Was der Bürger heute bei uns zulande unter „Künstlern“ versteht, das

sind meist friedfertige, tugendhafte und tadellose Männer, deren

Gewissen so hell glänzt wie das Hemd, das sie tragen, die pünktlich

ihre Steuern zahlen, Weib und Kinder haben und am Sonntag doppelt so

fromm sind wie an Werktagen. Es sind gute Staatsbürger, die tagsüber

schreiben oder malen, mittags um zwölf Uhr essen und abends kegeln oder

Karten spielen, ehrsame Geschöpfe, die von den Schutzleuten gegrüßt

werden, mindestens zwei Vereinen angehören, ein Haus besitzen, den

Oberbürgermeister duzen, und wenn sie gestorben sind, mit Musik und

vielen Kränzen begraben werden. Öffnet man dann ihr Testament, so

entdeckt man zur allgemeinen Freude, daß der Dahingegangene zudem noch

ein hübsches kleines Vermögen hinterlassen hat, und Kinder und Enkel

feiern noch nach Jahren den einstigen Künstler in der Familie nach.

Gutmütig scheinen die Augen eines solchen Mannes, und sein Mund spricht

Worte der Milde und Liebe, und man schläft nicht unruhig, wenn man

einen Abend mit ihm verbracht und verlacht hat.

Leider stimmt das Bild, das die Geschichte uns von dem Leben der ganz

großen Künstler gibt, nicht mit diesem friedlichen Idyll überein, das

der gute Bürger, der abends im Klub, im Kasino oder in der „Erholung“

sitzt, sich nach dem Beispiel seiner heimischen städtischen Künstler

zurecht macht. Wir wollen einmal ganz absehen von der Kategorie

der ungeordneten wilden Individuen, die der Gesellschaft den Krieg

erklären, mit jedermann in Unfrieden leben, ihre Pflichten verträumen,

ewig gereizt sind und stets über 36 Grad Blutwärme haben, die früh

sterben, im Duell oder am Wein, oder abseits von allen verbittert den

Tod suchen und finden. Aber es gibt doch noch eine zweite Spielart

von großen Künstlern, die anscheinend ein schlichtes bürgerliches

Leben führen, ohne Lärm und ohne Widerspruch und scheinbar restlos im

Staate aufgehen, so daß man vermeinen könnte, sie hätten die Harmonie

zur Welt gefunden, die Goethe der Größte sich errungen hat. Blickt

man jedoch hinter diesen Deckel ihres äußeren Daseins in das Uhrwerk

ihres geheimen Lebens, zu dem nur sie selber den Schlüssel haben, so

erschrickt man wie vor dem Haupte der Medusa, das jeden, der es sah,

versteinerte. Zu diesen Tasso-Menschen, die von sich selbst gehetzt,

Jagdhund und Hase zugleich, die kurze Summe ihrer Tage unter Schmerzen

von der großen Qual der Welt subtrahieren, gehörte der bedeutendste

Dichter, den Wien uns Deutschen geschenkt hat: Franz Grillparzer.

Das Gemütsleben dieses Dichters, den jede Töchterschülerin lesen darf,

ist eine Hölle von Bitternissen und Sorgen und Ängsten gewesen mit

tiefen Schlünden, in die sich die Gewitter, die sich niemals offen bei

ihm entladen konnten, scheu hineinverkrochen. In seinen Tagebüchern,

in denen er sich vor uns aufgeschlossen hat, hat er seine Leiden

hinausgeschrien wie Philoktet auf seiner einsamen Insel, daß dem, der

vorüberfährt, vor Mitleid das Eingeweide brennt.

Schon der Beruf, in dem er saß, und den er doch nicht fortwerfen

konnte, so wenig wie ein Lahmer seine Krücke, machte ihm die Tage

grau. Jahrelang hockte er als Unterbeamter im Wiener Finanzministerium

sich den Rücken und die Seele krumm, zwischen Bureaukraten, die vom

Wetter, vom Gehalt und von den Vorgesetzten sprachen, unter „Theater“

Verkehr mit Schauspielerinnen verstanden und sich für des Dichters

Stücke höchstens nur wegen der Honorare, die sie einbringen könnten,

interessierten. Wenn Grillparzer über die Kindermörderin Medea

grübelte, klopfte plötzlich etwas an die Tür, und eine quäkende Stimme

fragte: „Haben der Herr Konzeptspraktikant schon die Zollabrechnung der

niederösterreichischen Bezirke revidiert?“

Immerfort bewarb er sich um einen Posten, der seiner geistigen

Beschaffenheit mehr zugesagt hätte, etwa bei der Hofbibliothek, und

schrieb unzählige Briefe, die anfingen: „Der gehorsamst Unterzeichnete

bittet devotest und in untertänigster Ehrfurcht ersterbend usw.“,

und die dann alle Verdienste des in tiefster Verehrung Erblassenden

aufzählen mußten, eine Beschäftigung, die jedem feiner organisierten

Menschen ein Gefühl ähnlich dem der Seekrankheit verursacht. Aber alles

dies half nicht einmal. Der sprichwörtlich gewordene Undank des Hauses

Habsburg bewährte sich auch bei diesem seinem größten Verherrlicher auf

das sichtbarste. Dreiundvierzig Jahre lang mußte der Dichter subalterne

Bücklinge machen und das Faß der Danaiden füllen helfen, bis ihm

endlich, als er nicht mehr singen, sondern nur noch knurren konnte,

das Gnadenbrot mit einem Titel und Orden daran überwiesen wurde.

Auch sein wirklicher Beruf, die dramatische Dichtkunst, belohnte

ihn nicht nach Verdienst. Nahm man seine Jugendwerke teilweise mit

überschwenglichem Jubel auf, so hatte man um so mehr an seinen späteren

Stücken zu nörgeln. Schließlich pfiffen ihn die bösartigen Wiener so

laut aus, daß er ganz theaterscheu wurde und zu zittern anfing, wenn

man ihn nach einem neuen Stück fragte. So starb seine Liebe zum Theater

mit +fünfzig+ Jahren plötzlich ab, in einem Alter, da beispielsweise

Ibsen später erst sein eigentliches Lebenswerk begann. Er verschloß das

wenige, was er noch bis zu seinem einundachtzigsten Geburtstag schrieb,

ängstlich in seinem Schreibtisch, wo es lieber vergilben als je wieder

ausgezischt werden sollte. Erst nach seinem Tode kam es ans Licht.

Mitsamt den ungezählten boshaften Sprüchlein, die der alte harmlose

Herr Hofrat Grillparzer, der immer den Hauszins pünktlich einzahlte,

und den die Kinder in Wien auf der Straße grüßten, jedesmal, wenn er

sich „gegiftet“, hergereimt hatte. Da sah man auf einmal, daß diese

Stütze des Staates, dieser korrekte Bürgersmann Grillparzer mit einer

Schar bissiger Ratten und giftiger Schlangen zusammengehaust hatte, die

ihm immerwährend vom Keller zum Giebel, vom Herzen zum Kopf gelaufen

und gekrochen waren.

Denn die unwürdige Behandlung, die er zeitlebens vom Kaiser bis zum

letzten Kritiker erdulden mußte, war Milch und Honig gegen die Teufel,

die in seiner Brust herumbrodelten. Außer Rousseau hat sich wohl

kein Geist so sehr selber gequält wie Grillparzer. Eine seltsame

Lust am Schmerz verlockte ihn immer wieder, sein Inneres im Spiegel

zu sehen, um schaudernd vor seinem Bilde zurückzufliehen: Neid,

Eitelkeit, Spottlust, Hang zur Lüge, zum Diebstahl und zur Wollust und

ein grenzenloser Egoismus, das alles stak in einen garstigen Knäuel

verschlungen in ihm und schnitt dem entsetzten Hofrat, der doch keinen

Flecken an seiner Hose duldete, gräßliche Fratzen. Er hatte nicht die

Einsicht noch den Humor, zu sich selber zu sagen: „~Ecce homo!~“ „So

ist der Mensch!“, sondern trug sich wie eine ekle Last, eine lebende

Leiche, ächzend zu Grabe.

Das Durcheinander in seiner Natur hat ihn, der als Beamter an

genaue Registrierung gewöhnt war, wohl am meisten gewurmt: +Heute+

zerfleischte und verkleinerte er sich selbst und kam sich erbärmlicher

als Kotzebue vor, +morgen+ wieder blähte er sich in gereiztem

Selbstgefühl vor allen Dichtern wie ein kalkuttischer Hahn, schimpfte

über Schiller und nahm dreist neben Goethe Platz. Er wurde von seinen

Launen wie von bösen Winden hin und her getrieben, wie er sich auch

mit seinen schwachen Kräften dagegen stemmen mochte. Er gehörte zu den

Leuten, die immer aus Furcht vor Regen einen Schirm bei sich tragen,

aber wenn es wirklich regnet, zufällig einen Stock mitgenommen haben,

oder zu denen, die im Theater stets hinter einem Pfeiler zu sitzen

kommen, denen die Bahn stets vor der Nase abfährt, und die bei der

Table d’hote immer die kalten Platten erhalten und dann eine Tücke in

das Objekt hineinlegen, die doch nur aus ihnen selber kommt. Dazu war

er ein Hypochonder, der ewig kränkelte, sich immerzu den Puls befühlte

oder die Zunge im Taschenspiegel besah, und dabei zweiundachtzig Jahre

alt wurde, ohne jemals dem Tode nahe gewesen zu sein.

Am allerunglücklichsten aber war er in der Liebe, diesem schönen

Fieber, das in allen seinen Stücken doch End- und Angelpunkt ist. In

seinem Leben war es nur eine Qual mehr, der Pfeil, der ihm am tiefsten

im Fleische saß. Jedesmal, wenn er sich verliebt hatte, merkte er auf

einmal beim dritten Kuß, daß er gar nicht lieben konnte. Er zerpflückte

seine Gefühle wie ein Kind die Blumen, und war dann entsetzt und

betrübt, wenn sie nicht mehr dufteten. So empfand er schon vor der

Liebe, was die Männer gemeiniglich erst nach der Liebe verspüren, und

blieb darum einsam, scheu und verkehrt vor der goldenen Pforte zum

Paradiese stehen. Und er fand, er schuf sich eine Gefährtin dabei, die

er festhielt, Kathi Fröhlich, ein Wiener Mädchen, so beschaffen wie

ihr Name, ein liebes Ding, dessen Briefe klingen wie Vogelstimmen vor

Sonnenaufgang. Sie opferte ihm ihr Leben und ihre Seele, denn er machte

sie zu seiner „ewigen Braut“, der nie die Hochzeitsfackel brannte.

Sie glühten, -- aber ach, sie schmolzen nicht. Er hat sie nicht aus

Geldmangel nicht geheiratet, wie man auf der Schule lernt, sondern

aus der Unfähigkeit, sich hinzugeben und sie hinzunehmen. Sie muß

Unsagbares gelitten haben, bis er sie dazu brachte, aus dem „du“ wieder

in das „Sie“ zu kommen, wenn sie mit ihm sprach, und aus der wärmsten

Liebe wieder in eine kühle Freundschaft hinein. Und man möchte lieber

der Karrenhund eines armen Kesselflickers als Grillparzers „ewige

Braut“ gewesen sein.

Ganz spät erst, als sie beide keine Zähne mehr hatten und einander

völlig ungefährlich geworden waren, zog er mit ihr und ihren Schwestern

zusammen unter ein Dach. Und abends spielten die beiden wohl Klavier

oder Tarock, je nach seiner Laune, und lächelten sich beim Abschied

Punkt zehn Uhr wehmütig aus runzligen Gesichtern an. So lebten sie noch

zwanzig Greisenjahre durch eine Wand getrennt nebeneinander, bis der

Tod sie holte, und man ihre Leichen nur durch eine Spanne Erde getrennt

nebeneinander in den Friedhof bettete. Ein paar Träumer aber wollen

ihre Seelen drunten im Inferno beide in trauriger Gemeinschaft unter

der dunklen Schar derer um Paolo und Francesca fliegen gesehen haben.

So war Franz Grillparzer, Dichter, Hofrat und Mensch, wohnhaft zu Wien,

Spiegelgasse Nr. 21, von dem man noch sprechen wird, wenn das letzte

schöne Haus aus den Tagen Alt-Wiens abgebrochen und fortgeschleift ist,

um irgendeinem hohen modernen Mietkasten Platz zu machen. Mit einem

tiefen Seufzer, wie ihn einst unser Dichter, dessen schweren Namen sich

die Literaturgeschichte nach Lord Byrons Prophezeiung gemerkt hat, ihn

ausstieß, als er schrieb: „Ich möchte, wär’s möglich, stehen bleiben,

wo Schiller und Goethe stand.“

Friedrich Hebbel

Die meisten Menschen gleichen leider im Leben den Gefährten des

Odysseus auf der Fahrt an der Insel der Sirenen vorüber: Wachs in den

Ohren rudern und arbeiten sie sich ab und hören nicht den lockenden

Sirenensang der Musen, die aus den Rätseln des Daseins Musik machen,

und starren verwundert und ohne Begreifen auf das +Genie+, das gleich

Odysseus in der Mitte ihres Fahrzeuges fest gebunden, beim Klang der

Zaubermusik vor Wonnen und vor Qualen sich windet. Als ein solcher

Abgetrennter stand auch Friedrich Hebbel in seiner Zeit, fest gebunden

an den Mast seiner Natur, unverstanden von den meisten, ein sich

selbst Quälender. So fuhr er unter laokoontischen Leiden den Weg zum

Tode hinab. Es gibt heute noch zahlreiche, meist sehr satte Leute, die

behaupten, daß viele Leiden erst den wahren Künstler machen, und daß

insbesondere ein rechter Dichter tüchtig hungern müsse wie ein Bär,

um nachher besser tanzen und springen zu können. Das Beispiel Hebbels

allein sollte diesen Spöttern ein für allemal den Mund stopfen: Zeit

seines Lebens hat er unter der gräßlichen Not seiner Jugend gelitten,

die er, der Sohn eines armen Maurers, in einem freudlosen Marktflecken

oben in Holstein unter Hunger und Entwürdigungen aller Art verleben

mußte. Er war nicht so leicht und glücklich geartet wie ein anderer

Parvenü, der freilich ein +Bürgerssohn+ und somit viel weniger zu

leiden hatte, ich meine Napoleon, der gerne in Gegenwart des Königs von

Preußen und des Kaisers von Rußland -- man kann sich die Gesichter der

hohen Potentaten dabei denken! -- von der Zeit erzählte, da er noch

Unterleutnant bei der Artillerie gewesen war. Hebbel konnte später, da

es ihm gut ging und er sich satt essen und anständig kleiden konnte,

nicht einmal stolz sein auf diesen Wechsel, ohne zugleich bitter werden

zu müssen. Das Gefühl, ein +Proletarier+ gewesen zu sein, das nur der

zu gleichem Los Verdammte verstehen kann, hat ihn, mehr als er es noch

sagen und klagen wollte, gequält. Man muß ihn sich nur vorstellen,

wie er herumstand mit seiner großen gekrümmten Gestalt, seinen

Bauernknochen und seinen roten, einst oft verfrorenen Händen in den

Salons der reichen blasierten Wiener Aristokraten, die ihn fortwährend

mit dem alemannischen Dichter Hebel verwechselten, die den Hunger

nicht kannten und ihren Magen nur, wenn sie zu +viel+ gegessen hatten,

verspürten. Gerade das Leben in Wien, dieser weichen, genußsüchtigen

Stadt, muß ihn immer wieder an die harte Not der Kindheit gemahnt

haben, da man die paar Winterkartoffeln im Keller verkaufen mußte, um

den Sarg für den Vater, der ihn und seine Geschwister stets voll Wut

seine „gefräßigen Wölfe“ genannt hatte, bezahlen zu können, da seine

Mutter bei fremden Leuten waschen mußte, um seine kleinen Geschwister

vor dem Hungertode zu bewahren, und da er selbst, ein bleicher

Schreiberlehrling, nachts neben den Stallknechten und Kuhmägden

schlief. Der Schatten dieser düstern Jugendzeit hat über seinem ganzen

Leben gelegen. Niemals hat er aus vollem Herzen lachen können, und mit

einem bittern Abschiedswort im Mund ist er aus seinem Menschendasein

fortgeschlichen.

Nicht, daß er kleinmütig gewesen wäre, ein anderer hätte die Riesenlast

und die Qual einer solchen Vergangenheit überhaupt nicht ertragen

können. Nur einsam und menschenscheu war er geworden und klammerte

sich lieber noch an die Tiere, Hunde oder Eichkätzchen, an, als an

die lieben Nachbarn, die -- seine Jugend hatte es ihn gelehrt! -- den

Schwächeren so unmenschlich quälen konnten. Nur den Frauen, die ihn

mehrmals in seinem Leben durch ihre Arbeit ernährt hatten, bewahrte

seine Seele eine glühende Dankbarkeit. Und in ritterlicher Weise hat

er, ein moderner Frauenlob, seine Schuld gegen das weibliche Geschlecht

in allen seinen Dramen abgetragen. Sonst lebte er wie eine Spinne in

seinem Netz und zog aus sich selbst seine Gedankenfäden und schrieb

jahraus, jahrein seine Tagebücher, in denen er sich über sich selber

Rechenschaft ablegte und das Plus und Minus seiner Seele miteinander

verglich. So kam er von selbst dazu, mehr die Menschen und die Dinge

zu begrübeln und ins Abstrakte, ins Reich der Ideen hinüberzuspielen,

als sie zu erleben. Der Geist des großen Philosophen Hegel, den er als

Werdender in sich aufgenommen hatte, begleitete ihn auch als reifen

Künstler. Darum war ihm das Wichtigste an einem Werke, daß es „seine

Idee“ klar zum Ausdruck brachte. Unter dieser Voraussetzung schuf er

denn auch, der direkte Vorläufer Ibsens, seine großen Dramen.

Das einzige, was ihn nämlich immer wieder mit der Öffentlichkeit

zusammenbrachte, war das Theater. Er liebte es mit der ganzen

heimlichen Liebe, die in ihm war. Schon äußerlich war er mit ihm

dadurch verbunden, daß seine Frau, der er sein ganzes spätes Glück

verdankte, als erste Darstellerin an der +damals+, beileibe nicht

heute, ersten deutschen Bühne, dem Wiener Hofburgtheater, tätig

war. Freilich fügte es sich -- wie manche Menschen eben Unglück

haben müssen, bis ihnen kein Zahn und nichts mehr weh tut --, daß

der damalige Leiter des Burgtheaters ein anderer Maurerssohn,

nämlich Heinrich Laube, war. Mit diesem lebte Hebbel in beständiger

literarischer Feindschaft, und Laube, der keineswegs zu den vornehmen

Charakteren gehörte, rächte sich in seiner Weise dafür, indem er auf

seiner Bühne nur Frau Hebbel und höchstens notgedrungen Herrn Hebbel

zu Worte kommen ließ. Auch dieses Mißgeschick konnte Hebbel nicht mit

Humor ertragen. Er verzehrte sich in stummer Wut über den hoffähig

gewordenen früheren Revolutionär, der ihm da vor der Nase französische

Plauderstücke und verlogene deutsche Jambendramen aufführen ließ. Dazu

kam, daß die Tagespresse sich das unfeierliche Gelübde abgelegt hatte,

Hebbel totzuschweigen, und nur ein paar Juden, Emil Kuh, Felix Bamberg

u. a., halfen dem deutschen Barden über den kleinen Kummer und die

große Verzweiflung hinweg.

Aber schließlich konnte ihm dies alles nicht den Mut und die Lust

am Theater nehmen. Wie Goethe hoffte er stets von neuem auf einen

Frühling der deutschen Bühne, wollte und konnte er nicht glauben, daß

die meisten Deutschen lieber in alberne Schwänke als in ernste Stücke

hineinliefen, daß der normale Mann in Deutschland +wöchentlich+

mehr für Zigarren, als +jährlich+ fürs Theater ausgibt. Wer ihm das

bewiesen hätte, dem hätte er ein: „Das wird und muß anders werden!“

entgegengehalten. Ja, er war der Ansicht, daß wie die Germanen einst

einen Bonifazius hatten, der sie zum Christentum überredete, so

hätten sie heute einen ebenso starken Glaubenshelden nötig, der sie

zum Theater als zu einer Kult- und Kulturstätte bekehren könnte. In

dieser Hoffnung schrieb er seine Stücke, allen voran die ragende

Nibelungentrilogie, eine Saat für die Zukunft, am Tage der Garben zu

reifen.

Es war ihm nicht vergönnt, gleich Richard Wagner, der ein Gleiches

wie er für die Deutschen in der Oper, dieser Mißgeburt aus Wort und

Musik, erstrebte, den Tag der Ernte zu erleben. Hebbels Bayreuth ist

jetzt noch überall und nirgends in Deutschland. Seine Recken- und

Heldenwelt liegt heute noch meist wie die Tierfelle, die sie nach alter

falscher Überlieferung tragen müssen, in deutschen Theatergarderoben

eingekampfert. Hin und wieder klopft und stellt irgendein Festtag sie

noch aus. Ibsens schlechteste Jugenddramen, Shaws albernste Possen,

Strindbergs ödeste Lamentationen muß das deutsche Publikum heute

geduldig über sich ergehen lassen, Hebbels reifste Werke bleiben ihm

noch immer so viel als möglich versagt. Aber wenn einstmals die Japaner

und Mongolen Europa einnehmen, oder die Amerikaner es aufkaufen und

sich eine Vorstellung von dem einstigen deutschen Geist und Wesen

machen wollen, so werden sie sich Hebbels „Nibelungen“ aufführen lassen.

Adelbert v. Chamisso

Drei Tage aus dem Leben Chamissos geben ein anschauliches klares

Bild von dem Schicksal und dem Wesen dieses deutschen Dichters, der

zeitlebens besser und schneller französisch als deutsch geredet und

verstanden hat, und der in der Nacht vor seinem Tode unaufhörlich in

der Sprache Frankreichs von seiner Kindheit phantasierte.

Der +erste+ Tag war ein strenger Wintertag im Jahre 1790. Der Schnee

lag schon fußhoch in den meilenweiten stillen Wäldern, die sich um

Boncourt, das Stammschloß der Chamissos in der Champagne, ausdehnten.

Der neunjährige Adelbert hatte den Nachmittag mit seinen Schlittschuhen

auf dem Weiher vor dem Schlosse zugebracht und war wohl fünfzigmal

in stummen Träumereien unter der steinernen, schneebedeckten Brücke

hin und her gelaufen, abseits von den Geschwistern, die, in vornehme

Pelze und Schals gehüllt, Bonbons lutschten und dabei von Paris, der

Königin Marie Antoinette und dem nächsten Hofball plauderten. Eine

strenge mürrische Erzieherin -- denn die Eltern verkehrten damals nur

~par distance~ mit ihren Kindern -- brachte den Kleinen ins Bett,

und dort, in einem großen, weißen und goldenen Rokokosaal, den ein

Kaminfeuer voll Scheitholz und Tannenzapfen durchwärmte, träumte das

Kind unter Spitzenvorhängen mit geschlossenen Augen weiter, wie es

vorhin auf dem weißen Eise mit offenen Augen von einer märchenhaften

Zukunft geträumt hatte. Mitten in der Nacht wurde der kleine Adelbert

von einem wahren Höllenlärm aufgeweckt. Drunten in der dunklen Stille

hörte man wilde Männerstimmen die Carmagnole johlen, die Hunde bellten

und erdrosselten sich vor Wut beinahe selber an ihren Ketten. Nun

pfiffen Flintenschüsse durch die Nacht. Scheiben klirrten. In dem

Vogelhaus hinter dem Brunnen mit der Sphinx hörte man die Hühner vor

Angst gackern, und es war, als ob der Lärm der Männer von Minute zu

Minute näher käme. Der Knabe sah beim Kerzenschein seine Eltern voll

Angst im Saale hin und her laufen, die Geschwister fingen an zu weinen.

Dann wurde er von einem alten Diener ergriffen, in das Kissen seines

Bettes gepackt und in einen großen Schlitten getragen, der hinter

dem Schlosse wartete. Die Eltern und Geschwister kamen zitternd und

wimmernd gleich hinterher. Die Revolutionsmänner hatten indes schon

die Scheune und die Dienerschaftsräume angesteckt. Es war so hell

geworden, daß man die Tauben erschreckt um den Turm mit der Sonnenuhr

flattern sah, auf der man deutlich die grün-goldenen Ziffern erkannte.

Die Luft war von dem Feuer ganz warm geworden, und der kleine Adelbert,

dem ganz sonderbar bei diesem schönen und schrecklichen Traumgesicht

zumute wurde, sah nur noch, wie ein Mann im Bauernkittel wütend das

Wappenschild der Chamissos, einen stehenden und einen ruhenden Löwen,

von dem Tor im Burghof herunterriß. Dann zogen die Pferde an, und der

Schlitten mit den lebenden Überresten von Schloß Boncourt fuhr eilig

der Grenze zu. Am andern Morgen, als der Knabe erwachte und zu seinem

Feigenbaum heruntergehen wollte, erzählte ihm die Mutter mit Tränen,

daß alles eingeäschert sei, und nach wenigen Wochen sah er sich mit

den Seinen in einer elenden Mietwohnung zu Düsseldorf am Rhein, wo

die völlig mittellosen Eltern mit sich zu Rate gingen, ob ihr vierter

Sohn Adelbert oder vielmehr Louis Charles Adelaide Comte de Chamisso,

Vicomte d’Ormond et Seigneur de Boncourt, nicht am besten zu einem

+Tischler+ in die Lehre treten sollte.

Der +zweite+ bedeutungsvolle Tag im Leben unseres Dichters war im

Herbst des Jahres 1805. Er war mittlerweile, da seine Hände doch zu

viele vornehme nichtstuende Ahnen gehabt hatten, um das Schreinern

erlernen zu können, Page am preußischen Hofe und dann +Leutnant+

im preußischen Linien-Infanterie-Regiment „von Goetze“ geworden.

Allerdings brachte er auch für dieses Handwerk nicht das rechte Talent

mit. Der Sinn für die Wichtigkeit der Gewehrgriffe oder des Lederzeugs

und die Bedeutung der Feldsignale ging ihm völlig ab, so daß er vor

seinem Oberst durchaus nicht die rühmliche Rolle wie später vor Apollo

gespielt hat. „O dieser Oberst!“ schrieb er nach Jahren auf seiner

Weltreise in dem Hafen von Hawaii in sein „Tagebuch“, als er wieder

einmal wie unsereins von der Schule von ihm geträumt hatte, „er hat

mich, ein schrecklicher Popanz, durch die Meere aller fünf Weltteile,

wann ich meine Kompagnie nicht finden konnte, wann ich ohne Degen auf

die Parade kam, wann -- was weiß ich, unablässig verfolgt, und immer

sein fürchterlicher Ruf: „Aber Herr Leutnant! Aber Herr Leutnant!“

Schattenbilder · 第 5 / 21 段