Wie es die Studiosi auf der ältesten deutschen Universität trieben,

der in dem hunderttürmigen, goldenen Prag (gegründet 1348), das sich

seitdem recht erfolgreich bemühte, aus einer deutschen Kulturstätte zu

einer chauvinistischen tschechischen Provinzstadt zu werden, darüber

schweigen sich die Quellen gründlich aus, doch wird es dort nicht

anders wie in der, nur siebzehn Jahre später ins Leben gerufenen Alma

mater Vindobonensis, der Wiener Universität, zugegangen sein. In

langen braunen oder schwarzen Mänteln mit Ärmeln, in der Mitte durch

einen Gurt zusammengehalten, an dem das unförmige Tintenfaß baumelt,

das Haupt mit einer Gugel bedeckt, so schreiten die Scholaren nach

den Bursen, dem Ursprungswort für Bursche und Bürstenbinder, im Sinne

des -- »Saufens wie ein Bürstenbinder«, ihren Wohnungen, in denen sie

gleich Gefangenen gehalten werden, denn selbst das Fensteröffnen, das

Scheeren der Bart- und Kopfhaare bedurfte der Erlaubnis. Früh um vier

weckte sie ein Glöcklein von St. Stefan zu schwerem Tagewerk, das

mit einer Messe begann. Streng verpönt waren Spielen, Besuchen von

Wirtshäusern, Maskeraden zu veranstalten und mitzumachen, zu tanzen und

Straßenmusik, d. h. Ständchen zu bringen. Allzu scharf macht schartig,

darum schon früh das Bestreben, die strenge Zucht zu durchbrechen,

den mit Gewalt aufgeprägten klerikalen Charakter abzustreifen und zu

toben, wie es die Jugend gebieterisch fordert. Mit inniger Freude

wurde ab und zu im Geheimen über die Stränge geschlagen, bis diese

Ausnahmen zur Gewohnheit wurden, weshalb der anfänglichen Strenge

ein großer Teil Schuld an dem später allgemeinen Libertinismus des

deutschen Studententums beizumessen ist. Zu den Unsitten trugen

übrigens auch das wilde Leben bei, das viele arme Studenten, die es

später zu großen Namen, Amt und Würden brachten, als fahrende Schüler

zu führen gezwungen waren, ehe sie sich an irgend einer Universität

ein halbwegs sicheres, vor dem ärgsten Hunger schützendes Plätzchen zu

sichern wußten. Die Selbstbiographie eines solchen Bettelstudenten,

des Schweizers Thomas Platter, geboren am 17. Februar 1499, bietet ein

instruktives Bild von den Fährnissen an Leib und Seele, die ein solches

Bürschlein durchzumachen hatte, bevor es sein Ziel, ein Lehramt mit

bescheidenen Bezügen, erreicht hatte.[280] Vagabundierend, stehlend und

bettelnd zogen diese, zeitweilig zur Landplage werdenden »fahrenden

Scolasten« durch Dorf und Stadt, glücklich, wenn sie mitleidige Seelen

fanden, die sich ihrer annahmen, und ihnen karge Nahrung und ein

schützendes Dach gewährten. Die kleinen Jungen, die Schützen, wurden

kommandiert von älteren Schülern, die sich von den kleinen Jungen

ernähren ließen. Diese »Schützen« waren die Sklaven der Bachanten,

von denen sie alles Schlechte lernten. Bot sich die Gelegenheit, dann

sorgten diese sonst Hunger und Durst leidenden Schützen auch für sich

selbst, wie es Platter in München tat, als er seinem despotischen

Bachanten entlaufen war. »Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem

Nachtmahl in die Bierhäuser Bier heischen; da gaben uns die trunkenen

Polakenbauern so viel Bier, wovon ich oft unvermerkt so trunken wurde,

daß ich nicht wieder zur Schule kommen konnte, obschon ich nur einen

Steinwurf weit davon war. Auch fand sich Nahrung genug da, aber man

studierte nicht viel.«[281] Platter starb hochbetagt als Konrektor des

Burggymnasiums zu Basel.

Weit besser daran als diese Kinder von kleinen Handwerkern und Bauern,

hatten es die Söhne von Bürgern, Gelehrten und Adeligen, die sich

nicht durch diese »Schmieren« des mittelalterlichen Studententums den

Aufenthalt an den Universitätsstädten erkämpften mußten.

Die akademische Jugend hat allezeit das Privilegium besessen und wohl

benutzt, neben dem Ernst der Studien die Freuden des Lebens zu pflegen.

Zwar waren die Gesetze streng darauf bedacht, den Vergnügungen enge

Grenzen zu ziehen, aber gerade wegen dieser Beschränkung teilten sie

mit anderen Gesetzen das Schicksal, rasch übertreten zu werden. So war

z. B. in Tübingen den Studenten, die in Bursen unter Aufsicht zusammen

wohnen sollten, geboten, Predigten und Kollegien fleißig zu besuchen,

Privatlehrer zu halten, dagegen verboten, Verbal- und Realinjurien

zu brauchen, während der Nacht auf der Straße zu lärmen, _übermäßig

zu trinken_, ungewöhnliche oder unziemliche Kleider zu tragen.

Aber gegen alles wurde gesündigt. Der Fleiß war so gering, daß die

Behörden nicht selten die Eltern auffordern mußten, die jungen Leute

von der Universität wegzunehmen. Geiler von Kaysersberg rügt schon:

»Die Studenten üben sich nach dem Mittagsbrot in solchen ehrlichen

Künsten, in dem Ballschlagen, Fechten, Tanzen und Springen, und wird

etwann unter hundert nicht einer gefunden, der in die Lektion ginge.«

Getrunken wurde in ungeheueren Quantitäten, so daß einmal konstatiert

wurde, _daß vier Studenten dreißig Maß_ Wein vertilgt hätten ...[282]

Das Anulken der Philister war von jeher ein Lieblingssport der

Studenten. Oft arteten die Prellereien der Bürgerschaft derart aus, daß

die Behörden vermittelnd einschreiten mußten, und die armen Philister,

ob der ausgestandenen Angst, mit zwei Eimern Wein »zur Ergötzlichkeit«

begütigt werden mußten.[283]

Wie der berühmte Staatsrechtslehrer, Robert von Mohl, der Historiker

der Tübinger Studenten des sechzehnten Jahrhunderts,[284] erzählt,

gaben sich die Musensöhne sinnlos dem Trunke und gesellschaftlichen

Ausschweifungen hin, gefielen sich in auffallender und schamloser

Kleidung, rauften wo sie konnten mit Bürgern, Handwerkern und

untereinander, trieben es so weit, daß die Nürnberger keinen der

Ihren mehr zum Studium nach Tübingen zu senden beschlossen. Der

Universitätsbesuch war gänzlich Nebensache. Der eigentliche Zweck des

Aufenthalts war, Bürgermädchen zu verführen, »auf die bürgerlichen

Bestien auf Jagd auszuziehen und sie zu hetzen und zu plagen«, wie

eine adelige societas venatoria in Helmstädt als einen Zweck ihrer

Verbindung erklärte, das öffentliche Kollegium nie zu besuchen,

sondern gelegentlich an der Türe eines solchen zu lauschen, um

»etliche Sprüchlein auffassen und darnach unter seinen Rott-Burschen

und Zechbrüdern erzählen, der Professoren Stimme, Reden und Gebärden

nachäffen und zum Gelächter befördern möchte«, wie Schöttgen in

seiner Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen

Pennalwesens verrät. Das Saufen war an der Tages- und Nachtordnung.

»Wenn er -- der Student -- sich zu Tische gesetzet, frisset der

Unmensch wenig (denn der gestrige und rasende Rausch will es nirgends

gestatten, und, weil alle Sinne bestürzet, die Natur nicht leiden).«

»Derhalben, wenn er nun sein Kloak mit Wein und Bier sehr wohl

befeuchtet«, dann tost er los, flucht, zankt, wütet, zerstört Pfosten,

Türen und Fenster, verübt allerlei »Nachts-Scharmützeln«, fängt die

leichtfertigsten Händeln an, überfällt Leute, um sie mit vorher

verborgen getragenen Ruten zu arretieren, fuchtelt mit seinem Degen

herum, kurz:

Ihr Singen war ein Schrein,

Und ihre Freude Raufen;

Sie haßten Buch und Fleiß,

Und ihr Beruf war Saufen![285]

So verbrachte der weitaus größte Teil der Studenten mit »Bankettieren,

Prangen und Prassen« ein geradezu abstoßend rohes Leben, das ihre

Zukunft vergiftete und sie für jeden geregelten Beruf unfähig machte.

Ein Übermut, der an Wahnsinn grenzte, war die Signatur nicht allein

der Tübinger Studenten, bei denen nur derjenige etwas galt, der es

den anderen in Verhöhnung der Universitäts-, Stadt- und Staatsgesetze

zuvortat. Sie brachen in Nonnenklöster ein, spielten um ihre Finger,

suchten den Henker auf, wie es Professor Hambergers Sohn machte, der

volle zehn Jahre den Tübinger Pedellen überreichlich Arbeit gab, um

mit diesem infamen und infamierenden Paria zu viert zweiundzwanzig

Maß Wein zu trinken, warfen den Bürgern die Fenster ein, verwüsteten

Weinberge, balgten sich mit Nachtwächtern und friedliebenden

Einwohnern herum, stören Hochzeiten, belästigen schamlos Frauen und

Mädchen, daß man endlich die Statuten revidieren mußte. Darum schwang

sich 1575 die Universität gemeinsam mit dem Stadtrat zu dem Erlasse

auf: Kein Bürger oder Universitätsverwandter soll bei strenger

Strafe heimliche Trinkstuben für Studenten halten; Wirte sollen, bei

Strafe, solche nicht einrichten; Zechschulden sind die Eltern nicht

zu zahlen schuldig. Deshalb gingen auch viele Tübinger Studenten, um

ungestört trinken zu können, unter dem Vorwand sich Kiele zu Federn

und Papier zu holen, nach Rothenberg. In seiner 1590 erschienenen

»Geschichtsklitterung« sagt Johannes Fischart darüber: »Sie gingen

nach Montrouge, aber mit Rothenberg bei Tübingen, dahin die Studenten

wöchlich um guten Wein walfarten, Papier zu holen, welches sie gleich

so wohlfeil ankommt, als wenn die Nürnberger Bierbrauwer jährlichs

Höfen (Hefe) in Thüringen holen.« Durften sie nicht in den Wirtshäusern

zechen, so taten sie es auch auf ihren Buden und dort wo sie aßen.

Diese »Kosttische« waren meist nicht anders, als jene verbotenen

heimlichen Trinkstuben. Bei einer Witwe Megelin in Tübingen, die einen

Tisch hielt, tranken einmal sechzehn Studenten fünfzig Maß Wein beim

Mittagbrot und trichterten einem gewissen Königsbach, während sie ihn

auf einem Schubkarren nach Hause fuhren, unterwegs noch Getränk in den

Rachen. Das übermäßige Trinken wurde denn auch nicht mit Unrecht als

Hauptursache der Exzesse angesehen, besonders der strengverpönten und

darum besonders beliebten Liebeleien mit verlorenen Geschöpfen; denn:

Wo Ceres nicht sitzet,

Wo Bacchus nicht hitzet,

Da Venus nicht schwitzet.

sagt eine alte Priamel.

Gleich Tübingen war Jena als Universität berühmt, und der Jenaer

Student das Ideal des deutschen Burschen.[286] Die liberalen

Institutionen dieser neuen »zur Erhaltung und Fortpflanzung der

evangelisch-lutherischen Lehre und aller guten Zucht und feinen Künste«

1548 gestifteten Universität, die dem Rektor und Senat bei allen »nicht

peinlichen Fällen«, die unter Todesstrafe standen, die Gerichtsbarkeit

zusprach, lockte viele Hochschüler nach der freundlichen Saalestadt,

denen es anderswo zu beschränkt zuging. Diese Freiheiten lockerten

aber auch die Sitten in bedenklicher Weise. Reiche Adelige erklärten

unumwunden, nicht des Studiums, sondern nur der Liederlichkeit wegen

in Jena zu weilen. Vergebens untersagten die Statuten das Einbrechen

in die Weinberge, die tumultarischen Aufläufe, die Völlerei und das

kommentmäßige Trinken. Die dabei zu beobachtenden Regeln sind in

einem »Zech- und Saufrecht« aufgezeichnet, das ich auszugsweise nach

Schluß dieses Kapitels wiedergebe, als vielleicht ganz willkommenes

Gegenstück zu den nun üblichen Kommenten. Aus dem genannten Büchelchen

geht hervor, daß besonders ausgepichte Kehlen Kerzen und Lichter mit

dem Wein zusammen vertilgten, »denn es stehet geschrieben: trink' was

fließend und feucht ist«. Saufbolde warfen ungewässerte Heringe in das

Bier, andere Tollköpfe endlich zerbissen nach dem Schmollistrank die

Gläser, wenn sie nicht renommierend Bier oder Wein aus »unflätigen

Geschirren« tranken. Von den jenensischen Trinkgebräuchen verlautet:

»Es wird uns berichtet, daß dort Deputationen zu Ehren des Bacchus

gehalten wurden, wobei die Zuhörer kleinere Becher, der Opponent einen

Humpen hatte, womit er in dreifachem Schluck das jus objectionis

darstellte, der Respondent durch dreimaliges Trinken diesen nassen

Syllogismus annahm, der Präses das übrige austrank.«[287] Aus Jena,

besser gesagt aus Lichtenhain bei Jena, stammt auch die Würde des

_Fürsten von Thoren_, die nur ein ganz trinkfester Bruder Studio

einnehmen konnte. Nach einer Tradition soll es einst einer dieser

Fürsten auf achtzehn Stübchen auf einem Sitz gebracht haben, ein ganz

nettes Quantum, da ein Stübchen fast vier Liter enthielt. Je weiter

das Mittelalter der Rüste zuging, desto mehr verschlechterten sich,

wie bei allen Ständen, so auch die Sitten der akademischen Jugend, bis

sie während und nach dem großen Religionskrieg die höchste Stufe der

Verwilderung erreichten. Der »alamode« Student war ein Konglomerat

der edelmännischen, soldatischen und bürgerlichen Sittenlosigkeit.

Hans Michael Moscherosch, nach Grimmelshausen der bedeutendste

Sittenschilderer aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, läßt sich

im sechsten Gesicht »Höllenkinder« seines Hauptwerkes[288] über »Rüpel

und Studenten« also aus: »Sie sind von ihren Eltern geschickt, um den

Professoren mit Gehorsam und Demut entgegenzugehen und ihrer Lehre mit

Fleiß und Ernst zu horchen; aber sie bringen die meiste Zeit im Luder

hin und jagen das sauer erworbene Gut ohn Erbarmen durch ...«

Im Verlauf seiner Geschichte zeichnet Philander von Sittewald eine

Studenten-Kneiperei wie folgt:

»Als ich auf Ermahnung des Geistes -- Philanders Führer -- näher

hinzutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und

einander zusoffen, daß sie die Augen verkehrten, wie gestochene Kälber

oder geschlachtete Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in

grausamer Gestalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech

unter den Wein mengte, wovon sie erhitzt wurden, als ob sie voll

höllischen Feuers wären. Einer brachte dem andern eins zu aus einer

Schüssel, aus einem Schuh: der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der

dritte trank aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen

waren, daß einem davor gruselte. Einer reichte dem andern die Hand,

fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich

ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hinzufügung dieses üblichen

Burschenspruches: ›ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir

zuwider ist‹, dann band einer dem andern eine Schleife von seinen

Schlotterhosen an des anderen zerfetztes Wams ... Die aber einander

nicht Bescheid tun wollten, stellten sich teils wie Unsinnige, teils

wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Begierde,

solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander

die Gläser ins Gesicht, mit dem Degen heraus und auf die Haut, bis hier

und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit sah ich

auch unter den besten und Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüten

und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: Das sind

die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus![289]

worüber ich seufzend bei mir sprach: Mein Gott! ist es möglich, daß der

Teufel etwas ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als

dieses, daß auch die besten Freunde wegen eines Glases Wein, wenn sie

einander nicht Bescheid tun wollen, nicht mögen oder können, sich so

entzweien, zanken, neiden, plagen und placken! und was das ärgste ist,

daß sie sich die bäurischen gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und

Reputation deswegen in Gefahr stände!

Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stirnknuffen und

Haarrupfen aushalten, neben vielen anderen Narreteien. So saßen die

anderen Esel auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel

Wein auf ihnen aus; andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen

Bacchusmesse: »O edler Wein, o süße Gabe«. Die Aufwärter wurden von

den andern genannt: Bacchanten, Pennäle, Haushähne, Spulwürmer,

Mutterkälber, Säuglinge, Quasimodogeniti, Offskys, junge Herren; und

sie sangen über diese ein Lied, dessen Anfang war:

Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen,

Die da neulich sind ausgeflogen.

Und haben lang' zu Haus gesogen

Von der Mutter usw.

Das Ende lautete:

So tut man die Pennäl agieren,

Wenn sie sich mal imaginieren

Und die Studenten despectieren

usw.

Endlich nach Beendigung dieses Geplärrs schoren sie ihnen das Haar

ab, wie den Nonnen, wenn sie das Gelübde ablegen. Daher heißen

diese Schoristen[290], Agierer, Pennalisierer; unter sich selbst

aber titulieren sie sich: frische Kerls, fröhliche Burschen, freie,

redliche, tapfere und herzhafte Studenten.

Andere sah ich blinzelnd herum schwärmen, als ob sie im Finsteren

wären, jeder mit einem bloßen Degen in der Faust; damit schlugen sie in

die Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel,

wie Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren

wehe tat; stürmten mit Steinen und Knütteln an die Fenster und riefen:

heraus Pennal! heraus Feix![291] heraus Pech! heraus Raup'! heraus

Schurk'! heraus Ölberger[292] und dann ging es bald an ein Reißen und

Schmeißen, an ein Rennen und Raufen, an ein Hauen und Stechen, daß mir

darob die Haare zu Berge standen ...« »Andere wieder soffen einander

zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch oder auf dem Boden, auf den

Knieen, den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. Andere

lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschütten durch einen

Trichter. Andere lagen und schnarchten; andere nickten und tranken sich

zu; andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesange der Genossen bei;

andere lagen lang auf dem Tische, das Kinn in die hohle Hand gestützt.

Nun gings über Tür und Ofen, über Trinkgeschirr und Becher und mit

ihnen zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste.

Andere lagen da, spieen und kotzten wie die Gerberhunde; und wenn

sie sich genugsam in dem Unflat besudelt hatten, dann kamen ein paar

häßliche Geister und trugen sie zu Bett ...« In Dürers Studentenroman

»Geschichte Tychanders«, erschienen 1668, erzählt der Held von

seiner Pennalzeit: »Ich verbrachte solch Probejahr nach gewöhnlicher

Pennalweise, ohne Gott, ohne Gewissen, ohne Gebet in lauter wüstem

heidnischen Fastnachtleben. Zwar was sag ich heidnisch? Wo ist bei

Heiden ein solch verteufelt Leben jemals geführt worden? Fressen,

saufen, passaten gehn, sich mit Steinen balgen, Fenster einwerfen,

Häuser stürmen, ehrliche Leute durchhecheln, neue Ankömmlinge vexieren,

beschmausen -- (ihnen das von Hause mitgebrachte Geld abnehmen) und

recht räuberischer Weise ihrer armen Eltern Schweiß und Blut helfen

durch die Gurgel jagen, war meine tägliche Arbeit; um das Studieren

bekümmerte ich mich nicht, ich hatte genug andere Possen zu tun«.[293]

Sapienti sat!

Ein Saufgelage, einen »Jen'schen Abschiedsschmaus« im 18. Jahrhundert

schildert, allerdings in Übertreibung, J. F. W. Zachariä (1726--1777)

in seinem berühmten komischen Studenten-Heldengedicht »Der Renommist«

im ersten Gesang:

... setzt euch, ihr Narren, und trinkt!

Und trinkt, und trinkt, schrien auch die andern um die Wette,

Und sauft, und saufet euch bis morgen in das Bette ...!

... Und alsobald füllt er das große Glas mit Bier,

Und säuft dem ersten zu aufs Wohlsein der Scharmante,

Ein Mädchen, welches er dem Namen nach kaum kannte.

Den Schlüssel von der Tür hielt er, dem Zepter gleich,

Als Hospes, in der Hand, und gab in seinem Reich

Ein heiliges Gesetz, ohn' Abziehn auszutrinken.

Oft ließ sein Richterarm den schweren Schlüssel sinken;

Weh dem, der dies Gesetz als ein Rebelle brach!

Wenn er das Donnerwort, pro poena, zu ihm sprach,

So mußt' ein neuer Strom in seine Kehle fließen;

Sonst stand er in Gefahr sein Mädchen einzubüßen.

Das Bier bewies die Kraft, der falsche Witz fing an,

Und alle prahlten nun Schandtaten, nicht getan ...«

Außer den gewöhnlichen Kneipereien, gab es an den Universitäten auch

eine ganze Zahl von Gelegenheitsschmäusen, bei denen sich die Trinklust

der Musensöhne Genüge leisten konnte. Da waren in erster Linie die

_Depositionen_, deren sich jeder neu zugezogene Student, der _Beanus_

d. h. hec jaune = Grünschnabel, unterziehen mußte, um ein Pennal zu

werden.

Eine ausführliche Beschreibung der diesen Orgien eigentümlichen

»groben Bacchantereien« und den dabei geübten Unflätereien und

Rohheiten steht in Scheibles Schaltjahr[294], kurz gibt sie Cornelius

Relegatus, der Herausgeber des 1608 in Straßburg erschienenen Speculum

Cornelianum[295] wie folgt:

Der Depositor examinirliche auch daneben

Woher das Monstrum komme eben,

Cornelius Antwort behendt

Dann man ihn seiner Gestalt nach köndt

Urtheilen, wie daß er fürwahr

Ein beßlich Thier sey ganz und gar,

Begabt mit zwey Hörnern groß

Dern er begehrt zu werden loß;

Dern ganz und gar so unbekandt

Der löblich Mann Student genandt.

Drauff wird er von ihm Deponirt

Behawen, behobelt, wol abgeschmirt,

Beschoren nach dem alten Brauch

Ein Zahn ihm ausgerissen auch usw.

Alles was der angehende Student bei sich trug, selbst seine guten

Kleider, wurde ihm abgenommen und in Getränke umgesetzt, die durch die

Kehlen der Deponenten gejagt wurden.[296]

Da waren außerdem noch die Prüfungsschmäuse, denen wir schon im

fünfzehnten Jahrhundert begegnen, und die sich als offizielle

Festmähler bis zur Gegenwart erhalten haben. Sie waren allen

Universitäten gemeinsam, und überall führte der Universitäts-Dekan den

Vorsitz bei Tisch.

1496 werden in Leipzig der Dekan und die mit geladenen Examinatoren

verpflichtet, streng darauf zu achten, daß den Geprüften nicht zu

große Kosten aus dem Schmaus erwachsen. 6 Gerichte, an jedem Tisch ein

Schoppen (una scopa) von besserem Wein, sonst Wein und andres Getränk

nach Bedürfnis. (Leipziger Statuten 25--27).

Im Statut vom 20./II. 1412 war untersagt worden, daß der Kandidat

wälschen Wein, Reinfal, Romagna Wein (romaniam) Malvasier oder sonstige

kostbare Sorten verabreiche, höchstens zu Beginn des Mahles oder beim

Dessert oder nach dem Dankgebet. (Leipziger Statuten 314. 10).

Beim zweiten Mahle -- jeder Kandidat gab drei Essen -- durften feine

Weine nur gegeben werden, wenn sie vom ersten Mahl übrig waren, beim

dritten gar nicht mehr, denn dann war natürlich nichts übrig.

Auf der Universität von Frankfurt an der Oder durften Bier und Wein zum

Doktorat und Lizentiat frei, ohne Steuer, eingeführt werden.[297]

Das Menu eines solchen, von Dr. Christoph Scheurl in Nürnberg am 25.

November 1525 gegebenen Diners, das Melanchthon durch seine Anwesenheit

verherrlichte, bestand aus:

1) Ein sewkopff samt einem lentbrothenn (Lendenbraten) in einem

Zislunlein (saurer Sauce);

2) Vorhann (Forellen) und esch (Äschen);

3) V. rephuner;

4) VII j vogel;

5) j. Koppen (Kapaun) zum gebroten (als Braten);

6) I I I j. h. (℔) hecht gesultzt;

7) Ein schweine wiltpret in einem pfeffer;

8) Keßkuchlein und ops;

9) Pistaci, latbergen, leckuchlein, confection.«

Dazu tranken die 12 Teilnehmer: 6 Maß Neckarwein, 3 Maß Rotwein, 6 Maß

Reinfall, zusammen 23 Maß, also etwas mehr als 2½ Liter per Gurgel.[298]

Die Gelehrten und Professoren beteiligten sich gerne an solchen

Schmäusen, da sie meist weder im Essen noch im Trinken Kostverächter

waren, und ihre Einnahmen für gewöhnlich die Anschaffung von

Leckerbissen verbot, wenn sie nicht zu nicht immer lauteren Mitteln

griffen, ihre Finanzen zu verbessern, deren unschuldigstes noch der

Bier- und Weinhandel war.

In allen Universitätsstädten und fast in allen Städten, die höhere

Schulen besaßen, war es den Lehrern gestattet, Getränke zu ihrem

eigenen Gebrauch abgabenfrei einzuführen, in Frankfurt a. O. sogar

die Doktoren aller Fakultäten.[299] In Jena und in Altdorf genossen

die Professoren die Freiheit, in dem Kollegienbrauhaus, so viel Bier

sie für ihren Hausbrauch und Tischgenossen bedurften, tranksteuerfrei

brauen zu dürfen. Ferner war ihnen durch die Statuten von 1569

ausdrücklich die Konzession erteilt, von dem der Universität gehörenden

und später privilegierten Rosenkeller dort eingelagerten fremden und

einheimischen Getränksorten an Bier und Wein ohne Steuerzahlung zu

entnehmen.[300] Da nun die meisten Professoren Studenten bei sich

wohnen hatten, so nötigten sie, wie dies in Jena Anlaß zu Klagen

gab, ihre Einwohner fleißig zu trinken, »wofür sie ihnen bei allen

strafwürdigen Vorfällen durch die Finger sahen.[301]«

»Überdies mag diese Abgabenfreiheit von der Getränkesteuer so manchen

Professor zu einem stillen Haustrunk verleitet haben, der wohl häufig

stärker ausfiel, als es für seine gelehrten Studien förderlich gewesen

sein dürfte«, sagt Reicke[302], weshalb noch im 18. Jahrhundert den

Fakultäten eingeschärft wurde, _keine versoffenen Professoren_ zu

wählen.

Natürlich war es den Gelehrten verboten, dieses Vorrecht zum

Nachteil der Schankwirte auszuüben, woran sie sich aber wenig

gehalten zu haben scheinen, da viele von ihnen einen schwunghaften

Ausschank betrieben. In Heidelberg gestatteten die Statuten von 1558

ausdrücklich den Lehrern der Hochschule, alljährlich zwei Fuder Wein

auszuschänken. Görlitz hatte sich wiederholt über den Rektor magnificus

und Stadtpfarrer Magister Schwoffheim zu beklagen, der fremde

Biere ausschenkte. Als auch die Brauereien sich dieser Beschwerde

anschlossen, wurde Schwoffheim nach Bautzen versetzt, wo er es ebenso

wie vordem in Görlitz trieb. Die Görlitzer erhielten hierauf den

Pfarrer Redhem, der aber in die Fußstapfen seines Vorgängers trat.[303]

Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte · 第 18 / 21 段