Den 29. Dezember 1918.
Henno beginnt in diesen allnächtlichen Schwelgereien Widersinn seines
auf strenge Arbeit gestellten Lebens zu ahnen. Er hält Umschau unter den
Veranstaltungen und Orten, bedacht und voll Sorgsamkeit, wählt die,
welche er zu besuchen denkt, mit Geschmack aus, und verteidigt seine
Arbeitsstunden gegen jede Außenstörung. Nie mehr bleiben seine Studien
in der Kunstakademie zurück. Nach dem kurzbefristeten Ausflug zu Orgien,
denen seine Jugend Zins entrichtete, kehrte er, besonnen wägend und
abrechnend, wie ein alter Großhandelsherr, zu seiner Tätigkeit heim.
Immer schon schien dies mir das Seltsame an seinen jungen Jahren und
der Erzeugung seiner Malereien. Daß er seine Kunst nie von innerer
Erleuchtung, packenden Gesichten oder überstarkem Empfinden abhängig
machte, daß seine Sehnsucht nie die Erde verließ, daß er Kunst arbeitete
mit Kopf und mit Hand, schweißbegossen, als leistete er Frondienst, daß
er sie rechnete wie eine mathematische Aufgabe. Einen Achtzehnjährigen sah
ich noch nie so kunstbesessen, so arbeitsnüchtern dabei wie Henno.
Ludwig ist nur noch Gast daheim. Irgendeine Nacht hat ihm jäh zwei ältere
Schulkameraden wiedergegeben, beide bald nach ihrer Rückkehr von der
Front. Zuweilen geleiten sie ihn zu unserem lautlosen Vorort hinaus und
weilen ein wenig in meinem Gartenzimmer. Der langbeinige Gert Driesen, der
über zwei Jahre lang im Osten gestanden, hat seine Jugend dort gelassen.
Gewöhnlich sitzt er schweigend und zuhörend in einem Lehnstuhl, mit
herabgezogenen Mundwinkeln und dünnen Fältchen rund um die Augen. Hin
und her aber holt er Bilder aus tiefem Erinnern herauf, glitzernde,
ausschweifende, atemnehmende. Man weiß nie, ob es Phantasie, ob Milderung
oder Übertreibung eines wirklich Geschauten ist, was er da sprunghaft,
eines das andere überdrängend, vorbringt. Die Lider decken sich auf die
Pupillen. Und nur zuweilen, bei ganz krassen Stellen, flitzt ein schräger
Blitz an den Zuhörenden entlang. Die Hände strecken sich und ziehen sich
mit zeichnenden Gebärden vor und zurück. Um den Mond gespenstert ein
Zug, der das Gesicht zum Widerspiel eines ausgepichten Schalks oder einer
meisterlich gedämmten Erschütterung macht. So läßt er die Ahnung eines
baltischen Schlosses aus dem Nichts erwachsen, mit marmornen Marställen,
mit gläsernen Wintergärten und Gewächshäusern, durchsüßt von
Ananasdüften, mit grauäugigen Schloßfrauen voll schweren Geblüts,
mit weißen Abenden voll melancholischer Violinen und aufpeitschend
alter Weine. Flüchtende Bilder schatten auf und hin, von östlichen
Kleinstädten, darinnen alle Laster gegeneinander tollen, in Nächten,
heiß und funkelnd von Feuersbrünsten, die garstige Lüste und
zerrüttende Begier gebären und stillen und schwanger gehen mit jedem
Verbrechen. Getöse erschrillt vor Bolschewistenlagern. Volkshaufen gären
auf: eine wütende Menge drängt Lebensmitteldiebe zu einer Brücke.
Tierhafte Schreie ... Regengepeitschtes Wasser spritzt hoch, strudelt über
Menschenleibern, die langsam in graue Tiefe hinsinken. Und wieder, rasch
hinskizziert, wilde Gelage, Tische mit rollendem Gold und Trunk
und Speisen, deren Namen in Deutschland schon lange Jahre Sage und
Verschollenheit bedeuten ...
Als sei das Heraufzaubern solcher Vorgänge eine Schwarzkunst, die seinen
Nerven Zusammenbruch bringt, sinkt er dann haltlos, mit weitausblickenden
Augen, in sich zusammen, sagt nicht ein Wort mehr. Nur einmal flüsterte
er, als ich ihn beim Abschiednehmen an sein junges Leben mahnte: »Jung?
Wie kann der jung sein, der bereits alles, aber alles gelebt hat? Dem
nichts mehr Überraschung sein darf? Ich bin ein Greis ...«
Der andere, Leonhard Kauffmann, hat die gleichen zwei Jahre, im Westen,
vielviele Schlachten mitgekämpft. Und es deucht ihm immer noch ein
unglaubbar schöner Wahn, daß er jenen tausend Höllen unversehrt
entkommen ist. Einmal, ganz zu Anfang, in einer Wintersturmnacht in
Flandern, auf Marsch zu neuen Gefechten, war er in Erschlaffung gegen einen
Baum gesunken. Trotz Starre und Windesheulen hatte bleischwerer Schlaf
ihn in schillernde Traumeshöhen gehoben. Als er im fahlen Morgengegrau
aufschreckte, frostschütternd und mit feuchtsteifen Gliedmaßen, hatte ein
seltsames Klappern ihn aufsehen gemacht. Und unaufhörlich schreiend, wie
unter einer mittelalterlichen Folter, war er lang auf den erfrorenen Boden
zurückgefallen, unfähig, zu fliehen. Denn über ihm, im schwarzkahlen
Gezweig des Baumes, schlug der Wind die Glieder eines Gehenkten wie dürre,
düstere Glockenschwengel hin und her, her und hin ...
Eine Nervenerschütterung war der Ertrag jenes verhängnisvollen Schlafens
und Aufwachens gewesen. Sie hatten ihn bald als genesen entlassen. Er aber
wußte es: nie würde ein neues Geschehen dieses eine ganz auszulöschen
vermögen, nie seinen Nerven volle Wiederherstellung geben. Er hatte
später in grausen Stunden Schreckhafteres gesehen: Zerfetzungen, Hinbluten
junger Leiber, gelle Todesrufe. Aber immer war jener gehenkte Spion, mit
dem der Wind auf platter, naßkalter Ebene, im farblosen Wintertagwerden
sein wunderliches Spiel trieb, ihm die größte Ungeheuerlichkeit und
Verzerrung geblieben, die der Krieg ihm gezeigt.
Nun riß er, heimgekehrt, in rasender Gier in alles Blühen des Lebens,
und erwüchse es auf fauligem Sumpfe. Nur diese letzten zwei Jahre
des belohnten Mordens und Vernichtens mit Lust und Freuden des Daseins
zudecken, so hoch wie möglich. Sein schmächtiger Körper, von
zweijährigem Kriegsleben gedörrt, widersetzte sich häufig dem Zuviel,
der Regellosigkeit und Gehetztheit, die von ihm gefordert wurden. Leonhard
mißachtete solche Warnung der Natur. Und die drei wiedergeeinten Genossen
zogen weiter auf dem unschönen Wege, der vierjährigem Kriege und einer
von denkfaulen Massen mißverstandenen Revolution nachfolgte.
Und dennoch fand es mich unvorbereitet, daß Ludwig von solchen Wegen in
moorige Gründe geriet, daß er mir vor drei Tagen seine Abirrung gestand,
gestehen mußte, weil der Schuldschein, den der Unmündige mit seinem Namen
gezeichnet hatte, mir am kommenden Morgen vorgelegt werden sollte. Zum
ersten Male seit jenen Novembertagen, an denen Ludwig und Henno meinen
geistigen Einfluß als Mutter abgelehnt hatten, stand ich meinem
Erstgeborenen in langer Auseinandersetzung gegenüber. Gewiß, er
mißverkenne die peinlichen Folgen nicht, die meiner auf kleinem Grunde
aufgebauten Wirtschaft durch seine etwas erhöhten Ausgaben erwachsen
könnten. Aber sie seien nicht unüberwindbar. Auf artige Reue, fromme
Buße oder Hergabe seiner Jugendrechte werde ich -- das hoffe er --
doch keineswegs gerechnet haben. Ich rief sein klares Denken, sein
Rechtsbewußtsein an. Ich verleugnete meine Art so weit, ihm meine
Rückstellung eigener Wünsche anzudeuten, ihnen, den Söhnen zuliebe.
»Elternpflicht«, lautete die Erwiderung, prompt und in geschäftskühlem
Ton. »Auch wenn sie die Künstlerin in ihrer Kunst behemmt?« »Selbst
dann!« »Auch wenn die Ausübung dieser Kunst zum Erhalt der Kinder
beitragen muß?« »Auch dann ... sie kann ja von heute zu morgen reichere
Früchte tragen ...«
Erschütterung vor solcher Eigensucht machte mich verstummen. Ich sagte ihm
Zahlung zu und eilte, rechtzeitig vor Bankschluß zur Stadt zu kommen. Der
Tag hing grau und regensatt über braunem Land und der tristen Stadt im
Norden. Weichlich, wie nasse Lappen, klebte die Luft sich um Gesicht und
Haar. Glitschige Steine behinderten rasches Gehen und schufen Müde und
Schwere. Ich wollte Bekannten und jedem Wortwechsel ausweichen und suchte
meinen Weg durch wenigbegangene Straßen. Meine Gedanken beschwerten
mich wie der niedere Winterhimmel die steinernen, eigenartbaren
Großstadtzeilen, die ich durchwanderte. Eine Gruppe Kinder mit hohlen
Backen streckte mir hagere Hände begehrlich zu. Ich gab den Bittenden
kleine Münze. Sie starrten mich an, als fragten ihre Mienen: »Aus
welchen glückseligen Landstrichen verirrst du dich zu uns?« Dann kam
es gleichzeitig -- _ein_ Schrei -- von ihren blutleeren Lippen:
»Brotkarte! ...« Ich trug keine bei mir und fühlte Scham, ihnen nein
sagen zu müssen. Da fragte ich nach der Kleinsten Wohnung. Ich wollte sie
ihr im Briefumschlag senden. Vor einem Kellerladen staute sich ein langer
Zug von armseligen Frauen, dürftigen Halbwüchsigen und Greisen in
schäbiger Kleidung. Sie hielten Schüsseln und Eimer in Händen. Langsam
nur schob dieser Menschenkeil sich zur Öffnung der Kellertür hinab. »Was
es da gäbe?« wollte ich wissen. Der Erste, die Zweite schielten mich
mißtrauend an und kehrten stumm den Kopf ab. Ich ahnte ihre Furcht vor
Verkürzung des eigenen Bedarfs und wies auf meine leeren Hände, während
die ihren Gefäße trugen. Da kam es ängstlich, stockend, nicht ganz des
Argwohns befreit: »Kohlenabfall und Torfgrus ...« Vor einer Hökerei
derselbe Zug der Entbehrung. »Heute Kartoffeln«, las ich in schlechter
Schrift und falscher Rechtschreibung ...
Dann endlich hielt ich den Betrag in Händen, welchen Ludwig auf seinen
Freudenwegen vertan hatte. Papierscheine in nennenswerter Höhe nach meinen
Begriffen. Und plötzlich, in seltsamer Gedankenverkettung, kam mir die
Verachtung der Proletarierkinder beim Anblick des Geldes zu Sinn. Kein
Weiser konnte seine Wertlosigkeit offensichtlicher bekunden, als diese
im Kriege Herangewachsenen es getan hatten. Brotkarte, Kohlenschlacke,
Kartoffeln, wärmende Hülle, das war dem halbverhungerten, entblößten
Volke Besitz. Bedrucktes Papier flog ihnen selbst in nie gewohnter Höhe
zu, seit sie Todeswerkzeuge im Massenbetrieb angefertigt hatten, seit
Arbeitslosigkeit mit Richtergehältern entschädigt wurde. Mußte die
Jugend von heute nicht mit anderen Maßstäben, anderer Moral werten als
die von gestern? Eine Jugend, die täglich um eines Stückes Brot willen,
um ein Ei, eine Flasche Milch, um ein paar Schuhe die triumphierende
Übertretung von Gesetzen geschehen sah, die mit hohen Strafen bedroht war?
Jahre hindurch. Die gemeinsam mit denen, die ihnen Sittenlehrer waren, auf
verbotene Heranschaffung des stofflichen Bedarfs schlich, wie ein Tier auf
listiger Fährte? Eine Jugend, die Grausamkeiten, blinden Haß feiern und
dekorieren sah und den Atem des Bösen überall in sich sog? ...
Ich übergab Ludwig die Scheine noch am gleichen Nachmittag und verdoppelte
sein Taschengeld, damit Ähnliches sich nicht wiederhole. Er gab seinen
Dank durch ein anerkennendes Kopfnicken kund.