X.

Den 30. Januar 1919.

Die nachfolgende Nacht war ein neues, nervöses Warten auf die Heimkehr

Ludwigs, der mit Lilli gegangen war. Ein blasses Intermezzo des Denkens,

Harrens und Schweigens, zwischen zwei Tagen rot an Geschehen.

Ehe der frierende Wintermorgen sich ganz behauptete, meldete das Mädchen

den frühen Besuch Frau von Groddecks. Ich mochte sie nicht warten lassen

und meine Finger waren doch steif von Aufruhr, da ich meinen Anzug

ordnen wollte. Würde sie logisch genug denken können, der Mutter die

Unverantwortlichkeit für des Sohnes Tun zu lassen? In ihren Kreisen

blieben Ansichten und Beurteilungen häufig schablonisiert, und Ludwig war

dem Gesetze nach ein Unmündiger.

Ich mühte mich, die peinliche Angst meines Gesichtes mit einer

Gesellschaftsmaske zu hüllen. Ich zerpeinigte mich nach einem kleinen

Begrüßungswort, und dann stand ich im Gartenzimmer vor ihr und faßte

den Sinn ihrer Sätze schwer. Wie ... sie kam nicht, um meinen Sohn zur

Rechenschaft zu ziehen? Nicht als Anklägerin, sondern als Bittende zu mir?

Und endlich faßte mein Sinn das Geschehen: Lilli war mit einem Nachtzug

entflohen. »Ein Freund, den sie nicht missen könne, warte ihrer irgendwo

in der Welt und werde ihr Leiter sein in die neuen Wege hinein,« verriet

ein Brief, den sie dagelassen. Aber weder der Name des Freundes, noch des

Ortes, den sie aufsuche, sei genannt. Ob ich, ob meine Söhne nicht mehr

wüßten? Nicht ahnten, wie dies Wurzel greifen konnte in ihrer Tochter

Sein?

Wir beschieden Henno zu uns. Er sprach aufgehobenen Angesichts: wie Lilli

in letzten Zeiten die Lauheit und Untertänigkeit der früheren Frau

verdammt, wie sie die Mädchen in den Sturm des Lebens hineingerufen

hätte. Wie ihr Blut und ihr Sehnen ihr Dinge vorsagten, denen sie folgen

mußte, ohne Wehr. Wie die Enge ihrer Heimat sie zu Tode presse. Und sie

nur eine Flamme noch sei, hinbrennend zur großen Ferne, zu der Freiheit

Lüsten.

Und endlich stand Ludwig im Raum, mit umschatteten Augen. Und sagte, er

würde jede Auskunft über seiner Freundin Pläne weigern, selbst, wenn

er etwas wüßte. Es sei ihm jedoch sicher, daß Lilli nie mehr nach einer

anderen Richtung hin gebogen werden könne ...

Und ich saß dabei und erlebte Frau von Groddecks Tränenstürze und mußte

ihr Jammern hören um die verlorene Standesehre, um die zerbrochene Zukunft

ihrer anderen Kinder, an denen nun der Makel »Lilli« klebe. Und war

nahe dabei, Lillis Tun zu verzeihen. Und fühlte dabei doch dies eine mit

Erschauern: hier, in meinem Hause war das Feuer entzündet, rot geblasen

und geschürt worden, das die Brunst des Weibtiers Lilli in Flammen gesetzt

und Aufruhr gegen Eltern in ihre Seele geworfen hatte ...

Und während ich der Gebeugten Trostworte hinhielt und ihrer Haltlosigkeit

Stütze zu geben suchte, führte ich -- meiner Gewohnheit nach -- stumme

Selbstgespräche zur Rettung meiner Schuldlosigkeit. Wenn mein eigenes

Gewissen mich jeder Verantwortlichkeit entlöste, wie durfte da die

Menschengesellschaft kommen und sagen: »Ihre Söhne, der Malerin Henny

Bergmann Söhne, haben des Mädchens böse Triebe aufgeweckt, haben sie

ihrem Elternhause entführt und sie einem garstigen Abenteuer hingegeben.

Das ist nun die Ernte ihrer freiheitlichen Erziehungsgrundsätze! ...«

Ich aber wußte, wie groß die Entfernung von Eltern zu Kindern ist, und

daß kein Bogen einer Erziehung weit genug gespannt werden könne, um die

Einflüsse des Lebens zu überbauen, um die eigene Tönung des Blutes zu

verfärben. Sind Kinder denn nur körperliche Fortsetzung der Zeugenden?

Schlafen in ihnen nicht die Begierden vieler Geschlechter, aus denen Eltern

und Urureltern von Vater und Mutter her gewachsen sind? Strömt nicht durch

sie das Wollen ungezählter Vorfahren, die in ihren Säften weiterwirken?

Und blitzschnell entriegelte mein Denken diese Episode aus Kindheitstagen

der Vergessenheit:

Wir hatten im Sommerhäuschen am hohen Berge den berühmten Pädagogen zum

Nachbarn. Jenen Erziehungskünstler, dem seit Jahrzehnten die Eltern ihre

aufsässigen, wissensfeindlichen oder böse beanlagten Söhne zu Zöglingen

gaben. Sein Name stand als Hoffnungsschein vor traurigen Vätern. Sein Ruf

kam über lange Brücken zu allen enttäuschten Müttern hin. Und Name und

Ruf behielten ihren echten Klang. Neben dem leisen Gelehrten wirkte eine

stille Frau und spendete den weithergereisten Schülern Behagen und mildes

Frauentum. Ein einziger Knabe nur, starkknochig, mit vorgeschobenem Munde

und dichtverwachsenen Brauen, sagte Vater und Mutter zu ihnen unter all den

fremden Gefährten. Und doppelt zärtlich leuchtete ihm die Liebe und das

Vorbild der Eltern ...

Eines Tages hatte der winzige Ort am Berge seine riesengroße

Sensation: Karl Z. war verschwunden. Keine Hütte am Hang, kein Haus der

Sommerfrischler, das nicht Boten entließ oder selbst auf der Suche war

nach dem vermißten Professorssohn. Tag und Nacht und wieder einen Tag und

eine Nacht und einen Tag blieb uns Zermürbung und Ungewisses. Am Abend

des dritten Tages drang aus dem Bergwald ein krankes Gewinsel, das einer

Menschenstimme entstammen mußte. Und wie die Suchenden nahe drangen, lag

da, halb entblößt, in Stricke eingebunden, gekratzt und mit zerschundenen

Händen der sechzehnjährige Karl. Wegelagerer hatten ihn angefallen,

ihn seiner Wertsachen, seiner Stiefel, seiner Jacke und der kostbaren

Uhr beraubt, die er für seinen Vater zum Uhrmacher des entfernten

Marktfleckens hatte hintragen sollen. Die hellen Lampen der ortsnahen

Gerichtsbarkeit aber durchleuchteten das Dunkel und erlichteten das

Geschehene und konnten dem großen Erzieher und dem zerquälten Vater die

Marterung nicht ersparen: daß der wegelagernde Dieb und sein Sohn _ein_

Wesen seien ...

Wie meine Besucherin dann, von Henno geleitet, den frostigen Vorgarten

durchging, stand ich mit zerstörtem Gefühl vor meinem ältesten Sohne und

forderte Rechnung von ihm über seine Haltung zu Lilli und Ellinor. Er

wies meine Anschuldigungen, die früher gedachten und nun verkündeten,

beruhigten Gesichtes und in seinem alten hochmütigen Ton zurück. Wie

ich Lilli, das Rassepferd, vor die behäbige, verschollene Karosse ihrer

Voreltern spannen wolle? »Auch ein Rassepferd, und gerade dieses,« sagte

ich, »bedürfe sorgsamer Einschulung, damit es seinen Zwecken diene. Lilli

aber, die immer Untätige, die Gedankenarme, handle aus Mangel an Wissen

und aus Mißverstehen der Neuheitsideen, die er ihr verkündet und die

vielleicht durch die verstaubten Anschauungen ihrer Eltern bessere Nahrung

gefunden hatten. Sie alle aber seien zu jung, zu sehr Stürmer, um zu

ahnen, wie bald Lilli einem ernsten Wirken hingeführt werden müsse.

Älter geworden, hätte sie besser die Möglichkeiten ihres Weib-Erlebens

gekannt und wäre nicht wild irgendeinem vagen Zauberbild nachgerannt.«

Ludwig hörte mit abwärts gezogenen Mundecken zu und seine eingekniffenen

Augen fragten, warum ich mir so unnütze Mühe und Worte mache?

Da sank meine gewaltsame Ruhe nieder. Und ich ließ ihn mein aufgebrochenes

Herz sehen und schluchzte über das kleine Mädchen Ellinor, der so viel

Weh hier, gerade von mir, von meinem Kinde, gekommen sei. Und malte ihm

ihr verwühltes Gesicht und wie ihr kleiner Leib vor Schmerz in sich

zusammengekrochen sei vor dem Bilde, das er mit Lilli gesessen habe. Und

weinte ihm meine Qualen zu um die Zerstörung ihrer Kinderillusion, um das

Leid, das meiner Freundin nun werde, und um das der strengsittigen Eltern

Lillis.

Geschah es um mich? Um Sabine? Um Ellinor? Um Groddecks? Mund und Augen

Ludwigs wurden ernst. Seine Stimme aber murrte, während er ausführte,

wie ich unmöglich die Mädchen von heute meinen Auffassungen angliedern

könne. Keine, aber nicht eine einzige, die über Liebe anders denke als

er, die sich dem Augenblicke versage, wenn ihr Blut sänge. Ob diese Zeit

mich nichts mehr gelehrt habe? Freie Liebe, freie Lust für alle, ohne

Gewissensansprüche, ohne Zeitbedingnisse. Älter werden sollte Lilli?

Zu welchem Ziele? Mündigkeitsfrist sei nach den Gesetzen von ehemals

erklärt. Die neuen Geboteschreiber würden andere Grenzen ziehen, mit

sechzehn Jahren sei jeder Geschöpf für sich allein, und nicht den

Erzeugern, nicht dem Staatswesen hörig, sobald er sich uneins mit ihnen

wisse ...

Ich widerlegte seine allzuviel gehörten und zu wenig bedachten Theorien,

indem ich ihm Ellinors Erschütterung wiederzeigte, und dabei entkam mir

die Frage, wie sich sein ferneres Verhalten zu ihr bilden würde?

»Das läßt sich keinesfalls vor einem neuen Wiedersehen bestimmen,

kleine, neugierige Frau Mama,« sagte Ludwigs Stimme in ganz gewandeltem

Klang. Seine Augen überschien ein huschendes Geflimmer. Sein Mund öffnete

sich. Und es umgab ihn jenes Lächeln, das einer törichten Eitelkeit,

gesättigten Trieben und irgendeiner Vorstellung neuer geheimer Freuden

entstammte, von denen man zwar nicht spricht, die man aber gar zu gern von

seinen Gesichtszügen ablesen läßt. Jenes unsaubere, perfide Lächeln des

Manntiers, das ich so grenzenlos verachte.

Das Lächeln verbreiterte Ludwigs Mund. Und zwischen sein klaffendes Rot

schob sich das Weiß der beiden vorgebauten Vorderzähne ...

Da geschah mir das Unbegreifliche: ich haßte das andere Geschlecht in

meinem eigenen Sohne.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 13 / 23 题