Den 9. April 1919.
Ich weiß, sie alle würden sagen: »Es konnte nur so werden, bei
Frauenerziehung und da der Vater fehlte!« Ich aber würde sie mit der
Frage schlagen: »Und Lilli von Groddeck? Und Karl Z.?« War Lilli nicht
die erste Leben gewordene Hoffnung eines Elternpaares von beamtenstarrer
Gesittung und altbewahrter Frommheit? Hatte Karl Z. nicht den
berühmtesten, den erfolgreichsten Pädagogen zum Erzeuger und als
tägliches Beispiel vor sich?
Immer schon war, solange die Welt atmet, Umsturz in gärenden
Kinderschädeln um die Wende ihres Flüggeseins. Immer schon starrte
ihr Ungestüm zur Spitze des Berges hinauf, ob ihre Vorderen nicht oben
angelangt seien, und wann ihr Abstieg begönne, damit sie selbst sich,
weite Abstände überspringend, zu ihrem Platze hinaufschwängen. Nie aber
schien mir die Brutalität so weit gegangen, den langsam Hinabwandernden
Steine nachzuwerfen, um ein Rückblicken, ein Stehenbleiben zu behindern,
nie die Bedenklosigkeit, Bosheit gegen Liebe zu geben, so groß, wie bei
dieser Jugend des Krieges und der Revolution.
Gewiß, es gab und es gibt andere Kinder. Aber sie sind vereinsamte helle
Lichter auf dem dunklen Gemälde der Gegenwart. Und so viele Empörer
überschreien sie, daß sie sich mit ihrer Furcht, zurückgeblieben zu
scheinen, verstecken.
Als unerbittlich Fordernder stand Ludwig vor mir, gestern, da er in harten,
mißschönen Worten erneute Verpflichtungen bekannte, eine Summe verlangte,
welche uns mehr als ein Jahr Unterhalt sein muß. Er las aus Blick und
Schweigen mein Erstaunen, meine Abwehr. Wollte einlenken, indem er dies
sein Erbteil nannte, das ihm bei Mündigkeit ohnehin zufiele, und mich bat,
mit dieser Ansicht als seiner unabwendbaren Haltung zu rechnen. Ohnehin
würden Henno und er bald selbständig sein.
Ich dachte an die langen Jahre, die diese Studierenden noch gehen mußten,
bis Wissenschaft und Kunst sie mit Brot belohnten, während sie jetzt
schon Kuchen verkrümelten und Weine verschütteten, und daß ihr winziges
Vermögen nicht den geringsten Teil von diesen Lebensansprüchen deckte und
von denen, die die Not dieser Jahre brauchte. Ich dachte seiner
früheren Schuld, meines ersten Opfers und seiner Hoffart bei unserer
Auseinandersetzung. Wie demütigend wäre ein nutzloses Wiederholen!
Und wieder tat ich den Gang in die Stadt unter tiefhängenden Wolken.
Diesmal als Bittende bei zuwideren Berechnungen, Zusammenstellungen und
Findigkeiten, deren Ziel nur das gleiche geblieben war: Ludwigs nächtliche
Verfehlungen auszutilgen. Und wie graue Aprilschauer prasselten, wie
ich weiterhastete, unter Schloßen und widrigen Winden, die die anderen
Menschen von den Straßen vertrieben, verfielen lange Jahre, weil an einem
solchen Aprilanfang mein Ältester seinem ersten Schulzwang gehorchen
mußte und mich mitzwang. Ich war von einer Krankheit genesen. Aber sein
Weinen war stärker als meine Bedenklichkeiten und des Arztes Verbote. Ich
spürte seine angstheiße Kinderhand in der meinen. Seine tränenbeladenen
Blicke zogen mich unwidersprechlich zu seinem Willen hinüber. Und meine
Zärtlichkeit, meine liebegroßen, verschmitzten Überredungskünste
verzauberten seinen ersten harten Gang im Leben durch die
menschenentleerten Gassen bei schmerzendem Windes- und Regentreiben, daß
er an der Schwelle des Schulgebäudes das Gelübde sprach, unhaltbar wie
alle Gelübde auf lange Dauer: »Mit dir werde ich immer, überallhin
gehen, wo du willst ...«
Hieß das Leid der Erde nicht von allher Mutter sein? Wie ein Fremder hatte
er mich angeschaut. Wie ein Fremder seine Worte gefügt, gestern, als
er uns für Jahre hinaus auf meine Arbeit stellte. Eine Arbeit, die von
ungezählten Zufälligkeiten abhängig war, und die schon die Mutigsten von
hohem Künstlertum zum Kunstfabrikanten erniedert hatte. Müßte ich nur
für meine eigenen Tage Sorge tragen, was täte das? Aber die Jahre ihrer
Studien bedrückten mich wie banger Nachtalp. War nicht ohnehin oft genug
die Künstlerin, die Kunstschaffende in mir von Mutterpflichten verdrängt
worden? Durch Zeitverluste, Stimmungsumschwung und unbenennbare kleine
Schatten?
Vielleicht auch die Mutter durch die Künstlerin? fragte es irgendwo leise
in Kopf oder Gewissen. Ich wollte gern Rechnung ablegen. Wer aber war der
gerechte Entscheider? Hatte ich nicht immer ihr Menschsein geachtet vom
ersten Tage an, bewußt der Verantwortung, die Vater und Mutter beim
Vorhandensein eines neuen Wesens auf sich nehmen? Hatte ich nicht ihr
Werden, ihre Art uneingeschränkt sich entwickeln lassen? Was entzog ihnen
die Künstlerin? Nichts Faßbares ... sicherlich. Vielleicht doch den
vollen Ton eines Liebeswortes, wenn meine Urheimat: der Traum mich gefangen
hielt? Vielleicht doch ein aufmerkendes Hinhören vor der neuen Offenbarung
einer Farbe oder eines Gedankens? Vielleicht auch nur wenige Minuten durch
mein Enteilen, sie rasch auf Papier zu bringen, während das Kinderherz
noch die Mutter brauchte ...?
»Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu
lieben!« Hatte ich es vor mich hingesagt? Oder sprach eine fremde Stimme
mir ins Ohr und in die bangende Seele? Ganz laut und lange schwangen die
einzelnen Silben in mir fort.
Ich eilte, die Geschäftsangelegenheit zu überwinden, und lebte noch lange
im Banne ihrer Häßlichkeit.
Dann bat ich Ludwig -- wie damals -- in mein Zimmer, das Herz voll Milde
und zum Verzeihen bereit. Er kam, ganz zuckende Erregung, und sah nicht die
Wandlung in meinen Gesichtszügen und fühlte nicht, wie meine Liebe ihm
entgegenging.
Ich begann zu sprechen, stockend, nach Worten suchend, die ihn zu einem
anderen Weg führen sollten, ihm leise Bitten zu sagen, daß solches sich
nie, nie wiederholen dürfe ...
Seine Ungeduld machte ihn unfähig zu hören ...
»Hast du es ...?« zerschrie er den Beginn eines neuen Satzes ...
Ich legte die Scheine auf den Tisch ...
»Siehst du, es ist alles ganz leicht ... Wenn man nur den bestimmten
Vorsatz hat ...« sagte er und holte Atem, tief, aus bedrängter Brust.
Und als ich ihm die Schwierigkeiten zu nennen anfing:
»Nun? Und was weiter? Du hast ja deine Kunst ... Und dann ... bist du zu
alt, um die Freuden zu verstehen, die mir das Geld gibt ...«
Vielleicht war es eine Ungeschicklichkeit, in der Aufregung hergesagt ...
zum Trotze ... Ich aber hörte fortan nur jene Worte, heute, vom Wege.
Sie schwollen an zu lauten Schreien. Zu dem Jammergeschrei der Väter und
Mütter, die mir ihr blutendes Herz geöffnet hatten, und all jener, die
ich nicht kannte in der Welt, und die vergebens nur einen kargen, einen
elenden Teil der Liebe von ihrem Kinde ersehnten, mit der sie es so
schwelgerisch überschütteten. Sie wurden zu dröhnenden Hämmern und
schlugen sich in mein Hirn: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es
ist, einen anderen zu lieben ...«