Bei Gelagen tranken die Äbte ihren Mönchen öfters in sancta caritate

zu, wie der St. Galler Mönch Ekkehard bezeugt. Im zehnten Jahrhundert

nahm jeder Mönch St. Gallens täglich fünf Maß Bier zu sich, außer dem

Wein und Obstwein, der beim Frühstück, Mittag- und Abendessen getrunken

wurde. Der gute Magen der Kirche huldigte von jeher dem Sprichwort:

»Selber essen macht fett«, darum Walther von der Vogelweides Klage nach

seinem Besuch in der baierischen Abtei Tegernsee:

Ich nam da wazzer, also nazzer

muost ich von des münches tische scheiden.

Man lebte fein in der Klausur, und Folianten ließen sich über die

Völlerei der Mönche füllen. Das alte Sprichwort: »Wenn die Mönche

reisen, regnet es«, erklärt sich schon im Mittelalter ein Bäuerlein

damit: »Die Mönche haben stets von dem vielen Wein, den sie trinken,

den ganzen Kopf voll Dünste, diese Dünste werden dann von der

Sonnenhitze ausgezogen und steigen in die Luft, wo sie zu Wolken

werden, aus denen dann der Regen niederträufelt.« Hemmerlin in Zürich

klagte über die Weinfässer in den Klosterkellern, die größer wären

als die Zellen, und über die besoffenen Mönche, die mit lallender

Zunge Buße predigten und mit vollem Wanst die Einhaltung der Fasten

einschärften.[259]

Wie die frommen Herren das edle Naß zu schätzen wußten bezeugt, daß

sie das beste Faß im Keller mit nutrimentum spiritus (Geistesnahrung)

und den Weinkeller selbst bibliotheca subterranea (unterirdische

Bibliothek) benannten.

Dabei waren die Kleriker keineswegs etwa besorgt, die Öffentlichkeit

von ihren Symposien gänzlich fernzuhalten, im Gegenteil sie waren naiv

genug, ihre Tafelfreuden mit Pinsel und Meisel verherrlichen zu lassen.

In den Miniaturen ihrer Bibeln lassen sehr oft die künstlerischen

Mönche ihren satirischen Gelüsten freien Lauf und zeichnen intime

Szenen, die eigentlich eine Art Selbstverhöhnung darstellen. So zeigt

eine Miniature einer moralischen Bibel des vierzehnten Jahrhunderts ein

Gastmahl in einem Kloster, dem willige Dämchen beiwohnten.[260]

In den Kreuzgängen der Klöster enthalten häufig die Kapitäle recht

bezeichnende Allegorien. So stellt im Kloster Maulbronn ein Kapitäl

einen kleinen, nackten Mönch auf einer Weintraube reitend und Trauben

naschend vor. In demselben Kloster befand sich, auf der dem Vorhofe

zugewendeten Seite des Kirchengewölbes, ein Stilleben, auf dem eine

Gans, umgeben von Küchengeräten, Würsten und Weinflaschen abgebildet

war. Unter dem Bilde stand eine zu diesem profanen Werke gar treffend

komponierte Sage mit unterlegtem Text; nur schade, daß von dem nichts

weniger als geistlichem Liede nur die Anfangsbuchstaben des ersten

Verses: A. V. K. L. W. H. -- Alle voll, Keine leer, Wein her! bekannt

sind.[261]

Bei der fortgesetzten Gewöhnung an große Quantitäten Weines konnte es

nicht ausbleiben, daß es die Mönche mit den trinkfestesten Rittern

mit Leichtigkeit aufnahmen. In Bern tranken einmal drei Pfaffen in

einem Jahre viertausendachthundert Maß Wein. Im Kloster Johannisberg

konsumierten die Mönche solche Mengen des köstlichen Gewächses ihrer

Gärten, daß sie 1453 durch eine Kommunion reformiert werden mußten.

Diese »Reformation« tat nicht nur Klöstern und Mönchen, sondern auch

sehr vielen Kirchenfürsten not. Von der ältesten Zeit an, bis nahe

zur Gegenwart, in der man vielleicht nicht genügsamer, wohl aber so

vorsichtig geworden ist, seine kleinen Leidenschaften nicht an die

große Glocke zu hängen.

Bischof Tietmar von Merseburg (976 bis 1019) erwähnt ganz treuherzig,

daß der Erzbischof Tagino schlechter Zähne wegen sich mehr an das

Trinken als an das Essen halten müsse. Überdies beklagt er aufrichtig

den Fehler seines Mitbruders Thieddag von Prag, der über die Maßen

viel trank. Thietmar bedauert dies lebhaft, knüpft auch gleich als

Entschuldigung für den Prager Erzbischof die Bemerkung an, daß die

Trunksucht Thieddags die Folge einer unverschuldeten Krankheit sei,

die ihm die Hände derart zittern mache, daß er ohne fremde Hilfe keine

Messe lesen könne. Anscheinend verwechselt der Verteidiger Ursache mit

Wirkung. Auch des Bischofs fast leidenschaftliche Gastfreundschaft

wird gelobt, wobei man sich des Argwohnes nicht erwehren kann,

daß der fromme Herr allzugerne Trinkgesellschaft um sich gesehen

habe.[262] Von dem Bischof Salomo von Konstanz sagt die Chronik, daß

an der kaiserlichen Tafel niemand war, der so geistreich zu plaudern

wußte, und mit so viel Anstand soff wie er. An den größten gastlichen

Höfen namentlich an den drei kurfürstlichen am Rheinstrom, ferner in

Salzburg, Würzburg, Bamberg, in Münster, in Passau, besonders aber in

Fulda wurde im höchsten Stile geschwelgt.[263]

Die auserlesensten Tropfen der herrlichen Lagen, deren Besitz sich

die geistlichen Herren rühmten, rannen ihre Kehlen hinab. Die Herren

verstanden den Wein zu würdigen und würdigten ihn auch nach Gebühr.

Sich zu betrinken galt nicht als Schande, aber eine Ehre war es, riesig

trinken zu können, ohne berauscht zu werden.

Ein Weihbischof, dessen Goethe in seiner Beschreibung des Rochusfestes

zu Bingen gedenkt, konnte sich in einer Fastenpredigt rühmen, daß ihn

»der grundgütige Gott der besonderen Gnade gewürdigt _acht_ Maß trinken

zu dürfen, ohne sich nachsagen lassen zu müssen, daß er darüber in

ungerechtem Zorn auf irgend jemanden losgefahren, Hausgenossen oder

Anverwandte mißkannt oder wohl gar die ihm obliegenden geistlichen

Pflichten und Geschäfte verabsäumt.«

Die Herren Geistlichen tranken aber nicht nur selbst, sondern freuten

sich stets, wenn sie Saufkumpanei fanden. Karl der Große erließ dagegen

schon ein recht vielsagendes Gesetz. »Kein Priester noch Laie«, heißt

es, »soll einen Bußtuenden zum Trinken einladen.«

Ebenso verbot er den Priestern den Besuch der Wirtshäuser, was

später von der Kurie und den erzbischöflichen Stühlen selbst endlos

oft wiederholt werden mußte, da die Mönche sich nicht scheuten,

Kirchengeräte in den Schenken zu versetzen, liederlichen Tänzen

beizuwohnen und mitzumachen, bei Zechgelagen die Sauglocke zu läuten

und unflätige Mummereien anzuführen. Derartige Erlässe wiederholen

sich fortwährend in der Vorzeit, und eben diese Wiederholungen zeigen

deutlich an, wie wenig sie gefruchtet haben. So erließ z. B. der

Bischof Philipp von Speyer fast alljährlich eine dringliche Ermahnung

an die Geistlichkeit seines Sprengels, in dem das Tragen unehrbarer,

anstößiger Kleider und das Toll- und Volltrinken ernstlich untersagt

waren.[264] Da bekanntlich böse Beispiele gute Sitten verderben, waren

die Schäfchen nicht besser als ihre Hirten.

In Hessen ging die Sache so weit, daß die Bauern die Bierkrüge mit in

die Kirche nahmen, aus denen sie sich während der Predigt zutranken und

mit deren Deckeln sie dem Pfarrer klappernd ins Wort fielen.[265]

Und nicht nur der Wein allein schmeckte der Geistlichkeit, beileibe.

Sie verachteten auch keineswegs die edle Gabe des Gambrinus, die sie

vertilgten, wo sie sie nur erlangen konnte.

Artikel 22 der alemannischen Gesetze verpflichtete jeden, der einem

Gotteshaus angehörte, an dieses fünfzehn siclus (Seidel) Bier zu

liefern.

Gleichzeitig begannen die Klöster selbst zu brauen, zum Teil mit

solchem Erfolg, daß noch viele unserer Zeitgenossen mit der Zunge

schnalzen, wenn man ihnen die mit feuchtfröhlichem Nimbus umgebenen

Namen wie Augustinerbräu, Salvatorbräu, das ursprünglich von Paulaner

Mönchen, vom Jahre 1561 ab, gebraut wurde, und viele andere Biere mit

geistlichem Anstrich nennt.

Doch nicht die Mönchsklöster allein, auch die Nonnen brauten Bier, so

in Nürnberg die Clarissinnen, von denen ein Sprüchlein besagt:

Den Nonnen am Anger von Sancta Clar'

Gewährten zwei Herzog von Bayern,

Daß sie ihr Bier sich selbsten brau'n,

Drob' gab es viel Jubel und Feiern.

Anfänglich mögen sich die Klöster ihren Bedarf gebraut haben, denn das

Konzil von Aachen bestimmt 817 auf das genaueste das Maß von Bier und

Wein, das in den Klöstern verabreicht werden durfte.

Besonders reiche Klöster und Abteien, selbst größere Pfarreien, wie in

Tetschen in Böhmen, besaßen eigene Hopfengärten, jedenfalls aber sehr

oft bedeutende Brauereien mit Malzdarren für hunderte Malter Hafer. So

das Kloster von St. Gallen, und Bischof Salomo von Konstanz, der sich

um 915 dieses Besitzes dem Kaiserlichen Kammerboten gegenüber berühmte.

Schenkten die Klostergeistlichen ihre Bräue aus, so taten es

Weltgeistliche ihren tonsurierten Brüdern mit Vorliebe gleich. Es

entstanden geistliche Bierhöfe, so beispielsweise in Siebleben bei

Gotha.

Die Geistlichkeit wurde oft geradezu zu Schankwirten.

»Abgesehen vom privaten Bierhandel der einzelnen Geistlichen

existierten fast überall, wo sich Domstifte befanden, auch geistliche

Bierstuben, sogenannte Domkeller, in denen regelmäßig fremde, sonst

in der Stadt verbotene Biere zu haben waren, weil die Inhaber dieser

Keller sich um Magistratsverordnungen durchaus nicht kümmerten, und

von diesen höchstens nur insoweit Notiz nahmen, als äußerer Zwang

dahinterstand, was, wie bei der Macht und dem ungeheuren Einflusse der

Geistlichkeit leicht erklärlich, freilich nur selten der Fall war.

Die Unsitte des Bierschankes seitens der Geistlichkeit war nicht etwa

von kurzer Dauer, nein, sie erhielt sich jahrhundertelang aufrecht,

und auch die Reformation machte ihr keineswegs ein Ende. Es fehlte

übrigens auch nicht an protestantischen Geistlichen, welche in die

Fußtapfen ihrer katholischen Kollegen traten, so daß noch am 17.

November 1725 der Landgraf Ludwig des damals doch fast ausschließlich

protestantischen Hessen-Darmstadt eine Verordnung erließ, worin er

den von der Geistlichkeit ausgeübten Wein- und Bierschank für einen

Eingriff in die bürgerliche Gewerbstätigkeit erklärte und bei hoher

Strafe untersagte.[266]

Sie waren übrigens auch wohltätig, diese Braumönche, denn sie

verschenkten an Bettler statt des Geldes als Almosen ein Glas Dünnbier.

So

Bei St. Franzisko, im Kloster,

Braut man vortreffliches Bier,

Und bist du ein armer Teufel,

Zahlst du keinen Heller dafür!

Das war freilich nur Dünn- oder Tropfbier.

Das gute »echte« tranken sie selber oder verschenkten es nur für

schweres Geld, wie die Patres Benedictini ihren Likör, der sie um

Millionen bereicherte. Die »tote Hand« hat es von jeher bis zum

heutigen Tage verstanden, den Kern zu behalten und die Schale freigebig

zu verabreichen:

Es braun d' Augustiner

Mit Dampfkraft das Bier,

Die Kraft behaltens selber,

Den Dampf kriegen mir!

6. Das schwache Geschlecht.

Trinkt der Ritter und der Pfaffe,

Trinkt der Bürger und der Laffe,

Trinken Bauern, trinken Knechte,

Und die Hufner und die Mägde.

_Mischke_, Der fahrenden Schüler Liederbuch (Berlin

1893).

In der guten alten Zeit des Germanentums bis in die Ritterzeit hinein,

bevor diese jene Auswüchse ansetzte, die ihren Verfall zur Folge

hatten, nahmen die Frauen an den Gastmählern nur teil, solange gegessen

wurde. Wenn die Tische abgeräumt und die schweren Kannen aufgesetzt

wurden, überließen sie den Männern das Feld.[267] Zu diesem Zwecke

saßen auch die Damen abgesondert von den Herren am Tische, so heischte

es die Gewohnheit[268], der Anstand.

Später änderte sich das ganz gewaltig. Böse Beispiele verderben gute

Sitten, und darum steckte die Trinklust der Männer auch das schwächere

Geschlecht an. Und wenn auch dem Trunke ergebene Frauen nicht so häufig

waren wie Zecher, so kennt doch die Kulturgeschichte eine ziemliche

Zahl trinkfester Frauen, die es mit den Herren der Schöpfung getrost

aufnehmen konnten.

Schon der Minnesänger Oswald von Wolkenstein singt von einer Dirne zu

Brixen in Tirol, die »Vil parell ausgesuggelt«.

Der Pokal Theudelindens, den Keyßler zu Monza sah, war zwei Fäuste dick

und bestand aus einem einzigen Stück Saphir.

In den Trinkstuben und Ratskellern waren die Frauen gern gesehene

Gäste, die sich ihr Glas schmecken ließen. Der Markgraf von Meißen nahm

bei einem Besuch in Lübeck 1478 an dieser Sitte derartigen Anstoß, daß

er Einen Ehrbaren Rat der Hansestadt zu einem Verbot dieses Gebrauches

bereden wollte. Allerdings trieben es die vornehmen Bürgerinnen Lübecks

auch etwas zu bunt, wie in meinem »Geschlechtsleben« nachzulesen

ist.[269]

In dem 1551 in Leipzig erschienenen »Sendbrief an die vollen Brüder

im deutschen Lande« heißt es: »Es üben solche Laster jetzund nicht

allein die Mannspersonen, sondern auch die Weiber, nicht allein die

Alten, sondern auch die jungen Kinder; die können allbereits einander

ein Halbes zutrinken. Die Eltern lehrens auch wohl ihre Kinder. »Nu

laß sehen«, spricht der Vater zum Söhnlein, »was du kannst, bringe ihm

ein Halbes oder Ganzes!« Und über dies alles hat man solches Lasters

der Trunkenheit kein Hehl, sondern kitzelt sich damit, als hätte man

gar wohl gehandelt« usw. Thomas Murner behandelt die Trinkgelüste der

Weiber in einem vielstrophigen Kapitel »Auf der Flasche Riemen treten«

seiner Narrenbeschwörung.

Gegen Trunkenboldinnen erließ der Rat von Heilbronn den Erlaß: »Den

Weibern, so dem Trunk ergeben, sollen vom Stadtknecht Zettel an den

Kopf geheftet werden, mit den Worten: _Versoffene Krugsurschel_[270].«

Ein Ratsprotokoll von Hall vom Jahre 1640 besagt: »Erhardt Geyers

filia, die sich mit dem Trunk überladen und in der Kirchen evomieret,

ward ins Hetzenest condemniret zur Abscheu, und dazu um 3 fl.

gestraft.«[271]

Eine höchst seltsame Einrichtung in Württemberg waren die sogen.

_Weiberzechen_, eigene Stiftungen, aus deren Erträgnissen die Frauen

alljährlich einmal ein ordentliches Gelage halten durften, gleich wie

fromme Seelen oder Nonnen Vermächtnisse für Bier hinterließen.[272] So

bestand bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Ochsenbach eine

solche Weiberzeche, die alljährlich am Sonntag Invocavit stattfand.

Man nannte sie, -- nach dem altrömischen bona dea -- bekanntlich das

Bacchusfest, an dem die Männer nicht teilnehmen durften -- _Bonnen

Deen_. An diesem Tage war ein Räuschchen gerne verziehen, wie Vulpius

angibt, der das Treiben bei der Weiberzeche näher beschreibt.

In die Bergstädte, wo Arbeiter mit ihren Familien aus allen

Weltrichtungen hinströmten, war mit anderen lockeren Sitten auch die

Trunksucht verschleppt.

Die »Kirchen-, Schul- und Spitalordnung der Bergstadt Joachimsthal

in Böhmen«, von dem Luther-Biographen Mathesius (geb. 1508) 1551 zu

Papier gebracht, besagt: »Die Weiber halten auf ihre Bierörter, die

Jungfrauen lernen das Zechen. Knecht und Magd säuft mit, man wäscht

die Beine in Wein, bis es heißt Fuimus Troes.«[273] Über das Trinken

der Bauernmädchen klagt auch ein Artikel im 142. Band der Krünitzschen

Encyklopädie, der sich auf die Sitten des endenden achtzehnten

Jahrhunderts auf dem Lande bezieht, und von den Kölnerinnen behauptet

ein altes Sprichwort: »Watt der Mann verdeent, versüfft das Wif«.

Immerhin scheint die Lust an einem »guten deutschen Schluck und Trunk«

bei den deutschen Damen der höheren Stände ungleich verbreiteter

gewesen zu sein, als unter den Bürgerinnen und Bäuerinnen. So wollte

denn auch Heinrich IV. von Frankreich keine deutsche Fürstentochter

zur Frau, »weil er dann immer glauben würde, eine Weinkanne um sich

zu haben«. Das Abstoßende einer trunkenen Frau empfand man übrigens

auch im Mittelalter. Kaiser Friedrich III., nach ehemaligen Begriffen

ein Temperenzler von reinstem Wasser, da er nur zum Abendessen und nur

mit Wasser vermischten Wein trank, haßte die Trinkerinnen derart, daß

er erwidert haben soll, als die Ärzte seiner unfruchtbaren Gattin Wein

verordneten, er wünsche lieber eine unfruchtbare als eine weintrinkende

Gemahlin zu haben.[274]

Die Weibesbild auch heben an,

Einander zü zütrinken:

Volle vnd halbe wie die Mann,

Mein hertz wil mir entsincken.

Wenn ich bedenck die sünde schwär,

Vnd allen schaden so folgt her,

Auß überfluß deß trinckens

läßt sich ein anonymer Dichter aus dem Jahre 1562 vernehmen.[275]

Es mußte schon stark hergehen, ehe man eine Frau von damals des

»Trinkens« bezichtigen konnte, denn die holde Weiblichkeit verstand

sich keineswegs auf das Nippen. Eine ätherisch-sezessionistische

Jungfrau von heute würde sich entsetzen vor dem Paßglas, das die

holde, so viel gefeierte Philippine Welser zu leeren gewohnt war --

zum Entzücken ihrer Anbeter, denn der Hals der Dame war so fein, zart

und weiß, daß man ihr das rote Getränk innen die Kehle hinabgleiten

sah.[276]

Die schöne Augsburgerin eröffnete auch in dem Trinkbuch von Schloß

Ambras in Tirol, in das sich diejenigen mit Namen und Sprüchlein

einzuzeichnen pflegten, die den Inhalt des drei Maß haltenden

Willkommenhumpens um ein Erkleckliches verringert, im Jahre 1567 den

Reigen der Frauen.

In der bereits erwähnten »fürtrefflichen« Hofordnung Ernsts des

Frommen vom Jahre 1648 heißt es in § 7: »vor unsere junge Herrschafft

und Fräulein, soll er jede Mahlzeit geben, insgesamt zwei Maaß Wein

und fünffthalb Maaß Bier.« Da unter den »Fräuleins« junge Mädchen im

zartesten Alter zu verstehen sind, so nötigt die Getränksmenge dieser

Dämchen selbst einem gewiegten Trinker alle Achtung ab. Sieben Maß pro

Tag -- das bringt heute höchstens eine Münchnerin fertig.

Einige Jahrhunderte früher, anno 1062, erhielt eine Hofdame der

Kaiserin täglich, wenn sie mit ihrer Gebieterin auf Reisen war, ein

Maß Met, 1½ Maß Wein, 5 Maß Bier, 1 Semmel, 1 Eierbrot und eine Metze

Futter für ihren Zelter, jährlich 2 Röcklein und 2 Schleier.

Auf einer Hochzeit in Goldberg in Schlesien war Hans von Schweinichen

Tischherr einer jungen Dame. »Sonderlich erhub mich dieses, daß des

Herrn Bocks Tochter, Jungfrau Käthlein, etliche Worte lateinisch

konnte reden, _und wann sie mir eines Lateinisch zutrank_, daß ich ihr

antworten konnte«[277], also eine kommentmäßige Jungfrau, auf die aber

hoffentlich das alte Sprichwort nicht paßte:

Ein Mägdlein, das gern Wein trinket

Ein Junggesellen mit den Augen winket,

Und scharret mit den Füßen auf der Erden,

Ist's keine »Dirn«, so wird sie eine werden.[278]

Aber alle diese holden Weiblichkeiten waren Waisenkinder gegen folgende

Antiabstinenzlerinnen der Vorzeit. So überliefert Herolds Chronik von

Schwäbisch-Hall ein Bravourstück dreier weiblicher Kneipgenies unter

dem Titel: »Drei wohlbesoffene Weiber«. Die Stelle lautet: »Anno

1532 sind drei adelige Geschwistrig, die Friederichen genannt, von

Elfershofen bürtig, nach Johannistag im Sommer gen Untermünckheim

von Hall in des Mühl-Michel's Hauß kommen, allda des besten Weines

32 Maß ohne die Kost ausgetrunken, die Zech bezahlt und sein ruhig

vor Nachts wieder mit einander gen Hall gegangen.« Es gibt sicherlich

manchen Bruder Studio von heute, der es mit diesen drei Edelfräulein

von Elfershofen nicht aufnehmen kann.[279] Die Herren Studiosi werden

auch vor der Gräfin Anna von Stollberg, Äbtissin von Quedlinburg,

beschämt die Waffen strecken, denn diese Dame bedurfte zur »Erquickung

und Labung« alljährlich _nur_ drei Fuder Wein. Die Nonnen von St.

Himmelpforten in Wien nahmen sich, wie ich schon früher erwähnte,

ein Beispiel an dieser Glaubensgenossin aus der zweiten Hälfte des

sechzehnten Jahrhunderts.

Alle diese stellte noch Prinzessin Anna von Sachsen, Tochter des

Kurfürsten Moritz, die Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen in den

Schatten.

Der große Oranier, Wilhelm der Schweigsame (1533 bis 1584), warb als

Witwer von fünfundzwanzig Jahren um die Prinzessin, und im August

1561 fand in Leipzig die Hochzeit statt. Die Festlichkeiten waren so

glänzend, die Zahl der Gäste so groß, daß die für die damalige Zeit

außergewöhnlich hohe Mitgift von siebzigtausend Talern kaum ausreichte,

die Kosten zu bestreiten. Die Tante der Prinzessin, die Frau des

Kurfürsten August, bat den Prinzen von Oranien recht herzlich, er,

der damals noch Katholik war, möchte doch ihre Nichte nicht »vom Wege

der wahren Religion«, d. h. vom Protestantismus, verführen, worauf

der Prinz erwiderte: »Sie soll sich mit solch melancholischem Zeug

gar nicht zu schaffen machen. Statt der Bibel soll sie den Amadis und

ähnliche kurzweilige Bücher lesen, die de amore handeln, und statt

zu nähen und zu stricken, soll sie eine Galliarde tanzen lernen,

und andere Courtoisien, wie sie schicklich und landesbräuchlich.«

Allein die junge Frau lernte mit schicklichen und sehr unschicklichen

»Courtoisien« auch das -- Saufen! »Es ließ ihr auch die Frau Prinzessin

offtmals eyer gahr hardt im salltz sieden, darauf tringkt sie dan

edtwan zuvil und werde ungeduldig, fluche alle böße Flueche und werfe

die speiße und schussel mit allem von tisch. Und die Frau Prinzessin,

wie sie es genannt, den _tollen man_, nemlich ein guedte Flasche zu

abendts und abermals ein guedte Flasche zu abendtszeit mehr dan ein

maß haltend bekumen, welches ihr sambt einem Pfund Zuckers bei sich zu

nemen nicht zu vil sey.« Der Prinz schied sich von der Säuferin, deren

Delirien zuletzt unerträglich wurden, und das unglückliche Weib, völlig

wahnsinnig geworden, verstarb, in Dresden von ihrem Oheim in Gewahrsam

gehalten, im Jahre 1577.

Dieses bedauernswerte Geschöpf bildete natürlich eine Ausnahme,

immerhin aber war die holde Weiblichkeit der Vorzeit ebenso wie im

Essen, so auch im Trinken unserem zarter gewordenen Geschlechte

bedeutend über. Wenn am Hof Ernsts des Frommen z. B. die Fürstin und

die Prinzessin das bereits angegebene Quantum Flüssigkeit mühelos

vertilgten, so standen ihnen die Hofdamen und das Gesinde keineswegs

nach. »Die Mägdgen« erhielten für den Tag jede eine Maß Bier und

dreieinhalb Maß Landwein; »vors gräfliche und adelige Frauenzimmer« am

Tage vier Maß und abends »zum Abschenken« drei Maß Bier.

Als vollgewichtiger Entschuldigungsgrund für diesen Riesendurst darf

die mittelalterliche Küche gelten, die scharfe Gewürze im Übermaß

anwandte.

Wir selbst geben diesen Entschuldigungsgrund an, einerseits weil dies

unsere Gerechtigkeitsliebe verlangt, andererseits um zu beweisen, daß

man beim Trinken stets eine Entschuldigung zur Hand hat -- einst und

jetzt!

7. Studenten und Professoren.

Der kühle Wein

macht gut Latein.

E. _Eyring_ (1601).

Nichts liegt mir ferner, als eine Geschichte des deutschen

Studententums zu schreiben, obgleich dies besonders in dem vorliegenden

Kapitel sehr nötig wäre. Denn Geschichte und Kulturgeschichte

sind so innig miteinander verwachsen, daß es einer äußerst

vorsichtigen Operation durch eine darin geübte Hand bedarf, ein

kulturgeschichtliches Moment auszulösen, ohne nicht gleichzeitig Fetzen

von Geschichte mit wegzuoperieren, die das Stückchen Kulturgeschichte

bis zur Unsichtbarkeit überwuchern.

Besonders bei der Geschichte des Studentendurstes liegt die Gefahr

nahe, die deutsche Universitätshistorie aufzeichnen zu müssen, denn

seitdem es Studenten in Deutschland gibt, hatten sie Durst, und nicht

zu knapp!, sagt der Berliner.

Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte · 第 17 / 21 段