„Ein Hanswurst oder Pickelhering kommt in keinem Stück von Andreas
Gryphius vor. Ergo fällt die Hauptattraktion für das Publiko von
vorneherein fort. Lassen wir nun gar ein +trauriges+ Stück unsers
Syndikus agieren, so kommt uns nicht einmal ein Jude herein, und wir
müssen unser Stadtsäckel öffnen, in dem nicht mehr denn etliche lumpige
Dukaten miteinander Verstecken spielen. So wir aber ein Scherzspiel
des Poeten, etwa den ‚Horribilicribrifax‘ figurieren lassen, werden
mehr als hundert zahlende Leute kommen, und wir können von etwaigem
Überschuß sogar unser Ratszimmer neu kälken lassen.“
So ward denn der „Horribilicribrifax“ zum Jubel der +halben+ Stadt
-- denn die Frauen durften damals nicht mehr zu solchen Spielen
gehen -- angesetzt, und Gryphius selber sagte schließlich dem
Komödiantenmeister, nachdem dieser ihm feierlich versprochen hatte,
ein paar ernste Lieder des Dichters vor dem Theaterspiel sprechen zu
lassen, sein Erscheinen zu. Und er kam pünktlich um die Stunde, da
es beginnen sollte, und ward mit vielen Zeremonien, während das Volk
„Vivat“ schrie, oben auf die Bühne geleitet. Dort saß schon der ganze
Magistrat versammelt. Der Bürgermeister hielt eine lateinische Rede
auf den „divus Andreas“, in der Gryphius trotz seiner Rührung leise 14
Fehler konstatierte, und das Spiel begann. Und wie nun der gelahrte
Dichtersmann seine bunten Geschöpfe auf den Brettern herumspringen und
-stelzen sah, da vergaß er auf einmal seine Leberschmerzen und seine
Feierlichkeit und lachte mit den andern um die Wette, daß ihm die
runden Tränen aus seinen meist ins Papier vergrabenen Augen schossen.
Und wenn wir ihm heute wie damals seine Mitbürger am Schlusse der Feier
einen Lorbeerkranz auf die Perücke setzen, so wird er uns wie seinen
Glogauern nicht verargen, wenn wir nicht mehr mit ihm weinen, sondern
nur noch mit ihm lachen können. Das aber soll ihm nie vergessen werden,
daß dieser Schlesier überhaupt der einzige gebildete Mensch und Dichter
von bleibender Bedeutung gewesen ist, der sich zwischen Hans Sachs und
Lessing mit dem deutschen Theater und damit mit unserer Kultur befaßt
hat.
Lessing
Man kann an das Leben Lessings wie an das Mozarts nicht denken, ohne
dabei vor Scham sich zu wünschen, lieber Botokude als ein Deutscher zu
sein. Auf seinem Denkmal zu Braunschweig steht mit großen Buchstaben:
„Dem großen Denker und Dichter das deutsche Vaterland“. Auf seinem
Antlitz stand, da er noch lebte, mit kleinen Falten geschrieben:
Undank, Verbitterung, Ekel, Ingrimm, Wehmut und Verachtung. Und wenn
er gleich Mozart, dem er mit seinem Humor in den Augen ähnlich sah,
über die Menschen, wie der Mond über die Hunde, lachen konnte, wenn er
auch in seltenen lichten Momenten vor seinem inneren Auge das bewußte
Denkmal in Braunschweig mit der pompösen Inschrift erschaut hat: Dies
Lachen Lessings und Mozarts tut mir weher, als wenn ich von dem Elend
Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg oder unserer Niederlage bei
Jena lese.
Lessing hatte von vornherein ein schwarzes Los gezogen, da er sein
Leben in der Hauptsache dem deutschen Theater widmete. Schon als
Student von achtzehn Jahren studierte er zu Leipzig für Theologie
lieber Theatrologie und verkehrte statt mit dem heiligen Paulus mit
Madame Neuberin, die dort zum erstenmal den deutschen Thespiskarren
festgebunden hatte, und mit den verwegensten und besten Mitgliedern
ihrer Truppe. Damals waren die Schauspieler noch nicht wie heute gute,
solide Bürgersleute mit reinen Stehkragen, biederen Manieren, kleineren
Orden, bezahlten Rechnungen, großen Gagen, die gleich nach dem Theater
zu Bett gehen, in Gesellschaften nach dem Pudding ein paar Gedichtchen
vortragen, und die man, wenn sie sich die Bärte wachsen ließen, ruhig
mit Gerichtsassessoren verwechseln könnte. Nein, zu jener Zeit waren
meist Kerle dabei, mit denen man nicht gern allein bei Nacht eine
Stunde Wegs gegangen wäre, Kerle, die, wenn sie sich gezankt hatten,
nicht zum Richter liefen, sondern sich ein paar um die Ohren schlugen
und dann gerührt einander in die Arme fielen, die den Karl Moor aus
innerer Erfahrung spielten und einen Umweg um jeden Polizisten machten,
die es für ein Verbrechen hielten, Schulden zu zahlen, und darum gar
kein Geld nötig hatten, die eine heisere Kehle mit Branntwein und nicht
mit chlorsaurem Kali heilten, und deren Leben schnell und prasselnd wie
eine Pechfackel, nicht ruhig und musterhaft wie eine Kirchenkerze, zu
Ende brannte.
Man kann sich vorstellen, was aus dem würdigen Gesicht des Vaters
Lessing, des ehrwürdigen Pastor Primarius und Diakonus zu Kamentz
wurde, als er von diesem ruchlosen Umgang seines Sohnes erfuhr. Er
sah aus wie der fünfte Akt eines Trauerspiels, wenn die Katastrophe
heranbricht. Er hielt seinen Sohn schon für so radikal böse, daß er
glaubte, er würde kaum mehr aus des Satans Klauen zu reißen sein.
Gleichwohl wollte der fromme Vater alles noch mögliche versuchen und
ersann eine -- wie man in solchem Falle zu seinem Gewissen sagt! --
Notlüge. Er schrieb dem Sohne, die Mutter sei schwer erkrankt, und
wenn er ihr noch einmal, bevor sie ins Himmelreich käme, und so
weiter. Drei Tage darauf, mitten im eiskalten Januar 1748, erschien der
gehorsame Sohn, Stipendiat und Student der Gottesgelahrtheit vor seinem
Vater.
Der war ganz erstaunt, daß dem Jungen bei seinem Verkehr mit der
Theaterwelt noch kein Pferdefuß und keine Hörner angewachsen waren,
und lachte dann den vor Schrecken und Frost Halbtoten tüchtig aus.
Zum Abschied aber gab er dem jungen Theaterdichter folgende gute
Lehre mit nach Leipzig: „Häng er sein Herz nicht an die Bühne, mein
Sohn! Es wird ihm nimmerdar zum Segen gereichen. Wenn es ihn nach
einem Spiegel gelüstet, darinnen er sich beschauen möchte, so blick
er in die Bibel hinein, oder schließe sich in sein Kämmerlein und
halte dort eine stille Parade ab über sein Herz. Finito, und zur
Hauptsache: Geh er nicht mit Komödianten um, mein Sohn! Man wird
es ihm niemals Dank wissen, und er wird dessen nimmer froh werden!
Der kleinste Schauspieler dünkt sich mehr, als er, Gotthold Ephraim
Lessing, in seinen besten Stunden. Wenn er durchaus reimen und auf dem
Pegasus traben muß, so verfertige er Lieder wie dieser Gleim, oder
Hexameter, wie der fromme Klopstock, oder hübsche Fabeln, wie jener
Gellert zu Leipzig sie machen soll, oder meinethalber auch ein paar
gute Sinnsprüche nach der Weise des seligen Logau. Aber um seiner
Seele willen fang er keinen Handel mit Schauspielern an! Ich möchte
ihn lieber -- Gott verzeih’ mir! -- nicht auf die Erde gesetzet haben,
wenn ich dies wüßte. Oder ich möchte lieber -- Gott, verzeih’ mir
noch mehr! -- itzt einen Knüppel nehmen und ihn damit so lange vor den
Kopf schlagen, bis er tot wäre, um ihm den Ärger zu ersparen, der ihn
sonst vor der Zeit gelb färben wird. Eher möchte ich unsern Schweinen
Lateinisch beibringen, als meine Verse den Schauspielern, und es dünkt
mich ehrenvoller, Türklinke an einem schlechten Hause als deutscher
Theaterdichter zu sein!“
Aber der junge Lessing war schon so von dem Theaterfieber besessen,
daß die Warnungen seines Vaters von einem Ohr zum anderen spazierten,
ohne daß ein Wort in seinem Kopfe kleben blieb. Er fuhr nach Leipzig
zurück und opferte sein Blut und sein ganzes Genie, das er hatte, dem
deutschen Theater. Er schrieb „Minna von Barnhelm“, „Emilia Galotti“
und „Nathan den Weisen“. Er wurde der erste deutsche Dramaturg und
widmete ein ganzes Jahr seines kurzen Lebens dem Hamburger Theater. Er
wollte ein Gleiches für Mannheim tun, wenn er dort nicht schlechter als
der Portier bezahlt werden sollte. Er vertrieb die Franzosen von der
deutschen Schaubühne mit derselben Tapferkeit und Unerschrockenheit,
wie sie Blücher fünfzig Jahre später an der Katzbach bewies, und
Corneille war kein schwächerer Gegner als Napoleon. Er öffnete das
deutsche Theater für Shakespeare und war damit Anlaß, daß über
hundert Jahre lang bis heute dieser größte Dichter bei uns häufiger
als in England aufgeführt wurde. Er bewies schließlich mit seinen
eigenen Stücken, daß man nicht durchaus ein Ausländer sein muß, um in
Deutschland aufgeführt werden zu können, und kam nach allem Schaffen
und Ärger, wie der Alte prophezeit hatte, zu der sauren Erkenntnis, daß
das deutsche Theater ihm immer fatal gewesen, und daß er sich nie, es
sei auch noch so wenig, habe damit bemengen können, ohne Verdruß und
Unkosten davon zu haben.
So mußte er, der Freiesten einer, die je gelebt haben, einer, der
eher seine Zunge aufgegessen als eine Schmeichelei gesagt hätte,
Fürstendiener werden, und ward für 600 Taler im Jahr als Bibliothekar
des Erbprinzen von Braunschweig angestellt, während die Mätresse des
alten Herzogs 60000 Taler pro Anno verschlang. „Arm wie Lessing“ heißt
es noch heute in Wolfenbüttel von einem, der drei Fastentage in der
Woche feiert, und dessen Hosenböden glänzen. Dazu kam, daß Lessing
nicht weniger Unglück in seinem Leben wie im Spiel hatte und mehr als
Hiob und Lazarus zusammen. Er hatte einen Freund, Ewald von Kleist:
der ward ihm in der Schlacht von Kunersdorf erschossen. Er hatte einen
Monarchen, den er verehren mußte, Friedrich den Großen: er ward von
ihm völlig ignoriert und jedem hergelaufenen Franzosen nachgesetzt. Er
hatte eine Frau, die er liebte wie Tellheim seine Minna: er besaß sie
nur ein Jahr. Er hatte einen Sohn, auf den er sich unbändig gefreut
hatte: der lebte nur ein paar Stunden und riß die Mutter mit ins Grab.
Schließlich war er in die Wahrheit vernarrt und verdarb es dadurch mit
den meisten Menschen, denen mehr an einem guten Frühstück als an der
Wahrheit gelegen ist. Die Professoren konnten ihm nicht verzeihen,
daß er die alten Sprachen besser als sie verstand, und die Pastores
grollten ihm, weil er Christen, Juden und Mohammedaner gleich selig
pries und vor nunmehr hundertunddreißig Jahren erklärte, daß Gott
alle Konfessionen gleich liebhabe. Man war daher allgemein froh als
Lessing starb und nicht älter als einundfünfzig Jahre wurde, denn er
hätte schließlich alles gutgemacht, was Fanatiker bis damals Übles
angerichtet hatten. In den Armen eines dankbaren Juden, für den er,
als man ihn wie üblich malträtieren wollte, sich beim Herzog verwandt
hatte, und der ihn hielt, als der Todeskrampf ihn schüttelte, ist
Lessing gestorben. Er war der erste, der ausging, den Deutschen ein
Nationaltheater zu schaffen, und nur Juden an seinem Wege fand.
Er starb so arm, daß der Herzog von Braunschweig ihn auf Staatskosten
bestatten lassen mußte. Die Pferde, die bis dato nur dumme Prinzen
zu Grabe gefahren hatten, waren ganz stolz über die Ehre, die ihnen
widerfuhr. Die Erben Lessings bekamen zehn Tage später ein Reskript
von der herzoglichen Kasse, daß Lessing, der im Vorschuß gewesen sei,
durch seinen Tod einschließlich der Beerdigungskosten dem Herzog einen
Verlust von 361 Talern verursacht habe, die allergnädigst nachgelassen
würden.
Auf allen deutschen Bühnen wurden Trauerfestlichkeiten um ihn
abgehalten, und der große Schröder in Hamburg sagte schluchzend zu
seinen Schauspielern: „Lessing ist tot. Laßt euch begraben, Kinder!“
Goethe und Schiller aber, deren besonderer Gläubiger er war, schrieben
ihm auf den Leichenstein:
„Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter.
Nun du gestorben, so herrscht über die Geister dein Geist.“
Der junge Goethe
An einem schönen Maiabend des Jahres 1772, als die Sterne schienen, die
Frösche quakten, die Hunde an der Kette sich mit dem Mond zankten und
die Bürger zum erstenmal probierten, wie das Bier auf offener Straße
schmeckte, brachte die Post, die alle Tage von Gießen nach Wetzlar
humpelte, einen für einen Gerichtspraktikanten, wie man ehemals die
Referendare nannte, höchst seltsam aussehenden jungen Menschen in das
friedliche Städtchen, in dem zu jener Zeit das Reichskammergericht
in den letzten Zügen lag. Er trug einen damals modischen blauen
Frack nebst gelber Weste, dazu eine buntseidene Hose und hohe braune
Stulpstiefel. Den Hut hatte er unterwegs verloren oder zu den Sternen
in die Luft geworfen, und so sah man, daß er schöne braune Locken auf
dem Haupte hatte, unter denen zwei schwarze Augen leuchteten, die so
groß waren wie die Räder der Postkutsche, die ihn durch die steilen
Gassen von Wetzlar fuhr. Vor dem Gasthof zum Kronprinzen, dicht an
dem riesigen, grauen Dom, in dem noch heute wie damals links die
Katholiken und rechts die Protestanten in seltener Eintracht zum lieben
Herrgott beten, hielt der zitronengelbe Postwagen an, nachdem er zuvor
noch einmal über einen dicken Prellstein gehopst war, daß dem armen
Rechtspraktikanten schier die Eingeweide aus dem Munde gesprungen wären.
Gleich trat der Wirt wie aus „Minna von Barnhelm“ eilfertig aus dem
Hausflur heran, schwatzte über das schöne Wetter und das beschwerliche
Reisen, wobei er im stillen abschätzte, in welches Stockwerk er
den Fremden unterbringen sollte. Dann nahm er ein Windlicht zur
Hand, trieb den Hausknecht mit „Allez! Allez!“ zum Gepäck, um zu
zeigen, daß er auch französisch schimpfen konnte, und geleitete den
Rechtspraktikanten aus Frankfurt -- das hatte er schon in der ersten
Minute herausgefragt -- in ein niedriges, blau gestrichenes Zimmer,
in dem ein Riesenbett, ein Schrank und eine Waschkommode sich im
Mondschein kichernd über Wetzlars Vergangenheit und die Eigenheiten
der Durchreisenden unterhielten. Der Rechtspraktikant ohne Hut und mit
den großen Augen schaute sich das alles mit einem kurzen Blick an, als
hätte er es schon tausendmal gesehen, streute ein paar Veilchen, die
er unterwegs gepflückt hatte, auf das Bett, um sich nicht zu einsam
vorzukommen, lehnte den Kopf zum Fenster hinaus, blickte zum Dom
und zu den Sternen und wartete träumend, bis man ihm sein Abendbrot
heraufbringen würde. Dazwischen schritt er ein paarmal im Zimmer auf
und ab, redete mir nichts dir nichts den Schrank an, der ob dieser
schnellen Vertraulichkeit gravitätisch sich in seinen Fournieren
zusammenzog, oder sprach wie ein Verliebter ein paar sinnlose Verse vor
sich her, so daß die Stubenmagd, die draußen am Schlüsselloch stand,
ganz entsetzt in die Küche lief und schrie: „Gott sei bei uns! Es ist
ein Schauspieler!“
Zu allgemeinem Erstaunen ließ er sich dann, als er sein Essen und zwei
Flaschen Rotwein heruntergestürzt hatte, noch den Torschlüssel geben,
obschon die Domuhr grade zehnmal „Nein!“ schlug, und rannte dann
ohne Hut durch das schnarchende Städtchen, um wie weiland Diogenes
eine Menschenseele in Wetzlar zu finden. Der Nachtwächter der freien
Reichskleinstadt aber sah ihn in jener Nacht an drei Orten: Zum ersten
Male wie er unten an der Mühle in der Lahn badete und sich dabei, ohne
sich zu schämen, vom Mond bescheinen ließ, zum anderen, wie er am
Brunnen vor dem Tore sich mit einem alten Salamander, der dort seit
1500 hauste, über Shakespeare unterhielt, und zum dritten Male, wie er
beim Zurückklettern über die Stadtmauer zwei andere Rechtspraktikanten
traf, die vom Liebchen heimkamen und ihn mit in eine Weinstube zogen,
um auf die Gesundheit des schwindsüchtigen Heiligen Römischen Reiches
einen Kanon zu singen. Um drei Uhr in der Frühe, als die Hähne schon
anfingen, ihr Organ zu üben, kam der junge Fremdling vor die Türe
seines Gasthauses. Aber da er den Torschlüssel längst verloren hatte,
mußten sie zu dreien erst eine Katzenmusik anstimmen, bis der Wirt mit
der Nachtzipfelmütze ihm öffnete und ihn in sein Gemach geleitete, das
ihm ein höchst vorwurfsvolles Gesicht schnitt. Aber der junge Herr
lachte es aus, warf seine Stiefel dem entrüsteten Schrank vor den Kopf,
sprang ins Bett und weinte sich über einen Band Klopstockscher „Oden“,
der stets auf seinem Nachttisch lag, langsam in seligen Schlaf.
Von da an sah man ihn alle Mittage im „Kronprinzen“ zu Wetzlar in der
Tafelrunde, die sich dort um den Herrn von Goué, einen gutmütigen
alten Sonderling, als König Artus versammelte und Allotria trieb.
Es waren lauter „Originalgenies“, wie man sie damals nannte, die da
herumrumorten und über dem guten alten Städtchen krächzend wie die
frechen Krähen einherflogen: Junge Burschen, die, wenn man sie fragte,
was sie werden wollten, einen Lachkrampf bekamen, oder denen es
einfiel, plötzlich auf der Straße auf einem Bein zu stehen oder mit den
Zähnen zu fletschen oder einem alten Weib die Zunge herauszustrecken.
Und ältere Knaben waren darunter, die erklärten, solange Friedrich
der Große lebe, brauche kein anderer Mensch in Deutschland etwas zu
tun, und die Frauen seien nur dazu da, um Hosenknöpfe anzunähen und
Heringe einzumachen, und der Wein sei die bequemste Weise, um ins
Paradies zu kommen. Zwischen beiden, dem Gemüt und der Gesinnung nach
gleichen Parteien, bewegte sich der neuhinzukommende Rechtspraktikant
aus Frankfurt so vergnügt, als sei er unter solchem trinkfesten, aber
charakterschwachen Gesindel zur Welt gekommen. Seine Tante -- denn
wie jeder gute Bürgerssohn hatte auch er in allen größeren Städten
50 Meilen um seine Vaterstadt eine Tante wohnen! -- war ganz empört,
als sie ihren Jungen, noch dazu mit augenscheinlichem Behagen unter
jenen Räubern entdeckte. Mit Ingrimm sah sie ihn jedesmal, wenn man an
dem düsteren Gebäude des Reichsjammergerichts vorüberkam, ein Kreuz
schlagen, als säße der Teufel darinnen, und hörte mit Seufzen beim
Morgenkaffee die Moritaten ihres Herrn neveu aus der vergangenen Nacht
erzählen.
Plötzlich nach ein paar Wochen ward es mit einem Male ganz ruhig
um den jungen schönen Mann aus Frankfurt. Er saß wohl noch bei der
Tafelrunde alle Mittage im „Kronprinzen“, aber es war, als habe er nur
seine Hände, seinen blauen Frack und seine gelbe Weste dahingesandt
und lachte nur ~in effigie~ mit, wenn der alte Herr von Goué Unsinn
erzählte. In Wirklichkeit lief der Jüngling immer, ob er nun saß,
trank oder schlief, um ein kleines Haus in der Stadt herum, das
„Deutsche Haus“, in dem die Tochter des Amtmanns Buff als Braut des
würdigen Herrn Johann Christian Kestner lebte. Sobald er allein war,
konnte er nur „Lotte“, nichts als „Lotte!“ flüstern, ihr Schattenbild
trug er immerfort in der linken Brusttasche über seinem Herzen, und
nachts hing er es an die Wand über sein Bett, damit er es beim ersten
Augenaufschlagen sehen könnte. Kestner, der Bräutigam, dem er sich
anvertraute, konnte es gar nicht fassen, daß man so lieben konnte. Er
verstand darunter nur, ein bis zwei Jahre verlobt zu sein, bei Tisch
nebeneinander zu sitzen, sich angesichts des Vaters täglich einen Kuß
zu versetzen, zu heiraten und Kinder zu bekommen.
Wollte dieser junge Mensch denn eine neue Art sich zu lieben in
Deutschland entdecken? Lotte selber ahnte nicht, was das war, sie
glaubte, das Fieber zu bekommen in seiner Nähe, sie konnte ihm nicht
gehören und mußte doch immer weinen, wenn sie seiner gedachte, und
sie wußte nicht ganz genau, ob sie ihn das einemal, da er sie geküßt,
nicht vorher leise wiedergeküßt hatte, ehe sie ihn von sich stieß.
Jede Nacht in Wetzlar aber sah den Jüngling nicht mehr wie noch vor
wenigen Wochen lachend und jauchzend durch das Städtchen rennen,
sondern schaute ihn, mit der Pistole in der Hand zwischen Leben und Tod
schwankend von Schatten zu Schatten flüchten, und noch heute glitzern
am Abend alle Bäume in Wetzlar von dem Tränentau jenes Unglücklichen,
und es ist dann, als ob sein Schmerz noch die ganze Stadt überschatte.
Diese gräßliche Unentschiedenheit währte bis zu dem Morgen, da der
junge Rechtspraktikant ohne Abschied zu nehmen -- Kestner und die
Tante waren ganz verwundert darob! -- Wetzlar verließ, die Pistole in
die Lahn schleuderte und ins Leben weiter seine Straße zog und aus
seinen dortigen Abenteuern den Roman „Werthers Leiden“ wob, mit den
erschütternden Schlußsätzen, die wie Hammerschläge klingen, mit denen
man einen Sarg zunagelt.
Aus diesem jungen Rechtspraktikanten wurde später der Geheime
Legationsrat Goethe zu Weimar, der noch viele Lieben und Krankheiten
überstehen und alles, was ihm je teuer war, überleben mußte, bis
er als Greis als größter Dichter Deutschlands nach Walhalla zu den
germanischen Göttern entrückt ward.
Goethe und Italien
Jeder Deutsche von Bildung, der einen Sohn hat, sollte vom Augenblick
seiner Geburt an jeden Tag einen Groschen für ihn zurücklegen, auf
daß er ihn, wenn er zwanzig Jahre alt geworden, eine Reise durch
Italien machen lassen könnte. Denn Italien ist noch heute das
komplementäre Land für einen jeden von uns, und was uns unsere Schulen
und Universitäten schuldig bleiben, das wird uns Florenz und Rom in
müheloser Schönheit lehren. Goethe, dessen halbes Wesen italienisch
ist, war 37 Jahre alt, als er zum erstenmal über den Brenner fuhr. Es
war ihm zumute, als sei er in Italien geboren und erzogen worden und
käme nur von einer Grönlandfahrt zurück. Die zwei Jahre, die er in
Italien und in Rom zubrachte, hat er die glücklichsten Jahre seines
Lebens genannt, und die vierzig grauen deutschen Jahre, die dieser
Reise folgten, hätte er nicht so ertragen, wenn er nicht diese Bilder
in der Erinnerung gehabt hätte. Ein junger Maler vom Rhein, der damals
Studien halber in Rom lebte, hat Goethe dort kennengelernt und hat
ihn in einem bisher unbekannt gebliebenen Briefe an seine Eltern
folgendermaßen beschrieben:
„Ihr könnt Euch nicht denken, wie enttäuscht ich zu Anfang war, als
mir der berühmte Verfasser des ‚Werther‘ präsentiert wurde. Es war
in Trastevere, auf dem rechten Tiberufer, nahe bei der herrlichen
Kirche Santa Maria. Man hatte dort beim Arbeiten an dem Brunnen auf
dem Platz vor der Kirche eine antike Statue gefunden, und eine
kleine Künstlergesellschaft hatte sich von der Stadt aus frühmorgens
aufgemacht, um den Fund an Ort und Stelle zu betrachten, ehe er
versteigert wurde. Tischbein hatte Goethe mitgebracht, und so konnte
ich, der ich mit Angelika Kauffmann hinausgepilgert war, den berühmten
Mann nach Herzenslust betrachten. Außer seinen ungewöhnlich großen
Augen fiel mir erst nichts Sonderliches an ihm auf, es sei denn, daß er
äußerst schweigsam war und sich das Werk nur stumm betrachtete, während
alle anderen, voran zwei junge Bildhauer aus Berlin, laut schreiend
Vermutungen über Gegenstand und Alter der Bildsäule anstellten. Es
schien ihn zu genieren, daß wir jüngern ihm gelegentlich neugierig
auf den Mund starrten, wie die Priester zu Delphi auf die Pythia,
voll Erwartung, welche Worte der Weisheit herauskommen würden. Er
tat uns aber den Gefallen nicht, sondern hörte nur ganz gespannt auf
das, was die anderen, insonderheit Tischbein, von sich gaben. Wie mir
denn überhaupt dieses an Goethe auffiel, daß er gleichsam vier Augen
und vier Ohren am Kopfe hat, mit denen er alles, was um ihn ist und
vorgeht, in sich hineinfrißt.
Erst als wir ihn und seine ganze Berühmtheit beinahe vergessen hatten,
wurde er mitteilsamer. Es war beim Imbiß, den wir in der bescheidenen
Trattoria neben der Kirche unter freiem blauem Himmel einnahmen. Ich
kam zufällig neben ihn zu sitzen, und da ich unversehens mit dem Wein
einen roten Flecken auf das weiße Tischtuch machte, zog er mich
väterlich bei dem Ohre, und zwar so schelmisch, daß ich ihm nicht böse
sein konnte. Es schien mir, als ob ein großes Kind in diesem Manne
stecke, das nur, um nicht mehr aufzufallen und ausgelacht zu werden,
sich ein steifes, würdiges Wesen zurechtgelegt hatte.
Nachher geriet, ich weiß nicht wie, die Unterhaltung auf den erhabenen
Michelangelo, und da wurde auf einmal mein Nachbar so lebendig, wie
unsereins nicht nach zwei Flaschen Frascati. Er meinte, angesichts
eines solchen Künstlers müsse man eigentlich Pinsel und Feder
vergraben. Man könne nichts Besseres schaffen als dieser, und man müsse
ihn ganz vergessen wie das Gefühl der Vergänglichkeit, ehe man zu
arbeiten begönne.
‚Aber deine ‚Iphigenie‘, mein Freund!‘ rief ihm Tischbein lächelnd über
die Tafel herüber.