XIII.

Den 20. März 1919.

Ich arbeitete emsig und spät in die Nächte hinein, um meine eigensinnigen

Gedanken von Ellinor und Sabine fortzujagen. Und hatte angeordnet, daß

kein Besuch mich störe. So erfuhr ich nach Tagen erst, als ich meinen

allzu angespannten Nerven Ruhepause geben mußte, daß Kurt-Georg zweimal

gebeten hatte, mich sprechen zu dürfen.

Ich rief ihn ans Telephon und wollte wissen, ob ihn etwas bedrücke. Er

komme sofort, hieß die Antwort und sagte mir ehe er da war: ja.

Und wie er eintrat, mit eingezogenen Schultern und sein Gesicht zu mir

aufhob, das mit einer gilbenden Schicht bezogen schien, wußte ich, daß

ungeheure Last ihn beschwere. Er sprach von ganz fortliegenden Dingen, wie

ein fremder junger Mann von Stande und Umgangsformen. Seine Augen sahen

schräge an mir vorüber auf einen nackten Punkt der Wand.

Ich zerriß einen seiner Sätze, aus fernen Worten zusammengesetzt, die

weder zu ihm, noch zu mir gelangten, und bat ihn, mir das Ziel seiner

Besuche zu nennen.

Er verwirrte sich in seiner Erzählung, blieb stecken. Dann brach hinter

der maskenhaften Gleichgültigkeit des Gesellschafters die Traurigkeit

eines Menschen durch, der furchtbar litt. Langsam, immer noch in

Widerstreben, schob seine Hand sich in eine Tasche, entnahm ihr einen

gelbgesiegelten Brief und seine zuckenden Finger ließen ihn auf den Tisch

fallen.

»Soll ich lesen?« fragte ich.

»Ich ... bit ... te ...« Dreimal hob seine Brust sich, um die Silben

deutlich werden zu lassen.

Der Brief war aus Berlin und von Gert Driesen geschrieben:

»Armer Kurt-Georg!

Du hast noch eine weite Strecke zu pilgern, ehe Du zu dem Ziele kommst,

dessen Türe ich sogleich öffnen werde. Ich muß Dich für diesen

Anfang um Verzeihung bitten und für die Banalität, die dahinter

steht: ›Wenn Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr!‹ Aber

was ist denn unser ganzes Leben anderes, als eine große gähnende

Banalität? Und wozu sich die Mühe nehmen, sie schönzeichnerisch zu

umranden? Solche Effekthascherei überlasse ich jenen, die noch die

vage Kühnheit besitzen, sich dieses Leben gelb, rot, grün oder

blau malen zu wollen. Ich sehe es, wie es ist: eine schmutziggraue,

abgestandene Lache.

Warst Du nicht mit in Henny Bergmanns Salon, wenn ich meine Eindrücke

vom Kriege hersagte? Hinter diese Erinnerungen hätte ich den dicken

Punkt setzen müssen. Nach der Rückkehr aus jenem Unrattümpel war ich

jenseits aller Erwartung angelangt. Und selbst die andere Hälfte, aus

der unser Sein besteht und die sich Enttäuschtwerden nennt, war mir

nur noch als Zustand für Säuglinge bekannt. Da kam die rote

Flamme Lilli, höhnend, immerzu lockend, eine maßlose, ungeheure

Versprechung! Und -- die Möglichkeit einer Aufrüttelung vor mir --

folgte ich diesem flimmernden Irrlicht in neuen Morast.

Leonhard Kauffmann befreite mich von ihr und von meiner Fadheit. Er,

der den Krieg von der anderen Seite gesehen, hatte das Kinderfieber,

von einer Frau Erlösung zu erhoffen, oder Glück oder wie man es sonst

heißen mag, noch nicht hinter sich. Die Seuche wird ihn, fürchte ich,

verheerend hinwerfen. Denn Lilli kann nicht bei ihm enden, wie sie bei

mir nicht angefangen hat.

Ich gehe also vor diesen langweiligen Wiederholungen, die sich Leben

benennen, davon. Bin neugierig, ob dort etwas Merkenswerteres anzusehen

ist! Ich habe Bewunderung und Bedauern um Eure Auffassung.

Daß es Euch wohl sei! In Eurem Sinne!

_Gert._«

Kurt-Georgs Augen hingen an mir, schwer von ungeweinten Tränen.

»Wie er sich mit seiner Scham verkriecht,« klagte er verstört, »als

ob nicht aus jedem Satz der Schrei nach dem einen Weibe ginge, von der ihm

selbst Rettung werden sollte ...«

»Kann man das wissen?« sann ich, »wer hat je im Kampf zwischen Leib und

Seele erkannt, wer Sieger blieb? Mir scheint Gert Driesen ein spätes

Opfer des Krieges. Viele mögen sich aus Umständen wie die seinen

zurückgetastet haben in ein bürgerliches Pflichtendasein. Mehr aber --

sehen Sie unsere Arbeiter -- haben bis heute nicht Kraft dazu gehabt. Ein

Kind noch, aus der Schule her, in ein Leben der Zuchtlosigkeit, satanischer

Gier, perverser Ausschweifungen geschleudert, jahrelang durch Befriedigung

der tollsten Abenteuer übersättigt, fand er nichts, was jene Zeiten

überbieten konnte. Stille und Arbeit waren ihm fremde Worte, fremde Werte,

und so mußte die Welt ihm Widerwillen sein ...«

»Daß Lilli ihn nicht zu halten wußte ...,« zagte er immer noch einmal,

»wie wird sie es tragen?«

»Wer weiß, ob er zu halten war,« beschwichtigte ich ihn, selbst

kummerbelastet, »wenn nur jemand käme, der sie festhielte ...«

»Solche Frauen hält man schwer,« kündete er seine junge Weisheit.

»Wissen Sie ...,« er stockte und schleuderte es dann rasch heraus:

»Wissen Sie, daß meine Mutter sich geschieden und wiederverheiratet hat?

Zum dritten Male ...« wollte er spotten. Aber sein Gesicht zeigte eine

weinende Grimasse.

»Werden Sie sie aufsuchen?« fragte ich, nur um keine Stille zwischen uns

zu legen.

»Ich habe eine zweite Mutter gefunden,« und seine Züge durchleuchteten

sich ... »ihre Schwester, Tante Grünhagen ... Sie gleicht ihr im Aussehen

so sehr ...«

»Und Annemarie ... wie nimmt sie den Halbbruder auf?« forschte ich

angstbeklommen im Gedenken jenes Balles.

»Sie will ein paar Semester zu anderen Universitäten ziehen. Sie

verwickelt sich immer mehr in dunkle Probleme und schwierige Arbeiten ...

Wir sehen sie nur bei den Mahlzeiten, und es weht uns Kühle an von ihrem

versteinten Gesicht ...«

Ich holte eine Mappe, um das Gespräch zu wechseln, und meine Gedanken

stürzten zu Ellinor und Gert Driesen zurück. Zu den beiden, die ihre Wege

aus all diesen dunklen Wirrsalen hinauszuführen gewußt hatten. Sie, indem

sie ihre lichte Seele dem Himmel anbot. Er, indem er seinen befleckten Leib

der Erde wiedergab.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 16 / 23 题