XI.

Den 16. Februar 1919.

Die Menschen, die zu Hause geblieben, hatten viel vom Tode gehört in

diesen Jahren. Hatten ihm Vater und Gatten und Söhne und den Liebsten

gegeben. In Zorn, in schmerzender Auflehnung, in patriotischer

Heldenhaftigkeit, in frommem oder stumpfem Ergebensein. Aber sie hatten ihn

nicht selbst in ihrem Rücken gespürt, den letzten Besucher. Nicht sein

Schleichen in windiger Nacht auf den Treppen. Nicht das Lauern seiner

hohlen Augen auf ihrem blütigen Jugendgesicht. Nicht den Fang seiner

dürren Eiseshände nach ihren warmen Gliedern. Nicht das fiebernde Feuer,

das er durch hungerverheerte Körper hetzt.

Nun erfuhren sie, wie Todesfurcht tut. Nun kam gar einem, dem man nie genug

der jungen Todesbeute zum Feld des Schlachtens gesandt hatte, die bleiche

Angst vor dem eigenen Auslöschen. Nun glitten sie grauwangig an den

Häusern hin und kauften Arzneien zum Vorbeugen und suchten vorzeitigen

Schutz bei Ärzten und bei den Starken ihrer Bekanntschaft.

Die Obrigkeit und die Verwalter der Volksgesundheit setzten ihm ein

kleines, harmloses Hütchen auf und gaben ihm einen freundlichen Namen. Er

aber flog mit diesem unschuldigen Passe »Die Grippe« über die Lande

und lehrte die Fröhlichen und die Mürrischen, die Feigen und die

Gefahrsuchenden, die Gedankenlosen und die Allzubedachten, lehrte sie alle:

die Lebensnacht anbrechen zu wissen und -- den Sang des Lebens im Blute

-- zu fühlen: ich versinke! ... Und seine Bevorzugten, die am liebsten

Hinterlisteten blieben die ganz Jungen ...

Wir hörten es hier und dort einmal. Und schon verfiel Henno dem Fieber.

Sein frisches Jungenblut wehrte sich lange gegen der Seuche Übermacht. Und

doch war sein Körper dann eine einzige Feuersbrunst, die ihm Gedanken und

Selbstbestimmung verbrannte, daß er die Hände über die Decken wälzte

und seinen Ruhm endlich anfühlen wollte, daß seine kranke Stimme nach

Erleuchtungen schrie, nach Bildern, die er auf Wände und Stoffe setzen

wollte, mit nie gemischten, unverlöschbaren Farben, damit die Menschen

heute und in weiter Zukunft vor seinem Namen und vor seiner Meisterschaft

hinsänken in die Knie.

Vor diesem zwiefachen Kranksein meines Jüngsten verwandelte sich mein

Herz, das die Kälte der Kinder wintern gemacht hatte, und stürzte

frühlingshaft vor sein Leidensbett. Ich hielt seinen schwanken

Knabenkörper in den Armen und sprach ihm mit meiner Stimme aus jungen

Muttertagen Friede zu. Ich baute ihm Schlösser zu den Sternen auf und

ließ von allen Planeten Anbeter seines Genies herabsteigen und ihn

bekrönen.

Und wie sein siecher Körper sich erneut dem Leben entgegendehnte, mit

beruhigtem Sinn, und alle Fährnis zurückstieß in starkem Wollen,

unterdrückte die Krankheit Ludwigs hartnäckigen Widerstand. Und der

Hoffärtige mußte durch eine fremde Gewalt abwehrlose Mißhandlungen

dulden und lange schweigen und konnte dann nur flüstern, die Augen voll

Müde und einer leisen Beschämtheit.

Viele Jahre fielen hinter mir zusammen. Und aufgerollt lag vor mir eine

alte, weite Zeit. Ich belauschte wieder in Bangnis und in Trauer den Atem

meiner kranken Knaben. Ich wartete ihrer Tag um Tag und Nacht um Nacht.

Ich hütete die schwanke Flamme des gelbmatten Krankenlämpchens. Und die

Winterwinde bestürmten die Stadt und unser Haus im Garten, während mir

märchenferne Lieder zufielen. Einmal klang ein vergessenes Wort auf: »Und

wenn er mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch sein Vater! Soll

er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne

erringen, ehe wir wissen, was sie sind ...« Und noch: »Ich verstehe unter

Sohn ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß ...«

Das war ja jüngste Gegenwart, die da in unser welt- und zeitfernes

Krankenheim einbrach, die mich dieses hören ließ ... Schon einmal ... Und

dann erinnerte ich mich, daß es der Kommissar aus jenem jungen Drama war,

der diese Worte zu mir gesprochen, und daß ich ihm hatte folgen wollen.

War der Wille, meinen Kindern zu dienen, nicht machtvoll genug gewesen? Was

hätte ich beginnen sollen, um ihre böse Abkehr von mir zu hindern, ihre

betörten Handlungen zu vereiteln? Wie die Mißformen ihrer Vorstellungen

umgestalten? Warum denn war dieses trotzige Nachtragen in mir, seit ich

meine Söhne mir fremdgeartet wußte? Weshalb mühte ich mich nicht, ihrer

persönlichen Art nahezukommen? Wieder und wieder? Sollte Liebe zu unseren

Kindern auch nur höchstentwickelte Eigensucht sein? Durch die wir unsere

Körperformen, unsere Beanlagungen, unsere Gedanken in ihnen wiederlieben?

Und wäre es möglich, daß sie bei sehr großem Abstand einmal

versagte? ...

Die Nordstürme bliesen so schaurig in dieser schwarzen Stunde der Nacht.

Ich nahm mein großes Weh in leise Hände und trug es dem schlafenden Henno

zu. Und die zärtlichen Hände liefen über die seinen und sollten ihm in

seinen Traum sagen: »Siehe, du, der werdende Künstler, du mußt meine

Flucht vor eurer brutalen Gewaltsucht, vor euren reuelosen Abenteuern und

Gieren, vor dem Mangel an Scham verstehen, mit dem ihr eurer Mutter das

traurige Gebot kündet: ›Das Alternde wird überrannt.‹«

Der Traum, den Henno träumte, aber war stärker als meine Flüsterworte.

»Aus dem Wege, ihr alle!« überschrie er plötzlich die stürmenden Winde

vor dem Blaß des Fensters und packte wild meinen Arm an.

Da wußte ich, daß auch die künstlerische Gemeinschaft, die Henno mit mir

band, keine Gemeinsamkeit sei, daß Kunst bei ihm erdebeheimatet bliebe und

Ruhmsucht und Marktgeschrei heißen würde, und daß er meine sternennahen

Entzückungen: das Erträumen, das Erfinden, das Erschaffen als Glück an

sich nie kennen, nie verstehen, nie ersehnen würde.

»Aus dem Wege, ihr alle!« rief er uns auch ohne Worte zu, sobald er das

Bett verlassen konnte. Das Hauswesen mußte sich seinen Arbeitsstunden,

den willkürlichen, zupassen. Ludwigs Gäste wurden aus der Söhne Zimmer

gebannt. Und Ludwig selbst, der immer Spöttelnde, der immer Neinsagende,

durfte, kaum genesen, seine eigenen Wünsche im eigenen Heim nicht zur

Wirklichkeit machen. Auch er sagte dem jüngeren Bruder: ja! ...

Ich aber zog in mein lichtgefülltes Zimmer heim und holte die unerlösten

Vorstudien jenes Balles aus meinen Schränken. Und entlas ihren Andeutungen

die mehlbleichen Hanswürste und die scharlachroten Dirnen, die Feuer der

Lampen, die von Fratzen beschatteten Spieltische, die tanzenden Tiermasken

und die Farbenschreie der Gewänder. Und begann den ganzen schrillenden

Revolutionsball aufzuwecken. In Einzelfiguren und in Gruppen und in

Zieraten, die sich einem großen Bilde einordnen sollten.

Es erstaunte mich, daß Henno immer häufiger in mein Zimmer trat, daß er

seine Arbeit stundenlang ruhen ließ und mir mit dunkelnden Augen zusah.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 14 / 23 题