Den 18. Dezember 1918.
Die langen, undurchleuchteten Dezemberabende sind angefüllt mit Geheimnis
und huschenden Schattenwesen. Aufgereckt aus angstvollem Nichts, zerstieben
sie schwärzlich in nachtstarre Schächte. In alle Teile der kranken,
schauerreichen Abendstadt hin: dem Unwissenden ein nichtfaßliches Grauen,
dem Eingeweihten verzweiflungsvolle Notwendigkeit. Faßliche Rückwirkung
jahrelangen Hungers auf Lust. Die zertretene, vergewaltigte Jugend reißt
in Gier die vergifteten Früchte vom wildgewachsenen Freudenbaume, der
vulkanischer Erde entsproß.
Aus allen Stadtrichtungen, aus allen Straßen, aus allen Quergassen, von
überall trägt die Luft, kehrt man von spätem Nachmittagsgang heim,
tanzende Rhythmen fort. In den Zusammenkünften der Jüngsten, der
Nochjungen und der Alternden findet jedes Gespräch, das die letzten
Tanzveranstaltungen, Tanzmoden und Modetänze ausscheidet, bald seinen Tod.
Morgen um Morgen laden gutgedruckte Karten zu irgendeinem neuen vornehmen
Nachmittagstanz, zu einem intimen Ball, so intim, daß selbst der Name des
Einladenden Verschwiegenheit bleibt, und nur: »Die Veranstalter«, die
»Einladenden«, der »Ausschuß« und ähnliche Unterschriften zu locken
mühen, wer sich in so rätselvolle Gemeinschaft locken läßt. »Bei allen
Revolutionen ist getanzt worden,« heißt die Ausflucht denen gegenüber,
die dieser tragischen Zeit mehr Würde ins Antlitz ätzen wollen.
In solcher Verelendung der Geselligkeit den wollüstigen Sang der
Großstadt witternd und Sättigung ihrer jungen Süchte erhoffend, lassen
Ludwig und Henno Abend für Abend die leise Schönheit ihrer Stuben
und ziehen dem Rufe der fremden Betörer nach, zuweilen in Gesellschaft
Kurt-Georgs, häufiger noch neben Lilli von Groddeck. Mit welchen
Umschweifen, auf welchen Nebenwegen die in alte Vorurteile eingeschnürte
Beamtentochter dorthin gelangen konnte, bleibt mir Geheimnis. Eine Frage
würde irgendwie ausweichend abgetan werden. Und Lilli ihren Eltern als
Lügnerin melden, ist mir ein Unmögliches.
Mit hämischer Freundlichkeit trägt das Hausmädchen in der Frühe
Stöße von Karten, Adressen, Anerbietungen an meinen Morgentisch, die
den verschiedenen Taschen der jungen Herren beim Abputzen
entfielen: Empfehlungen von Frack- und Maskenverleihinstituten, von
Damenbekleidungsgeschäften ohne Aushängeschild, von Austauschstellen
für Lebensmittel, Geldverleihstätten, Anpreisungen von Nachtbars mit
Hintertreppen- und Kellereingängen, Einzelzimmern mit verschwiegenen
Eintrittstüren -- nächte- und wochenweise, Namen von Köchen, die zu
Abendessen ohne Lebensmittelmarken einladen. Unerschöpfbar scheint der
Überfluß, der nachts auf so heimlichen Wegen abgeleitet, durch so geheime
Pforten vertrieben werden muß, nimmt von Tag zu Tag ausgedehnteren Umfang
an. »Werden wir's ändern?« »Haben wir darum gefragt?« lehnen Ludwig
und Henno alles Erörtern ab. Und ein Achselzucken erstickt jede Frage.
Die Lesetage siechen müde dem Tode zu. Die Mehrheit der einstigen
Teilnehmenden hat jetzt in langer Nachmittagsruhe verlorene Nächte zu
ersetzen. Zwar finden die sechs Verbündeten sich oft noch zusammen, aber
nur, um wieder auseinanderzustieben. Auch meine Gäste der ersten erregten
Revolutionswochen sind ausgeblieben. Der Werkeltag heischt sie zurück. Und
menschliche Gewohnheit fügt sich auch fremdem Zustand ein. So geschieht es
gar oft, daß mit der Scheidestunde dieser kargen Dezembertage drei junge
Schatten ins Zwitterlicht meines Zimmers fließen: Kurt-Georg, Annemarie
und Ellinor.
Im Beginn wird ein Gespräch versucht, eine zage Melodie angeschlagen.
Abendweh und Abschied liegen auf der Lauer. Draußen stürzt der Wind in
die Gartenpfade. Schwarze Äste zerkrachen. Das Spiel entstirbt. Tiefes
Stillesein schmiegt sich ins Zimmer und wird zum Lied.
Ist es solche Stunde allein, die mir die beiden Mädchen bleicher und
schmächtiger malt? Daß der grüne Sammet in Ellinors Augen mir feucht und
gedunkelt scheint? Das Spottlächeln um Annemaries Mundrand zu Traurigkeit
verzogen wirkt?
Einmal, da matter Wintermond über dem Garten, dem Zimmer und den Dingen
hing und die Mädchengesichter auf hellbepudertem Grunde hinblassen ließ,
kam es, daß Ellinor mir zu Füßen glitt und geneigten Kopfes unaufhaltsam
über meine Hände strich.
Kurt-Georg lehnte am Fenster, halb zum Zimmer, halb zum Garten gekehrt,
seine Augen dürstend dem weiten, blinkenden Schimmer geöffnet, den
Körper vorwärts gebogen, als suche er in Heimweh nach verlorenem Lande.
Dann deckten schwere Lider das nasse Geglänz seiner Pupillen.
»So traumhaftes Nachtlicht erhellte mein Knabenkranksein ... wie alt,
wie süß und fern!« flüsterte er, wie wenn er selbst sich im Traume
bewege ...
»Kurt-Georg,« hauchte Annemarie, in Furcht, ihn aufzuschrecken,
»Kurt-Georg, wir sind dir so nahe ... und ohne Schuld ... Weshalb fliehst
du unser Haus? Komm wieder wie in Kindheitszeiten ...«
Lange schaute er zur weißen Schale am hohen Himmel auf, die das Land
mit kranker Blässe begoß. Annemarie hatte die Hände wie in Frommheit
zusammengelegt. Dann drehte sich sein Gesicht uns zu. Und stockend kam es:
»Ich will ... euch ... wieder ... besuchen ...«
Der Mond beglänzte Annemaries Augen. Sie hoben sich in blinkender
Verklärung aus dem unschönen Gesicht.