XVI.

Den 25. Juli 1919.

Einmal wurde die Stunde, da meine Nerven, meine Hände, meine Augen, mein

Hirn sich gegen die Gewalttätigkeit meines Willens auflehnten. Nur noch

wenige Tage und ich hätte den Revolutionsball hinaussenden können.

»Jetzt nicht gestreikt!« lächelte ich, »ich bewillige euch so viele

Ferientage, bis ihr wieder zu arbeiten begehrt.«

Und ich ging hin zur Sommersee. Allein mit einem graubebärteten Fischer

und seinem Knaben segelte ich über das traumhaft murmelnde Wasser. Bis

dahin, wo das Weltende beginnt. Und nichts mehr übrigläßt, als seligen

Himmel über den grünlichten Fluten. Keinen Laut als den trunkenen

Einsamkeitsschrei der Möwen und das silberleise Wollustgeriesel der

Fläche, wenn der Vögel Schwingen spielend über sie streifen. Wie weit

war das Leben! Und wie hart seine Steine!

Ich lag des Nachts auf dem Schiffsboden. Traumsterne funkelten und bebten.

Sie wußten von fremden Wesen, die unfaßbare Dinge erlebten, die von

ungeahntem Glück umleuchtet, von ungewußtem Leid bedrückt waren. Die

Segel schwangen im Winde und sangen das Lied von verlöschenden Leben und

süßen Lüsten an fernen Gestaden, wo viel bunte Blumen sich vor weißen

Terrassen verbeugen, und violette Vögel aus den Bäumen äugen.

Einmal, beim windigen, fröstelnden Frühmorgenrot, tauchte ein massiges

Riff finster über die Wellen. Die wütenden Wasser wuchsen an, sprangen

zu uns ins Boot, begruben unsere Füße, leckten nach Händen und nach

dem Mund. Wir kämpften in Mühsal uns weiter, den geheimnisschwangeren

Umrissen entgegen. Ihre Formen falteten sich auseinander, wurden weit und

hoch. Da hob sich die Sonne ein weniges über die weißen, die schreienden

Wasserkämme und zeigte uns einen verstümmelten Schiffsleib. Mit

zierlichen weißen Geländern und Türmchen und Stangen, mit Kupferkesseln

und Silbergerät, schräge über das Meer gestellt, zur Hälfte nur noch

aus den Fluten heraus. In seinem Innern überschlugen sich hämmernd die

Wogen. Kreischend rissen sie an Bänken und Türen, an metallenen Haken und

Lampenringen, an allem, was bei stiller See ihnen immer unerreichbar blieb.

Der Schiffer und sein Knabe falteten die Hände zu unhörbarem Beten und

erinnerten sich, daß Fischer im Nachbardorf eines Winters Tag und Nacht

lang um die Insassen eines gestrandeten Schiffes gerungen hätten, und wie

sie in schauriger Vormorgenstunde erst geborgen wären, bis auf den letzten

Matrosen, bis auf den letzten Fahrgast.

Das Frührot deckte sich grau zu. Bleierne Last hüllte das ferne Land und

die Umschau über die Wasser. Nichts blieb als der ungeheure zertrümmerte

Rumpf und das Peitschen und Jagen der gründunklen Wasser. Kalter Nebel

faßte uns an und hetzte uns fort von dem einsam gelassenen, toten Schiff

inmitten der heulenden Wetterstürze, legte sich zwischen uns, bis es uns

nur noch dunkle Vision war.

Wir gingen an Land, weit vom bestimmten Ort. Aus dem Nebel war

dickflüssiger Regen geworden, der uns an fremder Fischerhütte Obdach

bitten ließ, kalt und verfroren, wie wir waren von langer Sturmesfahrt.

Wir legten die nassen Kleider zum Feuer, tranken Heißes. Und unsere Blicke

ließen nicht ab von dem brüllenden Meer vor den Scheiben.

Da wiederholte ich langsam die traurige Geschichte »Vom gestrandeten

Schiff«, die mir die Begegnung auf den brüllenden Wassern erzählt hatte:

»Der Meergott hatte sich in das Schiff »Weiße Schwalbe« verliebt.

In Wildheit und brennender Lust. Er wollte es hinunterreißen zu seinen

fünfzigtausendundneun anderen Geliebten, Schiffen aus allen Winden, die er

am Meeresgrund gefesselt hielt. Die Weiße Schwalbe aber stieß mit ihrem

flinken Körper Furchen in die Wellen und sagte nichts zu seinem Lieben.

Der Meergott ritt auf wutschäumenden grünen Untieren hinter ihr her, riß

das Meer auseinander und zeigte ihr seiner abgründigen Reichtümer Pracht:

Korallenwälder in roten Flammen und gelbe Bernsteinfelder, durchsichtig

wie Glas. Schlösser aus fabelweißen Perlen gebaut. Tanzende Quallen,

Schalen und Muscheln von unerhörtem Geglänz. Im Lichte bleichblütiger

Sterne, die er des Abends vom Himmel herabnahm. Die Schwalbe aber hob sich

immer höher über ihn, je mehr er sie mit seinem Werben umstürmte, als

höhnte sie ihn mit der Unnahbarkeit ihres fernen weißen Leibes.

Einmal, da sie sich kaum noch retten konnte aus seiner harten Umklammerung,

schrie sie ihm ihre Verachtung zu: »Ich will nicht deine Reichtümer unter

der Oberfläche, die von Ungetümen und stummen Fabelwesen bedräut sind.

Ich will nicht das gestohlene Licht vom Himmel, das jeder Morgen sich

zurückholt. Ich will selbst die Helle der Welt besitzen und die schönsten

vollendetsten Wesen der Schöpfung zu ihren Zielen führen. Ich will ihren

traurigen Gesprächen und ihren süßen Torheiten horchen. Ich will stolz

sein wie sie und das Meer selbst unter meine Füße zwingen.«

Der Meergott befahl seine Vasallen und wies ihnen das weiße Schiff. Sie

rasten und rissen an ihm. Das Schiff aber hob seine metallenen Flügel

und flog ihnen voraus. Musik und Lachen, weißflimmernde Masten und

bunte Gestalten und flatternde Wimpel und lichtumbraustes Gold- und

Silbergestänge auf seinem Rücken. Da fielen die Untertanen des ergrimmten

Gottes es von vorn an, von den Seiten, von überall. Immer größere

Scharen warfen sich dagegen, mit Gezisch und Geseufze und Wassergekreisel.

Sie schlugen darauf ein, trümmerten es mit Wasserklumpen, hart wie

Felsengestein. Sie rollten es von Seite zu Seite und warfen ihm Ballen von

Wasser tief in den Mund. Halb im Ersticken neigte es sich. Die süßen und

die wehen Melodien verstummten. Alle Insassen drängten auf eine Seite,

zu den Rettungsboten, daß es tiefer noch hinsank zu seinen Peinigern. Die

rissen ihm Wunden ins Fleisch und erstickten sein Todesröcheln mit

wildem Freudengebrüll. Sein heißes Herz zersprang und schüttete noch

im Verenden flammenden Brand ihm in die Eingeweide, daß sie in tausend

Schmerzen verglühten.

»Haltet ein,« rief der Meergott, »euer Werk ist getan! das Weitere

bleibe mir!«

Und seine untertänigen Diener liefen und rollten und entrissen dem

zuckenden Leib die versehrten Teile, bis er, kalt und leblos, von den

fröhlichen Menschen verlassen, zur Hälfte verbrannt, zur Hälfte

versunken, in den Wassern hing, die ihn wie Tausende Schleusen umrauschten.

Nachts aber, wenn das Meer überschwoll, erhob sich der rachsüchtige

Gott und schrie und stöhnte an dem zerschellten Gerippe, das seine

Liebeshoffnung gewesen war. Zuweilen auch nahm er in Wut die Hände voll

mannshoher Wellen und bedrängte mit ihnen den toten Leib, schlug und

polterte auf ihn ein und kauerte sich darin zusammen. Neugierige Fische

wollen gesehen haben, wie er ihn in unbeweglichen Frühlingsnächten mit

weichen Fingern in zärtliche, dunkelblaufließende Seiden gehüllt, ihn in

flüsterndem Singsang gewiegt und aus seinem Seetangbart tränende Perlen

darauf verschüttet habe.

Die Wanderer aber, die sich im Herbstdräu'n hierher verlieren, auf die

winters es schneit an der Küste so öder Verlassenheit, stehen und lugen

in Bangnis nach ihm und sprechen mitleidsvoll von den armen Menschen, die

eine ganze schwarze Novembersturmnacht mit dem nassen Tode gerungen.

Niemand aber gedachte des stolzen Schiffes, seines qualvoll langsamen

Untergangs und seines geschändeten Leichnams, dem bis heute kein Grab noch

geworden.«

* * * * *

Die Fischer tranken und schwiegen. Ich sog den unwiderstehlichen Duft

von Salzluft, Tang und Meeresatem tief in mich ein, daß er mich ganz

durchtränke. Ich horchte dem wachsenden Lärmen der Wasser, und meine

Gedanken umflatterten schwer das gestorbene Schiff und seinen wollüstigen

Schänder und kämpften um die Möglichkeit einer malerischen Gestaltung.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 19 / 23 题