Als der _deutsche Ritterorden_ die Eroberung Ostpreußens vollendet

hatte, zog er Kolonisten aus den benachbarten sächsischen und

wendischen Staaten herbei. Besonders der Hochmeister Winrich von

Kniprode -- nomina sunt odiosa; Win-rich gemahnt an Wein wie Knip-rode

an Kneipe -- ließ für schweres Geld erfahrene Winzer aus Italien und

Süddeutschland kommen, um Weinberge bei Rastenburg, Lüneburg, Polska,

Hohenrode, Tapliau und Thorn anzulegen. Selbst in Memel, Tilsit und

Königsberg wurde Eigenbau getrunken. Im Jahre 1379 belief sich die

Ernte aller Weinberge des Hochmeisters auf sechshundertacht Tonnen, die

teils eingekellert, teils ausgeschenkt wurden. Vor allem versorgten die

Weinberge bei Thorn die Ordensritter mit Wein zur Messe und zu den

Gelagen. Als Herzog Rudolf von Schwaben (1363) in der Marienburg als

Gast weilte, mußte der Mundschenk beim Schluß der Tafel einen großen

goldenen Becher mit Thorner füllen, den zuerst die Gäste, dann der

Hochmeister und zuletzt die Ritter auf gut Kriegsglück leerten. Da rief

Rudolf: »Langt mir noch einmal den Becher her! Der Trank ist Öl, davon

einem die Schnauze klebt!« Und den neugefüllten Pokal leerte der Bayer

unter dem hellen Jubel der Zechkumpane auf das Andenken Kaiser Ludwigs

des Bayern.

Seitdem die Weinkultur in Ostpreußen verschwunden ist, bildet die

Mark Brandenburg die nördlichste Weingrenze Europas. Im sechzehnten

Jahrhundert erlangte der märkische Weinbau seine höchste Blüte. Von der

Quantität des hier gezogenen Weines kann man sich einen Begriff machen,

wenn man die alte Nachricht liest, daß ein einziger Weinberg bei

Tasdorf hundertfünfzig Tonnen Wein ergab. Wie die Qualität war, darüber

schweigt sich allerdings mein Gewährsmann gründlich aus.

Riesenthal und Oderberg in der Mark hatten zwanzig Tonnen weißen und

ebensoviel roten Wein an das Berliner Joachimsthalsche Gymnasium für

die Lehrer und Schüler zu liefern, und in der Neumark war der Landwein

billiger als das Krossener Bier.

Durch die zielbewußte Feldwirtschaft der Geistlichkeit konnte eine

Überproduktion nicht ausbleiben. Sie heimsten weit mehr Naturalien

ein als sie selbst verbrauchten. Wenn auch ein Teil ihrer Erträgnisse

darauf verwandt wurde, die Vorratskammern ihrer Gönner zu füllen, oder

durch Verteilung neue Freunde zu schaffen -- wie jener Abt von Citeaux,

Jean de Bussières, von Papst Gregor XI. in Avignon als Gegenleistung

für dreißig Fässer Beaune und Chambertin den Kardinalshut erhielt

-- so reichten in besonders gesegneten Jahren die groß angelegten

Speicher und Keller der reichen Abteien und Stifte nicht aus, die Ernte

aufzunehmen. Im Kloster St. Gallen nahm im zehnten Jahrhundert der

Weinvorrat derartige Ausdehnung an, daß volle Weinfässer, von Hütern

bewacht, unter freiem Himmel lagen und sich höherstehende Leute Rotwein

zu trinken weigerten. Eines dieser reich gesegneten Jahre war 1332, das

eine unerhörte Fülle von Wein brachte. Raudisacker bei Würzburg sandte

als Zehnten zweihundertsechzig Fuder, ein Jahr später nur zwölf Fuder

an die geistliche Herrschaft. »Was vil wins gewaisen, den man noimpde

den bodenwin«, sagen die Kölner Jahrbücher darüber.

Wie diese Raudisacker waren unzählige andere Dörfer der Geistlichkeit

zins- und frohnpflichtig, denn die frommen Herrn hatten von jeher den

bekannten guten Magen, den sie sich um so voller stopften, als in der

Zeit vor der Reformation die Ehrfurcht vor Kutte und Tonsur alle ihre

Übergriffe guthieß. Das Gebahren der Klerisei war zu lukrativ, um nicht

in den Kreisen der Feudalherrn, von hoch oben an bis herab zum Ritter,

der auf seinem halbverfallenen Steinhaufen ein armseliges Leben führte,

begeisterte Anhänger und Nachtreter zu finden.

Und als die Güter der Geistlichkeit ins Ungemessene gewachsen

waren und sie trotz ihrer Unzahl -- gab es doch zu Luthers Zeiten

zwei Millionen vierhundertfünfundsechzigtausend Mönche und etwa

zweihunderttausend Nonnen in Deutschland -- außer stande waren, alles

selbst zu bewirtschaften, zwangen sie ihre Pächter zur vollsten

Abhängigkeit. Erhielten diese Winzer, wie schon zu Karls des Großen

Zeit, den Auftrag, durch Aushängen des Blätterkranzes anzuzeigen, daß

der Wein trinkbar sei, so handelten sie doch immer nur als Diener

ihrer Herrschaft, die sich das Recht vorbehielt, den erteilten

Befehl gegebenenfalls zu widerrufen. Dieses Recht dehnten die Herren

schließlich über ihr ganzes Gebiet aus, ohne Rücksicht darauf, ob die

Weinberge ihrer Domänen ihr Eigentum, oder ihren freien Untertanen

gehörten. Dieser _Weinbann_ zwang sogar größere Städte mit Weinbau und

Weinhandel sich durch bedeutende Abgaben von dieser Last zu lösen. So

mußte Straßburg 1252 von ihrem Bischof den Weinbau um vierhundert Mark

Silber, etwa sechzehntausend Mark erstehen. In Mainz hatten um 1300 die

»Weinschröter« die Verpflichtung, dem Erzpriester jährlich drei Karren

Wein als Ablösung zu liefern. Speyer wußte sich schon 1182 durch ein

königliches Privileg vom Weinbann zu befreien.[97]

Der Weinbann nahm übrigens, wie fast alle anderen derartigen,

gewissen Sonderinteressen dienenden Privilegien durch den Übermut

ihrer Diktatoren recht bizarre Formen an. So gehörte der Weinbann zu

Münster dreimal des Jahres, zu Weihnacht, Ostern, Pfingsten, jedesmal

durch »vierzehn Nacht« dem Abt von St. Gregoriental. Sobald eine

dieser Zeiten naht, haben Schultheiß und Ratsherrn die vom Abt zum

Verkauf zu bringenden Weine zu prüfen, ob sie auch aus dem Weinberg

des Gotteshauses stammen, denn das Recht, fremde Weine zu verkaufen,

hat er nicht. An dem Abend aber, da der Bann des Abtes anhebt,

muß der Schultheiß mit dem Weibel die »Tavernen« der städtischen

Weinschenken durchmustern, ihre Fässer zuschlagen und in irgend

einer Weise zeichnen, daß man sie nicht unbemerkt öffnen und wieder

schließen könne. Man nannte das dort »die Fasse brigelen«. Wer in der

genannten Zeit das unter solche Sperre gelegte Faß dennoch öffnete,

der hatte dem Abt sechzig Schilling Buße zu zahlen, »so oft er den

Zapfen ziehet«[98] oder den Strich über dem Zapfen -- daher der Name

»_Zapfenstreich_« -- verlöschte.

Wie in Münster, so schloß auch anderswo der Ausschank des Bannweines

den Verkauf jedes anderen Getränkes aus. »Und welcher den banwein hait

uns schenckt, der hait die Freiheit zu fischen, zu jagen, voglen,

brottbacken und metzlen, wess er zu seine wirtschafft benötiget ist und

nit weiter ... Ess soll auch ein jeglicher inwhoner schultich sein umb

ein recht ein maß weins bey ime zeholen, es were dan sach, das der wein

ze deuer were und nit betzalen kundt; und welicher dass nit thett, so

hett der wirdt macht _ime ein mass weins zum hünerloch in ze schöden,_

und most sie ime bezalen.«[99]

Ja die Herren von anno dazumal waren noch ganz andere Kerle wie die

armen vielverlästerten »Ringmänner« der Gegenwart. Wenn die sich erst

mal auf die Hinterbeine setzten und zu befehlen anfingen, so hörten sie

erst gar nicht wieder auf. Sie gefielen sich häufig in Verordnungen,

die so recht den ganzen Übermut eines an Größenwahn streifenden

Machtbewußtseins spiegelten, das mit den wehrlosen Untergebenen wie

mit fühl- und vernunftlosen Puppen umsprang. Ein markantes, wenn auch

die Geschichte des deutschen Durstes nicht berührendes Beispiel

gibt ein Erlaß in einem der Weistümer von 1442. Dort heißt es: »Und

geburt meyner Frauwen der graffynne zu Folkelingen zu lygen, so

sollent die _frosche sweygen das sie myn Frauwe nit wecken_«.[100] Da

nun die sangeslustigen Frösche nicht respektvoll genug gewesen sein

dürften, den Schlaf der holden »graffynne« als vollwichtigen Grund zum

Schweigen anzusehen, so werden wohl die armen Bauern ihre Nächte damit

zugebracht haben, die Teiche, Sümpfe und andere Froschkolonien mit

Gerten zu schlagen, um die Frösche in Furcht zu jagen und dadurch ihren

melodischen Gesang zu verhindern.

Natürlich regelten diese Miniaturherrscher und vollständig

ausgewachsenen Tyrannen auch haarklein die ihnen seitens der Bauern zu

leistenden Arbeiten und Lieferungen. Ein Überschreiten dieser Pflichten

wurde huldvollst übersehen, eine Vernachlässigung aber grausam

bestraft. So bestimmten sie ganz genau, wie sie selbst oder einer ihrer

Abgesandten auf dem Bauernhof aufzunehmen, welche und wieviel Speisen

und Getränke vorzusetzen seien.

Der Probst des Klosters Ölenberg im Elsaß hatte 1354 auf dem Hof

St. Lukart Anspruch auf zwei Mahlzeiten mit »nuwen wine« in »wiss

schenckbecher« und »krachend bette«. In Beyenheim bei Friedberg in der

Wetterau erhielt der Vogt 1455 ein gesottenes und gebratenes Huhn und

»ein maas Firnischen weins, der Knecht ein maas Hanauischen wein«.[101]

Nach dem Weistum von Borne und Crüftel[102]: »sol man holenn zu Epstein

zwaierley fleisch mit guter wurtz (Würze) wol gekocht, unndt ein pfund

licht, guten _frenkischen wein_ in ainem hultzern becher mit ainem

raiff«. In Faha (1462) soll der Besucher Feuer ohne Rauch, einen

schönen gedeckten Tisch »schonen brotz (Brot's) genungh, _zweierlei

wein des pesten_ genungh«, dreierlei der Tageszeit angemessene

Speisen finden. Im Jahre 1529 war die Speise schon auf »sebenerley

Kost geduppelt«, aber der »zweyerley wein« beibehalten. Zu Pellingen

verlangte die Herrschaft »ein _schmeckigen glass schönen wein, so in

dem jahr gewachsen ist_«, und derartige Verordnungen wiederholten sich

in beinahe allen Weistümern.

Die Überproduktion von Lebensmitteln der geistigen und weltlichen

Großgrundbesitzer hatte einen schwunghaften Handel zur Folge, dessen

sich aber die aufblühenden Städte zu bemächtigen wußten, da sie als

Zwischenhändler, als Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten,

auftraten. Besonders der Weinhandel erwies sich bald als äußerst

gewinnbringend, wenn auch die Preise, je nach der Ernte, ganz

außerordentlichen Schwankungen unterlagen. In Württemberg kostete ein

Eimer alter Wein im Jahre 1426 dreizehn Kreuzer, während man 1484 eine

Maß für ein Ei erhalten konnte. Noch wohlfeiler war er:

Tausendfünfhundertdreißig und neun

Da galten die Faß mehr als der Wein

Wie Schultze erzählt,[103] kam im genannten Jahr ein Edelmann auf den

Gedanken, statt seinen alten Wein wegzugießen, ihn von seinen Bauern

in der Frohne austrinken zu lassen. Ungemessen strömte am Tage dieser

»Arbeit« der Rebensaft die durstigen Kehlen hinab und stieg von dort

in die Köpfe der Bauern. Händel und Verwundungen waren die Folge und

die Geldstrafen für diese Ausschreitungen strich der Edelmann als

Gerichtsherr ein, wodurch ihm sein Wein besser bezahlt wurde, als

wenn er ihn verkauft hätte. 1287 soll in Heilbronn das Fuder Wein nur

zweiunddreißig Kreuzer gekostet haben. In den besonders fruchtbaren

Jahren 1420 bis 1429 mußte man mehrere Male ins Wirtshaus gehen, um

überhaupt eine Zeche machen zu können. In Urach ließ einmal ein Wirt

ausrufen, man könne bei ihm für einen halben Batzen vom Morgen bis zum

Abend trinken. Als in Ulm der Münster gebaut wurde, (1377 bis 1494),

war in manchen Jahren der Wein so billig, daß die Bürger nur in großer

Gesellschaft die Kneipen besuchten, so daß heute der, morgen jener die

Zeche bezahlte.[104] Das war eine schöne Zeit, aber leider:

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit!

Freilich sind solche Weinjahre gerade wie in der Gegenwart nur

Ausnahmen gewesen. Zu gewöhnlichen Zeiten hielt sich der Preis auf

einer der Ware angemessenen Höhe, wozu noch das tief eingewurzelte

Zunftwesen im Verein mit der behördlichen Bevormundung dem Weinhandel,

wie jeder anderen Handelsart, allerlei Hemmnisse zu bereiten sich

bemühte. Dies war um so schlimmer, als die Weinhändler hauptsächlich

auf den Export nach fremden Städten angewiesen waren. Verbot so ein

Stadtrat schon den Kaufleuten seiner eigenen Gemeinde alles mögliche,

wie erst den zugereisten Fremden!

Von allem in der Stadt verzapften Weine mußte eine Abgabe gezahlt

werden, und wer sich fremden Wein kommen ließ, mußte auch von ihm, wie

uns die Ausgabenotizen Anton Tuchers beweisen, der Stadt seinen Zoll

entrichten. Eine Meile um die Stadt sollte kein Wein verzapft werden,

damit die Gemeinde nicht um ihr Ungeld kam, und die Heckenwirte, die

dies dennoch versuchten, wurden streng bestraft.

In Straßburg im Elsaß war 1631 auch den einheimischen »Wein-Zäpfnern,

Küeffer und Weinhändlern« der Weinverkauf außerhalb der Markttage

verboten. Den Landleuten war streng untersagt, ihre Weine in kleinen

Gebinden anderswo als auf den gemeinen Weinmärkten auf dem »Grau- und

Parfüßer Platz« an den Mann zu bringen.[105] Zu Leipzig mußte nach dem

Ratsbeschluß vom 10. Oktober 1464 jeder, der im Weichbilde der Stadt

Wein schenken wollte, dem Bürgermeister ein Nösel, d. i. eine halbe

Kanne »Kostwein« und von je zwei Fässern verzapften Weins noch »ein

halb stobichin«, d. h. über eineinhalb Liter »setzewin« abgeben.[106]

Am strengsten suchte man aber jenes kaufmännische Gebaren zu

unterdrücken, das man heute _fixen_ nennt und auch jetzt noch so

grimmig haßt.

In den Straßburger Polizeiordnungen wird das Aufkaufen des Weines vor

der Reife vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert immer wieder

mit einer, einer besseren Sache würdigen Konsequenz verboten. »Montags,

19. Julii 1518« erneuern z. B. die »Räthe und die Einundzwanzig« das

Mandat von 1515, daß niemand vor dem Herbst Wein »uff ein gesunderten

schlag fürkaufen oder bestellen soll«.

»Mitwuchen Sanct Johanns Baptiste obend« (Juni 23.) verbietet dieselbe

Behörde Früchte, Wein, Korn, Getreide auf dem Felde zu kaufen oder auf

_Mehrschatz_ zu verkaufen, d. h. den mutmaßlichen Ertrag der Ernte zu

veräußern.

Alsdann verkaufet er mit List

Frucht, die noch nicht gewachsen ist

sagt Murmer[107] tadelnd von dem Menschen, die »mit dem Judenspieß

rennen«, also wuchern.

Auch das Entgegengehen den Verkäufern vor die Stadttore, »das Grempen«,

das auch Murner mit grimmem Hasse verfolgt,[108] war den Behörden ein

Dorn im Auge. 1627 wird in Straßburg zur Denunziation der Vorkäufe

aufgefordert und dem Angeber der vierte Pfennig des Strafgeldes

zugesichert.

Der größte Weinhandelplatz des Mittelalters war Ulm. Der

württembergische Wein ging über diese hochangesehene Stadt nach

dem übrigen Süddeutschland bis nach Ungarn. Anfangs lag auch hier

der Weinhandel in den Händen der Mönche. Als er aber ein freies,

bürgerliches Gewerbe geworden war, gelangte er zu solcher Blüte,

daß die Kaufleute Ulms einen eigenen Weinhof und sog. Weinstadel

errichteten. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war Erasmus

Rauchschnabel der Weinmatador Ulms. Er hatte mitunter bei Kaiser

Maximilian II. und anderen hohen Herren solch bedeutende Summen für

gelieferten Wein ausstehen, daß ihm öfters Ländereien und ansehnliche

Güter als Unterpfand gegeben wurden.[109]

Wie mit den württemberger handelte Ulm schon früh mit Rhein-,

Main-, ausländischen und Kräuterweinen. Zu Beginn des siebzehnten

Jahrhunderts belief sich oft der Weinumsatz in Ulm auf achthundert

Fässer an einem Tage, der sich aus den mannigfaltigsten Sorten

zusammensetzte, denn die Weinkarte des Mittelalters war mindestens so

reichhaltig wie die der Gegenwart.

In Leipzig wurden 1443 verkauft »Reynfal, Welschwyn, Malmasie und

Rummenie«, also Wein aus Istrien, vielleicht aus Rovigno, den Fischart

in seiner »Aller Pracktick Großmutter« erwähnt, von Italien, von

Monembasia und von Griechenland. 1462 wird außer den genannten auch

des Passeners oder Passowners gedacht, wohl der altberühmte Bozener,

den die Bewohner jener Stadt 1155 dem Kaiser Barbarossa, als er sie

auf seinem Italienzug besuchte, als Willkommentrunk darboten, wodurch

diesem edlen Gewächs die Ehre widerfuhr, von Otto von Freising in

seiner Geschichte Friedrichs des Rotbärtigen verewigt zu werden.[110]

Ferner erscheinen noch unter den fremden Weinen der Elsässer und der

Rheinische. Der »Ihenische wyn, Kotesberger -- aus Kötschenbroda --

Frankenwyn und Elsessir« sind gleichfalls 1452 in Leipzig zu haben.

Anton Tucher in Nürnberg besaß nach seinem Wirtschaftsbuch, in dem der

reiche Patrizier alle seine Ausgaben sorgsam aufzeichnete: Frankenwein,

Neckarwein, Tauberbischofsheimer, Neuenstadt am Kocher, Rheinwein von

Landau, von St. Martin bei Boppard, dann Rinkauer, Speierer, von dem

es hieß:

Der macht den Kopff wol halbe ler

Als ob es win von Züttern (Zeutern bei Bruchsal) wer.

Elsässer, Heidelberger, dann Weine von der Bergstraße und von

Heiligenstadt, Tauberwein, Wertheimer, Königsberger, aus Rausche bei

Forchheim. Dann Erfurter, der 1336 noch so sauer war, daß er die

eisernen Schnauzen der Gefäße, aus denen er gegossen wurde, abgefressen

haben soll, während er später zu einer vielbegehrten Sorte wurde, und

natürlich den »herrlichsten von allen«, den _Rheinwein_, »des Rheines

Rebenblut«, wie er im Waltarilied benannt wird,[111] dem die Helden des

Nibelungenliedes mit Vorliebe zusprachen[112] und dem schon in Clara

Hätzlerins Gedichtsammlung aus dem Jahre 1471 der Sang ertönt[113]:

Wein, wein von dem Rein,

Lauther, claar und vein!

Dein varb gibt gar lichten schein

Als cristall und rubin.

Du gibst medicein

Für trauren, schenck du ein!

Trinck, quot Kätterlein

Mach rothe wängelein!

Dem Pfälzer Wein singt der geistvolle Gelehrte Nicodemus Frischlin

(1547--1590) 1575 ein Loblied, aus dem hervorgeht, daß man auch damals

die Tugenden des Elfingers, Hippachers, Beutelsbachers, Felbachers und

Beinsteiners zu schätzen wußte.

Bei der großen Liebe, die man dem Wein allenthalben entgegenbrachte,

konnte es nicht ausbleiben, daß man ihn mit allerlei Kosenamen

belegte, von denen Johannes Fischart in trunkenem Gespräch seiner

»Geschichtsklitterung« folgende aufzählt: Herzenssaft, Herzenssälble,

Erdenblut, Leberfrist, Lungenschwamm, Kragenspülerle, Stirnstößerle,

Lungenbädlein, Fußfinderer, Vettelnkutzler, Bettlerbett, Himmeltau,

Rebenbrühlein, Bankpfühlbelein, Gaumenkitzel, Netz den Gaum,

Mayenreglein, Herbstmellin, Aprillenbädlein, Wintergrün, Wendunmut,

Wintermayen.« Diesen Bezeichnungen fügt Hegendorfius noch den Namen

»Leidvergiß« zu.

Von fremdländischen Weinen wies Tuchers Keller auf: »Osterwein --

österreichischen -- heinischen, d. h. hunnischen, in diesem Fall wohl

ungarischen Wein, Veltliner, Reinfal aus Istrien, den auch Tuchers

Landsmann Michael Behaim bezog, Muskateller, Malvasier, den malfasy des

dreizehnten Jahrhunderts und andere Süßweine.

Peter Suchenwirt, der Minnesänger, gedenkt der Südweine: »Die tisch

sach man beraten mit welchisch und mit oster wein, Chlarn Raifal

schanckt man ein« und »Nur Wippacher (Kärnthner) und Reinfal Und

Lutenberger (Steirischen) guten wein«. In Nürnberg wurde Lackwein,

süßer, durchgeseihter Wein feilgehalten,[114] dann Schabernac, ein

italienischer Wein, vielleicht aus Capranica bei Viterbo.[115] In

Bremen gab es im sechzehnten Jahrhundert Petersymen -- Pedro Ximenes

-- Bastert, aus Spanien, Wyn Teynd -- vino tinto -- und Seck oder

Weinseck, vermutlich aus Xeres.[116]

Von deutschen Weinen finden sich noch als vielbegehrte Sorten:

»lantweyn in Slesien gewachsen«, Gubener, Neumarker, Crossener,

Oderwein aus Frankfurt, der viel exportiert wurde und noch viele

andere, nach ihrer Herkunft benannte Sorten. Hermann von Sachsenheim,

eine feine Zunge, dessen Gedicht »Moerin« von Weinsorten wimmelt, sagt:

»Den besten win, Den ich zu Botzen getranck« (Vers 5568), dann spricht

er von »malfasy« in einem »Behembschglaß«, dann wieder (Vers 1654) »Ich

main, es riech uß dir der win, Den nechten trunkt uß Rummeny« und (Vers

2834) »Dis ist der allerbeste win, der dort in Rummeny ye gewuchs«.

Unsere üblichen Weinkarten finden wir zuerst im 17. Jahrhundert, und

zwar in der Form reichgeschnitzter, mit Karyatiden und Traubenbehang

gezierter buntbemalter Holztafeln, auf denen auf schwarzbemaltem

Untergrund die Namen der Weine in weißer Farbe verzeichnet waren, und

zwar folgende Sorten: Rhein-Wein, Mossel, Döningerbleicher, Wertheimer,

Hasslacher, Stein, Leuten, Margräfler, Kräuter. -- Schampagner weißer

und roter.[117] -- Bourgogne, weiß und rot, Pontack; Medock, Mouscat,

weiß und rot, Lünel, Frontignant, Mallaga, Sect,[118] Alicant,

spanischen. -- Eine andere, einige Jahre später, verzeichnet noch

außerdem: Cortibenedicten, Wermut, spanischen Sect und Meth, weiß und

rot. Die exotischen Weine waren aber viel zu teuer, um selbst von

wohlhabenden Leuten ständig getrunken werden zu können. Sie werden

daher nur zum Nachtisch gereicht worden sein, während man sich als

Tischtrank billigeres Gewächs munden ließ. War der einheimische zu

sauer, so versüßte man ihn mit Honig und setzte ihm Gewürze zu, wodurch

er zum Lautertrant, Lûtertrank, den Moerin (Vers 2836) als »ouch gar

suoß« hinstellt. Mit Gewürzen wüstete man bekanntlich im Mittelalter

sowohl in der Küche wie bei der Trankbereitung. Mischte man doch aus

feingestoßenem, durch Leinwandsäcke geseihten Pfeffer in Verbindung

mit Honig und Wein den _Piment_ oder Pigment genannten Würzwein;

aus denselben Ingredienzien und Zimmt den vielgerühmten Hypokras.

Ein Rezept zu diesem Mischtrank finde ich in M. Gualther H. Ryffs

Kochbuch von 1540, von dem Scheible einen Auszug mitteilt:[119] »Ist

ein gemeiner Trank des Morgens nüchtern zu trinken, wird gewöhnlich in

allen Apotheken bereit gefunden, sunderlich Winters Zeit; von Zimmet,

Ingber, Zucker und gutem rothem Wein bereittet, auf diese weiß: Nimm

des besten Zimmets 1½ Loth, guten weißen Ingber 1 Loth, Galgant ½

Loth; stoß zu Pulver, schütt in einem Glas ein wenig Wein darüber, laß

über nacht stohn, des Morgens thu noch 1½ Maß Wein dazu, Zucker so

viel du wilst. Etliche stoßen auch diese Würze zusammen: Nimm 4 Loth

Zimmet, 2 Loth Ingber, 1 Loth Paradieskörner, ½ Loth Galgant, Nägelein,

Muscatnuß, Cubeben, Cardanum, jedes 1½ Quintlein; von dieser gestoßenen

Würz nemen sie 1 Loth auf ein Maß und ½ Pfund Zucker minder oder mehr

nach ihrem Gefallen, danach der Ypocras stark sein soll, vermischen den

gestoßenen Zucker kalt unter den Wein und das gewürz, lassens durch ein

wullin spitzig Säklin lauffen dazu bereit«.

Außer den Rebenweinen waren auch Frucht- und Kräuterweine vielbeliebt.

Der Fruchtwein wurde bald aus Birnen, bald aus Äpfeln bereitet. Sein

Name war lît. Im »Buch der Rügen« heißt es Vers 779 »Mîdel (meide) auch

daz lîthûs«. Im Meier Helmbrecht »Viel süeze lîtgebinne Ir sult uns

füllen den maser (Holzbecher).[120]

Birnenmost trank man vornehmlich in Bayern. »Ir birnenmost den tranc

ich alsô swinde« sagt Neidhard von Reuenthal. »Lâz Beyer trinken

bîremost« heißt es im Siegfried Helbling (III 233). Apfelwein scheint

aber weitaus beliebter gewesen zu sein. War der Apfelwein zu sauer,

so behandelte man auch ihn mit Zusätzen von Honig und Gewürzen.[121]

Außerdem gab es auch Kirschen-, Schlehen-, Heidelbeer-, Stachelbeer-,

Johannisbeer- und Brombeer-Weine. Von den Kräuterweinen blieb der,

besonders gut in Bacharach aus der Alantwurzel (Inula) bereitete

Alantwein bis um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts beliebt,

während andere Arten, deren »furnemsten und bräuchlichsten« waren:

Rosmarin-, Salbei-, Hirschzungen-, Ysop-, Bethonien-, »Mayeron-«,

Augentrost-, Bimpernellen- oder Schlutten-, Absinth-, Sinopel-,

Melissen-, auch als Augenheilmittel beliebt, um »Augen lauter

und klar zu machen«, und Sponwein im siebzehnten und achtzehnten

Jahrhundert für immer von der Bildfläche verschwanden. So der einst so

hochgeschätzte _Moras_ (vinum moratum), das Ideal aller Leckermäuler

der Vergangenheit. Das Nibelungenlied[122] erwähnt den Moras, wie der

Parzival, wo es heißt:

Diese vier Jungfrauen klug,

Hört, was jegliche trug:

Moras, Wein und Lautertrank

Trugen drei auf Händen blank.[123]

Dieser Moras war eine Mischung von Heidelbeer- und Rebenwein, demnach

eigentlich eine Verfälschung von Wein durch Heidelbeersaft. Ein

gleiches Schicksal widerfuhr auch den Fruchtsprossen oder Julep,

die man aus Rosen, Veilchen, Sauerampfer, Citronen, Apfelsinen,

Granatäpfeln, Erdrauch, Wermut, Essig usw. erzeugte und an Stelle

unserer Liköre reichte.

Kirchlicher Vorschrift gemäß war an Bußtagen und während der Fastenzeit

bis zum neunten Jahrhundert der Genuß von Wein oder Met untersagt. Nur

Most oder Bier war erlaubt.[124]

Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte · 第 6 / 21 段