Den 20. März 1919.
Ich arbeitete emsig und spät in die Nächte hinein, um meine eigensinnigen
Gedanken von Ellinor und Sabine fortzujagen. Und hatte angeordnet, daß
kein Besuch mich störe. So erfuhr ich nach Tagen erst, als ich meinen
allzu angespannten Nerven Ruhepause geben mußte, daß Kurt-Georg zweimal
gebeten hatte, mich sprechen zu dürfen.
Ich rief ihn ans Telephon und wollte wissen, ob ihn etwas bedrücke. Er
komme sofort, hieß die Antwort und sagte mir ehe er da war: ja.
Und wie er eintrat, mit eingezogenen Schultern und sein Gesicht zu mir
aufhob, das mit einer gilbenden Schicht bezogen schien, wußte ich, daß
ungeheure Last ihn beschwere. Er sprach von ganz fortliegenden Dingen, wie
ein fremder junger Mann von Stande und Umgangsformen. Seine Augen sahen
schräge an mir vorüber auf einen nackten Punkt der Wand.
Ich zerriß einen seiner Sätze, aus fernen Worten zusammengesetzt, die
weder zu ihm, noch zu mir gelangten, und bat ihn, mir das Ziel seiner
Besuche zu nennen.
Er verwirrte sich in seiner Erzählung, blieb stecken. Dann brach hinter
der maskenhaften Gleichgültigkeit des Gesellschafters die Traurigkeit
eines Menschen durch, der furchtbar litt. Langsam, immer noch in
Widerstreben, schob seine Hand sich in eine Tasche, entnahm ihr einen
gelbgesiegelten Brief und seine zuckenden Finger ließen ihn auf den Tisch
fallen.
»Soll ich lesen?« fragte ich.
»Ich ... bit ... te ...« Dreimal hob seine Brust sich, um die Silben
deutlich werden zu lassen.
Der Brief war aus Berlin und von Gert Driesen geschrieben:
»Armer Kurt-Georg!
Du hast noch eine weite Strecke zu pilgern, ehe Du zu dem Ziele kommst,
dessen Türe ich sogleich öffnen werde. Ich muß Dich für diesen
Anfang um Verzeihung bitten und für die Banalität, die dahinter
steht: ›Wenn Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr!‹ Aber
was ist denn unser ganzes Leben anderes, als eine große gähnende
Banalität? Und wozu sich die Mühe nehmen, sie schönzeichnerisch zu
umranden? Solche Effekthascherei überlasse ich jenen, die noch die
vage Kühnheit besitzen, sich dieses Leben gelb, rot, grün oder
blau malen zu wollen. Ich sehe es, wie es ist: eine schmutziggraue,
abgestandene Lache.
Warst Du nicht mit in Henny Bergmanns Salon, wenn ich meine Eindrücke
vom Kriege hersagte? Hinter diese Erinnerungen hätte ich den dicken
Punkt setzen müssen. Nach der Rückkehr aus jenem Unrattümpel war ich
jenseits aller Erwartung angelangt. Und selbst die andere Hälfte, aus
der unser Sein besteht und die sich Enttäuschtwerden nennt, war mir
nur noch als Zustand für Säuglinge bekannt. Da kam die rote
Flamme Lilli, höhnend, immerzu lockend, eine maßlose, ungeheure
Versprechung! Und -- die Möglichkeit einer Aufrüttelung vor mir --
folgte ich diesem flimmernden Irrlicht in neuen Morast.
Leonhard Kauffmann befreite mich von ihr und von meiner Fadheit. Er,
der den Krieg von der anderen Seite gesehen, hatte das Kinderfieber,
von einer Frau Erlösung zu erhoffen, oder Glück oder wie man es sonst
heißen mag, noch nicht hinter sich. Die Seuche wird ihn, fürchte ich,
verheerend hinwerfen. Denn Lilli kann nicht bei ihm enden, wie sie bei
mir nicht angefangen hat.
Ich gehe also vor diesen langweiligen Wiederholungen, die sich Leben
benennen, davon. Bin neugierig, ob dort etwas Merkenswerteres anzusehen
ist! Ich habe Bewunderung und Bedauern um Eure Auffassung.
Daß es Euch wohl sei! In Eurem Sinne!
_Gert._«
Kurt-Georgs Augen hingen an mir, schwer von ungeweinten Tränen.
»Wie er sich mit seiner Scham verkriecht,« klagte er verstört, »als
ob nicht aus jedem Satz der Schrei nach dem einen Weibe ginge, von der ihm
selbst Rettung werden sollte ...«
»Kann man das wissen?« sann ich, »wer hat je im Kampf zwischen Leib und
Seele erkannt, wer Sieger blieb? Mir scheint Gert Driesen ein spätes
Opfer des Krieges. Viele mögen sich aus Umständen wie die seinen
zurückgetastet haben in ein bürgerliches Pflichtendasein. Mehr aber --
sehen Sie unsere Arbeiter -- haben bis heute nicht Kraft dazu gehabt. Ein
Kind noch, aus der Schule her, in ein Leben der Zuchtlosigkeit, satanischer
Gier, perverser Ausschweifungen geschleudert, jahrelang durch Befriedigung
der tollsten Abenteuer übersättigt, fand er nichts, was jene Zeiten
überbieten konnte. Stille und Arbeit waren ihm fremde Worte, fremde Werte,
und so mußte die Welt ihm Widerwillen sein ...«
»Daß Lilli ihn nicht zu halten wußte ...,« zagte er immer noch einmal,
»wie wird sie es tragen?«
»Wer weiß, ob er zu halten war,« beschwichtigte ich ihn, selbst
kummerbelastet, »wenn nur jemand käme, der sie festhielte ...«
»Solche Frauen hält man schwer,« kündete er seine junge Weisheit.
»Wissen Sie ...,« er stockte und schleuderte es dann rasch heraus:
»Wissen Sie, daß meine Mutter sich geschieden und wiederverheiratet hat?
Zum dritten Male ...« wollte er spotten. Aber sein Gesicht zeigte eine
weinende Grimasse.
»Werden Sie sie aufsuchen?« fragte ich, nur um keine Stille zwischen uns
zu legen.
»Ich habe eine zweite Mutter gefunden,« und seine Züge durchleuchteten
sich ... »ihre Schwester, Tante Grünhagen ... Sie gleicht ihr im Aussehen
so sehr ...«
»Und Annemarie ... wie nimmt sie den Halbbruder auf?« forschte ich
angstbeklommen im Gedenken jenes Balles.
»Sie will ein paar Semester zu anderen Universitäten ziehen. Sie
verwickelt sich immer mehr in dunkle Probleme und schwierige Arbeiten ...
Wir sehen sie nur bei den Mahlzeiten, und es weht uns Kühle an von ihrem
versteinten Gesicht ...«
Ich holte eine Mappe, um das Gespräch zu wechseln, und meine Gedanken
stürzten zu Ellinor und Gert Driesen zurück. Zu den beiden, die ihre Wege
aus all diesen dunklen Wirrsalen hinauszuführen gewußt hatten. Sie, indem
sie ihre lichte Seele dem Himmel anbot. Er, indem er seinen befleckten Leib
der Erde wiedergab.