den Freund, den „Pilger“, wie sie ihn hieß, in dem Türrahmen stehen
sah, sank sie, als hätte sie auf seinen Anblick gewartet, erschöpft
aufstöhnend in die von ihrem Schweiß feuchten Kissen zurück. Noch in
ihrem Sinken ergriff er zärtlich mit seinen beiden Händen behutsam
die mit der ehrwürdigen Signatur des höchsten Mitleidens bezeichnete
Hand, dieses bei ihr nur +geistige+ Sinneswerkzeug. „Wie steht es
heute, Schwester Anna Katharina?“ fragte er gedämpft, wie man in einer
Krankenstube spricht. „Unaussprechlich schön!“ kam es wie von weit
her aus ihrem Munde. „Ich bin jetzt so ruhig und habe ein solches
Vertrauen, als hätte ich nie eine Sünde begangen. Dies sind so +gesunde
Schmerzen+. Ich weiß nichts mehr von der trüben, schmutzigen Welt.
Unser lieber Heiland war bei mir, er hat mich mitgenommen, ich wollte
bei ihm bleiben! ...“ Aber plötzlich besann sie sich erschrocken und
deutete mit dem Finger geheimnisvoll auf den Mund. „Aber ich darf
um alles nicht davon reden“, und schwieg und lehnte sich zurück. In
dem Augenblicke flog die zahme Lerche, die in ihrem Zimmer oben über
dem Fensterbalken nistete, auf ihr Kopfkissen, als sei sie allein
dieser Geheimnisse wert. Die schwarze +Krankenschwester+ aber, die bis
dahin, ohne sich zu rühren, neben dem Bette gesessen und wie verzückt
der Stimme der seligen Ekstatikerin gelauscht hatte, erhob sich und
wischte der starr Daliegenden mit einem Schweißtuch die Angsttropfen
von der Stirn. „Gelobt sei Jesus Christus, Schwester Luise“, flüsterte
Brentano und setzte sich der Schwester gegenüber auf den hölzernen
Bauernstuhl auf der andern Seite des Bettes. Dann schwiegen die beiden,
neben der leise röchelnden Kranken sitzend, eine lange bedeutungsvolle
Weile miteinander. Sie wußten, daß sie Braut und Bräutigam waren
vor Gott, er, Klemens Brentano, und sie, +Luise Hensel+, in der
unsichtbaren Kirche Christi einander angetraut, aber auf Erden durch
ihre +Leiblichkeit+ eines von dem andern getrennt. „Erzähl etwas,
Klemens“, brach sie, durch das Schweigen verwirrt, das ihr wie eine
Sünde vorkam, die Stille. „Du weißt, sie hört es gerne“, fügte sie mit
einem liebevollen Blick auf die im Halbschlummer bei den toten Heiligen
weilende Kranke hinzu.
Und Klemens begann ihr aus der Chronika eines fahrenden Schülers
leise weiterzuerzählen. „Ich bin noch vielfach herumgeirrt durch die
Lande, ehe ich meinen Herrn und Meister Jesum Christum gefunden habe
und von ihm wert befunden ward, seine Wunder und seine Wunden zu
verehren. Denn ich war hoffärtig von Kindheit an, weil ich aus einem
vornehmen Hause stamme, darinnen Klugheit, Witz und Weltlichkeit
umgingen seit Väter Zeiten. Und ich ward mit viel Fürwitz empfangen und
bei Reichtum und Dünkel in die Schule geschickt. Und späterhin ging
ich mit lauter klugen Gesellen um, an allerhand Orten, in Jena und
Berlin, die vermeinten, das Reich Gottes mit ihrer flachen Hirnschale
erobern zu können. Durch sie verlockt wie einst du durch den Bann der
falschen Lehren Luthers lief ich gleich Parzival jahrelang in der
Irre. Aber immer brannten die himmlischen Tropfen, mit denen ich unter
der Patenschaft des letzten Kurfürsten von Trier, des Erzbischofs
Klemens Wenzeslaus, dereinst zum katholischen Christen getauft worden
bin, wie Feuer auf meinen Scheitel, so daß ich nur mit ewiger Reue
ein solch weltliches Leben geführt habe. Und ob ich mich auch an
ein Weib verloren habe, der Gott die ewige Seligkeit schenken möge,
ich bin dessen wie aller Irrwege zum Heil niemals aus Herzensgrunde
froh geworden. Und erst als ich dich fand, du gleich mir Bekehrte,
du sanfte, barmherzige Zuhörerin meiner Leiden, du Trösterin, du
mein liebes, +neues+ Leben, du Heiligtum, in deren Nähe alle Furien
weichen, als du mir deinen Mund entzogst und mit deiner Rechten auf das
+Kreuz+ mich wiesest, das immerdar durch alle Nebel um mich golden zu
mir gestrahlt, da ward es Ruhe und Meeresstille in mir. Da wurde ich
inne, daß alle meine Träume, deren Wollust ich seit meiner Kindheit
am Rheine genoß, da ich am liebsten die Welt in einem Spiegelglas
umgekehrt verzaubert betrachtete, nur Wolken waren, in deren Anblick
ich mich beim Aufstieg des Kreuzwegs nach Golgatha verloren hatte.
Dort, wo deine Hand hinwies, hing mein Herr und Heiland mit nach uns
ausgespannten Armen am Stamm, die köstlichste Frucht, die der Baum der
Menschheit getragen hat. Dort unter dem ewigen Licht, wo der Bronnen
seines Blutes rinnt, haben unsere Geister im Gebet sich gefunden und
vereinigt.“
Er reichte der barmherzigen Schwester, seiner unkörperlichen Geliebten,
von Rührung ergriffen, über das Bett der seraphischen Kranken seine
zitternde Hand. „Stille! Stille nur“, kam es von den Lippen seiner
Vermählten in Christo, und mit ihrem weißen Finger wies sie auf die
bleiche Nonne, die sich langsam wie ein Gespenst aus ihren Kissen
wieder emporhob. „Es kommt über sie,“ fuhr sie fort, „morgen ist
Freitag, der rote Todestag unseres Herrn, an dem ihre Wunden bluten
müssen.“ Das verzückte Lallen der stigmatisierten westfälischen Nonne
erhob sich von neuem mit seinen halb kindlich, halb priesterlich
monotonen Lauten. Es hallte, wie das Echo einer Abend-Litanei von
den Steinwänden eines Kirchengewölbes hallt. „Herr, hilf doch! Komme
doch, Jesu! O Herr, o Herr, komm! Meine Kräfte reichen nicht mehr.
Sie sind zu schwer für mich, alle diese Leiden, die ich +für andere+
tragen muß. Da ist eine arme Frau, ganz deutlich sehe ich sie, die
an Brustwassersucht leidet, mit der muß ich leiden, für die muß ich
leiden. Wir sind alle ein Leib in Jesu Christo! O hilf mir, mein
himmlischer Bräutigam, ich liege auf dem Kreuz, es ist ja bald aus.
O Herr, hilf doch!“ Immer stoßweiser ging ihr Atem, immer heftiger
arbeitete ihre arme Brust. Da beugten sich die beiden Menschen zu
seiten des Bettes, die miteinander lauschend diese sublimierte Wollust
genossen, voll Sorge über die ekstatische Kranke. Und sie sahen mit
Schaudern, wie sich die Male und Zeichen der Nonne zu röten begannen,
und wie ihre Stirne, ihre Brust und ihre Seite aus aufbrechenden Wunden
bluteten.
„O holt mir meine Seelenspeise“, wimmerte das Nönnlein mit schwacher
Stimme. „Gebt mir von dem heiligen Öle! Es durchdringt jedesmal wie ein
stärkender Tau alle meine Gebeine. Ich hungere nach meinem himmlischen
Gott und Herrn!“ --
Luise Hensel gab dem Freunde ein stummes Zeichen. „Es steht schlimm um
sie. Gehen Sie, ihr den Priester zu holen!“
Und hinaus in die Schatten schritt beim Klang des Angelus für die
stigmatisierte Nonne Emmerich, dies Häuflein wundes Fleisch, in der
nahen Pfarrkirche das letzte Sakrament zu bestellen, Klemens Brentano,
der größte Volksliederdichter der Deutschen, der Bruder der freien
Bettina, das Pflegekind der sonnigen Mutter Goethes, der später
geisteskrank wurde, den die katholische Nacht verschlang.
Eduard Mörike
Kleversulzbach, ein Flecken von 600 Einwohnern mit schwäbischem
Dialekt, zwischen den drei Oberamtsstädten Heilbronn, Weinsberg und
Neckarsulm gelegen, war in großer Erregung. Denn die entsetzliche
wochenlange pfarrerlose Zeit, da sich die Gemeinde bei Kindtaufen,
Hochzeiten und Begräbnissen mit jungen unwürdigen Vikaren behelfen
mußte, denen nichts im Gesicht stand als das Tübinger Stift, Homiletik
und gute Vorsätze, war vorüber. Heute sollte der neue Pfarrherr in
das mit Ackerblumenkränzen und einem vom Anstreicher des Dorfes
mit roten und grünen Buchstaben neu bemalten Willkommenschild
geschmückte Pfarrhaus einziehen. „Eduard Mörike hieß er und stammte
aus Ludwigsburg, war also Gott sei Dank ein Schwabe von Geburt“,
mehr wußte der Dorfschulze nicht von ihm zu berichten. Denn daß er
das theologische Studium nur mit mittelmäßigem Erfolge absolviert
hatte, und daß auch in seiner sittlichen Führung hin und wieder
etwas auszusetzen gewesen war, wie dies alles in den Papieren und
dem keineswegs glänzenden Schulzeugnis des jetzigen Herrn Hochwürden
zu lesen stand, das verschwieg der Schulze vorsichtigerweise der
höchst sittlichen Gemeinde von Kleversulzbach. Desgleichen auch die
Stelle aus dem Briefe des Pfarrers, bei dem der junge Mörike zuletzt
Vikariatsdienst versehen hatte, und die da lautete: „Vikarius Mörike
zeigte bei mir eine fast sündhafte Neigung zur Musik, und zwar leider
zu der +ungeistlichen+. So hat er in der ganzen Zeit von acht Wochen,
die er bei mir war, keinen Tag vorübergehen lassen, ohne sich nicht
etwas aus dem ‚Don Juan‘ des Mozart vorzuklimpern. Sonst ist mir noch
unangenehm an ihm aufgefallen, daß er in gelegentlichen Disputen über
den Wert der verschiedenen Religionen, falls es einem überhaupt gelang,
ihn da hinein zu verwickeln, bisweilen eine sonderbare schwärmerische
mystische Vorliebe für den Katholizismus äußerte.“
So viel oder so wenig Ungünstiges wußte der Ortsvorstand von
Kleversulzbach über den neuen Pfarrer Mörike. Die Klatschbasen aber,
die auch hier wie das Unkraut überall gediehen, wußten außerdem noch
ein paar kleine hübsche Sächelchen von ihm. So zur Hauptsache, daß er
noch unvermählt sei und zusammen mit seiner Mutter hause und einer
Schwester, die er zärtlich liebe, und die ihn recht im Essen und in der
Bequemlichkeit verwöhnt habe, so daß er zimperlich wie ein Apotheker
sei. Sodann -- und dies war ja noch viel interessanter --, daß er
bereits einmal zu heiraten +probiert+ habe, indem er schon vier Jahre
lang verlobt gewesen sei, natürlich mit einer Pfarrerstochter, und zwar
aus Plattenhardt. Aber zur Hochzeit sei es nicht gekommen, weil er der
Jungfer aus Plattenhardt nicht fromm genug gewesen war.
Das Interessanteste jedoch, was es von ihm zu klatschen gab, war,
daß er einmal als Student der Theologie in Tübingen eine Zeitlang
gemütsleidend gewesen war, und zwar aus Liebe zu einem überspannten
jungen Geschöpf aus der Schweiz, die unstet herumreiste und für die
das schwäbische Wort „rappelköppig“ recht wie erfunden zu sein schien.
Sie hatte den jungen dermaligen Kandidatus Mörike aber mit ihrem
Irrsinn so angesteckt, daß er sogar Verse auf sie gemacht und sie unter
dem Namen „+Peregrina+“ besungen haben sollte. Bis sie dann wie ein
Irrlicht plötzlich wieder verschwunden sei und dem Herrn Kandidaten
statt der „rot Fastnachtskleider“, in denen er eine Weile zu stecken
glaubte, wieder die ehrsamen schwarzen langen Theologenrockschöße
hinten angewachsen waren.
Während so Kleversulzbach, mit der nötigen Zurückhaltung natürlich,
da es sich um einen Pfarrer handelte, über Mörike sich unterrichtete,
wobei die guten alten Sprichworte: „Ein toller Most gibt einen reinen
Wein“, oder „Gut Ding will Weile haben“ zum Niederschlagen etwaiger
Unruhen angewandt wurden, zog unser Dichter und Pfarrer selber in aller
Seelenruhe in sein Dörfchen ein.
Es war ein nicht gar großes, nicht gar flinkes bedächtiges Männlein
im dunklen Überrock, nicht zu fett, aber auch beileibe nicht zu dürr,
mit lockigem, blondgrauem Haar, einem rundlichen, würdigen Gesicht
und einem kleinen feinen Stöckchen in der Hand. Seine schelmischen
stillen Augen standen sehr nahe unter der Stirn zusammen. Durch eine
altmodische goldene Brille sah er sich alles geruhsam an, die Pfarre,
die Diele, in der es spuken sollte und in der nachts die sündige Seele
eines früheren, in den Wein verliebten Pfarrers herumpolterte, die
braune Treppe und sein Predigtstüblein mit dem alten mit Fabeln und
Legenden bemalten Kachelofen. Dann trat er aus der Flurtüre unten in
den Garten hinaus, freute sich auf die Gockelhühner, die in dem Stall
bald herumstolzieren würden, beschaute sich den kahlen Gartensaal mit
den verschimmelten Fresken, die nur darum so schön waren, weil man
nichts mehr von ihnen sehen konnte. Die Äolsharfe, die draußen zwischen
Efeu im Fenster stand, ließ zu Ehren des neuen Pfarrers ein paar
traurige langgezogene Töne erklingen, die Mörike wie die Stimmen seiner
verstorbenen Vorgänger in die Ohren drangen. Dann wandelte er durch den
Obstgarten weiter, in dem unter der Junisonne die Äpfel süß und die
Pastorenbirnen saftig wurden, und kam an das Hinterpförtchen, das ins
freie Feld abseits vom Dorf hinausführte. Und als er die Türe, die sich
schwer auf rostigen Angeln drehte, nach außen aufstieß, sang sie ihm
zum Willkommen die Arie aus Mozarts „Titus“ vor: „Ach! Nur einmal noch
im Leben!“
Indessen war draußen auf der Straße vor dem Pfarrhaus auf einem
Leiterwagen das Hausgerät Seiner Hochwürden angelangt. Und ganz
Kleversulzbach half mehr noch aus Neugierde als aus Menschenliebe
der Mutter und der Schwester des neuen Pfarrers beim Auspacken und
Einräumen. Man schob das Spinett in die Diele, Kinder trugen die vielen
dicken Bücher in die Stube zum Pastor hinauf. Geranientöpfe wurden vor
jedes Fenster gestellt, und den Junokopf, der jeden an dieser Stätte in
der Hand genierte, setzte schließlich Mörike zum Entsetzen aller mitten
auf sein Pult und schob, damit er nicht wackeln konnte, einfach die
Bibel darunter.
Dann wurde die Hausmenagerie untergebracht, die Goldfische, die
Distelfinken, der Hund und die Katze, wobei der Hausherr folgendes
Vierklassensystem für die Tiere entwarf: „1. stinkende und zugleich
singende, 2. rein singende, 3. rein stinkende und 4. solche, die
weder stinken noch singen.“ Zum Schluß kamen dann die Raritäten in
ihre Schubfächer oder auf ihre Schränke und Wandgestelle: Die Münzen,
Autographen, Altertümer, Kruzifixe, Versteinerungen und vor allem die
Hausapotheke. Und man war mit alle diesem kaum zur Hälfte fertig, als
schon die Sterne in goldenen Haufen über Kleversulzbach heraufzogen
und den Gerechten nicht schöner als den Ungerechten leuchteten. Und
bald war es draußen auf den Dorfstraßen ganz still und friedlich wie am
Versöhnungsfest.
In dieser Idylle verlebte Mörike das wichtigste Jahrzehnt seines
Daseins. Hier konnte er die ersten fünf Tage in der Woche -- denn
vor Freitagabend dachte er nicht ans Predigen -- dichten, sammeln,
zeichnen, schnitzen, gravieren, mit seinen ungewöhnlich geschickten
Händen an allerhand Dingen herumbasteln, mit seinem beweglichen
Gesichte Fratzen schneiden und an sich als großer Hypochonder, der er
war, nach Herzensqual herumquacksalbern. Hier konnte er vor +allem+,
was nach dem Dichten das Schönste für ihn war, +herumfaulenzen+ wie
ein Neapolitaner. Wie schön waren die Tage, wenn man nichts zu tun
hatte, wie den fleißigen Bienen zuzusehen oder auf dem Rücken im
hohen Grase zu liegen, bis irgendeine Stimme rief: „Herr Pfarr! Das
Essen ischt fertick!“ und man sich am Abend wie ein Held vorkam, wenn
man einen Brief geschrieben hatte. Freilich auch in der Korrespondenz
darf man sich nicht zu sehr übersputen, und der biedere Theodor Storm,
der seinem schwäbischen Bruder in Apoll seine „Sommergeschichten und
Lieder“ mit einer prächtigen Widmung zugesandt hatte, mußte zweieinhalb
Jahre auf eine Antwort warten. Um sich das Vergnügen des Faulenzens
und Spintisierens noch mehr zu Gemüte führen zu können, hielt sich
Mörike meist in Kleversulzbach noch einen Vikar für seine Gemeinde, der
Taufreden und Grabpredigten ~da capo~ halten mußte. Doch wenn er in
jenen zehn Jahren in Kleversulzbach auch nicht mehr getan hätte, als
das Gedicht vom „verlassenen Mägdlein“ oder von dem „alten Turmhahn“ zu
machen, so könnte er von uns aus noch weitere zehn Jahre zum Faulenzen
bekommen.
Den Rest seines Lebens verbrachte der Dichter, der zum Pfarrer im
Grunde so wenig wie Schiller zum Medikus paßte, in Stuttgart als Lehrer
kleiner Mädchen am Katharinenstift, der einzige große Schwabe nach
Schiller, der dieser ihrer schönen Hauptstadt durch seine Gegenwart
etwas Athenisches verliehen hat. Er probierte noch einmal zu heiraten.
Aber dieses +zweite+ Experiment mißlang dem scheuen, lässigen, in
sich gekehrten, wetterwendischen Herrn noch mehr und endete nach
mancher ~perturbatio domestica~ mit Tränen und Türenschlagen und einer
schließlichen Trennung „auf unbestimmte Zeit“. Daraufhin zog der alte
Junggeselle mit einem Töchterchen wieder zur Schwester hin und wartete
zwischen Goldfischen, Versteinerungen, Noten und Gedichten geduldig
auf den Tod, der dem Siebenzigjährigen das Licht aus der Hand blies.
Seinen vornehmen, auserlesenen Geschmack, diese seine beste Qualität,
bewies er noch, indem er sich Anno 1870 nicht flugs über Nacht als
patriotischer Dichter begeistern konnte und drum nicht gleich mit in
die laute ungestimmte Fanfare hineingestoßen hat.
Sein Ruhm, der zeit seines Lebens nur ganz bescheidentlich wie „auch
einer“ geleuchtet hatte, weit überstrahlt von den hohen Namen eines
Uhland, Kerner und Schwab, erwies sich auf einmal als dauernder denn
das ganze Urteil seiner Zeit. Und heute gilt uns Mörike neben Schiller
und Hölderlin als einer der drei großen +Griechen+ aus Württemberg,
dessen Verse nicht minder lange blühen werden als die des von ihm
gefeierten Anakreon. Denn ein rosiger Hauch haftet an jeglichem seiner
Lieder.
Der Graf Platen
Was waren das für glückliche harmlose Zeitläufte bei uns, da man in
Deutschland noch nicht, wie die Franzosen scherzend sagten, „die
Homosexualität entdeckt hatte“! Da konnten die Literarhistoriker
noch des Dichters Platen gedenken, ohne dieses Problem seines
Daseins und Dichtens überhaupt erwähnen zu müssen. Da gab es für den
deutschen Gelehrten derlei nur bei Sueton im neronischen Rom oder
in Griechenland, beileibe nicht in unserem frommen, friedfertigen,
moralischen Vaterland, in dem man sich darum über solche Sachen
nicht einmal empören mußte, weil sie eben totgeschwiegen wurden.
Heute in unserer verfluchten, ehrlichen, die Menschen allesamt
öffentlich abstempelnden Zeit ist man, will man kein Falschmünzer
oder Duckmäuser heißen, geradezu genötigt, das Rätsel, das Platen wie
jeder bedeutende Mensch seinem Volke aufgab, von dieser Seite aus
zunächst zu lösen. Seine Tagebücher lassen keinen Zweifel, daß der
Dichter ein völlig konträr sexual empfindender Mensch gewesen ist,
daß er sich fortwährend, und zwar auf das heftigste, Frauen gleich
in +Männer+ verliebt hat. Schon auf der Kadettenschule in München,
auf die ihn seine adligen Eltern, die nach Väterweise einen Offizier
aus ihm machen wollten, mit zehn Jahren von Ansbach gebracht hatten,
fing es an. Eine vielleicht angeborene Neigung wurde so durch den
ausschließlichen Verkehr mit Männern, meist jüngeren Alters, auf das
unseligste gereizt und verstärkt. Nichts ist bekanntlich gefährlicher
für die Gesundheit der Liebes- und Geschlechtsempfindungen -- alle in
Internaten aufgewachsenen Menschen bestätigen es! -- als der einseitige
fortwährende Verkehr mit +Gleichgeschlechtlichen+ und die intime
Vertraulichkeit, die durch das stete zwangsgemeinsame Leben erweckt und
genährt wird. Es ist erschütternd in diesen Tagebüchern zu lesen, wie
zart erst auf den Zwischenstufen zwischen Knabe und Jüngling die Liebe
diesen noch schlummernden wie eine Pflanze lebenden Poeten ergriff.
Die Liebe zu einem +Mann+ natürlich, denn Frauen oder „Weiber“,
wie er bezeichnenderweise sagt, hatte er kaum gesehen. Und zwar zu
einem jungen blonden französischen Grafen, von dem er, vom Kadetten
zum Hofpagen aufgerückt, wie ein junges Mädchen von seinem Ideale
schwärmt, ohne daß er jemals ein Wort mit ihm zu sprechen wagte. Noch
hätte eine entschlossene Erziehungsweise, ein erfahrener, vornehmer,
älterer Mann vielleicht diesen weichen Knaben umbiegen und sein Herz
und seine Physis auf das andere Geschlecht hinlenken können. Aber der
fehlte eben dem Jüngling wie dem Kinde. Denn sein Vater in Ansbach
hatte Wichtigeres zu tun, hatte Forsten zu besichtigen und junge Bäume
zu behüten und über die harten napoleonischen Zeiten zu seufzen, und
konnte sich nicht um die Seele seines in zweiter Ehe spätgebornen
Knaben bekümmern.
So sehen wir den jungen Pagen Platen immer mehr in die Liebe zum
eigenen Geschlecht verstrickt. Dem Idealbild des jungen blonden
Franzosen folgt ein bayerischer Prinz als Gegenstand seiner Neigung,
und bald muß er sich gestehen, daß er sich am meisten in ungemischter
Männergesellschaft schüchtern fühle, weil die Zartheit der Weiber
seinem Wesen innewohne. Immer bedenklicher, gefährlicher wird diese
unglückliche Veranlagung. Als er ~faute de mieux~ sich entschloß,
Leutnant zu werden, wurde ihm der Abschied vom Pagengalakleid schwer,
das ihm so teuer war, wie weiland Werthern sein blauer Frack, in dem er
Lotten zum erstenmal gesehen, weil -- armer verirrter Knabe! -- einen
Augenblick lang des Franzosen schöne Hand darauf geruht hatte.
Bald wird er dann immer widerstandsloser das Opfer seiner Perversion,
die ihn wechselnd, gleich einem Schmetterling im Sturm, von
einer Neigung zur anderen treibt. Meist +ohne+ Erwiderung seiner
Leidenschaften zu finden. Aus einem jungen Offizier, Friedrich von
Brandenstein, den er im Alter von achtzehn Jahren wie ein Backfisch
bei einem Konzert und Deklamatorium in der Münchener Harmonie kennen
lernte, und den er in seinem Tagebuch wieder wie ein Backfisch als
„Federigo“ anschwärmt, bekommt er nur die Worte „Gut“ und „doch“ als
Entgegnung auf seine Fragen heraus. „Er ist blond wie der französische
Graf“ -- immer wieder kommt er auf diesen ersten Geliebten zurück --,
„aber er scheint sehr monoton zu sein“ muß er sich sagen. Er freut sich
darauf, seinem Federigo, der mit seinem Regiment gegen den von Elba
entsprungenen Napoleon ins Feld ziehen mußte, nach Frankreich folgen
zu können, wo die groben und abscheulichen unsittlichen Schriften, die
er in den Bibliotheken mancher Quartiere aufstöbert, sein Zartgefühl
verwundeten.
Sonst unblessiert heimgekehrt, wechseln flüchtige Passionen zu Freunden
und Fremden in seinem Busen wieder mit ernsten Leidenschaften, so
zu einem Hauptmann, den er „mein Wilhelm“ nennt, bis er auf einmal,
mit ihm auf die Wache ziehend, zu seinem Entsetzen entdeckt, daß
er gefühllos „wie ein Stein“ ist und keinen Begriff von Liebe und
Freundschaft hat.
Mehr und mehr von dem kalten soldatischen Gamaschendienst in den
kriegsmüden Zeiten nach Napoleon angewidert, wirft er sich auf
Sprachstudien, für die er ungewöhnlich begabt ist, und erlernt schnell
Lateinisch, Griechisch, Persisch, Arabisch, Italienisch, Französisch,
Spanisch mit besonderer Vorliebe, Schwedisch, Englisch und gar
Holländisch. Bald erlangt er durch die ihm von seinem König gewährte
Entlassung aus dem Militärdienst volle Studierfreiheit, der er sich
in Würzburg unter Döllinger und in Erlangen unter Schellings Einfluß
mit der ganzen Wißbegierde seiner zweiundzwanzig Jahre hingibt. Neue
Lieben, neue Freuden, neue Schmerzen erwarten den vom soldatischen
Zwang befreiten Jüngling auf der Universität. Diesmal heißt das
ahnungslose Opfer seiner Leidenschaft Eduard Schmidtlein, ein simpler
Junge allem Anschein nach, den er zuerst wieder „Adrast“ nennt, und
von dem er in sein jungfräuliches Tagebuch -- er versteckt sein Herz
jetzt gern hinter die französische Sprache -- schreibt: „~Il est beau
comme Apollon et vigoureux comme Hercule.~“
Die traurige absonderliche Aventüre mit diesem guten Jüngling, den der
Dichter auf der Straße mit Maiglöckchen beschenkte, den er belehrte und
zu edler Lektüre anregte, und der seine warme Neigung kühl erwiderte,
ist ergreifend in den Tagebüchern zu lesen. Bis zu jenen Worten, bei
denen man sich nach der Existenzberechtigung des § 175 in unserm
Strafgesetzbuch fragen muß, die lauten:
„O mein Eduard, morgen sind es vier Monate her, seit wir zärtlich
voneinander Abschied nahmen. Wir sollten uns niemals wiedersehen,
wir haben es nicht vermutet. Ich habe noch zwei Rosen von Dir, die
ich heute fand, eine rote und eine weiße; sie sind vertrocknet, aber
sie duften noch. Und meine Tränen fließen noch. Wir haben es nicht
vermutet.“
Dabei hat Platen -- man fühlt es aus all diesem Zarten heraus, nicht
wahr? -- nie an eine physische Hingabe und Vereinigung mit seinen
von ihm geliebten Freunden gedacht. Er ist später in Italien, in
Neapel, ganz erstaunt, als er hört, daß so etwas möglich ist. Seine
feine Seele zittert vor solchen Akten, und die Liebe zum eigenen
Geschlecht hat ihn -- diesen Fluch der Natur hat sie mitbekommen! --
niemals befriedigt. Sein Wesen war gegensätzlich zu Oskar Wilde gar
nicht auf +faktische+ Ausschweifung gerichtet. Er litt christlich
gräßlich unter seinem „Anderssein“, das ihn in die größte Melancholie
und Menschenscheu geworfen hat. Sein ganzes Gesicht, die schöne,
aber scheue Stirne und der verkniffene eingezogene Mund mit seinem
unmännlichen, süßlich-schüchternen Ausdruck, alles dies sieht aus
wie das fleischgewordene schlechte Gewissen. Die letzten acht Jahre
verbrachte er, von seinem Bayern-König Ludwig unterstützt, ewig
wandernd unstet in Italien. Kreuz und quer hat er dies Land durchzogen
von Stadt zu Stadt und jeden Punkt, der ihm dort gefiel, als ein
poetischer Baedeker mit einem Epigramm oder einem Sonett oder einer Ode
gefeiert. Bescheiden wie ein Franziskaner vermochte er mit geringem
Geld dieses rastlose Wanderleben in der Fremde zu führen. Nicht nur
seine krankhafte Geschlechtlichkeit trieb ihn scheu aus seinem Volke
in die Wildnis. Auch die geringe Anerkennung, die man daheim seinem
Schaffen entgegenbrachte, die Lobhudelung falscher Dichterpropheten
neben ihm durch das Publikum, machte ihn vor Schopenhauer und Nietzsche
+deutschlandkrank+. Seine Gereiztheit reagierte in den nach Grabbes
Literaturspaß beiden besten, wenn nicht einzigen literarischen
Komödien, die wir haben, in der „verhängnisvollen Gabel“ gegen Müllner
und die Schicksalstragödianten und im „romantischen Ödipus“ wider
Immermann und Heine, seine beiden persönlichen Feinde. Denn „Feind“
war ihm jeder, der seine Verse nicht vollendet fand, die er stets
gerne seinen Freunden vorlas, vielmehr „vorsang“, wie ein Ohrenzeuge
berichtet, oder auch sich allein „im Pinienhain, an den Buchten des
Meers, wo die Well abfließt voll triefenden Schaums“, vorsprach, wo er
einsam wandelnd sich an der Fülle des eigenen Wohllauts berauschte.