Den 10. März 1919.
Regen liegt schon lange über der Stadt, mit trauriger Melodie. Aber zwei
Tage lang blutete Brudermord, daß seine graunassen Ketten sich feuern
färbten und der sehnliche Singsang Wehegeschrei ward. Der Krieg, der durch
wundersame Fügung in milder Wendung diese Stadt hatte liegen lassen,
war nun durch Brüder hineingehetzt worden. Wie Gift, durch Freundeshand
heimtückisch in einen einst geliebten, siechen Körper getragen, um ihn
ganz verelenden zu machen. In früher Morgenkälte schon rollten Kämpfe.
Kostbares Leben entströmte, durch Aufrührer verspritzt. Stadtteile wurden
Nester von Rauch. Fenster zerbarsten. Mauern schauerten. Und die nackten
Bäume erbebten und schüttelten ihre frierenden Häupter.
Es gab Neugierige, die ihr sicheres Haus ließen und ausgingen, solches
Schauspiel zu besehen. Manche kamen verstümmelt, manche gar nicht mehr
heim. Sicherheitswachen warnten. Aber die böse Lust nach lärmenden
Eindrücken überschrie Vernunft und Warnruf. Andere irrten durch
langgewohnte Räume. Ihre Augen liebkosten manches Stück Hausrat. Ihre
Gedanken wühlten in öder Pein Wogen der Erinnerung auf, die sich über
das Meer ihrer Schmerzen hinwegwälzten, jeden Augenblick fertig, unter
brennenden Trümmern oder durch eine Kugel zu verenden.
Auch diese Tage gehören dem Vergangensein an und wurden Beute der
Sprechlüsternen. Solcher, die alles lange vorausgesehen hatten und es
gut befanden. Und solcher, die es bekrittelten und noch lange Tage vor
Furchtsamkeit schlotterten. Und alle nahmen teil an dieser und an jener
Gruppe der Streiter. Und diese und jene erhofften gerechten Ausgang durch
Mordgewalt. Und bedachten nicht, daß nur eines Friede wirken kann und
Gerechtigkeit: in Verständnis dem anderen nahezukommen. Mit großem
Bemühen, selbst auf langen, unschönen Wegen. »Den anderen zu lieben,
wie sich selbst,« dahin werden Menschen wohl noch tausende Jahre wandern
müssen. Ihn zu verstehen, seine Art, seine Lebensbedingungen zu achten und
zu fördern, wie die eigenen, das muß vornehmste Aufgabe des Geschlechtes
von heute und von morgen sein.
Solches Geschehen und Betrachten hatte mich aufgetrieben vom Heim und
meiner Schaffensverzückung und zu Sabine hin, denn länger konnte ich
Sorge und Unkunde um Ellinor nicht tragen.
»Ob ich nicht wisse, daß Fräulein krank sei?« staunte das Hausmädchen
an der Eingangspforte, »schon zwei Wochen lang oder mehr.«
Sabine empfing mich in ihrem Wohnraum. Ihr graublasses Gesicht ertrank im
Halbdämmer des Spätnachmittags. Die Schmalheit ihres Körpers in diesen
kurzen Wochen des Ferneseins war beängstigend geworden und klagte meinen
Sohn hart und laut an.
Ich senkte den Kopf tiefer als ein überführter Verbrecher. Meine
Beredsamkeit als Verteidiger entfernte sich jäh von mir und ließ mich
mit meinen Theorien allein auf weiter öder Steppe. Dort saß ich, meiner
Freundin fern, beladen mit der Freveltat meines Sohnes und wußte kein
einziges Wort.
»Du schweigst schon um ihrer Erkrankung willen und weißt noch nicht das
Schlimmere,« klagte Sabine nach banger Stille.
Ich wollte meiner zusammengedrückten Kehle ein paar Laute entquälen, ihr
sagen, sie anflehen ... Da sprach sie schon weiter mit schwerem Ton.
Wie die Krankheit das Kind plötzlich gepackt hätte, mit Fieber und
schauernden Frösten. Wie sie nun -- auf dem Wege zur Genesung -- eine
andere geworden sei. Eine starke, entschlossene Frau, die keine Träne mehr
habe vor dem schwarzen Marterkreuz, das sie ihrer Mutter aufbürde mit dem
festen Vorsatz, ins Kloster zu gehen. Im Frühling schon, nach beendeter
Schulzeit, zu ihrer Tante, die Äbtissin sei im klösterlichen Verband zur
heiligen Barbara, und daß sie trotz inbrünstiger Mutterbitten kein Wort
verrate, worum dieser Entschluß ihr gekommen sei.
Ich hörte ihr, ins Finster meiner Gedanken gestürzt, zu. Erkennend, wie
weit auch dieses kleine Mädchen von ihrer Mutter fortgegangen war, seit
sie die Trauerkrone der Liebe trug. Und mein Herz krümmte sich zusammen
vor diesem Elend: daß Vertrauen und Mitteilen aller Kinder zu Fremden
hingehe. Und wußte mir in diesem Dunkel immer wieder nur den armen Trost:
daß ein ganzes Menschenalter, und die scheue Scham vor diesem fremden
Alter das Kind von seinen Eltern trenne, und daß die rührsamste Liebe
kein Steg darüber sei ...
Und dennoch hörte ich mich kranke Trostesworte hinsagen, jeder
Überzeugung leer. Verstummte aber vor der schleichenden Pein, mit der
Sabines Blicke fragten, warum ich sie belöge. Da bat ich sie zu bleiben,
damit Ellinor vor mir allein ihre grausamen Entschließungen begründe.
Als ich plötzlich und ohne Meldung in ihrem Zimmer war, saß sie aufrecht
in ihren weißen Kissen, die messerschmalen Hände um ein Betbuch gelegt.
Aus teerosenbleichem Gesicht starrten ihre Augen mich verdunkelt an. Ihr
Körper, winziger noch geworden, fiel ohne Halt vorneüber und Tränen
tropften auf Finger und auf Buch.
Auf einmal kam aus unsagbaren Weiten ihre Stimme zu mir geflossen. Ihre
novemberne Kinderstimme als Fräulein, die seltsam schwingend zu Ludwig
gesprochen hatte: »Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer
brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin, aber das
muß wohl so sein. Welche Seligkeit, auf der schwankenden Brücke der
Lust!«
Ich faßte ihre Kinderhand und hielt sie sprachlos fest. Was hätte ich
reden können, damit ihr Leid um meinen Anblick sich verringere? Wir saßen
wohl eine halbe Stunde lang und sagten nichts. Und doch fühlte ich, wie
der große Aufschrei ihres Herzens schwächer ward, wie ihr Blut sich
besänftigte unter der schweigenden Kosung meiner Liebe.
»Daß beide Söhne dir so fremdgeartet sind!« sagte Ellinor aus einem
Nachdenken heraus.
»Das beschäftigt auch mich seit Monaten,« gab ich staunend als
Antwort, schwächte das Gesagte aber ab: »Jahrzehnte an Altersunterschied
verwischen die Ähnlichkeiten.«
»Es ist nicht dies, daß sie so anders wurden,« erwiderte das Mädchen,
beharrlich ihren Gedanken weiterführend, »auch ich bin ein Geschlecht
jünger als mein Vater. Kaum kenne ich ihn mehr. Seit er im Kriege, blieb
ich unbeeinflußt von ihm. Und doch fühle ich, wie seine Art in mir
auflebt.«
Und als sie mein Aufmerken sah:
»Mammi hat dir sicher von meinem Entschluß gesagt. Wie sollte mir
sonst diese Sehnsucht kommen, wenn nicht von ihm? Meine Mutter, die
Mitschülerinnen, meine Freunde, alle neigen sie weltlicher Weise zu ...
Alle werden sie meine Wahl töricht, kindhaft, voreilig benennen ... Er
aber, mein Vater, der Dichter und fromme Katholik, wird wissen, daß es
nicht Enthaltsamkeit, daß es Wonne ist, die mich dorthin, zu den heiligen
Freuden gehen heißt ...«
»Du bist zu jung noch. Deine Entschließungen dürfen nicht heute schon
dein ganzes Leben binden,« unterbrach ich sie. Und die Schuld meines
Sohnes krallte sich in mein Herz.
»Jung?« fragte sie. Und ich erinnerte mich, daß das gleiche Wort, so
gedehnt und abweisungsvoll schon einmal zu mir gesprochen war. Und wie ein
Schemen flog Gert Driesen an mir vorüber. »Jung? Es gibt Menschen, die
kaum als Greise altern. Und es gibt Junge, die ein Tag alt und weise werden
läßt. Oh, ich weiß das Leben der Welt jetzt,« rief sie und ihre tote
Haltung wandelte sich und wurde lodernde Empörung: »Soll ich es dir
sagen, damit du meine Bestimmungsreife erkennst? Das Leben der Welt da
draußen heißt Krieg, Revolution, Diebstahl, Mord, Lüge, Falschheit und
Wortbruch. Ist Grausamkeit, Eigensucht und Genußbegier. Ist alles, was
einen häßlichen Namen führt. Und selbst die schönbenannten Dinge
tragen nur lose Hüllen und offenbaren bei geringer Wendung ihre geheime
Garstigkeit ...
Dort aber, vor jener Stätte, die mein Leben einschließen soll in ihre
ewige Heiligkeit, bleibt alle dunkle Last des Lebens zurück. Dort werden
die Leiden und Züchtigungen der Erde in trunkene Lust verkehrt. Dort
ziehen die Tage vorüber, weiß und unschuldig, wie eine Prozession
feiertäglicher Firmelkinder und blicken uns an mit edelsteinreinen Augen.
Dort, hinter jenen Toren der stillen Glückseligkeit, verschweben die
Stunden auf den sammetnen Sängen der Nonnen und der frommen Orgeln und
schmiegen uns in sanftblaue Weihrauchdüfte. Dort stützen die Heiligen
unsere Herzen, daß sie nimmer im Erdenmeere des Leides ertrinken. Dort
heben uns die zum Menschheitsheile Geopferten empor, damit wir nie mehr im
Abgrund der Einsamkeit versinken. Oh! Wären die Monate schon gelebt,
die mich von jener mondleisen Bleibe scheiden! Daß ich nur noch die
gefestigten Mauern des süßen Asyls, meine Augen die Welt nur noch durch
verdämmernde Kirchenfenster schauen! ...«
»Kleine, süße Ellinor!« flehte ich, »bleib bei uns! Nur eine kleine
Wartezeit! Vielleicht, daß du hier etwas findest: Deine Kunst zu dichten,
einen geliebten Menschen, die du mit gleich schwärmerischer Sehnsucht
umfangen könntest. Bedenke, es gibt keine Rückkehr von dort! ... Es sei
denn, unter unfaßbaren Opfern ...«
Da schrie sie die wilde Klage:
»Mein Glaube an eure roten Erdenfreuden, an der Menschen Verlaß ist
gestorben. So laßt mir das Paradies der kerzenblassen, himmlischen
Schwermütigkeiten ...«