_Sol_. Wär' diese Unart nicht in dem fürstlichen Stande, die ganze
Gesellschaft der Trinker wäre längst zergangen. Sie bestärken dieses
Mißleben durch ihr böses Beispiel, und vor allem folgen ihnen darin
die Sachsen nach, die dort, wie du siehst, sich ganz der Trunkenheit
ergeben haben. Diese allein vor allen Deutschen haben noch von ihrer
alten Weise nicht abgelassen, sie widersetzen sich aller Vermahnung und
halten an ihrer Väter Weise fest.
_Phaëton_. O Himmel und Erde, welch eine Gesellschaft sehe ich da!
Welche Trünke! Welche Rülpse! Welch ein Speien! Da frißt und säuft
man unmäßig, überhäuft die Gerichte, trägt das Brot in großen Körben
auf und den Trank in schweren Flaschen, schreit, ruft, singt und
heult. Von ihnen kann ich dasselbe sagen, was der Poet Lucilius sagt:
»Also gebärdet ihr euch, ihr vollen Bäuche, ihr Schlucker und ihr
Weinschläuche!« ... Hier kann man wie die Griechen in ihrer Sprache von
den Leontinern, »allewege stecken die Leontiner hinter den Flaschen«,
jetzt von den _Sachsen_ sagen auf Lateinisch, damit es jedermann
versteht »allewege stecken die Sachsen hinter den Flaschen!« Fürwahr,
sie müssen viel Wein vertilgen.
_Sol_. Sie trinken nicht Wein.
_Phaëton_. Wie, werden sie denn von Wasser so voll?
_Sol_. Ja, von Wasser.
_Phaëton_. Haben sie denn auch, wie die Paphlagonier, Brunnen im Lande,
wovon die Leute trunken werden?
_Sol_. Auch nicht. Denn wenn das wäre, so würden sie vom Trinken
bersten; sie kochen einige Kräuter und Früchte, und von diesem Getränk
werden sie berauscht. -- (Also von Bier. --)
_Phaëton_. Das ist gut erfunden. Wie wollte man auch für solche, die
soviel schlucken, Weins genug finden!
_Sol_. In Deutschland nicht.
_Phaëton_. Haben diese auch, wie andere Leute, Sinne und Verstand?
_Sol_. Wie andere, und einen guten Verstand.
_Phaëton_. Und speien, was sie getrunken haben, ohne Schaden wieder aus?
_Sol_. So ist's ...«
Poggio, ein Florentiner, der auf seiner Reise mit Papst Johannes
XXIII. zur Kirchenversammlung nach Konstanz im ersten Viertel des
fünfzehnten Jahrhunderts Deutschland kennen lernte,[209] schreibt an
Julian, Kardinal von S. Angelo, darüber: »Einst war das deutsche Volk
kriegerisch: jetzt kämpfen sie statt mit Waffen mit Wein und Völlerei
(crapula) und haben so viel Kräfte, wie sie Wein fassen können; fehlt
der, so fehlt es auch an Mut!«
Geiler von Kaysersberg spricht[210] von Leuten, die »sauffen, daß das
glaß ein Krach lasset. Auß solchen hab ich einen gesehen, der soff
einen solchen starcken suff, daß das glaß ein Krach ließ und entsprang
in der mitt entzwei«, und Sebastian Frank, dem die deutsche Literatur
auch den Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit« (1528)
verdankt, sagt in seinem »Weltspiegel«: »dazu säuft es unchristentlich
zu, Wein, Bier, und was es hat.«
Dem gewaltigen Luther konnte natürlich der deutsche »Saufteufel«,
welches Wort er geprägt, nicht entgehen, und er erhebt mehrfach seine
Stimme dagegen, trotzdem ihm der Hofprediger und Generalsuperintendent
der Mark Brandenburg, Johann Agricola (1429--1566), der erst Luthers
Tischgenosse in Wittenberg, später allerdings sein Gegner wurde,
unmäßiges Biertrinken vorwarf. In seiner Streitschrift »Wider Hans
Worst«, erschienen 1541, schreibt er:
»Es ist leider ganz Deutschland mit Saufen geplagt. Wir predigen und
schreien darüber, es hilft aber leider nicht viel. Es ist ein böses
altes Herkommen im deutschen Lande, wie der Römer Cornelius (Tacitus)
schreibt, hat zugenommen und nimmt noch zu.« In der Auslegung des
101. Psalms sagt er: »Der Geist, so über Italien herrscht, ist ein
Hochmutsgeist, der Geist, _so über Deutschland herrscht, ein Freß- und
Saufgeist_, der Geist, so über Griechenland herrscht, ein Geist der
Lügen und Leichtsinnigkeit, der Geist, der über Frankreich herrscht,
ein Geist der Unzucht und Untreue!« Dann: »Es muß ein jeglich Land
seinen eignen Teufel haben, Welschland seinen, Frankreich seinen. Unser
deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch sein und muß Sauf heißen,
daß er so durstig und hellig ist, der mit so großem Saufen Weins und
Biers nicht kann gekühlt werden. Und wird solcher ewiger Durst und
Deutschlands Plage bleiben bis an den jüngsten Tag. Es haben gewehret
Prediger mit Gottes Wort, Herrschaften mit Verbot, der Adel etliche
selbst untereinander mit Verpflichten, es haben gewehrt und wehren noch
täglich große, greuliche Schaden, Schande, Mord und alles Unglück,
so an Leib und Seele geschehen vor Augen, die uns billig sollten
abschrecken. Aber der Sauf bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns
Deutschen ...«
Im Handschreiben an den »christlichen Adel deutscher Nation« (1578)
fordert Luther die Obrigkeit auf, einzuschreiten gegen den »Mißbrauch
des Fressens und Saufens, davon wir Deutschen als einem besonderen
Laster keinen guten Ruf haben in fremden Landen. Mit Predigen ist dem
hinfort nimmer zu raten, so sehr ist es eingerissen und hat überhand
genommen. Es wäre der Schade am Gut das Geringste, wenn die folgenden
Laster: Mord, Ehebruch, Stehlen, Gottesunehre und alle Untugend nicht
folgten.«
Aus Luthers Werken ließen sich noch eine ganze Reihe von Aphorismen
gegen das deutsche Nationallaster ausziehen, doch mag die Wiedergabe
einer Predigtstelle, gehalten 1525, mit dem Thema »von Nüchternheit und
Mäßigkeit wider Völlerei und Trunkenheit« schon deshalb genügen, weil
sie einerseits des großen Reformators Eigenheit ebenso deutlich zeigt,
wie sie andererseits das Thema ganz im Geiste jener Zeit behandelt.
»Hier wäre wohl not einer besonderen Predigt und Vermahnung für uns
wüste Deutschen wider unsere Völlerei und Trunkenheit; aber wo wollten
wir die Predigt nehmen, die da stark und kräftig genug wäre, dem
schändlichen Säuleben und Saufteufel bei uns zu wehren? Aber was hilft
es, hiervon viel sagen, weil es also eingerissen, daß es nun ganz ein
gemeiner Landbrauch ist worden und nicht mehr allein unter dem groben,
gemeinen, ungezogenen Pöbel, auf den Dörfern unter den Bauern und in
offenen Tabernen, sondern nun in allen Städten und schier in allen
Häusern und sonderlich auch unter dem Adel und zu den Fürstenhöfen
über und über gehet? Ich gedenke, da ich jung war, daß es bei dem
Adel eine treffliche, große Schande war, und daß löbliche Herren und
Fürsten mit ernstlichem Verbot und Strafen wehrten; aber nun ist es
unter ihnen viel ärger und mehr denn unter den Bauern; wie es denn
pflegt zu gehen, wenn die Großen und Besten beginnen zu fallen, daß sie
hernach die ärgsten werden; bis es dahin gekommen ist, daß auch Fürsten
und Herren selbst von ihren Junkern solchs gelernt und sich nun nicht
mehr deß schämen und schier will eine Ehre und fürstliche, adelige,
bürgerliche Tugend heißen: und wer nicht mit ihnen eine volle Sau sein
will, der wird verachtet, da die andern Bier- und Weinritter große
Gnade, Ehre und Gut mit Saufen erlangen und wollen's berühmt sein, als
hätten sie daher ihren Adel, Schild und Helm, daß sie schändlichere
Trunkenbolde sind denn andere. Ja, was sollt mehr hier zu wehren sein,
weil es auch unter die Jugend ohne Scheu und Scham eingerissen,
die von den Alten solchs lernet und sich darinnen so schändlich und
mutwillig ungewehret, in ihrer ersten Blüte verderbet, wie das Korn vom
Hagel und Platzregen geschlagen, daß jetzt das mehrere Teil unter den
feinsten, geschicktesten, jungen Leuten, sonderlich unter dem Adel und
zu Hofe, vor der Zeit und ehe sie zu ihren Jahren kommen, sich selbst
um Gesundheit, Leib und Leben bringen. Und wie kann es anders zugehen,
wo die, so andern wehren und strafen sollen, selbst solches tun? Darum
ist ja Deutschland ein arm, gestraft und geplagt Land mit diesem
Saufteufel und gar ersäuft in diesem Laster, daß es sein Leib und Leben
und dazu Gut und Ehre schändlich verzehrt und durchaus eitel Säuleben
führt, daß, wenn man es malen sollt, so müßt man es einer Sau gleich
malen!«[211]
Seitdem es in Deutschland Prediger gibt, war das Nationallaster ein
beliebtes, immer von neuem aufs Tapet gebrachtes Thema. Wer eine Kanzel
bestieg, hielt eine donnernde Philippika gegen die »Füllerey« auch
dann, wenn die im zarten Rubinrot erstrahlende Nase als Zeichen in
das Auditorium hineinglühte, daß der Eifer des Geistlichen ein rein
geschäftlicher war, den er sich später mit einem Quantum der edlen
Gottesgabe zu löschen beeilen werde.
Von Berthold von Regensburg, Johannes Capistranus, Geiler von
Kaysersberg, Luther, Murner, Abraham a Sanct Clara, Andreas Musculus an
haben alle Geistlichen beider Bekenntnisse, Katholiken und Protestanten
ihren Stab über den bösen Saufteufel gebrochen, sie alle wetterten laut
gegen das Laster, wenn sie sich vielleicht auch im stillen sagten -- es
ist ein schönes Laster!
Auch zur Feder griffen die gestrengen Herren gar häufig, um ihren Grimm
zu Papier zu bringen und »für die Ewigkeit« zu erhalten. Der Titel
eines solchen Buches, das den bekannten Verfasser der »Sprichwörter«,
Seb. Franck, zum Autor hat, lautet:
»Von dem grewlichen laster der trunkenheit, so in diesen letzten Zeiten
erst schier mit den Franzosen aufkommen, was füllerey, sauffen vnd
zutrinken für jammer vnd vnrath, Schaden der seel vnd des leybs auch
armut vnd schedlich art anricht, vnd mit sich bringt. Und wie dem
übel zu raten wer, gründlicher bericht vnd ratschlag, auß göttlicher
geschrifft.« 1531.[212]
Der mehrfach erwähnte Straßburger Kanzelredner Geiler von Kaysersberg,
der sich Brants Narrenschiff zur Grundlage einer Serie von Predigten
nahm, die er 1498 im Münster hielt, hat auch eine Predigt über die
»Praßnarren, Füllnarren, Fässelnarren, Weinschleuchen, Buß den Wein,
Weingänßlein« losgelassen. Dreißig Schellen erkennt er den Trinkern
zu, und verteilt sie folgendermaßen:
Die erste Schell der Füll Narren ist, die dolle vnd volle des
verstandts vnd der vernunfft, welche in dem Haupt verruckt wirrt. Dann
die Füllerey vnd Schlemmerei erregt viel Dämpfe und Feuchtigkeit im
Kopf, welche hernach das Haupt und die Vernunft verwirren und bedecken,
also daß man dadurch halb taub und unsinnig wird. Sintemal das Gemüt
und die Vernunft nichts unzuträglicher ist und so leicht verdirbt,
wie die Völlerei und Schlemmerei. Zugleich wie Blindheit eine Tochter
der Geilheit, also ist das Vollsein ein Kind oder eine Tochter der
Gefräßigkeit und Völlerei.
In der zweiten Schelle »Vergebenliche Freud« schildert Geiler
die »fantasey« der Trunkenen, die sie zu allerhand Narrenwerk,
Aufschneidereien und anderem Unfug antreibt und ihnen allerlei
Hirngespinste vorgaukelt. Einer unter ihnen beweinet »_das truncken
Elendt_«, einer »Bulet, vnd hat sein Gugulfuhr mit hübschen Mägdlen«
und so geht es weiter, bis ein Dutzend Beispiele angeführt sind.
Die dritte Schelle befasst sich mit denen, die beim Wein schwätzen
und schreien, die vierte mit den Zotenreißern, die sechste mit den
unsauberen Zechern.
Die siebente Schell geht gegen solche, die »alle augenblick fressen und
füllen. Dann es haben etliche den Brauch, daß sie den gantzen tag ohn
auffhören fressen vnnd sauffen, welches doch ganz vngesundt ist vnnd
wider die Natur. Dann was man ober zwey mall ein tag ysset, das ist zu
viel.« Die achte, neunte bis zur dreizehnten Schelle richtet sich gegen
die Leckermäuler, die »schleckbißle vnd Pfaffenbißle« nachjagen, neue
Speisen erfinden, übergroße Mahlzeiten herrichten und genießen, und die
größte Sorgfalt auf gute Küche wenden und sich schließlich überessen.
Von der dreizehnten ab beginnt die »Tischzucht«, wie man sich bei der
Tafel benehmen soll. Da wird gerügt das begierige Essen, »unzüchtig
Brot« schneiden, die Rinde essen und den »Brosam« liegen lassen, mit
den Händen agieren und die Arme auflegen, die Augen immer herumgehen
lassen, Brot zerkrümeln, Wein ausschütten, mit dem Tischtuch spielen,
mit den Augen essen, zu viel auf den Löffel nehmen, mit den Fingern in
die Becher greifen, die schmutzigen Hände an den Kleidern abwischen
und dann gleich wieder in die Schüssel fahren, mit abgebissenem Brot
die Schüssel auswischen, die Finger mit der Speise »bis in den rachen
hinein stoßen«, »das maul für ein messer gebrauchen«. Nun kommt das
Trinken an die Reihe. »Die siebenvndzweintzigst schell ist, Sauffen daß
das Glaß ein Krach lasset. Auß solchen hab ich einen gesehen, der soff
einen solchen starcken suff, daß das Glaß ein Krach ließ vnd entsprang
in der mitt entzwey.«
28. Sauffen, daß die augen vberlauffen.
29. Sauffen, daß der Wein vber beyde backen herab laufft auff das
Wammest vnnd die Kleider, also daß einer hendt vnd bart darunder köndt
gewäschen.
Die dreißigste und letzte endlich ist: Sauffen dz jm der Athem zu kurtz
wirdt, also daß er möcht ersticken.
In der Endmoral heißt es dann: Wie hefftig aber solche sündt, schandt
vnnd laster der Füllerey und Fresserey ye vnd ye von Gott sein
gestrafft worden, weisen alle bücher auß, die voll sein solcher exempel.
Einer der urwüchsigsten, für das Denken und Fühlen des Volkes und
ihrer Seelenhirten, besonders charakteristischen Sermone gegen die
Trunkenheit ist die heute sehr mit Unrecht vergessene, anno 1562
gedruckte Predigt des biederen »Matthäus Friederich, Pfarrherrn zu
Görentz«: Wider den Saufteufel, gebessert vnd an vilen örtern gemehret,
die ich, wie ich glaube, vielen Lesern zu Dank etwas modernisiert
nach dem Neudruck in H. Scheibles prächtigem, heute nur noch unter
Schwierigkeiten erhältlichem Sammelwerke »Das Kloster« nachstehend
ungekürzt wiedergeben will. Wer sich scheut, das etwas länglich
geratene Machwerk zu lesen, mag es überschlagen, -- er wird es aber
bereuen.
_Wider den Saufteuffel_, gebessert vnd an vilen örtern gemehret. Von
Matthäus Friederich, Pfarrherr zu Görentz, Anno 1562.
_1. Etliche wichtige Ursachen, warum alle Menschen sich vor dem Saufen
hüten sollen._
Die erste Ursache ist, daß das Saufen von Gott in seinem Wort verboten
ist.
Saufen aber heißt, (wie es alle vernünftigen Menschen verstehen),
wenn man mehr in den Leib gießt, denn die Notdurft erfordert, es
geschehe nun auf welcherlei Weise, man tue es aus eigenem Fürnehmen,
aus Gewohnheit, oder jemand zu Gefallen, so heißt doch alles gesoffen,
gleichwie fressen heißt, wenn man mehr Speise in den Leib steckt, als
die Notdurft erfordert. Denn Essen und Trinken ist uns von Gott darum
gegeben, daß wir den Hunger und Durst damit vertreiben und den Leib
damit erhalten sollen. Was nun darüber geschiehet, das heißt alles
gefressen und gesoffen und ist ein Mißbrauch der Kreaturen Gottes, da
hilft keine Entschuldigung. Nun sollt es ja billig sein, daß wir alle
Gott hierin Gehorsam leisten, weil es sein Wille und Gebot ist, daß
wir uns vor dem Saufen hüten sollen, und wenn wir gleich keine andere
Ursache hätten, uns dafür zu hüten, so sollt uns billig dies allein
Ursach genug sein, daß es Gott verboten hat.
Sollte es nicht billig sein, ihm als unserem Schöpfer, Erlöser, Herrn
und Vater gehorsam zu sein, da er gebeut und spricht: sauft euch nicht
voll! Das muß ja alle Vernunft bekennen und sagen, daß es billig sei.
Wir armen, elenden, sterblichen Madensäck, die wir gegen Gott nicht
wohl einer Fliege zu vergleichen sind, wollen, daß alles, was wir
sagen, von jedermann geehrt, geglaubt, gefürchtet und gehalten werden
soll; wir wollen, daß alles, was wir unseren Untertanen, Gesinde und
Kindern sagen, das soll stracks gehalten werden, wo nicht, so stehet
kein Stecken recht, wir können auch Gottes Wort dazu einführen.
Sollte nun nicht viel billiger Gottes Gebot von uns armen Menschen
angenommen, geehrt, gefürchtet und gehalten werden? Sollten wir armen
Menschen nicht billig, wenn wir hörten, was Gott, unser aller Herr,
von uns haben will, unser Hütlein abnehmen und bald darauf sagen
oder gedenken: Ja, lieber Herr, das will ich gern tun, hilf mir nur
durch deinen heiligen Geist dazu, ich tu es billig, denn du bist mein
Schöpfer, ich bin deine arme Kreatur, du bist mein Herr, ich dein
unwürdiger Diener, du bist mein Vater, ich dein armes Kind.
_2. Die andere Ursach._
Die andere Ursache, darum alle Menschen das Saufen meiden sollen, ist,
daß Gott dräuet, die Säufer hier zeitlich und dort ewig zu bestrafen.
Denn im Jesaia im 5. Kapitel droht Gott also und spricht: Wehe denen,
die des Morgens früh aufstehen, des Saufens sich zu befleißigen, und
sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt usw.[213] Das ist,
Gott wird Säuferei mit Krieg, Hunger und Durst strafen. Solches merk
wohl! Das soll die zeitliche Strafe sein! Folgt nun die ewige.
Denn, so spricht er weiter,[214] daher hat die Hölle die Seele weit
aufgesperret und den Rachen aufgetan, daß hinunterfahren beide, die
Herrlichen und Pöbel, beide, die Reichen und Fröhlichen. Das ist, Gott
will Säuferei mit der Hölle und ewigem Feuer strafen.
In der ersten Epistel an die Korinther, im 6. Kapitel, sagt Gott
durch St. Paulum: Lasset euch nicht verführen; weder die Hurer, noch
die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch
die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die
»Trunkenböltz«, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich
Gottes ererben. Das ist deutlich genug geredet, daß kein Trunkenbold
das Reich Gottes ererben werde.
_Die dritte Ursache._
Die dritte Ursach ist, daß wir keine Stunde noch Augenblick vor dem Tod
sicher sind. Denn das ist ja gewiß, daß unser keiner gewiß ist, wann,
wie und wo er sterben soll. Unser keiner weiß, ob er heute oder morgen,
die Stunde oder diesen Augenblick vom Tod überfallen möchte werden.
Wenn du nun trunken wärst und würdest vom Tod überrasselt, kannst du
wohl denken, wo du hinfahren würdest? Denn du hast gehört, daß kein
Trunkenbold werde ins Himmelreich kommen; wo werden sie denn hinkommen?
Nirgend hin, denn ins ewige höllische Feuer! In solches Bad gehören
solche Säu! Dem Teufel haben sie gedient und ihm zu Gefallen sich voll
gesoffen, der wird ihnen endlich auch lohnen.
Du möchtest aber vielleicht gedenken: du wolltest Gott in der vollen
Weis' um Vergebung bitten, und hoffen, er würde dir gnädig seyn?
Ja, wenn du nur auch alsdann von Herzen könntest beten und hoffen.
Wie aber, wenn du dich nicht besinnen könntest? oder wenn du dich
besinnest, wie wenn es nicht von Herzen mit ernster Andacht gehen
könnte? Wie, wenn dir der Teufel widerstehen würde und dir deine
Sünde fürhielt', dich also ängstete, daß du dich gegen ihn mit Gottes
Wort und Gebet wehren sollest? Wo wolltest du alsdann bleiben? Was
wolltest du machen? Ein nüchterner Mensch hat allda genug zu schaffen,
geschweige denn ein trunkner.
So folget nun hieraus, daß sich alle Menschen billig solcher großen
Gefahr wegen, sich selbst zum besten, vor'm Saufen hüten sollen,
weil wir keine Stund' noch Augenblick vor dem Tod sicher sind und
wohl bedürfen, daß wir immer nüchtern erfunden werden. Und soll ein
jeglicher Mensch allzeit seine Rechnung also machen und gedenken:
wie, wenn du diesen Tag, oder diese Nacht, oder diese Stunde sterben
solltest, würdest du dich auch vollsaufen und so freventlich wider Gott
handeln?
_Die vierte Ursach._
Die vierte Ursache, darum alle Menschen sich vorm Saufen hüten sollen,
ist, daß wir alle Stund' des jüngsten Tages gewarten müssen. Denn da
Christus von den Zeichen des jüngsten Tages redet, spricht er: Wenn ihr
sehet, daß solches anfahet zu geschehen, so wisset, daß der jüngste Tag
nahe ist.
Nun haben solche Zeichen nicht allein angefangen zu geschehen, sondern
sind deren mehrenteils schon ergangen, und sonderlich in wenig Jahren
daher oft und häufig gesehen worden.
Christus gibt ein Gleichnis von den Vögeln auf einem Vogelherd; diese
sind niemals sicherer gewesen, gehen und hüpfen hin und her und sind
sehr fröhlich, haltens dafür, als haben sie bei langer Weil nicht also
wohlgelebet. Schwips, in einem Hui liegt das Netz über ihnen, und sind
arme gefangene Vögel. Also, sagt Christus, wird dieser Tag auch schnell
kommen über alle, die auf Erden wohnen.
So sollten nun alle Menschen abermal billig in Sorgen leben, sich vor
dem Saufen hüten und alle Stunden gedenken: Wie, wenn heut' der jüngste
Tag käme? Also würden sie das Saufen und andere Laster wohl unterwegen
lassen und froh seyn, daß sie nüchtern blieben.
_Die fünfte Ursach._
Die fünfte Ursache, das Saufen zu meiden, ist, daß es einen Menschen
zum unverständigen Narren macht.
Mancher kommt durch sein Saufen um seinen Verstand, welchen ihm Gott
vor anderen verliehen hat, daß er ganz zum Narren wird. Mancher kommt
drüber um sein Gedächtnis, daß er weder sich selbst noch andern nütz
seyn kann. Und ich zweifle nicht, wenn wir Teutschen das Fressen
und Saufen ließen, wir solltens mit Verstand und Witz vielen andern
Nationen zuvortun.
Weil nun dem also, so sollten abermals alle Menschen Ursach daraus
nehmen, sich hinfort für dem teuflischen, schändlichen und schädlichen
Laster, dem Saufen, zu hüten.
_Die sechste Ursach._
Die sechste Ursach soll seyn, daß Trunkenheit eine Ursach ist zu
allerlei Sünden. Denn wer trunken ist, der fraget weder nach Gott noch
nach den Menschen; da müssen alle Flüche und Schwüre heraus, da flucht
mancher aufs greulichste, wie er sonst, wenn er nüchtern ist, nicht
pfleget. Da wird die Predigt und Gottes Wort verachtet und spöttisch
davon geredt. Spricht jemand: Ach, Lieber, tu dies und das nicht, denn
man hört in der Predigt, daß es Sünde ist, bald fähret ein Trunkenbold
heraus: Was hab' ich am Pfaffen, er mag reden, was er will, so tu ich,
was ich will, was hat er mir zu gebieten, ich will's tun und will den
Schandpfaffen nicht ansehen!
Da wird Vater und Mutter, Herr und Frau, Richter und Oberherr
verachtet. Saget man, dein Vater kommt oder der Richter kommt; -- bald
hört man: was hab' ich am Vater, dem alten usw., was frage ich nach
dem Richter, laß ihn immer kommen; wenn er mich angreift, soll er wohl
sehen, daß ich auch Fäuste hab'. Ja, ein Trunkenbold soll wohl, wenn
er heim kommt, Vater und Mutter schlagen, wo sie ihn nirgend strafen
wollten. In Summa: da ist weder Ehr' noch Tugend.
Item, einem Trunkenen ist niemand gut genug, da ist ihm einer wie der
andere, der Feind ebenso lieb als sein Freund. Da hört man ein greulich
Schmähen und Lästern, einer schilt den andern einen Schelmen, dieser
will's nicht leiden, schmähet ihn wieder, da erhebt sich alsdann ein
solches erschreckliches Fluchen, daß sich die Sonn dafür entfärben
möchte; diesen soll dies und jenes schänden, den andern ein anderes,
bis es endlich zum Schlagen, Raufen und Würgen kommt, daß mancher
seinen guten Freund, welchen er vorhin auf den Händen tragen wollte,
erwürget.
Item, da höret man wenig züchtige Worte, viel unzüchtige, schandbare
Worte und Zoten gehen allda, welche zur Hurerei und Unzucht Ursach
geben. Da betrüget manchen der Teufel, daß er die Ehe bricht oder
andere Unzucht übet, welchen er sonst sein Lebtag dazu nicht hätte
bereden können.
Wenn nun der Saufteufel einen Menschen einnimmt, so sind die andern
Lasterteufel auch nicht weit von ihm, als da sind: der Hoffartsteufel,
Zornteufel, Lästerteufel, Fluchteufel, Trauerteufel(?), Neidteufel,
Haßteufel, Mordteufel, Hohnteufel, Schmachteufel, Schandteufel,
Hurenteufel, Geizteufel, Diebsteufel, Wucherteufel, Fraßteufel,
Spielteufel, Haderteufel, Lügenteufel und dergl. Diese alle legen Hand
zu Werk bei einem trunkenen Menschen, bis sie ihn in Jammer und Not
bringen, und gerät ihnen oft allda eine Schanz, daß sie das bei ihm
ausrichten, welches sie sonst nicht vermögen.