seiner Kaserne zu Potsdam. Man hatte ihm soeben mitgeteilt, daß der
Krieg mit Napoleon und Frankreich nun bald bevorstehe, und daß man
Marschordre bekommen und ins Feld rücken werde. Chamisso warf noch
einen Blick auf das kahle zweistöckige Soldatenhaus, lauschte den
Hörnern, die an allen vier Ecken des Kastens zu Bett bliesen, und
wandte sich seufzend zum Gehen, wobei er über seinen Degen stolperte.
„Sie alle haben ihre Heimat und ihr Vaterland,“ grübelte er vor sich
hin, „auf das sie stolz sind, und dem sie dienen können!“ Seine Eltern
und seine Geschwister waren längst wieder über den Rhein heimgekehrt,
und suchten unter Napoleon das wiederzufinden, was sie unter Ludwig
verloren hatten. Er allein besaß kein Vaterland mehr unter und hinter
sich, und gegen das, was er gehabt hatte, sollte er nun das Schwert
führen, das ihm an der Seite baumelte. Eine bittere Melancholie
überkam ihn, und seine Seele ward tieftraurig in dieser erbärmlichen,
erbärmlichen Welt. Die Wut seiner Kameraden gegen Napoleon, die diesen
Dämon immer „einen Teufel und ein Scheusal“ schimpften, konnte er
nicht mitfühlen. Und wie vermochte er erst die Franzosen zu hassen,
in deren Sprache er mehr als die Hälfte seiner Gedanken dachte! Er
zog heimlich auf der dunklen Straße seinen Degen aus der Scheide
und betrachtete ihn wehmütig, wie ein Schmetterling sich ein Stück
Bindfaden besieht, und er kam sich plötzlich wie ein Chevalier ohne
Land, ein Reiter ohne Pferd oder wie ein armer Jude und +Schlemihl+
vor, und es schien ihm im trüben Schein der Potsdamer Öllaterne, als
habe er sogar seinen Schatten verloren. Er weinte im Finstern ein paar
stille Tränen zum Erstaunen der geraden Stadt Potsdam, in der nachts
die Häuser exerzieren, und die so etwas höchst selten sah, und kam
traurig wie eine Nachtmütze vor seine Mietswohnung. Oben an seinem
Schreibtisch erst, bei seiner Studierlampe und vor seinen Büchern fand
er, Shakespeare, Schiller und Goethe um sich, seinen Frieden wieder,
und er übersetzte Rousseaus Ode:
„~Pourquoi, plaintive Philomèle,
Songer encore à vos malheurs?~“
ins Deutsche, während drunten auf der Gasse ein betrunkener preußischer
Patriot „Nieder mit Napolium!“ vor sich hingröhlte.
Der +dritte+ Tag im Leben Chamissos, der uns sein Bild vervollständigt,
war im Sommer des Jahres 1828. Vor dem Geschick, gegen Frankreich
das Schwert zu führen, hatte ihn vor sechzehn Jahren die schmähliche
Kapitulation der Festung Hameln, in der er mit seinem Regiment gelegen
hatte, bewahrt. Er war nach Frankreich heimgekehrt und hatte versucht,
wieder Franzose zu werden. Aber vergebens! Ein kurzes Gespräch mit
Uhland, der zu gleicher Zeit mit ihm in Paris weilte, dünkte ihm
schöner als eine Woche am Hofe Napoleons. Selbst die Verführungskunst
der Frau von Staël, die gleich ihm eine Verbannte war, und die ihm
um ein süßes Gramm +mehr+ als eine Freundin zugetan war, machte ihn
nicht wieder zum Franzosen. Es schien ihm, als könnte er nie mehr Ruhe
finden. Es ging ihm mit dieser schönen Frau wie mit seinem Vaterlande,
sie zog ihn an, und er floh innerlich vor ihr. So zwischen Frankreich
und Deutschland hin und her gewürfelt hatte er seltsamerweise seine
Ruhe erst auf einer großen dreijährigen +Weltreise+ gewonnen, die
er auf einem russischen Schiffe unternahm. Wie Peter Schlemihl
den Verlust seines Schattens endlich vergessen konnte, als er die
Siebenmeilenstiefel gefunden hatte, so erging es Chamisso, als er an
den weltentlegenen glücklichen Inseln des Stillen Ozeans landete und
angesichts fröhlicher anspruchsloser sogenannter „Wilder“ einsah, daß
für den weisen Menschen überall das Vaterland ist.
Nun war er schon seit zehn Jahren in Berlin, hatte den Leutnantsrock
längst vergessen und sich statt dessen mit Steinen und Pflanzen
angefreundet, die nach seinem Bekenntnis „viel mehr Verstand als
alle Rekruten hatten“. An einem Sommertage nun hatte ihn sein Freund
Hitzig, auch ein früherer Schattenloser, der sich darum ein „H“ vor
den Namen „Itzig“ gestohlen hatte, von der Stettiner Post abgeholt.
Chamisso, oder, -- er hatte sogar jetzt einen +Titel+ hinter sich, --
„der Kustos des botanischen Gartens zu Berlin“, war mit einer riesigen
Botanisiertrommel und einem Barometerkasten auf dem Buckel draußen
in der Mark gewesen, um „Heu“ für seine Herbarien einzusammeln. Nun
wanderte er rüstig mit seinen guten Spazierhölzern neben seinem Freunde
die lange Friedrichstraße hinauf nach Hause. Und als er die Leute
hinter sich, die dem wunderlichen Mann mit den langen Haaren und der
Botanisiertrommel nachsahen, respektvoll flüstern hörte: „Der Dichter
Chamisso!“ und als er bedachte, daß nach ein paar Schritten ein Haus
kam, in dem sein Weib auf ihn wartete und seine fünf Jungen ihn mit
dem Kriegsgesang „Arocha“ von den Sandwichinseln begrüßen würden, den
er ihnen beigebracht hatte, da wurde ihm so ausgelassen zumute, daß
er zum Erstaunen Hitzigs und der Friedrichstraße auf einem Bein zu
tanzen anfing. Ja, es war wahr geworden, was er kaum gehofft hatte:
Mit fünfzig Jahren war er zum deutschen Dichter geworden, und war das
heute, was Uhland der Deutsche mit dreißig Jahren gewesen war, und
aus dem „passivsten Tier der Welt“, wie er sich selbst in den Jahren
des Hin- und Herschwankens getauft hatte, war einer der fleißigsten
Menschen geworden. Er dachte daran und es wurde ihm warm dabei, daß
er mit dem „Heu“ von draußen ein paar frische Gedichte für seine Frau
mitgebracht, der er von der Reise geschrieben hatte: „Vergiß nicht die
Rosen, vergiß nicht, die Blumen in meinem Garten zu begießen, vergiß
nicht, den Sperlingen unter meinem Fenster Futter zu streuen, und
vergiß nicht, den Jungen die Buchstaben beizubringen. Ich bringe mich
dir wieder ganz, wie ich dich verlassen habe.“
Und auf einmal fiel er dem sprachlosen Hitzig vor lauter Jubel auf der
Straße um den Hals: „Weißt du, welches Motto ich meinen gesammelten
Gedichten voranstellen will? Die Verse, die Goethe dem Tasso in den
Mund legt, wie er seine Dichtung seinem Fürsten bringt:
„Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
Daß Freunde seiner schonend sich erfreu’n,
So kann auch ich nur sagen: Nimm es hin!“
Heinrich Heine
Die Rheinländer haben unserm Volke und unserer Geschichte nicht viele
große Männer geschenkt. In der kurzen Spanne Zeit, der Handvoll
von Jahrhunderten, die uns moderne Deutsche von den mit Tierfellen
bedeckten, Jagd und Fischerei treibenden, unhistorischen Germanen,
unseren Vorfahren, trennen, haben die Rheinländer nur wenige bedeutende
Männer hervorgebracht, die einen gewaltigen, bleibenden Anteil an
der Kulturarbeit in unserem Volke gehabt, die ihren Namen über die
Jahrhunderte glänzend und für die Geschichte Deutschlands unvergeßlich
gemacht haben.
Sachsen, Schwaben und Schlesien haben vor allem unserm Vaterland in
der Literatur, der Philosophie, in der Kunst und den Wissenschaften
die führenden Geister gegeben, die das Gedanken- und Empfindungsleben
unseres Volkes geschaffen und zum Ausdruck gebracht haben. In
wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen Stämmen unseres Vaterlandes
überlegen, haben die Rheinlande für die Kunst nur ein verhältnismäßig
kleines Kontingent von +großen+ Meistern gestellt. Beethoven, den
sie in der Musik haben, ist eigentlich nur ein Zufallsrheinländer.
Dreiviertel seines Lebens hat er in Wien zugebracht, und der
Grundcharakter seines Wesens und seiner unendlichen Musik ist nicht
rheinisch gewesen. Goethe ist von Geburt ein Mittelfranke, kein
eigentlicher Rheinländer. Und der einzige auch als Persönlichkeit
bedeutungsvolle Dichter, den sie bisher in der Literaturgeschichte
aufzuweisen haben, der am Rheine geboren und groß geworden ist, dessen
Name, nennt man die besten Namen, immer genannt werden wird, ist ein
Jude gewesen: Heinrich Heine.
Die meisten Literaturhistoriker haben das Phänomen Heinrich Heine
unter den Deutschen -- denn ein solches ist er unter unseren Dichtern
gewesen und geblieben! -- lediglich aus seinem +Judentum+ zu erklären
versucht. Die Selbstironie in seinem Wesen wie in seinem Dichten, der
Sarkasmus, mit dem sich fast ein jedes seiner Gedichte zum Schluß
selbst in den Schwanz beißt, die Spottsucht, die hinter jedem Ernst
nach seinem Witz sucht, das alles hat man als ein Charakteristikum
seines Volkes, seiner Rasse bezeichnet und gegeißelt. Man muß
zugeben, daß sich diese skeptische, ironisierende Neigung, die mit
sich selbst gern Schindluder treibt, vielfach bei den Juden, die
jahrhundertelang wie die Kellertiere von der Sonnenseite des Lebens
und Wirkens ferngehalten worden sind, ausgebildet hat. Aber diese
Selbstironie, diese Spottlust bei den Juden, die sich meist in
Kalauern und Börsenwitzen ein Genüge tut, ist doch mehr Kopfarbeit
und mehr Galgenhumor, als eigene eingeborene Empfindung, mehr eine
Notwehr des Verstandes, denn ein Erbteil des Herzens. So sehen wir
ja auch unsere heutigen frei gewordenen Juden immer weniger Gebrauch
von einer bitteren Selbstbespottung machen, mit der sie einstmals
vor Verzweiflung Rache am eigenen Schicksal nahmen. Nicht eigentlich
jüdisch ist also diese Selbstironie, diese Zwiespaltigkeit des Innern,
die sich immer als Doppelgänger sieht, diese unüberwindliche Scheu vor
allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernsten eine Fratze
zu ziehen. Nein, alle, die +Rheinländer+ sind, fühlen, daß dies ihre
eigene tragikomische Domäne der Empfindungen ist, daß Heine nur das
Echo ihres Herzens war, und daß sein Blut wie das ihre geklungen hat,
mag er immerhin außerdem ein Jude gewesen sein.
Dieser Kern des Heineschen Wesens und Dichtens, diese Angst vor der
Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den
eigenen Tränen, die sich ihr Gemüt zu zeigen schämt, die ist typisch
rheinisch, die stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästina. Wenn ihn
jedes Große, dem er im Leben begegnet, zwingt, ihm den Witz abzugucken,
wenn er alle Dinge, alles Erleben komisch zu nehmen sucht, wenn er sich
selbst in der Matratzengruft in Paris, wo er die letzten acht Jahre
seines Lebens fast gelähmt zubrachte, zu einem schlechten Spaß machte,
so ist das echt rheinisch empfunden.
Aus dem Judentum Heines heraus hat man auch immer den +zweiten+
Hauptvorwurf begründet, mit dem man ihn vor und nach seinem Tode wie
einen herrenlosen Hund beschimpft hat: Er sei kein Deutscher, kein
Patriot, sondern ein Verräter und Franzosenfreund gewesen. Nun sind
die Rheinländer ihrem Naturell und ihren Neigungen nach schon mit dem
benachbarten, weintrinkenden Volk der Gallier verwandt. Ja, sie fühlten
sich durch häufige Berührung und geistigen Austausch jahrhundertelang,
eh’ die Erbfeindschaft entstand, als +Halbfranzosen+. Ein Vorwurf der
erwähnten Art trifft Heine also nicht so furchtbar schwer, wie die
Franzosenfresser glauben. Wir denken ja alle seit 1870 Gott sei Dank
ein wenig anders und milder und menschlicher über diese Dinge. Wir
geraten nicht gleich mehr in ~furor teutonicus~, wenn wir an Frankreich
und Paris denken. Der Gedanke: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht
Deutschlands Grenze“, berauscht uns nicht mehr so wie unsere Voreltern,
weil er uns selbstverständlich geworden ist. Der Erz- und Erbfeind,
in dessen Hauptstadt wir in acht Stunden gelangen können, ist uns
naturgemäß nicht mehr so fremd und fürchterlich als wie vor fünfzig
Jahren noch. Und es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Kultur, daß
man begonnen hat, auch in den +Schulen+ unserer Jugend nicht mehr die
Tollwut gegen alles, was französisch heißt, einzuimpfen.
Denken wir nur kurz an die Zeit zurück, in der Heinrich Heine vom
Jüngling zum Manne reifte, also in dem Alter war, in dem sich
die politische Gesinnung im Menschen bildet. Es war die Zeit für
Deutschland, wo Metternich Politik machte, wo die finstere Reaktion
gegen jeden Fortschritt vom Rhein bis zur Memel die Gemüter
niederdrückte. War es da einem Manne zu verdenken, wenn er nach
Frankreich hinüberschaute und sich hinübersehnte, wo der durch
die Revolution einmal entfesselte Wille zur Freiheit sich nicht
niederducken lassen wollte, sondern sich hintereinander 1830 und 1848
aufbäumte und die Geschichte aus ihrem Schlafe riß? Was hätte Heine
tun sollen? Hätte er Rhein- und Weinlieder dichten, oder Friedrich
Wilhelm III., seinen wortbrüchigen, oder Friedrich Wilhelm IV., seinen
unglücklichen Landesherrn, besingen sollen? Konnte er das nicht ruhig
den preußischen Hofpoeten überlassen, die damals unser Volk tagtäglich
mit patriotischen Gesängen überschwemmten? Mußte es nicht einen Mann,
der den Wert der alten französischen Kultur kannte und genoß, zum
Spotte reizen, wenn Leute wie Maßmann, der Dichter unseres „Heil Dir im
Siegerkranz“, die Franzosen als „Barbaren“ beschimpfte?
Es ist wahr, Heine hat für Napoleon den Ersten geschwärmt. Aber
tat das nicht Goethe fast noch mehr, der erklärt hatte, „dieser
Mann ist viel größer als seine Feinde“, der immer von Napoleon wie
von einem göttlichen Wesen gesprochen hat! Sahen nicht die beiden
Dichter mit ihrem Blick für Menschengröße täglich in ihrem Leben
die gewaltigen Segnungen aufwachsen, die Napoleon als Vollstrecker
der Errungenschaften der Revolution über unsere alte Erde gebracht
hatte? Schändet Heroenverehrung einen Menschen? Ist sie nicht vielmehr
das, was ihn von einem Kammerdiener unterscheidet? Man entsinnt sich
der Stelle in Heines Buch: „Le Grand“, wo er erzählt, wie er zuerst
Napoleon gesehen habe: Es war in Düsseldorf. Heine war noch ein
Knabe, als Napoleon seinen Einzug hielt. Es war in der Hauptallee
des Hofgartens, und der Knabe dachte gleich mit Schrecken an die
hochwohllöbliche Polizeiverordnung, daß man bei fünf Talern Strafe
nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Aber -- man denke! --
der Kaiser ritt auf seinem Schimmel im Sonnenschein mit seinem
Gefolge mitten durch die Allee! In diesem Geschichtchen hat man den
ganzen Napoleon, den Mann, der durch Polizeiverordnungen, Gebräuche,
Gewohnheiten und Gesetzesparagraphen mitten hindurchritt. Und die
Begeisterung für einen solchen Menschen hat man Heinrich Heine in der
damaligen heldenlosen Zeit verdacht!
Es stimmt fernerhin, Heine hat von der französischen Regierung ein
Jahreseinkommen erhalten und angenommen. Aber was blieb ihm anders
übrig in jener kläglichen Zeit, da seine Schriften vom Bundestag in
Deutschland verboten waren und nur heimlich gedruckt und verkauft
wurden, ohne daß er im fernen Paris viel von den Einkünften zu sehen
bekam. Hat nicht auch der urdeutsche Hebbel damals Gelder von dem
deutschfeindlichen Dänenkönig in Empfang genommen, um sein Dasein
fristen und seiner Kunst leben zu können? Müßten wir uns nicht, statt
Heine daraus ein Verbrechen zu machen, unseres Volkes in Grund und
Boden schämen, das seine führenden Geister hungern und betteln läßt,
das so wenig Gefühl für seine Würde und so wenig Liebe und Verständnis
für die Kunst hat, daß es den Beruf des Künstlers noch heutzutage nicht
genug achtet und stützt?
Nein, Heinrich Heine ist ein Deutscher gewesen, wenn er auch die
letzten fünfundzwanzig Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, in
Paris gelebt hat. Das Heimweh nach dem Land über dem Rhein, diese
echt deutsche Gemütskrankheit, hat ihn bis zu seinem Tode geplagt.
Seine Muttersprache hat er, wie Richard Dehmel in seinem prächtigen
Gedicht zu Heines Ehren gesagt hat, mächtiger gesprochen, als alle
deutschen Müllers oder Schultzes. Seine ganze schriftstellerische
Arbeit in Frankreich war im Grunde nichts anderes als das Kulturwerk,
zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln, den beiden
Völkern Verständnis und Achtung füreinander beizubringen. Und dies ist
ihm bei den damaligen Franzosen so weit gelungen, daß ihre Dichter
eine Zeitlang Deutschland gerne „~le pays de Henri Heine~“, das Land
Heinrich Heines, genannt haben.
Der einzige Vorwurf gegen Heine, der lauter als die beiden genannten
heute noch den Markt der Meinungen beherrscht, ist der, daß er unsere
deutsche Kunst verdorben, unsere Lyrik vergiftet habe. Er selbst hat
sich zuweilen den letzten Romantiker genannt, hat seinen „Atta Troll“
für „das letzte freie Waldlied der Romantik“ erklärt. In Wahrheit
stand er zwischen der Romantik und dem Realismus, der unsere moderne
Zeit beherrscht. Seine Jugend fiel in die träumerische Zeit, da die
deutschen Dichter in den Wald der Poesie hinausritten, wie Heinrich von
Ofterdingen, die blaue Blume zu suchen, sein Ende in den Anfang der
nervösen Zeit, wo Eisenbahnen und Telegraphen und Maschinen unser Blut
unruhig aber nüchtern gemacht und die Menschen so umgerüttelt haben,
daß selbst die Dichter nicht mehr träumen können oder wollen. Zwischen
diesen zwei Zeiten hat Heinrich Heine gestanden, und es heißt nur die
Zeit schelten, wenn man den Zwiespalt, der notwendigerweise dadurch
in sein Dichten gekommen ist, tadeln will. Hätte er mit der alten Zeit
versteinern sollen, hätte er den feigen Tod der Romantiker im Schoße
der Kirche sterben sollen? Nein, er wußte und fühlte, daß es nichts
Unwürdigeres und nichts Dummeres gibt, als die Ideale von gestern
anzubeten, daß der, dessen Pulsschlag nicht mit dem seiner Zeit geht,
schon tot ist, ob er gleich noch weiter lebt. Und so gab er sich seiner
Zeit, wagte er es, modern zu sein, und eröffnete damit als erster unter
uns Deutschen die Zeit der Kritik, in der die Dichter den Menschen und
dann die Gesellschaft besahen, beurteilten und schließlich verurteilten.
Und darum hat er, dessen Ehre es ist, in unserer denkmalwütigen
Zeit kein öffentliches Monument in Deutschland zu haben, sich einen
Denkstein in uns verdient.
Brentano der Dichter
Man schrieb achtzehnhundertdreiundzwanzig, da wohnte zu Dülmen, im
finsteren Münsterlande, seit vier Jahren ein junger Mann, der mit
seinen geringelten schwarzen Locken, die ihm um die hohe Stirn hingen,
seinen dunklen italienischen Augen, seinem schönen ausdrucksvollen
sinnlichen Munde in diese flache Gegend, wo Gehöft und kahle Heide
einförmig umeinander standen und unter diesen derben flachsblonden
dickköpfigen deftigen Menschenschlag so schlecht wie etwa die Schwalbe
in unsern Winter hineinpaßte. Er hatte sich in einer breiten, niedrigen
westfälischen Bauernstube eingenistet, in der er keinen andern Schmuck
duldete als ein großes, buntes, hölzernes Kruzifix, das er von einem
Küster im benachbarten Coesfeld gekauft hatte, und das mit rotgemalten
Blutstropfen überronnen zu Häupten seines Bettes hing. In den ersten
Wochen, als er dort wohnte, hatte auf der schwarzen altmodischen
Bauernkommode noch ein schönes Frauenbildnis gestanden, unter dem
„Sophie Mereau“ zu lesen war. Und hinter diesem Namen war ein schwarzes
Kreuz von einer zitternden Hand mit Tinte aufgemalt. Aber jetzt war
dies schöne Bild, das wie ein Sonnenstrahl in dem düsteren Zimmer
gewirkt hatte, verschwunden, weil der Fremde es verschlossen hatte
und in einer Schieblade zwischen welken Efeublättern von ihrem Grabe
verwahrte. Es war, als habe er das heitere Bild der Toten aus ihrer
Jugendzeit nicht mehr ertragen: Dies Bild, das in seinen stillen Zügen
noch nichts von dem eigenen späteren Geschick wußte, noch nichts
von jener entsetzlichen Nacht, da sie unter schreienden Schmerzen
ein totes Kind in die Welt stoßen würde, noch nichts von dem grauen
anderen Morgen, da sie voll Verzweiflung sich von dem toten Kinde
nachziehen lassen würde in Frieden und Schweigen. Wie zum Hohne hatte
ihn, den Überlebenden, dies glückselige Bildnis seiner einstigen Frau
angelächelt, aus holden kindlichen Augen, die zu sagen schienen, so
etwas Schreckliches kann es nicht geben. Nun lag es im Schrank, den
Blick nach unten gekehrt, wie im hölzernen Sarge zwischen den welken
Blättern von ihrem Grabe neben der Zither mit blauem Band, auf welcher
der Fremde zuerst wohl abends, wenn die Schatten kamen, gespielt
hatte. Bis die Nähe des blutenden Heilands am Kruzifix ihn davon
zurückgeschreckt und er sie verschlossen hatte. Mit schlaff gewordenen
Saiten lag nun die Zither gleich dem Bilde nach unten gekehrt im
Schrank, vergessen und tot wie seine Jugendzeit, und das Kreuz des
Herrn hing triumphierend, einem großen Vogel gleich, mit ausgespannten
Flügeln als einziger Schmuck in der finsteren Kammer. Allabendlich aber
ging der Fremde auf die Gasse hinaus. Den Kopf zur Erde geneigt gleich
einem Geistlichen, schritt er an den Bauernhäusern entlang, um deren
Giebel am Sommerabend die Vögel schwirrten.
„Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren“
zog es wie ein Traum durch seinen Kopf. Dann neigte er die schöne
Stirne noch tiefer, stierte auf den schwarzen Erdboden und murmelte
fünfmal ein Paternoster und fünfmal zehn Ave-Maria, wobei er die
braunen Kügelchen des Rosenkranzes, den er stets um den Hals
geschlungen trug, gedankenlos mit den Fingern abrollte. Vor einem
niedrigen einstöckigen Bauernhaus, in dem vorn eine Schenke war, am
Ende der Gassen, blieb er stehen. Eine Weile lauschte er, mit den einst
so glänzenden, jetzt lichtscheuen Augen in das Abendrot blinzelnd,
auf das Lied, das die Kinder hinter ihm sangen, die sich paarweise
aufgestellt hatten und das letzte Paar immer wieder durchs Tor kriechen
ließen:
„Macht auf das Tor, macht auf das Tor,
Es kommt ein goldner Wagen.
Wer sitzt darin, wer sitzt darin?
Ein Mann mit goldnen Haaren.
Was will er denn, was will er denn?
Er will Mariechen holen!
Was hat sie denn, was hat sie denn?
Sie hat sein Herz gestohlen.“
„O du verlorenes Wunderhorn“, seufzte er laut und wandte sich ab,
seine Tränen in die Schatten des Hauses zu verbergen. Die Türe stand
offen wie eine Kirchtüre. Durch einen langen schwarzen Flur ging es
ins Hinterhaus. Über die knarrende Wendeltreppe stieg er dort langsam
hinauf zum ersten Stock. Aus der Kammer hörte er seltsame Laute
und Sätze kommen, wie: „O du liebes Jesulein, du mein himmlischer
Bräutigam, sie ist so schwer, deine Last, und so süß! Laß mich den
Stein noch ein wenig tragen, gib ihn mir, du kannst nicht mehr, gib
ihn mir! Oder soll ich dir die Nesseln im Weinberge ausraufen? O das
viele Unkraut! O die Nachlässigen im Gebete! Wie mir meine Hände von
den Nesseln brennen! Mehr, mehr noch! Alle will ich vertilgen und
ausreißen, meine Fingerknöchel tun mir weh! O wie süß!“ Leise, ganz
leise stieß Brentano die Türe auf, die zu dieser Stimme führte. Da lag
im breiten eichenen Bauernbett eine wächserne weibliche Gestalt, Kopf
und Brust emporgerichtet und die Arme wie zwei dürre Stöcke von sich
gestoßen. Ein weißes Tuch, um ihre Haare gewunden, hob die scharfen
bleichen Züge mit den schwarzen Gruben unter den Augen unheimlich
ins Geisterhafte. Es war Anna Katharina Emmerich, die Tochter armer
westfälischer Bauersleute, das fromme +Nönnchen von Dülmen+, die die
Wunden unseres Heilandes an ihrem Körper trug, der zuliebe Brentano,
ein Mensch, der aus Goethes Geschlecht stammte, seit vier Jahren hier
hinter dem Leben der Welt sein Dasein verbrachte, ihre Gesichte und
Offenbarungen zu betrachten, zu belauschen, zu beschreiben.