ein ungezogener Junge von dannen. Wir suchten ihn allesamt und fanden
ihn endlich hinter dem Hause, wie er mit einem kleinen, gelben, wohl
vierzehnjährigen Mädchen, das er ‚Mignon‘ nannte, das Händespiel Mora
spielte, wobei er lachend einen Soldo nach dem anderen verlor. Ich habe
niemals einen erwachsenen Menschen so kindlich und natürlich spielen
sehen. Wie er denn überhaupt eine große Liebe zu Kindern und zu dem
naiven Volke an den Tag legte!
Auf der Heimfahrt, da wir mit der Kauffmann selbdritt in einem Wagen
saßen, unterhielt er sich in einemfort mit dem Vetturino über die
Mücken und die Pferde und die Straßen von Rom, bis die Kauffmann, die
sich vernachlässigt fühlte, ihn ganz verstimmt am Rockärmel zupfte.
‚Verzeih’, liebste Angelika,‘ sagte er, ‚aber dieser Mann ist so klug
wie die sieben Weisen zusammen. Du glaubst nicht, was selbst ein
Kutscher alles über Rom zu sagen hat.‘
Als wir den Tiber hinunterkamen, und die eirunde unvergeßliche Kuppel
von Sankt Peter über der Stadt an dem roten Abendhimmel stand, meinte
Goethe, daß er immer eine Art Furcht vor Michelangelo habe, der wie
ein Zauberer noch heute über Rom herrsche, und daß er darum von ihm
nur mit Bewunderung und Beben, wie die Juden von ihrem Gott, sprechen
könnte. Wenn er wie Odysseus die Toten auf eine kurze Zeit wieder zum
Leben erwecken könnte, würde er zunächst vor allen anderen dies mit
Michelangelo tun, um ihm einmal zu sagen, welch ein großer Mensch er
gewesen sei, und wie er ihn bewundere.
Hinterdrein vor dem Abschiednehmen gingen wir in der warmen Nacht noch
in eine Osteria und tranken schäumenden Wein, Goethe mehr als wir alle.
Ihr könnt Euch nicht denken, wie artig er um die Kauffmann bemüht
war, die ganz verliebt in ihn schien, und wie er sein Frankfurter
Deutsch setzte, daß es so flink wie Französisch und so anmutig wie
Toskanisch klang. Und mit uns Künstlern trieb er Schabernack, daß ich
mich verwunderte, wie ein solch heiterer Mensch über zehn Jahre in
Weimar, wie man sagt, damit zubringen konnte, Akten und Rechnungen
zu revidieren, Rekruten auszumustern, Bergwerke zu befahren, Felder
zu visitieren und Verordnungen über das Ochsentreiben oder den
Kümmelausschank zu diktieren. Freilich fiel mir auf, daß er immer, wenn
auf Deutschland die Rede kam, ein ganz ernstes Gesicht machte, wie etwa
ein Arzt, wenn man von Krankheiten spricht, und er einmal erklärte,
erst wenn um Berlin Wein wüchse und es über Preußen Gold geregnet
hätte, könnte man das Leben dort gut aushalten.
Bei all der Ausgelassenheit, wie er sie da in der Schenke zu Nacht
brachte, hatte Goethe doch etwas Stilles an sich, dergestalt, daß
nur der, der ihn hören wollte, ihn hören konnte, ganz anders wie
die meisten deutschen Reisenden, die man in Italien schon um drei
Straßenecken herum schreien hört und die die Kunstschätze vernehmlich
wie die Wiederkäuer abgrasen.
Wir trennten uns alle nach Mitternacht, als die Glocken von den Kirchen
auf Kommando der Zeit ‚Drei‘ schlugen und außer ein paar verliebten
Katzen nichts mehr auf den Straßen lebendig war, wobei Goethe lächelnd
sagte: ‚Nun gehe ich zu meiner Juno.‘ Hiermit meinte er die Büste des
großen Kopfes aus der Villa Ludovisi, die bei Tag und Nacht neben
seinem Lager stehen, und in die er, wie einst Pygmalion in Galathea,
verliebt sein soll.
So seltsam es klingt, erst als er weggegangen war, wurde mir klar,
welch ein seltener Mensch mit ihm unter uns Deutschen wandelt, wie man
denn das Licht eines Leuchtturmes erst weit draußen auf dem Meere recht
zu würdigen weiß und den Geist eines Großen erst, wenn er uns in unser
Leben hineinleuchtet und ihm seine Farbe verleiht. --“
Dies ist ein kleines Abbild von dem römischen Goethe, eh’ er nach
Deutschland in den Wald von Kaminen zurückkehrte und in Weimar heimisch
wurde und ein Weib nahm und Kinder bekam, die ihm alle dahinstarben bis
auf den einzigen Sohn, der gedrückt und verunglückt war und nicht alt
werden konnte und in Rom begraben liegt an der Stätte, wo der Vater in
schönster Blüte gestanden hat. Wenige Jahre später aber wandelte der
Enkel Goethes einsam wie ein Sonderling auf dem Palatin und schrieb die
in ihrer Unbeholfenheit wehmütigen Verse in sein Tagebuch:
„Am Kapitol steh’ ich, am Kapitol
Und weiß nicht, was ich soll!“
Solche Sperlinge waren aus den Kindern dieses größten Deutschen
geworden, dessen ganzes Manneskunstwerk auf der Kenntnis und der
Liebe zu Italien steht, und der darin unsern Schwalben und Singvögeln
gleicht, die bei uns brüten und Lieder singen aus Sehnsucht nach dem
Süden.
Nachfolge Goethes
Eine Laienpredigt.
Goethe der Große steht auf der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten
Jahrhundert, zwischen dem Rokoko und der Moderne, am Ende einer
Gesellschaft, bei der +die Geburt+ alles galt, und zu Anfang einer
neuen, bei der einzig +das Geld+ den Ausschlag gibt. Denn, werden wir
uns darüber klar, in unserer heutigen Gesellschaft hängt die Stellung
des einzelnen und die Achtung, die er genießt, vor allem von der Summe
des +Geldes+ ab, die er besitzt. Adel und Orden sind auch heute noch
schön, aber sie haben nicht mehr die Kreditfähigkeit wie früher, da man
auf sein Adelsprädikat hin, so viel man zum Leben brauchte, geborgt
bekam. Heute leiht auch der dümmste Krämer keinem etwas bloß auf diese
Garantien, und das Wörtchen „von“ hat keinen Kurswert, ja kaum einen
Achtungswert mehr in der Bürgerwelt. Man erinnere sich nur des Stolzes,
mit dem der alte Krupp diese Ehre, die keine mehr ist, die er nicht
mehr so empfand, abgelehnt hat, was hundert Jahre früher undenkbar
gewesen wäre. Titel und Uniformen sind immer noch in Deutschland etwas
gern Gehörtes und Gesehenes und flößen manchem Mann und mancher Frau
eine gewisse Ehrfurcht ein. Aber im kleinsten Krähwinkel gilt heute der
Reichtum ebensoviel und der Millionär nicht weniger als der Landrat
und der Major. Vollends im Ausland, und wir müssen heutzutage, ob wir
wollen oder nicht, kosmopolitisch denken, fallen alle Titel wie Lumpen
von uns ab, und der Geheimrat, der sich seine Briefe nach Capri oder
Spanien unter seinem Titel senden läßt, wird wie jeder andere dort
nicht nach ihm, sondern nur nach der Höhe seiner Trinkgelder behandelt,
und das höchste, was er mit seinem Titel erreichen kann, ist, daß man
ihm die Hotelrechnung verteuert.
Unsere heutige verbürgerte und amerikanisierte Gesellschaft reguliert
sich in Deutschland, wie in allen Staaten, das kann man selbst in
Hinterpommern und auf der Schneeeifel nicht mehr leugnen, vorwiegend
nach dem Geld und dem Geldwert des einzelnen und ist mehr als je
zuvor auf dem Weg zu einer reinen Plutokratie, die in Amerika ja
tatsächlich schon eingetreten ist. Richtete sich einstmals der Ehrgeiz
in Deutschland vor allem auf einen möglichst langen Titel oder eine
möglichst schöne Uniform, so geht er heute im allgemeinen darauf aus,
ein Automobil zu besitzen, beim besten Schneider arbeiten zu lassen, in
den feinsten Hotels zu sitzen, weite Reisen zu machen, ein vornehmes
Haus oder besser noch, zwei vornehme Häuser zu führen usw. Seien wir
ehrlich, die wenigen Menschen, die dieses alles und mehr zur Verfügung
haben, die regieren jetzt in Deutschland, die genießen das schönste
Leben und die höchste Achtung, für die ist unser Militär, unsere
Polizei, unsere Justiz und sind unsere Gefängnisse da.
Die Leute, die dieses mehr oder minder klar bei uns eingesehen haben,
pflegen sich je nach ihrem Temperament zu +bescheiden+ oder zu
+opponieren+. An die ersten wendet sich bei uns die Kirche, an die
letzten, die Revoluzer, die Sozialdemokratie. Und merkwürdigerweise
haben beide im Grunde den gleichen Trost für ihre Patienten, nämlich
den auf ein besseres Leben im Jenseits oder im Diesseits, im Himmel
oder im Zukunftstaat. Von diesen beiden Hoffnungen leben heute
Millionen Menschen in Deutschland, trotzdem keiner ganz genau weiß, ob
und wie sie sich wirklich jemals erfüllen werden.
Um dieser Hoffnung willen ertragen sie „des Mächt’gen Druck, des
Stolzen Mißhandlungen“, und vermögen sich in all ihren Leiden und
Entbehrungen zu freuen, weil sie selig in ihrem Glauben sind, in dem
sie von den Herrschenden nach Kräften noch unterstützt werden, einmal
indem man die Religion von obenher fördert und zum andern, indem man
die Unzufriedenen auf dem Wege zu ihrem Zukunftstaat durch allerhand
Mittelchen und Klebpflästerchen zu vertrösten sucht.
Zwischen diesen beiden auch der Anzahl nach stärksten Parteien in
Deutschland wachsen nun eine Anzahl Männer und Frauen wie Blumen im
Korn herauf, die auf eine bessere Zukunft zugunsten einer +guten
Gegenwart Verzicht+ leisten, die sich sagen: „Wir wollen etwas von
unserm Dasein haben, indem wir mit den Menschen und mit dem Leben
fertig werden wollen, wie sie uns jetzt umgeben, wie es uns heute und
nur heute einmal verliehen ist.“ Diese merkwürdigen unzusammenhängenden
Menschen haben sich nach einer stummen aber deutlichen Übereinkunft
als Schutzpatron nicht etwa Nietzsche, der sonst für alles Moderne als
der Taufpate gilt, sondern Goethe ausersehen. Und zwar nicht einmal
so sehr Goethe den Dichter als wie Goethe den Menschen, den Freien,
den Parteilosen, den Einzelnen, die Persönlichkeit. Das Ideal „Goethe“
ist errichtet worden. Um diesen Freiheitsbaum tanzen heute die Freien
im Geiste in Deutschland wie einst die Jakobiner beim Ausbruch der
Revolution in Frankreich um die junge Pappel. Auf das große Bild seines
Lebens weisen sie hin mit Stolz und erhobenem Finger wie auf eine
Riesengottheit und sagen und singen: „So leben wir, so leben wir alle
Tage.“
Er ist +kein Christ+ gewesen dieser Goethe, jedenfalls nicht im
kirchlichen Sinne, mag man immerhin ein paar Ausdrücke, die darauf
schließen lassen könnten, aus seinen zahlreichen Werken herausfischen
und zusammenreihen. Im Grunde war er schon als echter Sohn des
achtzehnten, des heidnischsten Jahrhunderts so wenig ein Christ wie
Friedrich der Große. Daß ihm die Person Christi selber als einer der
verehrungswürdigsten Typen der Menschheit erschien, ist bei einem
edel denkenden Menschen selbstverständlich. Aber die Institution der
christlichen Kirche und ihre Moral hat er rein tatsächlich nicht
gebilligt: Er hat jahrzehntelang mit einer Frau ohne kirchlichen Segen
zusammengewohnt, er hat seine Kinder nicht oder erst spät taufen
lassen, ist ohne Priester und Bibel gestorben und hat sich, anders
wie Ibsen, so unkirchlich wie möglich beerdigen lassen. Man mag
darüber denken wie man will, man soll es nur nicht verschweigen oder
beschönigen. Seine Lebensführung war somit von Anfang bis zu Ende eine
dem kirchlich-christlichen Geist entgegengesetzte, sein Sittengesetz
ein freies und jenem begrenzenden Geist geradezu feindliches, indem er
die möglichste Entfaltung der Persönlichkeit statt ihre Beschränkung
zur Norm für jeden erhob. Er machte den Egoismus, der sich bis dahin
wie eine Spinne in allen Ecken herumgedrückt hatte, zum Herrn im Hause
und nahm ihm die falsche Scham, die er hatte erheucheln müssen. Er
lehrte sich und andern den Himmel auf Erden und nicht über den Wolken
oder in der Zukunft zu suchen und zu finden:
„Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.“
Er ging in keine Kirche hinein, und wenn der Sonntag oder ein Feiertag
kam, so ließ er sich von seinem Diener Kupferstiche bringen und besah
sich die Bilder von Raphael oder ließ sich vormusizieren oder schrieb
ein Gedicht an eine Wand im Freien und lief durch den Wald und war mit
alledem Christo ebenso nahe wie der Kirche ferne. Und dabei hat man
niemals eine Gotteslästerung wie noch bei Voltaire und Diderot oder
die Verhöhnung eines Ritus bei ihm erlebt. Nein, er hat beispielsweise
den Katholizismus, soweit er +deutsche+ Religion ist, verstanden und
tief mitempfunden, ohne dabei freilich in die frömmelnde Richtung eines
Friedrich Schlegel oder Zacharias Werner zu geraten, welch letzterem er
ob seines Übertritts zur römischen Kirche geradezu sein Haus verboten
hat. Er hat das überirdische Bild Christi, wie es uns in den schlichten
Farben der Evangelien überliefert ist, stets verehrt und niemals, wie
etwa später Heine, geschmäht und besudelt. Aber er war darum doch
kein Christ, wie ihn die Kirche, katholische oder protestantische, bei
uns verlangt, und hat dies bei jeder Gelegenheit so laut, wie es ihm
möglich war, betont. Das soll man nie vergessen, wenn man ihn, den
„dezidierten Nichtchristen“, wie dies heute sogar von orthodoxer Seite
gern geschieht, zum ~advocatus dei~ machen will.
Ebensowenig war er aber auch ein Gesellschaftsmensch, ein Mann der
Menge, ein +Kompromißler+, als welcher er jetzt in der Vorstellung
vieler Menschen gravitätisch herumspaziert als hehres Beispiel, wie
man sich in die Welt eingliedern soll. Freilich hat er das ~examen
rigorosissimum~ des Lebens glänzend bestanden, ist als ein alter
reicher Mann in allen Ehren gestorben, nachdem er seine Schriften, sein
Leben und seinen Ruhm wohl geordnet hatte. Seine Mitmenschen achteten
ihn, weil sein Herzog ihn geliebt und geehrt hatte, und wenn man auch
bei seinen Lebzeiten seine Stücke nicht anhören mochte, so nahm man
ihn doch als Staatsminister und damit höheres Wesen ehrfurchtsvoll
und kostenlos hin. Aber sein Leben darum als Musterbeispiel eines
guten Bürgers, eines wackeren Staatsangehörigen hinzustellen, das geht
wirklich +nicht+ an. Denjenigen, die ihn wegen seiner Kompromisse bei
festlichen Gelegenheiten gerne als ~+archicivis+~ feiern und zitieren,
muß man zurufen: „Laßt unsern Goethe aus dem Spiel!“ Denn einmal ganz
abgesehen von der Moral seiner Schriften wie seines Lebens, welche die
breite herrschende oder doch erheuchelte Gesellschaftsmoral fortwährend
heute noch vor den Kopf stößt und erst recht gestoßen hat, kann man
nicht behaupten, daß Goethe sich sehr in seine Zeit und seine Mitwelt
gefügt hat. Erinnert sei nur, um nicht in Kleinigkeiten zu geraten,
daran, wie er die „gute Gesellschaft“ in Weimar brüskierte, wie er
sich Anno 1813 verhielt, als er seinen Sohn verhinderte, bei Lützows
Jägern einzutreten, weil ihm sein einziges Kind noch lieber war als
Deutschlands Freiheit, und wie er nicht mit in die Begeisterung gegen
Napoleon einstimmte, weil er seine Größe fühlte und nicht behaglich
im Zimmer sitzen und Kriegslieder schreiben konnte. Oder man denke
daran, wie er sich in jenen häßlichen literarischen Froschmäusekrieg,
den „Xenienstreit“, hineinbringen ließ, so daß einer seiner Feinde mit
Recht sagen konnte:
„Lümmelhaft nahm er sich immer, der Goethe, und wird auch so bleiben,
fünfzigjährig und noch wirft er die Leute mit Kot.“
Nein, ein bequemer Bürger, ein treuer Diener seiner Zeit und ein
gutes Mitglied der Gesellschaft ist dieser Mann nicht gewesen, dessen
+größtes+ Glück war, einen Karl August zu finden, der ihn vor dem
Verhungern und vor der Verbannung gerettet hat.
Was war nun aber das große +Geheimnis Goethes+, das trotzdem bewirkt
hat, daß man sein Leben und gerade dieses heute noch als ein Vorbild
für jeden Menschen hinstellen kann und die +Nachfolge Goethes+ fast als
+modernes+ Evangelium predigt? Es war einfach dies, sein Leben seiner
Veranlagung und seinen eigenen Gesetzen nach +aufrichtig+ zu führen,
unbekümmert um die Vorschriften der Außenwelt, die nicht mit seinen
sittlichen Anschauungen zusammenfielen, und ohne bei jeder Tat, jedem
Wort zu fragen, was nützt mir das oder was schadet mir das? Das ist
seine Lebensführung gewesen, die ihm ein jeder von uns an der Stelle,
wo er steht, und mit den Gaben, die ihm verliehen sind, nachmachen
kann. Daß man ein guter Kaufmann, Vater, Gatte, Gelehrter und Beamter
+trotz+ einer Persönlichkeit sein kann, hat er am Anfang unserer
Zeit für diese bewiesen. Ein Japaner, der nach längerem Aufenthalt
im jetzigen Europa gefragt wurde, was er für die vorwiegendste
Eigenschaft in unserer heutigen europäischen Gesellschaft halte,
entgegnete mit vollem Recht: „+Die Feigheit+“. Es ist erklärlich,
daß eine Gesellschaft wie die unsrige, die vor allem auf Geld und
seiner Wertschätzung steht, so furchtsam ist. Denn diese Grundlage
ist nicht so sicher, wie der Grundbesitz und die Fideikommisse der
adligen Gesellschaft: Geld rollt, Banken können verkrachen, Fabriken
können verbrennen und verfallen, und der Mieter wohnt nie fest. Aber
die Angstmeierei unserer Gesellschaft, das Zittern vor dem, was die
Leute denken, und das ewige Rücksichtnehmen, bis man sich Hals und
Grat verdreht hat, ist der Schrecken vor einem Phantom, das nicht da
ist, einem Schatten, der nicht fällt. Mit den ewigen Scherwenzeleien
und Schiebungen kommen doch -- so stark sind die +demokratischen+
Wurzeln unserer Gesellschaft -- immer nur wenige weiter und vermögen
sich nur unter ständiger Gefahr für ihre Stellung zu halten. Wenn
man den einzelnen aus der Gesellschaft herausholen und ihn ausfragen
würde: „Wovor zitterst du eigentlich beständig?“ so könnte man ihm
leicht Grund nach Grund für seine Furchtsamkeit wie Zwiebelschalen
fortnehmen. Denn weil einer nie seine Meinung sagt oder alle Festessen
mitißt oder sich stets und überall beliebt machen will, darum kauft
keiner ihm einen Knopf mehr ab, wenn die Knöpfe nichts taugen, oder
behandelt ihn schlecht, wenn er Vorteile von ihm haben kann, oder läßt
ihn avancieren, wenn er ein Rindvieh ist. Die wenigen Ausnahmen davon
sind zu erbärmlich, daß man sie weiter erwähnen müßte. Die aber, die
erkannt haben, wie Glück und Achtung nicht erschlichen werden können
und wie die Gesellschaft im Grunde und mit Recht den einzelnen nur nach
dem Nutzen wertet, den sie von ihm hat, und wie „das höchste Glück der
Erdenkinder nur die Persönlichkeit“ ist, die man einzusetzen hat, alle
die werden sich mit Stolz und Recht heute +Goethes+ Jünger nennen.
Schiller
Noch heute ist Schiller der volkstümlichste, der beliebteste Dichter
in Deutschland, ist in unseren Tagen noch so volkstümlich wie ein
Kinematographentheater und wie Zeppelin und Hindenburg. Und er hat dies
verhältnismäßig ohne große Konzessionen erreicht.
Wohl hat er manchmal klein beigegeben, hat dem Theater gegeben, was
es damals wie heute forderte: Schaustellungen, herrliche Aktschlüsse
mit bengalischer Beleuchtung, Katafalk, Fahnen und Orchester, große
spannende Auftritte und leider auch, wenn nicht immer Belohnung der
Tugendhaften -- dafür schrieb er Tragödien! -- so doch meistens
Bestrafung der schlechten Menschen auf der Bühne, des bösen Geßler, der
heuchlerischen Königin Elisabeth. Schon als Jüngling von 23 Jahren mit
den „Räubern“ auf das Theater gebracht, lernte er diesem gefährlichen
Untier zu schmeicheln und sich den Beifall des Publikums sichern. Es
ist erstaunlich, mit welcher Kälte er schon damals, als feuertrunkener
Schwärmer, über seine Helden und Heldinnen nicht anders, als seien es
Kaninchen, verfügte. „Daß Euro Excellenz“, schrieb er an den Mannheimer
Intendanten Heribert von Dalberg, „die Amalia lieber erschießen als
erstechen lassen wollen, gefällt mir ungemein, und ich willige +mit
Vergnügen+ in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und
kömmt mir auch räubermäßiger vor.“
Auch späterhin in seinen Briefen an Goethe oder Iffland, die beiden
Theaterdirektoren, spielt das Wort „Effekt“ eine Hauptrolle bei den
Mitteilungen über seine neuen Stücke, und auch als längst anerkannter
Dichter war er stets zu solchen Änderungen in seinen Stücken, die das
Theater verlangte, sofort bereit. Man sieht, dieser große Idealist, wie
er einem in der Schule als überirdisches Wesen vorgestellt wird, war
ein ebenso großer Realpolitiker, wenn es galt, die Anforderungen der
großen Menge und ihrer Anwälte, der Theaterdirektoren, zu befriedigen.
Das nahmen ihm die Romantiker übel, die den verworrenen Gang des Lebens
kaleidoskopisch verworren gestaltet wissen wollten, daß er Menschen
und Schicksale in Transparent und in Theater setzte und mehr als nötig
war „idealisierte“. Darum stießen sich Künstler wie Otto Ludwig,
stößt sich heute schon ein ganzer ästhetisch fein empfindender Kreis
in Deutschland an solchen Stellen in seinen Stücken, Momenten oder
Passagen, den Geschmack wund, in denen er mit kalter Berechnung dem
Moloch Theaterpublikum rohe Opfer gebracht hat. Während seine Gedichte,
die er nicht für das Lesebuch und für kein anderes Publikum als für
reife Menschen schrieb, vor allem seine Gedankenlyrik von keinem
bemängelt, von keinem übertroffen werden können.
Er wollte als Dramendichter ebenso ungestüm wie ein Theaterdirektor,
daß das Haus voll besetzt war, wenn seine Stücke gespielt wurden und
hätte, wie Goethe es getan hat, +aufgehört+, Dramen zu dichten, wenn
bei ihnen, wie etwa bei der „Iphigenie“, das Parkett so leer wie
heute die Kirchen in Paris ausgesehen hätte. Darum war „+Wirkung,
Effekt+“ die Parole, unter der er seine Schlachten auf der Schaubühne
schlug, und je älter er wurde, je seltener wagte er einen Ausfall
gegen die herrschende Moral, den herrschenden Geschmack seiner Zeit.
Nein, er befestigte durch viele Sentenzen in seinen Stücken wie durch
deren ganze sittliche Haltung gradezu die moralische gut bürgerliche
Ordnung, wie sie nach der +großen+ Revolution, für die er, wie Goethe,
übrigens kein tieferes Verständnis gehabt hat, über die Welt gekommen
war. Das konnte ihm +Nietzsche+, der nach Otto Ludwig zweite große
Schillerhasser in Deutschland, nicht vergeben, daß er die großen,
nichtssagenden Worte, das Edle, das Schöne, das Wahre, die Phrasen,
bei uns in Umlauf und Wert gesetzt hat. Er machte ihn vor allen für
diese billige, bildungsphilisterhafte kleine Gesinnung im neuen
Deutschland, die sich mit großen Redensarten loskauft, die mit Worten,
nicht mit Taten zahlt, verantwortlich, für jene falsche Pathetik,
die fortwährend „die Ideale“ im Munde herumdreht, die Hebbeltheater
gründet, um +Possen+ darin aufzuführen, die sich patriotisch gebärdet,
um Kommerzienrat zu werden, die im Frieden mit dem Degen rasselt, die
mit der rechten Hand Geld abnimmt, indessen die linke betet.
Es ist wahr, Schiller hat, Kants praktische Vernunft in die Poesie
umsetzend, alle jene allgemeinen edlen Begriffe Wahrheit, Schönheit,
Tugend und Gott als Worte des Glaubens auf den Thron erhoben und als
+Götzen+ über uns gesetzt und uns mit dem Schreckgespenst der +Schuld+
bedroht. „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Konservativ wie die
meisten Dichter, hat er mit schönen Sätzen und herrlichen Versen einen
Schutzwall um die Guten gebaut und das zum Sieg gekommene Bürgertum,
dem er angehörte, im ruhigen Besitz seiner gewonnenen Güter befestigt.
Aber er selbst hat diesen Sieg erst in seiner Jugend mit erringen
helfen, da er seine vier gewaltigen Jünglingswerke „~in tyranos~“
geschrieben hat. Die französischen Schreckensmänner, die ihn zum Dank
für „die Räuber“ zum Ehrenbürger der französischen Republik ernannten,
verstanden seine Bedeutung für seine, für unsere Zeit viel besser als
er selbst. Sie merkten, daß er, wenn auch nicht wie Franklin „dem
Himmel den Blitz“, so doch „den Tyrannen das Zepter entrissen“ hatte.
„Die Räuber kosteten mich Vaterland, Ehre und Familie,“ durfte Schiller
sagen, der um dieses sein Werk alles auf einen Wurf gesetzt hatte.
Dieses blieb das größte Erlebnis in seinem Dasein, die Flucht von
der Karlsschule, das Zerbrechen der Fesseln, die Selbstbefreiung des
Individuums. Die sollte man nicht vergessen, wenn man mit den Sentenzen
des abgeklärten, des +friedlichen+ Schillers herumwirtschaftet. Die
Leute, die wie manche moderne Dichter nichts anderes erleben, als daß
sie sich einmal einen Zahn plombieren lassen oder höchstens einmal
Schöffe oder Geschworener werden, sollten daran denken, daß Schiller um
seine Ruhe gekämpft und gelitten hat wie ein Held.
„Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“
Dazu kommt, daß Schiller niemals platt im niedern Sinne wird. Eine
weite Fläche voll von Gemeinplätzen trennt ihn von Wildenbruch und
seinen andern Epigonen. Selbst in seinen schwächsten Stücken, in der
„Jungfrau von Orleans“, in „Maria Stuart“, trägt ihn sein Fittich
noch hoch über die Niederungen, in denen die von ihm in den „Xenien“
verhöhnten literarischen Frösche quaken. Aller +Hurrapatriotismus+,
alle Festbegeisterung wären ihm zuwider gewesen. Als Kotzebue ihn
feiern wollte, sagte er wegen Übelkeit im Magen ab.