XVIII.

Den 2. August 1919, am Morgen.

Gestern war Henno früh heimgekommen und hatte den Abend zu Hause

gelebt. In merkwürdiger Erregtheit, mit nachtwandlerischen Augen und dem

schwankenden Gang eines Trunkenen, war er im Garten unter dem bleiernen

Dach der hitzeschwelenden Wolken einhergeirrt. Ohne Ermüdung. Stumm und

steif. Zuweilen kam er dicht zu der Bank, auf der ich der Entladung der

hirnumklammernden Gluten harrte. Ich fürchtete, ihn aus seinen bösen

Träumen zu rufen, und wartete doch eines Wortes der Schwachmütigkeit,

eines Hilfeschreis. Sahen seine Augen mich wirklich nicht? Sie blickten

mich starr an, tot. Und weiter hetzte er seine Füße quer durch die

Wege und über die Rasenflächen. Schweiß rann von seinen Haaren, seinen

Wangen. Manchmal stießen Blitze ins Grau, rot und zugespitzt, in Feuer

getauchte Dolche. Irgendwo mochten Felsblöcke in tiefen Grund kollern,

aber es war noch fern. Und weiter die Last der tiefen Hitzewellen und Luft

wie kochendes Wasser.

Ich erhob mich schwer und matt und vertrat Henno den Weg.

»Was quält dich? ...« fragte ich. Und meine Stimme liebkoste seine

Unrast, als sei er der kleine Knabe mir im Schoß.

»Weißt du's nicht?« rief er. Seine Augen spießten die meinen, und dann

leise: »Später!«

* * * * *

Den 2. zum 3. August 1919, in der Nacht.

Welch eine Gewißheit, ein paar Stunden nach der Niederschrift vom Morgen.

Eine Gewißheit, die mir durch Zeitungen werden sollte! Und die ich diesen

Blättern als Letztes beifügen will ... muß.

Ich glaubte an eine Augentäuschung, ein Versagen meines Gehirns, eine

Verzerrtheit der Berichterstattung. Ich rieb die Lider, feuchtete die

Schläfen kalt, sah den Namen des Schreibenden an. Wieder und nochmals.

Tat andere Blätter auf. Einen Irrtum gab es nicht. Henno Bergmann,

der Hochbegabte, Unermüdliche, hatte bei einer Ausstellung der

Akademieschüler den Ersten Preis erhalten, für phantasievolle, geniale

Entwürfe zu einem Revolutionsball.

Und dennoch: es mußte eine Verzerrung der Tatsachen geben! Vielleicht,

daß er mich überraschen gewollt, daß die Preisrichter Henno statt Henny

gelesen hatten und deshalb dem Schüler die Ehrung zusprachen ...

»Henno,« schrie ich durchs Haus ...

Er war im Augenblick da. Ich riß die Hülle von meinem Gemälde. Ich wies

auf die hingestreuten Zeitungen. Kein Wort konnte mir bis zu den Lippen

kommen.

Er stand vor dem Bilde. Und seine Augen besaßen es ganz, Strich um Strich.

Brennend und doch wägend.

»Schade,« sagte er, »sehr schade ... aber meine Zukunft ist von

größerem Wert ...«

Und als ich, sein Geständnis aus diesen Worten empfangend, zusammenbrach,

drang sein Beschwören auf mich ein:

»Bedenk' doch, meine Zukunft! Die Zukunft deines Sohnes! Bist du nicht die

Fertige? Was tut es dir Abbruch? Wie lange aber hätte ich beiseite stehen

und in Erschöpftheit hinsinken müssen, ehe meine Kunst den Herren Lehrern

und Kritikmännern mehr als Machwerk bedeutet hätte? Kannst du nicht Neues

dir erdenken und erschaffen alle Tage?«

In abgerissenen Sätzen, zerhackten Worten und Ausrufen widersprach

ich seiner Schönfärberei. Ob er in dem Gnadengeschenk künstlerischer

Empfängnis eine alltägliche Begebenheit sähe, auf Befehl zu verdichten,

mit den Händen zu haschen? Ob er nicht die Not des Schaffens, die Wehen

des Werdens, die Marter eines mißlungenen Eindrucks oder Entwurfs, den

bitteren Kampf um die Einzelheiten wisse, daß Urheberschaft eines Werkes

ihm so Geringes sei?

»Bin ich nicht dein Erbe ohnehin?« erhitzte er sich.

»Der Erbe meiner Habe, der Erträgnisse meiner Kunst ... meines Blutes,

wenn du will , nie aber der Erbe meines geistigen Eigentums ...«

»Die Kunstrichter haben gesprochen. Morgen gehen die Zeitungsmeldungen

weiter hinaus. Was soll diese Szene?«

»Dich zu deiner Pflicht führen. Die Blätter und die Lehrer berichtigen,

daß nur ein Buchstabe den Irrtum schuf ... den kostbarsten Besitz deiner

Mutter wiedergeben ...«

»Du scherzest nicht, höhnst mich nicht in solcher Stunde?« schrie er

auf. »Oder glaubst du, ich werde mich selbst an den Pranger stellen? Von

unten neu anfangen mit Kniebeugen und Nackenkrümmen vor jedem Handlanger

der Zunft, mit Suchen nach neuen Plänen, mich rasch, rasch zur Höhe

zu reißen nach der mein Ehrgeiz verbrennt? Mit Arbeit, daß mir die

Hirnschale zerspringt und das Herz vor Eifersucht und Groll bei jedem

Aufstieg der anderen?«

»Ich will dir helfen, Henno, soviel ich kann, soweit es nur geht. _Ein_

Werk tut's ja nicht ... Wie willst du weiterbestehen?«

»Wie naiv du urteilst! Und bist so alt neben mir! Der Name macht's, die

Reklame, das Tamtam! Nun ich den Namen habe, brauche ich um Aufstieg nicht

bange zu sein. Kann ich nicht etwas? Und mehr als die anderen?«

»Ebendarum, Henno, hörst du, du mußt die Sache in Reinlichkeit ordnen.

Sag' meinetwegen, eine üble Wette ..., daß meine Pinselführung erkannt

würde. Sag', was du willst! Henno, ich verlange, ich fordere es: Rette mir

mein Bild, damit ich es nicht tun müßte ...«

»Da ... mit ... _du_ ... es ... nicht ... tun müßtest? Und bist zu

solcher ... Handlung entschlossen?«

»Dachtest du, daß ich lautlos beiseite trete? ... Mein bestes Werk

aufgebe für ein paar Vorentwürfe, die dir einen Schülerpreis geben? Dein

Leben, Henno, steht kaum noch im Lenzessprossen ... Was kann dir an Kunst

noch gelingen, an Ruhm noch werden! ... Das meine fließt Tag um Tag

schneller zum Ende hin ... Es sind nicht mehr viele Bilder, die ich so

aus tiefinnerster Scham und Leid für meine Mitmenschheit, in solcher

Vergeistigung, so reich an Räuschen und Buntheiten schaffen könnte. Habt

ihr Jungen es denn nicht leicht genug, eure Vorderen zu überlaufen? Muß

es auf so unheiligem Wege sein?«

»Wir verstehen uns nicht, das weißt du seit Monaten,« sagte er. Sein

Gesicht war harlekinweiß und hochfahrend geworden wie das Ludwigs bei

solchen Anlässen. Seine Augen sahen eisig und nadelspitz zu mir hin. »Ein

weiteres Hin und Her würde deine Anschauungen und Beschlüsse nicht zu

ändern vermögen. Bitte, sage: ja oder nein?«

In meinem bohrenden Hirn schnellten Erwägungen, Entwürfe, Vermittlungen

auf, aber ich erkannte sie alle als gleich schöne Dichtungen. Meine Söhne

wollten Tatsächlichkeiten. Immer ein Ja oder Nein ... mit der Pistole in

der Hand ...

Hatte ich es ausgesprochen? Gab es sekundenflinke Suggestion? Henno hatte

seine Hand in die Tasche gesenkt, hielt etwas umkrallt.

Träumte ich einen Schreckenstraum? Vorstellungen rasten an mir vorbei,

fielen ineinander ... Vor dem offenen Fenster toste in Urgewalt das

Gewitter. Wolkenbrüche stürzten sich auf die gezerrten Bäume,

vernichteten Farbiges, Blühendes, Leuchtendes. Aus Augenblicken schwarzer

Finsterkeit, aus tiefem Niederbruch hob sich hier, da ein Baumast, flehend

wie Menschenarm, eine Blume, betend wie Menschenauge, fanatisch: »Komm,

zerstöre auch mich ...«

»Ja oder nein!« wiederholte jemand. War es Henno? Oder wer sonst? ...

Wer? Doch ... ich ... wußte es ja ... der Sohn, der den Vater erschießen

kam ... Oder mein Sohn, Henno? Hatten sie es nicht gelobt in jenem

Buche? ...

»Und wenn ich mich nicht ... so zwingen ließe ... Henno ... sag's

erst ... wenn ich bei meinem ›Nein‹ verharrte?«

»Ich kann nicht zurück in das Bodenlose, in die Unbekanntheit ...

Niemals! ...«

»Henno, deine Mutter, die Beraubte, die Gekränkte, bittet, fleht zu dir:

Gib mir mein Werk zurück! Laß uns Wege zu ihm suchen, so wirr und so

mühselig sie sein sollten, wir wollen sie gehen, Hand in Hand ...«

»Wir würden keinen finden, der das Werk da dir rettet ... Die Skizzen

dazu künden meinen Namen ... Es gibt für mich kein anderes ... Keinen

Kompromiß. Nur ein Ja oder Nein ... von deinen Lippen ...«

Meine Lippen ließen nicht voneinander, verkrampften sich fest an den

Rändern.

Der Garten ächzte und schrie unter den peitschenden Hieben vom Sturm und

den Wolkengüssen. Die Fenster zerrten kreischend an ihren Angeln. Feurige

Schwerter durchflogen die Luft und rissen gezackte Wunden ins Dunkel. Eins

zerstieß mir das Herz und brannte, brannte ...

Meine Lippen konnten sich nicht aus ihrer Starrheit erlösen. Schaurig,

beutebereit, wie eine Horde wilder Bestien brüllten die Donner, in meinem

Hirn schrie ihr Echo ...

Die Hand Hennos hob sich schneeweiß auf grauem Gebilde ... Zögernd

noch ...

»Jetzt zielt er,« blitzte mir ein Gedanke zu, »wie bei seinem

Lieblingsdichter ... Nur ... bin ich viel zu gesund noch zum

Herzschlag ...«

Die Hand hob sich höher ... zu Hennos Kopf ...

Sein Gesicht war grünlich, spitz und hart wie der Tod.

Wer wirbelte all diese Bilder einen Pulsschlag lang auf? Henno, den

Säugling mit atlaßnen Härchen, die Händchen kosend mir an den Wangen.

Henno, den Schüler, mir an der Hand. Und mein Glück bei seinen kindhaften

Malereien. Henno im Krankenbett, und ich in leisen Schneefallnächten sein

Leben von neuem erkämpfend. Henno ... am Boden liegend ... aus schwarzer,

kaum sichtbarer Öffnung sein Blut verströmend, sein purpurrotes ... sein

geliebtes Blut hinströmend ...

»Henno,« meine Lippen waren weit aufgetan, »Henno, ja ... ich schenke es

dir, Henno ... mein Bild ... da ... hast ... du ... es ...«

Und in Hast, vor dem totverblaßten Jüngling, schnitt ich ins Fleisch

meines Werkes ... kreuz und in die Quere. Und längshin und in die

Breite ...

Und hielt ihn und tastete seine Glieder an, die unversehrten. Und aus der

Ferne, aus einem entschollenen, verlorenen Leben tropften Worte in meine

brennende Herzenswunde. Verse einer bretonischen Ballade. Vom Sohne, der

seiner Liebsten das Herz der Mutter für ihre Gunst bringen sollte, das

Herz seiner Mutter für ihren Hund.

Der ging und schlug seine Mutter tot

Und nahm ihr Herz, das zuckte so rot ...

Und als er es trug in zitternder Hand,

Da fiel er -- es glitt das Herz in den Sand.

Und als es so vor ihm im Staube lag,

O sieh, es sprach ...

Es sprach, das hörte wie Weinen sich an:

»Mein Kind, hast du dir weh getan?«

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 21 / 23 题