im Schwange. Karl der Große, Friedrich II. und Ludwig der Bayer
erließen strenge Gesetze gegen diese Frevel, ohne aber viel zu
erreichen. Auch Gregorius von Tours gedenkt mit Schmähworten der
habsüchtigen Weinfälscher.[125] Besonders im fünfzehnten Jahrhundert
häufen sich die Klagen gegen die Weinpanscher. 1427 hatten zwei
Kaufleute Nahewein »gevelschet up den brunst ind op de vorwe« und
in Köln verkauft. Man warf sie ins Gefängnis, schenkte ihnen zwar
das Leben, brannte sie aber durch beide Backen und in den Nacken
und peitschte sie mit Ruten aus der Stadt. Das war um Weihnachten
geschehen, aber im März wurde derselbe Betrug nochmals versucht. Acht
Jahre später mußten im Ewigen Köln ein Weinschänker mit seiner Frau
gebunden auf einem Faß unter dem Kax (Kaak), dem Pranger, sitzen, weil
sie gesottene Beeren in den Wein getan. Die aufgeweichten Beeren waren
ihnen wie Paternoster (ein Rosenkranz) um den Hals gehängt. Nach
abgebüßter Strafe verwies man sie der Stadt.[126] Der Hansetag von 1447
beschloß nach Köln, Bingen, Frankfurt und Straßburg zu schreiben, die
elende Wasserplumperei einzustellen und den Wein ganz so zu belassen,
wie ihn Gott wachsen ließ. In Ulm mußte jeder Weinwirt schwören,
daß seine Weine echt seien und weder er, noch sein Weib, noch sein
Knecht, noch sonst Jemand in seinem Namen ein Gemächt von Weidaschen,
weidaschiger Lauge, Kalk, Senf, Senfkorn, Speck, Scharlachkraut, Birn-
und Apfelmost, Bleiweiß, Quecksilber, Heringkraut oder Vitriol gemacht
habe.
O Gott behüt den Wein,
Vor Hagelstein,
Und treff den,
Der die Maß macht klein
Und thut Wasser, Milch, Eierklar, Salz, Speck,
Senf, Weidäsche und Tropfwurz drein
sagt Johannes Fischart in seiner »Geschichtsklitterung«.[127]
In Straßburg i. Elsaß war es nicht so streng wie an anderen Orten.
»1528 Montags den letzten Novembris« verbietet »Jacob Zorn zum Rieth
der Meister und der Rath« die zum Verkauf gebrachten Weinfässer
unterwegs anzustechen und mit Wasser aufzufüllen bei strenger
Strafe.[128] Die auf dem Rottenburger Konvent von 1487 erlassene
Weinordnung bestimmt: »wo aber yemanz, wär der wär geistlich oder
werentlich (weltlich), erfunden würd, der ainicherley Gemächt, nichzig
ußgenommen, denn allein die obgeschriebene Zulassung des Swebels
(Schwefels), in die Win oder Faß thätt, machte oder zu thun bestellte,
es wäre vor oder nach dem Ablaß, durch sich selbs oder jmantz ander,
demselben sollen zuvörderst von Stund an, an den Enden, da sollich Win
gefunden, den Faßen die Boden ußgeschlagen, und der Win verschütt, und
dazu ain yeder zu yedenmal von siner Herrschaft, mit nachfolgender
Peen, nehmlich hundert Gülden rinisch gestraft werden.«[129]
Wie dem armen Wein seitens der Täufer ansonst noch mitgespielt wurde,
erfahren wir aus einem der zwanzig Weinsegen Hans Rosenblüts, in dem es
heißt:
Nu gesegen dich got, du krefftreiche Labung,
Du wol zeltende sanfft drabung,
Du suesses meyenpad meiner zungen,
Du frischt mir die lebern vnd feuchtest mir die lungen,
Als wenn es auf durren acker tawt.
Wenn man dich in einem gleslein schawt,
So kan man deines herren frumkeit schetzen,
Ob er dich gefelscht hat mit dem vetzen.
Das er mit dir treybt vber jar,
Mit milch vnd auch mit eyer klar,
Mit steinsaltzt vnd auch mit sweinen swartten
Damit der Kellerknecht dein muss wartten,
Mit sennff, mit weydaschen vnd mit tropffwurtz
Davon dein edel nympt offt vnters turtz.
Der zoll der hat dich vbel gesmaltzen;
So hat dich das vngelt gar versaltzen:
Das prufen die armen in der taschen.
Wenn man dir dann den spunt sol waschen,
So muß zweintzig maß zulauffen.
Wer das dann für wein will verkauffen,
Der wil seinen nechsten als trewlich betzalen
Als einer der gut mele awf mewsekot wil malen.[130]
Durch den Zusatz von Giften kamen selbstverständlich hier und da Leute
zu Schaden. Wurde ein solcher Giftmischer ertappt, dann ging es ihm
wie dem Weinfälscher Erni, der 1706 in Stuttgart öffentlich enthauptet
wurde.[131]
Das Süßen sauren Weines durch Zucker und Honigzusätze, wie die
Fabrikation von teueren Weinen aus billigeren Sorten, was 1720 in
Hamburg ausdrücklich verboten wurde, sowie die Umarbeitung von Kräuter-
und Fruchtweinen in »echten Rebensaft« war allgemein bekannt und
überall, wo Wein gehandelt wurde, gebräuchlich.
Wenn die Behörden dahinter kamen, wurde allerdings der Wein vernichtet
oder den Armenhäuslern preisgegeben -- für die war das geschmierte Zeug
noch lange gut genug -- aber wie selten wurden in jener chemielosen
Zeit die Panscher überführt. Nur der unglaublich gute Magen ihrer
Zeitgenossen bewahrte viele der Weintäufer vor dem Schicksal ihres
Genossen Erni.
Hohem Besuch brachte der Rat einer Stadt als Ehrengeschenk sehr häufig
Wein dar, der entweder durch seine Güte oder durch die Menge des
Geschenkes imponieren sollte. Als Kaiser Sigmund 1414 nach Straßburg
kam, schenkte ihm der Magistrat drei Fuder Wein und »ein silbern
übergült Gießfaß wohl werth«. Herzog Heinrich von Liegnitz erhielt
1576 vom Kölner Rat dreißig tönerne Krüge mit Wein, jeden drei Quart
haltend. Vordem hatte der Rat den Wein in silbernen Gefäßen gesandt,
die in tönerne umgeleert wurden, bis ein Graf von Arberg einst die
silbernen Flaschen nicht mehr herausgegeben hatte. Seitdem war man
vorsichtiger geworden.[132]
Die Weinlese stand natürlich unter behördlicher Aufsicht. »Zur Zeit
des Herbstes, wenn die Trauben schon reif sind«, erzählt Johannes
Boëmus, »darf keiner früher lesen, ehe es die Herren, denen der Zehnte
zusteht, erlaubt haben; nicht liest heute der, morgen der, sondern so
viele an einem Berg Weingüter haben, lesen in ein bis zwei Tagen alles,
und es wird bekannt, daß heute auf dem, morgen auf dem gelesen wird.
Die Zehnten werden im Tal unter den Weinbergen in Empfang genommen
und wer später als es angeordnet ist lesen will, muß nicht bloß die
Erlaubnis sich erwirken, sondern auch auf seine Kosten den Zehnten
nach dem Kelter des Herrn schaffen. Zu Würzburg wird jedem Lesenden,
ich denke wegen Betrügereien in Bezug auf den Zehnten, ein junger Mann
beigegeben, der sorgsam aufmerkt und immer das zehnte gelesene Faß
ohne Betrug seinem Herrn zu geben anordnet. Nach Beendigung der Lese
kommen die Burschen alle auf freiem Felde zusammen und versehen sich
mit ein bis zwei Fackeln, aus dem Stroh gedreht, das zu diesem Zwecke
angefahren ist, zünden sie gegen die Nacht an und ziehen singend in die
Stadt ein. Auf diese Weise, sagen sie, reinigen sie und brennen den
Herbst aus. Die Tage des Martinus und Nicolaus, der heil. Bischöfe,
feiert das Volk in Franken mit wunderbarer Freude und Festlichkeit,
jedoch verschieden, den einen in der Kirche und am Altar, den andern am
Tische und in der Küche. Da ist im ganzen Lande keiner so arm, keiner
so geizig, daß er am Feste des heil. Martin nicht gemästetes Geflügel
oder wenigstens gebratene Schweins- oder Kalbswürste (suillo vitalinove
viscere assato) ißt, dem Wein nicht ungezwungen zuspricht.«
»Jeder kostet da seinen neuen Wein, dessen er sich bis dahin enthielt,
und gibt allen zu kosten. In Würzburg und den meisten Orten wird auch
den Armen aus Frömmigkeit Wein verteilt. Öffentliche Schauspiele werden
veranstaltet: zwei oder mehr knirschende Eber werden in einen Kreis
eingeschlossen, damit sie sich gegenseitig mit den Hauern stückweise
zerfleischen; das Fleisch der Gefallenen wird teils dem Volke, teils
den Vornehmen zugeteilt. Am Sankt Niklastage aber wählen die Jungen,
die zu ihrer Erziehung die Schule besuchen, unter sich drei: einen, der
den Bischof, und zwei, die die Diakonen spielen. Dieser (Bischof) wird
an demselben Tage von dem Haufen der Schüler feierlich in die Kirche
geführt und leitet mit einer Infula auf dem Haupte den Gottesdienst,
nach dessen Beendigung er mit einigen Auserwählten singend von Haus zu
Haus Geld einsammelt; das ist kein Almosen, sondern die Bischofssteuer.
In der Nacht vor dem Feste fasten die Kinder und werden dann von den
Eltern angehalten, weil sie überzeugt sind, daß sie die Geschenke, die
des nachts in die zu diesem Zweck unter den Tisch gestellten Schuhe
gelegt werden, von dem freigebigen Bischof Nicolaus erhalten; deshalb
fasten die meisten so eifrig, daß sie zum Essen gezwungen werden
müssen, weil man für ihre Gesundheit fürchtet.«[133]
Meist wurden die Weinlesefeste am Sankt Martinstag abgehalten, doch
setzen sie sich gewöhnlich noch ein bis zwei Tage länger fort. Der
Hochmeister des deutschen Ordens in Marienburg feierte es, wenn es
nicht gerade galt, sein Mütchen an mehr oder weniger harmlosen Heiden
zu kühlen, mit seinen Komthuren und Rittern im Kreise der Winzer, wobei
zwei Tonnen Wein und acht Tonnen Bier aufgebraucht wurden. Häufig
ließen die edlen Ritter von Marienburg, deren Charakterbild in der
Geschichte recht verdächtig schwankt, im Kriege am St. Martins-, also
am Weihnachtstag, Waffenstillstand eintreten, um sich, wie an vielen
anderen Tagen des Jahres, gründlich auszutoben. Ihren »Feinden« kam
das nicht unwillkommen, denn an einem solchen Tage wurden sie nicht
hingeschlachtet, ihre Weiber und Kinder entgingen der Gefangenschaft,
und ihre friedlichen Anwesen wurden nicht niedergebrannt -- ad majorem
dei gloriam! Sie mögen daher den Wein so innig gesegnet haben, wie er
es, freilich aus anderen Gründen, verdiente.
Der geerntete Wein kam in die Keller, die nicht nur in jedem größeren
Anwesen, sondern auch in jedem besseren Bürgerhaus vorhanden waren;
denn auch in diesen Privatkellereien wurden mitunter ganz gewaltige
Mengen Stoffes eingelagert. Von den Wiener Kellern sagt Aeneas Sylvius:
»die Weinkeller sind so tief und weitläufig, daß man gemeiniglich sagt,
sie machten ein unterirdisches Wien aus, das demjenigen, welches auf
der Oberfläche steht, an Größe nichts nachgibt«,[134] und hundert Jahre
später (1548) bestätigt dies der Schulmeister Wolfganz Schmeltzl in
seinem »Lobspruch«:
Die gantz Stadt ist sogar durchgrabn,
So weit vnd tieffe Kheller habn,
Vol angesteckt mit khulem wein,
Möchten nit pesser, khuler sein.
Über große Lagerräume mußte auch Anton Tucher verfügen, denn er
verbrauchte in den Jahren:
1507 42 Eimer Wein und 55 Eimer Bier
1508 41½ " " " 55 " "
1509 47 " " " 54 " "
1510 54 " " " 70 " "
1511 50 " " " 59 " "
1512 52 " " " 62½ " "
1513 45 " " " 59 " "
1514 48½ " " " 53½ " "
1515 42½ " " " 60 " "
1516 46 " " " 61 " "
also im Jahre durchschnittlich 2500 l Wein und 3600 l Bier zum Preise
von 95 bezw. 33 Gulden nach heutigem Wert etwa 4800, resp. 1650 Mark,
demnach über sechstausend Mark allein für den Trank -- ein ganz nettes
Sümmchen!
Was waren aber diese Weinmengen im Vergleich zu den in den Klöstern
aufgespeicherten, wo man allerdings für eine ganze Reihe durstiger
Kehlen zu sorgen hatte. -- Und nicht die Mönche allein konnten einen
Stiefel vertragen, auch ihre Schwestern in Christo tranken gern und gut.
Als Kaiser Joseph II. von Österreich im Jahre 1781 mehr als
siebenhundert Klöster in seinem Erblande aufhob, die Zahl der
Ordensgeistlichen von dreiundsechzigtausend auf siebenundzwanzigtausend
verminderte, welch geradezu riesenhafte Weinmengen fanden nicht die
Beamten in den Klöstern vor! Die Kanonissinnen von St. Himmelpforten
in Wien, die Himmelspförtnerinnen, hatten in ihren Kellereien noch
sechstausendachthundert Eimer Wein, und Raum für die doppelte Menge.
Es gab da einen Gottvater-, Gottsohn- und Heiligengeistkeller, einen
Muttergottes-, Johannes-, Xaverie- und Nepomukkeller. Der allergrößte,
der Gottsohnkeller, war leergetrunken bis auf ein einziges Faß.[135]
Wie es in einem mittelalterlichen Weinkeller aussah, beschreibt Hans
Folz wie folgt:
»Vort ich mich in den Keller mach, ob nit ein truncklin folg hernach.
Im Keller darff man manch zupuß, Wein, pir, kraut, ruhen, öppel, nuß,
Pirn, Kuten (Quitten), kesten, nespeln (Mispeln), gleich Nachdem einer
arm ist oder reich. Ein saure milch zu dem geproten Kan man kein gesten
hast geroten, Und viel geschlex, das dan einmacht.«
Aus diesem Vorratskeller geht es in den eigentlichen Weinkeller:
Nun nempt des Kellerzeuges acht:
Faßparer, Kuner (?), zapffen, hannen,
Stentner (Stande), drichter, flaschen, kannen,
Weinlater, weinleger, hebrigel,
Weinseil, probirkrans, ein lichtdigel,
Weinror, dampader (zum Verstopfen), dammesser,
Van nicht verrun, es wer vil pesser,
Ich mein, man det in sunst wee gnug
Mit sweffel und aus dem milchkrug,
Senf, weidasch, eyerklar und thaen (thendehem-Decem, Abgabe).
An maß man thut mit wasser zwaken,
Und wie sein weiter zimpt zu warten
Mit gesaltzen speck, mit sweinen swarten,
Mit susser wirtz, mit glater smir;
Da von nichts ist befollen mir,
Dan das man auff sech in alln ecken.
Mit zangen, keupseln und faßdecken
Und alle meßgeschir sein verhanten,
Untersetzschusel, spunt und stanten,
Der man hart eins geraten kan,
Ob man an nicht will mangel han.[136]
Auch Hans Sachs, der Schuhmacher und Poet dazu, gibt in Versen die
Erfordernisse eines wohleingerichteten Weinkellers also an:
Nun mußt auch haben in dem Keller
Wein und Bier, je mehr je besser,
Ein Schrotleiter, und ein Dambmesser,
Ein Faßbörer muß auch da seyn.
Ein Rören und ein Kunnerlein,
Ein Steudtlein und auch etlich Kandel,
Weinschlauch, und was gehört zu dem Handel.[137]
Den Riesenkellern und den großen Weinvorräten entsprachen auch
die Riesenfässer, von denen uns eine ganze Anzahl nach Umfang und
Inhalt bekannt ist. Das größte dieser Gebinde lag auf der Elbfestung
Königstein; es faßte achthundertfünfzig Fuder. 1725 erbaut, war es 34
Fuß lang, 24 Fuß hoch. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts führten
Fäulnis und Baufälligkeit das Ende jenes turmähnlichen Weinbehälters
herbei. Nach ihm kam das Tübinger Faß, 1548 von Herzog Ulrich von
Württemberg für seinen Schloßkeller erbaut, »vierundzwanzig Schuh
lang und sechzehn hoch«; ferner das Riesenfaß im Kloster Eberbach,
das vierundsechzigtausend Liter enthielt und 1520 von aufrührerischen
Bauern erst leergetrunken und dann zerschlagen wurde. Ferner das
dreihundert Eimerfaß im Ludwigsburger Schloßkeller. Dann die Fässer
des Bremer Ratskellers, so das Bacchusfaß mit vierzigtausend
Flaschen Inhalt von 1624, und zwei weitere mit Raum für dreißig-
bezw. vierundzwanzigtausend Flaschen, die sich die Franzosen in den
Sturmjahren des vorigen Säculums und ihr Führer, General Davoust, bis
auf den letzten Tropfen schmecken ließen. Das Faß zu Grüningen im
Halberstädtschen, das mit Eisen und Wein 3448 Zentner wog, hatte, ohne
Holz, über 6000 Reichstaler gekostet.
In der Abtei Salmannsweiler befand sich ein vierzig Fuder haltendes
Weinfaß, »von einem solchen Umfang, daß durch sein Spundloch einst
ein Mönch hineinfiel und darinnen ertrank« schreibt Münster, in der
Cosmography, im 5. Band, Seite 946 und ihm sei die Verantwortung für
die Richtigkeit dieser Angabe überlassen. Im Keller des Schlosses zu
Würzburg liegen mehrere sehr große, schön verzierte Weinfässer, wie
auch in dem Aschaffenburger Schloßkeller.
Dem achtzehnten Jahrhundert gehört das Riesenfaß in der Stiftskellerei
zu Klosterneuburg bei Wien an. Das Faß wurde 1704 angefertigt und
im Weinjahre 1771 zum erstenmal gefüllt. Es faßt 999 Eimer; der
Spundaufsatz enthält den tausendsten Eimer. Im Jahre 1809 wurde der
Koloß zum letztenmal geleert und seither nicht mehr gefüllt.
Alljährlich am 15. November, am Tage des heil. Leopold, wallen Tausende
von Wienern nach diesem Faß, um sich am »Fasselrutschen« zu ergötzen.
Wie dieses »_Fasselrutschen_« entstanden, darüber berichtet eine uralte
Legende: Es war einmal, die Zeit ist nicht angegeben, ein Klosterwirt,
der unter dem Pantoffel seines Weibes stand und als echtes »Simandl«
-- Sie Mann -- bekannt war. Das Stiftskellervolk saß eines Abends beim
fröhlichen Gelage, und der Bindermeister frotzelte den Klosterwirt. Er
meinte, wenn es die strenge Gattin befehlen würde, müßte der Wirt auf
das Faß hinaufsteigen und herabrutschen. Der Klosterwirt aber schwur:
»Wenn ich meiner Alten so parieren müßte, dann soll jeder, der hier
kommt, das Kellerrecht haben, mir zum Spotte den Rutscher über das Faß
zu machen. Die gestrenge Frau Wirtin erfuhr von der Geschichte und
sekkierte den Simandl so lange, er möge über das Faß rutschen, bis er
unter der Bedingung einwilligte, daß die Sache unter den Eheleuten
geheim bleibe. Eines Abends schlichen die beiden in den finsteren
Keller, der Mann kletterte auf eine Leiter bis zur Höhe des Fasses und
als er herunterrutschte, erscholl ein Gelächter, es wurde plötzlich
Licht und das ganze Personal begrüßte den Pantoffelhelden. So entstand
das Kellerrecht, das bis jetzt noch immer geübt wird. Die Mehrzahl der
heutigen Besucher von Klosterneuburg steigt über die vierzehn Stufen,
die zur Höhe des Fasses führen, empor und rutscht zum Gaudium der
Zuschauer über den Rücken des Kolosses hinab.
Aber alle diese Fässer stellt das noch heute vielberühmte, einst von
Hagedorn und von Fischers »Saufpoeten«, dem deutschen Anakreon, J.
V. von Scheffel, besungene _Heidelberger Faß_ in den Schatten, durch
den unvergänglichen Ruhm, mit dem es durch den Autor des »Gaudeamus«
umgeben wurde. Von jeher war es der Stolz der pfälzischen Fürsten, die
größten Fässer im Reich zu besitzen. Denn ein altes Winzersprichwort
besagt: »Je größer der Pfühl, desto besser der Wein«.
Das erste der Riesenfässer ließ Johann Kasimir 1582 und für dieses
den jetzt noch vorhandenen Keller bauen. Das zweite entstand unter
Karl Ludwig, das dritte unter Karl Philipp und endlich das auf unsere
Zeit gekommene 1751 unter Karl Theodor. Dieses von Johann Jakob Engel
angefertigte Faß ist das größte aller Heidelberger Fässer. Es faßt
zweihundertzwölftausend vierhundertzweiundzwanzig Liter, ist neun Meter
lang bei einem Durchmesser von beinahe sieben Metern.
Auf die Zeremonien, denen Besichtiger vom Stand unterworfen wurden,
komme ich später zurück. »So groß aber auch das jüngste Heidelberger
Faß ist, das voluminöseste ist es doch nicht in deutschen Landen.
Herzog Eberhard III. vom Württemberg ließ 1719 durch den Böttcher
Ackermann ein äußerst schmuckes, reichverziertes Behältnis erbauen,
welches sich im Schloßkeller zu Ludwigsburg befindet und geräumiger ist
als das Meisterstück Englers. Riesenfässer enthält auch der ehemals
fürstbischöfliche Keller zu Würzburg, in welchem der gepriesene
Steinwein lagerte.«[138]
Ein weiterer Faßkoloß soll, wie der Reisende Keyßler im achtzehnten
Jahrhundert mitteilte, im Dunkel eines Dresdener Kellers gelegen haben,
doch konnte ich näheres darüber nirgends finden.
Eine Geschichte des Weines, und wäre sie auch noch so kurz, würde
eine unverzeihliche Lücke aufweisen, wenn sie nicht Branders
Lieblingsgetränk, des »... _Champagnerwein_
Und recht moussierend soll er sein!«
gedenken würde, denn:
Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
Doch ihre Weine trinkt er gerne!
Der Champagner hat aber eigentlich gar keine Geschichte, denn niemand
kennt seinen Ursprung, kein Dokument nennt seinen Erfinder. Selbst
das Jahr, in dem zuerst die bekannten fünfmalhunderttausend Teufel
entfesselt wurden, ist nicht mehr nachweisbar, trotzdem es nicht etwa
in grauer Vergangenheit, sondern höchstens gegen Ende des siebzehnten
Jahrhunderts zu suchen ist. Das Altertum und das Mittelalter kannten
keinen moussierenden Wein. Der Sekt, in seiner Bedeutung als
Schaumwein, ist neueren Datums und bekanntlich eine Erfindung Ludwig
Devrients, der in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin
seinen Lieblingswein mit den Worten Falstaffs: »Gebt mir ein Glas
Sekt«[139] verlangte, obgleich der dicke Schwerenöter Shakespeares
darunter vino secco, d. h. trockenen Spanier oder Canarier verstand.
Zum ersten Mal wird der Champagner 1718 mit dem Bemerken erwähnt, daß
er jetzt seit etwa zwanzig Jahren bekannt sei. Dom Pérignon, »der 1638
geborene, 1715 verstorbene wohlbestallte Pater Kellermeister der Abtei
zu Hautvilliers, soll zuerst gefunden haben, daß und wie es möglich
ist, das Mousseux, welches jeder junge Wein in der Zeit der Gärung
entwickelt, ihm dauernd zu erhalten. -- Ehre seinem Andenken.«[140]
Er wurde »pétillant« genannt und das Volk beehrte ihn mit den Namen
»Teufelswein« oder »Pfropfentreiber«; denn Teufelswerk schien der
perlende Wein zu sein, bei dessen Bereitung Zauberei und allerlei
unheimliche Mittel im Spiele waren. Heute wissen wir, daß es bei seiner
Fabrikation meist, aber nicht immer, wenigstens bei vielen Sekten
unseres schönen Vaterlandes nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, und
daß bei ihm nur eines unheimlich ist, -- seine Wirkung -- sofern er
nicht lauter und rein, wie es jedem Weine, daher auch dem Champagner,
zukommt.
Im achtzehnten Jahrhundert trank man in Norddeutschland einen aus dem
_Birkensaft_ erzeugten Champagner-Wein, von dem Krünitz, nach Angabe
seiner Anfertigung schreibt: »Das Produkt ist in allen Stücken dem
Champagnerwein so ähnlich gefunden worden, als nur irgend seyn kann.
Viele Kenner(?) haben mit Vergnügen diesen nachgemachten Champagner dem
wahren vorgezogen.«(??)[141]
Auch Met und Bier kochte man, demselben Autor zufolge, aus dem
vielseitigen Birkensaft, der sogar, wie der gelehrte Simon Pauli
versichert, die Sommersprossen vertreiben und die Maden aus dem Käse
verscheuchen soll -- was ich gerne glaube. Brrr!
Auch sonst noch hatte die Bacchusgabe, der edle Wein, die lobenswerte
Eigenschaft, dem Wasser den Zutritt in den weingefüllten Magen zu
verwehren, was unter gewissen Umständen von hohem Vorteil sein konnte.
Wie der Nürnberger Chronist Heinrich Deichsler erzählt, wurde 1500,
den 17. März in Nürnberg eine Frau vieler Diebstähle wegen lebendig
begraben; sie hatte schon einmal im Rhein ertränkt werden sollen. Sie
sprach: »da het ich vor vier moß weins getruncken, vor demselben wein
kunt kein wasser in mich kumen.«
5. Der Schnaps.
Der Branntwein, despektierlich Schnaps und Fusel, sonst auch Liquör
benannt, erfordert nur wenig Worte, da das Mittelalter so glücklich
war, ihn noch nicht unter die Volksgetränke zählen zu müssen.
Er taucht erst gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts auf (für den
ersten Schnapsfabrikanten hält man den 1355 in Montpellier lebenden
Arzt Villeneuve), wo man aber sofort seine Schädlichkeit erkannte und
seinen Gebrauch einzuschränken suchte. Bereits 1360 wurde in Frankfurt
am Main das Vermischen des Weines mit Branntwein untersagt.[142] Im
ältesten Berliner Stadtbuch, nach Sellos Forschungen zwischen 1381 und
1391 begonnen, wird auch der Branntwein erwähnt, dessen Herstellung
zeitweilig verboten war, weil er den »Kop« dumm mache. Der Nürnberger
Rat verbietet ihn am Sonntag oder Festtag feilzuhalten, sonst aber ihn
an der Schankstelle selbst zu trinken; später (1496) gestattet er, daß
einer für einen Heller oder einen Pfennig auch im Branntweinschanke
trinken darf, doch trat er 1496 dem »Mißbrauch und der Unordnung,
der mit Nießung gebrannten Wassers Weins« verbunden war, energisch
entgegen. 1522 wird in der Trautenauer Chronik des Simon Hüttel
eingetragen von einem Schulmeister und Stadtschreiber: »er trank
sich bei dem alten Hans Hoffman zum »nassen künig« im brantenwein zu
tode.«[143]
Thomas Murner spricht allen denen, die am Sonntag Branntwein feil
halten, das Seelenheil ab.[144]
Doch die, die dazu den Branntewein
Noch an dem Sonntag haben feil,
Verderben all ihr Seelenheil;
Wenn andre Leut' zur Kirche gehn,
So bleiben sie am Bänklein stehn
Und einen neuen Schwatz beginnen.
Was bei dem Handel sie gewinnen?
Der Pfennig, den er ihnen bringt,
Sie in die Hölle niederzwingt.
Und wenn die alten schnöden Weiben
Solch einen Handel nicht mehr treiben,
Sind ihnen noch zwei Ding' bekannt:
Sie kuppeln und zaubern in dem Land.
Sie müßten alle sein verbrannt![144]