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Anmerkungen zur Transkription
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den Seitenübergängen war es daher anhand des Buchlayouts nicht immer
möglich, zweifelsfrei zu ermitteln, ob ein neuer Absatz vorliegt. Am
Beginn der beiden folgenden Seiten wurde vom Bearbeiter sinngemäß ein
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S. 110 (‚Die traurige absonderliche Aventüre‘ ...)
S. 233 (‚Er entsann sich noch der Nächte,‘ ...)
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Schattenbilder
Schattenbilder
Eine Fibel für
Kulturbedürftige in Deutschland
Von
Herbert Eulenberg
83. bis 85. Tausend
[Illustration]
Verlag von Bruno Cassirer
Berlin 1927
[Illustration]
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Inhaltsverzeichnis
Vorrede VII
Vorwort zur zweiten Auflage XVII
Hans Sachs 1
Eine Rede von Hans Sachs 6
Andreas Gryphius 10
Lessing 16
Der junge Goethe 22
Goethe und Italien 28
Nachfolge Goethes 34
Schiller 43
Jean Paul 50
Heinrich von Kleist 56
Franz Grillparzer 63
Friedrich Hebbel 70
Adelbert v. Chamisso 75
Heinrich Heine 82
Brentano der Dichter 90
Eduard Mörike 99
Der Graf Platen 106
Ludwig Tieck 116
E. T. A. Hoffmann 124
Schweizer Dichter 131
Theodor Fontane 140
Rückert 146
Geibel 154
Wilhelm Busch 163
Homer 168
Cervantes 174
William Shakespeare 181
Martin Luther 187
Franziskus von Assisi 195
Dante 204
Raffael 209
Michelangelo in seinen Gedichten 216
Boccaccio 224
Giordano Bruno 232
Zur Würdigung Molières 239
Emile Zola 246
Graf Gobineau 252
Maupassant 257
Lord Byron 264
Oskar Wilde 271
Dostojewski 277
Ibsen 285
Bismarck 293
Etwas über Friedrich den Großen 299
Napoleon 304
Gedanken über Albrecht Dürer 321
Rembrandt 327
Arthur Schopenhauer 335
Friedrich Nietzsche 341
Vorrede
im Marktschreierton dieser Zeit.
(Zur +ersten+ Auflage.)
Was, Bube! Willst du wieder Verse machen,
Statt kluge Worte wichtig hinzuschreiben?
Sie werden dich von vornherein verlachen,
Kannst du denn wirklich gar nichts ernsthaft treiben?
Verkaufe würdig deine schönen Sachen,
Daß sie nicht im Verlegerlager bleiben.
Der seufzt quartalweis’ sonst dich muffig an:
„Nein, Lieber, Sie sind nicht der rechte Mann.“
Nun gut, so will ich’s denn allhier versuchen,
Die leichte Ware herrlich anzupreisen
Wie Zuckerbäcker ihre Sonntagskuchen,
Wie Metzger stolz auf ihre Würste weisen.
Mag man mich hinterdrein auch laut verfluchen
Und dieses Buch dazu als altes Eisen.
Hat man es erst gekauft, so schiert mich’s nicht,
Was man darüber zu dem Nachbarn spricht.
Man liest, nicht neu ist diese Leichenklage,
In Deutschland ungern Bücher, die nicht Mode.
Nach solchen vollends ist fast nie die Frage,
Die ohne Plan und richtige Methode
Höchst oberflächlich zu des Kenners Plage
Ihr Thema nicht behandeln bis zu Tode.
Fehlt solchem Werk gar ein sexueller Reiz,
Kauft’s keine Katze, höchstenfalls man leiht’s.
So muß ich denn in die Posaune blasen,
So laut, daß Mauern fallen, Deutsche stutzen,
Daß alle Sortimenter nach mir rasen,
Mit diesem Buch die Fensterlage putzen,
Daß es da hängt, sichtbar vor aller Nasen,
Bescheidenheit ist schön, doch ohne Nutzen,
Und hältst du dich nicht für ein großes Licht,
Die andern glauben es von selber nicht.
So hört und glaubt es mir vor allen Dingen:
„Ich war und bin der klügste über allen,
Die heute bei uns nach dem Lorbeer springen,
Wenn andre auch dem Pöbel mehr gefallen,
Weil sie ihm nach den trägen Ohren singen,
Charakterlos wie Dichter oder Quallen.
Ich mache niemals eine Konzession
Hört! vor dem Kaiser nicht, staunt! noch vor Cohn.
Ich schreibe niemals Bitt- und Bettelbriefe
An Bühnenleiter oder Bürgermeister,
Verbeuge mich nicht still in aller Tiefe
Vor jedem Kritiker, vielleicht verreißt er
Auch diese Bilder mir als falsche, schiefe,
Die Leute werden täglich dumm und dreister.
Macht nichts! Ich ziehe meinen Hut nicht ab
Vor keinem, sei es Kerr, Kahn, Falk, Hart, Bab.
Ich weiß, man kann das Rennen anders machen
Mit schlauer Haltung, vielen Schmeicheleien,
Kann Hintertreppen gehn, wenn sie nicht krachen,
Den Einflußreichen schöne Worte weihen,
Und sind sie fort, sich in sein Fäustchen lachen,
Daß Gott und Scherl die Narren läßt gedeihen.
Man nennt das Bauernfang im deutschen Land,
Mir ist die Kunst vertraut nicht, doch bekannt.
Mir fällt es schwer, den Rücken hohl zu biegen
Und jeden, der Skribent ist, anzulächeln.
So mochte Alexanders Vater siegen,
Ich mag nicht allen Komplimente fächeln,
Ich weiß, es ist nicht klug und fast verstiegen,
Man muß Kollegen loben oder hecheln.
So wird man kritisierend über Nacht
Aus einem armen Schreiber eine Macht.
Mir ist dies Treiben ganz und gar zuwider,
Ihr könnt mir darum folgen ohne Beben.
Ich tu nicht nur, ich bin auch wirklich bieder
Und habe mit dem Buch hier kein Bestreben.
Ich spreize nicht dem Pfau gleich mein Gefieder,
Will keinen töten, keinen Freund erheben,
Wie dies allwöchentlich bei uns geschieht,
Wenn man uns einen neuen Kleist beschied.
Ich will nicht Hofrat noch Direktor werden,
Man hat es früher dann und wann erfahren,
Daß Bücher drum geschrieben sind auf Erden,
So lohnt ein Frevel oft sich erst nach Jahren.
Ich habe auch nicht andere Beschwerden,
Ich brauchte Groll und Haß nicht aufzusparen.
Das einzige, was man von der Wahrheit hat,
Sie macht die Leber frei, nur sonst nicht satt.
Ich bin auch keiner Zeitung fest verpflichtet
Und keinerlei Partei treu zugeschworen.
Für allen Schaden, den ich angerichtet,
Haft’ ich mit meinen eignen Eselsohren.
Mein Kinderglaube selbst ist arg gelichtet,
Ich gelte nicht getauft mehr, kaum geboren.
Vertraut mir eure tapfern Seelen drum,
Die alte Zeit geht nicht mehr in mir um.
Ich dünke mich nicht besser und nicht schlechter
Als jeder, der nicht im Gefängnis weilet.
Ich borge ungern, bin kein guter Fechter
Und hab’ mich auf der Schule nicht beeilet.
Ich liebe Frauen, bin kein Kostverächter
Und wehre mich, bevor man mich verkeilet.
Mehr sag’ ich nicht zu meinem eignen Ruhm,
Die andern werden es noch weniger tun.
So steh’ ich als Charakter stolz erhaben
Und trage meinen Mantel ohne Falten.
Nun muß ich meine großen Geistesgaben
Hoch in die Luft, nicht untern Scheffel halten
Wie ein Magister stolz vor seinen Knaben,
Mein Pfund, mein geistig Königreich verwalten.
Sonst glaubt es keiner auf mein bloßes Wort
Und wirft dies Buch halb aufgeschnitten fort.
Ach ja, ich muß es einmal doch gestehen,
Ich hab’ kein Amt, bin nicht einmal Professor,
Zum Doktor bracht’ ich es rein aus Versehen,
Doch dies ist mir und euch kein Bildungsmesser.
So scheint mein Schreiben beinah’ ein Vergehen,
Der Fachmann weiß in Deutschland alles besser.
Verwünscht, wie mach’ ich’s euch nur sonnenklar,
Daß alles vor mir auf dem Holzweg war?
Erst wollt’ ich gar -- hätt’ ich’s nur so gehalten! --
Als Übersetzung diese Sammlung geben.
Man kann ganz leicht mit einem Deutschen schalten,
Kommt man vom Ausland her, das ist es eben.
Sonst wird das Zutraun furchtbar schnell erkalten,
Besonders wenn man jung ist und am Leben.
Doch jeder Fremde findet Deutschland brav,
Fragt Bernhard Shaw, er selber spricht sich „Schaf“.
In früherer Zeit, ja so muß ich beginnen,
Da man die Dichtkunst Literatur benannte,
Da fingen die gelehrten dicken Spinnen
Die Dichter ein, für die das Volk entbrannte,
Und keiner konnte diesem Los entrinnen,
Das nach dem Tod ihn in ein Schubfach bannte.
Die Literarhistorie -- o Graus!
Sah ordentlich als Apotheke aus.
Es war sehr leicht: Man runzelte die Stirne,
Kam auf den toten Eichendorff die Rede,
Man blätterte ein wenig im Gehirne
Von Neuromantik an bis auf die Vede,
Da hing er sanft wie eine reife Birne,
Man rubrizierte ihn nach mancher Fehde:
„Katholisch, fromm, verworren, Volkston, schlicht,
Als Dramendichter taugt er leider nicht.“
Es war, ich sagt’ es schon, oft ein Vergnügen,
So einen nach dem andern vorzunehmen
Und matt zu machen mit drei Winkelzügen,
Daß sich im Grab vor ihm die Würmer schämen.
Ich tät es selbst gern mit, ich will nicht lügen,
Wenn später nicht Gewissensbisse kämen.
Auch paßt es nicht in meinen Plan hinein,
Drum laß ich jeden, wie er war, so sein.
Was nützt es, einen toten Mann zu schlagen,
Weil er nicht andre beßre Verse machte?
Wir brauchen seinem Geist nicht nachzujagen,
Ich kritisiere nie, wenn ich verachte.
Ein Besen mag mit Staub und Quark sich plagen,
Der ohne Nase nie an Blumen dachte.
Ich schreib’ die Künstler auf, wie ich sie seh’,
Was ich nicht liebe, das tut mir nicht weh.
Der Kritikus will alles besser machen,
Er faßt die Sache stets am andern Zipfel,
Und er beweist dir -- es ist nicht zum Lachen --
Daß flach und falsch, was du verehrst als Gipfel,
Er macht die Börse, an der sie verkrachen,
Doch alles bleibt wie auf dem i der Tipfel.
Zum Schluß hält jeder Künstler uns zum Spott
Die Welt, die er erschuf, für gut wie Gott.
Der Deutsche möchte jeden gern verbessern.
Die Kunst ist dafür da, sie zu zensieren.
Selbst Goethen möcht’ man da und dort verwässern,
Wo Jungfern sich und Pfarrer vor ihm zieren.
Man pocht und kritisiert an allen Fässern,
Statt zu genießen will man nur probieren.
Man liebt den Riesen nicht und haßt den Zwerg.
„Nur im Essay erträgt sich Eulenberg.“
Ihr findet nichts von solcherlei Geplapper
In diesem Büchlein, das die Welt läßt gehen:
Die Mühle samt dem Wasser und Geklapper.
So läßt es auch die Menschen gehn und stehen.
Es nennt den Geizhals ruhig Filz und Schrapper,
Will jeden mit und ohne Hemd besehen.
Und sagt und fügt nichts weiteres dazu
Als: „Laßt die armen Menschen doch in Ruh’!“
Davon will zwar der Fachmann wenig wissen,
Er will die Suppe selber noch versalzen.
Erst wenn er seinen Tadel dreingeschmissen,
Hört ihr vergnügt ihn mit der Zunge schnalzen.
Ihr findet keinen bei mir recht verrissen,
Wer das will, mag das Buch zusammenfalzen.
Kein Künstler hat gelebt in dieser Welt,
Dem ich den Totenschein nicht gut bestellt.
Ich schreibe nicht für hyperkluge Köpfe,
Die ihre Eier aus den Künstlern brüten
Und sich als Henkel fühlen für die Töpfe,
Mit seltnen Worten farbenklexend wüten,
Die Königsmacher sind die tollsten Tröpfe.
Ich bin kein Literat, Gott soll mich hüten!
Ich weiß, daß unsere ganze Zeit vergeht,
Auch wenn man in der „Neuen Rundschau“ steht.
Ich schreibe nicht für nimmersatte Leser,
Die täglich neunzehn Zeitungen verdauen,
Und hinter ihre scharfen Brillengläser
Geduckt die Meinung andrer wiederkauen,
Achtlos wie Vieh, das Blumen rupft wie Gräser,
Die auf ihr Leibblatt wie auf Gott vertrauen,
Und eh’ sie ungern ins Theater gehn,
Zuerst stets, was die Zeitung sagt, besehn.
Drum wollen wir, die ihr so weit gelesen,
Uns friedlich vorher auseinandersetzen.
Ich zeige euch der Künstler wahres Wesen,
Doch ohne sie dabei roh zu zerfetzen.
Ich kenne keine Guten, keine Bösen,
Weiß nur die Kunst, die Tugend nicht zu schätzen.
So lest mich auch und denkt euch viel dabei,
Und rührt die Löffel gut für meinen Brei.
Nur schimpft nicht gleich auf mein’ und eure Kosten,
Ihr könnt es täglich alles besser schreiben,
So löst ihr mich hohnlächelnd von dem Posten.
Bis dahin will ich demutsvoll dort bleiben,
Als Säulenheiliger auf meinem Pfosten
Den Gottesdienst der Kunst still weiter treiben.
Den Philologen nur ein Kinderschreck
Fang’ ich bescheiden ihre Kunden weg.
Glaubt mir, ich kenne Universitäten,
Man lernt dort nie die Künstler richtig schauen,
Bist du in einen Hörsaal eingetreten,
Mußt du dich dem Katheder anvertrauen
Und zu der Weisheit des Professors beten,
Der faßt die Welt an mit gelehrten Klauen
Und knetet dir die Dichter vor wie Wachs,
Du kennst Fritz Reuter nicht mehr von Hans Sachs.
Sie sind Rohstoff für seine weisen Worte,
Im letzten Grunde liebt er nur sich selber,
Sie müssen ein durch seine enge Pforte,
Er streichelt oder schlachtet sie wie Kälber.
O teurer Jüngling, meide diese Orte,
Du wirst davon gelehrter nicht, nur gelber.
Kauf dir dies Buch! Gottlob, du hast es schon,
Schick’ eine kurze Karte mir zum Lohn!
Steigt alle ein! Wir wollen endlich fahren,
Mein Schifflein, Büchlein treibt nach vielen Küsten.
Ihr kennt die Wonnen nun und die Gefahren,
So mögt ihr euch und eure Seelen rüsten!
Erinnerung dankt uns allen erst nach Jahren,
Dann wißt ihr, ob ich recht tat mich zu brüsten.
Bis dahin gebt mir achtungsvoll Kredit
Und nehmt als Lotsen auf die Fahrt mich mit!
Kaiserswerth am Rhein.
Im Herbst 1909. +Herbert Eulenberg.+
Vorwort zur zweiten Auflage,
das unbedingt gelesen werden muß*).
Nun muß ich doch aus dem Poetischen ins Prosaische lavieren und aus dem
Scherz Ernst machen, angesichts dieser +neuen+ Auflage, die mir und
meinem Buche widerfahren ist. Ich muß es, einmal, um auf die vielen
freundlichen Zuschriften, die mir aus dem +großen+ Leserkreis, den zu
meinem Erstaunen literatur- und kulturhistorische Aufsätze im heutigen
Deutschland finden, zugegangen sind, hier mit schlichten deutschen
Worten mein: „Ich danke Euch allen!“ hinzusetzen.
Dann aber bin ich auch gezwungen, den mancherlei böswilligen
Äußerungen, Angriffen und Vorwürfen die Spitze zu bieten, mit der
mir von der Seite meiner Gegner zu Leibe gerückt worden ist. Ich
halte dafür, daß man alle Ausfälle seiner Feinde möglichst schnell
erwidern und abwehren muß. Sonst setzt sich leicht beim zuschauenden
und zuhörenden Publikum die Meinung fest, daß unsere Widersacher über
uns triumphiert hätten, daß wir die Unterlegenen wären, und daß es
mit unseren Ansichten schwach, wenn nicht faul stände. Solche irrigen
Annahmen soll man aber niemals beim Publikum, wie man vom Rheumatismus
sagt, „einreißen“ lassen. Und darum nütze ich gleich die gute
Gelegenheit, die mir dieses Vorwort zur zweiten Auflage bietet, mich
vor den Schranken meiner Leser mit meinen Gegnern auseinanderzusetzen.
Viele Kritiker haben nämlich gefunden, daß diese kurzen Aufsätze dem
Vorwurf selten ganz gerecht würden, daß sie kleine Federzeichnungen,
keine lebensgroßen Bilder und Darstellungen der Männer, denen sie
gewidmet wären, wiedergäben. Diese mir offenbar nicht wohlwollenden
Leute muß ich darum bitten, nochmals auf den Titel dieser Sammlung
von Miszellen zu achten, der besagen will, daß es sich hier nur um
hoffentlich gut gezeichnete Umrisse von großen Menschen, um eine
skizzenhafte Darstellung ihres Wesens und Wirkens in meiner Manier
handelt. Man werfe diesen Radierungen darum nicht das vor, was sie
ausmacht: Kürze, Wesentlichkeit, Knappheit.
Man wird vielleicht, auch auf der Seite meiner Feinde, gerechter und
milder gegen mich sein, wenn ich den Ursprung der meisten dieser
kurzen, zwanglosen literarischen Skizzen offenbare. Es sind nämlich
in der Mehrheit Reden, Theaterreden, die ich während eines Zeitraums
von vier Jahren allsonntäglich in den von +Louise Dumont+ angeregten
Matineen des Düsseldorfer Schauspielhauses gehalten habe. Das waren
wiederum künstlerische Veranstaltungen, zu deren Erklärung für den,
der sie nicht gekannt hat, ich hier drei Programme abdrucken will, aus
denen man, wenn man sie durchliest, sich schnell und gut ein Bild von
ihnen machen kann.
*) Es wurde gleichzeitig mit dem Vorwort zur ersten Auflage
gedruckt, in der festen Annahme, daß die erste die letzte
bleiben würde.
I. Altdeutsches Theater.
+Hans Sachs+ (1494-1576) und +Andreas Gryphius+ (1616-1664)
1. Einführende Worte. (Herbert Eulenberg.)
2. Etzliche ergötzliche +Schwänke+ und Narrenspossen in
lustige Reimpaare gebracht von Hans Sachs, der weyland ehrsamer
Schuhmachermeister in Nürnberg gewesen ist und ein tüchtiger Poet
dazu.
Vorgetragen von einem wackern Schauspieler.
3. +Meisterlieder+ der Meistersinger in den +alten+ Weisen
der Singschulen, wie sie in Nürnberg, Mainz, Straßburg, Kolmar und an
andern Orten Gott und der Welt gefällig, üblich waren.
Gesungen von einem höchst fürtrefflichen Sänger.
4. „+Das Kälberbrüten+“, ein Fastnachtspiel von Hans Sachs vom
7. Oktober 1551. Mit drei Personen folgendermaßen darzustellen:
Der dumme verschlafene Bauer.
Die grobe Bäuerin.
Der erzschlaue Pfaffe.
Ein Korb mit zwei runden roten Käsen,
so aus den Niederlanden kommen.
5. Einige ernste geistliche Lieder von dem Syndikus zu Glogau,
+Andreae Gryphio+ sich selbst und andern zum Trost nach jenem
entsetzlichen, dreißig Jahre lang währenden Kriege aufgeschrieben.
Schön vorgetragen von einem würdigen Mimen.
6. „+Horribilicribrifax+“ ein gar lustiges „Schertzspiel“ in
mehreren Akten vom besagten schlesischen Poeten +Gryphius+ verfaßt
und in +eine+ kurzweilige Szene kontrahieret von einem heutigen
Dichtersmann. In diesem Schertzspiel von dem berühmten Kapitäne
Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen werden eingeführt
als Redende:
1. v. +Horribilicribrifax+, ein weyland reformierter Hauptmann,
agiert von einem wüsten Gesellen.
2. +Sempronius+, ein alter verdorbener Schulmeister von großer
Einbildung, agiert von einem spindeldürren Darsteller.
3. +Dionisius+, ein armer Bader, agiert von einem
Durchschnittsmenschen.
4. +Coelestine+, eine sittsame Jungfer, agiert von einem zarten,
aber resoluten Fräulein.
Als Blasende: +Der Hoboist+: Prologus und Epilogus.
Zum Beginn und Abschluß des Stückes findet ein feierlicher Umzug der
Akteurs über die Szene statt.
II. Johannes Boccaccio.
Gedächtnisfeier zur Erinnerung an den großen Certaldesen,
+Giovanni Boccaccio+
den Verfasser des „Dekameron“, den ersten Meister in der Kunst des
Erzählens im Abendlande. (Er ward geboren vor fast 600 Jahren zu
Certaldo im Florentinischen und starb daselbst am Tage der Lichtwende
im Dezember anno 1375.) Dieses ist die Inschrift, die er auf sein Grab
in der Stiftskirche St. Jacopo ebendort setzen ließ:
„Unter dem Stein hier ruhen der Staub und der Rest des Johannes.
Aber sein Geist ruht vor Gott wie sein Leben geschmückt mit
Verdiensten.
Vater war ihm Boccaccio, Certaldo heißt seine Heimat.
Für die Dichtkunst glühte sein Herz, solang’ es hier schlug.“
1. Worte zur +Einführung+,
gesprochen von Herbert Eulenberg.
2. Die berühmte +Beschreibung der Pest+ zum Eingang des „Dekameron“.
Vorgetragen von einem guten Sprecher.
3. Etzliche +Liebesfragen+ und ihre Entscheidungen, ein ergötzliches
Gesellschaftsspiel, so in vornehmen Kreisen von Neapel und Florenz
in jenen vergangenen Zeiten oft angestellt wurde. (Aus Boccaccios
„Filocopo“, seinem Erstlingswerk.) -- +Liebesliedchen der Fiammetta+.
Vorgetragen von einer jungen anmutvollen Schauspielerin.
4. Erzählung von dem Studenten, dessen Liebe von einer schönen Witwe
böslich verschmäht wurde, welcher aber alsbald fürchterliche Rache
an ihr nahm -- eine bittere Warnung für alle spröden und tückischen
Frauenspersonen. (Die 7. Novelle aus dem 8. Tage des „Dekameron“.)
Wiedererzählt von einem gleich
dem Studenten tollen Kerl.
III. Rokoko.
„Ach, wer bringt die schönen Stunden
Jener Zeiten uns zurück?“
1. Introduktion.
Gesprochen von Herbert Eulenberg.
2. Suite für Violine und Spinett von +Arcangelo Corelli+: Praeludio.
-- Sarabande I. -- Sarabande II. -- Gavotte. -- Adagio.
Ausgeführt von einer Violine und einem Spinett.
3. Lieder „An Chloë“. -- „Warnung“. (Beide von dem berühmten Wiener
Meister W. A. +Mozart+.) -- „Schäferlied“ von Jos. +Haydn+. --
„Wiegenlied“. (Text von Weiße.) Musik vermutlich von +Mozart+.
Lieblich vorzutragen von einer Demoiselle.
4. Gedichte +Hagedorn+: Die Küsse. -- +Gleim+: Triolet. -- +Der
junge Goethe+: Wirkung in die Ferne. -- Wer kauft Liebesgötter? --
+Hölty+: Die Lebenspflichten. -- +Das Kanapee.+ -- +Gellert+: Die
Widersprecherin. -- Der betrübte Witwer.
Zu sprechen von einer spitzen Aktrice.
5. Flötenkonzert von +Joh. Joach. Quant+, +Friedrich dem Großen+
zugeeignet.
Ausgeführt von einer Flöte,
einer Geige und dem Spinett.
6. +Alt-Arie+ von Ritter Christoph Willibald +Gluck+.
Melodisch zu singen von einer Demoiselle.
7. Tänze aus der Zeit des Rokoko:
1. Menuett nach Mozart.
2. Gavotte von Bocherini.
Am besten von zwei jungen Jungfern
in der Tracht jener Tage vorzuführen.
Diese Matineen, ich muß noch ein wenig von ihnen erzählen, wollten
nicht mehr und nicht weniger als dem Volke an seinen Sonntagen den
Gottesdienst ersetzen, der in seinen alten Formen den höheren Menschen
heute nicht mehr Befriedigung geben kann. Sie vereinigten an jedem
Sonntag ein zahlreiches Publikum unter dem Sockel eines großen Mannes
zu einer schönen stillen Feier zu seinen Ehren, in seinen Manen
die Gottheit achtend, die ihn uns schenkte. Denn uns Heutigen sind
wirklich die gewaltigen oder zarten Künstler vor uns in der Musik, der
Malerei, der Philosophie, der Staats-, der Bau- und der Dichtkunst zu
unsern Heiligen und Schutzpatronen geworden, an denen wir uns im Glück
erfreuen, im Leiden trösten können. „Du sollst keine anderen Götter
haben neben ihnen!“
Dem Redner, der die Menge durch ein paar kurze einleitende Sätze zu
dem Großen, dem die Feier galt, hinführen mußte, war mit Absicht von
vornherein nur geringe Zeit von der +einen+ Stunde gegeben, die im
großen und ganzen allsonntäglich festgesetzt war. Am meisten galt es
stets, den Heiligen des Tages selber zu Worte kommen zu lassen. Denn
schließlich sind und sollen jedem die zehn schönsten Gedichte eines
Mörike etwa lieber sein als die beste Rede oder Schreibe über ihn, und
auch diese ganzen Aufsätze „über“ Künstler sollen eigentlich nur zur
Beschäftigung mit ihnen selbst anregen. Durch diese kurze Frist für den
Vortragenden war von Anfang an das Bildungsphilisterhafte, das sich
solchen Feiern gern einmischt, möglichst ausgeschlossen. Es galt, sich
kurz zu fassen, klar zu sein, Phrasen zu vermeiden und jedem, auch dem
Laien in literarischen Dingen, verständlich zu bleiben.
So sind die meisten dieser Arbeiten entstanden. Es war mein Ehrgeiz,
auch der breiten Menge, die während der Woche schwer arbeiten muß,
Interesse für die Kunst abzugewinnen, ihnen eine Stunde lang Dichtungen
als edle Arznei in ihrem harten Leben einzugeben, und Menschen, die
nichts als Prosa treiben können, für die Künstler unseres Volkes
und aller Zeiten begeistert zu machen und somit mein Teil an der
Erziehung des Menschengeschlechtes mitzuarbeiten. Was dem Fachmann
und Literaten darum an diesen Aufsätzen tadelnswert scheint, daß sie
volkstümlich gehalten sind, daß jeder sie lesen kann, das -- ich
kann euch nicht helfen, ihr lieben Feinde! -- das sollte ja gerade
wiederum ihre Tugend und ihr Vorzug sein. Auch kam es nicht darauf
an, wissenschaftlich genau und haarscharf dem Vorbild getreu meine
Schattenrisse aufzuzeichnen, nein, diese peinliche und mühselige äußere
Ähnlichkeitspinselei des Anstreichers mußte vermieden werden, wenn nur
ein gutes, das Wesen des Modells wiedergebendes künstlerisch wertvolles
Bild entstand. Je mehr der Maler von sich, von seiner Persönlichkeit
oder -- altmodisch gesprochen! -- von seiner Seele in das Bildnis,
das er in seinem Vorwurf vor Augen hat, hineinmalt, um so wertvoller,
um so interessanter und um so +ähnlicher+ wird zum Schluß das Bild
geworden sein. Womit ich den Kleinigkeitskrämern das Aufstöbern
von Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten in diesen Zeichnungen von
vornherein versalzen möchte.
„Nun wohl,“ haben schließlich einige Kritiker gesagt, „wir wollen uns
an den populären, simplen, leicht faßlichen Ton dieses Volkspredigers
mit überlegenem Lächeln gewöhnt haben. Aber, um diese harmlosen
Plaudereien, diese ~biblia pauperum~ in einem Buche öffentlich
herauszugeben, dazu war wirklich kein Grund, dafür war wirklich
kein Bedürfnis vorhanden. Vor allen Dingen fehlt bei dieser losen
Zusammenreihung von zufälligen Arbeiten das geistige Band, das sie
zusammenhält. Sie stehen ungeordnet wie ein Stück Natur zusammen, Korn,
Blumen und Unkraut, und sind nicht unter einen Hauptgedanken rubriziert
und klassifiziert.“
Nun sind dies zwar Essaysammlungen niemals, denn das -- verzeiht,
verzeiht mir zum drittenmal, meine Widersacher! -- ist eben ihr Wesen,
daß sie, wenn sie in ein Buch zusammengefügt werden, unter einem Titel
nebeneinander gedruckt werden. Ich wüßte wahrhaftig nichts anderes
darauf zu entgegnen, außer etwa, daß meine Persönlichkeit das geistige
Band ist, das diese Aufsätze zu einem einzigen macht. Für diese meine
Persönlichkeit muß man sich daher freilich in etwa interessieren.
Aber ich merke zu meinem Schrecken, daß ich im Begriff bin, auch
dieses zweite Vorwort dazu auszunutzen, mich und meine Person in
den Vordergrund zu rücken, weil ich in dem Buche selbst gar keine
Gelegenheit mehr dazu habe. Man verzeihe es mir darum in Gnaden, und
wer, nach der Art vieler Leser, nur auf diesen letzten Satz in meinem
Vorwort stiert, der muß es zur Strafe nun wirklich von vorne an lesen.
Kaiserswerth am Rhein.
Vor dem Winter 1909. +Herbert Eulenberg.+
Vorspruch zur fünften Auflage
Wer hätte das gedacht, mein liebes Buch!
Wir sehn uns lächelnd voll Erstaunen an:
Fünfmal verlegt in Vierteljahres Flug,
Und ich enthoben nun aus Acht und Bann.
Du brachtest Ruhm und Freundschaft schier genug
Mir zu, eh’ dieses goldne Jahr verrann.
Wie einem guten Pferd möcht’ ich dir schmeicheln,
Und zärtlich über deine Blätter streicheln.
Fünfmal verlegt in einem Vierteljahr!
Es steht da schwarz auf weiß, sonst glaubt ich’s nicht.
Ich bin doch heut noch, der ich immer war,
Ein Unglücksrabe und ein Bösewicht.
Fünfmal verlegt, bei meinem kargen Haar,
Die Welt bekam ein anderes Gesicht.
Du Buch verstehst dich wohl auf Zaubereien,
Wie konntest du mir so viel Seelen freien!
Du trugst mich weiter um ein gutes Stück
Als jedes andre Werk noch, das ich schrieb.
Ich seh’ voll Stolz auf deinen Weg zurück.
Wie viele Menschen haben heut mich lieb.
Erfolg und Beifall, ungewohntes Glück,
Ich grüße euch, des Künstlers schönsten Trieb!
Ich habe, was in Deutschland kaum zu hoffen,
Mit diesem Buch nur Freundschaft angetroffen.
So gehe vorwärts deinen frischen Gang,
Umarme jeden, der dich liebt, von mir!
Und bleib ihm treu ein ganzes Leben lang,
Sei launisch nicht als Freund und falsch wie wir.
Nein, führe noch den Greis hinab den Hang,
Der sich als Kind dir gab. Dies dein Panier:
Sei jedem Leser offen, wahr und heiter
Durchs harte Dasein lehrend ein Begleiter!
Im Herbst 1910. +Dein Urheber.+
Letzter Segen
Die alten Linien ging ich wieder nach
Und prüfte sie und stärkte, was verblichen
Und was die Zeit verzehrt, Tag frißt den Tag.
Und als ich so die Schatten nachgestrichen,
So gut es meine warme Hand vermag,
Hat eine große Furcht mich angeschlichen:
Vertust du nicht dein helles kurzes Leben
Im Totendienst, dem du dich hingegeben?
Denn herrischer ist keiner mehr als sie,
Die gleich den Göttern ganz den Mann verlangen,
Und seinen Geist und sein gebeugtes Knie
Und in der Hut um sie verhärmte Wangen.
Ruf keinen Toten wach, er läßt dich nie,
Endlosen Handel hast du angefangen,
Und seine Hände halten dich wie Krallen,
Du mußt ihn zwingen oder ihm verfallen.
Da floh ich aus dem kalten Tempel fort,
Drin rings in Nischen meine Heiligen standen.
Viel Tropfen Bluts ließ ich wie Blumen dort,
Die sie im wilden Streiten mir entwanden,
Und alle riefen noch ein Zauberwort,
Auf das sie mich auf ewig sich verbanden.
Doch stärker noch als sie sang jetzt die Sonne,
Und lebend fühlt’ ich dieses Lebens Wonne.
Zwei Jahre später.
Im Herbst 1912. H. E.
Hans Sachs
Wer so ums Jahr 1520 herum abends zum Dämmerschoppen in der Stadt
Nürnberg in das noch heute bescheiden an der Moritzkapelle klebende
kleine Wirtshaus zum Bratwurstglöcklein einkehrte, der konnte
dort vielfach drei heute weltbekannte Meister, pokulierend und
sinnierend beisammen sitzen sehen: Peter +Vischer+, den Rotschmied
und den Steinmeißler, Albrecht +Dürer+, den Maler, Holzschneider und
Kupferstecher, und Hans +Sachs+, den Schuhmacher, Meistersinger und
Poeten.
Diese drei Meister, die nach der Arbeit beim Schoppen Frankenwein oder
beim Zinnkrug voll braunen Tucherbieres mitsammen saßen, der eine,
Vischer, mit Kappe, Schurzfell und Werkzeug, so wie er aus seinen
Gießhütten kam, der andere, Dürer, mit dem Christuskopf, das bleiche,
etwas kränkliche Gesicht von dem langen gekräuselten Haar umrahmt, und
neben ihm Hans Sachs, in der pelzbesetzten Schaube -- „denn außer der
Werkstatt muß man fein manierlich gehen!“ -- diese drei Meister stellen
die +Renaissance in Deutschland+ dar. Und wenn uns ein Fremder fragt,
wo in aller Welt habt ihr Deutschen denn euer Athen und euer Florenz,
kurz eine Stadt, der man noch heute ansieht, daß hier eine Zeitlang
einmal Kunst und Leben, Bürger und Künstler eines waren, so können wir
ihn stolz auf Nürnberg als denkwürdigste Stätte einstiger deutscher
Kultur hinweisen.
Wer sich mit dem dritten der drei Meister, mit +Hans Sachs+,
beschäftigen will und durch die Wissenschaften an ihn heranzukommen
sucht, der muß sich wie der, welcher in das von ihm zuerst
beschriebene Schlaraffenland will, erst durch einen ganzen Staubberg
von Gelehrsamkeit durchfressen, eh’ er das verschmitzt lächelnde
Bild unseres Meisters vor sich sieht. Die Philologen, die bei uns
bekanntlich bestimmen, was und wie uns etwas zu gefallen oder nicht
zu gefallen hat, haben den Weg zu ihm und zu den Meistersingern,
zu denen er zählt, durch einen Haufen von klugen Worten aus jener
Zeit versperrt, als da sind: „Tabulatur, Gemerke, Hageblütweise,
Schwarz-Tintenweise, Stollen, Vielfraßweise usw.“ Erst +Goethe+,
unser größter Befreier aus Philisternetzen, bahnte sich über alle
Wissenschaft wie der Märchenprinz zu Dornröschen mit einem bloßen Kuß
einen einfachen Weg zu Hans Sachs, indem er als erster ihn wieder
+aufführte+ und dem Deutschen Theater, das damals kaum noch über
Lessing hinausging, damit wieder eine Vergangenheit schuf.
Zu allgemeinem Jubel brachte er auf dem Theater zu +Weimar+ Anno
1810 zum erstenmal wieder ein Fastnachtspiel Hans Sachsens, „das
Narrenschneiden“, auf die deutsche Bühne.
Es darf hier wohl kurz daran erinnert werden, was oft vergessen wird,
wie viel Goethe von Hans Sachs gelernt und angenommen hat. Nicht nur
sprachlich hat er die Form des Nürnberger Meisters, den Knittelvers
im „Faust“ übernommen. Auch in der Gestaltung seiner Figuren lehnt er
sich an die Holzschnittmanier des Alten an, so daß man z. B. bei dem
Fastnachtspiel „Der fahrende Schüler im Paradeis“ unwillkürlich an die
Szenen zwischen Frau Marthe Schwerdtlein und Mephisto denken muß.
+Richard Wagner+ ahnte vielleicht mehr, als er damals schon wissen
konnte, welch ein großer Kerl Hans Sachs gewesen war, und setzte
ihm in den „Meistersingern“ ein tönendes Monument. Denn ein bloßer
„Vereins-Meistersinger“ -- übrigens eine viel edlere Zunft als unsere
heutigen Skat- oder Kegelbrüder -- war Hans Sachs ebensowenig und
soviel als Goethe Staatsminister war. Er hat, was sehr charakteristisch
ist, seine Meisterlieder niemals drucken lassen, weil er etwas ganz
anders und mehr als ein Meistersinger, weil er ein Dichter war, und
wußte, daß das, was er nicht aus freien Stücken, sich selber zu Nutz
und Frommen geschrieben hatte, nur Vereinstätigkeit war und die
Nachwelt nichts anging. Übrigens wär’ es endlich einmal an der Zeit,
die +Meistersinger+ etwas von dem Fluch der Lächerlichkeit zu erlösen,
der ihnen anhaftet. Es ist sehr schade, daß sich heute kein Musiker und
vor allem kein Sänger findet, der geneigt ist, diese im gemeinen Sinn
undankbaren Lieder und Weisen der Meistersinger vor dem gefährlichen
Publiko vorzutragen. Man würde dann neben manchem Lächerlichen den
rührenden Ernst anerkennen müssen, mit dem diese Enthusiasten um
die Kunst beflissen waren, und gelegentlich auch die +überlegene
Schalkhaftigkeit+. Denn diese Leute waren gar nicht so strohdumm, wie
Richard Wagner des komischen Zweckes halber es uns weismacht.
Zu diesen Dichtern von Beruf, die an Wintersonntagnachmittagen in
den Kirchen Nürnbergs zusammenkamen, um dort nach gewissen Regeln,
nach der sogenannten „Tabulatur“, dem poetischen Kontrapunkt, in
deutscher Sprache zu dichten und zu singen, gehörte +Hans Sachs+ nur
als angesehener Bürgersmann seiner Vaterstadt. Als +Dichter+ gehörte
er vielmehr zu den fahrenden Leuten, die damals mit ihren Zeltbuden
und Schwänken durchs Land zogen, für ein paar Wochen irgendwo dann
Halt machten und allabendlich die ganze Stadt unterhielten. Für diese
Schauspielerbanden, die damals das deutsche Theater zu Lehen hatten,
schrieb Hans Sachs seine 85 +Fastnachtspiele+. Später schulte er sich
eine eigene Truppe, durch die er seine Komödien darstellen ließ, und
war Direktor, Regisseur und Schauspieler zu gleicher Zeit. Und alles
das, ohne daß ihm die Kundschaft, die sich bei ihm Schuhe machen und
reparieren ließ, davonlief. Er hatte nicht weniger Erfolg mit seinen
Stücken als heute Kadelburg. Der Rat der Stadt sah ein, wie viel besser
seine Komödien waren als die üblichen, ordinären Faschingsspäße, und
traute ihm so viel Geschmack zu, daß er ihn mit der Zensur verschonte,
und selbst die Kirche machte gute Miene zu seinen guten Spielen und
überließ ihm -- man muß sich das heute einmal vorstellen! -- Kirchen
und Klöster, mit seiner Truppe dort zu spielen.
Man darf nun von einem solchen +Fastnachtspiel+ kein dramatisches Leben
in unserem Sinne, keine Hatzjagd nach Überraschungen, keine fieberhafte
Spannung erwarten. Man muß ein Hans Sachssches Fastnachtspiel geduldig
und genau ansehen wie einen alten Kupferstich, um dann auf einmal zu
entdecken, welch eine köstliche, feine Arbeit das ist, und wie sie auch
im Kleinsten noch voll Leben steckt. Mit meisterhafter Sicherheit holt
er mit seinem Grabstichel seine Figuren auf die Kupferplatte seines
Theaters: die Bauern wie die bösen Weiber, Scholaren, Spitzbuben und
Pfaffen, samt anderm menschlichen und mythologischen Gesinde.
Und je mehr Zeit wir ihm schenken, desto lieber und größer wird uns
dieser prächtige alte Meister, der an der Spitze unseres ganzen
deutschen Theaters steht, aufgehen.
Und wir werden ihn heute noch so laut und aufrichtig feiern können, wie
Goethe ihn zu seiner Zeit verherrlicht hat!
„Ein Eichkranz, ewig jung belaubt,
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt.
In Froschpfuhl all das Volk verbannt,
Das seinen Meister je verkannt!“
Eine Rede von Hans Sachs
Vor der Uraufführung des „Kälberbrütens“ und des „Roßdiebs zu Fünsing“
gesprochen.
Diese beiden Spiele von Hans Sachs, das eine von dem Bauern, der aus
Käse Kälber brüten wollte und das andere von dem Roßdieb zu Fünsing,
einem Vorläufer unseres Hauptmanns von Köpenick, sind zuerst im Mai
1554 in der schönen Stadt Nürnberg in einem Zelt auf der Festwiese vor
der Burg aufgeführt worden. Es war ein blau und weißer Frühlingsmittag,
und die Sonne schien so lieblich, daß die Toten gern aus ihren Gräbern
gestiegen wären, um eine Weile wieder lachend den Schwänken Hans
Sachsens zuzuhören. Halb Nürnberg war an jenem Tage auf den Beinen:
Würdige Ratsherren in prächtigen schwarzsamtnen Schauben, die wackeren
Gildenmeister mit runden Bäuchen unter ihnen, Kaufleute, Handwerker,
Bettler und viel junges Volk. Wie bei Faustens Osterspaziergang. Ganz
alte, fast taube Leute hatten sich heute noch aufgemacht und fragten in
den Pausen, die Hand ans Ohr gelegt, nach dem, was ihnen entgangen war.
Auf der linken Seite vor der sogenannten Bühne saßen +von den Männern
getrennt+ die Frauen und lächelten, und hinter ihnen die Mädchen und
kicherten. Hans Sachs trat aber zu Beginn des Spieles hervor und hub
folgendermaßen an zu sprechen:
„Liebwerte Bürger und Stadtgenossen! Wollet auch heute wiederum gute
Miene zu unserm Spiele machen. Insofern der heutige Frühlingstag viel
zu schön ist, zum Schimpfen oder schief Maul ziehen, oder mit armem,
fahrendem Volke zu hadern. Wir wollen auch diesmal -- des dürft ihr
gewiß sein! -- unser Bestes geben, und der ist ein Lumpenhund, wie ihr
wisset, der mehr gibt, als er hat. Wollet also nit zu viel verlangen,
sondern bedenket, daß nicht Halbgötter, wie weiland zu Homeri und der
alten Griechen Zeiten, auf der Bühne stehen, sondern schlichte Menschen
mit Fehlern und Schwächen wie Hannes Holzschuher, Martin Behaim oder
ich selber. Guckt also einem solchen Gesellen nicht allzu scharf
aufs Maul und verarget es ihm nicht, wenn er sich einmal versprechen
sollte -- auch der Herr Bürgermeister kann einmal stolpern -- oder ein
Verslein falsch spricht -- auch die Frau Bürgermeisterin kann einmal
beim Strumpfstricken eine Masche fallen lassen.
„Wenn einer sein +Handwerk+ ernst nimmt und nimmer denkt, daß er nicht
noch besser in ihm werden könnte, soll man ihn nicht schelten. Und so
ist es bei dem +Maulwerk+, so wir betreiben, auch bestellt. Wer aber
zufrieden mit sich ist und sich für einen ausgemachten Meister hält,
dem soll man einen Mühlstein und ein sattes Schwein an den Hals hängen
und ihn in die Pegnitz werfen, dort, wo sie mehr denn zween Meter
tief ist. Ich selbst, wiewohl ich schon über tausend Paar Stiefel
geflickt und mehr denn 500 neu aus dem Leder geschnitten habe, halte
mich noch nit für vollendet in dieser Kunst des heiligen Crispinus,
vielmehr gucke gern noch manchem jungen Gesellen, der in Böhmen oder
gar in Welschland gewesen ist, seine Sächelchen ab, wenn sie fein
sauber sind. Vollends nun gar in der Reimerei oder der Pegasusreiterei,
wie die alten Heiden sagten, bin ich aufs Lernen versessen wie ein
junges Mädchen unter Zwanzig, so noch keinen Mann gefangen hat,
aufs Tanzen. Lasse mir auch gern von jedem Mann und jeder Frau die
Wahrheit sagen, selbst wenn es nur ein einfacher Bader ist, der mir
den Bart rundschneidet oder ein altes Weiblein, das mir die gelb
gewordenen Kragen wieder weiß wäscht. Nur muß es auch die Wahrheit
sein, und nit bloß grobes, unmanierliches Zeug. Einem solchen Stoffel
und Schimpfpeter, der seine Tage damit zubringt, unserm Herrgott die
Fehler vorzuhalten, die er bei der Schöpfung gemacht hat, möchte ich
am liebsten zeitlebens das Maul mit Senfpflaster zukleben oder ihm
einen Papageien kaufen, der ihm bei Tag und Nacht in die Ohren schrie:
‚Schimpfen ist leichter als loben‘.
„So, liebe Stadtgenossen, wollt’ ich itzo, daß ihr die beiden Stücklein
entgegennehmen möchtet, die Apollo, der Gott der Schalkheit, mir letzte
Weihnachten, da ich zwei Tage lang meine Schusterwerkstatt schließen
und auf den Dichterberg Parnassus klettern konnte, beschert hat: Nicht
als das Gewaltigste, was je in Reime gebracht worden ist, noch aber
auch als etwas allzu Geringes, wie etwa einen Bierschwank oder eine
Sauposse, die ins rechte Ohr hineinschlüpft, um gleich aus dem linken
wieder hinauszuspringen, und bei der man zuerst zwar lacht, aber gleich
hinterdrein zu sich denken muß: ‚Alter Schafskopf, warum lachst du
über solche Narrenspossen!‘ Sondern ihr sollt die Stücklein hinnehmen
als zween Leckerbissen und in euer Gedächtnis einschließen wie zwo
Goldstücke, die man später in Stunden der Not und der schlechten Laune
noch hervorholen kann, um sich zu erheitern und wieder ein paar
lustige Augenblicke zu machen.
„Seid auch heute nicht ungehalten, wenn wir ein Frauensmensch mit auf
die Bretter bringen. Sintemal ich es für ein Mädchen nit für lästerlich
halte, falls sie Witz dafür hat, zum fahrenden Volk zu gehen und mit
den Mannsleuten um die Wette zu agieren. Solch eine dient Gott ebenso,
wie eine, die gut spinnen kann, ihm am Rocken dient, und wenn auch die
meiste Welt anderer Ansicht ist, kann ich doch von dem Glauben nit
lassen und will ihn gegen den besten Vater und die fleißigste Mutter
vertreten. Freilich, wer die Kunst, andere nachzuahmen und Menschenaffe
zu sein, nicht versteht, der soll ruhig hinter dem Ofen oder dem
Schraubstock bleiben. Denn der Dienst bei den neun Musen ist schwerer
als bei einer zänkischen Herrin, und ich habe -- das könnte ich mit den
härtesten Eiden beschwören! -- beim Reimschmieden viel mehr geschwitzt
denn beim Schuhmachen.
„Aber des wollen wir heute nicht gedenken, vielmehr ein jeder sein
Arbeit vergessen und lustig sein, wie es sich für einen Sonn- und
Feiertag geziemt. Denn niemand weiß, wie es mit unsereinem nach dem
Tode wird. Drum wollen wir, solange wir leben, bedenken, daß der
Mund den Menschen um dreierlei Dinge gegeben wurde, um zu essen, um
zu küssen und um zu lachen. Man kann nur drüber streiten, was das
köstlichste von den dreien ist.
Daß euch viel Lust durchs Maul erwachs’
Wünscht heut wie immer euch Hans Sachs.
Andreas Gryphius
Im Herbste 1667, vor mehr als 250 Jahren also, da am Pegel zu Köln,
wenn es hoch kam, sechs Schiffe lagen und das Pfund Fleisch auf
dem Markte noch ½ Silbergroschen kostete, setzte sich ein Trupp
von schauspielernden Studenten zu Frankfurt an der Oder auf ein
Treidelschiff, um sich den Fluß hinauf gen Glogau in Schlesien ziehen
zu lassen. Sie waren von einem hochwohllöblichen Magistrat zu Glogau
für insgesamt einen Taler, vier Neugroschen gemietet worden, um den
45. Geburtstag des hochgeachteten Bürgers und Syndikus der Stadt,
Andreas Gryphius, durch Aufführung und Wiedergabe eines seiner
Schaustücke zu honorieren, zu illuminieren und zu personifizieren.
Als sich das Schiff in Bewegung setzen wollte, kam noch der
Komödiantenmeister mit einem großen Sack auf dem Rücken angekeucht,
enthaltend niederländische Koller und ein paar verrostete Stoßdegen,
so er alles bei einem Althändler zusammengeramscht hatte. Man zog
ihn und die Theatergarderobe auf das Schiff, und sobald man die
Schnupftücher der Nachwinkenden aus den Augen verloren hatte, begann
man die Getreidesäcke, die als stummes Gut mit nach Glogau verfrachtet
waren, beiseite zu schieben und auf dem Verdeck des Schiffes unter
freiem Himmel Probe abzuhalten. Der Mensch, zumal wenn er Student
und Schauspieler ist, hat im allgemeinen die Eigenschaft, erst +kurz
vor+ dem Examen oder der Aufführung zu lernen anzufangen. Von diesem
Brauch wich auch unsere Frankfurter Studententruppe um keines Haares
Breite ab, und es stellte sich bald heraus, daß keiner von ihnen,
um nicht die andern etwa zu beschämen, mehr als gar nichts gelernt
hatte. So begann man denn mit Feuereifer von früh bis spät an dem
Stück „Horribilicribrifax“, einem Scherzspiel in fünf Begebenheiten,
das der Glogauer Magistrat aus den Stücken des Meisters zur Aufführung
auserkoren hatte, zu probieren: Die Wolken am Himmel und die Weiden an
den Flußufern sahen ihrem tollen Treiben lachend zu, die Getreidesäcke
als stumme Passagiere gähnten und dachten bei sich: „Mit welch dummem
Zeug die Menschen doch ihr Leben hinbringen!“, und die Matrosen, die
anfangs vermeinten, einen Haufen Affen an Bord zu haben, verstanden
nach und nach, um was es sich handelte, stahlen sich nach Möglichkeit
von ihrer Arbeit fort und hielten sich den Bauch vor Lachen beim
Zusehen. Die Treidelpferde aber zogen mit gesenkten Ohren auf dem
Leinpfad das Schiff stromaufwärts und bedauerten sehr, daß sie nicht
Menschen geworden waren.
Drei Tage und vier Nächte dauerte die Fahrt, zu der man heute drei
Stunden braucht. Um die Abenddämmerung kam man endlich vor der alten,
mit verwitterten Türmen umstandenen Stadt Glogau an. Die schwarzen
Festungsmauern, die wie alte bärbeißige Polizisten rund um die
Stadt herumliefen, guckten verschlafen aus dem Herbstnebel heraus.
Eine einzige bunte, den Schweden abgenommene Fahne hing aus einer
Schießscharte und sagte den Komödianten: „Guten Abend!“ Die kehrten
in die Herberge zum „König von Polen“ gleich am Hafen ein, die ihnen
von den Schiffern als wohlfeil empfohlen war, und in der je drei
in einer Bettstelle schlafen mußten. Aber da die Wanzen schon ihre
Winterquartiere bezogen hatten, gab es für sie alle eine friedliche
Nacht.
Am andern Morgen in der Frühe besichtigten unsere Spieler zunächst das
Zelt und die Bühne, auf der sie vor dem Magistrat und Volk zu Glogau
ein Zeugnis ihrer Kunst ablegen sollten. Sie machten flugs einen alten
Leiterwagen zur Garderobe zurecht, schnitten denen unter ihnen, die
Frauen darstellen mußten, die Bärte, die während der Schiffahrt lang
gewachsen waren, aus dem Gesicht und borgten sich aus der Festung eine
dicke Trommel, um hinter der Szene donnern zu können.
Dann machte sich der +Prinzipal+ der Truppe in seinem besten
französischen Rocke auf, um zunächst den Magistrat und hernach den
hochachtbaren Syndikus Andreas Gryphius selber aufzusuchen. Sein Weg
führte ihn mitten durch die Stadt, wo es gar elend und erbärmlich
aussah. Die Kriegsfurie, die dreißig Jahre lang in Deutschland
geschaltet hatte, war auch mit Glogau nicht anders denn wie ein roher
Viehtreiber umgegangen. Die meisten Häuser standen noch heute, neunzehn
Jahre nach dem Friedensschluß, leer, und man hörte am hellen Mittag die
Ratten drin rumoren. Schutt lag auf den Straßen, die Kirchen waren kahl
und ausgeraubt, und der Pfarrer hätte alle Sonntage über den Text: „Und
die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe!“ predigen
können. Die paar Menschen aber gingen zwischen den verfallenen Häusern
stumm und ernst herum wie Statisten, die Trauer, Armut und Verzweiflung
darstellen sollen.
Mitten in dieser Illustration zu einer Prophezeiung des Jeremias sah
das alte schiefe Patrizierhaus des Syndikus Gryphius fast fürstlich
aus. Unser Komödiantenmeister klopfte denn auch unter einem feierlichen
Gefühl mit dem Türringe an und ließ sich stumm wie eine Seele über
den Acheron durch den finstern Flur zum Studierzimmer des gelehrten
Poeten geleiten. „Introite!“ rief eine feine Stimme. Aber es dauerte
lange Zeit, ehe der Komödiant den Kopf, der zu dieser Stimme gehörte,
erblicken konnte. Hinter einem hohen Haufen von Folianten und
Pergamenten und Quadranten unter einer schweren, riesigen weißlockigen
Perücke saß der hochgelehrte Andreas Gryphius, eine Hornbrille auf der
Nase und eine Gänsefeder in der Hand, und sann über einen Reim auf
„Menschen“ nach. Sein Gesicht war ganz gelb, denn die Leber drückte ihn
heute noch mehr als sonst. Seine schneeweißen Hände zitterten vor Frost
trotz der Pelzstauchen, die er über den Pulsen trug. Aber seine Augen
blickten den Hereinkommenden fest und tief an, wie die Augen eines
Mannes, der viele Länder und viele Leiden gesehen hat, und der weiß,
daß er nicht mehr lange Zeit zu leben hat.
Es war dem Syndikus gar nicht recht, daß der Magistrat gerade dies
+lustige+ Stück von ihm zur Repräsentation gewählt hatte. Viel lieber
wäre es ihm gewesen, man hätte eines seiner Trauerspiele inszeniert,
in denen die Menschen in Alexandrinern sprachen und es zum Schluß auf
ein paar Leichen mehr oder weniger nicht ankam, wenn nur die Moral
siegreich blieb, Trauerspiele, in denen das Blut dick über die Bühne
floß, in denen die Helden noch im Sterben reimen konnten, und in denen
„die Parzen“ -- so nannte er die Chöre -- in edler und erhabener
Sprache Verse über die Vergänglichkeit wie diesen deklamierten:
„Sterbliche: was ist diß Leben,
Als ein ganz vermischter Traum?
diß, was Fleiß und Schweiß uns geben,
Schwindet als der Wellen Schaum.“