Diese innere Wahrhaftigkeit mit jenem prachtvollen Schwung vereinigt,

mit dem er gleich dem Orchester, das er nach der Rütliszene vorschrieb,

in seine Verse wie der Sänger in die Harfe fällt, machen ihn, den

dithyrambischen Dichter, aus und ergreifen uns noch heute. Darum

faßt auch den, dem die Kunst sonst nichts bedeutet oder der ihr den

Rücken zugekehrt hat, beim Tönen seiner Verse eine ungeahnte Sehnsucht

nach einem höheren Reich wie den Älpler in der Ebene beim Klange des

Alphorns Heimweh nach den Alpen überkommt.

„Da beugt sich jede Erdengröße

Dem Fremdling aus der andern Welt,

Des Jubels nichtiges Getöse

Verstummt und jede Larve fällt.“

So ist sein Name bedeutungsvoll für sein Dichten geworden, das noch

jetzt wie immer im ersten Glanz, den er ihm verliehen hat, zu uns

„schillert“.

Das Leben, das er uns hinterließ, hat etwas Fragmentarisches,

mehr noch als ein jedes Menschenleben ein Fragment bedeutet. Es

beginnt mit jener Rhapsodie seiner Flucht aus Schwaben und mit der

leidenschaftlichen Neigung zur titanischen Charlotte von Kalb und endet

mit dem Adagio seines stillen Lebens in Weimar zwischen der Liebe

zu seinem sanften Lottchen und der Freundschaft zu Goethe. Sinnlos

riß der Tod ihn fort von einem Werke, dessen Torso noch erschütternd

groß wirkt. Napoleons Gipfel und Absturz, die gewaltigste Tragödie

seiner Zeit, hat er nicht mehr erlebt. Der hätte ihn sicherlich

gleich Goethe und Wieland zu sich nach Erfurt beschieden und ihn als

Mitbürger einer +neuen Zeit+ begrüßt, die mit der Nacht begonnen

hat, die bedeutungsvoller als die Nacht von Bethlehem war, mit der

Nacht, da in Paris die Menschenrechte erklärt wurden, und Posas

Ideal „Gedankenfreiheit“ endlich erfüllt werden sollte. Ja, Schiller

war einer der Taufpaten dieser herrlichen heutigen Zeit, in der der

einzelne frei in seinem Staate lebt, und auch in Deutschland und

Preußen ein jeder verfassungsmäßig das Recht hat, in Wort und Schrift

seine Meinung frei zu äußern, wenn auch leider nur wenige bisher von

diesem Rechte Gebrauch zu machen pflegen.

Den Revolutionär Schiller, den Robespierre des Dramas, der die Tyrannen

in seinen Stücken guillotinierte, soll man darum nicht vergessen,

wenn man des Dichters der Glocke, des Hüters der heiligen Ordnung,

der züchtigen Sitte, gedenkt. Diesen soll man wiederum nicht in den

Himmel erheben, wie es in der Aula wohl geschieht, wo Sankt Schiller

mit seinen Bürgersprüchen bis ins Maßlose gefeiert wird. Er war ein

Mensch wie wir, dem Wetter, der Zeit und den Launen unterworfen und

aus vielem zusammengesetzt. Denn +ein absolut edles+ Wesen ist ein

Monstrum, das nur in der Weltflucht gedeiht, oder ein Mythus, der nie

unter Menschen gewandelt ist. Aber Schillers Hand hielt doch die langen

bangen Jahre einer schrecklichen Krankheit hindurch bis zu seinem

Tode des Lichtes Himmelsfackel in der Hand, der Würde der Menschheit

zu leuchten. Und sein Genius, der sich an der Morgenröte einer neuen

Zeit entzündet hatte, stand wie eine Sonne bis zum Tode über seinem

Volke, das er, ein einzelner, Jahrzehnte vor Bismarck schon geeinigt

hatte. So starb er, so ging er durch die ~porta nigra~ des Todes,

„unendlich Licht mit seinem Licht verbindend“. Auf seinem Grabstein

steht nur +sein Name+, den er unsterblich in des Wortes menschlicher

Bedeutung gemacht hat. Wollte man dem etwas hinzufügen, man könnte

keine schöneren Worte finden als die, die Shakespeare dem gefallenen

Freiheitskämpfer Brutus nachruft:

„Sanft war sein Leben, und so mischten sich

Die Element’ in ihm, daß die Natur

Aufstehn durfte und der Welt verkünden:

Dies war ein Mann.“

Jean Paul

O du seliger, ewig jugendlicher Jean Paul, der du jetzt auf den

Asphodeloswiesen im Elysio unter den Schatten einherwandelst und am

Abend die grauen Flockenblumen abzupfst und in die Luft fortpustest,

ihnen nachschauend wie Kinder den Seifenblasen im Sonnenschein, siehst

du dich noch in jenem Zimmer der derben kreuzbraven Wirtin Rollwenzel

vor dem Städtchen Bayreuth sitzen, an dem Federhalter kauen, hin und

wieder einen Gedanken oder ein Bild aus deinen Nackenhaaren hinter

deinem kahlen Scheitel herausziehen und das große weiße Papier, das vor

dir liegt, langsam mit deinen schönen Buchstaben zumalen? Siehst du

dich noch schmunzeln vor Behagen, wenn dir ein besonders eigenartiger

Einfall übers Papier lief, und du ihm zwei Seiten lang nacheiltest

und dabei vom Hundertsten ins Tausendste und Hunderttausendste

kamst, oder wenn die Wirtin mit einem Krug voll Kulmbacher Bier zu

dir trat und du dich zurückbeugtest und die dicke braune deutsche

Ambrosia hinunterspültest und dabei drüberhin dankbar in den Himmel

sahst wie ein trinkendes Huhn? Wenn du dann noch eine Prise Borkauer

Schnupftabaks in die breiten Nasenlöcher geschoben hattest, wie

konntest du dann auf dem Papier mit den Flügeln schlagen und über

die Hecken und Zäune der Menschen fortfliegen und vor Vergnügen

krähen! Über dreißig deutsche Kleinstaaten flogst du an einem solchen

Vormittag, vor Bayreuth schreibend, hinüber und picktest alles, was

dir lächerlich schien, von den Wegen auf und brachtest es zu Papier,

allerlei schnurriges und monströses Zeug, das sonderbar aussah wie

Spinnen oder Meertiere im Spiritus. Vor dir, wenn du vom Schreiben

aufschautest, lagen die Höhen des Fichtelgebirges oder Frankenwaldes;

und du ließt deine großen, sanften, blauen Augen an ihren stillen

Linien so zufrieden vorbeirollen, wie der Herr von Goethe in Weimar

hinter den Bergen die Rückenformen schöner Menschen in Stein oder

Fleisch betrachtete. Nie fiel es dir ein, das Land Italia, von dem die

von der Griechheit befallenen damaligen Deutschen wie junge Mädchen

von ihren Erziehern schwärmten, zu betreten. Höchstens deine Helden

führtest du an ihrem Schopf auf den Palatin oder den Posilipp oder

ließest sie ihre Schwermut in dem Lago Maggiore widerspiegeln. Dir

selbst wäre es nicht wohl gewesen in Ländern, wo man kein Bier trinkt,

wo keine Wälder duften, keine Serenissimi reden und regieren, damit

ihre Untertanen etwas zu lachen und zu erzählen haben, und wo keine

deutsche Musik geblasen, gegeigt, gespielt, getrommelt oder gesungen

wird. Du mußtest im Frühling Aurikeln und Veilchen, im Sommer Rosen und

Gelbveiglein und im Herbst Astern und Stiefmütterchen um dich haben und

mußtest im Winter dicke Eisblumen an den Fenstern sehen: sonst wärst

du gestorben vor Heimweh. Wenn die anderen von Welschland sprachen,

hieltest du dir die Ohren zu und pfiffst Beethoven vor dich hin; und

nachts, wenn die Sterne am Himmel aufzogen, sagtest du: „Nun ist alles

auf Erden gleich.“

Drum saßest du alle Morgen allein im offnen Zimmer neben der Gaststube

der kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth, die

Perlmutterdose voll Tabak und den Steinkrug voll Bier neben dir

und Oberfranken im Fenster eingerahmt vor dir, und schriebst ganz

gemächlich deine zehn bis fünfzehn Seiten deutsche Prosa tagtäglich in

deine Kladde. Und warst dabei nicht minder des Gottes voll als Dante,

da er in der Pineta dichtend umherging, oder als der blinde Milton,

als er seiner Tochter die Beschreibung des Satanas und der weinenden

Eva in die Feder diktierte. Und warst dabei nicht weniger behutsam

und dachtest ebensoviel über deine Kunst nach wie Lessing, Herder und

Schiller, die sich beim Dichten oft den Puls zählten wie ein Kranker

im Fieber. Du stütztest die Stirn in die Hand vor jedem neuen Kapitel

(oder Summula oder Jobelperiode oder Station oder Hundsposttag oder

Nummer oder Zettelkasten, oder wie du sonst noch deine Abschnitte

nanntest) und sannst dann lang und breit über das Romantische, über

den Humor, über den Stil, über die deutsche Sprache nach, bis du auf

einmal den Faden deiner Erzählung ganz verloren hattest. Dann galt

es, schnell übers Garn zu schlagen und mit ein paar Rückzügen, die

nicht ungeschickter, wenn auch unberühmter waren als die Friedrichs

des Großen nach der Schlacht bei Hochkirch oder die Napoleons von

Leipzig nach Paris, zu deinem Thema zurückzugelangen. Freilich verlorst

du oft eine Schar Leser bei solchen Exkursionen; Leute, die sagten:

„Wir kommen auf der Straße nicht mehr mit. Der Kerl gerät uns zu

sehr auf Abwege und Seitensprünge.“ Aber dir lag nichts an solchen

Lesern, die gegängelt werden wollen und mit Extrapost und stets frisch

gewechselten Pferden, wie ein persischer Satrap durch seinen Bezirk,

durch die Ereignisse hindurchreiten wollen bis zur Verlobung oder

zum Begräbnis. Sacht wie ein Landomnibus zwischen zwei Marktflecken

fährst du deine Insassen weiter; was tut’s, wenn der Pegasus unterwegs

stehen bleibt, wo immer ein Vergißmeinnicht sich zeigt, um es

mitzunehmen? „Nur Geduld!“ rufst du vom Bock hinunter, „wir kommen

schon an;“ und verkaufst für die Tränen einer Liane oder das Grinsen

eines Ironikers über eine schöne oder kluge Stelle tausend Seelen an

Kotzebue. Davon rührt es, daß heute mancher so schwer dich liest wie

einen Palimpsest, auf dem drei Texte übereinander geschrieben sind,

und du in Bibliotheken oft hoch oben stehst, wo selbst keine langen

Spinnfängerbesen mehr hinaufreichen, und das Subjekt, das alle Jahre

einmal zum Staubwischen dort hinaufklettern muß, kopfschüttelnd deine

seltsamen Titel liest, wie etwa diese: „Die Kunst, einzuschlafen“,

„~Dr.~ Fenks Leichenrede auf den Höchstseligen Magen des Fürsten von

Scheerau“, „Über das Leben nach dem Tode oder der Geburtstag“, „Das

Glück, auf dem linken Ohr taub zu sein“, „Verschiedene prophetische

Gedanken, welche teils ich, teils hundert andere wahrscheinlich 1807 am

einunddreißigsten Dezember haben werden“, „Ruhige Darlegung der Gründe,

warum die jungen Leute jetzo mit Recht von dem Alter die Ehrfurcht

erwarten, welche sonst selber dieses von ihnen fordert“, „Bitte, mich

nicht durch Geschenke arm zu machen“, „Vollständige Mitteilung der

schlechten, aberwitzigen unwahren und gottlosen überflüssigen Stellen,

die ich in meinen noch ungedruckten Satiren aus Achtung für den

Geschmack und das Publikum ausgestrichen habe“, „Einige gutgemeinte

Erinnerungen gegen die noch immer fortdauernde Unart, nur dann zu Bette

zu gehen, wenn es Nacht geworden.“

Wenn du täglich deine Hefte vollgeschrieben hattest, ewig wie

das Fichtelgebirge lebender Jean Paul, schrittest du zufrieden

wie ein Buchführer, dessen Saldos stimmen, nach Hause. Auf dem

Marktplatz von Bayreuth verwickelte sich dein Fuß dann wohl in den

geschnörkelten Schatten des vom Markgrafen Friedrich errichteten

alten Barockschlosses, du stolpertest und ließest das Dreierlicht im

Marienglas, das dir heimleuchtete, fallen und standest dann allein

unter den Sternen in der Abendluft, die nach Wäldern roch. Dann fuhren

wohl ein paar titanische Gedanken durch deine mächtige Stirn, daß sie

mit dem Jupiter und dem Hesperus über dir um die Wette leuchtete und du

sagen durftest: „Gefühlt habe ich es auch, Goethe!“

Aber dann kamen schon die Nachbarkinder und zupften und zogen dich

hinein, mit ihnen um die Lampe „Schwarzer Peter“ zu spielen, und du

folgtest ihnen willig, eingedenk deiner Worte: „Um wieviel leichter

erkauft man den unmündigen Kindern arkadische Schäferwelten als den

Erwachsenen nur +ein+ Schaf daraus!“ Und du hieltest ganz still und

ließest dir ruhig mit dem Korkstopfen einen dicken schwarzen Bart über

dein breites, feistes Gesicht malen, daß du aussahst wie die Maske

der Komödie bei den Griechen, und die Nachtwächter vor dir erschraken.

Und wenn du deine Nachtsuppe mit Pflaumen heruntergelöffelt hattest

(denn das viele Beißen verlernten deine Zähne sehr früh), dann gingst

du noch einmal zu einem Schlaftrunk schon im Schlafrock in die Kneipe

nebenan und schmunzeltest bis zu den Ohren hinauf, wenn der Apotheker,

der Pfarrer und der Bürgermeister, drei abgefeimte Hasenfüße, sich

zusammentaten, über Napoleon zu schimpfen, den sie durch ein Nadelöhr

gejagt haben würden. Nachts aber, in deiner hölzernen Bettstelle, in

der gewürfelten Flanelljacke, die dir den rundlichen Leib warmhielt,

träumtest du von einer Reihe sonderbarer Geschöpfe, die dich umflogen:

E. T. A. Hoffmann war darunter mit seinem Eulengesicht und Ludwig

Börne mit seinen traurigen Augen, der Professor Fechner mit seiner

Brille, Robert Schumann mit seinem edelsten Lächeln, Carlyle aus

Schottland, Friedrich Vischer aus Schwaben, Wilhelm Raabe, die Feder

in der Hand, und Gottfried Keller mit seinem Züricher Dialekt und

viele, viele andere. Alle aber nannten dich „Vater“, als hätten sie

dich über den Verlust deines einzigen Sohnes forttrösten wollen. Und

einer unter ihnen (es war Ludwig Börne, wie sich zwanzig Jahre später

herausstellte) trat hervor und redete dich an: „Eine Zeit wird kommen,

da wirst du allen geboren. Du stehst geduldig an der Pforte des

zwanzigsten Jahrhunderts und wartest lächelnd, bis dein schleichend

Volk dir nachkomme.“

Heinrich von Kleist

An einem Spätabend Ende November 1811 kam die Nachricht vom Tode des

vierunddreißigjährigen Heinrich von Kleist nach Weimar. Der alte

Wieland, bei dem der junge Dichter vor wenigen Jahren mehrere Wochen zu

Besuch geweilt hatte, erfuhr es zuerst. Er saß in seinem gepolsterten

Lehnstuhl nach dem Nachmittagskaffee, hatte sich eine lange Pfeife

angezündet und wollte gerade in geistiger Gemächlichkeit in den

Leipziger Blättern, die am Tisch vor ihm lagen, einen Rebus raten, wie

er dies gerne tat, als er unvermutet auf diese Anzeige als ein noch

größeres Rätsel stieß. Die Anzeige lautete aber:

„Am Nachmittag des 21. November zwischen 4 und 5 Uhr erschoß sich in

der Nähe des am Wannsee bei Berlin gelegenen Wirtshauses ‚Zum Stimming‘

der junge Schriftsteller Heinrich v. Kleist. Er war am Vorabend mit

einer gewissen Frau Henriette Vogel aus Berlin, die verheiratet

gewesen sein soll und Kinder hat, dort abgestiegen. Die Frau, die an

einem unheilbaren Herzleiden litt, soll von ihm ihren eigenen Tod als

einen Freundschaftsdienst gefordert haben, und er hat, um seinen Mut

und seinen Zynismus zu beweisen, ihr willfahren. Er hat erst seine

sogenannte Freundin getötet und hierauf seinem eigenen Leben durch

einen Schuß in den Mund ein Ende gemacht. Fuhrleute, die mit Weißbier

nach Potsdam zufuhren, fanden die beiden Leichen nebeneinander liegen

in einer Sandgrube am See. Kleist galt in literarischen Kreisen als

talentvoll, aber, wie dies eben seine Tat beweist, auch als völlig

undiszipliniert und haltlos. So erzählen die Wirtsleute, daß er am

Abend vor der Tat mit jener überspannten Frau reichlich Rum getrunken

habe und daß beide mit einer unaussprechlichen Heiterkeit und

Frivolität am Mittag zum Tode wie zu einer Ruderpartie aufgebrochen

seien. Man hat die Leichen der augenscheinlich geistig gestörten

Unglücklichen an dem Fundort auf der Uferhöhe des Sees bestattet. Gott

bewahre unsere Jugend in diesen aufgeregten Zeitläuften vor einer

solchen Lebensauffassung, die sich den schweren Aufgaben unserer Tage

feige entzieht!“

Der alte Wieland zitterte an allen Gliedern, als er dies langsam in

sich hineinbuchstabiert hatte. Und da sein Sohn, Kleists Jugendfreund,

nicht da war und auch sonst keiner, bei dem er sein altes Herz über

diese unbegreifliche Kunde ausschütten konnte, beschloß er, um nur mit

jemandem darüber reden zu können, auszugehen und irgendwen zu besuchen.

Als er sich seinen braunen Otterpelz anzog, fiel ihm ein, daß er es zu

Goethe am nächsten hatte, und so trippelte er denn, eine Stocklaterne

in der Hand, durch die Gassen Weimars im Abendnebel nach dem

Frauenplan. Erst als er vor dem Hause stand, aus dem heller Kerzenglanz

wie aus einem Schloß herauskam, fiel dem Alten ein, daß Goethe, wie man

sich sagte, dem lebenden Kleist gar nicht so sehr gewogen gewesen sei.

Aber da er nun schon dort war, mochte er nicht mehr umkehren, pochte

mit dem Türklopfer an und trat in den feierlichen Hausflur mit der

majestätisch breiten Treppe ein.

Goethe saß oben in dem erleuchteten, warmen Empfangszimmer schon

im Staatsrock, den Stern auf der Brust, bereit, ein paar Gäste zum

Abendtisch zu bewillkommnen. Eine Flasche Rotwein, die ihm noch seine

reiche Mutter geschickt hatte, stand neben ihm auf dem Tisch, auf

dem ein paar Kupferstiche Albrecht Dürers lagen, die der Geheimrat

sich langsam und ganz genau mit der Lupe besah. Als ihm der alte

Wieland gemeldet wurde, ging ihm Goethe steifen Schrittes mit beiden

ausgestreckten Händen entgegen.

„Es ist prächtig, daß Sie kommen! Sie treffen es gut. Ich erwarte ein

paar Abendgäste. Kanzler Müller wird kommen und Madame Schopenhauer

will mit ihrem Sohne erscheinen. Zudem versprach mir eine polnische

Pianistin, die auf der Durchreise nach Paris ist, uns ein paar

slawische Volkslieder vorzutragen. Aber was ist Ihnen?“

Wieland erzählte mit ein paar fliegenden Sätzen die entsetzliche

Nachricht vom Tode Kleists, ohne dabei zu gewahren, wie die Augen

Goethes ganz groß wurden und seine Stirne leise eine Falte mehr bekam.

„Das ist in der Tat erschütternd“, erwiderte der Dichter des Werther

und hielt sich zitternd am Stuhle fest. „Ich kann nie von dem

Selbstmord eines jungen Menschen hören, ohne dabei bis in das Innerste

meines Wesens zu erbeben. Denn es hat auch in meinem Leben Zeiten

gegeben, wo ich ganze Nächte lang mit der Pistole in der Hand durch

das Dunkel gelaufen bin, und wo es nur eines letzten Anstoßes zur Tat

bedurfte. Der braucht dann freilich nur ganz klein zu sein, wie etwa

im Falle Kleistens die Trostlosigkeit eines Tages im November, diesem

‚Hängemonat‘, wie ihn die Engländer nennen.“

„Aber diese Seelenruhe, dieser frivole Frohsinn, diese εἰρήνη, mit

der der Jüngling Kleist wie weiland Sokrates in den Tod gegangen ist,

dünket mich unerklärlich“, warf Wieland ein.

„Mitnichten,“ fuhr Goethe fort, „wenn einmal das letzte Bedenken

überwunden und gleichsam die letzte Aufenthaltsstation des Lebens

überschritten ist, wird man den Tod selbst schon als einen Vorgeschmack

der süßen Ruhe, die uns mit ihm erwartet, genießen, und wenn erst

der Fahrwind aus dem Elysium über eine Seele weht, wird sie sich mit

Frohlocken von diesem unserem höchst problematischen Leben lösen. Darum

soll keiner die Tat des Kleist eine frivole nennen. Selbst wir zwei

Alten, die wir uns hier im Warmen gegenübersitzen und mit Recht stolz

auf unsere sechzig oder wie Sie, mein Lieber, fast achtzig überlebten

Jahre sein können, wollen dies nicht tun. Denken wir uns nur in die

Seele dieses Unglücklichen, von dessen zahlreichen Dramen eines ‚Der

zerbrochene Krug‘ hier in Weimar unter meiner Leitung aufgeführt und

vom Pöbel verlacht wurde und ein anderes, das große Ritterschauspiel

‚Käthchen von Heilbronn‘, dreimal in Wien gegeben und abgelehnt wurde.

Mehr weiß unser deutsches Theater noch nicht von Kleist. Summieren

Sie zu dieser Nichtachtung, die einen ehrgeizigen Menschen, wie er

war, dreifach traf und vergiftete, noch das Elend seines preußischen

Vaterlandes seit Jena und die qualvolle Lage eines, der heute von der

Feder leben muß und hündischen Demütigungen ausgesetzt ist, so werden

Sie sich über seinen gewaltsamen Tod als einzigen Ausweg aus dieser See

von Plagen kaum mehr verwundern können.“

„Er soll eine solch verbitterte Wut gegen Napoleon gehabt haben,“

bemerkte Wieland, „daß er, wie mir mein Sohn erzählt hat, sich

monatelang mit dem Plane trug, den Kaiser selbst zu ermorden.“

„Das steht ihm nicht übel,“ war Goethes Antwort, „wie er denn auch auf

die Nachricht von dem Durchfall des ‚Zerbrochenen Kruges‘ in Weimar

meinen Namen unter Fäusteballen genannt und dazu gesagt haben soll:

‚Ich werde ihm den Lorbeer schon von der Stirne reißen‘, als ob ich

allein die Schuld an seinem Mißgeschick gewesen wäre. So hat er auch

späterhin mich mit manchen Spottversen und Pasquinaden geärgert und mir

damit jede Möglichkeit genommen, mich weiter für ihn einzusetzen und

noch etwas für ihn zu tun.“

„Ja,“ rief der alte Wieland dazwischen, „aber man spricht doch davon,

daß Sie ihn durchaus nicht anerkannt und gewürdigt hätten.“

„Ich weiß es, mein Freund, und diese literarische Lüge wird vielleicht

noch lange weiterleben, denn solch ein falsches Urteil läuft von

einem zum anderen gedankenlos über. Wie man auch Sie, mein lieber

Wieland, noch vielfach einen sittenlosen Mann nennt, trotzdem Sie in

zwanzigjähriger treuer Ehe vierzehn lebende gesunde Kinder zuwege

gebracht haben. Es hat wenige gegeben, die diesen Kleist, da er lebte,

mehr geachtet haben als ich, wenngleich mir sein Wesen und Dichten von

Grund aus ferne stand. Das Zertrümmerte, Chaotische bei ihm, dieser

Zustand, in dem ich lebte, ehe ich dichtete, machte mich bis in alle

meine Moleküle unruhig. Dieses Aufspüren und Aufjagen von Urtrieben

in uns bei Kleist, die wir mit Mühe seit ein paar tausend Jahren

gezähmt haben, flößte mir Grauen und Unbehagen ein und verwirrte mein

sicheres Gefühl vom mechanischen wie moralischen Gleichgewicht dieser

Welt. Aber darum verkannte ich nicht die titanische Größe in seiner

‚Penthesilea‘, deren Verse mir den Atem versetzten und mich vierzig

Jahre zurückwarfen, noch entging mir der feine Reiz im ‚Zerbrochenen

Krug‘, einem Stimmungsbild, das ein Teniers nun eben nicht besser hätte

malen können.“

„Sie kennen seinen Robert Guiskard nicht“, rief nun Wieland dazwischen.

„Wenn er dies Werk, aus dem er mir als mein Gast einst ein paar

Szenen vortrug, vollendet hätte, statt es zu vernichten, so müßten

Äschylus, Sophokles und Shakespeare vor ihm als Anfänger ausreißen.

Das Feuer, das dieser unaussprechliche Mensch in sich trug, vermochte

mich alten Vater, der ich dem lieben Gott fast schon die Hand reichen

kann, noch zu Tränen über das Weh dieser Welt zu schmelzen. Er hat mir

eingestanden, daß er sich beim Schreiben von Akt zu Akt immer mehr

in seine Helden bis zur Narrheit +verliebe+, so daß es ihm das Herz

abpresse, wenn er wie an jene Penthesilea schließlich Hand an sie legen

müsse. Und er weinte dabei ganz wahrhaftig, wie einst meine Frau, als

ich sie zwang, unseren lieben alten Gockelhahn abzuschlachten, und sie

das Messer in der Hand vor ihm stand und ihn mit den Worten: ‚Mein

Herzchen, mein Liebes, mein Lebenslicht, mein alles, mein Hab und Gut,

meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge, mein Innerstes, mein

Herzblut und mein Augenstern‘, langsam ins andere Leben hinüberschnitt.

Von den Frauen insgemein verstand der Jüngling Kleist -- denken Sie nur

an sein ‚Käthchen‘ oder ‚Evchen‘! -- mehr als unser seliger Schiller

mit all seinen Theaterjungfrauen, denen ich für mein Leben gern einmal

in der Nachthaube begegnen möchte, um zu wissen, ob sie von Fleisch und

Blut seien. Summa ~summarum~: Ich behaupte dreist, daß wir Deutschen in

diesem Kleist unseren Shakespeare verloren haben.“

Zum Glück für den alten Wieland kam in diesem Augenblick der Diener und

meldete die Ankunft der Gäste. Goethe aber machte wie allem so auch

diesem Gespräch ein Ende, indem er sich erhob und kurz sagte:

„Dieses zu entscheiden, Herr Wieland, müssen wir dem Jahrhundert nach

uns überlassen.“

So sprach Goethe. Der Festredner aber, der zum hundertjährigen

Todestage am Grabe Heinrich von Kleists sprechen durfte, hätte sagen

müssen, daß es einen Shakespeare leider nur +einmal+ gegeben hat, und

daß irreale Bedingungssätze an einer Gruft und angesichts eines Toten

im Grunde überflüssig seien, aber daß der frühe Tod Kleists, der nicht

minder als Theodor Körner für sein Vaterland gefallen ist, für unser

deutsches Theater der schwerste Verlust gewesen ist, den es jemals

erfahren hat.

Franz Grillparzer

Schattenbilder · 第 4 / 21 段