theater gewesen war, nichts

Übles nachzusagen war. Man machte drum durch dieses wie durch alles,

was unter Napoleon geschehen war, einen dicken Strich, vielmehr man

+setzte es in Klammern+, und ernannte Hoffmann zum Kammergerichtsrat.

Zumal ein so ehrenwerter Mann wie sein Freund Hippel sich für ihn

verwandte, derselbe, der für den König Friedrich Wilhelm III. den

„Aufruf an mein Volk“ verfaßt hatte, der also ein Meister darin war,

Gegensätze zu vermitteln.

Schattenbilder · 第 8 / 21 段