besteigt der Hofkellermeister ernst und feierlich den Wagen, das im
Faß enthaltene Gemisch zu prüfen; er öffnet das Spundloch, zieht mit
seinem Heber ein Glas voll zur Probe heraus, besieht nach weltbekannter
Weinkennerregel zuerst die Farbe der göttlichen Flüssigkeit, im zweiten
Tempo riecht er an ihrer Blume und im dritten setzt er das Glas und
leert es in verschiedenen Zügen. Dann reicht er dem Hausvogt einen
Trunk, und so der Reihe nach allen Beamten, die untereinander die Güte
des Weines nicht genug preisen können. Das Faß wird darauf wieder
zugeschlagen und in den Hofweinkeller gewälzt. Die Gesandtschaft aber
verabschiedet sich unter vielen Komplimenten und verläßt den Schloßhof,
wiederholt Geld unter das jubelnde Volk werfend. Nachdem sie unter
der abermals salutierenden Wache vorübergefahren, bedeckt sie zuerst
wieder ihre ehrwürdigen Häupter. In seinem Quartier angelangt legt
der Martensmann die Amtskleidung ab und erholt sich von den Strapazen
seiner Sendung. Ihr geschäftlicher Teil ist für ihn jetzt beendet;
fortan hat der Arme nur noch Vergnügen auszustehen, und zwar besteht
dieses lediglich in Essen und Trinken. Zunächst übersendet er nach
alter Sitte den Beamten, die ihn im Schloßhofe empfangen haben, zwölf
Pfund Käse, zwei Pfund Bücklinge, zwei Brote und vier Citronen. Dann
läßt abends sieben Uhr der Hausvogt ihn samt Zeugen und Kutscher unter
vielen Komplimenten zu einem Abendessen auf dem Schloß einladen, was
bereitwilligst angenommen wird. Der Gesandte macht sich mit seiner
Gesellschaft sofort auf den Weg; voran geht mit gravitätischem Schritt
der Pförtner, der die Einladung besorgt hat, und hält in der Rechten
den gewaltigen Kommandostab, um sich und die Gesandtschaft damit zu
schützen, in seiner Linken aber eine eigens zu diesem Zweck bestimmte
drei Fuß hohe, aus hundert Scheiben von Horn zusammengesetzte, mit
Messing beschlagene _Laterne_, in der vier Lichter brennen. Durch diese
will der Pförtner seine Aufmerksamkeit gegen die Gäste »einleuchtend«
beweisen. Als im achtzehnten Jahrhundert der Herzog Karl Leopold
sich in Dresden aufhielt, meinte Lübecks Hochweiser Rat einmal, die
Weinsendung wäre unnötig, und schickte keinen Martensmann. Er ward aber
an seine Pflicht erinnert und der Gesandte erschien nachträglich am
Johannistag des folgenden Jahres. Damit aber nichts an der pünktlichen
Beobachtung aller übrigen Zeremonien fehlte, mußte der Pförtner auch
diesmal um die bestimmte Stunde, trotzdem die Sonne klar und hell am
Himmel schien, mit seiner großen blendenden Laterne der ehrwürdigen
Gesellschaft voranleuchten, was sich freilich etwas tollhäuslerisch
ausgenommen haben soll. Außer dem Hausvogt, seinen Assistenten und der
Gesandtschaft nehmen an der großartigen Abendmahlzeit Küchenmeister,
Kellermeister, Kastellan, Schloßgärtner und viele gute Freunde teil.
Für den Pförtner ist ein eigener Tisch an der Tür des Zimmers gedeckt;
in dem ernsten Moment, wo die Speisen aufgetragen werden, ruft er
sein gebieterisches »Stille da!« Er muß zugleich Ordnung unter dem
Publikum halten, welches an der offenen Tür dem Gastmahl zuschaut,
dabei entsetzlich tumultuiert und dem Cerberus nicht das mindeste Gehör
gibt, so sehr dieser sich solches auch durch seinen Kommandostab zu
verschaffen sucht, mit dem er vor Wut zuletzt taktmäßig auf den Boden
klopft. Während er so der Gesellschaft die Tafelmusik ersetzt, schluckt
er selbst mit Ärger und Unmut eine reichliche Mahlzeit hinab. Neben
der Tafel aber steht nach alter Sitte ein schönes, aufgemachtes Bett,
darauf liegt eine Nachtmütze à la Michel, Waschwasser und Handtuch
befinden sich daneben, und das Nachtgeschirr, mit Vergebung, steht
darunter. Alle diese schönen Sachen sind aber, -- beruhige dich,
lieber Leser -- dazu da, daß man sich ihrer nicht bediene, gleichsam
ein »Noli me tangere« für die stoische Gesellschaft, welcher sie nur
zur geneigten Ansicht und zur Übung dienen, den Lockungen des Teufels
zu widerstehen. Selbst die geehrteste Persönlichkeit, welche zugegen
ist, der Martensmann, darf sich nicht in das Bett legen, noch von
den anderen nützlichen Gegenständen Gebrauch machen, befände er sich
auch noch so sehr in einem Zustand, wo ihm eben jene Gegenstände
von unendlichem Nutzen sein könnten. Eine harte Strafe trifft den
Missetäter, welcher dieses Gesetz überschreitet. Den Küchenzettel hat
die urväterliche Überlieferung vorgeschrieben und nur sechsunddreißig
Schüsseln für diese einfachen Spartaner bestimmt. Wenn nach der Suppe
und etlichen Fleischspeisen die Fische vorgelegt werden, bringt der
Hausvogt die Gesundheit seines Landesherrn aus; es folgen Toaste auf
alle Glieder des herzoglichen Hauses, den Lübecker Senat usw. Wer zum
erstenmal an der Tafel erscheint, dem wird zu Ehren nach uralter Sitte
der große Willkomm getrunken. Falls der Geehrte allein diesen nicht
zu bewältigen vermag, ist es ihm erlaubt, sich dazu zwei Gehilfen,
die einen guten Schluck nehmen können, die sogenannten Gevattern,
auszuwählen. Ist der Willkomm geleert, so fragt der Hausvogt den Gast,
ob ihm eine Gnade widerfahren und Recht geschehen sei, was dieser
dankend bejaht. Um elf Uhr wird die Tafel aufgehoben, aber niemand
begibt sich nach Hause, sondern man begleitet in corpore mit der nie
fehlenden Laterne den Martensmann in sein Quartier; hier nimmt man --
keinen Abschied, sondern wird von dem höflichen Gesandten eingeladen,
bei ihm etwas Kaffee, Tee, Punsch und guten alten Rheinwein, was alles
längst bereit steht, einzunehmen, bloß um die Verdauung zu befördern.
Nach etlichen Stunden endlich trennt man sich in ungeheurer Heiterkeit.
Kaum aber sind die Herren am anderen Morgen mit verschiedenen
unaussprechlichen Gefühlen erwacht, als man auch schon daran denkt,
Mund und Magen der armen Gesandtschaft in neue Tätigkeit zu versetzen.
Hätte die Gesandtschaft Grund zu Mißtrauen, sie könnte sich als das
Opfer einer fürchterlichen Intrigue wähnen, daß sie sich selbst zu
Grunde essen und trinken solle. Allein sie folgt willig der Einladung
des Hausvogts zu einem kleinen Frühstück, welches immerhin für eine
anständige Mittagsmahlzeit durchgehen könnte. Sämtliche Gäste des
vorhergehenden Abends verfehlen nicht, sich pünktlichst einzustellen.
Abermals liefern sechsunddreißig stattliche Schüsseln und der Inhalt
unzähliger Flaschen den sämtlichen Digestionsorganen allerseits eine
hinlängliche Beschäftigung auf mehrere Stunden. Zum Schluß bringt
der Martensmann einen Toast aus auf das gute Einvernehmen zwischen
dem Haus Mecklenburg und der Stadt Lübeck. Dann wird er ganz so, wie
am vorhergehenden Abend, von der Gesellschaft nach Hause gebracht
und diese von ihm zu Kaffee, Punsch und Wein eingeladen. Endlich
naht die trübe Abschiedsstunde, man scheidet mit tiefstem Kummer
voneinander und wünscht dem Martensmann glückliche Reise. Damit sich
aber die herzoglichen Diener nicht hungernd dem Abschiedsschmerz
hingeben, erhält jeder von ihnen noch eine Gans und eine Torte aus der
Hofküche; ebendaher werden dem Martensmann, damit er unterwegs nicht
ganz verschmachte, eine Wildpretpastete, eine Torte, ein Gänsebraten
und ein Schweinebraten, außerdem zwei Scheffel Hafer für seine
Pferde zugeschickt. Seinem Hochweisen Rat aber muß er das eine Jahr
einen Rehbock, das andere ein wildes Schwein oder einen Frischling
mitbringen. Das ist die Geschichte vom Lübecker Martensmann.[189]
Dieses groteske Spiel mit dem närrischen Gesandten ist Flögel
entgangen, der es sonst sicher seiner Geschichte des Groteskkomischen
einverleibt hätte. Es ist recht bezeichnend für den Geist, der in
gewissen Duodezländchen des geflickten deutschen Reiches römischer
Nation herrschte, daß sich ein solcher sinnloser, für Lübeck
entwürdigender Mummenschanz über zwei Jahrhunderte halten konnte,
und es erst, wie eingangs erwähnt, langer Verhandlungen bedurfte, um
der Narretei endlich den Garaus zu machen. Auch hier war es wohl die
Schlacht bei Jena, die den beteiligten Kreisen gezeigt, daß die Zeit
der Untertanerei und der Spielereien vorbei und eine Epoche der Arbeit
und des Ernstes angebrochen sei.
6. Altdeutsche Schlaftrünke.
Wer nit weiß wie man trincken sol
Der findt hie Kunst er leß mich wol.
_Vincentius Obsopeus._
Im mittelalterlichen Trinkerparadies spielten die Schlaftrünke eine
große Rolle. Nach heutigen Begriffen sind diese gewürzten und gesüßten,
meist warm aufgetragenen Getränke unseren heutigen Bowlen und Pünschen
sehr ähnlich; wenn sie auch in ihrer Zusammensetzung einem modernen
Gaumen kaum mehr munden dürften. Gewürze und Zucker, überdies Parfüme
und Farben waren die Hauptingredienzien, neben denen der Grundstoff,
Frucht- und Kräuterweine, ganz nebensächlich waren. Die Schlaftrünke,
im übertragenen Sinn, waren unseren Desserts, mehr aber noch jenen
Büffets ähnlich, die bei großen Gesellschaften einige Stunden nach
der allgemeinen Hauptmahlzeit aufgeschlagen werden. »Bei fürstlichen
und adeligen Hochzeiten wurde die feierliche Beschlagung der Decke
nicht eher vorgenommen, bis der süße Schlaftrunk von den Neuverlobten
genossen war; nun erst wurde der Braut das Strumpfband gelöst, das
Zimmer verschlossen, und der Jungfernkranz genommen.«[190] Ja, er ward
Teil der Besoldung, »wie denn noch heutigen Tages (1782) in einigen
Ländern manche Ämter bis 20 Eimer Weins jährlich unter diesem Titel
einziehen.«[191]
Wie es bei einem solchen Schlaftrunk im sechzehnten Jahrhundert zuging,
was alles aufgetischt wurde, zeigen die nachstehenden Blätter, die ein
Kapitel aus einem äußerst seltenen Kochbuch mitteilen: aus Hieronymus
Bocks »Teutscher Speisekammer«, Straßburg, A. D. 1550.
_Von Pancketieren und Schlaffdrüncken, und was man gemeiniglich zu
denselben pflegt auffzutragen._
Ueberflüssige Schlaftrünck sind (wie menniglich bekennen muß),
eitel schädliche Anordnung, durch welche menschliche Körper hefftig
geschwächt, und zeitliche Narung endtlich verschwinden und zerrinnen
müssen. Noch will man solche schädliche Gewohnheit, wie in andern mehr
Dingen, im Brauch haben und behalten, das lassen wir fallen.
Den Schlaffdrunck aber pflegt man gemeinlich auf diese weiß ongeverlich
anzurichten:
Erstlich so muß alles was unter der Sonnen guts ist, dem Schlaffdrunck
dienen, solches aber muß der Hausherr zuvor bestellen und anrichten,
derselbige gibt jedem Diener seinen besondern Befehl. So ist die
Speißkammer zuvor zugerüst, stehet an der Handt, daraus fordert man
Wein, Brot, Kerzen, Liechter und alles was der Hausherr zuvor befohlen
hat. Zudem so sind die Gemach und Tisch auf das allerköstlichst gerüst
und zubereit, die Kerzen und Liechter brennen an allen Orten, dann
tragen die Diener auf, kalt Gebratenes, allerhand Wildpret, Cappaunen,
Phasanen, Feld- und Haselhüner, vielerley Gevögels, mancherley Pasteten
von Fischen und Wildpret bereit. Darneben stellt man auch Fischwerk,
als gebraten Forellen, gebraten Hecht, gebraten Salmenruck, Briken
und andre Bratfisch mehr. Etwan stellt man Fleisch und Fisch Galregen
zusammen, oder kalte gesottene Rinder- und Kalbsfüß in Essig darbey.
Zum andern werden aufgetragen viel köstlicher wolbereitter Latwergen,
allerhand Obst und Spezerey, in Zucker und Honig candirt und
eingemacht, als die saure Amarellen, Kirschen, Johannisträubel,
Sawrachbeerlin, Schlehen, Pflaumen, Spilling, Möllelin, Nespelin,
Speirling, Quitten und Byrn, dazu die edle Weintrauben, unzeitige grüne
eingebeitzte Baumnuß, mit Specereyen besteckt; darnach kommen auf den
Platz rothe Rüben, vil und seltsame eingebeitzte Wurzeln, als der
Wegwarten, Bibernellen, desgleichen Limonen, Citronaten, Pomeranzen,
phalot, auch Muscatnuß, seltsame Kost aus den Apoteken, als Mirabalani
und dergleichen viel. Weiter bringt man aus der Speißkammer Dattel,
Feigen, Zwiebeln, Rosein, grüne Mandeln, rothe Haselnuß, grüne Baumnuß,
Castanien und anders. Unterdeß so braten auch die Quitten-Äpfel, die
Byrn und Castanien in den heißewteschen, so bereit der Koch daneben
auf den Kolen das weiß Brot zu den Träsaneien. Aus der Speißkammer
werden auch getragen die schönste übergulte Confect von Mandel,
Canel, Ingber, Muskaten, Coriander, Fenchel, Anis, Kümmel und das
klein Leisam-Confect,[192] gleich dem weißen Magsamen, das alles wird
züchtiglich und mit Fleiß zum Schlafdrunk fürgetragen.
Zum dritten schikt der Koch seltsam gebachenes mit den Dienern in die
Gemach, dazu Fladen, Honigkuchen, Hyppen, und schöne vergulte Marcipan
mit seltsamen Wappen, seind aus Mandel und Zucker bereit.
Der Keller hat die allerbeste Käse, heimisch und frembde zu wege
gestelt, und darneben das Obst als Aepfel, Byrn, Träubel und was für
Obst jeder Zeit zu bekommen ist. Noch ist das alles nichts, denn es
mangelt noch an Hauptstücken, nemlich an _Wein_ und an Brot, das sollt
man am ersten haben aufgetragen, als weiß Brot, Eyerkuchen, Bretzeln
und die allerbesten stärksten Wein, deren etlich weiß, etlich roth
und schwarz, Firnen und Newen, süße Wein, rösche (herbe) Wein, als
Rappis-, Kirschen- und Schlehenwein. Dann erheben sich erst die besten
Freude und Kurzweil, freuntlich Gespräch, züchtige Gesäng, liebliche
Sprüch, mit hofieren und Tanzen, dazu sind vormals bestelte besondre
Spielleuth, die mit der Musik und allerhand Instrumenten, so man
erdenken kann, die Leut unterhalten und wissen frölich zu machen.
Etliche aber essen und trinken von Newem, andere aber haben
sonst besondere Gespräch, die dritten machen Kuntschaft und newe
Freundschaft, die vierten sehen allein zu und merken, daß am Kasten gar
nichts mangelt, mit Verwunderung des Geprängs, und was doch zuletzt
daraus woll werden.
So ist des Hausherrn Gesind zuvor auf alle Dinge ordenlich mit Worten
abgericht, jedes hat Acht auf seinen Befelch und insonderheit, daß kein
Mangel an Wein und Lichtern gespüret werde. Solch Spiel und Kurzweil
beym Schlafdrunk weret etwan bis in die halbe Nacht, etwan auch bis
an den Morgen, dann facht sich erst ein Dankscheidens an, mit vielem
Erbieten und Danksagung. Ist aber jemands dem andern ein Drunk schuldig
blieben, der wird etwan am Morgen desselben halb zu reden gestelt. Die
andern wöllen mit wissen, was nächten geschehen seyn; lasse alle Ding
bleiben. Also endet sich zuletzt ungeverlich der züchtig Schlafdrunk
der Reichen, so es vermögen und zu verlegen haben.
Bey den unverständigen, wilden Weltkindern wird der Schlaffdrunk viel
anderst gehalten, dann daselbst gehet es drunter und drüber. Und obwol
allerhand Speiß und Dranck von Fleisch und Fischen wird aufgetragen,
auch zum Ueberfluß, lassen sich doch ir etlich daran nicht genügen,
sondern fahen etwan an, selbers zu kochen; der will ein Speck-Suppen,
der ander begert ein Milch-Suppen, die dritten wöllen Eyer in Schmalz
haben; etliche essen rohe Bücking, rohe Bratwürst und lassen ihnen
Hering aus der Tonnen, also rohe, mit Essig und Zwiebeln hertragen;
die andern wöllen Rettig oder zum mindesten den sawren Compost aus der
Cappes-Bütten (Sauerkraut-Butte) zum Schlaffdrunck haben. Oftermals muß
der Koch Weißbrot in Butter rösten, das nennen sie der _Zechtbrüder
Kramet-Vögel,_ zu Latein Scala vini, ein gute Wein-Leiter, da erhebt
sich allererst das aufrichtig, erbarlich und ordentlich zudrinken an.
Je zween und zween bringens andern zweyen, und also fortan mit guten
Sprüchen und Kurzweil; solchs heißen sie eine herrliche, kostliche,
gute, getrewe, erbare Gesellschaft, die etwan bis an den Morgen
beharrlich thut währen, denn keiner will im Drunk der letzte seyn, so
will auch keiner die Gesellschaft zerstören oder den ersten Anbruch
machen.
In Summa, zum Schlaffdrunck wird nichts gespart, es muß die Fülle und
Ueberfluß darbey sein, denn es ist und bleibt der Schlaffdrunck eine
alte, langwirige, rechte gute Gewohnheit, die man aus der Acht nit
soll, noch lassen kan, darumb daß unsre Vorältern, die redliche alte
Teutschen, solchs alles also herbracht, und wir, derselben Nachkommen,
gemelten ererbten Brauch nit wissen zu ändern oder abzuschaffen.«[193]
III. Wie man trank!
1. Allgemeines.
Die Ursach zu trünckhen seind billig und recht,
Wans Trünckhen nur guett ist unds Essen nicht schlecht:
Die erste, wan ankombt ein ehrlicher Gast,
Die ander der Durst, den du vielleicht hast,
Die dritte die Guettheit und Siesse des Wein,
Die vierte eine Ursach, so sonsten fallt ein.
»Alt und Neue Nüzliche Tischreden und Begebenheiten
von Fabelano Kurzweill« (1770).
Was der Teutsch auff erd anfacht,
So wirt darbey der fleschen gedacht
sagt Thomas Murner in der »Schelmenzunft«[194], und wie genau
der geistreiche Mönch seine Landsleute gekannt, beweist die
Kulturgeschichte der Deutschen von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart.
Wie bereits erwähnt, war das Leben der Germanen ein ewiger Kampf
gegen den Durst. »Am wenigsten konnten sie den Durst ertragen«, sagt
Tacitus[195] und »wenn deutsche Krieger von ihren Fürsten nur reichlich
zu trinken bekamen, verzichteten sie gerne auf jede weitere Entlohnung
ihrer Dienste.«[196] Diese Vorliebe für den Trunk erregte die Spottlust
der den Deutschen niemals besonders geneigten Römer, die sich über
die germanischen Söldner Caesars, als diese sich einige Tage vor der
pharsalischen Schlacht ordentlich vollgetrunken hatten, weidlich
belustigten.[197] Wie sich die Römer diese periodische Trunkenheit zu
nutze zu machen suchten, habe ich bereits bei der Geschichte des Mets
erwähnt.
Auf die Trunkliebe der Franken rechnete einmal der Langobardenkönig
Grimuald, als er im Kampf mit ihnen sein Lager bei Rivoli samt all
seinen Schätzen und einer großen Menge vorzüglichen Weines preisgab.
Bereits um Mitternacht waren die Franken richtig so betrunken, daß es
dem König ein leichtes war, das Lager zu überfallen und sie samt und
sonders niederzumetzeln.[198]
Dabei waren die Franken nicht einmal die ärgsten Trinker unter den
germanischen Stämmen. Ihnen und den Langobarden stellt sogar der
heilige Bonifacius das Zeugnis aus, daß sie »nicht so sehr dem Laster
der Trunkenheit ergeben seien, wie die Angelsachsen«. Die größten
Trunkenbolde scheinen die Alamannen und vor allem die Heruler gewesen
zu sein, denn »es galt als ein wahres Wunder«, wenn ein Heruler »nicht
treulos und dem Trunk ergeben war.«[199]
Und wie wurde getrunken!
Der schon zitierte Venantius Fortunatus, der im fünften Jahrhundert
Deutschland bereiste und wiederholt Gelegenheit hatte, Zechgelage zu
sehen, gerät außer Rand und Band über diese Barbaren, die, hinter ihren
Krügen sitzend, singen und »unsinnig wie Rasende darauf los trinken«.
Wer nicht mittue, bemerkt er, der werde für unsinnig gehalten, und
man könne von Glück sagen, wenn man aus solch einem Trinkfeste lebend
davon komme. Daß sich einer tottrank, war gar nichts seltenes. In einem
uralten angelsächsischen Lied »Von der Menschen Schicksalen« wird
unter die gewöhnlichen Todesursachen des Menschen auch die Trunksucht
gerechnet. Von dem im Trunke gebliebenen »sagen die Helden, daß er ein
Selbstmörder sei«.[200]
Da der Germane nicht nur in Kampf und Streit, sondern auch im Trinken
nach dem Heldentum strebte, so war es allgemein üblich, sich im Trinken
gegenseitig zu messen. Man forderte sich zum Trinkkampf heraus und
trank sich unter den Tisch.[201] Ein guter Trinker leerte den Humpen
wohl auf einen Zug, »einige trinken ihn auf den zweiten aus, aber
keiner ist ein so schlechter Trinker, daß er ihn nicht in drei Zügen
leer brächte.« Es galt überhaupt als Unhöflichkeit, einen Becher
nicht ganz zu leeren. Denn da eine Tischgesellschaft nur ein einziges
Trinkgefäß benützte, so wäre einer der Tafelrunde genötigt gewesen, den
übrig gebliebenen Rest, die sogenannte _Bartneige_ zu trinken. Nicht
selten wurde ein lahmer Trinker genötigt zu trinken, auch wenn dies
selbst sein Leben gefährdete.
Mit der vollständigen Trunkenheit aller Gäste endigte zumeist jedes
Gelage. Selbst an den Höfen der Könige »zechte man so lange fort, bis
endlich auch die Diener berauscht wurden und in den Winkeln des Hauses,
wo gerade ein jeder hinsank, sich dem Schlaf überließen.«[202]
Als besonders trinkfeste Gesellen galten vornehmlich die Sachsen. In
einer die Körper- und Charaktereigenschaften der deutschen Stämme
behandelnden alten Priamel[203] werden die Preußen und die Sachsen als
arge Zutrinker gekennzeichnet. Ebenso wird in den von Wattenbach aus
einer Münchener Handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts mitgeteilten
Versen[204] den Sachsen ewige Trunkenheit vorgeworfen. Wie sie es
trieben, beschreibt Johannes Boëmus Aubanus Teutonicus in seinem
Buche »Omnium gentium mores est«, erschienen 1535 in Lyon (III. Kap.
XIII.): »Gerste und Weizen bauen sie und bereiten daraus nicht nur
sehr weißes Brot, sondern auch wegen der Teuerung der Weintrauben
Bier, das sie so durstig und unmäßig trinken, daß sie bei Gastmählern
und Gelagen, wenn die Schenken nicht genug in die Gläser und Kannen
eingießen können, _ein gefülltes Melkgefäß aufstellen und kleine
Schüsseln hineinwerfen_, und jeglichen einladen, so viel, wie er nur
will, zu trinken. Es ist unglaublich, wie viel von dieser Flüssigkeit
das unmäßige Volk verträgt, wie sie sich gegenseitig zum trinken
zwingen und einladen; nicht ein Schwein, nicht ein Stier würde so viel
hinunterschlucken. Es ist nicht hinreichend, bis zur Trunkenheit,
bis zum Erbrechen zu trinken, sondern wieder bis zur Nüchternheit,
und so trinken sie vom Tage in die Nacht hinein, von der Nacht bis
in den Tag. Wer alle im trinken übertrifft, der trägt nicht allein
Lob und Ruhm davon, sondern auch einen Kranz aus duftenden Kräutern
oder Rosen oder irgend einen anderen Preis, um den sie stritten. Ach,
diese verderbliche Sitte verbreitet sich fast in ganz Deutschland,
daß auf diese Weise auch die stärksten Weine getrunken werden zum
unaussprechlichen Unheil. Wenn ein Fremder oder sonst jemand an
einen Ort kommt, wo getrunken wird, so stehen sie, was sie auch für
ein Getränk haben, auf, reichen ihm den Becher und laden ihn aufs
dringendste ein, mitzutrinken. Der wird für einen Feind gehalten,
der, öfters eingeladen, ohne einen Vorwand sich zu trinken weigert,
und diese Schmach wird manchmal durch Mord und viel Blutvergießen
gesühnt.[205]« Einen tüchtigen Trinker nannte man sogar im siebzehnten
Jahrhundert kurzweg einen Sachsen. Aegidius Albertinus sagt in seinem
»Lucifers Königreich und Seelengejaidt«[206]: »Wer die allergrößten
Gläser, Becher und Willkomb aussaufen kann, der ist bei diesen
Weingänsen der Best, wer am allerlängsten sitzen oder stehen und
am längsten mit saufen ausharren kann, der ist _ein tapferer Saxen
Kerl_.« An diesem Vorurteil gegen die Sachsen muß wohl etwas gewesen
sein, denn die Vorwürfe gegen dieses trinklustige Völklein finden
sich außerordentlich zahlreich in der derzeitigen Literatur, so auch
in einer Art Sequenz, die von R. Pieper veröffentlicht wurde,[207] in
der die Sachsen wegen ihres Mutes gelobt, hingegen als Trunkenbolde
hingestellt werden. Übrigens sagt dieses Verslein auch den Elsässern,
Pfälzern und Württembergern große Liebe zum Wein nach. Dann heißt es an
einer anderen Stelle: »In Meißen, Schwaben und Franken ists breuchlich,
das man sagt zu den gesten: »Ir müßt also für lieb nemen; habt ir nicht
viel zu essen gehabt, _so trinckt dester mehr_. Was am essen zu wenig
ist gewesen, daz mügt ir euch ans trincken erholen«,[208] während man
in Sachsen, diesem Autor zufolge, mehr Gewicht auf gutes Essen legte,
als auf das Trinken.
Die Deutschen insgesamt hatten sich übrigens gegenseitig in Bezug auf
Liebe zum Trunk nichts vorzuwerfen, und was Ulrich von Hutten 1520 in
seinem Gesprächbüchlein im Dialog »Inspicientes« von den Deutschen
schrieb, hatte Geltung schon Jahrhunderte vorher und Saeculas darnach.
»_Phaëton_. Mir gefällt's wohl, was du von den Deutschen sagst; es ist
nur zu wünschen, daß sie, die so geschickt sind, von der Trunkenheit
lassen.
_Sol_. Mit der Zeit werden sie auch mäßig, und mir ist's ganz, als
würde es bald geschehen; denn ich sehe sie je länger je weniger trinken
und bemerke, daß die beständig Trunkenen von den andern, die auch nicht
ganz nüchtern sind, verachtet werden.