»Diese Ordnung soll ein jeglicher zugleich beim Morgen- und Nachtessen

behalten, daß keiner trinke, bis er wohl gegessen hat, und daß er mehr

esse, denn trinke. Denn mehr trinken, als sich gebühret, zerstört

die Däuung, und aus Überflüssigkeit des Trinkers geschieht es, daß

die Speisen aus dem Magen steigen in die Glieder, ehe sie vollkommen

verdäuet werden, und bringet so viel der Gefährlichkeit, daß etliche

Doktoren wollen, wenn man esse, daß man nicht trinken soll.[79] Aber

das ist zu verstehen von dem Arzneitrank. Auch sagte Avicenna, daß wir

nicht trinken sollen zwischen dem Morgen- und Nachtessen, denn davon

wird die Däuung zerstöret, und sonst von anderer Ursache wegen sprechen

alle Doktores, daß es fast schädlich sei. Und wenn eins gleich nach

dem Essen dürstet, und begehret zu trinken, und dieser Durst ist nicht

falsch, so soll er sittlich trinken, gleich als durch die Zähne.

Wenn einer will schlafen gehen, dem ist auch unnütz nach dem Essen

zu trinken, von wegen der vorgemeldeten Ursach; es wäre denn ein

natürlicher Durst und nicht trughaft von wegen vieler Einnehmung von

Speis und Trank, oder daß er natürlich wäre in einem Menschen, der

ein Cholericus ist, dem soll das Trinken zugelassen werden, wenn die

Ursache des Dursts nicht herkommt von der Viele des Trinkens. Man soll

auch die jungen Kinder und die, so cholerischer Complexion sind, nicht

lassen Durst leiden, zumal in Sommerszeiten, damit sie nicht ausdorren.

Es spricht Rasis, daß die Menschen mittelmäßigen Fleisches, nicht zu

feist noch zu mager, haben eine große Begierde zu trinken: diese mögen

ohne Furcht Wasser trinken. Auch ein Durst von wegen überflüssigen

Trinkens ist trughaft und nicht von nöthen, daß einer darauf trinke.

Auch soll niemand nüchtern trinken, weder Wein noch Wasser. Das

Wasser, so über dem Tisch getrunken wird, soll kalt sein, und nicht

gemacht mit Schnee, auch nicht Schneewasser.«[80]

Ein anderer Medicus empfiehlt:

»In dem Winter sollt du deinen Wein nit kalt trinken, dann er viel

schädlich ist und ferbläuet den Menschen inwendig; du sollt ihn lau

machen. Oder sonst ein gemeine Lehre sollt du hie merken: die Speis

sollt du gar wohl und klein zerbeißen in dem Mund und den Wein klein,

gleich als ein Faden, hinein schlinden. Das ist ein Sach der Gesundheit

und des langen Lebens.«[81]

Alle diese medizinischen Vorschriften würden natürlich in sich

zusammenfallen, wenn sich die auf deutscher Erde seßhafte Menschheit

des Trunkes gänzlich entschlagen wollte. Ein überaus kluger Kopf, dem

die Mit- und Nachwelt eine, leider längst vergessene Podagraschrift

verdankt, hat diesen geistvollen Gedanken schon vor ein paar hundert

Jahren gehabt und ihn noch prägnanter als Luther in seinem

Wer zum Tischtrunk Fischtrunk nimmt,

Selten dem die Fußgicht kimmt

dahin ausgesprochen:

Liessen wir die Güß,

So liessen vns die Flüß!

Ob der Mann recht hat!

4. Der Wein.

Wein, wein von dem Rein,

Lautter, claur und vein!

Dein varb gibt gar lichten schein

Als cristall und rubin.

Du gibst medicein

Für trauren, schenk du ein!

Trinck, quot Kätterlein!

Mach rothe wängelein!

Liederbuch

der _Clara Haetzlerin_.

Für Sorgen sorgt das liebe Leben,

Und Sorgenbrecher sind die Reben.

_Goethe_, Divan 9, 4.

Das ist am Wein das Beste,

daß die Erinnerung darüber schwebt!

Eine hervorstechende Eigenschaft des Germanen, die alle seine

Schilderer einmütig erwähnen, war sein dauernder Durst. Er liebte alles

Trinkbare, das Wasser natürlich ausgenommen, ganz wie seine Nachkommen,

sah aber in seinem Met so lange das Ideal aller geistigen Getränke, bis

er etwas Besseres, sagen wir Moderneres, kennen lernte -- denn Göttin

Mode war gleichmächtig bei allen Völkern und in allen Zeiten. War erst

das bessere Bier der Feind des guten Met, so machte der noble Wein dem

plebeischeren Bier seinen Platz in der Volksgunst streitig.

Der Wein, einst der Göttertrank, den die seefahrenden Gaugenossen aus

endlos weit entlegenen, unbenannten, sonnigen Himmelsstrichen, die

viele viele Jahrhunderte später ein kühner Spanier der Menschheit

entdecken sollte, unter Fährnissen aller Art zu den heimischen Gestaden

brachten, wurde durch die römischen Eroberer in deutschen Gauen

allgemeiner bekannt. Und römisch ist sein äußeres Gewand den Deutschen

geblieben bis zum heutigen Tag.

Aus dem lateinischen vinum wurde Wein, aus mustrum Most, aus lora

Lauer, aus mosa Maß, aus amphora Eimer, aus vas Faß, aus cupa, cupella

Kübel, aus calvatorium Kelter, aus cella Keller und noch manch anderes

mehr.

Lernten nun auch die Deutschen verhältnismäßig früh den Wein kennen

und schätzen, sei es in Italien selbst, wohin sie in Kriegsdiensten,

als Geiseln oder als Gefangene kamen, sei es durch die in Germanien

erschienenen Römer, oder durch Tauschverkehr mit seefahrenden

Südländern, so vergingen doch noch Jahrhunderte, ehe sie selbst die

erste Rebenpflanze in die Erde senkten. Die Einführung des Weinbaues in

Gallien knüpft sich an die Gründung der griechischen Kolonie Massalia.

Er blieb jahrhundertelang auf die Umgebung dieser Stadt beschränkt

und verbreitete sich zunächst nur über den südlichsten Teil der

provincia Narbonensis und Aquitanien bis in das Gebiet der Bituriger

an der Garonne. In augusteischer Zeit war er im nördlichen Teil der

narbonensischen Provinz noch unbekannt. Im ersten Jahrhundert drang er

weiter nördlich bis in das Gebiet der Allobroger vor und verbreitete

sich sodann, vielleicht bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts,

sicherlich im darauffolgenden, weiter im übrigen Gallien und im

Moseltal, gleichzeitig überhaupt am linken Rheinufer, in Rheinhessen,

der Pfalz wie im Elsaß. Ob auch am rechten Rheinufer von den Römern

Weinbau getrieben wurde, läßt sich nicht entscheiden. Wenn dieses

der Fall war, sind diese Kulturen nach Verlust des rechtsrheinischen

Germaniens ebenso zu Grunde gegangen, wie hier das römische Leben

überhaupt vollständig aufhörte. Erst in merowingischer Zeit erblühte

in diesen Gegenden der Weinbau, wie denn beispielsweise im Rheingau

die Hauptlagen nachweislich erst sehr viel später gerodet und in

Kultur genommen sind.[83] Der Wein selbst, manchmal auch die Rebe,

gelangte von Gallien zu den benachbarten Germanen, »die mit Aufnahme

dieses Produktes den Pakt mit gallisch-römischer Kultur schlossen«.

In Italien betrachtete man den Weinbau in den Provinzen mit scheelen

Blicken. Kaiser Domitian befahl, wenn auch vergeblich, die Hälfte

aller außerhalb Italiens befindlichen Weingärten dem Erdboden gleich

zu machen.[84] Erst Kaiser Probus hob 281 n. Chr. Geb. diesen Befehl

nicht nur auf, sondern begünstigte, besonders in Gallien, Pannonien

und Mösien den Weinbau derart, daß man diesem Soldatenkaiser später

geradezu die Würde eines Weinheiligen zuerkannte.[85]

Wenn sich in früherer Zeit gewisse germanische Stämme gegen die

Einfuhr des Weines aufgelehnt hatten,[86] da sie seinen Genuß für

verweichlichend hielten, so verlor sich dieser Widerwillen doch

mit der Zeit, und bereits 276 n. Chr. Geb. sind deutsche Weinberge

geschichtlich nachweisbar, die vielleicht schon viel länger

bestanden haben mögen, meist von den römischen Soldaten gepflanzt,

die nachgewiesenermaßen ja auch die Ufer des Rheines mit Weingärten

umsäumten. Und nicht nur am Rhein, auch an den sonnigen Hügeln des

unteren und mittleren Neckars bauten sie sich ihre Weingärten, um

den von der Heimat her gewohnten Trank zur Hand zu haben, wenn die

Lebensmittelzufuhr einmal ausblieb. Und war der Trank auch nicht so

gehaltreich wie der unter dem ewig blauen Himmel Italiens gereifte, so

sagte er doch den Fremdlingen immer noch besser zu, als das Bier der

eroberten Länder und der landesübliche Met, der so rasch und gründlich

berauschte. Darum waren es egoistische Gründe, die sie den Spaten

in die Hand nehmen hießen, um jene Anlagen zu schaffen, die sie dann

nach ihrem Abzug aus den germanischen Gauen als kostbares Andenken

hinterließen. Dem Schwabenlande soll, der Sage nach, der heil. Urban,

der von 223--230 auf Petris Stuhl saß und unter Alexander Severus

den Märtyrertod starb, gelehrt haben die Rebe zu pflanzen und die

Trauben zu keltern, weshalb man ihn auch jetzt noch in Württemberg als

Schutzpatron des Weinbaues feiert. Im vierten Jahrhundert waren bereits

die Ufer der Mosel von Trier bis Koblenz reich mit Reben besetzt.

Der Dichter Ausonius (geb. 309 zu Burdigala, dem heutigen Bordeaux,

gest. 395) lobt in seiner »Mosella«, einer poetischen Schilderung

einer Rhein- und Moselreise von Bingen bis Trier, die Mosel mit den

begeisterten Worten:

Wie stolz am Uferhang die Klippen ragen,

Wie schön auf Hügeln Bachus Gaben sprießt!

Und wie, in sanftem Hauch dahingetragen,

Mosella's holde Woge murmelnd fließt!

Gruß dir, o Strom, dem alle Dank hier sagen,

Wer immer deines Wohltums nur genießt!

Die Stadt, des Kaisersitzes wert befunden (Trier),

Sie ist nur dir zu Dank dafür verbunden.

Von Rebenhöh'n und Wiesengrün umzogen usw.

und weiter Vers 161:

Bis zur äußersten Höhe der sanft abneigenden Bergwand

Ist das Gewände des Flußes bedeckt mit grünender Rebe.[87]

Er lobt ferner das feine Aroma der Moselweine, die er den Gewächsen

seiner Heimat Bordeaux gleichstellt. Ausonius hat die Deutschen gerne,

denn ein goldhaariges, blauäugiges, sanftes Schwabenmädchen, das er

als Gefangene erworben, hat ihn für die Deutschen eingenommen. Sie

begeisterte den alternden Mann zu den Versen:

Bist du Römerin auch worden,

Strahlt doch deutsch noch dein Gesicht.

Himmelblau dein Aug vom Norden,

Golden deiner Locken Licht.

So verraten Aug und Haare

Dich als Kind vom deutschen Strom ...

Venantius Fortunatus (geb. um 530), der sich in den Jahren 567--580

unter den Merovingern aufhielt, spricht von den Weinbergen bei Metz und

Trier an der vinisera Mozella, die er preist:

Frucht zu erbringen bezwingt man sogar den starrenden Schiefer.

Selbst, der Felsen gebiert, und es entströmet der Wein;

Allwärts siehst du die Höhen, umkleidet mit grünender Rebe.

Auch von den Weinbergen bei Andernach im Rheintal weiß er zu erzählen.

Vor Fortunatus, im fünften Jahrhundert, bewunderte der heil. Severin

den Weinbau in Rhätien, der, nach Cyriakus Spangenberg, durch

Kolonisten von der Mosel dorthin gebracht worden sein soll.[88]

Vom fünften Jahrhundert an standen die Weinberge unter dem Schutz

der Gesetze. Das von Chlodwig 421 verfaßte Salische Gesetz bestraft

die Entwendung eines Weinstockes mit fünfzehn Schillingen. Nach den

Verordnungen des Langobardenkönigs Chlotar (657) war es nur gestattet,

drei Trauben einem fremden Weinberg zu entnehmen.

Im sechsten und siebenten Jahrhundert gewann der Weinbau in den

Rheinufergegenden eine immer größere Ausdehnung. Bereits im achten

Jahrhundert fanden hier Schenkungen von Weinbergen an Stifte und

Klöster statt,[89] ja sogar schon 638 verschenkte der Frankenkönig

Dagobert alle seine Güter und Weinberge in Lobdengau an das Stift St.

Peter in Worms.[90] _Karl der Große_, dessen Riesengeist nicht nur

das bis zu seiner Zeit zersplitterte Germanien zu einem einheitlichen

Ganzen zusammenzuschweißen und geistig und sittlich zu heben wußte,

so daß sein Auftreten der Beginn einer neuen Kulturära bedeutet,

sorgte wie für so viele Zweige des Fortschrittes auch für den Weinbau.

In seinen Kapitularien finden sich bis ins Nebensächlichste gehende

Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen,

die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien. Er wollte nicht, daß

die Trauben mit bloßen Füßen ausgetreten werden; sie sollten in

eigenen Keltern, den sogenannten Truttas, die in dem schwäbischen

Worte Trotte für Presse fortleben, ausgepreßt und der Most in reine

Gefäße eingegossen werden. Ferner befahl er den Wirtschaftern, für

das Anpflanzen von Fechsern zu sorgen. Durch Aushängen von mindestens

drei bis vier Kränzen war anzuzeigen, wenn die Weinernte zum Verkauf

gestellt würde. Dieses Kranzausstecken erhielt sich bekanntlich,

namentlich in Süddeutschland, bis zum heutigen Tag. In späterer Zeit

wurde dieses Kranzschild das Wahrzeichen der Schenken, gleichviel ob

man Wein oder Bier verzapfte: »Wenn man ein schoeblin ußsteckt, daz ist

ein zeichen, daz man bier da feil hat«, sagt Geiler von Kaisersberg.

In den kaiserlichen Kranz- oder Reifwirtschaften wurde jedoch nur

der geringe Wein zum Verkauf gebracht, der bessere mußte an die

Hofkellereien abgeliefert werden, wie das ja immer war. Die Untertanen

hatten im Schweiße ihres Antlitzes dafür zu sorgen, daß es dem Herrn an

nichts gebrach. Für die Produzenten war der Abhub gerade gut genug.

Karls Verbot, die Trauben mit den Füßen zu zertreten, scheint nicht

mit genügender Strenge durchgeführt worden zu sein; diese uralte

Sitte hat sich bis jetzt erhalten, trotz aller hygienischen und

ästhetischen Bedenken, die übrigens schon die Vergangenheit mit uns

teilte. Denn Petrus de Crescentius, der Begründer der Agronomie in

Europa (1230--1310) fordert in seinem »Opus ruralium commodorum« libri

XII (Augsburg 1471), daß die nackten Füße wenigstens rein seien, der

Kelterer nicht aus dem Kelter aus- und einlaufe, während des Kelterns

nicht esse und trinke und genügend bekleidet sei, um den jungen Wein

nicht mit Schweiß zu vermengen usw. Wo Karl der Große geeignetes

Land entdeckte, ließ er es mit Reben bestellen. So erzählt über die

Entstehung des edlen Ingelheimers folgende Sage: »Einst geschah es,

daß der Herrscher aus seiner Pfalz nach den Bergen hinüberschaute

und bemerkte, wie die Sonne sie schon im März so warm beschien, daß

der Schnee wegschmolz, das junge Gras hervorsproß und die Bäume

sich belaubten. Da kam ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo noch

ein finsterer Wald lag. Rasch verschwand dieser unter den Äxten der

geschäftigen Arbeiter, und die Erde nahm die aus Ungarn, Italien,

Spanien, Burgund, der Champagne und Lothringen gebrachten Reben auf,

die bald einen herrlichen Wein lieferten.«[91]

Fand Karl Weinberge vor, so suchte er die Reben zu veredeln. Alle

von Karl neu eingeführten Weinsorten belegte man mit dem gemeinsamen

Namen fränkische Weine, im Gegensatz zu den alten Weinsorten, die

unter dem Namen hunnische oder heunische Weine zusammengefaßt wurden.

So hatte der Herr zu Eppenstein im Dorfe Niederluderbach bei Höchst

1483 Anspruch auf »zwei halb firtel wins, eins frensch (fränkisch)

das ander hunesch in zweyen orenkannen ein Kangelidt (mit Deckel) die

ander angelidt«. Der Name stammt wahrscheinlich von den Hunnen her,

die 451 nach Attilas Niederlage auf dem nach ihnen benannten Hunnsrück

zurückgeblieben waren und hier pannonische Reben anpflanzten.

Die Wertschätzung Karls des Großen für den Wein entsprang rein

nationalökonomischen Gründen, denn er selbst war das Muster der

Mäßigkeit. Genoß er doch bei Tisch höchstens drei Becher, »denn die

Trunkenheit verabscheute er an allen Menschen aufs äußerste und erst an

sich selbst und seinen eigenen Leuten«.[92] Übrigens gab er auch bei

der Neubenennung der bis dahin lateinischen Monatsnamen dem Oktober den

Namen Windumemanoth, d. h. Weinlese-Monat, althochdeutsch windemôn vom

lateinischen vindemia = Weinlese, woraus das volkstümliche wînmanot =

Weinmonat entstand.

Im Thurgau, Breisgau und am Bodensee kommen Weinberge bereits im

siebenten Jahrhundert vor. Während des neunten Jahrhunderts gelangte

der Weinbau in der Schweiz, in Tirol und im südöstlichen Deutschland

zur vollen Blüte. Ludwig der Fromme, Karls Sohn und Thronerbe,

förderte wie sein Vater die Rebenzucht und ihm und seinen Nachfolgern

dankt Alamannien seine Weinberge. Im elften Jahrhundert finden sich die

ersten Spuren des Weinbaues bei Göttingen und Hildesheim; 1150 führten

Rheinländer, die Albrecht der Bär gastlich aufgenommen hatte, die

Rebenkultur in der Altmark ein. 1285 heimste Stendal so viel Wein ein,

daß es damit Handel treiben konnte und drei Jahrhunderte später waren

ertragreiche Weingärten bei Lübeck, in Mecklenburg, bei Rathenow an der

Havel und bei Guben in der Lausitz vorhanden. Gubenscher Wein war in

ganz Norddeutschland verbreitet und sogar an Fürstentafeln geschätzt.

Die Hohenstaufen beförderten namentlich in ihrem schwäbischen Stammland

mit aller Energie den Weinbau, der zu einer Hauptbeschäftigung der

Einwohner wurde. Besonders der Neckarwein war schon früh auch im

Ausland geschätzt. Abt Berchtoldt von St. Gallen, ein Zeitgenosse

Rudolf von Habsburgs, setzte seinen Gästen neben Botzener, Klevner und

Elsässer Weinen auch den kostbaren Neckarwein vor. Wie Kaiser Karl

bemühten sich auch die Hohenstaufen, ihre Weingärten zu Musteranstalten

zu machen. Strenge Gesetze schützten die Weinberge, deren Zerstörung

mit dem Tode bestraft wurde.

Der Umschwung, den die Kreuzzüge, diese »umgekehrte Völkerwanderung«

mit sich brachte, lehrte die Deutschen neben vielen neuen Sitten

und Krankheiten, die besser unbekannt geblieben wären, auch manches

Gute kennen, das fortan in Deutschland eine dauernde Heimstätte fand.

Unter den Pflanzenarten, die durch heimkehrende Kreuzfahrer im Norden

eingeführt wurden, waren auch mancherlei noch unbekannte Rebsorten, die

mit dem im Süden erlernten Verfahren behandelt wurden.

Die allgemeine Verbreitung dankt der Weinstock in Deutschland

hauptsächlich den Mönchen. Die Geistlichkeit mußte wegen der Verwendung

des Weins zum heil. Abendmahl auf seinen Anbau bedacht sein. Nebenbei

vergaßen die frommen Herrn auch nicht die profaneren Zwecke des

Rebensaftes, der sie über die vielen Stunden der Einsamkeit und

Langeweile in ihren unwohnlichen Zellen und den kahlen Kreuzgängen

hinwegtröstete. Der Wein war der treue Genosse der Mönche, den sie um

nichts in der Welt hätten missen mögen. Ihrer Sorge um den Weinbau

verdankt die Nachwelt so viele der edelsten Tropfen, so daß der

Zecher, weß Glaubens er auch sei, schon um dieses so schwerwiegenden

Verdienstes willen, den Klerikern aufrichtige Dankbarkeit zu zollen

gehalten sein sollte.[93]

Die Herren mit der Tonsur pflegten und rodeten die an den sonnigsten

Geländen angelegten Weingärten, veredelten die Traube und zierten

sich keineswegs, wenn ihnen fromme Gemüter als Angeld auf zukünftige

Seligkeit reiche Geschenke an Geld und Weingütern vermachten. Auch Karl

der Große schenkte der Geistlichkeit Weinberge im heutigen Burgund.

So kam es, daß einzelne Klöster an Reichtum selbst die Landesherrn

übertrafen. Fulda, St. Gallen, Lorch bei Worms, Hirschau, Maulbronn u.

a. m. besaßen neben Schätzen von unendlichem Wert noch tausende Morgen

Landes mit Weinbergen, Äckern, Wiesen und Waldungen, Riesenherden von

Vieh und hunderte Dörfer mit ihren Insassen. Da die Kleriker aufs beste

für ihr Besitztum sorgten -- »unter dem Krummstab ist gut wohnen«,

besagt ein altes Sprichwort -- so konnte es nicht ausbleiben, daß die

reichen Erträgnisse klösterlichen Eigens weltliche Gutsbesitzer und

schließlich auch die Bauern zur Nacheiferung der mönchischen Ökonomie

anspornten. Es ist daher eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß die

Klöster der Entwickelung der deutschen Landwirtschaft die wichtigsten

Dienste geleistet haben. Sie besaßen die ersten und viele Jahrhunderte

hindurch die einzigen Musteranstalten für rationellen Landbau, Obst-

und Weingärten und Viehzucht, wie sie die alleinigen Hüter weltlicher

und geistlicher Gelehrsamkeit waren.

So ist der _Rüdesheimer_ Weinbau, 864 begonnen, mönchischer Herkunft.

Benno von Meißen (1010--1107), der 1523 trotz Luthers Protest in

seiner Schrift »Wider den neuen abgott und alten teufel, der zu

Meißen soll erhoben werden«, saecularisiert wurde, brachte 1073 Reben

nach Thüringen, und bald darauf, 1128, erhielt Pommern durch Otto

von Bamberg den Weinbau, den der harte Winter von 1437 für immer

vernichtete.

Fleißigen Klosterleuten verdankt auch die Perle der deutschen Weine,

der _Johannisberger_, sein Dasein. »Vor tausend Jahren, in der Mitte

des neunten Jahrhunderts, saß auf dem erzbischöflichen Stuhl in Mainz

Rhabanus Maurus ... Die Schiefergebirgkuppe, auf dem Rheinspiegel

zugeneigter Südseite, wo jetzt der Schloß-Johannisberger wächst, war

damals noch eine wüste Fläche, bewachsen von Wachholdergebüsch und

wilden Reben, ein Lieblingsaufenthalt nicht der Menschen, sondern der

Krammetsvögel. Da diese Kuppe ein erzbischöfliches Allod war, so führte

sie den Namen Bischofsberg.«

Dem heiligen Nicolaus, dem Patron der Schiffer, stiftete Erzbischof

Rhabanus nun eine Kapelle auf dem Gipfel jenes Hügels, welche der

durch die Schnellen des Bingerloches bedrängte Schiffer überall vom

Rheinstrom aus sehen konnte.

Im Jahre 1106 verwandelte Erzbischof Ruthard von Mainz diese Kapelle in

ein Benediktiner-Mönchskloster, dessen erstes Geschäft die Pflanzung

von Reben war. Das neue Kloster wurde reich durch Schenkungen Richolfs,

des letzten der Rheingrafen, mit dem der altehrwürdige autochthone

Dynastenstamm erlosch. Um für verschiedene Missetaten, die er gegen

»Seiner Majestät getreue Kammerknechte«, die Juden von Mainz verübt,

der Strafe des Himmels und der Rache des erzürnten Kaisers zu entgehen,

schenkte er den Benediktinern Ländereien und Gefälle und da er jene

Straftaten am St. Johannistage verübt, so nahm auf sein Begehr das

Kloster Johannes den Täufer als Schutzpatron und änderte seinen

Namen aus Bischofsberg in Johannisberg. Das von ihm gleichfalls auf

dem nunmehrigen Johannisberg gegründete Nonnenkloster verlegte der

Rheingraf nach einem Neubau am Fuße des Berges, der St. Georgen-Klause.

Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts spielte der

Johannisberger eine glänzende Rolle. Die deutschen Kaiser unterstützten

die Arbeit des Klosters durch mannigfache Privilegien und Schutzbriefe,

namentlich erfreute es sich der Zollfreiheit für seine Weine. Bei dem

rheinischen Adel gehörte es damals zum guten Ton, der Abtei letztwillig

zu gedenken. Die rheinischen Bauern leisteten ihr freiwillig reichliche

Naturalleistungen und sonstige Gaben, denn der Ruhm des Johannisberger

Weines erfüllte auch seine Landsleute mit Stolz.

Doch das Lob, das allerorts dem Weine von Johannisberg gespendet

wurde, verscherzten sich seine Winzer durch ihr Betragen. 1462 wurde

das Nonnenkloster wegen der Zuchtlosigkeit seiner Insassen aufgelöst

und den Mönchen ging es nicht viel besser. Sie wurden liederlich,

vernachlässigten die Weinkultur, die zurückging, wodurch ihr Kloster so

starke Einbußen erlitt, daß sie nahezu verarmten. Nach verschiedenen

wechselvollen Schicksalen wurde das Kloster 1552 von dem wilden

Markgrafen Albrecht von Kulmbach in Asche gelegt, dann wieder aufgebaut

und nochmals im dreißigjährigen Krieg von den Schweden dem Erdboden

gleich gemacht. 1641 verpfändet an den Reichspfennigmeister Hubert

von Bleymann, dann von Napoleon (1807) an den Marschall Kellermann

verliehen, kam das Weingut 1816 an den Fürsten Metternich.[94]

Ein gefährlicher Rivale erstand dem Johannisberger in dem 1177 von

Mönchen der Cisterzienser Abtei Eberbach angelegten Weingarten

_Steinberg_.

In den Kellern dieser Stiftung Bernhards von Clairvaux lagerten ehemals

die edelsten Weine des Herzogs von Nassau. Aus einer achtzig Morgen

großen Wüstenei, die die Mönche mit eigener Hand urbar gemacht und

mit einer zwölf Fuß hohen Mauer umzogen, erwuchs den Eberbachern ein

Ertrag, der sie zur Zeit der Hansa und des rheinischen Städtebundes

zum bedeutendsten Weingroßhändler der Erde machte, dessen eigene

Schiffe das Weltmeer befuhren, deren berühmtestes »die Ebersbacher Sau«

benannt war.

Weitere berühmte Weinsorten in Mönchshänden waren: die berühmte Blume

des Hocks, der _Hochheimer,_ der Domdechanei von Mainz; der auf die

charakteristischen _Bocksbeutelflaschen_ abgezogene _Stein-_ und

_Leistenwein_ erwuchs in der Nähe der Stadt und ganz nahe an den Wänden

des Schlosses der Fürstbischöfe von Würzburg.[95]

Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte · 第 5 / 21 段