Den 30. Juli 1919.
Wieder zu Hause! Ich male, male, male. Noch zwei, drei Tage. Und das Werk
fällt ab von mir und meinem Sein. Wird selbständig. Geht in die Welt. Und
ich weiß nicht, wie die tausend Augen da draußen es ansehen, die tausend
Herzen es fühlen, die tausend Hirne es verstehen werden. Das Werk fällt
ab von dem Künstler wie ein Kind von der Mutter. Wird selbständig. Und
doch -- so anders. Das Werk nährt sich von unserem Geiste, unserer
Seele allein. Des Kindes Säfte sind aus den Samen vielvieler Voreltern
aufgeblüht. Seine Seele kann hunderte Jahre nachgeboren sein. Von einem,
der ganz fremden Stammes, ganz fremden Sinnes uns wäre und den wir nie
begreifen würden. Wie seltsam das ist! Und unerklärlich, solange das Kind
uns ganz gehört: in der Frühe seines Lebens ...
Ich male des Tags. Und lebe abends allein im Garten. Ludwig und Henno
weichen mir aus. Verschließen mir die Pforte zu ihrem Wesen mehr und mehr.
Sie sagen mir nichts als glatte Alltäglichkeiten, wenn wir bei Tisch
uns begegnen. Ich lasse sie. Das beendete Werk gibt mir ein Glück, so
meeresreich und macht mich weich für ihre Härten. Wie soll ich auch
wissen, was heute ihre Jugend, ihre Seelen bedrängt? In Tagen zeige ich
ihnen mein Bild, das fertige ... Wie aber, wenn Ludwig sich beim Anschauen
nur des wirtschaftlichen Erfolges freute? ... Nur das Recht neuer
Ausschreitungen von seinem Ruhme erhoffte?
Und ich schelte mich: Grüblerin! Mußt du immer Neues dir erklügeln?
Und Henno? Hast du nicht Henno? Wie wird er sie hochhalten, gerade diese
Schöpfung, da schon die Skizzen, der Anfang, ihn Stunde und Stunde seinen
eigenen Ehrsuchtsplänen und Arbeiten zu entführen wußten! ...
Ist es nur die Hitze dieser Sommertage, oder verbrennt mich die Hast, den
letzten Strich zu sehen? Die weiße Glut des Tages drückt, drückt. Läßt
nicht einmal nach, wenn der Abend ihr seine dunklen Tücher über
die grellen Augen wirft. Sie drängt in die müde Nacht, in das
lichtverschlossene Haus, durch die tagumhüllten Fenster und entweicht
auch nicht aus den Zimmern, wenn sie dem Nachtdunkel geöffnet werden. Sie
preßt so schwer auf den Kopf! Macht die Hände, die Gedanken ermatten.
Unersättlich greift sie mit brennenden Fingern nach allem, was blüht und
atmet und lebt ... Und läßt es hindorren und zerschmachten ...