XV.

Den 30. Mai 1919.

»Du hast deine Kunst,« hatte Ludwig gesagt. Vor wie vielen Wochen? Die

Tage standen auf und fielen zusammen und wiederholten mir die Worte, mit

denen er meine Verluste umglänzen wollte. Da tat ich, wie immer, wenn eine

Not mir das Herz erdrückte: ich legte Einsamkeit um mich.

Undurchstoßbar, Woche um Woche. Ich nährte meine Bitterkeit, grausam

und selbstquälerisch, indem ich mir sagte: »Gewöhne dich an dein neues

Leben! Bald, wenn nichts mehr die Freuden deiner Söhne bezahlen kann,

müssen sie sich ohnehin von dir wenden. Lerne sie entbehren! Und die

Behaglichkeit eines leisen Zuhause! Wie lange noch? Und die zügellose

Jugend Ludwigs, nach Genuß hinschmachtend, wird dir jede Geborgenheit

verscheucht haben.«

Ich nahm eine alte Gewohnheit auf, die der lichtarme Winter getötet

hatte, und machte lange Spazierwege. Allein mit meiner Not und den immer

sprechenden Gedanken. Zuweilen geschah es, daß bekannte Gesichter, von

Luft gewiegt, auf mich zugingen. Ich sah nur die Bläue des Tages und

schritt schnell weiter. Und wie sich dies wiederholte, kam mir ein Freuen

und ich sprach meine Gedanken an ihnen hin: »Seht ihr nicht, daß meine

Augen, mein Hirn, alle meine Sinne auf Reisen sind? Ich trage den Mantel

Harun al Raschids, der euch mein Wesen vermummt ... Unerkannt will ich die

Mengen durchwandern!«

Denn, wie ich mit den singenden Vorfrühlingswinden auszog, täglich und

viele Stunden, entstiegen den Schmerzen des Winters alte Sehnsüchte und

neue Entzückungen. Der Zaubermantel des Künstlers hüllte mich und floß

lang an mir nieder, getränkt mit blutigen Tränen, durchwirkt von den

blauesten Träumen. Seinen Falten entnahm ich, was meiner gebietenden Laune

beliebte. Riß meine Sehnsucht mich zu weißer Orientstadt: sie blühte

heran, das schimmernde Wunder, augenblendend, mit alabasternen Kuppeln

und dem milchweißen Geleucht ihrer flachen Dächer. Durch hitzeflimmernde

Straßen wankten teppichbehangene Kamele. Sie trugen gelbe und braune

Menschen, licht- oder purpurgewandet zu sonnenverbrannten Sandbergen. Die

Luft war kochend. Trommeln schlugen wo, ferne, und graue Bettler, denen die

Sonne die Augen ausgesogen, streckten mir die gedörrten Hände zu ...

Begehrt eine Schwermutsstunde die andere Seite der Erde: ich gleite durch

nachtschwarze Wasser auf lampionbehangener Barke. Vogelschnelle Dschonken

fliegen vorüber, mit geflochtenen Segeln aus Bambus. Sampans schwimmen auf

der Fläche, zahllos wie Ameisen in wimmelnden Haufen. In der Ferne türmen

sich, eckig und dunkel, Pagoden. Plumpe, steinerne Untiere, die dräuen.

Die Barke geht an Land. Ich streife durch Gassen voll verwirrenden Treibens

und tausendfältiger Geheimnisse unter den umgebogenen mongolischen

Dächern, gleite in ein Haus, strecke mich neben Männern und Frauen auf

bunte Matten und sauge in träumerischer Nacht aus glimmender Pfeife das

süße Gift: das verbotene Gift der Illusionen und der Vergessenheiten.

Frauen mit schrägegestellten Augen und seltsamer Seele streicheln der

Halbberauschten Antlitz mit seidenen, duftenden Tüchern und schlürfen den

bitteren Nachgeschmack des Giftes von ihren Lippen. Matte Lichter

schimmern durch Reispapier. Drüben, vom gelben Teehaus zirpt wundersames

Saitenspiel. Zu Sängen von Kirchblütenfesten, vom Goldfischteich und der

Nachtigall.

Der April sendet neue Schloßen, neue Stürme, Sturzbäche von Regen. Ich

atme bedrückt im Haus, Stunde um Stunde, und enteile ihm im Vorabendlicht.

Der Taxenkutscher schaut mir erschrocken ins Gesicht, daß ich kein

Ziel benenne, daß ich auf Zeit durch Stadt- und Landstraßen zu fahren

bestimme, in den Abend hinein, hier und dort.

Die Winde blasen. Die Fenster des Wagens sind mit Tränenschleiern

behangen. Spitze Lichter zerfetzen sie hin und her, und Regenfall und

Zwielichtgrau und wechselnde gelbe und rötliche Lichter und der Tropfen

leises Geweine schieben die Wirklichkeit weit davon, heben süße Visionen

empor. Aus matten Dünsten schweben Bilder heran. Erst fern und ungewiß:

das Erwachen einer fernen Fremdstadt. Wie in Luftspiegelung stehen

plötzlich Kirchen da, mit Türmen und Spitzenwerk. Fremde Straßen,

Plätze, Flüsse, Kanäle springen näher. Allmählich bevölkern sie sich.

Mit Menschen, die zu fremden Beschäftigungen, Pflichten, dunkel bleibenden

Geschicken eilen. Fremde Laute, unverständliche Rufe durchbohren die Luft.

Alle Haustore, alle Fenster erwachen. Auf allen Wegen schwellen Geräusche

an. Alle Straßen werden geschwätzig. Auf dem geschwärzten Hintergrunde

des Abends öffnen sich weit mir die taghellen Türen. Und ich blicke

hinein: in weiße, leise Spitäler, in laute Freudenhäuser, in stille

Forscherstuben, in goldene Feste und in Sterbezimmer. In Kirchen mit

sonnenzerflammten Fenstern, die blutendes Licht werfen auf heilige

Prozessionen. Und in Kellerhöhlen, wo das Verbrechen geboren wird ...

Die Tage standen auf und fielen zusammen. Und immer noch blieb alles Leben

außerhalb mir erloschen, lebte ich in der weiten Welt des Traumes und der

hinreißenden Gesichte. Schuf aus Schmerzen mir Lust und machte das Heute

versinken. Und wieder, wie oft schon, kam mir ein großes Bedauern, daß

Offenbarungen mir wurden, die in Farben und Strichen nicht Gestalt werden

konnten. Die des Wortes brauchten, um Leben zu haben. In solchen Worten

muß Eduard Stucken das Schmerzensglück gekommen sein, sagen zu können:

Zu Asche verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Zeit und des Raumes

Stirbt jeden Augenblick, was im Augenblick Lebendem glich.

Schwarz, ein Grau'n, ist das Morgen. Schwarz, ein Weh, ist das Gestern.

Trügerisch bunt ist das Heute, ein Irrlicht auf schwarzem Moor.

Nur, was nie lebte, lebt. Nur du und die bleichen Schwestern,

Ihr schreitet unwandelbar schön, unvergänglich durch Traumes Tor.

* * * * *

Über alle diese Untätigkeit, die Qualen und Seligkeiten hinweg, kam der

Tag, kam ein früher Morgen, der mich wieder an meiner Arbeitsstelle sah,

mit Farben und Pinseln und Spachteln vor grauem Leinen. Wie hatte ich so

viel Zeit verträumen und verlieren können über den Verwandlungen meiner

Gesichte? Aber mit jedem Tage strömten mehr der Gestalten, lebten feinere

Nuancen mir vom Hirn in die Finger. In Schauern, die mich fiebern machten,

wuchs »der Revolutionsball« aus Vorstudien, Skizzen, Anfängen und

inbrünstigem Fühlen groß, und schloß sie alle zu dem Gemälde ein, von

dem ich wußte: es würde mein bestes sein.

Je mehr es zur Vollendung reifte, um so mehr vertiefte sich meine

Erregtheit, mein Beglücktsein. Jubel durchbrauste mich. Ein Unfaßbares

überstrahlte meine Körperlichkeit. Alle diese Gestalten, die ich

geschaffen, aus dem Nichts geboren, in eine Welt gestellt, die laut und

vernehmbar zu sprechen wußte, war das nicht Macht, die vieles überdauert?

»Du hast deine Kunst ... bist alt ...« sagtest du, Ludwig, nicht so?

»Ja, ich habe meine Kunst,« wollte ich dir entgegenschreien. »Aber

weißt du, der Wissenschaftler erster Semester, der nüchterne Zergliederer

des Schrifttums, daß sie es ist, die immer jung erhält, die mich vor

müdem, blutleerem Abstieg bewahrt? Meine Haut kann gilben und runzeln,

mein Körper siechen, mein Geisteslicht leiser werden: die Welt in mir, die

Kraft meines Fühlens und meines Erträumens, die immer sich erneuernden

Sehnsüchte, die starken Schmerzen, daraus Kunst sich nährt, machen die

Jahre versinken, auch wenn das Werk ungeschaffen bleibt. Ja, Ludwig, du

sagtest recht. Nur anders, als du es gedacht. Darf der um erdenkleine Dinge

zagen, der die Unendlichkeit in sich trägt?«

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 18 / 23 题