An jenem Herbstabend Anno 1805 kam unser Chamisso spät vom Dienst aus

seiner Kaserne zu Potsdam. Man hatte ihm soeben mitgeteilt, daß der

Krieg mit Napoleon und Frankreich nun bald bevorstehe, und daß man

Marschordre bekommen und ins Feld rücken werde. Chamisso warf noch

einen Blick auf das kahle zweistöckige Soldatenhaus, lauschte den

Hörnern, die an allen vier Ecken des Kastens zu Bett bliesen, und

wandte sich seufzend zum Gehen, wobei er über seinen Degen stolperte.

„Sie alle haben ihre Heimat und ihr Vaterland,“ grübelte er vor sich

hin, „auf das sie stolz sind, und dem sie dienen können!“ Seine Eltern

und seine Geschwister waren längst wieder über den Rhein heimgekehrt,

und suchten unter Napoleon das wiederzufinden, was sie unter Ludwig

verloren hatten. Er allein besaß kein Vaterland mehr unter und hinter

sich, und gegen das, was er gehabt hatte, sollte er nun das Schwert

führen, das ihm an der Seite baumelte. Eine bittere Melancholie

überkam ihn, und seine Seele ward tieftraurig in dieser erbärmlichen,

erbärmlichen Welt. Die Wut seiner Kameraden gegen Napoleon, die diesen

Dämon immer „einen Teufel und ein Scheusal“ schimpften, konnte er

nicht mitfühlen. Und wie vermochte er erst die Franzosen zu hassen,

in deren Sprache er mehr als die Hälfte seiner Gedanken dachte! Er

zog heimlich auf der dunklen Straße seinen Degen aus der Scheide

und betrachtete ihn wehmütig, wie ein Schmetterling sich ein Stück

Bindfaden besieht, und er kam sich plötzlich wie ein Chevalier ohne

Land, ein Reiter ohne Pferd oder wie ein armer Jude und +Schlemihl+

vor, und es schien ihm im trüben Schein der Potsdamer Öllaterne, als

habe er sogar seinen Schatten verloren. Er weinte im Finstern ein paar

stille Tränen zum Erstaunen der geraden Stadt Potsdam, in der nachts

die Häuser exerzieren, und die so etwas höchst selten sah, und kam

traurig wie eine Nachtmütze vor seine Mietswohnung. Oben an seinem

Schreibtisch erst, bei seiner Studierlampe und vor seinen Büchern fand

er, Shakespeare, Schiller und Goethe um sich, seinen Frieden wieder,

und er übersetzte Rousseaus Ode:

„~Pourquoi, plaintive Philomèle,

Songer encore à vos malheurs?~“

ins Deutsche, während drunten auf der Gasse ein betrunkener preußischer

Patriot „Nieder mit Napolium!“ vor sich hingröhlte.

Der +dritte+ Tag im Leben Chamissos, der uns sein Bild vervollständigt,

war im Sommer des Jahres 1828. Vor dem Geschick, gegen Frankreich

das Schwert zu führen, hatte ihn vor sechzehn Jahren die schmähliche

Kapitulation der Festung Hameln, in der er mit seinem Regiment gelegen

hatte, bewahrt. Er war nach Frankreich heimgekehrt und hatte versucht,

wieder Franzose zu werden. Aber vergebens! Ein kurzes Gespräch mit

Uhland, der zu gleicher Zeit mit ihm in Paris weilte, dünkte ihm

schöner als eine Woche am Hofe Napoleons. Selbst die Verführungskunst

der Frau von Staël, die gleich ihm eine Verbannte war, und die ihm

um ein süßes Gramm +mehr+ als eine Freundin zugetan war, machte ihn

nicht wieder zum Franzosen. Es schien ihm, als könnte er nie mehr Ruhe

finden. Es ging ihm mit dieser schönen Frau wie mit seinem Vaterlande,

sie zog ihn an, und er floh innerlich vor ihr. So zwischen Frankreich

und Deutschland hin und her gewürfelt hatte er seltsamerweise seine

Ruhe erst auf einer großen dreijährigen +Weltreise+ gewonnen, die

er auf einem russischen Schiffe unternahm. Wie Peter Schlemihl

den Verlust seines Schattens endlich vergessen konnte, als er die

Siebenmeilenstiefel gefunden hatte, so erging es Chamisso, als er an

den weltentlegenen glücklichen Inseln des Stillen Ozeans landete und

angesichts fröhlicher anspruchsloser sogenannter „Wilder“ einsah, daß

für den weisen Menschen überall das Vaterland ist.

Nun war er schon seit zehn Jahren in Berlin, hatte den Leutnantsrock

längst vergessen und sich statt dessen mit Steinen und Pflanzen

angefreundet, die nach seinem Bekenntnis „viel mehr Verstand als

alle Rekruten hatten“. An einem Sommertage nun hatte ihn sein Freund

Hitzig, auch ein früherer Schattenloser, der sich darum ein „H“ vor

den Namen „Itzig“ gestohlen hatte, von der Stettiner Post abgeholt.

Chamisso, oder, -- er hatte sogar jetzt einen +Titel+ hinter sich, --

„der Kustos des botanischen Gartens zu Berlin“, war mit einer riesigen

Botanisiertrommel und einem Barometerkasten auf dem Buckel draußen

in der Mark gewesen, um „Heu“ für seine Herbarien einzusammeln. Nun

wanderte er rüstig mit seinen guten Spazierhölzern neben seinem Freunde

die lange Friedrichstraße hinauf nach Hause. Und als er die Leute

hinter sich, die dem wunderlichen Mann mit den langen Haaren und der

Botanisiertrommel nachsahen, respektvoll flüstern hörte: „Der Dichter

Chamisso!“ und als er bedachte, daß nach ein paar Schritten ein Haus

kam, in dem sein Weib auf ihn wartete und seine fünf Jungen ihn mit

dem Kriegsgesang „Arocha“ von den Sandwichinseln begrüßen würden, den

er ihnen beigebracht hatte, da wurde ihm so ausgelassen zumute, daß

er zum Erstaunen Hitzigs und der Friedrichstraße auf einem Bein zu

tanzen anfing. Ja, es war wahr geworden, was er kaum gehofft hatte:

Mit fünfzig Jahren war er zum deutschen Dichter geworden, und war das

heute, was Uhland der Deutsche mit dreißig Jahren gewesen war, und

aus dem „passivsten Tier der Welt“, wie er sich selbst in den Jahren

des Hin- und Herschwankens getauft hatte, war einer der fleißigsten

Menschen geworden. Er dachte daran und es wurde ihm warm dabei, daß

er mit dem „Heu“ von draußen ein paar frische Gedichte für seine Frau

mitgebracht, der er von der Reise geschrieben hatte: „Vergiß nicht die

Rosen, vergiß nicht, die Blumen in meinem Garten zu begießen, vergiß

nicht, den Sperlingen unter meinem Fenster Futter zu streuen, und

vergiß nicht, den Jungen die Buchstaben beizubringen. Ich bringe mich

dir wieder ganz, wie ich dich verlassen habe.“

Und auf einmal fiel er dem sprachlosen Hitzig vor lauter Jubel auf der

Straße um den Hals: „Weißt du, welches Motto ich meinen gesammelten

Gedichten voranstellen will? Die Verse, die Goethe dem Tasso in den

Mund legt, wie er seine Dichtung seinem Fürsten bringt:

„Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!

Daß Freunde seiner schonend sich erfreu’n,

So kann auch ich nur sagen: Nimm es hin!“

Heinrich Heine

Die Rheinländer haben unserm Volke und unserer Geschichte nicht viele

große Männer geschenkt. In der kurzen Spanne Zeit, der Handvoll

von Jahrhunderten, die uns moderne Deutsche von den mit Tierfellen

bedeckten, Jagd und Fischerei treibenden, unhistorischen Germanen,

unseren Vorfahren, trennen, haben die Rheinländer nur wenige bedeutende

Männer hervorgebracht, die einen gewaltigen, bleibenden Anteil an

der Kulturarbeit in unserem Volke gehabt, die ihren Namen über die

Jahrhunderte glänzend und für die Geschichte Deutschlands unvergeßlich

gemacht haben.

Sachsen, Schwaben und Schlesien haben vor allem unserm Vaterland in

der Literatur, der Philosophie, in der Kunst und den Wissenschaften

die führenden Geister gegeben, die das Gedanken- und Empfindungsleben

unseres Volkes geschaffen und zum Ausdruck gebracht haben. In

wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen Stämmen unseres Vaterlandes

überlegen, haben die Rheinlande für die Kunst nur ein verhältnismäßig

kleines Kontingent von +großen+ Meistern gestellt. Beethoven, den

sie in der Musik haben, ist eigentlich nur ein Zufallsrheinländer.

Dreiviertel seines Lebens hat er in Wien zugebracht, und der

Grundcharakter seines Wesens und seiner unendlichen Musik ist nicht

rheinisch gewesen. Goethe ist von Geburt ein Mittelfranke, kein

eigentlicher Rheinländer. Und der einzige auch als Persönlichkeit

bedeutungsvolle Dichter, den sie bisher in der Literaturgeschichte

aufzuweisen haben, der am Rheine geboren und groß geworden ist, dessen

Name, nennt man die besten Namen, immer genannt werden wird, ist ein

Jude gewesen: Heinrich Heine.

Die meisten Literaturhistoriker haben das Phänomen Heinrich Heine

unter den Deutschen -- denn ein solches ist er unter unseren Dichtern

gewesen und geblieben! -- lediglich aus seinem +Judentum+ zu erklären

versucht. Die Selbstironie in seinem Wesen wie in seinem Dichten, der

Sarkasmus, mit dem sich fast ein jedes seiner Gedichte zum Schluß

selbst in den Schwanz beißt, die Spottsucht, die hinter jedem Ernst

nach seinem Witz sucht, das alles hat man als ein Charakteristikum

seines Volkes, seiner Rasse bezeichnet und gegeißelt. Man muß

zugeben, daß sich diese skeptische, ironisierende Neigung, die mit

sich selbst gern Schindluder treibt, vielfach bei den Juden, die

jahrhundertelang wie die Kellertiere von der Sonnenseite des Lebens

und Wirkens ferngehalten worden sind, ausgebildet hat. Aber diese

Selbstironie, diese Spottlust bei den Juden, die sich meist in

Kalauern und Börsenwitzen ein Genüge tut, ist doch mehr Kopfarbeit

und mehr Galgenhumor, als eigene eingeborene Empfindung, mehr eine

Notwehr des Verstandes, denn ein Erbteil des Herzens. So sehen wir

ja auch unsere heutigen frei gewordenen Juden immer weniger Gebrauch

von einer bitteren Selbstbespottung machen, mit der sie einstmals

vor Verzweiflung Rache am eigenen Schicksal nahmen. Nicht eigentlich

jüdisch ist also diese Selbstironie, diese Zwiespaltigkeit des Innern,

die sich immer als Doppelgänger sieht, diese unüberwindliche Scheu vor

allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernsten eine Fratze

zu ziehen. Nein, alle, die +Rheinländer+ sind, fühlen, daß dies ihre

eigene tragikomische Domäne der Empfindungen ist, daß Heine nur das

Echo ihres Herzens war, und daß sein Blut wie das ihre geklungen hat,

mag er immerhin außerdem ein Jude gewesen sein.

Dieser Kern des Heineschen Wesens und Dichtens, diese Angst vor der

Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den

eigenen Tränen, die sich ihr Gemüt zu zeigen schämt, die ist typisch

rheinisch, die stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästina. Wenn ihn

jedes Große, dem er im Leben begegnet, zwingt, ihm den Witz abzugucken,

wenn er alle Dinge, alles Erleben komisch zu nehmen sucht, wenn er sich

selbst in der Matratzengruft in Paris, wo er die letzten acht Jahre

seines Lebens fast gelähmt zubrachte, zu einem schlechten Spaß machte,

so ist das echt rheinisch empfunden.

Aus dem Judentum Heines heraus hat man auch immer den +zweiten+

Hauptvorwurf begründet, mit dem man ihn vor und nach seinem Tode wie

einen herrenlosen Hund beschimpft hat: Er sei kein Deutscher, kein

Patriot, sondern ein Verräter und Franzosenfreund gewesen. Nun sind

die Rheinländer ihrem Naturell und ihren Neigungen nach schon mit dem

benachbarten, weintrinkenden Volk der Gallier verwandt. Ja, sie fühlten

sich durch häufige Berührung und geistigen Austausch jahrhundertelang,

eh’ die Erbfeindschaft entstand, als +Halbfranzosen+. Ein Vorwurf der

erwähnten Art trifft Heine also nicht so furchtbar schwer, wie die

Franzosenfresser glauben. Wir denken ja alle seit 1870 Gott sei Dank

ein wenig anders und milder und menschlicher über diese Dinge. Wir

geraten nicht gleich mehr in ~furor teutonicus~, wenn wir an Frankreich

und Paris denken. Der Gedanke: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht

Deutschlands Grenze“, berauscht uns nicht mehr so wie unsere Voreltern,

weil er uns selbstverständlich geworden ist. Der Erz- und Erbfeind,

in dessen Hauptstadt wir in acht Stunden gelangen können, ist uns

naturgemäß nicht mehr so fremd und fürchterlich als wie vor fünfzig

Jahren noch. Und es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Kultur, daß

man begonnen hat, auch in den +Schulen+ unserer Jugend nicht mehr die

Tollwut gegen alles, was französisch heißt, einzuimpfen.

Denken wir nur kurz an die Zeit zurück, in der Heinrich Heine vom

Jüngling zum Manne reifte, also in dem Alter war, in dem sich

die politische Gesinnung im Menschen bildet. Es war die Zeit für

Deutschland, wo Metternich Politik machte, wo die finstere Reaktion

gegen jeden Fortschritt vom Rhein bis zur Memel die Gemüter

niederdrückte. War es da einem Manne zu verdenken, wenn er nach

Frankreich hinüberschaute und sich hinübersehnte, wo der durch

die Revolution einmal entfesselte Wille zur Freiheit sich nicht

niederducken lassen wollte, sondern sich hintereinander 1830 und 1848

aufbäumte und die Geschichte aus ihrem Schlafe riß? Was hätte Heine

tun sollen? Hätte er Rhein- und Weinlieder dichten, oder Friedrich

Wilhelm III., seinen wortbrüchigen, oder Friedrich Wilhelm IV., seinen

unglücklichen Landesherrn, besingen sollen? Konnte er das nicht ruhig

den preußischen Hofpoeten überlassen, die damals unser Volk tagtäglich

mit patriotischen Gesängen überschwemmten? Mußte es nicht einen Mann,

der den Wert der alten französischen Kultur kannte und genoß, zum

Spotte reizen, wenn Leute wie Maßmann, der Dichter unseres „Heil Dir im

Siegerkranz“, die Franzosen als „Barbaren“ beschimpfte?

Es ist wahr, Heine hat für Napoleon den Ersten geschwärmt. Aber

tat das nicht Goethe fast noch mehr, der erklärt hatte, „dieser

Mann ist viel größer als seine Feinde“, der immer von Napoleon wie

von einem göttlichen Wesen gesprochen hat! Sahen nicht die beiden

Dichter mit ihrem Blick für Menschengröße täglich in ihrem Leben

die gewaltigen Segnungen aufwachsen, die Napoleon als Vollstrecker

der Errungenschaften der Revolution über unsere alte Erde gebracht

hatte? Schändet Heroenverehrung einen Menschen? Ist sie nicht vielmehr

das, was ihn von einem Kammerdiener unterscheidet? Man entsinnt sich

der Stelle in Heines Buch: „Le Grand“, wo er erzählt, wie er zuerst

Napoleon gesehen habe: Es war in Düsseldorf. Heine war noch ein

Knabe, als Napoleon seinen Einzug hielt. Es war in der Hauptallee

des Hofgartens, und der Knabe dachte gleich mit Schrecken an die

hochwohllöbliche Polizeiverordnung, daß man bei fünf Talern Strafe

nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Aber -- man denke! --

der Kaiser ritt auf seinem Schimmel im Sonnenschein mit seinem

Gefolge mitten durch die Allee! In diesem Geschichtchen hat man den

ganzen Napoleon, den Mann, der durch Polizeiverordnungen, Gebräuche,

Gewohnheiten und Gesetzesparagraphen mitten hindurchritt. Und die

Begeisterung für einen solchen Menschen hat man Heinrich Heine in der

damaligen heldenlosen Zeit verdacht!

Es stimmt fernerhin, Heine hat von der französischen Regierung ein

Jahreseinkommen erhalten und angenommen. Aber was blieb ihm anders

übrig in jener kläglichen Zeit, da seine Schriften vom Bundestag in

Deutschland verboten waren und nur heimlich gedruckt und verkauft

wurden, ohne daß er im fernen Paris viel von den Einkünften zu sehen

bekam. Hat nicht auch der urdeutsche Hebbel damals Gelder von dem

deutschfeindlichen Dänenkönig in Empfang genommen, um sein Dasein

fristen und seiner Kunst leben zu können? Müßten wir uns nicht, statt

Heine daraus ein Verbrechen zu machen, unseres Volkes in Grund und

Boden schämen, das seine führenden Geister hungern und betteln läßt,

das so wenig Gefühl für seine Würde und so wenig Liebe und Verständnis

für die Kunst hat, daß es den Beruf des Künstlers noch heutzutage nicht

genug achtet und stützt?

Nein, Heinrich Heine ist ein Deutscher gewesen, wenn er auch die

letzten fünfundzwanzig Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, in

Paris gelebt hat. Das Heimweh nach dem Land über dem Rhein, diese

echt deutsche Gemütskrankheit, hat ihn bis zu seinem Tode geplagt.

Seine Muttersprache hat er, wie Richard Dehmel in seinem prächtigen

Gedicht zu Heines Ehren gesagt hat, mächtiger gesprochen, als alle

deutschen Müllers oder Schultzes. Seine ganze schriftstellerische

Arbeit in Frankreich war im Grunde nichts anderes als das Kulturwerk,

zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln, den beiden

Völkern Verständnis und Achtung füreinander beizubringen. Und dies ist

ihm bei den damaligen Franzosen so weit gelungen, daß ihre Dichter

eine Zeitlang Deutschland gerne „~le pays de Henri Heine~“, das Land

Heinrich Heines, genannt haben.

Der einzige Vorwurf gegen Heine, der lauter als die beiden genannten

heute noch den Markt der Meinungen beherrscht, ist der, daß er unsere

deutsche Kunst verdorben, unsere Lyrik vergiftet habe. Er selbst hat

sich zuweilen den letzten Romantiker genannt, hat seinen „Atta Troll“

für „das letzte freie Waldlied der Romantik“ erklärt. In Wahrheit

stand er zwischen der Romantik und dem Realismus, der unsere moderne

Zeit beherrscht. Seine Jugend fiel in die träumerische Zeit, da die

deutschen Dichter in den Wald der Poesie hinausritten, wie Heinrich von

Ofterdingen, die blaue Blume zu suchen, sein Ende in den Anfang der

nervösen Zeit, wo Eisenbahnen und Telegraphen und Maschinen unser Blut

unruhig aber nüchtern gemacht und die Menschen so umgerüttelt haben,

daß selbst die Dichter nicht mehr träumen können oder wollen. Zwischen

diesen zwei Zeiten hat Heinrich Heine gestanden, und es heißt nur die

Zeit schelten, wenn man den Zwiespalt, der notwendigerweise dadurch

in sein Dichten gekommen ist, tadeln will. Hätte er mit der alten Zeit

versteinern sollen, hätte er den feigen Tod der Romantiker im Schoße

der Kirche sterben sollen? Nein, er wußte und fühlte, daß es nichts

Unwürdigeres und nichts Dummeres gibt, als die Ideale von gestern

anzubeten, daß der, dessen Pulsschlag nicht mit dem seiner Zeit geht,

schon tot ist, ob er gleich noch weiter lebt. Und so gab er sich seiner

Zeit, wagte er es, modern zu sein, und eröffnete damit als erster unter

uns Deutschen die Zeit der Kritik, in der die Dichter den Menschen und

dann die Gesellschaft besahen, beurteilten und schließlich verurteilten.

Und darum hat er, dessen Ehre es ist, in unserer denkmalwütigen

Zeit kein öffentliches Monument in Deutschland zu haben, sich einen

Denkstein in uns verdient.

Brentano der Dichter

Man schrieb achtzehnhundertdreiundzwanzig, da wohnte zu Dülmen, im

finsteren Münsterlande, seit vier Jahren ein junger Mann, der mit

seinen geringelten schwarzen Locken, die ihm um die hohe Stirn hingen,

seinen dunklen italienischen Augen, seinem schönen ausdrucksvollen

sinnlichen Munde in diese flache Gegend, wo Gehöft und kahle Heide

einförmig umeinander standen und unter diesen derben flachsblonden

dickköpfigen deftigen Menschenschlag so schlecht wie etwa die Schwalbe

in unsern Winter hineinpaßte. Er hatte sich in einer breiten, niedrigen

westfälischen Bauernstube eingenistet, in der er keinen andern Schmuck

duldete als ein großes, buntes, hölzernes Kruzifix, das er von einem

Küster im benachbarten Coesfeld gekauft hatte, und das mit rotgemalten

Blutstropfen überronnen zu Häupten seines Bettes hing. In den ersten

Wochen, als er dort wohnte, hatte auf der schwarzen altmodischen

Bauernkommode noch ein schönes Frauenbildnis gestanden, unter dem

„Sophie Mereau“ zu lesen war. Und hinter diesem Namen war ein schwarzes

Kreuz von einer zitternden Hand mit Tinte aufgemalt. Aber jetzt war

dies schöne Bild, das wie ein Sonnenstrahl in dem düsteren Zimmer

gewirkt hatte, verschwunden, weil der Fremde es verschlossen hatte

und in einer Schieblade zwischen welken Efeublättern von ihrem Grabe

verwahrte. Es war, als habe er das heitere Bild der Toten aus ihrer

Jugendzeit nicht mehr ertragen: Dies Bild, das in seinen stillen Zügen

noch nichts von dem eigenen späteren Geschick wußte, noch nichts

von jener entsetzlichen Nacht, da sie unter schreienden Schmerzen

ein totes Kind in die Welt stoßen würde, noch nichts von dem grauen

anderen Morgen, da sie voll Verzweiflung sich von dem toten Kinde

nachziehen lassen würde in Frieden und Schweigen. Wie zum Hohne hatte

ihn, den Überlebenden, dies glückselige Bildnis seiner einstigen Frau

angelächelt, aus holden kindlichen Augen, die zu sagen schienen, so

etwas Schreckliches kann es nicht geben. Nun lag es im Schrank, den

Blick nach unten gekehrt, wie im hölzernen Sarge zwischen den welken

Blättern von ihrem Grabe neben der Zither mit blauem Band, auf welcher

der Fremde zuerst wohl abends, wenn die Schatten kamen, gespielt

hatte. Bis die Nähe des blutenden Heilands am Kruzifix ihn davon

zurückgeschreckt und er sie verschlossen hatte. Mit schlaff gewordenen

Saiten lag nun die Zither gleich dem Bilde nach unten gekehrt im

Schrank, vergessen und tot wie seine Jugendzeit, und das Kreuz des

Herrn hing triumphierend, einem großen Vogel gleich, mit ausgespannten

Flügeln als einziger Schmuck in der finsteren Kammer. Allabendlich aber

ging der Fremde auf die Gasse hinaus. Den Kopf zur Erde geneigt gleich

einem Geistlichen, schritt er an den Bauernhäusern entlang, um deren

Giebel am Sommerabend die Vögel schwirrten.

„Es sang vor langen Jahren

Wohl auch die Nachtigall,

Das war wohl süßer Schall,

Da wir zusammen waren“

zog es wie ein Traum durch seinen Kopf. Dann neigte er die schöne

Stirne noch tiefer, stierte auf den schwarzen Erdboden und murmelte

fünfmal ein Paternoster und fünfmal zehn Ave-Maria, wobei er die

braunen Kügelchen des Rosenkranzes, den er stets um den Hals

geschlungen trug, gedankenlos mit den Fingern abrollte. Vor einem

niedrigen einstöckigen Bauernhaus, in dem vorn eine Schenke war, am

Ende der Gassen, blieb er stehen. Eine Weile lauschte er, mit den einst

so glänzenden, jetzt lichtscheuen Augen in das Abendrot blinzelnd,

auf das Lied, das die Kinder hinter ihm sangen, die sich paarweise

aufgestellt hatten und das letzte Paar immer wieder durchs Tor kriechen

ließen:

„Macht auf das Tor, macht auf das Tor,

Es kommt ein goldner Wagen.

Wer sitzt darin, wer sitzt darin?

Ein Mann mit goldnen Haaren.

Was will er denn, was will er denn?

Er will Mariechen holen!

Was hat sie denn, was hat sie denn?

Sie hat sein Herz gestohlen.“

„O du verlorenes Wunderhorn“, seufzte er laut und wandte sich ab,

seine Tränen in die Schatten des Hauses zu verbergen. Die Türe stand

offen wie eine Kirchtüre. Durch einen langen schwarzen Flur ging es

ins Hinterhaus. Über die knarrende Wendeltreppe stieg er dort langsam

hinauf zum ersten Stock. Aus der Kammer hörte er seltsame Laute

und Sätze kommen, wie: „O du liebes Jesulein, du mein himmlischer

Bräutigam, sie ist so schwer, deine Last, und so süß! Laß mich den

Stein noch ein wenig tragen, gib ihn mir, du kannst nicht mehr, gib

ihn mir! Oder soll ich dir die Nesseln im Weinberge ausraufen? O das

viele Unkraut! O die Nachlässigen im Gebete! Wie mir meine Hände von

den Nesseln brennen! Mehr, mehr noch! Alle will ich vertilgen und

ausreißen, meine Fingerknöchel tun mir weh! O wie süß!“ Leise, ganz

leise stieß Brentano die Türe auf, die zu dieser Stimme führte. Da lag

im breiten eichenen Bauernbett eine wächserne weibliche Gestalt, Kopf

und Brust emporgerichtet und die Arme wie zwei dürre Stöcke von sich

gestoßen. Ein weißes Tuch, um ihre Haare gewunden, hob die scharfen

bleichen Züge mit den schwarzen Gruben unter den Augen unheimlich

ins Geisterhafte. Es war Anna Katharina Emmerich, die Tochter armer

westfälischer Bauersleute, das fromme +Nönnchen von Dülmen+, die die

Wunden unseres Heilandes an ihrem Körper trug, der zuliebe Brentano,

ein Mensch, der aus Goethes Geschlecht stammte, seit vier Jahren hier

hinter dem Leben der Welt sein Dasein verbrachte, ihre Gesichte und

Offenbarungen zu betrachten, zu belauschen, zu beschreiben.

Schattenbilder · 第 6 / 21 段